Berliner Luft

  • So, dann wolln wa mal wieder...


    In Berlin fand der internationale Kongress der Autobahnpolizeien statt. Vierzehn Länder hatten ihre ausgewählten Teams in die deutsche Hauptstadt gesandt, um von den unterschiedlichen und speziellen Praktiken der Verbrechensbekämpfung in ihren Ländern zu berichten. So konnten beispielsweise die Franzosen den verfolgenden Wagen dadurch in kürzester zeit zum Stehen bringen, dass sie ihn mit vier Wagen einkreisten, ausbremsten und auf einen Rastplatz drängten. Die Kanadier, die berühmte Royal Canadian Mounted Police, kurz Mounties, konnten dagegen ins kürzester Zeit eine fast undurchdringliche Straßensperre aufbauen und dabei den Gejagten mit vielen Wagen weiter bedrängen, bis er umzingelt war. Die Italiener waren mit ihrem Lamborghini auf der Autobahn bei den Temposündern gefürchtet und hatten bisher noch jeden geschnappt.


    Für Deutschland gingen unsere beiden Kriminalspezialisten Semir und Ben an den Start. Auch sie berichteten vom Ausbremsen, vom in-die-Reifen-schießen und von den manchmal tragisch verlaufenden Verfolgungsjagden. Die internationalen Kollegen mussten lachen, als die Belastung des Arbeitsmaterials, also der Dienstwagen, zur Sprache kam. Trotzt dieser kleinen, amüsierenden Beilage war der Vortrag doch recht aufschlussreich für die Kollegen aus den verschiedenen Nationen.


    Während des freien Tages, der zwischen den Programmpunkten lag, streiften Ben und Semir durch die Straßen Berlins. „Ha, endlich bin ich mal wieder hier.“, meinte Semir und atmete tief die Luft dieser Stadt ein. Ben biss derweil mit gleichgültigem Blick von seinem Apfel ab, den er sich vom Frühstück mitgenommen hatte. „Als ob diese Stadt so toll wäre.“, meinte er nur. Semir sah ihn leicht verwirrt an. „Was hast du gegen Berlin?“, fragte er seinen jungen Partner. „Ist mir etwas zu hektisch hier. Nein, nein, da ziehe ich das ruhige Leben auf unserer Autobahn vor.“, meinte er nur und biss erneut vom Apfel ab. Semir musste lachen. „Ruhiges Leben nennst du das?“, fragte er spöttisch. „Na komm, wir wollen weiter durch die Stadt. Ein bisschen Großstadtluft schnuppern.“, meinte Semir und zog seinen jungen Kollegen weiter durch die Straßen dieser großartigen, pulsierenden Stadt.


    Am Abend zogen Semir und Ben durch die verschiedenen Szene-Kneipen Berlins und genossen es sichtlich die weite Entfernung von Daheim. Mit etwas torkelnden Schritten fuhren sie zu ihrem Hotel zurück. „Ben, das war nicht fair von dir.“, lallte Semir etwas laut durch die S-Bahn. Es war spät und im rot-gelben Zug waren nicht mehr viel Fahrgäste. Die meisten ignorierten das Verhalten der Beiden ganz einfach. „Was denn? Hab dem doch nur gezeigt, wie man richtig Dart spielt.“, erwiderte Ben und hielt sich etwas umständlich, bei dem getrunkenen auch kein Wunder, an der Haltestange fest. „Ja, aber du hättest ihm nicht das ganze Geld abziehen sollen.“, meinte Semir lachend und klopfte Ben auf die Schultern.


    Nach einer halben Stunde waren beide in ihrem Hotel und von der frischen Nachtluft, sie mussten vom Bahnhof noch etwa zehn Minuten laufen, wieder einigermaßen nüchtern. Semir war hundemüde und wollte gleich in sein Zimmer gehen. „Wie? Du willst schon ins Bett?“, fragte Ben und wollte darauf aufmerksam machen, dass sie erst um Mittag bei den anderen Mitgliedern sein sollten. „Ja, ich bin hundemüde.“, erwiderte der Deutschtürke und schloss mit der Chipkarte seine Zimmertür auf. „Ich dachte, wir ziehen noch um die Häuser und hauen mit dem Geld hier mal so richtig auf den Putz?“, fragte Ben und wedelte mit den vier Hundert-Euro-Noten vor Semirs Gesicht herum. Dieser lächelte nur, nahm das Geld und steckte sie in die Brusttasche von Bens Jacke. „Mach dir ne schöne Zeit. Wir sehen uns dann morgen.“, meinte Semir und gähnte wie ein Löwe. „Wie du willst.“, erwiderte Ben, wendete und ging wieder in Richtung Treppe. So verschwand Ben in das Berliner Nachtleben, während sich Semir seinen Pyjama anzog und sich ins Bett legte.


    ...

  • okay, für diejenigen, die nicht bis morgen warten können ;)


    Ben hatte wirklich noch eine Runde durch die umliegenden Kneipen gemacht und war nun auf dem Rückweg zu seinem Hotel. Etwas schwankend ging er den Bürgersteig entlang und summte vor sich hin. Er ging an einem dunklen Seitenweg vorbei, der in den nahe gelegenen und dunklen Park führte und hörte dumpfe Stimmen, die sich laut unterhielten. Ben, etwas neugierig, blieb stehen und lauschte ein wenig. „Okay, hier haben sie das Geld. Sorgen sie dafür, dass es in zwei Tagen erledigt ist.“, meinte eine ziemlich hohe, zittrige Stimme. „Aber,“, fügte sie hinzu, „es muss aussehen, als wäre es ein Unfall gewesen.“ „Keine Sorge, das mache ich schon.“, erwiderte dann die andere Stimme, die sehr tief, aber irgendwie ruhig und beruhigend klang.


    Ben schien bei diesen Worten schlagartig nüchtern zu sein. Langsam und so unauffällig es nur ging, schlich er sich rückwärts aus dem kleinen Seitenweg. Doch sein Glück war nicht von Dauer. Er stieß dabei an einen klappernden, locker hängenden Mülleimer. Sofort zogen sich alle Nervenbahnen zusammen und er sah in Richtung der beiden Menschen, die nun ebenso erschrocken in Bens Richtung sahen. Ben stand wie verwurzelt da und sah einen der Beiden auf sich zukommen. Langsam wich der Kommissar zurück, doch wieder sollte er kein Glück haben. Sein vom Alkohol noch wackliger Fuß trat auf eine Glasflasche und rutschte weg, Ben zog es die Füße weg und er landete unsanft mit dem Kopf auf der Kante der Parkmauer. Ben wurde schwarz vor Augen und sackte nun völlig weg. Die Frau und der Mann sahen auf den leblosen Körper runter. „Ist er tot?“, fragte sie etwas verängstigt. Der Mann beugte sich herunter und fasste an Bens Halsschlagader. „Nein, er hat mehr Glück als Verstand.“, meinte der Mann und begutachtete Bens Hinterkopf. „Scheint nur eine große Beule zu geben. Wenn wir Glück haben, hat er sein Gedächtnis verloren.“, entgegnete der Mann und stand dann wieder auf. Dann funkelten seine Augen. Ihm spross eine Idee hervor. „Mir kommt da eine Idee. Wieso liefere ich der Polizei nicht gleich den Mörder mit?“, fragte er vor sich her und zog Ben über seine Schulter. Wo war Ben da nur wieder hineingeraten?


    Am nächsten Morgen wachte Semir mit einem brummenden Dampfhammer im Kopf auf. Er musste sich erst einmal auf die Bettkante setzen, um nicht gleich wieder rücklings ins Bett zurückzufallen, wenn er sich gleich erhoben hätte. „Oh man, so was mache ich bestimmt nicht so schnell wieder.“, meinte er murrend und fasste sich an den Kopf. „Dabei hab ich doch nur zwei Bier getrunken, dann der eine Whiskey, einen kleinen Wodka und den Kurzen. Vielleicht hätte ich doch die ganze Currywurst essen sollen.“, dachte Semir nach und spürte den Pelz auf seiner Zunge.


    Langsam ging er ins Badezimmer und setzte seine elektrische Zahnbürste gegen den ekelhaften Geschmack ein. „Ob Ben schon wach ist?“, fragte er sich in Gedanken und lauschte kurz an der nicht allzu dicken Wand, auf deren anderer Seite Bens Badezimmer lag. Doch es war noch nichts zu hören. „Der wird sicherlich noch schlafen.“, dachte Semir grinsend und führte die elektrische Zahnreinigungsmaschine von links nach rechts und wieder zurück.
    Nach seiner Morgentoilette wollte sich Semir zum Frühstücksbüfett aufmachen und klopfte an Bens Zimmertür. „Ben? Hey, Ben aufwachen.“, rief Semir durch die Tür und klopfte einige Male. Doch entweder schlief sein Kollege noch oder er war gar nicht ins Hotel zurückgekommen. Es kam keine Antwort aus dem Zimmer. „Hm, sehr merkwürdig.“, dachte Semir und fasste an den Türknauf an. Vorsichtig öffnete er die nicht abgeschlossene Tür und warf einen verstohlenen Blick ins Zimmer. „Ben? Hallo Ben?“, fragte er vorsichtig und leise. Sein Blick erfüllte sich mit Sorgenfalten, als er das ungemachte Bett sah.


    „Wo ist der denn?“, fragte er sich und ging in Richtung Rezeption. „Entschuldigen Sie, aber war Herr Ben Jäger heute schon in seinem Zimmer?“, fragte er den in einem grauen Anzug steckenden Mann mit der spitzen Nase. Mit einem kritischen Blick musterte er den kleinen Mann vor ihm. Dann sah er auf das Klemmbrett mit den an Schlüsselbändern hängenden Chipkarten. „Nein, Herr Jäger hat seine Karte heute noch nicht benutzt.“, erwiderte der Mann und sah Semir über seine runden Brillengläser an. „Danke.“, sagte Semir und runzelte denkend die Stirn. Zwar hatte sich Berlin seit seinem letzten längeren Aufenthalt in dieser Stadt verändert, doch Ben war doch noch nie in dieser Stadt gewesen und wenn er gestern wirklich noch um die Häuser gezogen war, dann konnte es gut möglich sein, dass er irgendwo seinen Rausch ausschlief. Oder aber er war überfallen worden, schließlich hatte er eine Menge Geld bei sich. Semir hatte beschlossen, sich auf die Suche nach Ben zu machen. Bis zum Programmbeginn hatte er noch gut drei Stunden Zeit.

  • Langsam kam Ben wieder zu sich. Benommen und verwirrt nahm er seine Umgebung war. Sein Schädel brummte. „Wie viel hab ich denn getrunken?“, fragte sich Ben und fasste sich an den Hinterkopf. „Au verflucht.“, stieß er plötzlich aus. Er hatte eine gewaltige Beule am Hinterkopf. Dann sah er, wo er war. In einem Penthouse, hoch über Berlins Mitte. Ein schöner Blick bot sich ihm auf den Potsdamer Platz, doch er hatte keine Zeit die Idylle zu genießen. Als sein Blick weiter durch die Wohnung wanderte fiel sein Blick auf die große Blutlache neben der ledernen Couch. Geschockt näherte er sich und wagte einen Blick hinter die Couch. Dort lag der Mann, mit dem er am Vorabend noch Dart gespielt und der an Ben vierhundert Euro verloren hatte. Erst jetzt fiel Ben das blutige Messer in seiner Hand auf. Sein scharfer Verstand kombinierte sofort, dass ihn jemand in eine Falle gelockt und jetzt als Sündenbock präsentieren wollte. Hastig ließ Ben das Messer fallen und wollte gerade durch die Tür verschwinden, als jemand dagegen hämmerte. „Polizei, machen sie bitte auf.“, rief eine kräftige Stimme von draußen. Ben bremste schlagartig seinen Gang und der Schweiß stieg ihm auf die Stirn. Wie ein Fuchs, der die Bluthunde witterte, suchte er nach einem Fluchtweg, doch scheinbar gab es hier keinen.


    Im gleichen Moment brach die Tür und Ben hörte die schweren Schritte der Polizisten. Blitzartig rettete er sich auf den Balkon und versteckte sich kurzerhand. „Paul, hier liegt einer.“, hörte Ben die Stimme eines jungen Kollegen. „Warte Henry, nichts anfassen. Ich ruf die Kollegen vom LKA.“, meinte Paul und griff nach seinem Funkgerät. Ben war in der Falle. Würde ihm nicht schnell etwas einfallen, dann ... Es wäre nur eine Frage der Zeit, bis sie ihn hier auf dem Balkon finden. Da fiel sein Blick auf einen Kleinlaster, der direkt unter dem Balkon geparkt war. „Es ist ein Versuch wert.“, dachte Ben und schätzte die Höhe ab. „Hey, stehen bleiben.“, hörte er schon die düstere Stimme des älteren Polizisten hinter sich. Ben sah sich nur einmal um. Der Jüngere sprintete schon auf ihn zu. Dem Autobahnkommissar blieb keine Zeit mehr. Mit einem Satz schwang er sich über die Brüstung und rollte sich auf dem Dach des Kleintransporters ab. „Zentrale, hier Alpha 9, der Mörder ist gerade zum Fenster raus. Er flüchtet Richtung U-Bahnhof Potsdamer Platz. Brauchen dringend Verstärkung.“, meldete Paul der Zentrale und hastete mit seinem Kollegen Henry die Treppen runter und hinter Ben her.


    Der rannte die Stufen des U-Bahnhofes runter und betete, dass gerade ein Zug da stand. Hinter ihm hörte er schon die hastigen Schritte der beiden Polizisten. Bens Schritte waren noch etwas unkoordiniert vom Restalkohol, doch er durfte diesen städtischen Kollegen nicht in die Hände fallen. Auf dem Bahnhof war schon ein reges Gedränge. Es war Hauptberufszeit und somit hielten sich viele Pendler und Touristen auf dem Bahnsteig auf. Ben hatte die Hälfte der Länge schon hinter sich gelassen, als endlich ein Zug einfuhr. Schnell drängte sich Ben in den vordersten Wagen und in eine der Ecken, um von draußen nicht gesehen zu werden. „Verdammt, wo ist er?“, fragte Henry seine Kollegen, die auch vom anderen Ende des Bahnhofs angerannt kamen. Sie sahen sich fragend um. Doch ehe sie auf die Idee kamen, dass ihr gesuchter Mann im Zug sein konnte, schlossen sich die Türen und die gelbe Bahn fuhr an.


    Ben atmete erleichtert auf, als die Lichter des Bahnhofes erloschen und der Zug ratternd durch den schwarzen Tunnel glitt. „Wo ist mein Handy?“, fragte er sich und kramte seine Taschen durch. Endlich fand er es und wählte Semirs Nummer. „Ja Ben? Mensch, wo steckst du denn? Ich such dich schon den ganzen Vormittag.“, begann Semir zu tadeln. „In Schwierigkeiten, mal wieder.“, erwiderte der junge Kommissar außer Hast. „Was ist passiert? Hast du einen Polizisten zum Dart spielen herausgefordert?“, fragte Semir und war wieder bissig. „Nee, nicht ganz. Semir, wo können wir uns treffen? Ich muss dir etwas sagen.“, meinte Ben und klang mehr als besorgt in Semirs Ohren. „Okay, wir treffen uns am Pergamonmuseum.“, erwiderte Semir besorgt und machte sich sofort auf den Weg dorthin. Ebenso auch Ben. Da er noch Blut von der Tatwaffe an den Fingern hatte, vergrub er seine Hände in den Taschen.


    Schnell war er an der Fontäne vor dem alten Pergamonmuseum, dessen Türen man erst über eine Treppenbrücke erreichte, die über die Spree gespannt war. Erschöpft ließ sich der Kommissar niedersinken und wartete auf seinen Kollegen. Während er wartete ließ er die Ereignisse von gestern Revue passieren und versuchte sich zu erinnern. Er sah sich selbst, wie er nach dem letzten Glas im schummrigen Morgengrauen, es muss so gegen vier, halb fünf gewesen sein, aus der Kneipe kam und den Weg zum Hotel hinunterlief. Dann hörte er in einem Seitengang Stimmen und dann sah er sich fallen. Es wurde alles schwarz um ihn. Das Nächste, an was er sich erinnerte, war die Wohnung von vorhin. Dann erblickte er Semir in der Ferne, der aufgeregt auf ihn zulief.


    ...

  • „Sag mal Partner, was ist passiert?“, wollte der Deutschtürke wissen und schlug seine Stirn in sorgenvolle Falten. Ben streckte ihm nur seine blutverschmierten Finger entgegen. Semir erschrak für einen kurzen Augenblick, setzte sich dann neben Ben und hörte, was sein Partner ihm erklärte.


    Zur gleichen Zeit ging beim Berliner LKA ein Anruf ein. Im Dezernat „Delikte an Menschen“ saßen Hauptkommissar Tom Borkmann und Oberkommissar André Kramer vor ihren Akten, die sie für den zurückliegenden Fall noch zu bearbeiten hatten. „Ach André, mir geht dieser Papierkram so was auf die Nerven.“, meinte Tom und streckte sein verbogenes Rückgrat. „Wir brauchen unbedingt eine Sekretärin.“, fügte er hinzu. André, vor kurzem erst von Leipzig nach Berlin versetzt, grinste nur und schrieb weiter. Dann klingelte das Telefon. „LKA Mordkommission, Kramer.“, meldete sich André mit leicht sächsischem Dialekt. Der junge Kommissar aus Sachsen war etwa 1,80 Meter groß, hatte goldblondes Haar, allerdings einen leichten, dunklen Bart rund um den Mund, der sich mit einem leichten Drei-Tage-Bart im unteren Halsbereich verband. „Okay, sind schon auf dem Weg.“, meinte er nur und legte dann wieder auf. Tom sah mit zusammengekniffenen Augenbrauen zu seinem Partner rüber. „Wir haben einen Mord. Der Mörder ist um Haaresbreite aus der Wohnung des Opfers entwischt.“, erklärte der Oberkommissar und schlug die Akte zu. „Scheint, als müsste das hier warten. Ist ja auch Schade drum.“, feixte Tom und schob die Akte lächelnd beiseite. Beide Kommissare stiegen in ihren schwarzen BMW und fuhren zum Tatort.


    Ben hatte inzwischen Semir von seinem Blackout erzählt. „Semir, ich schwöre, ich habe den Mann nicht umgebracht.“ „Hey, ich glaub dir, Partner. Aber die Berliner Kollegen werden da anders denken.“, meinte Semir besorgt und mit klarem Verstand. Er wusste noch genau, wie er einmal in solch einer Lage war. Damals hatten Tom und Andrea ihn aus der Patsche geholfen. Jetzt war Ben in eine Falle geraten und vor der Polizei auf der Flucht. Doch, wo sollte Ben hin? Semir war nur ab und zu mal in der Hauptstadt gewesen und hatte nicht wirklich Freundschaften hier aufbauen können. Wo sollte sich Ben verstecken? Eins war klar, derjenige, der Ben in diese missliche Lage gebracht hatte, würde vielleicht versuchen, ihn auszuschalten. Der Kongress war Semir jetzt vollkommen egal. Hier ging es jetzt darum, seinen Freund und Partner zu helfen.


    „Und wenn wir nun auf eigene Faust ermitteln?“, schlug Ben vor und war fest entschlossen, den Fallensteller zu finden. „Wie sollen wir das machen? Ben, das ist nicht unser Rheinland. Hier herrschen andere Gesetze.“ „Ach ja, die Gesetze des Großstadtdschungels.“, meinte er spitzfindig und rann sich ein Lächeln ab. Doch Semir wusste, wie seinem Partner jetzt zumute war. „Verdammt Semir, ich will wissen, wer mir da diesen perfiden Streich gespielt hat.“, fauchte Ben wütend und durcheinander zugleich. Er sah Semir abwartend an, doch sein Partner schwieg, sagte einige Minuten nichts sondern dachte nach. „Na komm, fahren wir erstmal ins Hotel zurück. Dann sehen wir weiter.“, schlug Semir vor und Ben nickte nur ergeben. Er fühlte sich so hundeelend, dass er einfach nur schlafen wollte. Aber ob er überhaupt Schlaf finden konnte, nach dieser Nacht? Während der Rückfahrt sah Ben immer wieder zu Semir. Er war froh, dass er ihn als Partner und Freund hatte. Dann sah er wieder vor sich her und versuchte krampfhaft sich genauer an die Ereignisse der letzten Nacht zu erinnern. Doch der Restalkohol in seinem Blut ließ das noch nicht zu.


    ...

  • Währenddessen waren André und Tom am Tatort angekommen. „Morgen Sarah.“, meinte der Hauptkommissar und begrüßte die Pathologin, die nun endlich mit seinem ehemaligen Chef, Andreas Wolff, zusammengezogen ist. „Morgen Tom, André.“, erwiderte die Pathologin den Gruß und stand gerade aus der Hocke auf. „Und, wie sieht’s aus?“, fragte der Oberkommissar und streifte sich seine weißen Handschuhe über. „Drei Messerstiche habe ich bei dem Mann feststellen können.“, erklärte Sarah und streifte sich ihre Handschuhe ab. Tom nahm die Leiche genauer in Augenschein, obwohl er dies nicht gerne machte, aber so hatte er es von seinem Vorgänger gelernt. „Welcher war tödlich?“, fragte Tom und sah zu Sarah hoch. „Ein Einstich hat die Herzgefäße getroffen. Er war sofort tot. Alles weitere ...“ „...nach der Obduktion.“, entgegnete Tom und stand auf.


    André hatte sich indes mit den Kollegen unterhalten, die als erstes am Tatort eintrafen. Dann kam er wieder zu seinem Chef zurück. „Und was sagen die Streifenhörnchen?“, wollte Tom leise wissen und blickte ein wenig verächtlich zu seinen Kollegen hinüber. „Die Kollegen trafen hier als erstes ein. Ein anonymer Anruf hatte einen Schrei aus dieser Wohnung gehört und den Notruf gewählt.“ „Anonymer Anruf?“, fragte Tom mit fragendem Gesicht. „Ja, dann haben die Kollegen geklingelt, doch es machte niemand auf und so traten sie die Tür ein. Sie fanden den Mann hier und sahen noch, wie einer vom Balkon auf einen Kleinlaster sprang und flüchtete.“, erklärte André und zeigte Richtung Balkon. Tom und sein Kollege gingen rauf und sahen runter.


    „Wo haben sie ihn verloren?“, fragte der Hauptkommissar. „Am U-Bahnhof.“, erwiderte der Oberkommissar. „Na, ist ja auch die beste Fluchtmöglichkeit.“, dachte Tom laut und schlug einige Male aufs Geländer. Nachdenklich sah er dann wieder in die Wohnung. „André, was meinst du, ist hier passiert?“, wollte er von seinem jüngeren Kollegen wissen. „Dem ersten Anschein nach, hatte das Opfer eine hitzige Unterredung mit dem Unbekannten. Ich schätze mal, es wird um Geld oder irgendwas gegangen sein. Es kam zur Eskalation und der Unbekannte stach zu.“, meinte André, während sie in die Küche gingen. Tom sah sich den Messerblock an und eine Unstimmigkeit erregte seine Aufmerksamkeit. „Sieh dir mal den Messerblock an.“, forderte er von seinem Kollegen und sah dann wie die Leiche abtransportiert wurde. „Von den Messern fehlt keines.“, staunte André. „Das heißt, der Täter hat die Tatwaffe mitgebracht. Ein eiskalt geplanter Mord.“, meinte Tom. Beide fuhren dann ins Revier zurück und fingen mit der üblichen Recherche an.


    Währenddessen waren Semir und Ben wieder im Hotel angelangt. Semir wich von diesem Augenblick nicht mehr von Bens Seite. Ihm war klar, dass der ominöse Fallensteller sich früher oder später Ben vorknöpfen würde. Ben war hundemüde. Ohne lange zu überlegen, legte er sich in sein Bett. „Semir, wir müssen die Frau finden, die ich im Park gesehen habe. Nur sie kann uns weiterhelfen.“, meinte Ben etwas schläfrig. „Machen wir, aber erstmal schlaf dich aus.“, erwiderte Semir und legte fürsorglich die Bettdecke auf Bens Brust. Zwei Minuten später war ein schweres Atmen zu hören. Semir blieb noch einige Augenblicke, dann ging er. Ben würde mindestens acht bis zehn Stunden durchschlafen. Semir brauchte bloß dafür sorgen, dass keine unerwarteten Störungen eintrafen, vor allem nicht die Polizei. Wer weiß, wie Ben die U-Haft wahrnehmen würde. Semir wusste, was einem im Gefängnis erwartete. Diese Erfahrung wünschte er keinem anderen Unschuldigen und er wusste innerlich, dass Ben unschuldig war. Seine Geschichte klang zwar fantastisch, aber dennoch glaubhaft.


    Ben hatte ihm, trotzt seiner Kopfverletzung eine gute Beschreibung der Frau abliefern können. Sie war ungefähr so groß wie Ben, hatte schulterlange Haare und war so um die Mitte vierzig. Bevor er vom Sturz gegen die Parkbank völlig wegtrat, glaubte Ben einen ziemlich kleinen, aber auffälligen Stick am Revers der Frau zu erkennen. Doch er konnte nicht mehr sagen, was es war. Wie sollte Semir seinem Partner mit diesen notdürftigen Informationen helfen? Noch dazu in einer Drei-Millionen-Stadt wie Berlin und ohne jegliche helfende Möglichkeit seitens der Kollegen. Vom Mann hatte Ben so gut wie nichts gesehen. Nur, als die Parklampe einen Schein auf die Hand fallen ließ, dachte er ein Tattoo darauf zu erkennen. Doch auch hier konnte er sich nicht so genau an die Form erinnern. „Hoffentlich weiß der Junge mehr, wenn er einigermaßen ausgeschlafen ist.“, dachte Semir bei sich.


    ...

  • Währenddessen war eine gewisse Frau Charlotte Herrmann auf ihrer Arbeit angelangt. Mit hastigen Schritten ging sie durch die Gänge des Berliner Rathauses. Sie war Mitarbeiterin des Bauausschusses dieser Stadt und unterstand formal der Senatorin für Stadtentwicklung. Hastig erreichte sie ihren Arbeitsplatz, ließ die schwere, mit Akten gefüllte Tasche auf ihren Tisch fallen und sich in den Stuhl. Nervös erschrak sie, als es an der Tür klopfte und ihre Sekretärin eintrat.


    „Frau Herrmann, draußen stehen zwei Beamte des LKAs, die sie sprechen wollen.“, meinte die Sekretärin. „Ich habe dafür jetzt keine Zeit.“, erwiderte die Frau genervt und nahm eine ihrer Beruhigungstabletten zur Nervenstärkung. „Das habe ich den Beiden auch schon gesagt, aber...“ „Wir halten sie auch nicht lange auf.“, meinte Tom, schob die Sekretärin beiseite und betrat mit seinem Partner das Büro. Die Sekretärin zog sich auf einen Wink ihrer Chefin zurück. „Was kann ich für sie tun, meine Herren?“, fragte sie leicht nervös und räumte umständlich ihre Aktentasche vom Tisch, was den Kommissaren nicht verborgen blieb. „Frau Herrmann, wir müssen ihnen leider mitteilen, dass ihr Mann heute morgen tot aufgefunden wurde.“, erklärte Tom mit bedrücktem Gesicht. Ihm war dieser Teil der Polizeiarbeit immer noch zuwider. Die Frau sackte sofort auf ihren Stuhl zurück. „Was sagen sie da?“, fragte sie entsetzt.


    „Es tut uns Leid, aber wir müssen ihnen einige Fragen stellen.“, meinte André dann mit entschuldigendem Blick. Auch er machte diese Routinearbeit, die dennoch entscheidend für die Lösung des Falles war, nicht gerne, wenn man gerade in einem Zug die Todesnachricht überbracht hatte. „Darf ich erst einmal wissen, wo sie meinen Mann gefunden haben?“, fragte die entsetzte Witwe. „In seiner Wohnung am Potsdamer Platz.“, erwiderte Tom und sah, dass sich ihr Gesichtsausdruck von Trauer in Wut gewandelt hatte. „Was? Aber das ist nicht seine Wohnung. Wir haben eine Wohnung am Spree-Eck.“ „Die Wohnung ist auf ihn gemeldet.“, entgegnete André und sah die blond gelockte, mit energisch blauen Augen schauende Frau abwartend an. „Dieses Dreckschwein. Dieses miese, fette Dreckschwein.“, stieß sie plötzlich aus und ließ damit große Fragezeichen über den Köpfen der Kommissare aufsteigen.


    Derweil machte Semir einen Spaziergang der besonderen Art. Er ging den Weg noch mal ab, den Ben gestern bei seiner allein unternommenen Kneipentour gegangen war. Auch er kam an dem dunklen Seitenweg zum Park vorbei, blieb stehen und ging langsam hinein. An einer der Parkbänke bemerkte er kleine Reste von Blut und einigen Hautabschürfungen. „Da muss Ben gegengeknallt sein.“, dachte er bei sich. Auch die Lampe fiel dem Hauptkommissar in den Blick, doch wirklich Spuren gab es da keine. So machte er sich wieder auf den Rückweg ins Hotel.


    Doch plötzlich blieb er abrupt stehen. An der Rezeption standen zwei Streifenpolizisten, die dem Mann mit der spitzen Nase ein Bild zeigten. „Oh Gott, Ben.“, dachte Semir nur und hastete Richtung Fahrstuhl. Aus der Kabine sah er noch, wie der Mann die Beamten in den vierten Stock schickte. Da aber die Türen des Fahrstuhles noch nicht geschlossen waren, kamen beide Polizisten nun auf Semir zu. Dieser drückte hastig den Türschließknopf. Endlich schloss sich die Tür und der Fahrstuhl setzte sich langsam in Bewegung. Aufatmend. Holte er sein Handy hervor und wählte Bens Nummer. Nach einigen Tuten hörte er ein verschlafenes „Ja?“ „Ben, zieh dich an. Die Polizei ist im Haus. Wir müssen schnell weg von hier.“, schrie Semir schon fast durch den Hörer. „Was? Aber wie konnten die wissen, dass ich hier bin?“, fragte er entsetzt seinen Partner. „Anscheinend haben sie ein Phantombild von dir anfertigen lassen. Die Kollegen hier sind etwas schneller, als unsere Techniker.“, erwiderte Semir. „Beeil dich, ich denke mal, sie werden über die Treppe kommen.“, fügte er hinzu.


    ...

  • „Stehen blieben, Polizei.“, rief der Ältere der beiden den Flüchtenden hinterher. Doch Semir und Ben rannten die Gänge runter, huschten wie Schumi um die Kurven und versuchten, die Verfolger irgendwie und möglichst schnell loszuwerden. Doch so leicht ließen sich die Berliner Kollegen nicht abschütteln. Sie kamen näher und näher. Doch auch Ben und Semir gaben so leicht nicht auf. Ein Servierwagen kam Ben wie gerufen. Er schob im Vorbeirennen das Ding den Kollegen zwischen die Beine, sodass die einen Sprung zur Seite machen mussten. Das half aber nicht viel. Der Jüngere der Beiden sprintete vor und bekam Ben fast an seiner Jacke zu packen, bevor er sich jedoch lang legte, da er um an die Jacke zu kommen einen Hechtsprung machen musste.


    „Tja, war wohl nichts.“, meinte Ben lachend und rannte weiter. Semir bog in das Treppenhaus ein, Ben kam hinterher. „Nur schnell nach unten. Raus aus dem Hotel.“, dachten sie. „Alpha 9 an Zentrale, haben vermeintlichen Mörder mit Komplizen gestellt. Verfolgen sie aufs Dach des Hotels Spreeblick. Erbitten dringendst Unterstützung.“, rief Henry in sein Funkgerät, nachdem er sich wieder aufgerappelt hatte. „Zentrale hat verstanden, Alpha 4 und Alpha 7 sind gleich bei euch.“, dröhnte es aus dem Gerät. Ben und Semir rannten wirklich aufs Dach. Dies schien ein tiefer Urtrieb der menschlichen Spezies zu sein, immer auf den höchsten Punkt zu flüchten. Den Schritten nach zu urteilen, wurden ihre Verfolger langsamer, doch das konnte auch trüben. So erreichten Ben und Semir mit hastigen Schritten und pochender Lunge das Dach des Hotels. Zugig wehte ihnen die Berliner Luft ins Gesicht und ihre Ohren vernahmen das Nahen mehrerer Polizeiwagen. „Scheiße Semir, und was nun?“, fragte Ben seinen Partner und sah sich um.


    „Was meinen sie, Frau Herrmann?“, fragte André und sah betreten zu der Frau auf. „Diese Wohnung hat mein Mann für seine Geliebte gemietet.“ „Ihr Mann hatte eine Affäre?“, fragte Tom nur noch mal bestätigend. „Ja, mit seiner kleinen Bankassistentin. Das ging schon seit drei Monaten so, deswegen habe ich auch die Scheidung eingereicht.“, meinte die Frau herablassend. „Frau Herrmann, wo waren sie heute morgen so zwischen zehn und halb zwölf?“, fragte Tom mit lässig dienstlichem Gesicht und handelte sich gleich einen erbosten und erschrockenen Blick der Frau Senatsmitarbeiterin ein. „Wieso?“, erwiderte sie mit einer Gegen-Frage. „Ne, nicht wieso, wo?“, entgegnete Tom. André musste innerlich lachen. Er kannte seinen neuen Chef und Partner erst seit einigen Monaten, aber dennoch wunderte er sich, wie wandelbar dieser Mann doch war. Er konnte sich völlig beherrschen, wenn er es wollte. Meistens aber ließ er seinen Launen in den Verhören und Gesprächen freien Lauf. „In meiner Wohnung.“, erwiderte sie dann. „Warum fragen sie?“, wollte sie dann wissen, aber als sie in die Gesichter der Kommissare sah, wusste sie warum. „Sie glauben doch nicht, dass ich meinen Mann ermordet habe?“ „Wir glauben gar nichts, Frau Herrmann.“, meinte André. „Aber es wäre immerhin möglich.“ Dann klingelte das Handy des Oberkommissars. „Entschuldigen sie.“, meinte er und zog sich in eine Ecke zurück. „Wie waren denn ihre Vermögensverhältnisse im Falle einer Scheidung geregelt?“, wollte Tom Borkmann wissen. „Ich hätte nur einen Pflichtteil ausgezahlt bekommen. Mein Mann hat das Geld mit in die Ehe gebracht.“ „Somit profitieren sie doch von seinem Tod.“, spekulierte der Hauptkommissar. Lag er damit richtig?


    „Tom, eine Streife hat den Verdächtigen von heute morgen aufgespürt.“, flüsterte André seinem Partner ins Ohr. „Sie sind im Hotel Spree-Eck. Die Kollegen haben sie bis aufs Dach gejagt.“, fügte er leise hinzu. „Frau Herrmann, wir müssen leider weg, aber halten sie sich bitte zu unserer Verfügung.“, bat Tom in strengem Ton und verließ das Büro. Er und André eilten zu ihrem Wagen, schnallten das Blaulicht aufs Dach und fuhren zum Hotel, wo Ben und Semir nach einem Ausweg suchten.


    Die beiden Autobahnpolizisten hielten sich auf dem Dach hinter der großen Lüftungsanlage versteckt und überlegten. „Verdammt Semir, wie kommen wir hier wieder runter?“, fragte Ben seinen erfahreneren Kollegen. „Vielleicht hätten wir doch nach unten laufen sollen.“, fügte er leise wutschnaubend hinzu. „Merkst du was?“, meinte Semir dann. „Nein was?“, fragte Ben verwirrt nach. „Die suchen uns gar nicht.“, entgegnete sein Partner. „Entweder haben die aufgegeben.“ „Unwahrscheinlich.“, murrte Ben. „Oder, sie warten auf Verstärkung.“ „Das ist eher der Fall.“, sagte Ben und stand vorsichtig auf. Langsam ging er zum Rand des Daches und sah nach unten.


    „Schau mal, unter uns fährt die S-Bahn.“, meinte Ben nachdenklich und sah seinen Kollegen vielsagend an. „Oh nein.“, meinte Semir abwehrend. „Was denn, wir brauchen doch bloß den richtigen Moment zu erwischen.“, entgegnete Ben. „Ja, und wenn wir daneben springen, wachen wir morgen ohne Beine auf oder sogar gar nicht mehr.“, malte Semir schwarz. „Nu stell dich nicht so jungferhaft an.“, erwiderte Ben. Gerade als Semir etwas entgegnen wollte, knallte die Tür zum Dach auf und ein halbes Dutzend Polizeibeamte stürmten das Dach. Allen voran Hauptkommissar Tom Borkmann und Oberkommissar André Kramer. „Sucht das ganze Dach ab. Sie können nicht weit sein.“, rief der Hauptkommissar den Beamten zu.


    ...

  • „Na schön Ben, versuchen wir’s.“, meinte Semir und ging dicht an die Kante. „Da sind sie.“, hörten sie die Stimme eines Polizisten und sofort rannte die Meute den Beiden entgegen. „Da kommt eine.“, meinte Ben und zeigte auf einen der rot-gelben Züge, die einige Meter unter ihnen vorbei rauschten. „Auf drei. EINS-ZWEI-DREI.“, zählte Semir und beide sprangen vom Dach ab, bevor die Berliner Beamten da waren. Erstaunt sahen diese, wie Ben und Semir mit ihren Schultern auf dem Dach der Bahn auftrafen. Doch Semir rutschte seitlich runter. „BEN!“, rief er noch, doch schon hatte ihn die Hand seines Partners mit festem Griff gepackt. „Halt dich fest.“ „Was glaubst du, was ich mache.“, erwiderte Semir hastig und blickte durch die Scheibe in ein erschrockenes Gesicht einer älteren Dame. Er zuckte nur grinsend mit den Schultern. Er konnte nur hoffen, dass bis zur nächsten Station kein Gegenzug kam.


    „Verdammt. Sie sind uns wieder entwischt.“, fluchte Tom und sah der Bahn wütend hinterher. Mit gleichem Blick sah er zu den sechs uniformierten Kollegen. „Ihr steht da, wie angewurzelte Gartenzwerge. Worauf wartet ihr? Auf’ne Extra-Einladung?“, fauchte der Hauptkommissar und scheuchte die Meute hinterher. Dann griff er zu seinem Handy. „Borkmann LKA, ich brauche sofort eine Großfahndung nach zwei flüchtigen Personen.“, gab er bekannt. „Der erste ist etwa um die 1,80 groß, braune Wuschelhaare, Drei-Tage-Bart, dunkle Winterjacke, helle Jeans. Der zweite zwischen 1,65 und 1,70 groß, gegelte braune Haare, kurzen, gestutzten Schnauzer und einen getrimmten Kinnbart, schwarze Lederjacke und dunkle Jeans.“, beschrieb er Ben und Semir. Dann fügte er noch den Satz „Vorsicht, die beiden sind äußerst gerissen und gefährlich“ hinzu, bevor er sich an André wandte. „Zimmerdurchsuchung?“, fragte dieser nur, als er die Blicke seines Chefs sah. Tom nickte wutentbrannt. Er konnte es einfach nicht ertragen, wenn ihm jemand so dicht vor der Nase noch durch die Lappen ging. Also machte er sich mit André zu den Zimmern der Beiden auf.


    Ben ließ sich langsam vom Dach auf den Bahnhof gleiten, als die S-Bahn zum Stehen kam. „Na sehr sauber sind die Dinger ja nicht.“, meinte er, als er an seinen dreckigen Pullover und seiner ebenfalls nicht mehr sauberen Jacke hinuntersah. „Macht man die Dinger eigentlich auch mal sauber?“, fragte er bissig. „Sicher, doch nur nicht auf dem Dach.“, entgegnete Semir und sah sich nervös um. „Wir müssen schnell von hier weg. Die geben doch nicht eher Ruhe, bis sie uns haben.“ „Und dann Gute Nacht.“, fügte Ben hinzu. „Komm, lass uns erstmal vom Bahnhof verschwinden.“, meinte Semir und ging mit seinem Kollegen Richtung Ausgang. Als die Beiden am Kiosk in der kleinen Vorhalle des Bahnhofs vorbeikamen, stutzte Ben, als er ein ihm scheinbar bekanntes Gesicht in eine der Zeitungen sah.


    ...



    ein paar Feeds würden mir ein wenig weiterhelfen ;)

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  • „Was ist? Was hast du?“, fragte Semir, als er den nachdenklichen und festgefahrenen Blick seines Partners sah. „Die Frau.“, meinte Ben und deutete auf die Zeitung in dem Zeitungsständer. „Ich kenne diese Frau irgendwo her.“ Sofort zückte Ben seine Brieftasche, nahm die Zeitung und bezahlte sie. Sofort schlug er die Seite mit dem Artikel auf. „Semir, das ist die Frau, die ich im Park unter der Laterne gesehen habe.“, meinte er strahlend. „Lass mal sehen.“, forderte Semir und blickte über Bens Arm hinweg in die Zeitung. Eine Frau, Mitte vierzig mit schulterlangem und braunen Haar blickte ziemlich finster aus dem Artikel heraus. Kein Wunder, es ging um etwaige Absprachen bei einem für die Stadt wichtigen Bauprojekt zwischen der zuständigen Senatsabteilung, den Finanziers und einem großen Bauunternehmen bei der Vergab des Auftrages. „Das ist sie, Semir, da bin ich mir hundertprozentig sicher.“, wiederholte Ben und wollte vor Freude gleich Luftsprünge machen, doch Semir hielt ihn zurück. „Vielleicht wäre es besser, wenn wir hier erstmal verschwinden und irgendwo untertauchen würden.“, meinte er, als er die nahenden Polizeisirenen hörte. Sofort machten sie sich klammheimlich aus dem Staub. Gerade rechtzeitig, denn zwei Minuten später bremste ein Streifenwagen mit quietschenden Reifen vor dem Bahnhof und die Polizisten rannten durch die Halle. Semir und Ben hatten sich hinter eine Litfasssäule gestellt und warteten kurz.


    „Das ideale Fluchtfahrzeug.“, meinte Semir und ging langsam auf den Streifenwagen zu, warf einen verstohlenen Blick hinein und riss dann die Tür auf. „Na komm oder willst du hier Wurzeln schlagen?“, fragt er mit frech grinsendem Gesicht seinen Partner. „Komme schon.“, rief Ben, schwang sich über das Geländer und auf den Beifahrersitz. „Nu, worauf wartest du?“, meinte Ben gelassen und lächelte Semir abwartend an. „Dass du die Tür zumachst.“, erwiderte dieser ganz trocken. Nachdem dies geschehen war, fuhr Semir ab und konnte im Rückspiegel die völlig überraschten Gesichter der beiden Polizisten sehen, die schrieen und vor Wut tobten. „So, und wohin nun?“, fragte Semir. „Du kennst dich doch in dieser Stadt aus. Sag du es mir.“, erwiderte Ben herausfordernd. Der Deutschtürke überlegte kurz. „Ich glaube, ich weiß das perfekte Versteck für uns.“, meinte Semir und lenkte den Wagen Richtung Westhafen, dem Großhafen Berlins.


    Inzwischen durchsuchten Tom und André die Zimmer der beiden Autobahncops. Tom, immer noch über die gelungene Flucht der Beiden sehr verärgert, durchwühlte Bens Koffer. Darin fand er die auf Bens Namen ausgestellte Zugkarte. „Sieh mal an, Herr Ben Jäger.“, murmelte Tom leicht triumphierend vor sich her. „So heißt du also.“, dachte er noch und suchte weiter. Dann kam André ins Zimmer und hielt in seiner mit einem weißen Latexhandschuh bespannten Hand den Dienstausweis von Semir. „Tom, ich hab da was interessantes gefunden.“, meinte er nur und hielt seinem Chef den Dienstausweis hin. Dieser nahm ihn sofort aus der Hand seines Kollegen, hielt ihn etwas weiter weg und las. „Semir Gerkhan, Hauptkommissar, Autobahnpolizei. Was macht ein Polizist aus dem Rheinland hier in Berlin? Und dazu noch mit einem Verdächtigen in einem Mordfall, dem er zur Flucht verhilft?“, fragte Tom vor sich her. „Scheint, als ob sie Kollegen sind.“, beantwortete der junge Sachse die Fragen seines Chefs.


    „Wie kommst du jetzt darauf?“, wollte Tom wissen, doch André hielt ihm nur das etwas witzige Foto der Beiden von der Weihnachtsfeier auf dem Revier hoch. Ben und Semir, Arm in Arm beim Weihnachts-Limbotanzen. „Na das ist ja interessant.“, meinte Tom und grübelte dann vor sich hin. „Weißt du, was mir an dem Mord nicht gefällt?“, fragte er seinen Kollegen und sah ihn abwartend an. „Ne, was denn?“, erwiderte André und sah neugierig in das spitzfindige Gesicht von Tom. „Dass es zu wenig Spuren am Tatort gab. Ich meine, so, wie uns die Frau ihren Mann beschrieben hat, müssten da doch wenigstens noch Spuren einer dritten Person sein, oder?“ „Ach, du meinst, dass die Beiden hier vielleicht gar nichts mit dem Tod von Herrmann zu tun haben?“, mutmaßte der junge Kollege. „Möglich wäre es, aber solange sie uns das nicht selbst sagen, müssen wir davon ausgehen, dass sie was damit zu tun haben.“, meinte Tom und legte dann den Dienstausweis in eine Plastikfolie.


    Derweil hatten die beiden Flüchtigen sich des Polizeiwagens entledigt und versteckten sich in einer der leeren Lagerhallen am Westhafen, doch diese Lagerhalle sollte noch so manche Überraschung für die Beiden bieten. Semir hatte den Polizei hinter einer Reihe von Containern abgestellt, weit genug weg von ihrem Versteck, so hoffte er. „Was wollen wir hier?“, fragte Ben mürrisch und sah sich um. „Hier bleiben wir vorerst. Keiner wird auf die Idee kommen, uns hier zu suchen.“, erwiderte Semir und schaute sich in der Halle um. Sein kriminalistischer Instinkt ließ ihn das schon von ganz alleine machen. „Sag mal, sollten wir dieser Frau nicht einen Besuch abstatten und ihr unser Beileid über den Tod ihres Mannes aussprechen?“, meinte Ben herausfordernd. „Das sollten wir sofort tun.“, erwiderte Semir und schon waren die Beiden wieder unterwegs. Schließlich galt es immer noch Bens Unschuld zu beweisen.


    ...

  • Mit den Öffentlichen kamen sie schnell zum Berliner Rathaus, doch mussten sie unterwegs einige Male unterbrechen, da eine Polizeistreife ihren Weg kreuzte. Geschickt konnten sich die Beiden immer hinter irgendwelchen Ecken oder in Hauseingängen verstecken oder gingen im Menschengewühl unter. Dann sahen sie, wie die Frau mit ihrer Aktentasche das Rathaus verließ. Sofort gingen beide auf die Frau zu. „Hast du deinen Ausweis bei?“, fragte Ben und beobachtete Semir dabei, wie er in seinen ganzen Taschen nach seinem Ausweis suchte. „Ich glaube, den hab ich im Hotel gelassen.“, meinte Semir entschuldigend und sah zu Ben auf. „Wie gut, dass wenigstens einer seine Habseligkeiten bei sich trägt.“, meinte er frotzelnd und zog den Dienstausweis aus der Tasche.



    „Frau Herrmann, dürften wir sie kurz mal stören?“, fragte Ben vorsichtig. Die Frau sah von ihrem Handy hoch und war wie erstarrt, als sie in Bens Gesicht sah. Sie konnte es nicht verbergen. „Sie? Aber...“, dann stockte sie. „Ha, sie haben mich wiedererkannt.“, meinte Ben erfreut. Dann spielte sie wieder die Unschuldige, jedenfalls versuchte sie es. „Woher sollte ich sie wohl kennen? Ich dachte, sie kommen mir bekannt vor, aber dem ist nicht so.“, log sie nicht besonders gut. Semir konnte ihre Nervosität regelrecht riechen. „Jäger, Kriminalpolizei.“, stellte sich Ben mit triumphierenden Lächeln vor. „Der Kleine hinter ihnen ist mein Kollege.“, meinte er und deutete auf Semir, der sich schräg hinter der Frau aufgebaut hatte. „Was wollen sie von mir?“, fragte sie sichtlich nervös. „Ihr Mann ist tot und ich habe sie gestern im Park mit einem Mann über ein zu erledigendes Geschäft reden hören, das wie ein Unfall aussehen sollte.“, erklärte Ben und verschränkte seine Arme zufrieden hinter seinem Rücken. Er war sich sicher, dass die Frau gleich zusammenbrechen würde. „Wahrscheinlich war der andere Herr ein gekaufter Killer. So etwas bekommt man ja bei ihrer Vermögensklasse fast umsonst.“, mutmaßte er und da er nur sein Gesehenes als Beweis hatte, musste er der Frau ein Geständnis entlocken. „Was erlauben sie sich?“, fauchte die Frau empört. „Hören sie, die Polizei denkt, ich wäre der Mörder ihres Mannes.“, erwiderte Ben in derselben Lautstärke. „Ich will den wahren Mörder finden.“ Die Frau überlegte kurz, doch plötzlich läutete ihr Handy. „Entschuldigen sie.“, meinte sie nur und drehte sich weg.


    Ben und Semir steckten ihre Köpfe zusammen. „Was hältst du von ihr?“, fragte Ben seinen Kollegen und Freund. „Sie verheimlicht uns etwas, soviel ist klar.“, erwiderte Semir und sah kurz zu ihr hinüber. Wild destingulierend sprach sie in ihr Telefon. „Es ist etwas an dieser Frau, was mir nicht gefällt.“, meinte Semir dann und musterte die Witwe mit seinem dienstlichen Blick. Dann kam Frau Herrmann wieder zurück. „Entschuldigen sie, aber ich muss dringend weg.“, meinte sie und verschwand dann Richtung Bahnhof Alexanderplatz. Die beiden Kommissare sahen ihr nachdenklich nach. „Was meinst du, sollen wir ihr folgen?“, fragte Semir. „Besser wäre es, wenn wir weiterkommen wollen.“, meinte Ben. Sofort folgten die Beiden der nervösen Frau in gebührendem Abstand



    ...

  • Die Frau ging im Schnellschritt mit ihren Stöckelschuhen über den Asphalt direkt auf einen Taxistand zu. Sie rief dem Taxifahrer beim Einsteigen ihren Zielort zu. Ben und Semir sprangen in ein anderes Taxi. „Folgen sie ihrem Kollegen da vorne.“, meinte Ben und hielt dem fragenden Gesicht der Fahrerin einen Fünfziger hin. „Na jut, Jungchen, aber sie übernehmen de Verantwortung.“, meinte sie im besten Berliner Dialekt und startete ihren Wagen. Beide Taxis fuhren durch den dichten Berliner Stadtverkehr. Beide Kommissare ließen das vor ihnen befindliche Taxi nicht aus den Augen. Kreuz und quer fuhr das Auto durch die Berliner Stadt. Dann hielt es an einem der vielen Eingänge zum Tiergarten, dem größten zentral gelegenen Stadtpark Berlins. „Soll ick etwas weiter weg parken?“, fragte die Fahrerin von Ben und Semir. Beide schauten sich nur an. „Sie haben das wohl schon öfters gemacht?“, fragte Semir. „Wenn du wüsstest, Süßer.“, erwiderte sie grinsend durch den Rückspiegel. Ben bezahlte den Fahrpreis und wollte schon aussteigen. „Und wat is mit der Prämije?“, fragte die Fahrerin und hielt die Hand hin. „Ach ja.“, meinte Ben und legte den Fünfziger in die ausgestreckte Hand.


    Langsam und mit bedachten Schritten folgten die Kommissare der Frau, die tief in den Park ging. Die Dämmerung brach an und die Laternen zündeten flackernd. Unter einer dieser Laternen stand eine Bank, auf der ein älterer, grauhaariger, dennoch durchtrainierter Mann saß und seelenruhig seine Zeitung las. Die Autobahncops stellten sich hinter einen Baum, konnten da aber nichts verstehen. „Wir müssen dichter ran.“, meinte Ben und wollte schon sein Versteck aufgeben, als Semir ihn zurückhielt. „Warte doch mal.“, flüsterte er. Hinter der Parkbank war ein undurchsichtiges Gestrüpp. Langsam und mit geduckten Rücken nahmen die Beiden dahinter Deckung und konnten so einiges von dem Gespräch verstehen. Sie sahen wie Frau Herrmann sich neben den Mann setzte und aus ihrer Tasche ein dickes, braunes Briefcouvert nahm. „Hier, die zweite Hälfte für die prompte Erledigung meines Problems.“, meinte zufrieden. Der Mann legte seine Zeitung beiseite und sah in den Umschlag. „Wo ist der Zuschlag, den ich verlangt habe? Hier sind nur 80.000 drin. Es fehlen noch 40.000 Euro.“, meinte der Mann angefressen und sah Frau Herrmann wütend an. „Sie wollen was?“, fauchte sie etwas laut. „Das Geld sollten sie bekommen, wenn die Polizei den Mörder meines Mannes gefasst hat. Er ist aber noch auf freiem Fuß und, was viel schlimmer ist, er ist ein Polizist.“, meinte sie wütend. „Ein Bulle? Aber das ist doch ideal.“, meinte der Mann. „So? Warum soll das wohl ideal sein? Der Kerl war heute bei mir mit seinem Partner und hat mich prompt auf das gestrige Gespräch im Park angesprochen.“, erklärte sie lauthals.


    Semir und Ben hörten genau zu. Ben juckte es in den Fingern, sich auf den Mann zu stürzen und ihn festzunehmen, doch dann wäre die Frage, ob er singen würde. Semir konnte am Blick seines Partners erahnen, was er vorhatte und hielt ihn mit einem Schütteln seines Kopfes davon ab. „Ich will, dass sie mir die Beiden irgendwie vom Halse schaffen. Lassen sie die Leichen in der Spree verschwinden oder so.“, forderte die Frau und verursachte damit bei den beiden Zuhörern Schweißausbrüche auf der Stirn. „Tut mir Leid, aber von Polizisten lasse ich die Finger. Grundsatz meiner Firma.“, erwiderte der Mann. Ben atmete auf. „Na schön, dann werde ich zur Polizei gehen.“ „Da bin ich gespannt, was sie denen sagen wollen: Herr Hauptkommissar, verhaften sie diesen Mann. Ich habe ihn beauftragt, meinen Mann umzulegen.“, mimte der Mann die Stimme seiner „Klientin“ nach. Dann sah er sie scharf an. „Sie würden nicht lange genug leben, um solch einen Verrat zu begehen.“, meinte er mit fies lächelnder Visage. Dann entfernte er sich, ebenso wie die Frau.


    Ben und Semir kamen langsam aus ihrem Versteck. „Was meinst du, werden die Berliner Kollegen dazu sagen?“, fragte Ben und schaute Semir vielsagend an. „Wie? Hast du das etwa aufgenommen?“, fragte er und sah seinen Kollegen fragend an. „Sicher, so eine Gelegenheit lasse ich mir doch nicht entgehen.“, meinte er grinsend und hielt sein Handy hoch. Semir sah ihn vor Freude lachend an. Doch die Freude sollte nicht lange anhalten.


    „Das nehme’ ich dann mal.“, meinte der ältere Herr und riss Ben das Handy aus der Hand. Beide drehten sich um und sahen in den Lauf einer Pistole. Beide hoben langsam die Hände. „Ich hatte so ein Gefühl, als ob jemand zuhören würde.“, meinte er mit argwöhnischer Miene und beobachtete jede Bewegung der Beiden. „Scheinbar hat sie ihr Gefühl nicht getäuscht.“, meinte Semir vorsichtig. „Legen sie uns gleich um oder haben wir noch eine Gnadenfrist?“, fragte Ben herausfordernd. „Bei all den vielen Leuten hier? Nein, ich habe da etwas besseres. Sie beide werden von der Polizei gesucht und nun raten sie mal, wer dort hinten angelaufen kommt?“, meinte der Mann und zeigte in die Richtung, aus der Ben und Semir vorhin gekommen waren. Sie drehten sich um und sahen eine ganze Meute blau-uniformierter Berliner Polizisten auf sich zulaufen. „Scheint, als wenn wir verloren hätten.“, meinte Semir und sah, dass der Mann einen Moment unaufmerksam war.


    ...

  • Mit gekonnter Drehung schlug er ihm die Waffe aus der Hand und schlug ihm in den Magen. Ben riss ihm wieder das Handy aus der Hand und rannte los. Semir schubste den älteren Herren beiseite und flüchtete dann ebenfalls. Die Berliner Polizistenmeute sprintete hinter den Beiden her, während einer dem Mann wieder auf die Beine half und sich um ihn kümmerte. Da die Waffe im tiefen Gras gelandet war, wirkte er auf den Polizisten wie ein harmloser Bürger, der nur helfen wollte. Jedenfalls rannten die beiden Autobahncops kreuz und quer über die Wiesen des Tiergartens, dicht gefolgt von den Polizisten. Doch dieses Mal sollte sie ihr Glück verlassen. Ein drittes Mal würden sie den Berliner Kollegen nicht durch die Lappen gehen.


    Beide trennten sich, um eine bessere Chance zu haben. Ben rannte wieder auf den Weg zurück und sah sich nach den Polizisten um, die scheinbarer langsamer wurden. „Ha, nicht durchtrainiert was?“, rief er ihnen schon triumphierend zu, doch dann wurden seine Beine weggehebelt und er legte sich der Länge nach auf die Nase. In seinem jugendlichen Eifer hatte er einen dicken Ast auf dem Weg übersehen. Dieser wurde ihm zum Verhängnis. Mit der Nase voller Matsch zogen ihn die Polizisten hoch und drehten lachend seine Arme auf den Rücken. „Ja, Hochmut kommt vor dem Fall.“, meinte Henry nur lachend und ließ die Handschellen einrasten. „Na komm, Freundchen. Unser Chef wartet schon auf dich.“, meinte er dann und stieß Ben Richtung Streifenwagen. „Hoffentlich schafft es Semir zu entkommen.“, dachte er, als er in einen VW Kleinbus verladen wurde.


    Semir wurde förmlich gehetzt. Er lief einen wahren Parcours, um die Verfolger loszuwerden. Doch die schienen das gerne mitzumachen. Es war kein Abstand zwischen sich und seinen Verfolgern zu bringen. Die Chancen wurden noch geringer, als ein Hundeführer mit seinem Hund sich der Verfolgung anschloss. „Los, lass den Hund los.“, meinte Paul und zeigte auf den Flüchtenden. Sofort wurde der Schäferhund von der Leine gelassen und rauschte wie eine Rakete hinter Semir her, der natürlich das Hundegebell in den Ohren vernahm. „Was soll das? Bin doch kein Fuchs.“, dachte er sich und rannte weiter, doch seine Kondition ließ langsam aber sicher nach. Das Hundegebell kam bedrohlich näher. „Verdammt, hätte ich doch heute mein Müsli gegessen.“, dachte Semir bei sich und wich der nächsten Parkbank aus, der Hund drüber weg. Dann machte der Hund einen Satz in Semirs Rücken, der den Hauptkommissar schließlich zu Fall brachte. Keuchend drehte er sich auf den Bauch und schreckte sofort vor den gefletschten und blanken Zähnen des Polizeihundes zurück. „Okay, wenn du mich nicht frisst, kriegst du einen Hundekuchen.“, flehte Semir etwas spöttisch, doch der Hund hielt ihn am Boden fest, bis die Herren von der Polizei bei ihnen waren.


    Tom und André saßen in ihrem Büro und gingen nochmals die Vermögensunterlagen durch. Seitdem Tom vor zwei Monaten diese Entzündung im Auge hatte musste er eine Brille tragen, was für ihn immer noch sehr ungewohnt war. Noch immer musste er sich die Augen reiben und ab und zu die Brille wieder absetzen. „Hast dich wohl immer noch nicht dran gewöhnt?“, meinte André lächelnd. „Ich habe immer gesunde Augen gehabt. Klar ist es ungewohnt.“, erwiderte der Hauptkommissar und lachte kurz.


    Dann ging die Bürotür auf und der junge Streifenpolizist Henry kam rein, sah mit einem entschuldigenden Blick abwechselnd zu den beiden Schreibtischen. „Entschuldigen sie, Hauptkommissar Borkmann, aber wir haben die beiden Verdächtigen festnehmen können.“, meldete er und sah sofort, dass sich die angestrengte Miene des Mannes aufklärte und entspannte. „Na endlich.“, meinte André mit vorwurfsvoller Stimme, doch Tom gebot ihm mit einem Handzeichen Einhalt. „Bringen sie die Beiden doch gleich in den Verhörraum.“, entgegnete der Hauptkommissar mit triumphierendem Lachen und erhob sich von seinem Stuhl. „Komm, das wird jetzt ein schweres Stück Arbeit.“, meinte er zu seinem Partner und ging mit André in den fünften Verhörraum.


    ...

  • Ben und Semir saßen auf ihren Stühlen, wo sonst ihre Gegenspieler saßen. Ihre Hände waren auf den Rücken gefesselt. Wie Schwerverbrecher wurden sie behandelt. „Man, ich wusste gar nicht, wie unbequem diese Dinger sind.“, murrte Ben und zerrte an seinen Handschellen. „Ja, die Kollegen haben sie ziemlich eng geschnallt.“, entgegnete Semir, saß, im Gegensatz zu seinem Kollegen, ruhig auf seinem Stuhl. „Ziemlich muffig hier.“, meinte Semir und rümpfte die Nase. Dann ging die Tür auf und zwei Männer kamen in das spärlich beleuchtete Zimmer. „So, wir beginnen das Verhör im Falle Herrmann um 17:23 Uhr.“, diktierte Tom ins Mikrofon und sah dann zu den Beiden hinüber. „Anwesend sind Hauptkommissar Thomas Borkmann und Oberkommissar André Kramer, ebenso die als Verdächtige geltende Herren Semir Gerkhan und Ben Jäger.“, fügte er hinzu und setzte sich Semir gegenüber, der ihn abwartend musterte.


    „Herr Jäger, sie wurden von den Kollegen in der Wohnung des Toten angetroffen.“, meinte Tom und schlug die Akte auf. „Wie kamen sie in die Wohnung?“, wollte der Hauptkommissar wissen. „Ich weiß es nicht.“, erwiderte Ben. „Ich war gestern auf Kneipentour. Auf dem Weg zurück zum Hotel kam ich am Park vorbei.“, begann Ben zu erzählen. Tom und André hörten genau zu und machten sich ihre eigenen Gedanken dazu. „Das ist ja eine ganz schöne Geschichte.“, meinte Tom dann müde lächelnd. „Aber glauben sie, dass ihnen einer diese abstruse Story abkauft.“, fauchte er dann Ben an. Dieser fauchte zurück. „Mensch, warum sollte ich einen wildfremden Mann umbringen? Ich bin das erste Mal in dieser Scheiß-Stadt.“, schrie Ben zurück. „Ben, ruhig bleiben.“, beschwichtigte Semir seinen Partner. „Sie halten gefälligst die Klappe. Sie sind noch nicht dran.“, fuhr André den Deutschtürken an. „Ihre Fingerabdrücke befinden sich auf dem Messer. Wie wollen sie mir das erklären?“, fragte Tom dann.


    Bevor Ben etwas erwidern konnte, trat Sarah Herzog, die Pathologin ein. „Tom, ich bringe dir den Abschlussbericht.“, meinte sie und reichte dem Hauptkommissar den grünen Ordner. Dieser nahm ihn sofort an sich und blätterte darin rum. „Er ist mit Links erstochen worden.“, meinte die Pathologin. „Ha, und ich bin Rechtshänder.“, stieß Ben aus und lehnte sich genüsslich zurück. „Nun bin ich mal gespannt, was sie dazu sagen.“, meinte Ben. Tom musste schlucken und schwieg. „Danke Sarah.“ Der Hauptkommissar wandte sich wieder seinen beiden Verdächtigen zu. „Wenn sie es nicht waren, wer soll es ihrer Meinung nach sonst gewesen sein?“, fragte er seine beiden Kollegen aus dem Rheinland und ließ die Handschellen von André entfernen. Dankend rieben sich Semir und Ben die schmerzenden Handgelenke. „Ihre Kollegen haben ganze Arbeit geleistet.“, meinte Semir lobend. „Man tut, was man kann.“, entgegnete André und setzte sich ans Kopfende des Tisches. „Also, wer sollte ihrer Meinung nach, ein Interesse am Tod von Herrmann haben?“, fragte Tom erneut.


    Ben zog das Handy aus der Tasche, suchte die Aufnahme aus dem Park und stellte dann das Handy auf volle Lautstärke. Alle vier Kommissare hörten aufmerksam dem Gespräch von Frau Herrmann und dem ominösen Mann zu. Nachdem dies vorbei war, steckten die vier Kommissare die Köpfe zusammen und dachten nach. „Alles schön und gut.“, fing André an. „Aber sie wissen genauso gut, dass ein aufgenommenes Tonstück vor Gericht als Beweismittel unzulässig ist.“, fügte er hinzu. „Aber es reicht, um die Betreffenden unter Druck zu setzen.“, meinte Ben mit nachdenklich-fies lächelndem Gesicht. „Wie meinen sie das?“, fragte Tom interessiert. „Wir werden Frau Herrmann das hier vorspielen. Ich bin gespannt, wie sie reagiert.“, meinte Ben. Alle waren damit einverstanden und sie verließen den Verhörsaal Richtung Büro.


    ...

  • Nun wurde der Schlachtplan für den nächsten Tag entworfen. Auch gab man Ben und Semir ihre Ausweise zurück. Tom und André konfrontierten ihre beiden rheinischen Kollegen mit den Unstimmigkeiten, die es in diesem Mordfall nun einmal gab. „Frau Herrmann erbt also alles.“, meinte Ben nachdenklich. „Und sie wäre im Falle einer Scheidung leer ausgegangen.“, fügte Semir ebenso nachdenklich hinzu. „Habt ihr schon die Geliebte des Toten befragt?“, wollte Semir dann wissen. „Bisher konnten wir sie nicht erreichen.“, entgegnete Tom und rieb sich seine Augen. Dann klingelte das Telefon. „LKA, Mordkommission, Borkmann.“, meldete sich der Berliner Kollege routiniert. „Lasst alles so stehen und liegen. Wir kommen sofort.“, meinte er mit zusammengezogenen Augenbrauen und legte wieder auf. Tief ausatmend sah er in die drei fragenden Gesichter vor sich.


    „Sieht so aus, als könnten wir die Dame nicht mehr befragen.“, meinte er dann. „Ist sie etwa?“, fragte Ben und bekam ein bestätigendes Nicken als Antwort. „Wer? Doch nicht etwa Frau Herrmann?“, wollte André wissen. Tom schüttelte den Kopf. „Die Geliebte von Herrn Herrmann.“, entgegnete er, wandte sich dann an Semir und Ben. „Da es auch euer Fall ist, kommt ihr mit.“, meinte Tom dann und stand auf. „Ost-West-Austausch hab ich ja noch nie gemacht.“, feigste Ben und fing sich dafür einen bösen Blick von André ein. „André, du fährst mit Ben und Semir, sie fahren bei mir mit.“, wies der Hauptkommissar an und alle vier verließen dann das Büro.


    Einige Minuten später waren die vier nun zusammenarbeitenden Kommissare in der Schillerstraße, einer etwas gehobeneren Gegend im Berliner Stadtteil Wedding, angelangt und sahen schon den Trubel auf dem Bürgersteig. Hinter dem rot-weißen Absperrband drängelten sich die Schaulustigen derart, dass die vier Kommissare massive Schwierigkeiten hatten, durchzukommen.


    Endlich standen sie neben der in einer Blutlache liegenden jungen Frau. Pathologin Sarah Herzog kniete schon daneben und untersuchte den toten Körper. Der gebrochene Schädel, das viele Blut und der starre Blick der Leiche schienen für Ben und Semir doch etwas zuviel des Guten zu sein, beide wandten ihre Blicke ab. „Wie könnt ihr das jeden Tag ertragen?“, fragte Ben den gleichaltrigen Kollegen Kramer. „Gewöhnen tut man sich nie daran.“, erwiderte er mit leicht gewürgter Stimme. Auch ihm schien der Anblick an die Nieren zu gehen. „Man muss sich einfach ein anderes, schöneres Bild in den Kopf rufen. So unterdrückt man wenigstens den Brechreiz.“, fügte er leise hinzu.


    Tom wandte sich indes an die Pathologin. „Na Sarah, hättest dir auch einen schöneren Abend vorstellen können?“, begrüßte er seine Kollegin. „Allerdings, ich musste Wolff erst mal vertrösten. Er wartet nämlich mit dem Abendessen auf mich, wenn du verstehst.“, flüsterte sie leicht lächelnd. Natürlich verstand Tom dies und freute sich, dass sein ehemaliger Chef sein Ruhestand doch lockerer nahm, als Tom anfangs dachte. „Schädelbasisbruch?“, fragte Tom mit mutigem Blick auf die zertrümmerte Leiche. „Du sagst es.“, bestätigte Sarah. „Sie ist anscheinend von ihrem Balkon gestoßen worden. Ich habe Hautreste unter ihren Fingernägeln sichergestellt. Ansonsten alles andere dann morgen früh.“, meinte sie, stand auf und verschwand, blieb dann aber noch mal stehen. „Sag mal, waren das nicht deine Verdächtigen von vorhin?“ „Ja, nun sind es meine Hilfs-Sheriffs geworden.“, entgegnete er. „Weiß Oberstaatsanwalt Berger davon?“, fragte sie scheinheilig. „Oh, den habe ich doch glatt vergessen.“, meinte Tom mit spitzfindigem Lächeln. „Hoffen wir mal, dass er hier nicht auftaucht.“, entgegnete sie und wünschte einen guten Abend.


    Tom ging dann zu seinen drei Kollegen. „Lasst uns mal nach oben gehen. Hier können wir vorerst nichts mehr tun.“, meinte er dann. Dann bat er André die verschiedenen Zeugenaussagen aufzunehmen. Grummelnd griff der Oberkommissar zu seinem Notizblock und machte sich an die Arbeit. Ben beobachtete dies mit einem leicht fiesen Grinsen, bevor ihn Semir dann doch ins Haus zerrte.


    ...

  • Oben betraten die drei Beamte eine gut eingerichtete, niedliche Drei-Zimmer-Wohnung. Kirschholzfarbene Möbel schienen die Vorlieber der um die Mitte dreißigjährigen Frau zu sein, die nun mit zertrümmerten Schädel auf dem Bürgersteig lag. „Sarah sagte, sie sei hier runtergestoßen worden.“, meinte Tom, als er auf dem Balkon stand und auf die Leiche hinuntersah, die ziemlich weit vom Haus entfernt, ja fast auf der Straße lag. „Die Tür scheint aber keinerlei Einbruchsspuren aufzuweisen.“, dachte Semir dann laut, als er sich das Türschloss von außen angesehen hatte. „Entweder war der Täter schneller, als sie und hat den Überraschungsmoment ausgenutzt oder ...“ „Oder er hatte einen Zweitschlüssel zur Wohnung.“, beendete Ben den Satz und sah sich im Wohnzimmer ein wenig um. „Wir haben einige Schlüssel bei Herrmann gefunden, doch ich weiß jetzt nicht, ob einer zu dieser Wohnung passen würde.“, meinte Tom nachdenklich.


    In diesem Moment kam André ins Wohnzimmer. „Tom, eine Zeugin hat einen älteren Mann aus dem Haus kommen sehen, kurz nachdem Frau Alice Franke aufs Pflaster schlug.“, berichtete der sächselnde Oberkommissar. „Was? Wie sah er aus?“, wollte Ben wissen und auch Semirs Ohren waren auf Empfang. André beschrieb den Mann als schlank, durchtrainiert und mit grauen Haaren auf dem Kopf. Er soll eine schwarze Jacke und ein Barett getragen haben. „Die Zeugin meinte, er hätte einen netten Eindruck auf sie gemacht.“, beendete André seinen Bericht. „Wollte wohl etwas flirten, die Gute.“, dachte Tom laut.


    „Semir, das ist der Kerl aus dem Park. Die Beschreibung passt genau auf ihn.“, meinte Ben aufgeregt. „Das könnte er wirklich sein.“, bestätigte der Deutschtürke Bens Annahme. „Wie? Ihr habt den Kerl schon mal gesehen?“, fragte André ungläubig. „Er hat uns im Tiergarten die Polizei auf den Hals gehetzt.“, murrte Ben und wurde dabei scharf von Tom angesehen. „Was natürlich zu unserem Vorteil wurde.“, beschwichtigte Semir dann die Situation. „Okay, fahren wir ins Büro zurück und suchen die Datenbänke nach dem Herren ab. Wenn es ein Berufskiller ist, werden wir oder die Kollegen des BKAs ihn sicher in ihren Sammelbecken haben.“, meinte Tom und schaute auf seine Uhr. Es war schon halb acht. „Meine Frau bringt mich um.“, dachte er bei sich und sah schon seine Verena vor sich, wie mit einem alles vernichtenden Blick im Flur ihrer gemeinsamen Wohnung stand. „Das gibt wieder Ärger.“, dachte er nur mit den Augen rollend und startete den Motor.


    Wieder im Büro angekommen, machten sich die vier Kommissare an die Arbeit und durchforsteten die Datenbänke. Da es aber eine lange Nacht zu werden schien, machte André einen starken Kaffee für die ganze Belegschaft. Doch dann klingelte Toms Telefon. „Ja Borkmann?“, meldete er sich mit arbeitsamem Gesicht. „Oh, Hallo Schatz.“, meinte er dann etwas kleinlaut. „Ja, ich weiß, es ist spät, aber wir haben da einen kniffligen Fall.“, entschuldigte er sich. Ben, Semir und André hörten notgedrungen zu und schmunzelten in einer Tour. Tom warf einen bösen Blick in die Runde, doch das half nichts. Semir grinste um ein vielfaches mehr, als die anderen. Doch Ben schob dem ein Riegel vor.


    „Lach nicht so. Du musstest dich auch bei Andrea des öfteren entschuldigen.“, meinte er lachend. Semirs Lachen verstummte und er warf seinem Kollegen einen fiesen Blick zu. „Ich versuch so schnell wie möglich nach Hause zu kommen. Gib Luis und Marie einen Kuss von mir.“, verabschiedete er sich und legte auf. André trat an den Schreibtisch seines Chefs, der schwer durchatmete und sich wieder in die Arbeit stürzen wollte. „Tom, fahr doch nach Hause. Sieh mal, ich denke, die Kollegen und ich schaffen das schon. Es muss doch nicht sein, dass du auch noch hier bleibst und dann morgen wieder schlecht gelaunt ins Büro kommst.“, meinte André. Tom sah seinen jungen Kollegen fragend an. „Wann war ich denn das letzte Mal schlecht gelaunt?“, fragte er scheinheilig. „Jedes Mal, wenn du mit Verena Streit hattest. Dann musst du nämlich auf dem unbequemen Sofa schlafen, das in eurem Wohnzimmer steht.“, erwiderte André schmunzelnd. Ben lehnte sich zu Semir rüber. „Kommt dir das irgendwie bekannt vor?“, fragte er vielsagend. „Komm, so schlimm ist es bei uns nicht.“, meinte Semir mit boshaftem Blick. „Ach nicht?“, entgegnete Ben und zog seinen Kopf vor der symbolisch ausholenden Hand Semirs zurück.


    ...

  • Nachdem Tom gegangen war und die drei Kommissare sich eine Kleinigkeit vom Chinesen kommen ließen, ging die Arbeit weiter. Soviel stand fest, es würde eine lange Nacht für die zusammenarbeitenden Kommissare werden. Langsam wanderten die Uhrzeiger einmal rund um das Ziffernblatt. Ben und Semirs Augen wurden immer kleiner und kleiner, auch André nickte immer wieder weg. Dann aber ein Aufschrei, der einen Jubelschrei zu sein schien. „Ja, ich habe ihn.“, rief Semir erfreut und warf freudig seine Arme in die Luft. Sofort kamen Ben und André angelaufen. „Hier, das ist der Mann.“, meinte Semir und deutete auf den Bildschirm. „Peter Augustin.“, las André vor. „Keinerlei Auffälligkeiten. Steht jedoch in dringendem Tatverdacht mehrere Auftragsmorde begangen zu haben. Nur nachweisen konnte es ihm noch keiner.“ „Das ist jetzt anders.“, meinte Ben und verschränkte die Arme vor seinem Körper. „Stimmt, jetzt können wir ihn festnageln.“, meinte André und ließ die Datei sofort ausdrucken. Nachdem auch dies erledigt war, gönnten sich die Drei noch die letzten Reste des Chinesen-Futters bevor sie vor Müdigkeit und Erschöpfung dann doch auf den jeweiligen Arbeitsplätzen und mit den Köpfen auf den Akten einschliefen.


    Am nächsten Morgen kam Tom mit frischer, guter Laune ins Büro und hatte eine große Tüte Croissants und eine Stiege frischen Kaffee mitgebracht. Als er die Bürotür öffnete, sah er drei vor sich hin schnarchende Kommissare, die ihre Köpfe auf Kissen aus Akten betteten und seelenruhig schliefen. Lächelnd öffnete er die Tür noch ein wenig weiter und ließ sie dann laut und kräftig ins Schloss fallen. Vom hallenden Knall derart aus dem Schlaf geschreckt, sah Ben mit murrendem Gesicht zur Tür, auch Semir sah erschrocken auf. André, der seinen Kopf ins Genick hatte fallen lassen, fiel fast von seinem Stuhl. „Guten Morgen, meine Herren.“, meinte der Hauptkommissar mit lachender Miene. „Hier, ich habe euch etwas mitgebracht.“, fügte er hinzu und sofort stieg der frische Duft von gebrannten Kaffeebohnen aus der Tüte und durchzog das ganze Büro. „Oh, Frühstück.“, stieß Ben auf und eilte, wie unter Hypnose stehend zur Tüte, nahm einen kräftigen Zug vom herrlichen Duft und zog dann zwei Becher hervor.


    „Scheint so, als hättet ihr die ganze Nacht durchgearbeitet.“, lachte Tom, ging zu Semir und sah ihn abwartend an. Semir nahm den Kaffee seines Kollegen entgegen und wollte gerade trinken, als sein Berliner Kollege die Hand ausstreckte und einen Klebezettel, der sich scheinbar beim Schlafen an Semirs Gesicht geheftet hatte, vom Gesicht des rheinischen Kollegen abzog. „Oh Danke.“, entgegnete Semir leicht verwundert. „Gar nicht für.“, erwiderte Tom und bat André für die frischen und noch warmen Croissants einige Teller von der Sekretärin aus dem Raubdezernat zu holen. Während sein Assistent weg war, unterhielten sich Tom, Ben und Semir miteinander. „Konntet ihr unseren Mann identifizieren?“, fragte Tom und nahm einen zaghaften Schluck aus seinem to-go-Becher.


    „Wir haben seinen Namen und sein Gesicht.“, meinte Ben stolz und zeigte dem Berliner Hauptkommissar vom LKA die ausgedruckte Datei nebst Foto. Tom stockte und fixierte das Bild förmlich. „Den Typen kenn ich irgendwo her.“, meinte er dann und überlegte scharf. Fragend sahen sich die beiden Autobahncops an. „Ich war damals erst einige Monate hier bei der Mordkommission, als mein früherer Chef und ich uns mit einigen mysteriösen Morden befassten.“, fing er an zu erzählen. „Damals waren es vier oder fünf Morde, die allesamt vom selben Täter zu stammen schienen, doch die Opfer standen in keinerlei Beziehungen. Es war, als ob er sich seine Opfer wahllos aussuchte. Dann stießen wir nach einigen Ermittlungen auf diesen Mann hier.“ „Konntet ihr ihm etwas nachweisen?“, wollte Semir wissen, doch Tom schüttelte nur den Kopf.


    Plötzlich kam André aufgeregt und völlig außer Puste ins Büro gestürmt. Alle drei Kommissare sahen ihn verwundert an. „Der Oberstaatsanwalt ist auf dem Weg zu uns.“, keuchte er nur. Toms Augen weiteten sich. Dann sprang er von seinem Stuhl auf. „Schnell, ihr müsst ins andere Zimmer.“, meinte er und schritt schnell durch das Büro. „Warum?“, fragte Ben und erhielt einen unfreundlichen Blick seitens Tom. „Ihr geltet offiziell noch immer als Verdächtige und außerdem müsste ich erst ein Zusammenarbeitsgesuch einreichen, bevor ich euch Akteneinsicht gewähren dürfte.“, bellte Tom in einem unfreundlichen Ton. „Ich bekomme einen großen Stress und müsste euch dann einsperren lassen.“, fügte er dann mit besorgter Stimme hinzu. „Alles klar. Komm Ben, machen wir uns unsichtbar.“, entgegnete Semir und stürmte mit seinem jungen Partner zur Tür hinaus.


    ...

  • Keine Minute zu früh, denn schon stand ein großer, respekteinflößender Mann mit grauem Nadelstreifenanzug und einer orangenen Krawatte im Büro. Seine kurzgeschorenen Haare und die runden Brillengläser ließen so manchen Täter erzittern, doch auch den ihm unterstehenden Kommissaren flößten sie jedes Mal ein Quäntchen Furcht ein. „Herr Borkmann.“, fing er mit tiefrauer Stimme an. „Kann man denn nicht einmal drei Tage Urlaub machen ohne, dass sie der halben Berliner Gesellschaft auf die Füße treten?“, fragte der Jurist bissig. Tom sah ihn erstaunt an. „Wie? Ich weiß jetzt nicht, was sie meinen?“, fragte der Hauptkommissar scheinheilig. Ben und Semir beobachteten das Gespräch aus der sicheren Deckung heraus. „Sie haben Frau Herrmann in Verdacht ihren Mann ermordet zu haben.“, entgegnete der Oberstaatsanwalt mit lauter Stimme und ließ dabei seinen Blick durch das Büro schweifen. Ihm fielen die vier Kaffeebecher auf, die dicht beieinander standen. „Vier Kaffeebecher?“, fragte der Oberstaatsanwalt und sah seinen Beamten mit scharfem Blick an. „Ja, ich brauch immer morgens mehrere Kaffees um wach zu werden.“, log Tom mit leicht verschmitztem Lächeln. „Und da ist ihnen der Bürokaffee wohl zu fein? Starbucks-Kaffee also wirklich.“, tadelte der Jurist.


    „Herr Berger, ich habe Frau Herrmann lediglich zum Tod ihres Mannes befragt. Und wenn ich mir den Fortschritt des Falles so ansehe, muss ich einen konkreten Verdacht gegen die Frau aussprechen.“, meinte Tom dann mit dienstlichem Gesicht. Aufmerksamkeit erfüllte nun das Gesicht des Staatsanwaltes. „Erklären sie das.“, forderte er auf. „Frau Herrmann wäre bei einer Scheidung leer ausgegangen. Auch hätte eine Scheidung das Aus ihres Jobs bedeutet.“ „Was ist mit der Leiche von gestern Abend?“, wollte er dann wissen. „Dr. Herzog untersucht sie gerade. Mein Kollege holt gerade den Bericht.“, erwiderte Tom. „Gut, halten sie mich auf dem Laufenden.“, entgegnete der Oberstaatsanwalt und verschwand dann aus dem Büro.´


    Tom atmete erleichtert auf, als die Tür ins Schloss fiel. Langsam kamen Semir und Ben wieder aus ihrem Versteck hervor. „Okay, sobald André zurück ist, brechen wir auf.“, meinte er nur. Just in diesem Moment ging die Tür auf und der Oberkommissar kam herein. „Hier, ich bringe den abschließenden Bericht aus der Pathologie.“, meinte er und gab ihm seinen Chef. Der schlug ihn auf und las sich die Zeilen durch. Lächelnd huschte er über die Zeilen. „Wir haben ihn.“, meinte er dann zu seinen Kölner Kollegen. „Wie?“, fragte Semir. „Sarah hat die Hautreste unter den Fingernägeln von Frau Franke durch die Datenbank gejagt und dabei eine Blutprobe von Augustin gefunden. Beide DNA-Proben stimmen überein.“, entgegnete dann der Hauptkommissar.


    Frau Herrmann saß in ihrem Büro und las die morgendliche Zeitung, als es an ihrer Bürotür klopfte. „Herein.“, rief sie durch die Tür und sah vom Blatt auf. Mit erschrockenem Gesicht sah sie Ben und Tom durch die Tür schreiten. „Was wollen sie? Was soll das?“, fragte sie entsetzt. „Frau Herrmann, darf ich ihnen meinen Kollegen Ben Jäger vorstellen, den sie wohl bereits kennen, ihrem Gesicht nach zu urteilen.“, meinte Tom mit fies lächelndem Gesichtsausdruck. Sie schwieg beharrlich und sah abwechselnd zu Ben und dann wieder zu Tom. „Was kann ich für sie tun?“, fragte sie mit zittriger Stimme. „Frau Hartmann, ich nehme sie hiermit wegen des Mordes an ihrem Ehemann fest.“, verkündete Tom und zog schon die Handschellen aus seinem Hosenbund. Die Augen der Frau weiteten sich noch mehr. „Was wollen sie?“, fragte sie nach, traute sie doch ihren Ohren nicht. „Wir verhaften sie. Verstehe nicht, was es da nicht zu verstehen gibt.“, entgegnete Ben mit gequältem Lächeln und zog dann sein Handy hervor. Mit einigen wenigen Handgriffen hatte Ben die aufgenommene Datei gefunden und spielte sie ab. Mit jeder Sekunde, die das Gespräch lief, wurde die Frau immer kleiner und kleiner.


    ...

  • Dann stellte Ben die Datei wieder aus und beide Polizisten sahen die Frau abwartend an. „Nun Frau Herrmann, ich höre.“, forderte Tom mit sehr, sehr ernstem Gesicht. Beiden vorwurfsvollen Blicken der Kommissare konnte die Frau nicht standhalten. „Frau Herrmann, wir warten und langsam schmerzen mir die Beine.“, meinte Ben fauchend. Dann ergab sich die Frau. „Ja, es stimmt, ich habe meinem Mann den Tod gewünscht.“, fing sie an zu erzählen. „Vor einigen Monaten entdeckte ich, dass mein Mann eine Affäre mit seiner kleinen Spielzeug-Assistentin hat.“, meinte sie und sah mit schmerzender Seele die Hauptkommissare an.


    „Sie beauftragten also Peter Augustin mit der Beseitigung ihres Mannes.“ „Ihr Kollege kam gerade recht, als ich die erste Rate bezahlen sollte.“, erklärte sie. „Sie wollten mich als Sündenbock hinstellen.“, fauchte Ben laut und schlug mit der Faust auf den Tisch. Sie verzog keine Miene. „Wie gesagt, sie kamen gerade recht.“, erwiderte sie. Ben hätte ihr am Liebsten eine fette Ohrfeige verpasst. „Und dann haben sie auch noch Frau Franke umbringen lassen.“, meinte Tom abschließend. Dann packte er die Frau hart am Arm, zog sie aus ihrem Sessel empor und legte ihr die Handschellen an. „Frau Herrmann, ich verhafte sie wegen Anstiftung zum zweifachen Mord und Irreführung der Justiz.“, fauchte Tom und stieß die Frau unsanft aus dem Büro.


    Semir und André waren inzwischen unterwegs zu Peter Augustins Wohnung. Dort angekommen, klingelte der Berliner Kommissar ordnungsgemäß, während Semir direkt vor der Tür stand und aus seiner Innentasche schon seine speziellen Türöffner herausholte. „Was machst du denn da?“, fragte André und schaute neugierig. „Was denn, kennt ihr das in Berlin etwa nicht?“, fragte Semir und wollte sich gerade an der Tür zu schaffen machen. „Wir benutzen dafür andere Mittel.“, meinte der sächselnde Kommissar. „Und welche?“, fragte der Deutschtürke und schaute seinen Kollegen abwartend an. André schob Semir ein Stück beiseite, atmete tief ein und stieß mit einem einzigen Tritt seines Fußes die Tür auf. „Ja, so hätte ich es auch gekonnt.“, maulte Semir und ging vorsichtig in die Wohnung hinein.


    Langsam arbeiteten sie sich durch jeden einzelnen Raum, doch die Wohnung schien wie ausgestorben zu sein. „Leer und niemand hier.“, meinte André und steckte seine Waffe wieder in sein Halfter. Semir sah sich in der Wohnung um. Die Schränke waren weitgehend ausgeräumt und auch in den Schubladen fanden sich nur noch wenige Wäschestücke. „Der Vogel scheint ausgeflogen zu sein.“, meinte Semir zu seinem Kollegen, als dieser ins Zimmer kam. „Scheint so.“, meinte André etwas wütend und schlug gegen den Türrahmen. Dann fiel sein Blick auf ein ausgedrucktes Blatt. „Semir, schau mal.“, meinte er und hielt es seinem Kollegen hin. „Flug CE 45 32 nach Argentinien. Das ist heute.“, stellte Semir schnell fest und schaute auf die Uhr. „In einer halben Stunde.“, stieß er aus und sofort rannten die beiden Polizisten zu ihrem Wagen hinunter. Während des Rennes informierte André seinen Chef über die „Abreise“ Augustins.


    „Was? Okay, wir sind auf dem Weg.“, meinte Tom und schaltete das Blaulicht auf dem Dach ein. „Was ist los?“, fragte Ben und sah den Berliner Kollegen abwartend an. „Unser Spezi will sich nach Argentinien absetzen und zwar in einer halben Stunde.“, erklärte er. „Schaffen wir das denn?“ „Wenn der Verkehr es zulässt.“, entgegnete Tom nur mit skeptischem Gesicht. Der Berliner Straßenverkehr war an den meisten Tagen das reinste Glücksspiel. Schneller war man meist nie mit dem Auto sondern mit den Öffentlichen oder zu Fuß. Dennoch jagte der schwarze BMW durch die Berliner Straßen dem Flughafen Tegel entgegen.

    ...

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  • Beide Wagen kamen gleichzeitig vor dem Haupteingang zum Stehen und sofort sprangen alle vier Kommissare heraus und rannten durch die Halle auf das Terminal zu. Würden sie noch rechtzeitig kommen, um Peter Augustin zu verhaften?


    Dieser stand am Terminal und wollte einchecken, als eine nicht erfreuliche Ansage durch die Warteschlange hallte. „Sehr geehrte Reisende, der Flug CE 45 32 nach Argentinien hat aufgrund eines Schadens der Maschine eine Verspätung von etwa 2 Stunden.“, drang eine freundliche Stimme durch die Lautsprecher. Augustin brach fast zusammen, als er das hörte. Mehrmals wendete er seine Blicke um und sah dann mit schreckverzerrtem Gesicht, die vier Polizisten auf sich zukommen. Seine Tasche rutschte ihm wie von Geisterhand vom Arm und er rannte los.


    Die Jagd ging über Taschen und Bänke hinweg, Reisende wurden weggestoßen oder ihnen ausgewichen. Doch weder der Verfolgte noch die Verfolger konnten den Abstand zu dem jeweils anderen verringern oder aufholen. Augustin rannte so schnell er konnte. Trotzt seines fortgeschrittenen Alters, immerhin schon 51, konnte er mit einer guten Kondition aufwarten und schaffte es zeitweise, die vier Kommissare ins Schwitzen zu bringen. Plötzlich jedoch liefen ihm uniformierte Beamte der Bundespolizei entgegen und nun schien es aus zu sein. „Jetzt haben wir ihn gleich.“, dachte ein jeder der vier Kriminalkommissare. Doch wieder schlug Augustin seinen Verfolgern ein Schnippchen. Er entwischte der zuschnappenden Falle durch eine Seitentür. Doch damit war er nicht in Sicherheit. Seine Verfolger folgten ihm wie Bluthunde. In den verwinkelten Wartungsgängen jedoch sollte es zum finalen Showdown kommen.


    Langsam aber sicher stieg Panik in Augustin auf. Er wusste sich bald nicht mehr zu orientieren und hatte die schweren Schritte seiner Verfolger immer in den Ohren wie sie näher und näher kamen. Wie ein verwundetes, zu Tode gehetztes Tier fühlte er sich. Schweiß sammelte sich auf seiner Stirn und rann ihm in die Augen, nahm ihm vorrübergehend die Sicht. Er stolperte über einige Kartons, rappelte sich aber schnell wieder auf und wischte sich den Schweiß von der Stirn. Schnaufend rannte er weiter. Doch er war in eine Sackgasse geraten, die einzige Tür ging nur von der anderen Seite auf und seine Verfolger waren dicht hinter ihm. Plötzlich öffnete sich die Tür und eine junge Stewardess kam in den Wartungsgang. Augustin ergriff sie sofort, stellte sie schützend vor sich und hielt seine Hände so, dass er ihr Genick mit einer Umdrehung brechen konnte. Wenige Sekunden später sah er in die gezogenen Pistolenläufe der Kommissare. „Geben sie auf, Augustin. Sie kommen hier nicht mehr weg.“, schrie Tom dem scheinbar ruhigen Mann zu, doch seine Hände zitterten vor Anspannung. „Legt eure Waffen weg oder ich drehe ihr den Hals um.“, fauchte er und zog den Griff um den Hals der Stewardess fester. Sie stieß einen kurzen, dramatischen Schrei aus. „Okay, wir nehmen die Waffen weg.“, beschwichtigte Tom und nahm seine Waffe langsam runter, seine Kollegen taten es ihm gleich. „Mach die Tür auf.“, forderte Augustin die Stewardess auf. Diese folgte mit zittrigen Händen der Anweisung des Mannes und zog ihren Schlüssel aus der Tasche. Um die Tür aufzuschließen, musste Augustin sie aber einen Moment loslassen.


    Diesen Moment nutzte André aus. Er schnellte zu Boden, hob seine Waffe und schoss. Die Stewardess ließ sich auf den Boden fallen und schreiend brach Augustin zusammen. Sofort waren die Beamten bei dem Killer, zogen ihn hoch und führten ihn ab. „So, das war's dann wohl.“, meinte Ben erleichtert und mit triumphierendem Grinsen. Dann sah er Semir an. „Können wir jetzt bitte wieder in unser eigenes Revier zurückfahren?“, bat er und die drei anderen Kommissare lachten nur.


    Der Tag der Abreise stand an. Alle vier Kommissare standen mit schwerem Kopf an einem der vier Bahnsteig des Berliner Hauptbahnhofes oder, wie die Berliner es nannten, das größte Fischaquarium der Welt. Am gestrigen Abend hatten Ben, Semir und ihre beiden Berliner Kollegen ihre neue Freundschaft begossen und dabei ganz vergessen, dass sie am nächsten Tag schon zu früher Stunde wieder aus den Feder mussten.
    „Meine Damen und Herren ... auf Gleis 14 fährt ein ... Intercityexpress 548 / 948 nach Düsseldorf Hbf, Köln Hbf.“, dröhnte die elektrische Stimme aus den Lautsprechern. „Tja, das ist unser Zug.“, meinte Semir mit abschiedsbelastetem Gesicht. Tom lächelte und hielt seine Hände hinter seinem Rücken. Ben sah ihn mit hochgezogener Augenbraue an. „Hier, das ist für euch als kleines Andenken an uns.“, meinte der LKA-Mann und überreichte Semir einen Miniatur-Fernsehturm. „Hey Klasse, der kriegt einen Ehrenplatz auf unseren Schreibtisch.“, erwiderte Semir vor Freude und drückte die Berliner Kommissare fest an seine Brust, Ben tat es ihm gleich. Dann fuhr der ICE ein und beide Autobahnkommissare stiegen mit ihrem Gepäck in den Zug ein. Langsam setzte sich das Gefährt in Bewegung und verließ den Hauptbahnhof, verließ Berlin Richtung Köln, Richtung Rheinland und Richtung westfälische Autobahn. Denn das war ihr Revier. Dies war also das vorläufige Ende einer ungleichen Zusammenarbeit. Ob es ein Wiedersehen gibt?


    Ende


    Aber der nächste Fall wartet schon auf Ben und Semir schon ... „Schein oder Wirklichkeit?“

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