Alte Wunden

  • So ihr Lieben, pünktlich zu weihnachten noch eine story von mir.
    Hat mal wieder ewig gedauert und ist auch noch nicht ganz fertig, aber viel fehlt nicht mehr.


    Das ist meine erste story mit Ben als Partner von Semir und zugleich eine Erinnerung an Tom. Vielleicht ist sie für den ein oder anderen zu sentimental geraten, aber mal sehen.....! Freu mich jedenfalls über eure ehrlichen Feeds!
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    „Alte Wunden“


    „Du siehst irgendwie verklärt aus heute,“ stellte Ben grinsend mit einem Seitenblick auf Semir fest, der neben ihm im Wagen saß und ganz verträumt dreinschaute. Es war Montagmorgen und die beiden Kommissare hatten vor einer halben Stunde ihren Dienst angetreten und waren jetzt auf der Autobahn unterwegs um ihre gewohnte Runde zu drehen.


    Ben war seit einem knappen halben Jahr Semirs neuer Partner, nachdem Chris Ritter bei einem Einsatz erschossen worden war. Anfangs hatte sich Semir geweigert, wieder einen neuen Partner zu suchen. Zu groß war die Angst gewesen, auch ihn wieder bei einem Einsatz zu verlieren, aber inzwischen war er froh, mit ihm zusammen arbeiten zu können. Zwischen ihnen hatte sich schon in der kurzen Zeit eine gewisse Vertrautheit entwickelt, die Semir nach Toms Tod mit Chris so gefehlt hatte. Er konnte sich gut vorstellen, mit Ben eine ähnliche Freundschaft aufzubauen, wie er sie mit Tom gehabt hatte. Obwohl es nun schon mehr als 2 ½ Jahre her war, seit Tom erschossen worden war, verging kein Tag, an dem Semir nicht an ihn dachte. Auch der Schmerz der Erinnerung hatte in dieser Zeit kaum nachgelassen. Es gab Nächte, in denen Semir wach lag und an Tom dachte. An die schöne Zeit, die sie zusammen gehabt hatten. In solchen Nächten wurde ihm erst recht immer wieder schmerzlich bewusst, was er mit Tom verloren hatte. Dann passierte es auch immer mal wieder, dass die Tränen, die ihm dann die Wangen herunter liefen, das Kopfkissen tränkten.



    „Ach weißt du,“ seufzte Semir und sah zu Ben rüber, „wir hatten ein wunderbares Wochenende – Andrea, Aida und ich. Es war einfach traumhaft. Keine Autobahn, kein Telefon und……“ Semir grinste Ben vielsagend an, „…..kein Partner, auf den man dauernd aufpassen muss – die pure Erholung.“ Seufzend lehnte sich Semir im Sitz zurück und schloss genießerisch die Augen.


    „Na hör mal, wer passt denn hier auf wen auf?,“ fragte Ben mit gespielter Empörung, um sofort grinsend fortzufahren.“ Dir scheint das Leben als braver Ehemann und Vater ja richtig gut zu tun,“ spöttelte er. Aber Semir war durch nichts aus der Ruhe zu bringen, nicht nach diesem wunderbaren Wochenende.
    „Ja sicher, es gibt doch nichts Schöneres – solltest du auch mal versuchen, wär langsam Zeit, dass du unter die Haube kommst.“

    Die Sticheleien der beiden gingen noch einige Zeit so weiter, bis sie durch einen Funkspruch von Susanne unterbrochen wurden.
    „Cobra 11 für Zentrale – wo seid ihr?“
    Semir griff nach dem Funk, um zu antworten.
    „Hallo Susanne! Wir sind kurz vor dem Rastplatz Eifeltor, warum?“
    „Na das passt ja prima,“ kam es von Susanne, „auf dem Rastplatz nach Eifeltor wurde im Wald eine weibliche Leiche gefunden. Kümmert ihr euch drum? Die Spurensicherung müsste auch gleich dort sein.“
    „Wir sind schon unterwegs.“ Semir hängte den Funk ein und sah zu Ben.
    „Du hast es gehört, Kollege, gib Gas.“
    Ben nickte, legte den nächsten Gang ein und trieb den Wagen über die Autobahn.

  • Als ihr Wagen auf dem Parkplatz ausrollte, standen die Wagen der Kollegen schon da. Noch ehe Semir richtig ausgestiegen war, stand schon Hotte neben ihm.
    „Da hinten liegt sie – ist fast noch ein Kind.“ Man merkte Hotte die Betroffenheit an. Obwohl er schon etliche Jahre bei der Polizei war, ging ihm ein Mord immer wieder an die Nieren, besonders wenn es sich um Kinder handelte. Aber das ging allen Kollegen so.
    Semir nickte und folgte Ben, der sich schon in Richtung des Fundortes in Bewegung gesetzt hatte.
    Ben schluckte. „Mann, die Kleine ist ja höchstens 15 Jahre alt…..“ Betroffen blickte er auf die Mädchenleiche, die spärlich bekleidet vor ihnen lag. Auch Semir musste erst einmal schlucken. Beim Anblick des Mädchens musste er unweigerlich an Aida denken. In ein paar Jahren war auch sie in dem Alter – was wäre, wenn…….?
    Semir schüttelte die trüben Gedanken ab und wandte sich an den Arzt.
    „Wie ist sie denn gestorben?“
    Der Doc, der die erste Untersuchung der Leiche gerade abgeschlossen hatte, richtete sich auf und sah die beiden an.
    „Sie wurde erwürgt, eindeutig. Und soweit ich das bis jetzt beurteilen kann, auch vergewaltigt. Aber nach der Untersuchung in der Pathologie kann ich euch mehr sagen.“


    Semir atmete tief ein. Ihm war es immer wieder ein Rätsel, wie Menschen zu so etwas fähig waren. „Wie lange ist sie schon tot?“, fragte er den Doc, ohne den Blick von der Mädchenleiche zu wenden.
    „Ich würde sagen, so etwa 10 – 12 Stunden. Aber wie gesagt – später mehr. Ich ruf euch an, wenn ich fertig bin.“
    Mit einem Kopfnicken verabschiedete er sich von den beiden und machte sich auf den Weg in die Gerichtsmedizin.


    Ben und Semir gingen wortlos zurück zum Wagen.
    „Wir müssen diese Schweine erwischen, Semir,“ meinte Ben grimmig, und ließ sich auf den Beifahrersitz des CLK fallen. „Sowas darf nicht frei herumlaufen.“
    Semir nickte nur und blickte nachdenklich auf die Straße, während er den CLK in Richtung PAST lenkte.


    Zwei Stunden später standen die beiden in der Pathologie und hörten sich die Untersuchungsergebnisse vom Doc an.
    „Also…..,“ begann der Doc mit seinen Ausführungen, „….das Mädchen ist ca. 15 Jahre alt und wurde erwürgt. Ausserdem…..,“ er räusperte sich, ehe er fortfuhr, „….wurde sie vergewaltigt. Auf brutalste Art und Weise – und nicht nur einmal. Ich habe typische Spuren an den Innenseiten der Oberschenkel und im Genitalbereich gefunden, die eindeutig darauf hinweisen. Zudem hat sie blaue Flecke am ganzen Körper.“


    Einen Moment lang herrschte betretenes Schweigen, während sich der Doc die Hände abtrocknete, die er während seiner Ausführungen gewaschen hatte.


    „Gibt es irgendwelche Hinweise darauf, wer sie ist?“ Semir nahm seinen Blick von dem Mädchen und sah fragend auf den Doc.
    „Nein, sie hatte nichts dabei – keine Papiere, nichts. Den einzigen Anhaltspunkt habe ich hier.“ Er hielt Semir eine Plastiktüte entgegen, in der sich die Kleidungsstücke befanden, die die Tote getragen hatte: ein Top und eine kurze Hose, ausserdem ein Schlüpfer.
    Semir sah etwas ratlos auf die Tüte. „Und? Wo soll da der Anhaltspunkt sein?“ Er verstand nicht so recht, was der Doc meinte.
    Der Pathologe holte das Top aus der Tüte und hielt es Ben und Semir unter die Nase. „Hier, der Einnäher – fällt euch nichts auf?“
    Ben und Semir wollten sich gleichzeitig das „Corpus delicti“ ansehen und stießen dabei beinahe mit den Köpfen zusammen.
    „Was soll uns da auffallen?“ fragte Semir, der langsam ungeduldig wurde. Er hatte keine Lust auf solche Fragen-und-Antwort-Spiele.
    „Na hier – der Text auf dem Einnäher ist nicht in Deutsch geschrieben – ich würde sagen , es ist polnisch oder so ähnlich. Auf jeden Fall aus dem Ostblock. Vielleicht kam die Kleine von da,“ stellte der Arzt fest. „Aber das herauszufinden, ist jetzt eure Aufgabe. Ich habe meinen Teil erledigt.“ Der Gerichtsmediziner drückte Ben die Tüte samt Inhalt in die Hand und wandte sich seinem nächsten „Kunden“ zu.

  • ....und weiter geht´s!




    Ben und Semir sahen sich an. Da könnte was dran sein. Andererseits hieß es noch lange nicht, dass auch das Mädchen keine Deutsche war, nur weil sie Klamotten trug, die aus Polen stammten.
    „Na komm,“ Semir winkte Ben, ihm zu folgen. „fahren wir erst einmal in die PAST und überlegen dann, wie wir am besten weiter vorgehen. Ich brauch jetzt einen Kaffee.“


    Auf der Dienststelle herrschte geschäftiges Treiben. An diesem Montag hatten es anscheinend eine Menge Autofahrer darauf abgesehen, ihre Wagen zu Schrott zu fahren. Semir und Ben steuerten direkt auf Susanne zu.
    „Susanne – sei doch bitte so lieb und check mal die Vermisstenlisten nach einem etwa 15-jährigen Mädchen, ja? – und gibt es schon Kaffee?“ rief Semir ihr im Vorbeigehen zu. Ben zwinkerte Susanne nur verschwörerisch zu und folgte Semir in ihr gemeinsames Büro. Susanne verdrehte die Augen und erhob sich, um in die Kaffeeküche zu gehen. Normalerweise holten sich die Kollegen ja ihren Kaffee selbst, aber sie wollte mal nicht so sein.


    Ben ließ sich in seinen Schreibtischsessel plumpsen und rieb sich den Nacken. „Wenn ich dran denke, dass da draussen so ein Schwein rumläuft, der kleine Mädchen vergewaltigt und umbringt, dann könnte ich kotzen…..“
    Semir nickte. „Ja, hoffentlich hat Susanne Erfolg und wir wissen bald, wer die Kleine ist, dann können wir wenigstens irgendwo ansetzen. Wir müssen den Kerl so schnell wie möglich kriegen.“


    Die beiden saßen eine Weile schweigend mit den dampfenden Tassen, die ihnen Susanne inzwischen gebracht hatte, da, als Susanne wieder ins Büro kam.
    „Ich glaub, ich hab was gefunden Jungs. Das könnte sie sein.“ Sie legte Ben und Semir ein Foto auf den Tisch, das ein junges Mädchen zeigte, das in die Kamera lächelte. Ben und Semir beugten sich über das Bild.
    „Treffer!“ rief Ben kurz aus. „Genau das ist sie. Hast du ja fix hinbekommen, Susanne. Danke!“
    „Ist doch gern geschehen, für euch tu ich doch mein Bestes.“ Lächelte Susanne die beiden an.
    „Und wer ist das nun?“ Semir sah seine Kollegin erwartungsvoll mit seinen braunen Augen an.
    „Jelena Jankowski. Sie ist Polin und 14 Jahre alt. Sie ist vor etwa 6 Wochen aus einem Kinderheim verschwunden, in das sie Kollegen gebracht hatten, nachdem sie sie auf der Straße aufgelesen hatten und niemand ausfindig gemacht werden konnte, der für sie zuständig ist.“
    Semir sog die Luft ein. „14 Jahre alt !“ meinte er entsetzt. Auch Bens Blick verriet, was er dachte. 14 Jahre alt und mehrfach vergewaltigt. Was musste das Mädchen durchgemacht haben.
    „In welchem Kinderheim war sie denn – wir fahren da jetzt gleich hin. Vielleicht bekommen wir da irgendwas raus, was uns weiterhilft.“


    Aus Susannes Gesicht war das Lächeln plötzlich verschwunden. Sie sah Semir nur zögernd an.
    „Susanne? – Ich hab dich was gefragt. Welches Kinderheim?“ Semir wurde ungeduldig.
    Susanne räusperte sich, ehe sie zögerlich fortfuhr.
    „Kinderheim Jerusalem,“ sagte sie nur und sah mit einem mitleidigen Blick auf Semir, der wie vom Blitz getroffen dastand und vor sich hinstarrte. Ben hingegen verstand gar nichts. Er sah von Susanne zu Semir und von Semir zu Susanne.
    „Semir?“ fragte er vorsichtig, aber von seinem Partner kam keine Reaktion. Immer noch stand er nur da und starrte vor sich hin.

  • „Komm mal mit,“ raunte ihm Susanne zu und zog ihn am Arm aus dem Büro. Draussen erklärte sie Ben Semirs ungewöhnliches Verhalten.
    „Im Kinderheim Jerusalem wurde Semirs Partner Tom Kranich vor etwa 2 ½ Jahren erschossen.“ Mehr sagte sie nicht. Aber das war auch nicht notwendig. Ben verstand nun, warum Semir so geschockt war, als er den Namen hörte. Er hatte schon einiges von Tom Kranich gehört, nur über die näheren Umstände zu seinem Tod hatte Semir nie gesprochen. Und er hatte nie gedrängt, es zu erfahren. Er wusste von den Kollegen, welche wunderbare Freundschaft die beiden verbunden hatte und konnte verstehen, dass Semir nicht unbedingt über den Tod seines besten Freundes sprechen wollte.


    Inzwischen war Anna Engelhardt dazugekommen. Sie hatte mitbekommen, worum es ging und betrat gemeinsam mit Ben das Büro. Semir hatte sich inzwischen gesetzt. Er saß gedankenverloren am Schreibtisch und rieb sich mit den Handflächen übers Gesicht, als die beiden hereinkamen.
    „Semir – Sie müssen da nicht hinfahren,“ begann Anna Engelhard, die sich vorstellen konnte, wie es jetzt in Semir aussah. Die Konfrontation mit Toms Sterbeort musste alle alten Wunden in ihm wieder aufgerissen haben.
    „Ich schicke Bonrath oder Herzberger mit Ben dahin.“
    Semir sah auf und lächelte leicht.
    „Ist schon in Ordnung, Chefin. Ich werde mit Ben hinfahren.“ Mehr sagte er nicht. Er erhob sich und nahm seine Jacke von der Stuhllehne.
    „Kommst du Ben? Es gibt Arbeit.“
    Ben sah Anna Engelhard an und zuckte mit den Schultern, ehe er Semir folgte, der das Büro bereits verlassen hatte. Zurück blieb eine nachdenkliche Anna Engelhard, die den beiden nachblickte. Sie hatte schon lange das Gefühl, dass Semir Toms Tod auch noch nach so langer Zeit längst nicht verarbeitet hatte.


    Die Fahrt zum Kinderheim verlief schweigend. Ben versuchte, sich auf die Straße zu konzentrieren und Semir saß daneben und blickte durch die Windschutzscheibe auf einen imaginären Punkt in der Ferne. Mit jedem Kilometer, den sie ihrem Ziel näher kamen, spürte Semir, wie ihn die Vergangenheit schmerzhaft einzuholen schien. Ben sah ihn ein paar Mal von der Seite an. Er konnte sich gut vorstellen, wie es jetzt in seinem Partner aussah. Schließlich räusperte er sich.
    „Semir – Susanne hat mir alles erzählt.“
    Von Semir kam keine Reaktion.
    Wieder setzte Ben an. „Du brauchst wirklich nicht mitzukommen, ich kann das auch alleine machen. Ich verstehe, wenn……“
    Weiter kam Ben nicht. Semir sah ihn an und antwortete beinahe aggressiv.
    „Wie willst du das verstehen, Ben? Ausserdem hab ich schon der Chefin gesagt, dass es in Ordnung geht.“
    Erschrocken über seinen harten Ton, fügte er gleich darauf hinzu.
    „Entschuldige…….du kannst nichts dafür. Danke für dein Angebot, aber wir sind Partner und machen das gemeinsam. Ich kann schließlich nicht immer davor davonlaufen.“
    Er lächelte Ben an, der in diesem Moment auf den Parkplatz des Kinderheimes einbog.


    Semir sah durch die Frontscheibe auf das Gebäude. Er war seit Toms Tod nicht mehr hier gewesen, aber es hatte sich nichts verändert. Für einen kurzen Moment sah er sich selbst, wie er in jener Nacht genau hier in strömendem Regen aus seinem Wagen stieg, die Waffe entsicherte und auf das Gebäude zurannte, um seinem Freund und Partner Tom zu helfen. Schließlich schwang er die Beine aus dem Wagen und folgte Ben, der schon ein paar Schritte vorausgegangen war. Er hatte ein komisches Gefühl im Magen. Insgeheim schalt er sich einen Narren. Es konnte doch nicht so schwer sein, da jetzt unbefangen reinzugehen und zu ermitteln. Wozu war er schon jahrelang Polizist, wenn er das nicht schaffte. Er straffte die Schultern und konzentrierte sich auf die Ermittlungsarbeit, die vor ihnen lag und betrat hinter Ben das Kinderheim.

  • Und noch ein Stück fürs Abendessen!


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    Frau Braun, die Leiterin des Kinderheimes empfing die beiden Kommissare. Sie war auf deren Kommen durch Susanne vorbereitet worden und hatte sich Zeit genommen. Das Schicksal ihrer Schützlinge lag ihr sehr am Herzen und wenn sie konnte, dann wollte sie helfen, diesen Fall aufzuklären.


    „Jelena wurde vor etwa 2 Monaten zu uns gebracht, nachdem Ihre Kollegen sie am Bahnhof aufgelesen hatten. Sie sprach fast kein Deutsch.“ Die Leiterin stand am Fenster und sah hinaus auf den Hof, während sie mit Semir und Ben sprach. „Wir haben uns bemüht, herauszufinden, woher sie kam oder zu wem sie gehörte, aber leider verliefen alle Nachforschungen im Sande…..ja, und zwei Wochen später war sie wieder verschwunden.“ Man sah der Frau an, dass sie das Schicksal der Kleinen nicht unberührt ließ.
    „Hat das Mädchen irgendetwas erzählt?“ versuchte Semir mehr über Jelena herauszufinden.
    Frau Braun schüttelte den Kopf. „Wie gesagt, sie konnte kaum deutsch und ausserdem wirkte sie auf mich irgendwie……,“ sie überlegte kurz, ehe sie fortfuhr. „…irgendwie verschüchtert und ängstlich. In den paar Tagen, die sie bei uns war, saß sie meist nur stumm auf ihrem Bett oder am Tisch. Selbst mit den anderen Kindern kam kein richtiger Kontakt zustande. Sie hat sich regelrecht isoliert – hinter einer Art Schutzmauer verschanzt“ Wieder überlegte Frau Braun kurz. „Ich glaube, die Kleine hat irgendetwas Schlimmes durchgemacht. Wenn sie länger bei uns gewesen wäre, hätte ich ihr vielleicht helfen können…..“
    „Haben sie eine Vermutung, wie das Kind nach Deutschland gekommen ist?“ mischte sich nun auch Ben in das Gespräch ein.
    Wieder kam ein Kopfschütteln. „Na ja, ich kann das nicht sicher sagen, aber ich vermute, dass sie durch Mädchenhändler über die Grenze gebracht wurde – illegal! Sonst hätten wir doch irgendwelche Verwandten finden müssen oder zumindest hätte sie jemand vermisst.“
    Ben nickte. Den Gedanken hatte er auch schon gehabt.
    Frau Braun kam um ihren Schreibtisch herum und sah Semir und Ben an. „Ich bitte Sie, finden sie heraus, was mit ihr passiert ist. Bitte!“
    Semir nickte. „Natürlich, das werden wir. Sie haben uns jedenfalls sehr geholfen, vielen Dank.“


    Sie verließen das Büro der Heimleiterin und gingen den Flur entlang. Aber Semir ging nicht den Weg, den sie gekommen waren, sondern in die entgegengesetzte Richtung. „Semir?“ versuchte Ben, ihn darauf aufmerksam zu machen, „hier geht’s lang. Da vorne ist der Ausgang.“ Aber Semir reagierte nicht und ging mit langsamen Schritten den langen Flur entlang, an dessen Ende die Tür in den Innenof war.
    Der Hof, auf dem Tom starb!
    Es war wie ein Zwang.
    Er öffnete die große Tür und trat hinaus.
    Der Hof lag vor ihm, die Sonne schien. In einer Ecke spielten ein paar Kinder.

  • So, noch ein Stück und dann ist aber Schluss für heute! Sonst ist die story ruckzuck fertig und wie ihr wisst, dauert es bei mir immer ewig, bis wieder was kommt.


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    Semir nahm das alles nicht wahr. Er hörte plötzlich die Donnerschläge, spürte den Regen auf seinem Gesicht – genau wie damals.
    Es war alles so gegenwärtig, so real.
    Und er sah Tom vor sich auf dem nassen Asphalt liegen, daneben das tote Thai-Mädchen. Er spürte, wie sich eine kalte Hand um sein Herz legte, während er mit langsamen, steifen Schritten auf die Stelle zuging, an der Tom gestorben war.


    Und er sah Tom da liegen, von mehreren Kugeln getroffen.


    Tom, seinen besten Freund, den er seitdem so sehr vermisste.


    Er hörte seine letzten Worte: „Wer passt denn jetzt auf dich auf?,


    Er sah noch einmal das letzte Aufbäumen seines Freundes, ehe seine Augen brachen und er in seinen Armen starb.


    Er sah sich selbst auf dem nassen Asphalt knien und Toms Kopf in den Händen halten.


    Er sah seine eigene, furchtbare Hilflosigkeit.



    Ben war ein paar Schritte hinter Semir stehen geblieben.
    Er sagte nichts.
    Er spürte, dass er Semir jetzt nicht stören durfte, wenigstens im Moment noch nicht. Semir war wie in Trance, so wie er dastand. Mit hängenden Schultern, den Kopf nach vorne gebeugt. Ben ließ Semir Zeit – viel Zeit! Sie standen beide minutenlang bewegungslos mitten auf dem Innenhof. Schließlich war es Ben einfach ein Bedürfnis, Semir tröstend die Hand auf die Schulter zu legen. Eine Geste, die Semir aus der Starre löste. Er drehte sich langsam zu seinem Partner um. Ben konnte die Tränen sehen, die in Semirs Augen standen. So leise, dass Ben ihn fast nicht verstand, kam ein „Hier ist er gestorben – und ich konnte ihm nicht helfen,“ von Semir, dann liefen ihm die Tränen über die Wangen. Er konnte einfach nicht anders. Er hatte Toms Tod eben noch einmal durchlebt, so real, als ob es eben erst geschehen wäre und nicht vor über 2 Jahren. Es war, als ob ein Bann gebrochen war und Semir seine Trauer erst jetzt richtig zulassen, richtig begreifen konnte.


    Ben sagte nichts, was sollte er auch sagen? Er verstärkte nur den Druck seiner Hand, die immer noch auf Semirs Schulter lag und Trost spenden sollte. Er spürte fast körperlich die tiefe Verbundenheit zwischen Semir und Tom Kranich – einem Mann, den er nie kennenlernte und der vor über 2 Jahren gestorben war. Und er wünschte sich, irgendwann einmal eine ebenso tiefe und bedingungslose Freundschaft erleben zu dürfen. Vielleicht mit Semir?


    Als die beiden schließlich wieder im Wagen saßen, schloss Semir für einen Moment die Augen und atmete tief durch.
    „Du musst mich für total verrückt halten, Ben,“ begann er schließlich.
    Ben sah ihn verständnislos an.
    „Wieso?“ fragte er nur.
    „Na, da steht dein Partner und heult wegen etwas, was vor über zwei Jahren passiert ist. Ich meine, das ist doch nicht normal.“
    Semir drehte sich zu Ben um. Aber anstatt ein belustigtes Grinsen in Bens Gesicht zu sehen, sah er in die ernsten Augen seines Kollegen. Und er sah Verständnis darin! Ben schüttelte leicht den Kopf.
    „Nein, Semir, ich halte dich wirklich nicht für verrückt. Im Gegenteil – ich kann dir sehr gut nachfühlen, was du empfunden hast – und ich kann dich sehr gut verstehen. Ich habe Tom zwar nicht gekannt – leider – aber ich beneide ihn darum, dass er einen solchen Freund wie dich hatte.“
    Semir sagte nichts. Er schluckte und sah wieder nach vorne, während Ben den Wagen startete.
    Schließlich lächelte er leicht und meinte nachdenklich: „Weißt du – ihr seid euch sehr ähnlich – Tom und du.“

  • Wieder zurück auf der PAST erstatteten die beiden ihrer Chefin Bericht über das Gespräch mit der Leiterin des Kinderheimes. Anna Engelhardt hörte aufmerksam zu.
    „Ich denke, dass Frau Braun den richtigen Verdacht hat,“ begann sie, als Semir mit seinen Ausführungen fertig war.
    „Es ist gut möglich, dass das Mädchen über die Grenze gebracht wurde, um hier in irgendeinem Bordell missbraucht zu werden. Wir sollten dieser Spur nachgehen.“
    Semir nickte, auch Ben war damit einverstanden.
    „Ich schlage vor, dass wir heute abend durch die einschlägigen Bars ziehen und den Mädels ein Foto von der Kleinen zeigen. Vielleicht haben wir ja Glück und jemand kann sich an sie erinnern.“ Ben stand mit verschränkten Armen an die Wand gelehnt da und wartete auf Semirs Kommentar. Semir legte das Foto von Jelena, dass er die ganze Zeit nachdenklich betrachtet hatte, wieder vor sich auf den Tisch.
    „Ja, das machen wir. Ist zwar ne Menge Arbeit, aber im Moment der einzige Anhaltspunkt, den wir haben. Es ist immerhin besser, als hier am Schreibtisch zu sitzen und sich den Kopf zu zerbrechen.“



    Am Abend zogen die Beiden von Bar zu Bar. Sie suchten sich die Etablissements aus, bei denen sie am ehesten vermuten konnten, dass die Besitzer es mit dem Gesetz nicht so genau nahmen und in irgendeinem Hinterzimmer auch mal Minderjährige anboten. Es war zwar nicht zu erwarten, dass sie Erfolg haben würden, aber sie zogen es dennoch durch.


    Gegen Morgen, nach etlichen Stationen und x-fachem, gleichgültigen Kopfschütteln, meinte Semir zu Ben.
    „Weißt du was, ich hab die Schnauze voll. Ich bin hundemüde. Hier gehen wir noch rein und dann nichts wie ab nach Hause. Ich brauch eine Mütze voll Schlaf – und du siehst auch nicht aus, als ob du noch richtig aufnahmefähig wärst.“ Grinsend sah er Ben an, der sich müde die Augen rieb. Man sah ihm die Erleichterung über Semirs Entscheidung an. Auch er war froh, wenn er eine Mütze voll Schlaf bekam.


    Als sie das „Poseidon“ betraten, war nicht mehr viel los. An der Bar lungerten ein paar vierschrötige, schmierige Typen rum, und verhandelten offenbar mit 2 Mädchen um den Preis für ihre Dienste. Das Barmädchen hatte sie schon gesehen und war gleich stutzig geworden. Unbemerkt drückte sie einen Knopf unter der Theke.
    Semir steuerte auf die beiden Mädchen zu und Ben wandte sich an die Bardame und zückte das Foto von Jelena.
    „Guten Morgen allerseits – kennt vielleicht jemand dieses Mädchen?“
    „Seid ihr Bullen?“ kam gleich die Gegenfrage.
    „Sehen wir so aus?“ konterte Ben sofort.
    Die Bardame grinste.
    „Na ja, würd ich schon sagen.“ Sie musterte Ben von oben bis unten
    „Obwohl ich schon lange keinen so gutaussehenden Bullen mehr gesehen hab. Wann hast du denn Feierabend, Süßer?“ versuchte sie Ben abzulenken. Aber Ben war nicht in Stimmung, um auf die Annäherungsversuche einzugehen.
    „Kennt jemand das Mädchen,“ fragte er noch einmal. Dieses Mal ein bisschen lauter. Noch ehe er eine Antwort bekam, baute sich ein Berg von einem Mann vor ihm auf. Ben reichte ihm gerade bis ans Kinn, was ihn aber nicht daran hinderte, herausfordernd zu dem Hünen aufzublicken.


    „Gerd Kellermann, mein Name. Wie kann ich helfen,“ fragte der mit gespielter Freundlichkeit. Wieder stellte Ben seine Frage, worauf Kellermann kurz einen Blick auf das Foto warf.
    „Nein, nie gesehen. Die ist ja noch ein Kind – da suchen sie bei mir am falschen Ort.“ Grinsend gab er Ben das Foto zurück und zog an seiner teuren Zigarre.
    „Wenn sie das sagen,“ entgegnete Ben. „Aber sie haben doch sicher nichts dagegen, wenn wir noch ihre Mädchen fragen.“

  • So, weil Weihnachten ist und weil ich nicht weiss, wie ich die nächsten Tage dazu komme, bekommt ihr noch einen Teil zu lesen!


    Ich wünsche euch schöne Weihnachten und viele, viele Geschenke!


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    Ben ließ Kellermann stehen und drehte die Runde bei den Anwesenden. Alle schüttelten den Kopf. Semir zeigte das Foto einem Mädchen, das ihm noch recht jung erschien. Sie sah ängstlich auf das Foto, blickte zu Kellermann und schüttelte dann den Kopf. „Nein, ich kenne sie nicht,“ antwortete sie in gebrochenem Deutsch. Semir war schon zu lange Polizist, um nicht zu erkennen, dass da etwas faul war. Er hatte den Blick Kellermanns bemerkt, den der dem Mädchen zugeworfen hatte, ehe sie antwortete. Wieder wandte er sich dem Mädchen zu.
    „Wie heißen sie denn?“ fragte er freundlich, während er immer noch das Foto so hielt, dass das Mädchen es sehen konnte.
    „Theresa – was ist denn mit ihr?“ fragte sie mit einem ängstlichen Blick auf Semir.
    „Sie ist tot – sie wurde ermordet.“
    Bei Semirs Worten zuckte das Mädchen zusammen und blickte wieder zu Kellermann. Unauffällig schob Semir ihr seine Karte zu.
    „Sie können mich jederzeit anrufen,“ flüsterte er ihr zu und wandte sich Ben zu.
    „Komm, Ben, gehen wir. Hier kommen wir nicht weiter,“ meinte er kurzangebunden und zog den verdutzten Ben am Ärmel hinaus.


    „Sag mal, spinnst du? Was sollte das eben?“ fragte Ben, als sie draußen vor der Tür waren. „Ich habe mich grade unterhalten und du zerrst mich wie einen kleinen Jungen zur Tür raus.“
    Semir hob beschwichtigend die Hände.
    „Nun komm mal wieder runter, Ben. Ich hab den Verdacht, dass die Kleine, mit der ich zuletzt geredet habe, etwas weiß. Sie hat aus Angst nichts gesagt – aus Angst vor Kellermann. Ich werde auf jeden Fall noch mal versuchen, mit ihr zu reden. Aber jetzt geht’s zuerst nach Hause,“ meinte er grinsend und klopfte Ben brüderlich auf den Rücken. „Klein-Benni muss in die Heija – du siehst nämlich grauenhaft aus,“ fügte er hinzu und duckte sich, um dem angedeuteten „Klaps“ von Ben zu entgehen.


    Semir schloss müde die Wohnungstür auf, ließ den Schlüssel auf die Ablage an der Garderobe fallen und zog die Schuhe aus. Er ging zuerst in die Küche und nahm sich die angefangene Flasche Rotwein von der Anrichte, goss sich ein Glas ein und schlurfte ins Wohnzimmer, wo er sich mit einem Seufzer auf die Couch fallen ließ. Es war zwar schon nach 4 Uhr morgens und er war ziemlich kaputt, aber er konnte jetzt einfach noch nicht schlafen. Die Ereignisse des Tages hatten ihn zu sehr aufgewühlt. Der Besuch im Kinderheim hatte alles, was mit Toms Tod zusammenhing wieder an die Oberfläche gebracht. Ganz automatisch fiel sein Blick auf das Foto von Tom, das im Regal stand. Langsam stand Semir auf, ging hin und nahm es in die Hand. Wie in Trance ging er wieder zur Couch und setzte sich.


    Er hielt das Foto in den Händen und sah in Toms lächelnde Augen. Er fehlte ihm so sehr – auch nach so langer Zeit. Er hatte sich wohl innerlich immer noch nicht von Tom gelöst, sonst hätte der Besuch im Kinderheim ihn nicht so aus der Bahn geworfen. Er war selbst erstaunt gewesen, wie ihn das getroffen hatte, aber er hatte einfach nichts dagegen tun können. Fast liebevoll strich er mit dem Finger über das Glas des Fotorahmens. Er war so in Gedanken versunken, dass er nicht bemerkt hatte, wie Andrea ins Wohnzimmer gekommen war und sich jetzt neben ihn setzte. Sie legte einen Arm um ihn und sah ihn an.
    „Er fehlt dir immer noch, nicht wahr?“ fragte sie leise und strich ihm sanft übers Haar.
    Semir sah seine Frau an. „Ja – er wird mir immer fehlen.“
    Dann erzählte er Andrea von dem Besuch im Kinderheim und von dem neuen Fall der ebenso mit Mädchenhandel zu tun hatte, wie der Fall, der Tom den Tod gebracht hatte. Und er erzählte Andrea auch von seinen Gefühlen, als er an dem Platz gestanden hatte, an dem Tom starb. Es tat einfach gut, sich alles von der Seele zu reden, jemanden zu haben, der einem zuhörte, der einen verstand. Eine ganze Weile saßen die beiden anschließend nur da und umarmten sich.

  • In die Stille hinein läutete laut und erbarmungslos Semirs Handy. Er kramte es aus der Hosentasche und sah auf dem Display eine fremde Nummer. Fragend hob er die Augenbraue und nahm das Gespräch entgegen. Es dauerte einen Moment, bis er realisierte, dass das am anderen Ende Theresa war, das Mädchen aus der Bar. Mit einem Schlag war Semir wieder hellwach.
    „Sie haben doch gesagt, ich kann sie jederzeit anrufen?“ kam zögerlich die Frage.
    „Ja natürlich,“ nickte Semir. „was ist denn los?“
    Das Mädchen machte eine kurze Pause.
    „Ich muss sie sprechen, bitte. Sie müssen mir helfen.“
    „Ja sicher, wann denn?“ Semir blickte zu Andrea, die gespannt zuhörte.
    „Jetzt gleich, ich warte an der Telefonzelle, die in der Nähe der Bar liegt. Bitte kommen sie schnell….“
    Noch ehe Semir etwas erwidern konnte, hatte das Mädchen aufgelegt. Er hatte deutlich die Angst in ihrer Stimme gehört. Auf den fragenden Blick Andreas erklärte er: „Das war Theresa, das polnische Mädchen aus dem „Poseidon“ – ich hab doch gleich gemerkt, dass sie etwas weiss. Sie will mich sofort sprechen.“


    „Aber du bist doch eben erst gekommen, Semir. Du hast noch nicht geschlafen – und ausserdem – vielleicht ist das eine Falle?!?“ Andrea blickte Semir ängstlich an. Als sie merkte, dass sie ihn nicht umstimmen konnte, fügte sie hinzu: „Dann ruf wenigstens Ben an.“


    Semir, der schon aufgestanden war und eben seine Schuhe anzog, lächelte.
    „Nein, das schaff ich schon alleine – der war so fertig, ich glaube, der würde das Telefon sowieso nicht hören,“ meinte er grinsend.
    „Und ausserdem glaube ich nicht, dass das eine Falle ist. Die Kleine hat Angst vor Kellermann und will mir was sagen, das ist alles. Da passiert schon nichts. Mach dir keine Sorgen Schatz.“ Damit drückte er Andrea einen Kuss auf die Stirn und ging zur Tür. „Leg dich wieder hin und schlaf noch eine Runde, vor 8 Uhr wird Aida auch nicht wach.“


    Andrea sah Semir nach, der eben die Tür zum Flur hinter sich schloss. Es war inzwischen kurz vor 5 Uhr morgens, draussen dämmerte es bereits.


    Semir ließ den Wagen langsam durch die Straße rollen und hielt Ausschau nach der Telefonzelle, die Theresa beschrieben hatte. Als er nahe genug dran war, sah er jemanden hinter der Telefonzelle stehen, es war Theresa. Semir brachte den Wagen zum Stehen, ließ die Scheibe herunter und rief ihr zu.
    „Kommen Sie, steigen Sie ein.“
    Theresa sah sich zuerst um, ehe sie auf den Wagen zuging und auf der Beifahrerseite einstieg. Wieder sah sie sich suchend um. Sie hatte wohl Angst, dass sie jemand beobachtete.


    Einen Moment saßen sie schweigend im Wagen. Semir wollte Theresa nicht drängen, obwohl er darauf gespannt war, was sie zu sagen hatte.
    „Ich kenne Jelena,“ begann sie schließlich. „Sie kam mit mir und anderen Mädchen aus Polen hierher. Sie haben uns versprochen, dass wir hier eine Anstellung als Kindermädchen oder Hausmädchen bekommen und Geld verdienen können.“
    „Das war aber nicht so?“ fragte Semir mit leiser Stimme.
    Theresa nickte und putzte sich die Nase.
    „Wir wurden in die Bar gebracht und an die Männer verkauft. Es ist schrecklich.“ Wieder schnäuzte sie sich, ehe sie fortfuhr.
    „Meine kleine Schwester, Maria ist auch hier. Sie haben mir versprochen, dass sie nicht arbeiten muss, wenn ich mache, was sie sagen. Aber vor zwei Tagen haben sie sie fortgebracht – ich weiss nicht, wo sie ist. Ich hab solche Angst um sie, sie ist doch er 13 !“
    Semir war einen Moment geschockt. Er sah die Angst in Theresas Augen, die Angst um ihre Schwester.
    „Und Jelena? Kellermann hat sie wieder aus dem Kinderheim geholt, hab ich Recht?“ Theresa nickte.
    Sie sah immer wieder suchend nach draussen, plötzlich duckte sie sich in den Sitz und zeigte nach vorne. „Da – da kommt Kellermann. Er darf mich nicht sehen.“ Die Angst ließ das Mädchen zittern.
    „Keine Angst, der sieht uns nicht,“ versuchte Semir, sie zu beruhigen. Sie sahen, wie Kellermann in seinen schwarzen Porsche stieg und losfuhr.
    „Sie müssen ihm folgen, bitte, er fährt vielleicht zu Maria.“
    Semir schüttelte den Kopf. „Das ist viel zu gefährlich, ich kann sie nicht mitnehmen.“
    „Bitte……“ kam es wieder verzweifelt von Theresa.
    Semir überlegte kurz.
    „Na gut, aber sie bleiben im Wagen – egal was passiert! Versprochen?“ Eindringlich sah er Theresa in die Augen. Als diese nickte, startete Semir den Wagen und folgte Kellermann in einigem Abstand.

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  • Nun hätte er doch gerne Ben an seiner Seite gehabt, wer wusste schon, wo Kellermann hinfuhr. Vielleicht fuhr er wirklich zu Marias Versteck. Kellermann fuhr einige Minuten durch die Stadt um schließlich vor einer Lagerhalle anzuhalten, die etwas außerhalb und ziemlich verlassen da lag. Als Kellermann ausstieg, beschloss Semir doch, Ben aus den Federn zu werfen, er hatte das Gefühl, dass er ihn hier noch brauchen konnte. Er nahm sein Handy und wählte Bens Nummer. Es läutete einige Male, dann sprang die Mailbox an. Wahrscheinlich lag Ben tatsächlich noch im Tiefschlaf und hörte nichts.
    „Hey, Partner – aufstehen! Ich brauch dich.“ Er gab seinen Standort durch und legte wieder auf. Er konnte nur hoffen, dass Ben bald die Mailbox abhören und sich melden würde.


    Plötzlich stieß Theresa einen Schrei aus und im gleichen Moment wurde die Tür der Fahrerseite aufgerissen und Kellermann richtete seine Waffe auf ihn. Während des Telefonats hatte Semir einen Moment nicht darauf geachtet, was Kellermann tat und nun war es passiert. Er hatte offenbar bemerkt, dass sie ihn verfolgt hatten, und nun saßen sie mächtig in der Klemme.. Aber kampflos wollte Semir nicht aufgeben und nutzte den Überraschungsmoment, um Kellermann gegen die Beine zu treten. Dieser stieß einen kurzen Schrei aus, gleichzeitig löste sich ein Schuss aus der Waffe. Semir spürte einen harten Schlag an der Schulter, der ihm für einen Moment den Atem raubte. Den Moment nutzte Kellermann und packte Semir am Kragen, zerrte ihn aus dem Wagen und stieß ihn zu Boden. Wütend stand er vor ihm und zielte mit der Waffe auf ihn. Theresa hatte die ganze Zeit wie erstarrt im Wagen gesessen, vor Angst unfähig, sich zu bewegen.


    Insgeheim war Semir wütend auf sich selbst, dass er sich wie ein Anfänger verhalten hatte, aber nun war es zu spät. Kellermann hatte ihm die Dienstwaffe abgenommen – sie waren ihm hilflos ausgeliefert. Er konnte nur ein Stoßgebet zum Himmel schicken, dass Ben bald hier auftauchte.
    „Los aussteigen,“ brüllte Kellermann Theresa an. Als diese einen Augenblick zögerte, setzte er Semir die Pistole an die Schläfe. „Oder willst du, dass ich ihn abknalle?“
    Theresa kam zögerlich um den Wagen herum und Kellermann packte sie an den Haaren, dass sie aufschrie.
    „Aufstehen und mitkommen,“ herrschte er Semir an, der sich mit Mühe auf die Beine quälte. Der Schmerz, den die Kugel in seiner Schulter verursachte, strahlte in seinen ganzen Körper aus. Außerdem war ihm schwindlig. Als er es schließlich geschafft hatte, und auf den Beinen stand, stieß Kellermann sie unsanft in Richtung der Lagerhalle.


    Im Inneren der Halle dirigierte er die beiden zu einem der vielen Stützpfeiler, die in regelmäßigen Abständen verteilt waren und band sie mit einem Nylonseil daran fest. Semir fesselte er zusätzlich noch die Hände mit seinen eigenen Handschellen. Bei einem Bullen konnte man nicht vorsichtig genug sein. Als er fertig war, ging er vor Theresa in die Knie.
    „Das hättest du nicht tun sollen, Theresa. Nun bleibt mir nichts anderes übrig, als euch zu töten.“ Seine Stimme klang gefährlich leise und Semir zweifelte nicht eine Sekunde daran, dass er sein Versprechen wahr machen würde.
    „Wo ist meine Schwester? Wo ist Maria?“ schrie Theresa verzweifelt.
    Wieder setzte der sein schmieriges Grinsen auf.
    „Oh, na der Kleinen geht es gut. Sie ist sehr gelehrig und kann bald für mich arbeiten. Ich werde mich gleich um sie kümmern – ihr dürft gerne zuhören.“
    Mit diesen Worten stand er auf und ging auf einen Container zu, der in einer Ecke der Halle stand und mit einem Vorhängeschloss gesichert war.

  • Semir wurde es beinahe schlecht bei dem Gedanken daran, was nun kommen würde. Auch Theresa hatte begriffen um was es ging und schluchzte herzzereißend. Kellermann hatte inzwischen das Vorhängeschloss entfernt und war im Container verschwunden. Sie hörten, wie Maria immer wieder aufschrie. Semir war verzweifelt, dass er ihr nicht helfen konnte. Auch Theresa tat ihm leid, dass sie das alles mithören musste. In ihm braute sich eine Wut zusammen, eine Wut auf Kellermann, die sich entlud, als dieser wieder vor ihnen stand und grinsend seine Hose schloss.
    „Du bist das größte Schwein, das mir je begegnet ist,“ stieß Semir hervor und trat ihm im selben Moment die Beine weg. Kellermann war darauf nicht gefasst gewesen und knallte der Länge nach hin.


    Trotz seiner misslichen Lage empfand Semir so etwas, wie Genugtuung, als er Kellermann fluchend auf dem harten Boden der Halle liegen sah. Aber lange hatte er keine Freude an seinem Triumph. Kellermann hatte sich aufgerappelt, trat vor Semir und schlug ihm mit der Faust ins Gesicht, dass sein Kopf an den Pfeiler knallte. Sofort sackte Semir leblos zusammen. Aus einer Platzwunde an seiner Schläfe floss Blut.
    „Das wird euch auch nichts nützen,“ brüllte Kellermann wütend und blickte verächtlich auf seine beiden Opfer herab. „Und damit euch nicht langweilig wird, werde ich euch hier jetzt ein kleines Feuerwerk veranstalten. Alles was von euch übrigbleiben wird, ist ein Haufen Asche.“ Kellermann lachte schallend, als er die Halle verließ. „Nun ist alles aus“, dachte Theresa verzweifelt und sah Semir an, der bewusstlos in seinen Fesseln hing. Oder war er vielleicht schon tot?


    Ben stand unter der Dusche und ließ sich das Wasser über den Kopf laufen. Er hatte geschlafen wie ein Murmeltier und war erschrocken, als er nach dem Aufwachen auf die Uhr geschaut hatte. Er hatte tatsächlich verschlafen. Aber wahrscheinlich war auch Semir heute nicht pünktlicher, schließlich war der auch nicht früher ins Bett gekommen. Als er fertig war, zog er sich an, schnappte sich das Handy von der Ablage, klemmte sich die Jacke unter den Arm und verließ eilig die Wohnung. Einen Kaffee konnte er auch im Büro trinken - sonst würde es noch später werden und auf die Sticheleien der Kollegen bezüglich seines Zuspätkommens konnte er gut und gern verzichten.
    Als er ins Büro kam, lief ihm gleich Anna Engelhard über den Weg.
    „Guten Morgen – ausgeschlafen?“ fragte sie mit einem Schmunzeln im Gesicht. Irgendwie erinnerte sie Ben an Tom, der hatte die Pünktlichkeit auch nicht gepachtet und kam üblicherweise zu spät.
    „Wo haben Sie Semir gelassen?“ fragte sie, als der nicht in Bens Schlepptau das Büro betrat.
    „Keine Ahnung – ist er etwa noch nicht da?“ Ben triumphierte innerlich. Nun war auch Semir einmal der Letzte.
    „Wir sind erst heute morgen ins Bett gekommen. Wir haben uns die halbe Nacht um die Ohren geschlagen – wahrscheinlich schläft er noch selig.“ Damit marschierte er Richtung Küche, um sich eine Tasse „Muntermacher“ zu holen. Während er die Kaffeemaschine in Gang setzte, checkte er wie üblich sein Handy und hörte die mailbox ab. Plötzlich erstarrte er! Da war eine Nachricht von Semir – und keine gute. Eilig wählte er Semirs Nummer, aber auch nach mehrmaligem Läuten ging niemand ran. In Bens Magen breitete sich ein ungutes Gefühl aus. Steckte Semir in Schwierigkeiten? Er ließ den Kaffee stehen und ging schnurstracks ins Büro der Chefin.
    „Chefin, ich habe eine Nachricht von Semir auf der mailbox. Er hat sich, nachdem wir nach Hause gefahren sind, anscheinend noch mal mit einem der Barmädchen getroffen – ich fürchte, er steckt in der Klemme.“ Auf den fragenden Blick Anna Engelhards klärte er sie über Semirs Nachricht auf.
    „Ich fahr da jetzt hin.“
    „Nehmen Sie Bonrath und Herzberger mit – zur Sicherheit!“ riet ihm Anna, die ein ungutes Gefühl hatte. Sie kannte Semir und sie kannte seine Alleingänge .

  • Ben nickte nur, und verließ zusammen mit Bonrath und Herzberger das Büro. Auf dem Weg zum Parkplatz klärte er sie über alles auf.
    „Du kannst dich voll und ganz auf uns verlassen, Ben. Wir hauen Semir da raus,.“ versicherte ihm Bonrath, während er die Tür des Porsche öffnete und versuchte, seinen langen Beine im Fußraum zu verstauen und Hotte bemüht war, seinen nicht geringen Bauchumfang hinters Lenkrad zu klemmen. Ben grinste innerlich. Die beiden waren schon ein seltsames Gespann, aber sie waren auch Kollegen, auf die man zählen konnte. Er schwang sich ebenfalls hinters Steuer und fuhr los – gefolgt vom Porsche der Kollegen.


    Ben wusste, wo die Lagerhalle lag, die Semir genannt hatte. Es waren etwa 20 Minuten zu fahren. 20 Minuten, in denen Ben immer wieder versuchte, Semir telefonisch zu erreichen und mit jedem missglückten Versuch unruhiger wurde. Er spürte immer deutlicher, dass sein Freund in Schwierigkeiten steckte. Sein Freund? Durfte er Semir wirklich seinen „Freund“ nennen? Sie waren Partner ja, und je länger er darüber nachdachte, desto gewisser wurde er sich, dass sie inzwischen auch Freunde waren. Sie konnten sich vertrauen und sich aufeinander verlassen. Er jedenfalls wäre bereit, sein Leben für Semir zu geben und er war sich sicher, dass Semir genauso dachte. Ben hatte wieder das Bild vom Vortag vor Augen, als Semir auf dem Hof des Kinderheimes gestanden hatte und um seinen Freund Tom trauerte.- nach über 2 Jahren. Da wurde ihm bewusst, wie wertvoll und wichtig ihm eine Freundschaft mit Semir war.



    Inzwischen hatten sie ihr Ziel erreicht. Die Lagerhalle lag auf einem etwas abgelegenen Gelände. Ben sah Semirs Wagen in der Einfahrt stehen und bremste so abrupt ab, dass sein Wagen auf dem Kies noch ein Stückchen rutschte, ehe er zum Stehen kam. Aber da war Ben schon draussen und rannte auf Semirs Wagen zu. Die Türen standen offen, das war kein gutes Zeichen. Ben blickte hinein und sofort sah er die verdächtigen Spritzer an der Lehne des Fahrersitzes und am Türholm. Er fuhr mit dem Finger darüber - das war Blut! Bens Herz klopfte plötzlich schneller. Hatte ihn sein Gefühl also nicht getrogen. Dieter, der hinter Ben stand, schluckte schwer, als er die roten Spuren an Bens Finger sah.
    Die drei Männer entsicherten ihre Waffen und gingen auf die Lagerhalle zu. Langsam öffnete Ben die rostige Tür, immer die Waffe im Anschlag und auf einen Angriff gefasst. Vorsichtig spähte er hinein, ehe er die Halle betrat. Für einen kurzen Moment konnten sie nichts sehen, da sie aus dem Sonnenlicht in das Halbdunkel der Halle traten. Vorsichtig arbeiteten sie sich voran und plötzlich flüsterte Hotte: „Hier muss es irgendwo brennen, riecht ihr das nicht?“ Er hielt dabei schnuppernd die Nase hoch. Jetzt nahm auch Ben den Brandgeruch wahr und sah auch sofort die Flammen in einer Ecke der Halle. Langsam ging Ben weiter, Hotte und Bonrath verteilten sich nach rechts und links. Und plötzlich sah er ihn – Semir war zusammen mit einer jungen Frau an einen Pfeiler gefesselt – er bewegte sich nicht. Die junge Frau neben ihm weinte. Ben krampfte sich das Herz zusammen. War er zu spät gekommen? Er ging vor Semir in die Knie und tastete nach seinem Puls. Erleichtert atmete er auf.
    „Er lebt!“

  • Zusammen mit Hotte und Dieter befreiten sie die beiden. Plötzlich gab Semir wieder ein Lebenszeichen von sich. Leise stöhnend öffnete er die Augen.
    „Mann Semir, du machst vielleicht Sachen. Man kann dich wirklich keine Sekunde alleine lassen,“ stieß Ben erleichtert aus und legte Semir die Hand auf die Schulter. Besorgt bemerkte er erst jetzt die Schusswunde. Aus den Augenwinkeln registrierte er, dass das Feuer schnell näher kam. Zu allem Überfluss hatte er in einer Ecke der Halle auch noch eine Palette mit Gasflaschen gesehen. Ob sie voll waren oder leer, wollte er gar nicht wissen. Wenn die in die Luft flogen, dann blieb hier kein Stein mehr auf dem anderen. Sie mussten hier schnellstens raus.
    „Los, wir müssen hier raus und zwar schnell, bevor hier alles in die Luft fliegt. Kannst du aufstehen?“
    Semir nickte schwach.
    „Mit Hilfestellung wird’s schon gehen.“ Semirs Stimme verriet, dass er schwer angeschlagen war.
    „Ben – da hinten im Container – du musst das Mädchen da rausholen.“
    Theresa, die inzwischen von Hotte und Dieter befreit worden war, wollte gerade aufstehen und in die Richtung des Containers laufen, den die Flammen inzwischen fast erreicht hatten. Sie rief immer wieder den Namen ihrer Schwester.


    Dieter hielt sie fest. „Sie können da jetzt nicht hin, das ist viel zu gefährlich.“ Er hatte alle Mühe, das Mädchen, das wild um sich schlug und zappelte, festzuhalten. Ben blickte sich um. Sie mussten sich beeilen, das Feuer kam immer näher.
    „Bringt die beiden hier raus, schnell. Ich kümmere mich um das Mädchen.“
    Während Hotte Semir auf die Beine half und Dieter mit dem Mädchen, das sich immer noch sträubte, Richtung Ausgang ging, rannte Ben zum Container. Mit einem Blick sah er, dass die Tür durch ein Vorhängeschloss gesichert war. Suchend blickte er sich nach etwas um, mit dem er das Schloss knacken konnte. Als er auf die Schnelle nichts fand, nahm er die Pistole, stellte sich seitlich neben die Tür und hielt sich die andere Hand vor die Augen, um sich vor den Splittern zu schützen Dann knallte der Schuss, das Schloss zersprang in mehrere Einzelteile.
    Ben zog an der Tür, die sich mit einem lauten Quietschen öffnen ließ. Inzwischen war der Rauch immer dichter geworden und die Hitze in der Halle fast unerträglich. Selbst das Metall der Containertür hatte sich erheblich erhitzt. Was mussten erst im Inneren für Temperaturen herrschen. Er musste das Mädchen da so schnell wie möglich rausholen. Als er den Container betrat, sah er Maria in der hintersten Ecke auf einer Matratze kauern. Sie hatte die Beine angezogen und die Arme um die Knie geschlungen und sah ihn aus ängstlich geweiteten, verheulten Augen an. Ben tat die Kleine leid. Langsam ging er auf sie zu.
    „Hallo, mein Name ist Ben. Ich bin von der Polizei und hole dich hier raus. Du brauchst keine Angst zu haben.“ Obwohl das Feuer immer näher kam und ihm die Zeit im Nacken saß, versuchte er, ruhig mit dem Mädchen zu sprechen, um sie nicht noch mehr zu verängstigen. Als sie keine Reaktion zeigte und sich nur noch mehr in die Ecke drückte, lächelte er ihr zu.
    „Ich bin Polizist. Keine Angst, dir wird niemand mehr etwas tun. Aber du musst mit mir kommen, wir müssen hier raus.“
    Wieder blickte sie ihn nur ängstlich an. Ben drehte sich kurz um. Die Halle war voller Rauch. Auffordernd hielt er dem Mädchen die Hand hin, forderte sie auf, mitzukommen. Als sie wieder nicht reagierte, ging er näher zu ihr hin und nahm sie einfach auf die Arme. Sie ließ es geschehen und schlang hilfesuchend ihre Arme um seinen Hals.
    „Na gut, dann eben so. Allzu schwer bist du ja nicht,“ murmelte Ben vor sich hin, während er aus dem Container trat. Überall war Rauch der in seinen Augen brannte. Es war höchste Zeit. Ben sah sich suchend um. Der Weg, den er gekommen war, war bereits durch das Feuer versperrt, da war kein Durchkommen mehr. Er musste einen anderen Ausgang finden. Der Qualm reizte seine Atemwege, er musste husten und ging mit seinem Schützling auf den Armen nach rechts, wo er hoffte, einen Ausgang zu finden.
    „Keine Angst, wir schaffen das schon – wir kommen hier raus.“ Er sprach die tröstenden Worte mehr zu sich selbst, als zu Maria, obwohl er sich selbst nicht so sicher war, dass er es wirklich schaffen würde.

  • Hotte und Dieter hatten inzwischen mit Semir und Theresa die Halle verlassen. In einiger Entfernung standen ein paar Bäume, wo sich Semir auf den Boden setzte und mit dem Rücken an den dicken Baustamm lehnen konnte. Hotte hatte bereits sein Handy herausgekramt und die Kollegen und die Feuerwehr, sowie einen Krankenwagen gerufen und kümmerte sich jetzt um Semirs Wunde, während Dieter immer noch damit beschäftigt war, Theresa daran zu hindern, wieder zurückzulaufen.
    „Bleiben sie doch hier! Ben wird ihre Schwester da rausholen. Wenn einer das schafft, dann er, glauben sie mir,“ versuchte er, Theresa zu beruhigen. Diese sah ängstlich auf die Halle, durch deren Fenster man den Feuerschein sehen konnte. Semir hatte die Augen geschlossen und atmete ein paar Mal tief durch. Er war völlig erschöpft. Die Wunde und der Blutverlust forderten ihren Tribut.



    Als Ben ein paar Schritte gegangen war, sah er sich plötzlich vor einer Feuerwand, die ihm das Weitergehen unmöglich machte. Also wendete er sich nach links – irgendwo musste es doch eine Möglichkeit geben. Und obwohl er genau in die Richtung ging, in der die Palette mit den Gasflaschen stand, ging er weiter. Es war seine letzte Möglichkeit. Vielleicht waren die Flaschen auch leer – hoffentlich! Der Rauch wurde immer dichter, das Atmen war fast unmöglich. Schwankend ging er vorwärts, als es plötzlich einen ohrenbetäubenden Knall gab und er einen gewaltigen Schlag in den Rücken bekam, der ihn taumeln ließ. Ein scharfer Schmerz zog durch seinen Körper. Er machte noch einen Schritt nach vorne und fiel dann vornüber auf die Knie. Offenbar waren die Gasflaschen doch nicht leer gewesen und gerade in die Luft geflogen. Um ihn herum herrschte das pure Inferno.


    Es folgten noch mehrere kleine Explosionen. Ben nahm seine ganze Kraft zusammen und rappelte sich wieder hoch, obwohl ihn der Rücken furchtbar schmerzte. Die ganze Zeit hatte er Maria nicht losgelassen, die sich mit einem eisernen Griff an seinen Hals klammerte und ihm noch zusätzlich die Luft abschnürte. Mechanisch und ohne nachzudenken stakste er auf wakligen Beinen vorwärts. Er hatte die Orientierung verloren, um ihn herum war nur noch Rauch und Feuer. Er musste es einfach schaffen, hier herauszukommen. Er hatte keine Lust, hier als Grillfleisch zu enden. Die Schmerzen in seinem Rücken versuchte er so gut es ging, zu ignorieren. Er durfte jetzt nicht aufgeben.

  • Semir sah immer wieder zur Halle. Wo blieb nur Ben? So langsam könnte er doch auftauchen. Auch Dieter blickte immer wieder sorgenvoll in die Richtung des brennenden Gebäudes. Plötzlich gab es einen lauten Knall, die Fenster der Halle zerbarsten in tausend Stücke und durch das Dach schoss eine meterhohe Stichflamme. Binnen Sekunden brannte das ganze Gebäude lichterloh. Immer wieder hörten sie den Knall von Explosionen. Und obwohl sie sich in sicherer Entfernung aufhielten, wurde die Hitze des Feuers fast unerträglich.
    „Ben,“ flüsterte Semir tonlos und rappelte sich auf. Mit der rechten Hand hielt er sich die verletzte Schulter und taumelte vorwärts.
    „Ben……!!!“ Semir schrie es hinaus. Auch Theresa wollte in die Richtung des Infernos rennen und musste abermals von Dieter zurückgehalten werden. Sie schrie nach ihrer Schwester, aber die Schreie gingen im Prasseln des Feuers unter. Semir ging weiter auf die Halle zu und wurde schließlich von Hotte zurückgehalten.
    „Semir, bleib hier, du kannst da nicht rein, das wäre Selbstmord!“
    Eisern hielt er Semir fest, der trotz seiner Verletzung eine immense Kraft entwickelte und immer wieder versuchte, sich aus Hottes Armen zu befreien.
    „Ben! Ben ist da drin, ich muss ihm helfen!“
    Semirs Stimme überschlug sich.
    Hotte schüttelte den Kopf. Auch er wäre Ben gern zu Hilfe gekommen, aber es war einfach zu spät. Jeder Versuch, in das Gebäude zu gelangen würde in einem Desaster enden.
    „Semir, wenn er jetzt noch da drin ist, dann kann ihm keiner mehr helfen. Du würdest dich umbringen. Denk an Andrea und Aida. Sie brauchen dich.“
    Hotte war über seine Worte selbst erschrocken, aber es entsprach der Wahrheit. Diesem Feuer konnte niemand mehr entkommen.


    Als Semir die Namen seiner Frau und seiner Tochter hörte, blieb er stehen und starrte nur noch auf die Feuersbrunst. Er konnte es nicht begreifen – Ben, der ihm in der kurzen Zeit ein so guter Partner und Freund geworden war, musste auf so furchtbare Weise ums Leben kommen. Plötzlich sah er wieder Tom vor sich, und Chris – wie sie vor seinen Augen starben.


    War das nicht schon genug?


    Wieso jetzt auch noch Ben?


    Sollte es ewig so weiter gehen?


    Wann nahm das endlich ein Ende?


    Er nahm die Geräusche um ihn herum nicht mehr wahr, merkte auch nicht, dass inzwischen die Feuerwehr eingetroffen war und ein reges Treibe herrschte. Er starrte nur noch mit vor Entsetzen starrem Gesicht auf die Flammen.

  • Auch Hotte und Dieter raubte die Vorstellung, dass Ben in dem Feuer umgekommen war, beinahe den Verstand. Die vier standen hilflos da und starrten auf die Szenerie, die sich ihnen bot. Feuerwehrmänner rannten kreuz und quer, schrien Befehle und rollten ihre Schläuche aus. Und das Feuer vor ihnen nahm mit rasender Geschwindigkeit Besitz von der ganzen Halle.


    Plötzlich zeigte Theresa mit dem Zeigefinger nach vorne, auf den linken Teil der Halle. Zuerst nahm es niemand wahr, erst als sie mit schriller Stimme den Namen ihrer Schwester schrie.
    „Maria!“
    Und immer wieder: „Maria!“
    Fast zeitgleich blickten Semir, Dieter und Hotte in die Richtung.
    Ihnen blieb beinahe das Herz stehen. Sie sahen eine rußverschmierte, taumelnde Gestalt aus dem Rauch treten, die etwas auf den Armen trug. Je näher die Gestalt kam, desto bewusster wurde es Semir, dass das nur Ben sein konnte. Dieser Teufelskerl hatte es tatsächlich geschafft und war den Flammen entkommen. Einerseits war das unmöglich, andererseits ergriff eine unsagbare Erleichterung Besitz von Semir. Er lachte und weinte zugleich. Ben lebte!


    Ein Feuerwehrmann rannte zu Ben und nahm im das Mädchen ab, um es zum bereit stehenden Rettungswagen zu bringen. Sofort lief Theresa zu ihrer Schwester.
    Semir ging Ben entgegen, der schwankend einen Fuß vor den anderen setzte. Als sie nur noch wenige Meter trennte, sackte Ben plötzlich lautlos und ohne Vorwarnung zusammen. Semir war sofort bei ihm und auch Hotte und Dieter gingen neben Ben in die Knie, der sich nicht rührte. Wahrscheinlich war er vor Erschöpfung zusammengebrochen.
    „Dieter, hol einen Arzt her, schnell.“
    Dieter nickte und rannte auf seinen langen Beinen in Richtung des Rettungswagens, der in einige Entfernung stand. Er war froh, etwas für Ben tun zu können.
    Semir suchte nach einer Verletzung Bens, konnte aber außer ein paar angesengten Haaren auf den ersten Blick nichts feststellen. Plötzlich begann Ben zu husten. Hotte richtete ihn etwas auf, um ihm das atmen zu erleichtern, da fühlte er an seiner Hand, mit der er Ben abstützte, etwas Feuchtes. Erschrocken zog er sie hinter Bens Rücken hervor. Das war Blut!
    „Semir – hier!“ Hotte hielt Semir die blutverschmierte Hand hin.
    „O Gott, nein,“ flüsterte Semir. Seine eigene Verletzung hatte er komplett vergessen. Gemeinsam drehten sie Ben etwas auf die Seite. Aus Bens Rücken ragte ein großer Metallsplitter. Offenbar hatte ihn bei der Explosion ein Stück einer Gasflasche getroffen. Ben lag auf der Seite und stöhnte leise.
    „Semir…………mein Rücken.“
    Dann quälte ihn wieder ein Hustenanfall, der ihm natürlich noch zusätzliche Schmerzen bereitete. Die Rauchvergiftung machte ihm schwer zu schaffen.
    Semir hielt Bens Hand und sprach beruhigend auf ihn ein.
    „Ben, halt durch, alles wird gut. Hörst du? Gleich kommt der Arzt.“
    Wieder hustete Ben und man sah, wie er sich dabei quälte. Er musste furchtbare Schmerzen haben.
    „Ben – gleich hast du´s geschafft! Bitte……….ich brauch dich.“
    Verzweifelt sah sich Semir nach dem Arzt um, während er immer noch Bens Hand hielt.
    „Wo bleibt denn der Arzt?“ schrie er und wurde fast im gleichen Moment beiseite geschoben. Der Notarzt ging neben Ben in die Knie und besah sich dessen Verletzung. Er winkte einem Sanitäter, der gerade mit einer Trage auf sie zukam. Ben stöhnte leise.
    „Semir………“
    Wieder wurde er von einem Hustenanfall unterbrochen. Während der Arzt Ben eine Sauerstoffmaske aufs Gesicht drückte, die ihm das atmen erleichtern sollte, drückte Semir wieder Bens Hand.
    „Ben, gib nicht auf! Kämpfe! Versprich mir, dass du nicht aufgibst.“
    Ben sah Semir an und versuchte, etwas zu sagen. Seine Stimme war so schwach und unter der Sauerstoffmaske kaum zu verstehen, dass Semir sich ganz nah zu Ben runterbeugte.
    „Ich……….. werde mein………. Bestes ………….. tun, Partner,“ flüsterte Ben, ehe er mit einem gequälten Lächeln im Gesicht in die erlösende Ohnmacht hinüberglitt, die ihm der Arzt mit Hilfe einer Spritze verschafft hatte, um ihm weitere Schmerzen zu ersparen. Während die Sanitäter Ben auf die Trage betteten, wandte sich der Arzt Semir zu.

  • „Ist ihr Kollege wirklich mit dem Mädchen auf dem Arm da rausgekommen?“, fragte er mit Zweifel in der Stimme und deutete dabei auf die Flammenhölle hinter sich. Semir nickte etwas geistesabwesend, während er zusah, wie Ben in den Krankenwagen gebracht wurde. Der Arzt brachte nur ein gemurmeltes „Unglaublich!“ heraus, ehe er sich die Wunde von Semir ansah.
    „Ich glaube, wir nehmen sie auch gleich mit, die Kugel muss raus. Soll ich ihnen etwas gegen die Schmerzen geben?“ fragte er und blickte Semir ins Gesicht. Der schüttelte nur den Kopf und ließ sich ebenfalls zum RTW bringen, wo er sich schließlich erschöpft auf die zweite Liege setzte.


    Hotte, der kurz bevor die Hecktür des RTW geschlossen wurde, um die Ecke lugte, riss Semir aus seinen Gedanken.
    „Semir, ich ruf Andrea an, damit sie sich keine Sorgen mehr macht,“ meinte er fürsorglich und warf dabei einen besorgten Blick auf Ben, der in Seitenlage auf der Trage lag. Das große Stück Metall, das aus seinem Rücken ragte, ließ ihn schaudern.
    Semir nickte.
    „Lass die Fahndung nach diesem Kellermann raus – vielleicht ist er auch noch in seiner Bar, dem „Poseidon“! Ihr müsst ihn erwischen – er hat das alles hier zu verantworten.“
    Hotte nahm seinen Blick von Ben, sah zu Semir und nickte. Dann schloss sich die Tür des RTW, der Motor startete und der Wagen setzte sich mit Blaulicht und Sirene in Bewegung.


    Semir saß da und wandte seinen Blick nicht von Ben, während der Arzt seine Schusswunde versorgte. Er zuckte nur kurz zusammen, als ein Sanitäter die Kompresse auf die Wunde legte und mit Heftpflaster fixierte.


    „Wird er es schaffen?“ fragte er mit heiserer Stimme.
    Der Arzt, der ständig die Vitalwerte von Ben prüfte, sah ihn kurz an.
    „Das kommt auf die Schwere der Verletzung an. Er ist jung und kräftig. Wenn die Lunge nicht verletzt wurde, dann hat er gute Chancen. Vorausgesetzt, er kämpft und gibt sich nicht selbst auf.“
    Mit einem aufmunternden Lächeln fügte er hinzu: „Und dass er kämpfen kann, hat ihr Freund ja vorhin schon ausreichend bewiesen. Mir ist es immer noch ein Rätsel, wie er das schaffen konnte – mit der Verletzung.“
    Der Arzt wandte sich wieder seinem Patienten zu und Semir lehnte sich zurück und schloss einen Moment die Augen. Erst jetzt spürte er die Erschöpfung, die seinen Körper eroberte. Die letzten Stunden der Ungewissheit, der Blutverlust und schließlich die Angst um Ben taten ihr Übriges.


    Im Krankenhaus wurde Ben sofort von einem Ärzteteam in Empfang genommen und in den OP gebracht.
    Semir hatte sich anfangs geweigert, sich die Kugel entfernen zu lassen, solange er nicht wusste, was mit Ben war. Aber der behandelnde Arzt hatte ihm versichert, dass er längst wieder aus der Narkose erwacht sein würde, ehe die OP bei Ben abgeschlossen war. Er hatte ihm auch versprochen, ihn sofort zu informieren, wenn sich Bens Zustand in irgendeiner Weise ändern würde.


    So lag Semir nun schon einige Zeit seit seinem Erwachen aus der Narkose mit einem dicken Schulterverband in seinem Bett und wartete. Die Zeit schien ihm zähflüssig wie Honig – sie wollte einfach nicht vergehen. Er machte sich furchtbare Sorgen um Ben. Er sah wieder das große Metallstück aus Ben´s Rücken ragen und konnte sich nicht vorstellen, dass Ben keine schwerwiegenden Verletzungen davon getragen haben sollte.

  • So, kurz vor Jahreswechsel noch mal einen Teil - den Schluss gibts dann nächstes Jahr! ;-))
    Wünsche euch allen einen guten Rutsch und immer vielle Ideen für storys!!!
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    Und immer wieder schweiften seine Gedanken zu Tom ab. Wieder und wieder sah er seinen sterbenden Freund vor sich.
    Nein, noch einmal würde er es nicht ertragen, einen Freund zu verlieren!
    Ben musste einfach durchkommen – eine andere Möglichkeit durfte er erst gar nicht in Erwägung ziehen.
    Semir seufzte leise und sah zur Uhr – so wie er es in der letzten Stunde bestimmt x-mal getan hatte. Schließlich hielt er die Warterei nicht mehr aus. Er zog sich die Kanüle, die mit dem Tropf verbunden war, aus der Hand, schlug die Bettdecke zur Seite und setzte sich auf die Bettkante. Für einen Moment drehte sich alles um ihn. So fit, wie er dachte, war er wohl doch noch nicht. Semir wartete einige Minuten, bis der Schwindelanfall vorüber war und stand langsam auf. Er ging zum Schrank, wo seine Hose und seine Jacke verstaut waren und zog beides langsam an. Im Flügelhemd wollte er nun doch nicht vor dem OP auf Ben warten. Die Prozedur dauerte allerdings einige Zeit, da ihm jede noch so kleine Bewegung seine Schusswunde in schmerzhafte Erinnerung brachte. Aber schließlich hatte er es geschafft und verließ sein Krankenzimmer.


    Als Semir die OP-Tür erreicht hatte, fühlte er sich, als ob er eine 10-stündige Wanderung hinter sich hätte und setzte sich vorsichtig auf einen der Stühle, die bereit standen. Er saß noch nicht allzu lange dort, als er plötzlich ein entrüstetes „Semir“ hörte, und als er sich umsah, sah er Anna Engelhardt und Andrea auf sich zukommen. Andreas Gesichtsausdruck nach zu urteilen, war sie nicht gerade erfreut, ihn hier auf dem Krankenhausflur zu sehen.
    „Semir – sag mal, spinnst du? Wir suchen dich überall? Du wurdest doch selbst grade operiert, was hast du dann hier zu suchen?“
    Als Andrea ihre Tirade beendet hatte, konnte sie ihre Erleichterung darüber, dass es ihrem Mann anscheinend ganz gut ging, nicht mehr verbergen. Sie umarmte ihn vorsichtig und küsste ihn liebevoll auf die Wange.
    „Männer………!“ schnaubte sie noch in gespieltem Entsetzen , „…..unvernünftiger als ein Kleinkind.“


    „Na ja…..,“ versuchte Semir zu einer Erklärung anzusetzen.
    „….ich muss doch wissen, was mit Ben ist. Ich hab es im Bett einfach nicht mehr ausgehalten.“
    Anna Engelhardt, die die ganze Zeit mit verschränkten Armen daneben gestanden hatte, verdrehte nur die Augen, aber sie verstand Semir auch. Immerhin ging es hier um das Leben seines Freundes und Kollegen Ben. Auch sie war mächtig erschrocken, als sie von Ben´s Verletzung erfahren hatte – und auch sie hatte große Angst um ihn. Gemeinsam warteten sie vor der Tür des OP darauf, dass irgendjemand heraus kam und ihnen sagen würde, dass es Ben gut ging.
    Die Kollegen waren in der Zwischenzeit zum „Poseidon“ gefahren und hatten den Laden ausgehoben. Sogar Kellermann war noch dort. Offenbar war er seiner Sache recht sicher gewesen und hatte überhaupt nicht damit gerechnet, dass Semir und die Mädchen rechtzeitig gerettet werden konnten. Er tobte und versuchte sich mit Schlägen und anderen Gemeinheiten seiner Verhaftung zu widersetzen, aber schließlich wurde er doch in Handschellen abgeführt und hinter Schloss und Riegel gebracht. Die Beamten fanden noch 5 junge Mädchen in den Hinterzimmern des „Etablissements“, allesamt minderjährig und aus Polen. Die Mädchen wurden vorübergehend im Kinderheim untergebracht.


    Nach weiteren zwei Stunden des bangen Wartens ging schließlich die Tür auf und der Oberarzt kam auf die kleine Gruppe zu. Zuerst sah er etwas irritiert zu Semir, den er eigentlich in seinem Bett vermutet hätte, sagte aber nichts dazu. Andrea und Anna waren sofort von ihren Stühlen aufgesprungen, als sie den Arzt sahen, bei Semir ging das etwas langsamer, aber schließlich standen alle drei mit fragendem Blick vor dem Arzt.

  • So, nun hab ich die story doch noch fertig bekommen und will euch das Ende nicht vorenthalten.


    Hoffentlich ist es euch nicht zu "weichgespült"!


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    „Wie sieht es aus, Doc?“ brachte Semir schließlich mit krächzender Stimme hervor. Einerseits wollte er endlich wissen, wie es Ben ging, andererseits graute ihm vor einer schlechten Nachricht.
    Der Doc vergrub beide Hände in den Taschen seines Arztkittels und räusperte sich.
    „Nun, wir haben ihrem Kollegen das Metallstück herausoperiert. Er hatte unwahrscheinliches Glück, dass die Wirbelsäule nicht verletzt wurde. Wäre der Splitter nur 2 cm weiter links eingedrungen, dann wäre er querschnittsgelähmt. Auch die Lunge hat erstaunlicherweise nichts abbekommen – aber trotzdem ist die Verletzung schwerwiegend.“
    Er machte eine kurze Pause und sah in drei entsetzte Augenpaare.
    „Aber er ist jung und kräftig und ich denke, wenn er diese Nacht ohne Komplikationen übersteht, dann hat er es geschafft. Aber wie gesagt, ein Restrisiko bleibt immer.“
    Andrea und Semir umarmten sich glücklich, während der Arzt dastand und schmunzelnd zusah.
    „Aber Herr Gerkhan…….“ Semir sah ihn fragend an und befürchtete schon, dass der Arzt noch eine schlechte Nachricht in petto hatte. Doch dieser sah ihn nur mit gespielter Strenge an.
    „Ich kann mich nicht erinnern, dass ich ihnen erlaubt habe, aufzustehen! Sie wurden selbst erst operiert und gehören ins Bett.“
    Semir lächelte erleichtert. Jetzt, da er wusste, dass Ben gute Chancen hatte, wieder vollständig gesund zu werden, ließ er sich gerne wieder ins Bett verfrachten und blieb auch dort…………..


    …………wenigsten für die nächsten Stunden. Sobald er wieder erwacht war und sich kräftiger fühlte, verbrachte er die meiste Zeit an Ben´s Bett., der immer noch ohne Bewusstsein war. Er saß stundenlang nur da, sah Ben blass in den Kissen liegen, sah auf die diversen Apparate, die um Ben´s Bett gruppiert waren und hoffte, dass er bald wieder erwachen würde. Dabei schweiften seine Gedanken immer wieder ab…..



    Wie oft hatte er so schon an Tom´s Bett gesessen in den vergangenen Jahren?
    Oder Tom an seinem?
    Es hatte viele Situationen gegeben, in denen sie dem Tod näher waren, als dem Leben.
    Er konnte sich auch noch gut daran erinnern, wie Tom nach dem Fall mit den Organhändlern, der ihn beinahe das Leben gekostet hätte, an seinem Beruf zweifelte und sich ernsthaft Gedanken gemacht hatte, ihn an den Nagel zu hängen. Er konnte sich auch noch daran erinnern, wie er sagte, dass dieser Beruf ihn oder Semir irgendwann einmal das Leben kosten würde.
    Und Tom hatte recht behalten!
    Dieser Beruf hatte ihn das Leben gekostet!
    War es das wirklich wert?
    Würde ihn oder Ben irgendwann das gleiche Schicksal ereilen?
    Keiner konnte das sagen – aber Semir war sich sicher, dass er diesen Beruf liebte – trotz des ständigen Risikos, in Gefahr zu geraten.
    Und er war sich sicher, dass er in Ben endlich wieder einen Freund gefunden hatte, wie Tom es gewesen war. Einer auf den er sicher verlassen konnte – in jeder Situation und ohne große Worte. Ein Freund, wie er ihn in den letzten 2 Jahren so vermisst hatte.



    Während er so seinen Gedanken nachhing, entging ihm fast, dass Ben sich bewegte. Er hatte noch immer die Augen geschlossen, aber seine Hand tastete langsam über die Bettdecke. Semir umschloss Ben´s Hand mit beiden Händen.
    „Ben…..“


    Ben öffnete langsam die Augen und sah den besorgten Blick von Semir. Er versuchte, sich aufzurichten, ließ es aber sofort wieder bleiben, als ihn ein scharfer Schmerz durchzuckte. Ben stöhnte leise auf und verzog das Gesicht.
    „Hast du Schmerzen?“ Semir sah seinen Freund besorgt an.
    „Mein Rücken…………was ist passiert?“ Immer noch fehlte ihm die Erinnerung, an das, was geschehen war.
    Erst als Semir ihm alles erzählt hatte, nickte Ben wissend.
    „War wohl verdammt knapp, oder?“ fragte er vorsichtig.
    „Knapp? Du bist gut, ich dachte wirklich, dass du da drin mit den Gasflaschen in die Luft geflogen bist. Mann Ben, ich hatte eine Sauangst um dich!“
    Ben begann zu grinsen.
    „Das ist aber nett,“ stellte er dabei fest und sein Grinsen wurde breiter.
    Semir verstand nicht recht.
    „Was soll daran nett sein, wenn du in die Luft geflogen wärst?“ Verständnislos sah er Ben an.
    „Nein, ich finde es nett, dass du dir Sorgen um mich gemacht hast……“
    Nun grinste auch Semir: „Klar doch – was wäre ich für ein Freund, wenn ich mir keine Sorgen um dich machen würde. Schließlich bist du viel jünger als ich und ich habe die Verantwortung für dich und überhaupt………..“
    „Semir! – Es reicht……du bist ja schlimmer als meine Mutter,“ unterbrach ihn Ben mit einem tadelnden Blick.
    Semir zuckte nur grinsend mit den Schultern und meinte lakonisch: „Irgendwer muss ja auf dich Jungspund aufpassen!“



    Als Ben wieder vollkommen gesund war, holte ihn Semir von der Klinik ab.
    „Na Partner? Wieder voll einsatzbereit?“ meinte Semir mit einem Seitenblick auf Ben, der neben ihm auf dem Beifahrersitz saß und erwartungsvoll auf die Straße sah.
    „Ich platze vor Tatendrang – was liegt an? Wo fahren wir hin?“
    Semir legte den Gang ein und gab Gas.
    „Wir fahren erst mal zu dir nach Hause, aber vorher würde ich gern noch auf dem Friedhof vorbeischauen, wenn es dir nichts ausmacht. Andrea hat mir einen Strauß für Tom mitgegeben.“


    Gemeinsam betraten sie das Friedhofsgelände und gingen schweigend den Weg bis zu Tom´s Grab. Semir nahm die Vase vom Grab und ersetzte die welken Blumen durch den frischen Strauß Sonnenblumen, den ihm Andrea mitgegeben hatte.
    „Ich geh mal kurz Wasser holen,“ meinte Semir und ging in Richtung des Brunnens.


    Ben betrachtete das Grab. Es war mit weißem Granit umrahmt. Der Grabstein war ein weißer Granitobelisk auf dem Toms Namen und das Geburts- und Sterbejahr eingraviert waren. Daneben stand ein kleinerer, ovaler Obelisk aus schwarzem Granit in den ein Foto von Tom eingelassen war. Auf dem Obelisk stand ein Lebensbaum aus Bronze. Über dem Foto stand der Satz: „Wir vermissen dich“. Ben musste unwillkürlich schlucken. Diesem Grab sah man an, dass der Verstorbene sehr beliebt gewesen war und über den Tod hinaus noch Freunde hatte. Freunde wie Semir, Andrea, Dieter, Hotte und all die anderen.


    „Das Grab ist wunderschön gestaltet,“ sagte Ben, als Semir wieder neben ihm stand. Der nickte. „Ja, wir machen das gemeinsam – das sind wir ihm einfach schuldig!“ Eine Weile standen sie noch schweigend da, bis Ben sinnend fortfuhr: „Er muss ein wunderbarer Mensch gewesen sein. Schade, dass ich ihn nicht kennenlernen durfte.“
    Semir lächelte vor sich hin.
    „Ja, das war er. Und ein wunderbarer Freund. Genau wie du einer bist, Ben.“ Semir legte Ben die Hand auf die Schulter und gemeinsam gingen sie den Weg zum Parkplatz zurück.


    In der darauf folgenden Nacht träumte Semir einem Traum, in dem Tom auf ihn zuging und vor ihm stehen blieb. Er sah in das lachende Gesicht seines Freundes und hörte dessen Worte: „Hallo Semir. Ich glaube, nun kannst du mich endlich gehen lassen. Du hast jemanden gefunden, der nun auf dich aufpasst, dann kann ich endlich zur Ruhe kommen. Leb wohl…..!“ Semir sah, wie Tom ihm zuwinkte und sich schließlich umdrehte und verschwand.


    In dem Moment wachte Semir auf. Sein Herz klopfte. Er lag in dem stockdunklen Zimmer in seinem Bett und hatte das untrügliche Gefühl, als ob jemand im Zimmer wäre – als ob Tom im Raum wäre. Er konnte es nicht erklären und es war ja auch Unsinn, aber er glaubte wirklich, Toms Anwesenheit zu spüren. Aber es machte ihm keine Angst, im Gegenteil. Eine seit Toms Tod nicht mehr gekannte Zufriedenheit umfing ihn. Er sah noch einmal das Traumbild wie Tom winkend weg ging, vor sich und spürte gleichzeitig, wie das Gefühl nachließ, dass jemand im Raum wäre.
    „Leb wohl, Tom,“ murmelte er lächelnd.
    Er spürte, dass von jetzt an die Erinnerung an Tom nicht mehr so schmerzlich sein würde.
    Dass er von nun an mit Dankbarkeit und Freude über die gemeinsame Zeit an ihn denken konnte. Und er würde ihn nie vergessen.
    Aber es war Zeit, ihn loszulassen. Und das hatte er soeben geschafft.
    Zufrieden drehte sich Semir zu Andrea um, die neben ihm schlief und von alldem nichts mitbekommen hatte, und kuschelte sich an ihren warmen Körper, ehe er wieder einschlief.



    ENDE !!!

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