Stille Nacht

  • Dritter Advent ... noch 10 Tage bis Weihnachten.



    Über NRW hatte sich ein weißes Betttuch gelegt. Schnee und Eis hatten dem Land in den letzten Tagen übel mitgespielt. Dennoch war es eine wunderbar gemalte Landschaft. Bei Familie Gerkhan bereitete man sich auf das Fest vor. Da Semir sich nicht mehr von diesen knollnäsigen, spitzfindigen und übers Ohr ziehenden Weihnachtsbaumverkäufer, deren Bäume alle schmal und nicht festlich aussahen, über den Tisch ziehen lassen wollte, hatte er beschlossen, selbst einen Baum zu schlagen.


    So fuhr er mit Andrea und Aida aus dem matschigen Köln hinaus in das winterliche Land. Einige Kilometer vor der Stadt bot der Förster selbstgezüchtete Bäume an. "Semir, ich bin müde. Wie lange willst du denn noch durch die winterliche Botanik stiefeln?", fragte Andrea erschöpft und hielt dabei ihre Tochter im Arm. "Ich suche den richtigen Baum.", erwiderte er, hielt die Axt fest in der Hand und schaute sich nach dem richtigen Baum um. Dann stieß er auf einen wunderbar gewachsenen Baum, gerade nach oben und mit einem herrlich dichten Tannenkleid. Sofort setzte er die Axt an und schlug einige Male mit kräftiger Hand zu. Sogleich fiel der Baum und Semir grinste triumphierend als er den Gefällten vor sich liegen sah. "So, jetzt können wir nach Hause.", meinte Semir ruhig und nahm den grünen Kerl auf seine Schulter. Zufrieden fuhren sie nun wieder nach Hause und fingen sogleich an, den Baum aufzustellen und zu schmücken.


    Kerstin Lehmann fuhr gerade mit ihrer zweijährigen Tochter Elli vom Chorsingen nach Hause. Die gelernte Konzertpianistin und Sopranistin war leicht genervt, da ihre Tochter wieder einen ihrer Wutanfälle hatte. Sie wollte unbedingt ihre Lieblingsweihnachts-CD hören, doch Kerstin hatte vorerst genug von Weihnachtsmusik. So war der Streit vorprogrammiert. Das Mädchen hatte jedoch eine sehr laute Stimme, aber ihre Mutter hatte gelernt, diese gekonnt zu ignorieren. Auch wusste sie, wie sie ihre Tochter wieder besänftigen konnte. So lenkte sie den Wagen auf einen Rastplatz. "So, Mama ist gleich wieder da.", meinte Kerstin und sah nur das Schmollgesicht ihrer Tochter, die natürlich kein Wort mit ihr redete. Lächelnd aber kopfschüttelnd schloss Kerstin die Tür ihres Wagen und ging auf die Tankstelle zu. Sie merkte nicht, wie ihr ein dunkler Wagen gefolgt war. Schnell stieg ein Mann aus, eilte rüber zu dem blauen VW, setzte sich ans Steuer und brauste davon. Nur ein an einen Stein befestigten Zettel ließ er zurück.


    Als die Frau wieder aus der Tankstelle kam, hatte sie für ihre Tochter ein Stoffrentier unter dem Arm, das "Oh du Fröhliche" sang. Doch als sie in die Kälte trat, war ihr Wagen weg. Beunruhigt sah sie sich um und rief Ellis Namen, immer und immer wieder. Doch ihr Wagen und ihr Kind waren weg. Mit zittriger Hand wählte sie im Handy eine Nummer.


    Ben stand im Rollkragenpulli auf der Leiter in seinem Wohnzimmer und schmückte seinen Baum. Singend hängte er eine Weihnachtskugel nach der anderen an. "Silent night, holy night.", sang er mit seiner sanften Stimme, dann jedoch unterbrach ihn jäh das Telefon, wobei er fast mit der Leiter in den Baum fiel.


    ...

  • Ben versuchte sich ruhig zu halten. Endlich war die Leiter wieder im Gleichgewicht und nun konnte er das Gespräch entgegen nehmen. "Ben Jäger beim Baum schmücken.", meldete er sich mit leicht schwitziger Stimme. "Ben, hier ist Kerstin. Es ist etwas furchtbares passiert.", begann sie schluchzend. "Ganz langsam, was ist passiert?", fragte der junge Kommissar und stieg behutsam von der Leiter. Kerstin erzählte ihm, was passiert war. In Bens Gesicht wich die Weihnachtsstimmung den Sorgenfalten des Alltags wieder. "Okay Kerstin, wo bist du?", fragte er dann und zog sich derweil schon seine Jacke und Schuhe an. "An der Tankstelle kurz vor der Abfahrt Leverkusen West. Ben, ich habe solche Angst um Elli." "Ich komme sofort. Bleib ganz ruhig, hörst du?", beruhigte Ben seine Freundin. Dann legte er auf und rannte die Treppen hinunter zu seinem Wagen.


    Semir, Andrea und Aida waren nun wieder zu Hause angelangt. Sofort brachte Andrea ihre völlig erschöpfte Tochter ins Bett, während ihr über alles geliebter Göttergatte versuchte, den Baum, den er selbst geschlagen hatte, möglichst gerade in den Ständer arrangiert zu bekommen. An den nach oben dringenden Flüchen musste sie jedoch feststellen, dass er das nicht ohne Hilfe bewerkstelligt bekam. "Soll ich dir nicht doch helfen?", fragte sie und beobachtete Semir vom Türrahmen aus. "Andrea, ich kann das allein.", erwiderte er leicht genervt und gereizt. Mit schon entnervten Händen versuchte Semir den Baum zu halten und gleichzeitig die Spannhaken des Baumständers so fest zu ziehen, dass er gerade saß. Das Klingeln seines Handys trug nicht gerade zu seiner Entspannung bei.


    "Ja, wer stört?", schnautzte er in den Hörer. "Tschuldige, dass ich dich in deiner Ruhe störe, Partner, aber wir haben eine Entführung. Bin in etwa fünf Minuten bei dir.", meinte Ben. "Okay, war ja mal wieder klar. Immer wenn man was anderes zu tun hat ..." "kommt einem die Arbeit dazwischen.", beendete Ben den Satz und legte auf. "Andrea?", rief Semir ins Wohnzimmer und staunte, als seine Frau neben dem kerzengeraden Baum stand. "Du wolltest dir ja nicht helfen lassen.", meinte sie grinsend. Semir sah seine Frau mit offenem Mund an. Dann besann er sich, gab ihr einen liebevollen Kuss und zog seinen Mantel an, warf gleichzeitig seinen Schal um. "Bist eben doch die Beste.", meinte er zärtlich. "Musst du weg?", fragte sie. "Ja, es gibt da einen, der es wohl nicht ausstehen kann, wenn ich mal einen Sonntag frei habe.", erwiderte Semir. Wenige Minuten später kam Ben ums Eck gefahren und sofort sprang Semir in den Wagen.


    "Also, was haben wir dieses Mal? Leiche? Drogenfund?" "Entführung.", beendete Ben das Rätselspiel. "Oh schiet. Und wer?", fragte Semir dann. Ben sah ihn dabei sorgenvoll an. "Mein Patenkind.", erwiderte er mit einem Kloß im Hals. Semir stutzte. Nun kannte er seinen Partner schon einige Monate, war mit ihm jeden Tag zusammen und wusste doch noch nicht alles von ihm. "Dein Patenkind? Dir vertraut jemand sein Kind an?", versuchte Semir zu witzeln, doch ein herber Blick von Ben ließ den Witz ersticken. Semir sah, wie Ben mit besorgter Stirn am Steuer saß. Nur wenige Minuten später erreichten sie den Tankstellenplatz, wo Kerstin Lehmann schon ungeduldig und schluchzend wartete.


    "Ach Ben, ich hätte sie nicht im Wagen lassen dürfen.", meinte Kerstin weinend, als Ben auf sie zukam, und fiel ihm in die Arme. Ben fehlten die richtige Worte seine älteste Schulfreundin zu trösten. Er nahm sie einfach fest in den Arm. "Kerstin, ich verspreche dir, ich werde Elli finden. Aber zuerst musst du uns sagen, was passiert ist.", meinte er dann und sah sie eindringlich mit seinen kastanienfarbenen Augen an. "Kerstin, mein Kollege Semir und ich müssen alles genau wissen.", mahnte Ben. Semir stand mit runzelnder Stirn daneben und versuchte mit seiner sanften Stimme auch beruhigend auf die Frau einzuwirken. "Frau Lehmann, was ist passiert?", fragte er und seine Blicke fielen dann auf die sich erhebene Hand, die den Stein mit dem Zettel festhielt. Er nahm ihn behutsam an sich, machte das Gummiband ab und las den Zettel.


    ...

  • "Ihre Tochter sieht süß aus. Wenn Sie sie wiederhaben wollen, werden sie zahlen müssen. 500.000 Euro für das Leben ihrer Tochter.", las Semir vor. Sofort brach Kerstin wieder in Tränen aus und schmiegte sich an Bens Schulter. "Ben, ich hätte sie nemals allein lassen dürfen.", schluchzte sie wieder. "Beruhig dich, ich werde Elli dir wiederbringen. Das verspreche ich dir, bei meinem Leben.", schwor Ben. Doch Semir stand diesem Schwur eher misstrauisch gegenüber, nicht, dass sein Kollege und Freund sein Leben riskieren würde, aber irgendetwas an dieser Frau kam ihm nicht astrein vor. "Frau Lehmann, ich muss ihnen diese Frage stellen, auch wenn es im Moment für sie schwer ist.", meinte Semir und sah die Frau abwartend an, doch Ben warf ihm einen etwas vorwurfsvollen Blick zu. Davon ließ sich der routinierte Hauptkommissar jedoch nicht abbringen und verdeutlichte seine Frage durch ein etwas provokantes "Also?".


    Sie drehte sich mit verweinten Augen zu dem Kleinen um, ihr Lidschaten lief an ihren Wangen herunter und hinterließ hässliche schwarze Striche, als ob sie gerade einen Schornsteinfeger bei seiner Arbeit geküsst hätte. "Ich weiß es nicht...", fing sie an. Dann aber schien sie doch einen Verdacht zu haben, Semir merkte aber, dass sie etwas verschwieg. Doch für den Moment reichte ihm die Antwort und er verständigte die Kollegen der KTU. Ben setzte Kerstin in seinen Wagen und bat sie hier zu warten. Dann ging er zu Semir, der sich ein Bild vom Tatort machte. "Sag mal, was sollte denn das?", fragte Ben etwas erbost. "Ich weiß nicht, was du meinst.", gab Semir verwundert zurück, hatte er doch nur eine Routine-Frage gestellt. "Du weißt genau, was ich meine. Sie ist kaum in der Lage einen klaren Gedanken zu fassen und du behandelst sie mit dem Holzhammer.", warf Ben seinem Freund und Kollegen vor. "Ben, du weißt genau, wie ich, dass die ersten Minuten nach so einem Vorfall entscheidend sind. Außerdem, bist du da nicht etwas zu eingenommen?" "Wirfst du mir mangelnde Professionalität vor?", Ben schien richtig böse zu werden, merkte es aber selbst. "Entschuldige, es ist nur, es geht um mein Patenkind.", entschuldigte er sein Verhalten. "Schon okay, komm lass uns an die Arbeit gehen.", meinte Semir beruhigend.


    Die Kollegen und auch Hartmut kamen schneller wie die Feuerwehr. Sofort machten sie sich an die Arbeit. Semir ließ sich vom Tankstellenwart die Videobänder aller Überwachungskameras am Tatort geben. Ben war derweil mit den Befragen der Zeugen beschäftigt, obwohl seine Gedanken sorgenvoll bei seiner kleinen rothaarigen Patentochter. Zwar ergaben die Aussagen der Zeugin einen ungefähren Ablauf der Tat, aber eine genaue Beschreibung des Mannes, der in den VW stieg, konnten sie nicht geben. Beide Kommissare gingen zu ihrem Wagen, Kerstin Lehmann wurde bereits von den Kollegen nach Hause gefahren. "Und? Wie siehts bei dir aus?", fragte Semir. "Na ja, die Zeugen meinen, dass ein Mann, etwa mittleren bis jungem Alters mit schütterem bis hin zu vollem Haar, aus Richtung der Toiletten kam, sich ans Steuer des VWs setzte und abfuhr.", erwiderte Ben mit missmutigem Gesicht. "Also kann uns keiner eine genaue Beschreibung des Täters geben.", meinte Semir und nahm sein klingelndes Handy aus der Tasche. "Semir, ihr sollt sofort zur Chefin kommen. Das LKA hat angerufen.", meinte Susanne. "Alles klar, sind schon auf dem Weg."


    "Was ist?", fragte Ben und massierte sich die Stirn. "Scheinbar gibt es Schwierigkeiten seiten des LKAs. Wir sollen sofort zur Chefin.", erwiderte der Hauptkommissar. "Das kann doch wohl nicht sein. Semir, egal, was die sagen, ich lass mir den Fall nicht wegnehmen.", fauchte Ben mit kopfschüttelndem Gesicht.


    ...

  • Doch es sollte sich als Irrtum herausstellen. Als die beiden das Büro der Chefin betraten, sah sie eher optimistisch, als von Bean geahnt pessimistisch, aus. "Chefin, egal, wer den Fall bearbeitet. Ich will auf alle Fälle daran mitarbeiten.", fiel Ben mit der Tür ins Haus. Anna sah ihn fragend an. "Ben, jetzt lass doch mal.", meinte Semir beruhigend, doch sein Kollege schien nicht von seinem Vorhaben abzubringen sein. "Herr Jäger, dass sie den Fall abgeben sollen, hat keiner gesagt.", meinte Anna und bekam zwei fragende Gesichter präsentiert. "Das LKA ist derzeit unterbesetzt und hat sich mit einigen verzwickten Mordfällen zu beschäftigen. Der Entführungsfall bleibt also bei uns.", erklärte sie ihren beiden Kommissaren. "Sehr gut.", meinte Ben arbeitswütig. "Machen sie sich gleich an die Arbeit. Das LKA hat uns jegliche, entbehrliche Hilfe zugesichert, die sie brauchen. Auch die Technik kriegen wir zur Verfügung gestellt. Ben, am Besten, sie fahren zur Familie und stellen fest, ob sich die Entführer schon gemeldet haben. Semir, sie sehen sich mal die Familienverhältnisse an und prüfen, ob irgendetwas gegen sie vorliegt.", meinte Anna. "Können das nicht Bonrath und Herzberger machen?", fragte er etwas genervt und sah leicht verstohlen auf die Uhr.


    "Nein, denn die beiden sind bis über beide Ohren damit beschäftigt, den Wolf wieder einzufangen, der am Freitag aus dem Zirkus verschwunden ist.", erklärte die Chefin und sah Semirs geknicktes Gesicht. Sofort machten sich die beiden Kommissare an die Arbeit. Ben fuhr zu Kerstin und überwachte dort den Aufbau und die Einrichtung der Technik. Hartmut saß schon am Apperat und wartete geduldig auf den Anruf. "Und Hartmut?", fragte der junge Kommissar mit ungeduldigem Blick über die Schulter des rothaarigen Technikleiters. "Noch nichts, Ben, was eigentlich ungewöhnlich ist.", meinte er. "Sie haben immerhin die Forderungen schon gestellt.", erwiderte Ben erklärend. "Na, dann kann ich mir ja hier einen Wolf sitzen." "Gut, dann kannst du den gleich weiter an Hotte und Dieter geben, die suchen nämlich nach einem." Ben ging ins Wohnzimmer, wo Kerstin mit zittrigem Körper neben einem Mann auf dem Sofa saß und starr auf das Telefon blickte.


    "Hallo Ben.", begrüßte ihn der gleichaltrige Mann, etwa von Bens Statur, doch seine Haare waren kurzgeschoren, als ob er noch im Grundwehrdienst war. "Grüß dich, Patrick.", erwiderte Ben und umarmte ihn kurz. Ben, Kerstin und Patrick sind schon seit der Schulzeit miteinander eng befreundet. Umso mehr freute sich Ben, als die beiden dann heirateten und er die Patenschaft über ihre kleine Tochter übernehmen durfte. Sie trafen sich früher öfters, doch seit anderthalb Jahren war jeder so im Stress, dass sie es alle drei Monate mal schafften, sich zu treffen und über vergangene Zeiten zu plaudern. Und jetzt musste so eine quälende Sache das Trio wieder zusammenführen. "Ben, wer macht so etwas? Ich habe niemanden etwas getan.", verteidigte sich der Sternekoch mit unsicherer Stimme. "Ich weiß es nicht, Patrick, aber ich werde es herausfinden.", versuchte Ben ihn zu beruhigen. Dann zerriss das schrille Klingeln des Telefons die Stille.


    Semir war inzwischen im Büro damit beschäftigt, sich ein Bild über die Familie Lehmann zu machen. Finanziell ging es ihnen ganz gut. Der Ehemann war ein gefragter und hochbezahlter Sternekoch, sie eine erfolgreiche Chorsängerin, die mit ihrem Chor schon halb Europa bereist hatte. "Um Geld kann es kaum gehen.", murmelte Semir, als er die Vermögensverhältnisse durchsah. Ihm kam dabei die geforderte Lösegeldsumme ziemlich gering vor, was ihn zum Schluss brachte, dass es sich um ein persönliches Motiv handeln musste. Er musste die Familie wohl oder übel dazu befragen. Auch wenn Ben ein guter Freund war, so war er in erster Linie Polizist.


    So schnappte er sich seine Jacke und verließ das Büro in Richtung Parkplatz. Unterwgs kamen ihm Hotte und Dieter entgegen, beide völlig nass und mit Schnee von oben nach unten bedeckt. Lachend sah er die Beiden an und erntete einige strenge Blicke. "Was ist denn mit euch passiert? Ist euch der Schnee auf den Kopf gefallen?", fragte er lachend. "Sehr witzig, Herr Hauptkommissar.", schimpfte Hotte. "Dieses Biest ist uns dauernd durch die Lappen gegangen.", meinte Dieter geknickt und hielt dabei das zerrissene Netz hoch. "Es wird doch wohl ein Wolf nicht schlauer sein, als ihr? Dieter, das wundert mich jetzt aber.", meinte Semir etwas sarkastisch und bekam dafür wütend den Netzköcher über den Kopf gehängt. Nachdem er das Ding in die Ecke gestellt hatte, startete er seinen BMW und fuhr davon. Unterwegs rief er Andrea an und sagte ihr, dass es spät werden könne.


    ...

  • Aufgeschreckt vom Klingeln zuckte Kerstin Lehmann zusammen und wagte es kaum, den Hörer in die Hand zu nehmen. Zu groß war die Angst vor dem, was sie hören konnte. Hartmut saß sofort vor dem Ortungsgerät und hatte sich die Kopfhörer aufgesetzt. Ben nickte seiner Freundin zu, als Zeichen, dass sie rangehen solle. Vorsichtig nahm sie den Hörer in die Hand und betätigte gleichzeitig den Knopf für den Lautsprecher. "Ja, Lehmann?", meldete sich Kerstin vorsichtig. "Mama, hilf mir.", hörte sie die zittrige Stimme ihrer Tochter durch den Hörer. Ben konnte die Angst seiner Patin hören. Wut regte sich in ihm und brachte sein Blut zum Kochen. "Elli Schätzchen, geht es dir gut?", fragte die Mutter erregt und mit flatternder Stimme. "Noch geht es ihr gut.", hörte sie dann eine fremde Stimme im Telefon. "Wer sind sie? Lassen sie meine Tochter gehen.", schaltete sich nun der Vater ein, da die Mutter wie angewurzelt auf der Couch saß und keinen Ton mehr von sich gab.


    "Was ich will, habe ich doch wohl deutlich gemacht, Herr Lehmann.", erwiderte die Stimme und triefte vor Hohn und Teufeleien. Ben wäre am Liebsten ins Telefon gefahren und hätte denjenigem am anderen Ende dermaßen gewürgt, bis ihm selbst die Hände schmerzten. "Ihre Familie dafür büßen, was sie mir angetan haben.", fauchte es dann aus dem Hörer. Ben horchte auf. Hatten seine besten Freunde etwa Dreck am Stecken? Das konnte nicht sein. Niemals hätten sie einem anderen Menschen etwas schaden können. Er konnte sich das nicht vorstellen. Doch nun war sein Bulleninstinkt geweckt, der ihm sagte, dass hier etwas nicht stimmen konnte. Unauffällig sah er Kerstin an, die so aussah, als ob sie den Anrufer erkannt hatte. Doch es konnte auch ein Schock sein.


    Wieder erklang die Stimme aus dem Telefon. "Sie werden bestimmt schon die Polizei verständigt haben? Gut, dann wird ja der Patenonkel dieses süßen Engels hier, auch bald da sein." "Er hört schon längst zu, du sadistischer Teufel.", fauchte Ben wütend und konnte die aufgestaute Wut nur schwer bändigen. "Bitte keine Schmeicheleien. Sie werden mir das Geld bringen. Sie haben 8 Stunden Zeit. Dann melde ich mich wieder.", gerade wollte der Entführer das Gespräch beenden, als sich der Vater wieder einmischte. "Bitte, sie müssen mir mehr Zeit geben. Soviel Geld ist auf einmal schwer zu beschaffen.", bat er fast flehend, doch mit festerer Stimme, als seine Frau. "Nein.", kam als Antwort aus dem Hörer und dann war das markante Tuten zu hören. Er hatte aufgelegt.


    "Hartmut, hast du ihn?", fragte Ben ungeduldig und eilte ins Nebenzimmer. "Er hat einen Störsender benutzt. Ich kann nur ungefähr sagen, wo er sich aufhalten könnte.", erklärte Hartmut und sah konzentriert auf den Monitor. "Nun sag schon.", bellte Ben ihn an. Er zuckte zusammen. "Hey, ich kann auch nicht hexen. Klar?", fauchte der Techniker zurück. Ben sah sein Fehlverhalten ein und klopfte ihm entschuldigend auf die Schultern. Semir kam zur Tür rein und sah die bedrückte Atmosphäre. "Hat sich der Entführer schon gemeldet?", war seine erste Frage. "Gerade eben.", erklärte Ben und Semir sah ihn abwartend an. "Ich soll das Lösegeld überbringen.", erklärte er. "Warum gerade du?", fragte Semir und hatte schon wieder so eine dunkle Vorahnung. "Der Entführer verlangt es so. Er sagte, die beiden sollen für irgendwas büßen, was sie ihm angetan haben.", erwiderte Ben und sah zu Kerstin und Patrick hinüber. "Da will ich jetzt aber wissen, was hier vor sich geht.", murmelte Semir und ging auf die beiden zu. Ben folgte ihm.


    "Herr und Frau Lehmann, kennen sie den Anrufer? Haben sie seine Stimme erkannt?", fragte Semir und hockte sich vor den Beiden hin. Der Mann schüttelte den Kopf, doch seine Frau wiedersprach ihm. "Vielleicht, aber das kann nicht sein.", flüsterte sie überlegend. "Was, Kerstin, was kann nicht sein?", fragte Ben nach und packte sie dabei an der Schulter.


    ...

  • Sie sah Ben mit großen Augen an. Dieser lockterte seinen etwas rabiaten Griff und dennoch, sein Blick hielt an ihr fest. "Diese Stimme kam mir so bekannt vor.", meinte sie und sah an Ben und Semir vorbei. "Aber der Mann, dem sie gehört, ist schon seit einem Jahr tot.", fügte sie hinzu. "Wer ist der Anrufer?", fragte Semir. "Frau Lehmann, sie können ihrem Kind nur helfen, wenn sie mit uns reden.", fügte er leicht wütend hinzu. Auch er wollte unbedingt das Kind wiederfinden, aber wie sollte das gehen, wenn sich die Eltern so unkooperativ verhielten. Kerstin stand auf und sah in die tiefschwarze Nacht hinein. Semir hätte sie sich am Liebsten gepackt und kräftig durchgeschüttelt, bis sie ihm den Namen gesagt hätte, aber erstens war sie hier das Opfer, oder täuschte er sich da, und zweitens wäre dann Ben auf ihn losgegangen. Er hatte die tiefen Bande zwischen den Dreien längst gespürt.


    "Weißt du Ben, unser letzter gemeinsamer Ausflug mit der Clique?", fragte sie leicht freundlich lächelnd. "Was soll das nun schon wieder?", fragte sich Semir und schlug innerlich an seine Stirn. "Weißt du noch, wie wir damals hinaus zum Stausee gefahren sind?" "Ja, ich erinnere mich, aber am See war ich nicht mehr mit.", erinnerte sich der Kommissar. "Du hattest damals ein gebrochenes Bein und als wir dich zu Hause abgeliefert hatten, sind wir vier noch weiter gefahren. Patrick, Stefan, Carola und ich. Hinunter zum See.", erzählte sie. "Was soll das?", flüsterte Semir Ben zu. "Ihre Tochter ist verschwunden und sie will in Erinnerung schwelgen?" "Semir, bitte lass sie.", brummte Ben mahnend. "Damals hatten wir etwas zuviel getrunken und ein paar Tüten geraucht. Carola und Patrick wollten dennoch schwimmen gehen. Während ich und Stefan die Zelte aufbauten, passierte es...", erzälte sie und verstummte. "Was denn? Was passierte damals?", fragte Ben teils neugierig und teils besorgt. Auch Semir spitzte nun die Ohren.


    "Carola geriet in einen Sog.", fuhr Patrick fort. "Ich habe noch versucht sie zu retten, doch ich verlor ihre Hand. Nach einigen Minuten, die mir wie die Ewigkeit vorkamen, hatte ich sie dann endlich und brachte sie ans Ufer zurück.", nun musste auch er schlucken und machte eine Pause. "Sie schaffte es nicht mehr. Ihr Körper war durch den Alkohol und das Marihuana dermaßen außer Gefecht gesetzt, dass die Organe nicht richtig atmeten.", erklärte Patrick und war kurz vor einem Weinkrampf, liebte er diese Frau doch wie seine Schwester. "Und sie glauben, dass dieser Stefan etwas mit der Entführung ihrer Tochter zu tun hat?", fragte Semir. "Aber wieso hat er dann gesagt, dass ihr dafür büßen werdet, was ihr ihm angetan habt?", fragte Ben mit erschrockenem Gesicht. "Er gab uns bei der Beerdigung die Schuld. Er sagte, wir hätten sie umgebracht. Ben, Carola war schwanger von Stefan.", erklärte Kerstin und hatte Tränen in den Augen. "Er wird meinem kleinen Baby weh tun.", schluchzte sie und bekam einen Weinkrampf. Sofort war ihr Mann bei ihr und zog sie behutsam an seine Schulter, doch sie riss sich los und rannte rauf ins Schlafzimmer.


    "Jetzt verstehst du sicherlich, warum wir dir nichts sagen wollten. Es hat uns all die Jahre selber belastet.", meinte Patrick zu Ben. Dieser nickte verständnisvoll. "Aber warum hat dann ihre Frau gesagt, dass dieser Anrufer unmöglich dieser Stefan ..." "Stefan Mommsen" "Stefan Mommsen sein kann?", fragte Semir. "Stefan hat den Verlust seiner Freundin und seines Kindes nie so richtig verkraftet. Als wir ihn das letzte Mal sahen, sah er aus wie eine Leiche und roch wie eine ganze Schnapsdistillerie. Vor etwa einem Jahr hörten wir von einem ehemaligen Klassenkameraden, dass sich Stefan in den Rhein gestürzt haben soll.", erklärte Patrick und wirkte dabei sehr betroffen. Er schien sich immer noch immense Vorwürfe zu machen, dachte Ben bei sich.


    Für heute wollten es die beiden Kommissare dabei lassen und verließen das Haus wieder. Semir ging eine ganze Weile neben Ben her und sah ihn aus den Augenwinkeln an. "Sag mal, wie gut kennt ihr euch eigentlich?", fragte der erfahrene Hauptkommissar dann. "Sehr gut, immerhin bin ich der Patenonkel ihres Kindes.", erwiderte Ben und sah Semir fragend an. "Warum willst du das wissen?" "Ich will wissen, inwiefern du noch objektiv, wenn sich wirklich eine gewissen Mitschuld bei einen der beiden herausstellt.", meinte Semir mit ernster Miene und dienstlichem Ton. Ben fiel fast aus allen Wolken. Sein Partner zweifelte an seinen Kompetenzen. "Na ich meine, immerhin kennst du die Beiden schon seit ewigen Zeiten." "Eben, gerade weil ich sie seit ewigen Zeiten kenne, weiß ich, dass sie nie zu so etwas fähig wären.", fauchte Ben zurück. "Ich will dir mal was sagen, Kerstin und Patrick sind meine ältesten Freunde. Sie haben mir so manches Mal beigestanden, wenn ich ein gebrochenes Herz oder andere Schwierigkeiten hatte. Solche Menschen sind nie zu einem derart abscheulichen Verbrechen wie Mord fähig.", Ben schrie fast seine Gefühle heraus. "Schon gut, steig ein.", meinte Semir beschwichtigend. "Danke, ich laufe nach Hause.", maulte der junge Kommissar, schlug seinen Kragen hoch und ging die verschneite Straße runter. "Ben.", rief Semi hinter ihm her, doch der wollte nicht mehr hören.


    ...

  • Montag ... noch 9 Tage bis Heiligabend


    7.54 Uhr


    Bens Wecker schreckte ihn aus seinen Bett hoch. Ihm war noch ganz schlecht von den beiden gestrigen Flaschen Bier, die er auf den Streit mit Semir getrunken hatte. "Da muss eins schlecht gewesen sein.", murrte er, als er die leeren Pullen auf dem Couchtisch stehen sah. Schlurfend ging er ins Bad und machte sich für den heutigen Dienst fertig. Als er in den Spiegel sah, bekam er fast einen Schreck vor sich selbst. Die tiefe Sorge um seine Patentochter hatte tiefe Spuren in seinem Gesicht hinterlassen. Er wollte gleich zu Kerstin fahren, sobald er hier fertig war.


    8.03 Uhr


    Auch Semir stand schon im Badezimmer und war gerade dabei, seinen Bart zu stutzen. Ihm gingen die gestrigen Worte der Eheleute nicht aus dem Kopf. Ein Mann, der scheinbar als tot gilt, rächt sich für den Verlust seines ungeborenen Babys damit, dass er die Tochter der Leute entführt, die er mit dem Tod in Verbindung bringt. "Wenn da nicht was faul ist.", murmelte Semir und fuhr mit dem Rasierer am Kinn entlang. "Au, verdammt.", stieß er auf einmal aus und fasste sich sofort mit zwei Fingern ans Kinn. Die Spitzen waren mit frischem Blut, seinem Blut benetzt. "Mist.", fluchte er und wusch den Kratzer sofort mit Wasser aus. Trotzt dieser Unterbrechung waren seine Gedanken zwei Sekunden später wieder bei der Familie. Ben mag da zwar anderer Ansicht sein, aber Semirs Gefühl sagte ihm, dass da etwas nicht stimmte. Im Büro würde er sich die Akten von damals kommen lassen.


    10.12 Uhr


    Ben war inzwischen am Hause seine Freunde angekommen und klingelte kurz. Schon nach wenigen Minuten machte ihm Patrick auf. Er sah furchtbar aus, sein Haar war zerzaust, die Augen klein und verschlafen. "Hey Patrick, wie gehts dir?", fragte Ben, obwohl er wusste, dass dies in solch einer Situation eine sehr dämliche Frage war. Außerdem sah er schon am Aussehen seines Freundes, wie es um ihn bestellt war. "Geht so. Kaum geschlafen.", bekam Ben als Antwort und trat ins Haus ein. Hartmut saß vor seinem Computer und hatte noch seinen Kopf verschlafen auf dem Tisch gelegt. Doch plötzlich klingelte das Telefon.



    10.38 Uhr



    Semir saß inzwischen im Büro und hatte sich von Susanne die Akten raussuchen lassen. Die Berichte gaben eigentlich wirklich nur die Tatsachen wieder, die er gestern abend gehört hatte. Dann fiel ihm aber der Bericht des Notarztes in die Hände. "Ansammlung von Haschisch und Marihuana im Blut in Verbindung mit Alkohol führte zu einer Unterfunktion des Herzens und der Lunge.", las Semir, doch etwas machte ihm stutzig. Der Arzt schrieb auch von einer hohen Ansammlung eines barbiturathaltigen Mittels im Blut, was er allerdings nicht genau bestimmen konnte. "Das ist doch sehr komisch.", meinte Semir und schlug nachdenklich die Akte zu und sah aus dem Fenster. In ihm keimte ein furchtbarer Verdacht. "Wenn ich Ben davon erzähle, dreht der mir den Hals um.", dachte er nur und sah dem fallenden Schnee zu.



    ...

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  • "Okay, hör genau zu.", befahl die Stimme aus dem Telefon, als Patrick den Hörer abnahm und an sein Ohr hielt. "Du wirst jetzt das Geld besorgen. Ich melde mich wieder, wenn du das Geld hast.", raunte die Stimme durch den Hörer, dann wurde es wieder still. Ben sah um die Ecke zu Hartmut. "Wieder zu kurz.", meinte er nur und schmiss den Kopfhörer entmutigt auf den Tisch. Wutentbrannt schlug Ben gegen die Holztäfelung der Wand. "Ganz ruhig, hast du so viel Geld?", fragte Ben seinen Freund mit unruhigem Gesicht. "Ja, allerdings sind das unserer gesamten Ersparnisse.", erwiderte Patrick und ließ sich bedrückt auf die Couch fallen. "Du wirst doch wohl alles versuchen, um unsere Tochter zu retten?", schrie Kerstin plötzlich von der Treppe ins Wohnzimmer rüber. Ben stockte der Atem von dieser schrillen Stimme seiner Freundin. Ohne viel Worte machte sich Patrick auf dem Weg zur Bank, um das Geld zu holen.


    10.43 Uhr


    Semir ging nachdenklich durch sein Büro hin und her. Stirnrunzelnd warf er immer wieder seinen Blick auf die Akten. Er musste Ben früher oder später von seinem Verdacht erzählen und er konnte sich schon jetzt seine Reaktion vorstellen. Er würde sich vor ihn aufbauen und auf ihn einschimpfen wie ein Berliner Rohrspatz. Doch Semir war Polizist und sollte der Gerechtigkeit zur Geltung verhelfen. Dennoch war ihm klar, dass er mit diesem Verdacht, sollte er sich nicht bestätigen, eine neue Freundschaft zerstören würde. So beschloss Semir zu Wegener zu fahren und sich die alten Obduktionsberichte geben zu lassen.


    11.41 Uhr


    Patrick war von der Bank zurückgekommen und hatte einen silbernen Koffer in der Hand. So bepackt betrat er das Haus und stellte den Koffer im Flur ab. Ben kam aufgeregt auf ihn zu. "Hast du das Geld?", fragte er. "Ja, aber irgendwie bin ich mir bei dem Unternehmen nicht sicher.", erwiderte er, den letzten Teil jedoch kaum hörbar. "Bitte?", fragte Ben nach. "Ach nichts.", winkte Patrick ab. Dann klingelte es an der Tür. Semir war da. "Was machst du denn hier?", fragte Ben etwas forsch. Semir hatte einige Akten unter dem Arm, die er sich schon durchgelesen hatte. Es waren die Obduktionsberichte, die ihm Wegener überlassen hatte. "Kann ich dich unter vier Augen sprechen?", fragte er und klang äußerst beunruhigt. "Klar, gehen wir in den Wintergarten.", meinte Ben und führte Semir nach hinten. "Also, was hast du denn?", wollte der junge Kommissar wissen.


    ...

  • "Ben, ich war gerade bei Wegener und hab mir den Obduktionsbericht von dieser Carola besorgt.", begann Semir seinem Partner zu erklären. "Und, was soll da schon drin stehen?", fragte Ben erwidernd. "Ein Kollege unseres Doktors hat eine hohe Konzentration von Barbithurat gefunden." "Und da vermutest du Mord?", fauchte Semirs Partner und fuhr sich durch seine Haare. "Es ist nicht auszuschließen.", erwiderte Semir und wollte so ruhig wie möglich auf seinen Freund wirken. "Wer hat eigentlich die Obduktion angeordnet?", wollte Ben wissen und krallte sich die Akte. Mit hastigem Griffen schlug er die Akte auf und las einen ihm bekannten Namen. "Stefan Mommsen.", las Ben erstaunt. "Sieh mal aufs Datum.", forderte Semir. "Ist es nicht komisch? Dies hat er kurz vor seinem Tod in Auftrag gegeben. Eine Woche später sprang er scheinbar in den Rhein." "Semir, das Ganze ist ein Jahr her. Und der Unfall von Carola war vor fünf Jahren.", versuchte Ben die Situation abzuwerten. "Ben, hier stimmt doch irgendwas nicht. Wenn du mich fragst, verheimlichen die Beiden uns was.", vermutete Semir.


    Das schien bei Ben jegliche Sicherungen außer Kraft zu setzen. Impulsiv packte er Semir am Kragen. "Jetzt pass mal auf. Patrick und Kerstin sind meine ältesten Freunde. Mein Patenkind ist entführt worden und du hast nichts besseres zu tun, als den Beiden einen scheinbar begangenen Mord nachweisen zu wollen?", fauchte Ben und sah seinen Partner mit funkelnden Augen an. "Sag mal, tickst du nicht mehr ganz richtig?", fragte Semir entsetzt und löste mit aller Kraft die Klammerung von Bens Hand. "Hast du jetzt völlig den Verstand verloren?", fügte er hinzu. "Ben, ich bin dein Partner und ich verstehe deine gegenwärtige Gefühlslage, aber du bist nicht mehr objektiv. Ich kann dich von diesem Fall jederzeit entbinden.", drohte Semir mit erbostem Gesicht. "Dann tu, was du nicht lassen kannst.", blaffte Ben und ging ins Wohnzimmer zurück. Semir blieb mit ratlosem Gesicht im Wintergarten zurück.


    Der restliche Tag verlief still und friedlich. Doch Ben und Semir wechselten den ganzen Tag kein Wort miteinander. Es war gerade so, als würden sie sich nicht kennen. Eine eisige Stimmung herrschte zwischen den Beiden, die selbst die Kollegen stutzig machte. Semir bearbeitete weiter den Fall und ging seinem Verdacht schonungslos nach. In den Akten zu Stefan Mommsen fand er die Adresse eines Cousins von Mommsen. "Ich fahr jetzt zu dieser Adresse. Wenn du noch Interesse am Fall hast, kannste ja mitkommen.", meinte Semir kühl. Ben reagierte nicht, sondern blieb auf seinem Stuhl sitzen. "Wie du willst.", murrte Semir und ging aus der Tür raus.


    18.34 Uhr


    Semir fuhr bei der angegebenen Adresse vor. Ein schön restauriertes Mietshaus am Rande Düsseldorfs. Es war eine der gefragtesten Wohngegenden überhaupt. Die Wohnung des Verwandten befand sich im obersten Stock. So sputete Semir die Treppen rauf und klingelte etwas außer Atem. Nach einigen Minuten öffnete ihm ein junger Mann, etwa in Bens Alter. "Ja, bitte?", fragte er freundlich. Semir zückte seinen Ausweis. "Gerkhan, Kripo Autobahn. Herr Anton Mahler?" Der Mann nickte. "Herr Mahler, ich ermittle in einem Entführungsfall und es scheint sich der Verdacht zu bestätigen, dass ihr Cousin Stefan Mommsen damit etwas zu tun hat.", erklärte Semir. Der Mann sah ihn verwirrt an. "Kommen sie doch bitte rein.", meinte Mahler zu Semir. Der Hauptkommissar betrat die Wohnung. Sie war stilvoll eingerichtet, ganz im Stil alter, vergangener Zeiten. "Herr Mahler, was können sie mir über ihren Cousin erzählen?", fragte Semir.


    ...

  • "Kommt drauf an, was sie wissen wollen.", entgegnete der junge Mann und setzte sich in seinen roten Ohrensessel, indem er von den Seiten und von Hinten kaum zu sehen war. "Nun, alles was sie mir sagen können. Damit wäre mir geholfen.", meinte Semir und setzte sich ihm gegenüber. Genau beobachtend registrierte der Hauptkommissar auch nur jede kleinste Gestik seines Gesprächpartners. Mahler überlegte genau, was er dem Polizisten erzählen sollte und was er besser verschweigen sollte.


    "Was soll ich ihnen sagen? Stefan war ein lebenslustiger Typ, immer zu Späßen aufgelegt. Bis zu jenem Tag, an dem sich sein Leben nach unten kehrte.", erzählte Mahler und zündete sich eine Zigarette an. "Sie meinen, als seine Freundin tödlich verunglückte?", fragte Semir nach. Der Mann nickte nur. "Von da an änderte sich sein Verhalten. Er war kaum noch ansprechbar, ohne dass er agressiv wurde. Hat hinter jeder Ecke Mord gesehen." "Dann denken sie, es war ein Unfall?", harkte Semir nach. "Was soll es denn sonst gewesen sein.", entfuhr es Mahler fast erbost. Dann fing er sich wieder. "Entschuldigen sie.", meinte er und drückte die halb gerauchte Zigarette nervös aus. Semir spürte, dass ihm seine Anwesenheit nicht passte.


    "Warum wollen sie das eigentlich alles wissen?", fragte Mahler und griff nach einer weiteren Zigarette. "Ich ermittle in einem Entführungsfall, in dem aller Wahrscheinlichkeit nach ihr Cousin verstrickt ist.", wiederholte Semir sein Anliegen. "Das kann doch nicht sein. Stefan starb vor einem Jahr." "Wurde seine Leiche gefunden?", fragte Semir, der bisher davon kein Vermerk in den zutreffenden Akten gefunden hatte. "Das gerade nicht, aber seine Jacke mitsamt seinen Papieren. Die Beamten meinten, dass die Strömung ihn wahrscheinlich schon zu weit weggezogen hätte.", erwiderte Mahler mit einigen Schweißperlen auf der Stirn. "Also keine Leiche.", dachte Semir bei sich. "Dann könnte er also noch leben.", meinte der Hauptkommissar und beobachtete Mahler genau. "Sie wollen doch nicht etwa andeuten, dass er sein Tod nur vorgetäuscht hat, um ..." "Ja, um?", fragte Semir nach. "Nichts.", erwiderte Anton Mahler. Mit nachdenklich runzelnder Stirn verließ Semir den Verwandten und fuhr nach Hause.


    Mahler sah aus seinem Fenster dem wegfahrenden Hauptkommissar nach und wählte dabei eine Nummer auf seinem Telefon. "Ich bins. Die Polizei war gerade bei mir und hat sich nach dir erkundigt.", fing er das Gespräch an. "Nein, sie wollten wissen, ob du noch lebst.", meinte er. "Die Sache wird mir langsam zu heiß. Du, ich steige aus.", fauchte er ins Telefon. "Wie? Ich soll ruhig bleiben? Das wird mir zu viel. Ich hab mich doch schon damit strafbar gemacht, dass ich dir meine Seehütte zur Verfügung gestellt habe.", schrie er nun in den Hörer. "Wie? Du kommst her? Okay, bis in einer Stunde.", beendete er das Gespräch. Dann sah er wieder auf die Straße, auf der die Spuren von Semirs Wagen schon fast wieder verblasst waren.


    21.36 Uhr


    Ben stand in seiner Wohnung am großen Fenster und musste unweigerlich über die Worte Semirs nachdenken. War er wirklich zu emotional? Immerhin ging es hier um seine Patentochter. Doch, würde Semir seine Drohung wirklich wahr machen und ihn vom Fall abberufen? Das konnte er sich nicht vorstellen. Ebenso wenig wie die Tatsache, dass einer aus der Familie Lehmann ein Mörder sein soll. Über seinen Gedankengang hinweg, schlief Ben auf dem Sofa ein. Die Anspannung des Tages hatte ihn doch etwas geschafft. Seine Gedanken spannen ihn im Kopf irrsinnige Bilder zusammen.


    ...

  • Ben irrte durch den nächtlichen Wald. Sein Atem war sichtbar. Hastig stiegen die Wolken aus seinem Mund in die Nacht empor. Seine Schritte waren schwer vom knöchelhohem Schnee. Plötzlich vernahmen seine Ohren ein unheilvolles und markerschütterndes, drohendes Heulen. Irgendetwas in Bens Körper ließ ihn vor dieser drohenden Kulisse fliehen. Weiter und weiter rannte er durch den dichten Tannwald. Er sah sich mehrere Male hastig um, doch das gleizende Mondlicht kam nur schwerlich durch die Bäume. Doch nur das näher kommende Heulen nahm er wahr. Bens Haare sausten durch den Wind hin und her.


    Plötzlich stolperte er über einen kleinen, zugeschneiten Körper. Der junge Kommissar drehte sich um, kroch, obwohl er nicht wusste warum, zu dem kleinen Haufen zurück und wischte den Schnee weg. Er erschrak, als er das kindliche Gesicht sah. Vor ihm lag seine Patentochter, gefrorenes Blut hing an ihren Lippen. Ben strich ihr übers Gesicht und als er dies tat, drehte sie den Kopf zu ihm um. "Ben, hilf mir.", stöhnte sie mit aufgerissenen Augen. Nur leise kamen die Töne über ihre blau gefrorenen Lippen. "Helf Semir. Helf ihm, nur so kannst du mich retten.", hauchte sie noch in seine Ohren, bevor ihr Geist entgültig ihren Körper verließ. Mit schreckverzerrtem Gesicht sah er in ihr Gesicht, dann dröhnte wieder das nahende Heulen an sein Ohr. Ben sah hoch und konnte nur noch sehen, wie ihn ein großes Tier mit gefletschten Zähnen anfiel.


    Ben schreckte aus dem Schlaf auf. Schweiß stand dicht auf seiner Stirn. Verwirrt sah er sich um. Gott sein Dank, er war in seiner Wohnung und nirgends anders. Instinktiv fasste er sich an den Hals, auch hier keine Verletzungen. Erleichtert ließ er sich zurück ins Kopfkissen fallen und schlief weiter. Doch der Traum beschäftigte ihn noch bis zum Morgengrauen. Dann endlich schlief er ein.


    Dienstag ... noch 8 Tage bis Heiligabend


    7:12 Uhr


    Ben wachte mit verschlafenen Augen auf. Ihm war so, als wäre er gerade erst eingeschlafen. Müde ging er ins Bad und duschte. Nachdem er sich seine Haare zurecht gerückt hatte, verließ er das Haus. Über ihm hing eine dichte Wolkendecke, die kaum Sonne in die Straßen Köln hinunter ließ. Es war eine beklemmende Situation. "Na, wenigstens bleibt der Schnee dann liegen.", murrte Ben und fegte sein Auto frei. Nachdem er dies auch getan hatte, fuhr er zur PASt. Er wollte mit Semir über das von Gestern und über den Traun von letzter Nacht reden.


    ...

  • 8:05 Uhr


    Ben stand im Büro und sah sich nach Semir um. Doch er war nicht da, wo er sonst der Erste im Büro war. Ben griff zu seinem Handy und wollte Semirs Nummer wählen. Dann jeodch verwarf er den Gedanken wieder. Doch just in diesem Moment klingelte sein Handy von selbst. "Ben, Patrick hier. Der Entführer hat sich gemeldet. Kannst du schnell kommen?", fragte sein Freund aufgeregt. "Patrick, ganz ruhig. Bin gleich bei euch.", meinte Ben und machte auf der Stelle wieder kehrt. "Susanne, sollte Semir nach mir fragen, ich bin bei den Lehmanns.", rief er der Sekretärin zu. "Okay, Ben.", rief sie erwidernd und sah, wie Ben in seinen Mercedes sprang und dabei auf dem Schnee fast ausrutschte.


    8: 34 Uhr


    Ben hielt mit dem Wagen vor dem Haus seiner Freunde und sprang aus dem Wagen, wieder musste er sich an seiner Wagentür festhalten, da sein rasantes Vorgehen beim Schnee nicht auf Gegenliebe stieß und ihm seine Füße weggezogen wurden. Nach einigen Sekunden fing er sich wieder und ging schnell aber vorsichtig auf das Haus zu. Sturmklingelnd verharrte Ben vor der Tür und wartete. Wenig später öffnete ihm Kerstin die Tür. "Oh Ben, du bist da.", fiel sie ihm um den Hals. "Das kam gerade mit der Post.", sagte sie schluchzend und hielt zittrig ein Umschlag in der Hand. Ben starrte ebenfalls gebannt auf den Umschlag, nahm ihn dann in die Hand und öffnete ihn. Er zog ein Foto seiner kleinen, zitternden Patentochter heraus, die vor einer Holzwand zu sitzen schien. Unter dem Bild stand mit dickem Stift geschrieben: "Süß nicht?" In Ben stieg die Wut erneut hoch. Er hätte jetzt gerne irgendwas oder irgendwen geschlagen, doch er musste sich zusammenreißen. Er musste jetzt einen klaren Kopf bewahren.


    "War nur das drin?", fragte er dann mit gedämpftem Zorn. Kerstin sah ihn an. "Nein, dieses CD war noch dabei.", weinte sie und hielt einen Rohling hoch. Ben riss ihn ihr förmlich aus der Hand und ging ins Haus. "Hartmut, ich brauch deine technischen Fähigkeiten.", rief er geladen. Sofort stand Hartmut neben ihm. "Was gibt's?", fragte er etwas verschlafen. Die ganze Nacht hatte er hier auf dem Sofa verbracht und war, auf Bens Wunsch, bei den Beiden geblieben. "Analysier mir mal die Hintergrundgeräusche, nachdem ich sie mir angehört habe.", meinte Ben und klappte den CD-Player auf. Mit ungutem Gefühl drückte er die Play-Taste. Sofort erklang diese vor Hohn und Gelichgültigkeit klingende Stimme aus den Lautsprechern. "Guten Morgen, meine Freunde. Ich hoffe, ihr hattet eine gute Nacht voller Sorgen und Schuldgefühle?", fragte er zynisch. "Gut, hier die Bedingung für die Lösegeldübergabe. Erstens die Polizei hält sich im Hintergrund. Sollte ich am Treffpunkt auch nur einen Bullen sehen, wird die Kleien auf Eis gelegt.", drohte er. Dann eine kurze Pause. "Ihr werdet das Geld in eine rote Sporttasche packen und Ben wird damit in den IC Basel steigen. Der fährt um 9.15 von Köln. Er sollte diesen Zug nicht verpassen. Zwischen Bonn und Koblenz gibt es eine alte Brücke, an dieser fährt der Zug nur seine 60 Stundenkilometer. Dort soll er das Geld rauswerfen.", befahl die Stimme, die für Ben wirklich täuschend echt nach Stefans Stimme klang. "Ich melde mich, sobald ich das Geld habe."


    "Wie spät ist es?", fragte Ben. "Kurz nach halb neun.", erwiderte Hartmut. "Dann bleibt uns nicht viel Zeit. Ich packe das Geld um und fahre zum Hauptbahnhof. Hartmut, ruf Semir an und sag ihm, wo ich bin. Dann mach die Analyse der CD.", wies Ben seinen Kollegen von der KTU an. "Okay, mach ich." Wenig später hatte Ben das Geld in die Tasche umgepackt und fuhr mit quietschenden Reifen nach Köln. Nochmals sah er auf seine Uhr. "Verdammt.", stieß er aus. Es war bereits 8.45 Uhr. Würde er den Zug rechtzeitig erreichen?


    Semir war gleich von Zuhause zu Mahler gefahren. Er wollte den Mann nochmals eindringlicher befragen. Er parkte den Wagen und klingelte unten. Doch niemand öffnete ihm. "Kann doch nicht sein, dass er schon weg ist.", dachte der Hauptkommissar bei sich und klingelte woanders. Endlich öffnete ihm jemand und Semir stieg die Treppen hinauf. Mahler wohnte gleich unterhalb des Daches, da das Haus aber nur dre Stockwerke besaß war er nicht so außer Atem. Plötzlich stutzte er. Die Tür stand einen Spalt offen. Routiniert jedoch mit komischem Gefühl in der Magengrube zog er seine Waffe hervor, entsicherte sie und ging langsam durch die Tür. "Herr Mahler?", rief er vorsichtig, bekam aber keine Antwort. Schon im Flur stieß Semir auf einzelne Bluttropfen, die ins Wohnzimmer zu führen schienen. Was war passiert?


    ...



    Feeds please ;) :D

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  • Langsam ging Semir weiter in die Wohung. Doch je weiter der Kommissar in die Wohung kam, desto mehr Blut fand er auf dem Boden. "Äh, wie eklig.", fluchte Semir, als er mit seinen Schuhen in das Blut getreten war. Dann sah er zu dem Ohrensessel hinüber. "Herr Mahler?", fragte er, als er eine Hand von der Lehne ragen sah. Semir ging langsam auf den Sessel zu und traute seinen Augen nicht. Mit schreck-starrem Gesicht sah ihn der leblose Körper von Anton Mahler an. "Großer Gott.", meinte Semir und sah den Mann genau an. Der Körper war blutüberströmt. Die Kehle war von links nach rechts komplett durchtrennt worden. "Tja, da ist mir wohl jemand zuvor gekommen.", dachte Semir und drückte dem Mann die Augen zu. Danach griff er zu seinem Handy. "Ja Susanne, ich bins. Schick mir doch mal bitte die Spurensicherung und die Kollegen zur Wohnung von Mahler.", bat Semir. "Okay, mach ich. Ach, ich soll dir von Ben sagen, dass er bei den Lehmanns ist. Der Entführer hat sich wohl gemeldet.", erwiderte sie. "Aha, gut Danke.", erwiderte er und wartete auf das Eintreffen der Kollegen.


    9:12 Uhr


    Ben konnte seinen Wagen rechtzeitig zum Stehen bringen. Vorm Hauptgebäude ließ er den Wagen stehen, schnappte sich die Tasche vom Rücksitz und spurtete durch die weihnachtlich, verreisenden Menschenmassen zum Gleis. Die Treppen waren das wenigste Problem. Doch plötzlich vernahm er das schrille Pfeifen des Schaffners. "Oh, Nein. Scheiße.", dachte er bei sich und legte einen seiner schnellsten Sprints hin. Oben angekommen sah er, wie sich eine Tür zu schließen gedachte, doch Ben schlüpfte gerade noch so durch. Der Zug setzte sich in Bewegung. Und Ben saß drin.


    9:23 Uhr


    Ben saß auf glühenden Kohlen, als der Zug langsam zu bremsen begann. "Gleich kommt die Brücke.", dachte er und ging zu einem der großen Schiebefenster. Mit einem alltäglich aufgesetztem Lächeln sah er sich um und hielt die Sporttasche gut fest. Sein Handy hatte er ausgestellt. Er wollte auf gar keinen Fall, dass die Kollegen ihm dazwischen fuhren. Er nahm die Tasche vor seine Brust, zog das Fenster runter und warf die Tasche raus. "So, da hast du es.", fauchte Ben. "Erstick dran.", meinte er dann noch. "Bitte?", fragte der Schaffner etwas barsch. "Ach nichts.", entgegnete Ben freundlich. "Gut, dann darf ich doch mal um die Fahrkarte bitten.", bat er freundlich.


    ...

  • "Wie jetzt, Fahrkarte?", fragte Ben etwas schnippisch. "Erzählen sie mir jetzt nicht, dass sie keine Fahrkarte bei sich haben?", erwiderte der Schaffner und wurde langsam ungeduldig. "Doch natürlich. Nur, die ist in meinem Koffer im Abteil.", log Ben, doch das schien nicht auf fruchtbaren Boden zu stoßen. Ungläubig sah ihn der Bahnangestellte an und verschränkte die Arme. Ben schüttelte den Kopf. "Nicht? Hören sie, ich bin Polizist und gerade im Einsatz.", gab er dann schließlich zu. "Aha.", meinte der Schaffner und veränderte dabei seinen Blick aber um keinen Augenblick. Genervt zog Ben seinen Ausweis und hielt ihm diesen unter die Nase. "Na bitte, sie haben doch eine Fahrkarte.", meinte der Schaffner dann entschuldigend und sah betreten auf den Boden. "Danke, hören sie, wäre es möglich, dass der Zug kurz anhält. Ich müsste mal aussteigen.", fragte Ben. "Sie wollen was?", fragte der Schaffner nochmals nach, da er dachte, sich verhört zu haben. "Aussteigen." "Das kann ich nicht machen.", erwiderte der Beamte. "Aber manchmal haben wir so Schwierigkeiten mit der Notbremse. Wissen sie, es ist manchmal ein echtes Problem.", meinte der Schaffner und deutete auf den roten Hebel, der hinten an der Tür hing.


    Ben verstand sofort, ließ sich nicht lange bitten und zog den Hebel kräftig aus der Verankerung. Ruckartig wurde er nach hinten geschleudert und knallte kurz gegen die Toilettenwand. Der Zug kam nach einigen Metern zum Stehen. Der Kommissar entriegelte die Tür und sprang den Abhang hinunter. Weich fing der Schnee seinen Flug auf und rollte den Hang hinunter. Als er wieder einigermaßen sicher stand, rannte er zur Brücke hinunter. Es waren ungefähr drei- bis vierhundert Meter. Da erblickte er die knallrote Sporttasche. Noch schien keiner zu kommen und sie geholt zu haben. So ging Ben hinter einen Baum in Deckung und wartete.


    9:34 Uhr


    Semir war inzwischen mit den Kollegen noch in der Wohung von Mahler zu Gange. Die Leiche wurde schon abtransportiert und Semir blickte gerade das Telefon des Opfers durch. Die letzte gewählte Nummer schien ihn zu interessieren. Doch als er sie wählte, ging nur die Standartansage der Mailbox eines Handy ran. Der Kommissar schrieb sich die Nummer auf und griff dann zu seinem Telefon. "Ja Susanne, überprüf doch mal auf welchen Namen folgende Nummer zugelassen ist: 0156/5485217." "Okay, mach ich. Ach Semir, die Vermögenswerte der Lehmanns sind gekommen, die du angefordert hast.", erwiderte sie. "Gut Danke, bin gleich im Büro. Hast du schon was von Ben gehört?", fragte er dann. "Noch nicht. Sein Handy hat er ausgeschaltet. Hartmut hat mir gesagt, dass er zum Bahnhof wollte, um die Übergabe zu machen.", entgegnete die Sekretärin. "Okay, bis gleich.", meinte Semir und legte auf.


    "Semir, komm mal.", meinte einer der Beamten kurz und deutete dann an der Tür auf das Schloss. "Das Schloss ist nicht beschädigt worden." "Dann kannte Mahler seinen Mörder.", meinte Semir nachdenklich und sah nochmals ins Wohnzimmer. Dann fiel sein Blick auf das Schlüsselbrett, direkt neben der Spiegelkomode. Nachdenklich betrachtend stand der Kommissar davor und ging die ganzen Schlüsselreihen durch. Jeder Schlüsselplatz war beschriftet. Nur einer war leer. "Hm, der Schlüssel zur Seehütte fehlt.", dachte er bei sich und schon arbeitete sein kriminalistisches Hirn wieder auf vollen Hochtouren.


    ...

  • Semir griff wieder nach seinem Handy und rief abermals Susanne an. "Ja Susanne, finde mal raus, ob dieser Mahler eine Seehütte gekauft hat und wenn ja, wo sich die befindet.", bat Semir die Sekretärin. "Aus welchem Grund?", kam dann vom anderen Ende zurück. "Es könnte sein, dass die Kleine dort festgehalten wird.", erwiderte Semir und ging zu seinem Wagen. "Okay, wird gemacht." "Gut, ich komme jetzt zur PASt zurück.", meinte Semir und beendete das Gespräch. Er startete seinen BMW und fuhr zurück zum Revier. Dort setzte er sich gleich an die Vermögenswerte, die sich mit finanziellen Situation der Lehmanns vor Fünf Jahren beschäftigten. Sollte er da das entscheidende Motiv finden?


    10:00 Uhr


    Ben wartete nun schon fast vierzig Minuten hinter dem Baum und beobachtete die auf dem zugeschneiten Waldweg liegende Sporttasche. "Na komm schon.", murrte er immer wieder. "Mir wird langsam kalt." Dann passierte etwas, was seine Aufmerksamkeit erregte. Eine kleine, zierliche Person, mit Kapuze verhüllt, kam unter der Brücke hervor und ging langsam und sich immer wieder umschauend auf die Tasche zu. Ben wartete gespannt auf das, was jetzt gleich geschehen würde. "Hallo Ben.", drang plötzlich eine Stimme von hinten an sein Ohr. Schlagartig und voller Schreck über das Bekannte in dieser Stimme drehte sich der Kommissar um und blickte in ein ihm zu vertrautes Gesicht. "Stefan Mommsen.", stieß er aus, bevor ihm ein geballter, kraftvoller Schlag ins Traumland beförderte. Senkrecht kippte Ben in den Schnee.


    Die andere Person kam mit der Tasche angerannt und zog die Kapuze vom Kopf. Es war eine Frau. "Was machen wir jetzt mit ihm?", fragte sie. "Mitnehmen. Schließlich will er ja seine Patentochter wiedersehen.", lachte Mommsen, nahm Ben auf seine Schulter und trug ihn davon.


    16:32 Uhr


    Die Arbeit an den Unterlagen hatte Semir viel Zeit gekostet, doch nun hatte er gefunden, was er gesucht hatte. In den Unterlagen war die Aufnahme eines Kredites von 25.000 Euro vermerkt. Für einen Laien einn ganz normaler Vorgang, wenn da nicht die bürgende Unterschrift von Carola Maywald, so der Name des Opfers von damals, unter der von Patrick Lehmann. "Das ist ja interessant.", meinte Semir und sah nachdenklich zu Bens Platz hinüber. Ihm war dabei immer noch sehr unwohl, aber so wie es im Moment aussah, schien der Mann immer mehr in den potentiellen Täterbereich zu rücken. "Bin doch mal gespannt, für was das Geld gedacht war.", dachte Semir, schnappte sich Schal und Mantel und ging Richtung Wagen. "Ach Semir.", stoppte ihn Susanne. "Die Nummer gehört zu einem registrierten Handy. Es ist auf eine Hanna Maywald zugelassen.", meinte Susanne. Semir drehte sich verwundert um. "Zeig mal her.", forderte er, doch der Name stand wirklich da. Konnte das Zufall sein?


    Sofort machte er auf dem Absatz kehrt und ging in sein Büro zurück. Mit Zetteln um sich werfend, durchwühlte er die Personalakte von Carola Maywald. "Bingo. Das ist ihre Schwester.", rief er aus. Wieder ging er an Susanne vorbei und zu seinem Wagen. "Was ist mit der Adresse der Seehütte?", rief sie ihm fragend nach, doch Semir schien sie nicht mehr zu hören. Er wollte Patrick Lehmann mit den neuen Erkenntnissen konfrontieren. Sollte sich sein Verdacht wirklich bestätigen?


    ...


    So, wenn ihr ganz lieb feedet, gibts noch einen Teil ;) :)

  • 16:54 Uhr


    Semir traf vor dem Haus der Lehmanns ein, parkte seinen Wagen und ging direkt auf die Haustür zu. Mit geladener, nicht gerade freundlicher Stimmung betätigte er den Klingelknopf. Kerstin Lehmann öffnete ihm die Tür. "Herr Gerkhan, haben sie meine Tochter gefunden?", fragte sie aufgelöst. Semir musste schlucken und seinen Ärger etwas zurückdrehen, um ihn nicht auf diese emotionsgequälte Frau zu entladen. "Noch nicht, tut mir Leid.", erwiderte er betroffen. Er wollte gar nicht daran denken, wenn seine Tochter verschwunden wäre. Er würde denjenigen eigenhändig den Kopf von den Schultern reißen. Vor allem die emotional dünn gespannte Nervenlage. Das würde ihn wahrscheinlich fertig machen. "Warum meldet sich Ben nicht?", fragte sie weinend. "Frau Lehmann, Ben wird sich melden, sobald er ihre Tochter gefunden hat.", beruhigte Semir die junge Frau. "Ich müsste mit ihrem Mann sprechen.", ließ er dann die Katze aus dem Sack. "Er ist oben, im Kinderzimmer.", erwiderte sie und ließ den Kommissar durch. "Danke.", meinte Semir und stieg die Wendeltreppe hinauf.


    Semir stand nun vor der mit einem Teddy, auf einem Mond sitzend, behangenen Tür. Sie war nur einen Spalt geöffnet. Langsam schob er die Tür auf und sah, wie Patrick Lehmann auf dem großen Kuschelkissen seiner Tochter saß und ihr Lieblingsstofftier in den Händen hielt. "Herr Lehmann?", fragte Semir vorsichtig. "Ich würde ihnen gerne noch einige Fragen stellen.", meinte er, während er die Tür schloss und sich neben dem Mann stellte. Patrick nickte zustimmend, schien jedoch nicht ganz bei der Sache zu sein. Mit zärtlichen Bewegungen seiner Hand massierte er den Bauch des Stofftigers. Bevor Semir mit seinen Fragen anfing, kamen leise, fast kaum wahrnehmbare Worte aus dem Munde des Vaters. "Es ist meine Schuld.", murmelte er. Semir sah ihn fragend an. "Es ist meine Schuld, dass meine Tochter verschwunden ist.", sagte er dann deutlicher und sah zum Hauptkommissar auf. "Der Unfall damals, war kein Unfall oder?", fragte Semir nun eindringlich, doch aus zurückhaltend. Patrick schüttelte den Kopf.


    "Was war damals passiert?", fragte er dann und kniete sich nieder. "Vor fünf Jahren wollte ich mir mein eigenes Restaurant kaufen. Mein Geld und das von Kerstin, wir wussten, dass wir heiraten würden, reichte nicht aus.", fing er an zu erzählen und presste den Tiger an seinen Bauch. Semir sah ihn mit dienstlichem Gesicht an. "Also nahm ich einen Kredit auf, doch die Bank brauchte jemanden, der für mich bürgt. Stefan konnte ich nicht fragen. Er war freischaffender Künstler und lebte ständig von der Hand in den Mund." "Also blieb nur Carola Maywald.", unterbrach Semir ihn. "Sie hat für sie gebürgt." Patrick nickte, Tränen standen ihm in den Augen. Es war für ihn schwer, sich an diese dunklen, von ihm schon verdrängten Ereignisse zu erinnern. "Mit dem Kredit lief der Laden ja dann auch, doch dann, dann ..." "Dann wollte sie plötzlich nicht mehr bürgen.", beendete der Kommissar den Satz. Wieder kam ein zustimmendes Nicken von Patrick. "Sie sagte, es sei falsch gewesen, da der Laden sowieso nicht laufen würde. Gleich nach unserem gemeinsamen Ausflug wolle sie zur Bank gehen.", erklärte Patrick und ließ die Tränen frei über seine Wangen laufen.


    "Ich hab durchgedreht." "Oh nein, sie haben genau gewusst, was sie taten.", Semirs Ton hatte sich verändert. "Sie haben sich ein starkes Schlafmittel besorgt und es Frau Maywald irgendwie ins Trinken gemischt. Nun brauchten sie nur zum Baden zu überreden und der perfekte Unfall war da.", beschuldigte Semir den Mann, der völlig entsetzt und aufgelöst vor ihm saß. "War es so?", fragte er dann, obwohl er es genau wusste. Patrick konnte nicht anders, er nickte zu stimmend. Das reichte Semir. "Herr Lehmann, ich verhafte sie wegen Mordes an Carola Maywald. Kommen sie bitte mit." "Nein, ich möchte wenigstens noch einmal meine Tochter sehen." "Herr Lehmann, ich..." "Bitte, Herr Gerkhan. Ich bin bereit für mein Verbrechen zu büßen, aber ich möchte wenigstens meine Tochter noch einmal sehen.", flehte er Semir an. Semir verstand das Anliegen dieses Mannes gut. Im Höchstfall würde er seine Tochter erst in zehn oder zwölf Jahren wiedersehen. "Also gut. Aber ich nur, bis wir ihre Tochter wieder haben.", mahnte Semir. "Danke, mehr wollte ich auch nicht.", meinte Patrick.


    ...

  • Semir und Patrick kehrten ins Wohnzimmer zurück und Semir verließ das Haus. Als er den Weg entlang ging, griff er nach seinem Handy und wählte Bens Nummer, doch immer noch meldete sich die Mailbox. "Verdammt Ben, stell dein Handy wieder an.", fluchte der Hauptkommissar leise in sich hinein. Dann plötzlich klingelte sein Handy. "Ja Ben?", fragte er, doch es war seine Andrea. "Schatz, ich bins. Was ist denn los?", fragte sie, als sie die langsam aufkommende Nervosität und Ungeduld in Semirs Stimme vernahm. "Nichts, Ben meldet sich nur nicht. Sein Handy ist aus.", erwiderte er etwas gestresst. "Was ist denn Liebling?", fragte er dann. "Ich wollte dich nur daran erinnern, dass du die Ente noch abholen musst.", erwiderte sie. "Ja, okay mach ich. Bis heut abend.", wimmelte Semir seine Frau leichtfertig ab. Doch sie wusste schon, dass ihr heiß geliebter Göttergatte das sicher wieder vergessen würde. So beschloss sie ihm in einer Stunde eine Erinnerungs-SMS zu schicken, damit er auch wirklich daran dachte.


    17:00 Uhr


    Ben wachte aus seiner ungewollten Ohnmacht langsam wieder auf. Noch ein wenig verschwommen nahm er seine Umgebung wahr, doch seine Geruchssinn meldete ihm, dass es hier ziemlich feucht und nach verfaultem Wasser stank, außerdem schien hier jemand Fische zum Räuchern aufgehängt zu haben. Er versuchte sich aufzurichten, doch seine Hände waren auf den Rücken eng verschnürt worden. Zusätzlich waren seine Beine an etwas schweres, bleihaftes angebunden, sodass er nicht einmal hin und herlaufen konnte. Wütend zerrte er am Seil, dass scheinbar nicht sehr professionell geknotet war, doch es reichte, um ihn zu behindern. Endliche erkannte er auch, wo er war. Es schien der Nebenraum eines Bootshauses zu sein. Alte Ruder und Teile von Außenmotoren lagen in den staubigen Regalen. Dann vernahm er ein kleines, wimmerndes Schluchzen, dass hinter einer großen Kiste hervordrang. "Elli?", rief Ben fragend in die Ecke. Plötzlich verstummte das Wimmern und ein kleiner Kopf mit feuerrotem Haar linste vorsichtig hinter einer Truhe hervor.


    "Ben?", fragte das kleine Mädchen vorsichtig. Es kannte die Stimme sehr gut. Früher hat Ben sie beim Babysitten immer in den Schlaf gesungen oder ihr ein Märchen vorgelesen. Ihre Augen weiteten sich, als sie wirklich ihren Patenonkel in der Ecke sitzen sah. Überglücklich rannte sie auf ihn zu und sprang ihm in die Arme. "Hey, nicht so wild.", meinte er, etwas schnaufend, als der doch schon gewachsene Körper auf den Brustbereich sprang und die Lunge dadurch etwas zusammengepresst wurde. "Gehen wir jetzt zu Mama und Papa?", fragte Elli, da sie vermutete, Ben hätte sie gerettet. "Ja, weißt du...", doch weiter kam er nicht.


    Mit einem Knarren öffnete sich die Tür und ein hochgewachsener Mann mit pechschwarzem Haar und hasserfüllten grau-blauen Augen stand vor ihm. Ben kannte ihn sehr gut. "Stefan, was soll das? Ich hab dir das Geld gebracht, jetzt lass uns gehen.", meinte der Kommissar wütend. Doch der Mann lachte nur laut los. Es war ein markerschütterndes Lachen, dass der Kleinen so viel Angst machte, dass sie sich fest an Bens Hals schmiegte. "Du willst gehen? Aber Ben, das Lustigste kommt doch erst noch.", meinte er und sah seinen alten "Freund" vielsagend an.


    ...

  • "Was willst du denn noch? Du hast das Geld doch, also lass uns gehen.", fauchte Ben und versuchte, sich aufzurichten. Doch die Fesseln am Bootsanker hinderten ihn daran. "Ich will viel mehr als das.", meinte Stefan und beugte sich zu Ben hinunter und zog sein Kinn hoch. "Unser guter Freund Patrick hat mein Leben ruiniert und dafür wird er büßen. Ich werde ihn in den Selbstmord treiben. Er wird den Verlust seiner Tochter und seines besten Freundes nicht verkraften.", fauchte Stefan und hatte dabei gefährlich kleine Augen, bei denen es Ben kalt den Rücken runterlief. "Der See ist um diese Jahreszeit tückisch und Einbrüche beim Schlittschuhfahren gibt es immer wieder.", lachte Stefan und überprüfte den Knoten, der Bens Füße mit dem bleiernen Anker verband. "Sehr gut.", murmelte er. "Bald schon wird dir sehr kalt werden.", lachte Stefan und verließ den Raum, allerdings nicht ohne seinem Freund einen gehörigen Tritt zu verpassen. Ben stöhnte auf und krümmte sich. Elli hielt sich immer noch fest, doch ihre Augen füllten sich mit Tränen und sie fing bitterlich zu weinen an.


    Inzwischen war Semir wieder auf der PASt angekommen und hatte auch schon die Ente abgeholt. "Ah, da bist du ja wieder.", meinte Susanne und sah den runden, gerupften Körper, der in Schweißpaier eingewickelt war. "Was ist das?", fragte sie. "Ne Flugente.", erwiderte Semir stolz. "Wo hast du die denn aufgetrieben?", fragte sie neugierig. "Frag besser nicht. Ich musste zusehen, wie das arme Tier zu meinem Hauptgang wurde.", meinte Semir niedergedrückt. "Ach bevor ichs vergesse, du wolltest doch die Adresse von der Seehütte von Mahler haben.", meinte Susanne und gab den Zettel dem Hauptkommissar. Semir runzelte nachdenklich die Stirn und hielt den Zettel sehr fest. "Hat Ben sein Hand wieder eingeschaltet?", wollte er dann wissen. "Noch nicht.", erwiderte Susanne. "Verdammt, was ist denn nur los mit dem Kerl?", fragte sich Semir. "Okay, ich fahr mal hin.", kündigte der Hauptkommissar an, machte auf dem Absatz kehrt, schmiss die Ente auf den Rücksitz und fuhr los. Die Dunkelheit und ein erneuter Schneesturm, der vierte in diesen Tagen, sollten jedoch seine Suche nicht positiv beeinflussen.


    In der Hütte war Ben derweil dabei den Knoten seiner Handfesseln zu lösen. "Ben, ich habe Angst.", schluchzte das kleine Mädchen und rieb sich die verweinten Augen. "Hey, es wird schon alles gut. Wir sind bald hier raus.", beruhigte Ben seine kleine Patentochter. Dann schaffte er es wirklich die Fesseln zu lösen. "Ha.", rief er aus und versuchte nun die Fußfessel zu lösen, während er mit der anderen Hand sein Handy hervorkramte und wieder einschaltete. Als er auch diese Fesseln lösen konnte, suchte er nach einem Ausgang aus diesem Gefängnis. Zuerst überprüfte er die Tür. "Abgeschlossen. Natürlich.", murrte Ben und suchte dann nach einem anderen Ausweg.


    Plötzlich fiel ihm eine lose Holzplanke der Wandabdeckung auf. Schnell ging er hinüber und zog an dem morschen Brett. Mit knackendem Geräusch und berstendem Schrei brach das Ding aus der Wand heraus. "Komm Elli, hier können wir raus.", rief Ben seinem kleinen Schützling zu. Schnell war die Kleine durchgeschlüpft, doch bei Ben dauerte es etwas. "Oh man, hätte ich doch letztens nicht so viel Marzipankartoffeln gefuttert.", dachte er, als es mit dem Durchrutschten nicht so recht klappen wollte. Doch auch nach wenigen Minuten war dies kein Problem mehr. Würde die Flucht unbemerkt bleiben? Immerhin waren sie in den Tiefen des Waldes und der Dunkelheit gefangen. Es würde mindestens mehrere Stunden dauern, bis sie eine Straße erreichten. Es schneite heftig und kräftig, nur der Vollmond warf sein gespenstisches Licht in den Wald hinein. Ben kam diese Szenerie sehr vertraut vor. Sollte sich sein Traum erfüllen?


    ...

  • Ben nahm seine Patentochter auf den Arm und stiefelte los. Der hohe Schnee ließ ein schnelles Vorwärtskommen nicht zu, doch Ben wollte so schnell wie möglich weit genug weg von der Hütte. "Ben, mir ist so kalt.", sagte die Kleine mit bibernden und klappernden Zähnen. Ben bemerkte, dass die Kleine weder Jacke noch Winterkleidung trug. So nahm er seinen Schal und wickelte ihn seiner kleinen Patentochter um den Hals und den Oberkörper und drückte sie ganz fest an sich. "Komm, ich wärm dich.", meinte er nur und lief weiter. Der Schnee schlug ihm ins Gesicht und Ben hatte Mühe gegen diese tosenden Stürme anzukommen. Dennoch kniff er die Augen zusammen und stapfte weiter voran. Doch etwas ließ ihm die Nackenhaare zu Berge stehen.


    Stefan kam ins Boothaus. Er wollte jetzt beenden, was er angefangen hatte. Zu diesem Zweck hatte er einen noch schwereren Anker in der Hand. Als er das Bootshaus aufschloss, fiel ihm das Ding fast auf den Fuß, als er sah, dass seine beiden Geiseln nicht mehr da waren. "Shit.", rief er aus und nahm seine Waffe aus dem Gürtel. Schnell rannte er hinter das Bootshaus und sah die noch vorhandenen Ansätze von Spuren im Schnee. "So Ben, du willst also Verstecken mit mir spielen. Ganz wie früher, nur gewann ich da doch immer.", meinte Stefan und rannte los. Ihm war klar, dass Ben nicht so schnell voran kam, da er die Kleine auf dem Arm hatte. Doch auch ihm machte die Dunkelheit und der ins Gesicht wirbelnde Schnee arg zu schaffen.


    Semir war derweil am Ende der Straße angekommen. Ab hier begann der Waldweg, der nur zu Fuß oder per Pferd zu passieren war. Da er kein vierbeiniges Reittier gerade zur Hand hatte, musste er wohl oder übel laufen. "Na, dann mal los.", meinte er, schnappte sich seine Taschenlampe und übersprang den Schlagbaum mit einem Satz. Er leuchtete kurz auf ein Schild. "Zur Hütte 4 km.", las er. "Mist verdammter.", stieß er aus. Doch es half nichts. Wollte er Ben helfen, musste er zur Hütte gelangen. Doch, würde er seinen Freund rechtzeitig finden?


    ...

  • Ben schien im Kreis zu laufen, so kam es ihm jedenfalls vor. Noch immer hatte er Elli fest an seinen Körper gedrückt und lief unter den mit Schnee bedeckten Bäumen durch. Wenigstens der Mond war sein Verbündeter, spendete ein wenig Licht. Doch plötzlich stockte Ben der Atem. Da war es wieder, dieses schaurige Heulen. Es durchdrang Bens Körper und schien, völlig unbewusst, eine Urangst in ihm zu wecken. "Was war das?", fragte die Kleine mit ängstlich-zitternder Stimme und presste ihre Arme noch enger um Bens Hals. Beinahe bekam dieser keine Luft mehr. "Keine Angst, ist bestimmt nur ein Hund.", erwiderte er. Nur ein Hund? Die klangen doch anders, ihre Stimmen waren doch wesentlich tiefer und nicht so klar und hell wie diese. "Konnte es sein?", dachte er bei sich, wollte aber am Liebsten gar nicht weiterdenken. Er wusste, dass es in Brandenburg und Sachsen schon wieder solche Tiere gab, aber hier in NRW doch nicht.


    Ben lief weiter, doch das Heulen schien ihn zu verfolgen. Langsam wurde der Kommissar etwas nervös. Zwar hatte er schon einige Wölfe gesehen, doch die waren meist in Zoos sicher hinter einem tiefen Graben verwahrt und liefen nicht durch einen gespenstisch wirkenden Wald. Er musste weiterlaufen, seine Patentochter in Sicherheit bringen. Doch die Kälte und der fallende Schnee setzten seiner Ausdauer mehr und mehr zu. Er sah sich nach seinem Verfolger um, doch Stefan schien ebenso orientierungslos durch den Wald zu irren, wie er. So ruhte sich Ben einige Minuten an einem dicken Baum aus. "Hey, wie gehts dir?", fragte er die Kleine mit hastig schlagendem Atem. "Mir ist so kalt.", erwiderte sie frierend. "Komm, wir habens bald geschafft. Halt durch, Elli. Hörst du?", bat Ben eindringlich und flehend. Die Kleine nickte und schmiegte sich an seine Schulter.


    Ben wollte weiterlaufen, doch plötzlich durchschlug etwas sein Bein und er stürzte in den Schnee. Elli schrie kurz auf, als sie im Schnee landete, lief dann aber wieder zu Ben, der seine Hand auf sein Oberschenkel presste. "Verflucht.", stieß er aus, als er seine blutige Hand sah. "So, hab ich euch wieder.", lachte Stefan Mommsen und kam langsam und mit vorgehaltener Pistole auf Ben und die Kleine zu. "Das macht ihr nicht noch einmal.", fauchte er gefährlich. "Am Besten, ich erledige euch hier auf der Stelle und bei dem Schneesturm wird man eure Leichen spätestens im Frühjahr finden.", meinte Stefan und zielte auf Ben. Dann jedoch fiel Stefans Blick mit weit aufgerissenen Augen auf einen großen, knurrenden Schatten, der über ihnen auf einer Felskante stand.


    Semir hatte den Schuss gehört und rannte, so gut es der Schnee zuließ in die Richtung aus welcher der Schuß kam. "Gott, lass es Ben gut gehen.", schickte er seine Gedanken gen Himmel ab und stapfte so schnell er konnte durch den Schnee. Seinen Schal hatte er sich tief ins Gesicht gezogen, um den Schnee zu widerstehen, der ihm direkt ins Gesicht schlug. Würde er seinen Partner rechtzeitig finden?


    ...