Zu viele Pferdestärken

  • Gerade hatten Semir und Ben ihre Mittagspause an einer Raststätte beendet und wollten sich gemütlich in den ruhig fließenden Verkehr einreihen. Ben hatte unauffällig den obersten Knopf seiner Jeans geöffnet, weil er wie üblich gut zugeschlagen hatte. „Wie machst du das bitte, so viel zu essen und trotzdem nicht dick zu werden?“, fragte der kleine Türke kopfschüttelnd. „Seitdem ich in die Jahre komme muss ich schon aufpassen, dass es bei mir nicht anschlägt, aber bei dir scheinen diese Gesetze nicht zu gelten“, lamentierte er ein wenig, als plötzlich ein gelber Wagen wie eine Rakete auf der Überholspur an ihnen vorbei schoss.


    „Hey was soll denn das? Hier ist auf 100 km begrenzt, aber der hat locker das Doppelte drauf- den schnappen wir uns!“, rief Semir, schaltete die Blaulichtleiste ein und wechselte ebenfalls auf die linke Spur. Man konnte sehen, wie ein Stück weiter vorne das Fahrzeug wohl mit Lichthupe und dichtem Auffahren die Verkehrsteilnehmer von der Überholspur scheuchte, der Fahrstil war nicht nur schnell, sondern auch aggressiv.
    Ben hatte mit einer Hand nach dem Griff an der Tür gefasst und mit der anderen angelte er nach dem Funkgerät, um Susanne das Kennzeichen durch zu geben, wenn sie nahe genug heran gekommen waren. Semir trat das Gaspedal durch, zufällig war um die Mittagszeit auf diesem Autobahnabschnitt relativ wenig los und die anderen Fahrer wichen sehr vernünftig schnell aus, als der gelbe Bolide ihnen zu nahe kam. „Das gibt’s doch nicht, ich fahre was die Karre hergibt, aber der versägt uns und das Nummernschild ist auch nicht lesbar!“, rief Semir aufgebracht, nur Ben musterte das Fahrzeug vor ihnen mit einem begehrlichen Gesichtsausdruck „Audi R 8 Spyder V 10 , 610 PS, Beschleunigung von null auf hundert in 3.3 Sekunden!“, murmelte er und Semir warf ihm einen schnellen Blick zu. „Ja, ja, ist ja alles sehr schön und prima wie du dich mit Nobelmarken auskennst, aber überleg dir lieber, wie wir den schnappen können!“, knurrte er, aber da war es vor ihnen schon passiert. Ein Kleinwagenfahrer der gemütlich auf die Überholspur gewechselt hatte, verlor die Nerven als das Geschoss ihn von hinten bedrängte, touchierte beim hektischen Einscheren seinen Nebenmann, der drehte sich, zwei weitere Fahrzeuge konnten nicht mehr ausweichen, krachten in das schleudernde Fahrzeug und Sekunden später war die Autobahn dicht, Bremsen quietschten und der Audi war über alle Berge, da sogar die Standspur von Unfallwagen blockiert war.
    „Cobra 11 an Zentrale- Massenkarambolage auf der A3, der Unfallverursacher ist flüchtig- erbitten Verstärkung und den Rettungsdienst!“, rief Ben ins Funkgerät und gab noch die Fahrzeugdaten des Boliden durch. „Den kriegen wir schon- solche Autos fahren ja nicht massenhaft auf Deutschlands Autobahnen herum!“, bemerkte er dann zu seinem Partner und jetzt stiegen die beiden aus, sicherten die Unfallstelle ab und gingen ihrer Arbeit nach. Gott sei Dank waren nur wenige Leichtverletzte zu beklagen und als einige Zeit später die Autobahn geräumt und der letzte Abschleppwagen davon gefahren war, setzten die beiden Hauptkommissare sich wieder in den BMW und fuhren zur PASt.


    „Susanne gibt’s irgendwelche Meldungen bezüglich des R 8? So ein Auto muss doch irgendwelchen Kollegen auffallen“, fragte Ben nach, aber die Sekretärin schüttelte den Kopf. „Ihr sollt zur Chefin kommen!“, gab sie ihnen Bescheid und nach einem kurzen Rapport schrieben die beiden noch den Unfallbericht. „Das ist dir auch noch nicht oft passiert, dass du einen flüchtigen Fahrer nicht einholst, mir ist allerdings schleierhaft wo der abgeblieben ist“, bemerkte Ben, aber dann machten die beiden Feierabend.


    „Sarah ist erkältet und wartet schon sehnsüchtig darauf, dass ich ihr die Kinder abnehme. Wir werden jetzt bei diesem Traumwetter eine große Runde spazieren gehen, dann werden die beiden müde und Lucky hat ebenfalls gleich sein Gassi!“, berichtete Ben und Semir wünschte ihm noch einen schönen Feierabend. „Ich muss mit Andrea einkaufen gehen- da würde ich lieber bei dir mit marschieren“, berichtete er und verdrehte die Augen. „Na jeder wie er´s verdient“, rief Ben, sprang in seinen Mercedes und brauste vom Hof. „Ja, ja du hast leicht reden“, seufzte Semir und fuhr ebenfalls nach Hause.


    Ben wurde von seiner Frau die mit Schniefnase und Kopfschmerzen durchs Haus schlich, schon sehnsüchtig erwartet. „Was bin ich froh, wenn ich mich jetzt ein bisschen hin legen kann!“, rief sie und Tim und Mia-Sophie sprangen ihrem Vater munter entgegen. Auch Lucky freute sich mega als Ben sich die Leine um den Hals hängte- das sah nach einem Familiengassi aus und die liebte der freundliche graue Deerhound. So zog Ben mit seinen Kindern los und als sie sich nach einer großen Runde dem Dorf wieder näherten, kam ihnen ein unbekannter Hund, fast ein Ebenbild von Lucky, mit seinem Frauchen entgegen. Der wedelte wild, blieb aber nach einem Blick auf Herrchen gehorsam bei Fuß, während der andere schon ein wenig an der Leine zog. „Alba sitz!“, rief die junge Frau und jetzt hockte sich die Graue doch hin, wenn sie auch mit verschmitzten Augen in Lucky´s Richtung sah und leise fiepte. „Meinetwegen dürfen sie ihren Hund ruhig los lassen, dann können die beiden ein wenig spielen- Straße ist hier ja weit und breit keine“, schlug Ben vor und Sekunden später tobte Lucky als wäre er ein ganz Junger mit seiner neuen Freundin über die Wiesen. „Wir sind erst kürzlich her gezogen- wir haben uns ein kleines Häuschen hier im Dorf gekauft!“, erklärte die junge Frau und begrüßte auch freundlich die beiden Kinder. „Aber was für ein Zufall dass gleich zwei Hunde dieser doch in Deutschland nicht so verbreiteten Rasse hier leben, außer auf Zuchtschauen habe ich ehrlich gesagt noch keinen gesehen“, berichtete sie und Ben betrachtete seinen Gefährten, der soeben einen zweiten Frühling erlebte, mit liebevollem Blick. „Das sind ganz tolle Hunde- Lucky hat mir sogar schon einmal das Leben gerettet!“, berichtete er und die junge Frau sagte: „Das müssen sie meinem Mann und mir unbedingt einmal erzählen, aber ich muss jetzt leider zurück- hoffentlich treffen wir uns bald mal wieder“, und rief dann ihre Hündin zu sich und leinte sie an. Ben musste nun auch Lucky an die Leine nehmen, denn der sah gar nicht ein, dass er jetzt mit nach Hause gehen sollte. Tim und Mia-Sophie streichelten ihn und Ben sagte „Das müssen wir gleich der Mama erzählen- Lucky ist verliebt!“, und schwatzend und plappernd strebten die drei dann dem Gutshof entgegen.

  • Am nächsten Tag war Sarah so krank, dass sie nicht vom Bett aufstehen konnte, weil sie hohes Fieber dazu bekommen hatte. „Keine Sorge- ich denke die Chefin hat nichts dagegen, wenn ich ein paar Überstunden abbaue bis du wieder gesund bist!“, bemerkte Ben und sagte in der PASt Bescheid. Auch Semir verständigte er noch kurz, damit der nicht zu viele Schokocroissants einkaufte, der war nämlich mit dem Frühstück besorgen dran. „Richte Sarah eine gute Besserung von mir aus, bis in ein paar Tagen“, bemerkte Semir freundlich und nachdem Ben noch den Hausarzt verständigt und um einen Hausbesuch gebeten hatte, machte er sich daran erst die Kinder für den Kindergarten fertig zu machen, dort mit dem Wagen ab zu liefern und dann die Tiere zu versorgen. Die beiden zutraulichen mit der Flasche aufgezogenen Schafe ließ er aus dem Stall in den abgezäunten Gartenabschnitt, füllte Futter und Wasser bei den Hühnern auf und rupfte ein wenig Wiese für die Kaninchen, die sich im Freigehege tummelten. „Na ja einen kleinen Privatzoo haben wir schon beieinander, aber wenn ich dann so schaue wie gut es euch allen geht und wie viel Freude und Verantwortungsbewusstsein unsere Kinder durch die ganzen Tiere haben, ist es das wert!“, sagte er und streichelte die beiden Zwerghäschen Al Bano und Romina, die begeistert den frischen Löwenzahn mümmelten.


    Lucky folgte ihm wie ein Schatten und als Ben sich vergewissert hatte, dass Sarah alles hatte was sie brauchte, joggte er mit Lucky eine kleine Runde. Der spähte immer nach seiner neuen Freundin und war ganz enttäuscht als er die Hündin nirgends entdecken konnte. „Na alter Junge- die treffen wir schon wieder, aber dich hats ganz schön erwischt“, schmunzelte Ben.


    Am späten Vormittag kam dann der Hausarzt, schrieb Sarah ein paar Medikamente auf und verordnete ihr Ruhe und viel Trinken und Ben holte gleich die Medizin und brachte am Rückweg nicht nur die Kinder mit, sondern auch gleich ein fertiges Mittagsgericht vom Metzger des Ortes- ihm war schleierhaft wie Sarah das schaffte, bis zum Mittag immer den Haushalt zu schmeißen und auch noch was zu kochen, dazu war er nicht geschaffen, aber die Geschäfte im Ort wollten schließlich auch leben.


    „Papa, Lucy hat gesagt neben ihnen wohnen Ponys, dürfen wir die anschauen?“, bettelte Tim während der Rückfahrt und Mia-Sophie echote: „Ja anschauen!“ „Meinetwegen“, ließ Ben sich breit schlagen. „Wir essen jetzt erst mal was, dann machst du deinen Mittagsschlaf, Mäuschen und anschließend laufen wir mit Lucky dorthin“, plante er bereits den Nachmittag. Ihm war klar, je mehr sich die Kinder bewegten und er was mit ihnen unternahm, desto eher waren sie am Abend müde und er konnte auf einen gemütlichen Feierabend vor dem Fernseher hoffen. Tim beschäftigte sich nach dem Essen auch selber mit seinen Spielzeugautos, während die Dreijährige noch ein Schläfchen machte. Sie war erst seit Kurzem im Kindergarten und die vielen Eindrücke machten müde und mussten von dem kleinen blond gelockten Mädchen erst einmal verarbeitet werden.
    Als er nach Sarah sah, lag die fiebernd im Bett und hatte fast keine Stimme mehr. Essen wollte sie auch nichts, sondern nur ihre Ruhe und schlafen. „Ich ziehe nachmittags mit den Kindern und Lucky wieder los, dann sind alle beschäftigt und keiner stört dich“, sagte Ben liebevoll, stellte ihr noch eine weitere Flasche Wasser nebens Bett und schloss dann leise die Schlafzimmertür. Er telefonierte kurz mit Semir, aber auch in der Arbeit gab es nichts Besonderes. Sein Kollege hatte wegen des gelben Flitzers noch Susanne nachforschen lassen, aber es war in der Nähe kein solcher Luxusschlitten zugelassen und so würde der Fahrer wohl straffrei ausgehen, obwohl er ja der eigentliche Unfallverursacher war.


    Wie versprochen zog Ben dann mit seinen Kindern wie am Vortag los und zu Luckys Entzücken trafen sie auch wieder auf seine neue Hundefreundin. „Ich habe meinen Hund noch nie so verliebt gesehen!“, erklärte Ben deren Besitzerin und während sie gemeinsam dem Dorf zustrebten, erzählte die, dass sie bei der nächsten Hitze Alba decken lassen wollte. „Wir haben schon einen Weltsieger als Rüden auserkoren, wir müssen dann zwar drei Stunden fahren, aber er passt von den Papieren her einfach perfekt zu unserer Hündin, ich denke ab nächster Woche können wir nicht mehr zusammen gehen, denn sonst würde Lucky, der ja unkastriert ist wie ich sehe, noch auf dumme Gedanken kommen, aber wenn Alba dann tragend ist, steht weiteren Spaziergängen nichts mehr im Weg“, beschied sie Ben und der sah seinen grauen vergnügten Riesen mitleidig an: „Na Lucky- wie gemein, aber die zwei Wochen gehen auch vorbei und dann hast du deine Freundin ja wieder!“, sagte er und nun waren sie auch schon im Dorf angekommen, wo ein alter Hof an einen Pferdehalter verkauft worden war und neben mehreren Pferden der unterschiedlichsten Rassen zwei kleine Ponys auf der abgefressenen Wiese standen und sofort neugierig an den Zaun kamen, als die Kinder sie riefen und Gras vom Wegesrand rupften und sie fütterten.
    Mia-Sophie juchzte vor Vergnügen als das weiche Ponymaul ganz vorsichtig das Gras aus ihrer Hand nahm. Beide Ponys waren kupferrot und eines der beiden hatte einen kleinen weißen Fleck auf der Stirn. Sie waren vielleicht 90 cm hoch und auch Ben, der ja eigentlich mit Pferden nicht so viel am Hut hatte, musste die vorwitzigen Wuschelmähnen streicheln und lächeln, als er sah wie viel Freude die Kinder hatten. Sogar Lucky, der fast genauso groß war wie die Ponys, leckte ihnen über die Nasen.
    Nun kam ein Mann mit Hut aus dem Gebäude, der Ben sofort unsympathisch war, der aber ein breites Grinsen auf dem Gesicht hatte. „Na Kinder- wäre das nicht was für euch- die beiden kann man auch reiten“, rief er und sofort begann Tim zu betteln- „Papa bitte – dürfen wir?“ „Jetzt geht’s nicht, ich muss gleich weg, aber kommt doch einfach morgen um dieselbe Zeit wieder, dann dürft ihr drauf sitzen“, versprach der Mann und als Ben nun mit seinem Anhang nach Hause ging, musste er sowohl Lucky als auch die Kinder schier hinter sich her zerren. Lucky weil er herausgefunden hatte wo seine Freundin Alba wohnte und Tim und Mia- Sophie weil sie sich nicht von den beiden Pferdchen trennen konnten.


    Als am Abend endlich alle Tiere im Stall waren, die Kinder geduscht und nach Abendbrot und Gute-Nachtgeschichte im Bett lagen und voller Vorfreude auf den nächsten Tag schliefen, machte Ben sich ein Bier auf und schaltete den Fernseher ein, aber das wars dann schon. Als er weit nach Mitternacht erwachte, konnte er nur noch das Bier weg schütten und selber ins Bett gehen, er hatte nicht gedacht dass ein freier Tag so anstrengend sein könnte.


    Heute war sowieso Samstag und der Kindergarten hatte geschlossen, so nahm Ben die Kinder am Morgen noch mit in den Supermarkt, wo er ein paar Einkäufe erledigte. Die hatten Hummeln im Popo und konnten den Nachmittag kaum erwarten. Sarah lag immer noch komplett flach und Ben hatte auch vorsichtshalber im Gästezimmer geschlafen, erstens um sie nicht zu stören und zweitens um sich nicht an zu stecken und die Kinder hatte er ebenfalls ein wenig von ihr fern gehalten, welch ein Alptraum wenn die beide auch noch krank werden würden, sie hatten das schon mehrfach durch, aber Spaß war das keiner.


    Als sie am Nachmittag dann vor dem Hof des Pferdebesitzers standen, waren da mehrere Leute die Pferde auf der Wiese ritten oder herum führten. Es standen so einige Autos mit Kennzeichen auch von weiter her herum und Ben ging jetzt auf, dass der Mann wohl mit Pferden handelte. Das tat der Freude seiner Kinder aber keinen Abbruch, die jetzt jeder auf einem Pony sitzen durften und geführt wurden. Die beiden Roten waren lammfromm, Ben musste sie- eines rechts, eines links- fast hinter sich her zerren. Sie hatten kleine billige Sättelchen auf dem Rücken und beide Kinder jauchzten vor Vergnügen und wollten überhaupt nicht mehr runter.
    „Na die passen doch hervorragend zusammen, das sind top gesunde Fünfjährige, also Ponys im besten Alter. Ich kann ihnen einen Sonderpreis machen- 1000 Euro die beiden zusammen mit Sattel. Ich habe da auch noch eine kleine ältere Kutsche rumstehen, die könnte ich ihnen ebenfalls günstig überlassen!“, warb der Mann und nun begannen die Kinder zu betteln. „Ich muss das erst mit der Mama besprechen“, wollte Ben die Kleinen ablenken, aber da sagte der Mann: „Nachher kommen noch einige weitere Interessenten, ich glaube nicht, dass ich die Ponys lange am Hof habe“, und als Tim und Mia-Sophie nun zu heulen begannen, die Pferdchen umarmten, die völlig ruhig da standen, egal was um sie herum passierte und das Gejammer seiner Kinder immer lauter wurde, begann Ben zu schwitzen.

    Sarah hatte ja immer schon gesagt, bereits als sie den Gutshof gekauft hatten, dass sie später ein Pferd wollte. Platz hatten sie ja genug und in der Remise waren sogar einige Pferdeboxen. Die Wiesen waren aktuell verpachtet, aber da lief in Kürze sowieso der Pachtvertrag aus. Ach was sollte es- wenn die Kinder so einen Spaß hatten, ein paar Tiere mehr oder weniger bei ihnen spielte doch gar keine Rolle mehr. Die Kinder versprachen mit verheulten Augen sich ganz alleine um die Ponys zu kümmern und so schlug Ben einfach in die ausgestreckte Hand des Mannes ein. „Der Kaufpreis ist sofort in bar fällig, die Ponys können durchaus noch ein paar Tag hier stehen bleiben bis sie einen Stall gefunden haben, pro Tag bekomme ich dafür 20 Euro pro Pferd. Die Equidenpässe händige ich ihnen aus wenn sie ihre Tiere abholen, herzlichen Glückwunsch, sie sind jetzt Pferdebesitzer!“, leierte der Mann herunter und als Ben nun am Geldautomaten des Ortes die geforderte Summe holte, lachten seine Kinder vor Glück und er war ein wenig verunsichert- was würde Sarah wohl sagen.

  • „Ich glaube du bist total verrückt geworden!“, krächzte Sarah, als zuhause die Kinder nicht mehr zu halten waren und ins Schlafzimmer stürzten, laut rufend: „Papa hat uns Ponys gekauft!“ Ben versuchte zu erklären wie das gelaufen war und zückte dann auch sein Handy um Bilder der beiden Füchse mit den Kindern auf dem Rücken her zu zeigen. „Und nicht mal Helme haben die beiden auf!“, war das Erste was Sarah ins Gesicht stach. „Ach Mann und solche Winzlinge, was sollen wir denn mit denen anfangen wenn die Kinder zu groß für sie geworden sind? Ich dachte immer wir kaufen ihnen in ein paar Jahren zwei ältere und erfahrene Isländer oder Norweger, die kann ein Erwachsener auch reiten und gegebenenfalls korrigieren, da gibt es eine große Auswahl und die kommen auch damit zurecht, wenn sie nicht jeden Tag was tun, aber solche Minishettis sind die reinsten Temperamentsbolzen und die Haltung ist alles andere als einfach“, schimpfte Sarah vor sich hin.


    „Mama- die sind sooo süß- wir versorgen die auch ganz alleine“, versuchte nun Tim seine Mutter milde zu stimmen und als sie sah wie die Mundwinkel ihrer Tochter zu zucken begannen, weil sie mit den Streitereien der Eltern überhaupt nicht zu Recht kam, beherrschte Sarah sich jetzt und ließ sich wieder in ihre Kissen zurück fallen. „Nun gut- jetzt haben wir sie halt, was sind es denn überhaupt, Wallache oder Stuten, wie alt sind sie und wie heißen die beiden?“, ballerte sie dann drei Fragen raus, die keiner der Drei vollständig beantworten konnte. „Der Händler hat gesagt es seien gesunde Fünfjährige, mehr weiß ich nicht- ach ja die Sättel sind dabei und eine Kutsche habe ich auch dazu erstanden“, beichtete Ben jetzt noch und nun musste Sarah grinsen. „Also ich habe ja vom Fahren keine Ahnung, aber ich weiß genau wer jetzt den Kutschenschein macht- und das bin nicht ich. Aber immerhin sind die beiden anscheinend wirklich ruhig und brav wenn ich mir die Fotos so anschaue und fünfjährig ist besser als dreijährig, dann haben sie die Pubertät schon weitgehend hinter sich wenn wir Glück haben. Lasst mich jetzt bitte wieder ein wenig ausruhen, ich muss erstens Pläne machen wo wir die beiden unterbringen und außerdem möchte ich euch nicht anstecken, wenn es nicht sowieso schon passiert ist.
    Ben du rufst am besten gleich deinen Vater an und versuchst für die nächste Woche einen Bautrupp zu organisieren, wir müssen hier so einiges vorbereiten!“, und jetzt ging Ben auf, dass er sich da in wenigen Minuten ganz schön was aufgeladen hatte. Aber egal, Hauptsache die Kinder waren glücklich und langsam beruhigte sich seine Sarah, das wäre auch das erste Mal dass sie irgendwelchen Viechern widerstehen konnte. Er war sich ganz sicher, wenn sie die beiden Wuschelmähnen zum ersten Mal streicheln würde, wäre es sowieso um sie geschehen und diese ganzen Diskussionen würden sich erübrigen.


    „Ich koche uns jetzt eine Nudelsuppe und bringe dir eine rauf mein Schatz!“, machte Ben gut Wetter und Sarah nickte „Tu das, ich werde auch versuchen was zu essen, aber bitte geht zuerst alle drei duschen und werft eure Kleidung in die Wäsche- mit Verlaub gesagt, obwohl ich noch nicht viel rieche, aber ihr stinkt!“, setzte sie noch nach und wusste dass dieser Geruch auf eine nicht so gute Haltung hin wies. Sauber gehaltene Pferde rochen nicht so streng, dieser Ammoniakgeruch kam von schlecht gemisteten und miefigen Ställen, aber bei ihnen würde das ganz anders aussehen- sie hatte schließlich Ahnung von Pferdehaltung, etwas was man von ihrem Mann nicht behaupten konnte.


    So beeilte sich Ben alles zu tun was Sarah verlangte, die Nudelsuppe aus der Tüte war auch für seine Kochkünste zumutbar und als später die Kinder im Bett lagen und auch Sarah bereits wieder schlief, griff er zum Telefon und rief Semir an.
    „Du hast was?“, lachte nun auch der. „Na wenn ich meinen Kindern immer gleich kaufen würde was sie sich wünschen, hätten wir hier einen Privatzoo- aber den habt ihr ja sowieso schon. Leider ist Andrea mit den Kindern heute zu den Großeltern gefahren, die wären sonst sicher ebenfalls begeistert. Irgendeine Patentante feiert morgen ihren 70. Geburtstag, ich konnte es verhindern dass ich mit muss- ich habe gesagt ich wäre auf Bereitschaft, aber wenn du möchtest komme ich morgen vorbei und schaue mir euren Familienzuwachs an. Ich weiß nicht ob ich dir das schon erzählt habe- wenn wir in den Ferien beim Opa in der Türkei waren, bin ich immer mit dessen Eselgespann durch die Gegend gekurvt, also Fahren beherrsche ich und kann auch ein Geschirr anlegen, dann können wir ja vielleicht mit euren zwei PS eine kleine Runde drehen“, schlug er vor und Ben stimmte freudig zu- wenigstens einer der hinter ihm stand.


    Im Stall beim Händler stand ein kleines Pferd derweil voller Angst ganz kurz angebunden in einem Zwangsstand und ein Mann dessen Augen verräterisch weite Pupillen hatte, schnippelte an seinem Hals herum, entfernte etwas und spritzte danach mit einer dicken Nadel an einer anderen Stelle hinein. „So jetzt sind Pass und Pferd wieder eins!“, lachte er dann, schlüpfte aus Tierarztmantel und Gummistiefeln, nahm sein Geld, ließ noch einen ganzen Karton Medikamente da, stieg danach in seinen knallgelben Audi R8 und schoss mit quietschenden Reifen vom Hof.

  • Der Sonntag war angebrochen. Ben hatte heute genügend zu tun seine Kinder am Vormittag zu beschäftigen. Zum Mittagessen holte er im Gasthof des Ortes etwas und Sarah versuchte mehrmals auf zu stehen, aber ihr Kreislauf machte einfach noch nicht mit. „Zu schade- ich hätte so gerne unsere neuen Familienmitglieder kennen gelernt, aber das geht einfach noch nicht!“, sagte sie traurig und legte sich wieder flach. Immerhin hatte sie schon ein wenig Appetit und die Erkältung schien auch besser zu werden. Sie war sich sicher in ein, zwei Tagen war sie wieder auf dem Damm, aber heute würde ihr ein weiterer Ruhetag einfach gut tun. Mittags meldete sich auch noch Hildegard, die zwei Wochen im Urlaub gewesen war. „Eine Freundin gleichen Alters und ich waren in Österreich beim Bergwandern und hatten die Hunde mit. Frederik ist jetzt ganz durchtrainiert“, erzählte sie. „Ich habe für die Kinder was mit gebracht und würde sie gerne besuchen kommen, ich habe sie jetzt drei Wochen nicht gesehen und habe Sehnsucht nach den Kleinen!“, gestand sie Ben und der erzählte ihr von ihrer neuesten Errungenschaft. „Die Ponys muss ich mir unbedingt anschauen kommen, wann seid ihr denn heute bei denen?“, fragte sie und so verabredeten sich alle für 15.00 Uhr am Hof des Pferdehändlers. Mia-Sophie erwachte rechtzeitig von ihrem Mittagsschlaf und so beschloss Ben mit seiner Familie wieder dorthin zu laufen, dann war der Hund gleich ausgeführt und die Kleinen konnten sich unterwegs noch ein wenig austoben, nicht dass es den Pferdchen dann zu viel wurde.

    Heute hatten die beiden ihre Fahrradhelme dabei, somit war Sarah ebenfalls zufrieden, mahnte viele Fotos an und beauftragte Ben weitere Erkundigungen zu den Ponys ein zu holen. „Frag wo sie herkommen, Papiere werden sie keine haben, sonst wären sie nicht so günstig gewesen, wer sie eingeritten und eingefahren hat und nicht zuletzt wie sie heißen“, erhielt Ben detaillierte Aufträge. „Und lass dir eine Kopie von den Equidenpässen geben, dann wissen wir vielleicht mehr über ihre Vergangenheit“, bat sie dann noch und Ben zog jetzt die Stirne kraus. Equidenpass- so ganz dumpf fiel ihm da eine Schulung ein, deren Inhalt ihm aber nicht mehr völlig im Gedächtnis war, obwohl das eigentlich ja zu seinem Job gehörte. In Deutschland musste seit 2009 jeder Equide, also Pferde, Ponys, Esel, Maulesel und Maultiere, sogar Zebras und ihre Kreuzungen einen Pass besitzen. Alle ab einem Stichtag Geborenen mussten zur Ausstellung des Passes auch einen Mikrochip implantiert haben, der sie zweifelsfrei identifizierte, ansonsten war das Pferd dort beschrieben mit Wirbeln und farbigen Abzeichen. Der Pass musste bei jedem Transport mitgeführt werden und sagte zwar nichts über die Besitzverhältnisse aus, aber es gab den Behörden eine Handhabe erstens beim Ausbruch von Tierseuchen und zweitens falls eine Gemeinde eine Pferdesteuer erheben wollte, was immer wieder versucht wurde.

    Er fragte sich zwar was das für einen Sinn machte, etwas über die Vergangenheit ihrer Ponys zu recherchieren, aber wenn Sarah da so scharf drauf war- meinetwegen. Für ihn waren das einfach niedliche Tierchen zum Reiten, Fahren und Kuscheln für die Kinder, alles andere spielte doch keine Rolle.


    So trafen sich alle miteinander pünktlich um 15.00 Uhr vor dem Anwesen des Pferdehändlers, wo erneut mehrere Autos herum standen und Pferde ausprobiert wurden. Die Kinder hatten ihre Ponys auch sofort entdeckt, die grasten wieder auf der kleinen ziemlich abgefressenen Weide und kamen sofort zum Zaun als sie Gras rupften und ihnen anboten.
    „Die sind ja süß!“, bemerkte Hildegard und Ben musste lächeln als er die Freude der Kinder sah. Lucky spielte mit seinem Freund Frederik und auch Semir betrachtete die beiden Roten mit einem Grinsen im Gesicht. Da würden sie nacheinander mit der Kutsche fahren müssen, die konnten seiner Meinung nach gerade zwei Erwachsene, oder einen Erwachsenen und die beiden Kinder ziehen. „Aber erst wollen wir reiten!“, verkündete Tim ganz wichtig als Pferdeneubesitzer und Ben suchte nun den Händler, der gerade wieder eines seiner übrigen Tiere einem potentiellen Käufer anbot.


    „Ja, ja- da drin sind die Sättel und das Zaumzeug, Putzzeug liegt irgendwo rum, dort hinten steht ihre Kutsche und das Geschirr ist auf der Sitzbank!“, wandte er sich beiläufig an Ben und deutete auf die etwas baufällige Scheune. Als der Dunkelhaarige nun noch wegen der Equidenpässe und der Namen fragte, wandte sich der Pferdehändler leicht genervt um. „Sie sehen doch dass ich jetzt keine Zeit habe, ich suche die nachher raus und mache eine Kopie- ach ja und die beiden heißen Rocky und Rambo!“, teilte er noch mit und Ben vergaß völlig zu fragen wer denn wer war, aber letztendlich war das auch egal, er bezweifelte sowieso dass die Kinder die beiden auseinander halten konnten.


    Er war dann mächtig froh dass Semir dabei war, denn als er das Pferdezubehör entdeckt hatte- er glaubte zumindest dass das die Sachen waren die die Tierchen gestern getragen hatten- hatte er keine Ahnung wie die an zu legen waren. Er hatte zwar als Jugendlicher einige Zeit Reitstunden nehmen müssen, weil sein Vater gefunden hatte das gehöre dazu, aber richtig gerne hatte er das nie gemacht. Und da waren die Pferde immer gesattelt und bandagiert gebracht worden, er musste nur noch aufsteigen. Einen Einblick ins Westernreiten hatte er wegen eines Falls vor einigen Jahren auch einmal bekommen, war aber dann wegen eines schweren Reitunfalls im Krankenhaus gelandet und hatte sich seither nicht mehr für den Reitsport interessiert.


    Während nun Hildegard mit den Kindern draußen wartete, begann ein munteres „Fang das Pony!“, denn als die beiden Roten ihre Absicht erkannten sie ein zu fangen, hauten sie blitzschnell ab und immer wenn Semir oder er eines der beiden in eine Ecke gedrängt hatte, rannten sie plötzlich wieder wild bockend los. „Hui die sind vielleicht lustig, da würde ich die Kinder jetzt nicht gleich drauf setzen, ich schlage vor, ich lass die vor der Kutsche erst ein wenig laufen, danach werden die schon brav sein. Du hattest doch gesagt sie wären lammfromm? Ich würde behaupten die sticht der Hafer!“, lachte Semir und hatte es jetzt irgendwie geschafft einem der Ponys das Halfter über zu streifen und es fest zu halten. Es stieg nochmals kurz, gab sich dann aber geschlagen und ließ sich zum Anbindeplatz hinterher zerren. So schwierig hatte Ben sich das Ganze nicht vorgestellt, aber als sein Kumpel weggebracht wurde, gab das zweite Pony auch auf und als Ben das Halfter angelegt hatte, ging es nun doch mit ihm mit. Puh er war schon völlig außer Atem und dabei hatten sie doch noch gar nichts gemacht!


    Die Kinder standen nun neben ihnen, aber nachdem die Ponys alle beide überhaupt nicht ruhig waren, an den Halftern zerrten, ihre Zähne in den Anbindebalken schlugen und aufgeregt hin und her trippelten, trauten sich die beiden Kleinen kaum näher und Semir übernahm das mit dem Putzen fast alleine. „Na die Klöten haben die beiden auch noch, wusstest du dass du zwei Hengstchen gekauft hast?“ fragte er Ben und der schüttelte stumm den Kopf und schalt sich selber einen Deppen. Als sie die Hufe auskratzen wollten, standen die beiden stocksteif auf allen vier Beinen und machten keine Anstalten auch nur ein Beinchen zu geben und so verzichteten sie schulterzuckend darauf. Wenigstens bissen und traten sie nicht, aber als Semir nun gemeinsam mit Ben die Kutsche, die auch schon bessere Tage gesehen hatte, heran schob und das Brustblattgeschirr beäugte, sagte er: „Das Zeug ist auch nicht mehr ganz taufrisch, aber es wird hoffentlich halten. Ich würde sagen jetzt setzen erst wir beide uns auf die Kutsche, bzw. du hältst nach dem Anschirren die beiden fest bis ich drauf sitze und steigst dann zu, unser beider Gewicht wird die Herrschaften schon müde machen! Kinder wir fahren jetzt eine Runde und wenn Rocky und Rambo Dampf abgelassen haben, dürft ihr erst mitfahren und später natürlich reiten“, beruhigte er die Kleinen die schon ganz geknickt waren und an Hildegards Hand hingen.


    Irgendwie bastelte er jetzt das Geschirr an die Ponys, verschnallte es so wie er dachte und stopfte zu guter Letzt den beiden dann noch kleine Fahrkandaren in die Ponymäulchen. Die kauten wild darauf rum, schlugen mit den Köpfen und die Scheuklappen nahmen ihnen die Sicht nach rechts und links. Nun zog Semir das Gespann herum, so dass die Köpfe der Ponys Richtung Ausgang zeigten, hängte die Kreuzleine an den Gebissen ein und jetzt hatte Ben gut zu tun die beiden Roten irgendwie daran zu hindern sofort los zu rennen. Semir schwang sich auf den Kutschbock, griff nach den Zügeln und rief Ben dann zu „Kannst loslassen- ich hab sie!“ und kaum trat der beiseite sausten die Ponys schon los wie angestochen. Ben schaffte es gerade noch von hinten auf die kleine Kutsche auf zu springen, wenn er sich nicht gut fest gehalten hätte, wäre er schon wieder unten gelegen. Semir hatte irgendwie die Pferdchen auf die Dorfstraße gelenkt und die gaben erst mal Gas. Ben war ja einen flotten Fahrstil gewohnt, aber jetzt war ihm fast ein wenig unheimlich, als sie regelrecht über den Asphalt flogen. Gott sei Dank war kein Verkehr und als sie nun Kilometer machten und jetzt bereits außerhalb des Örtchens waren, fielen die beiden Kleinen irgendwann dann doch in Trab.

    Ben wollte gerade Anstalten machen sich gemütlich in den Innenraum der Kutsche zu ziehen und dort hin zu setzen, da sahen Semir und er plötzlich gleichzeitig einen Wagen, der ihr Interesse weckte. Ihnen kam nämlich ein knallgelber Audi R8 entgegen. „Das gibt’s doch nicht- das ist doch der Typ von der Autobahn! Den schnappen wir uns!“, rief Semir und schaffte es auf einer kleinen abgemähten Wiese neben der Straße ihr Gefährt in einem großen Bogen um zu drehen. Als der Fahrer des Autos, der bisher langsam getan hatte, sah, dass die Kutsche nun in seine Richtung fuhr, gab er Gas und drückte aus unerfindlichen Gründen auf die Hupe, woraufhin Rocky und Rambo völlig unkontrolliert durch gingen. Semir versuchte mit Kraft an den Leinen zu ziehen, aber die beiden wurden in ihrem rasenden Galopp nur noch schneller. Längst hatten sie die Straße verlassen und rasten in einem Affenzahn über eine Wiese und Ben klammerte sich verzweifelt hinten an der Kutsche fest, als plötzlich der Wegrain kam, es einen Schlag gab, woraufhin hinten an dem maroden Fahrzeug etwas weg brach und Ben unsanft in einen Graben katapultiert wurde. Er rappelte sich sofort wieder hoch, ihm war eigentlich nichts passiert, aber Semir war nun mit seinem Höllengefährt alleine unterwegs. Er war aufgestanden und hing mit aller Kraft in den Leinen, schrie dabei „Ho, ruhig!“, aber die Kutsche wurde immer nur noch schneller und schneller. Ein abgebrochenes Teil schleifte hinterher, rumpelte zusätzlich und flößte so den beiden Ponys, die nun um ihr Leben rannten, noch mehr Angst ein. Ben sah den einzelnen Baum auf den die Kutsche in aberwitzigem Tempo zuraste und schrie voller Panik: „Semir- spring ab!“, aber da war es schon passiert. Die Ponys rannten eines rechts, eines links an dem Baum vorbei, die Kutsche zerschellte an dem massiven Stamm und Ben sah seinen besten Freund mit voller Wucht und gemeinsam mit den Kutschentrümmern an den Baum fliegen.

  • Ben kam sich vor wie in einem Alptraum. Völlig mechanisch begannen seine Beine zu laufen und sich auf den Baum zu zubewegen. Aus den Augenwinkeln sah er die Ponys davon rennen, sie schleppten jedes noch ein kleines Stück der Kutsche hinter sich her, aber das war ihm im Augenblick völlig egal.
    „Semir, SEMIR! Was ist mit dir?“, stieß er völlig verzweifelt hervor, während er hektisch nach seinem Handy kramte, um den Notruf ab zu setzen. Aber da war nichts, vermutlich hatte er es bei seinem Sturz verloren. Aber er konnte nicht umdrehen um es zu suchen, denn sein Gefühl sagte ihm, dass es jetzt um jede Minute ging. Er konnte zwar nicht richtig auftreten, vermutlich hatte sein Knöchel doch etwas ab gekriegt, aber die Schmerzen spürte er fast nicht, als er sich so schnell wie möglich humpelnd auf den Baum zu bewegte. Er hörte keinen Laut und nichts, aber auch gar nichts bewegte sich und die Angst um seinen besten Freund nahm mit jedem Schritt zu.


    Endlich nach gefühlten Minuten, obwohl es vermutlich nur Sekunden gewesen waren, kam er am Unglücksort an und sah Semir mit völlig verdrehten Gliedern regungslos mit dem Gesicht nach unten vor dem mächtigen Stamm liegen. Überall war Blut, aber das kümmerte ihn nicht, es war das Blut seines besten Freundes und davor ekelte er sich genauso wenig wie vor dem Blut seiner Frau und der Kinder. Nochmal sprach er den kleinen Türken an, aber der regte sich nicht und gab auch keinen Laut von sich.


    Jetzt machte es sich bezahlt, dass sie als Polizisten regelmäßig ausführliche Schulungen in Erster Hilfe bekamen, erst vor wenigen Wochen hatte er einen ganzen Samstag lang gemeinsam mit seinem Partner seine Kenntnisse aufgefrischt und sie hatten als Team die Puppe des Ausbilders mehrfach wieder belebt. Die Schulung war mit viel Gelächter abgelaufen, man war sich einig gewesen, dass man bei jungen hübschen Frauen durchaus eine Atemspende machen würde, aber nie bei einem Saufbruder unter der Brücke, sie hatten erneut erfahren, dass das Wichtigste war den Kreislauf in Gang zu halten, damit das Gehirn mit Sauerstoff versorgt wurde, aber jeder hatte gehofft, dass er seine Kenntnisse nie anwenden müsste und schon gar nicht bei jemandem der einem nahe stand.


    Früher hätte Ben vielleicht gezögert, weil er ja Wirbelverletzungen bei Semir nicht ausschließen konnte und auf gar keinen Fall für eine etwaige Querschnittlähmung verantwortlich sein wollte, aber die Worte des Ausbilders hallten in seinem Kopf. „Wenn sie eine bewusstlose Person finden, legen sie sie flach auf den Rücken und wenn die nicht ansprechbar ist und keine Lebenszeichen von sich gibt, beginnen sie sofort mit der Komprimierung des Brustkorbs. Halten sie sich nicht damit auf verzweifelt irgendwo einen Puls zu suchen oder heraus zu finden, ob der Bewusstlose noch atmet, sie verlieren nur kostbare Zeit und das Leben ist primär wichtiger als eine fragliche Wirbelverletzung, die ja nicht automatisch auch zu Behinderungen führt“, und so drehte er seinen Partner um, zog ihn vom Baum weg, legte ihn flach auf den Rücken und begann den Brustkorb rhythmisch zu komprimieren.


    Es durchlief ihn kalt- irgendwie fühlte es sich nicht so an wie die paar Male, als er bereits als Ersthelfer an einen Unfall gekommen war und mit der Reanimation begonnen hatte. Semir´s Brustkorb war instabil und es machte ihm Angst, dass der schlaff und leichenblass unter seinen Händen lag und keine Schmerzen zu fühlen schien, obwohl das Blut aus seinem Mund lief. Würde er es schaffen ihn ins Leben zurück zu holen?


    Ohne zu Zögern unterbrach Ben die Herzdruckmassage nach 30 Aktionen, kniete sich neben Semir´s Kopf, überstreckte den und blies ihm zweimal seinen Atem ein, obwohl er danach metallischen Blutgeschmack im Mund hatte. Sofort machte er dann mit der Massage weiter, zählte laut mit und versuchte den Takt des Liedes „Staying alive“ von den Bee Gees zu verinnerlichen, um den richtigen Rhythmus zu behalten, aber mit jeder Minute wuchs seine Verzweiflung. Er tastete kurz und verzweifelt nach Semir´s Handy um professionelle Hilfe zu holen, aber auch das konnte er nicht finden und so langsam begannen seine Muskeln zu schmerzen und seine Kräfte zu erlahmen. Von Semir kam kein Lebenszeichen und nun machte sich Panik und abgrundtiefe Verzweiflung in Ben breit. So wie es aussah war Semir tot und er hatte ihn sozusagen umgebracht. Er hatte gedacht zwei solch kleine Ponys wären ein besseres Spielzeug, aber welche Kräfte die entwickeln konnten, davon hatte er keine Ahnung gehabt. Wenn er doch nur nie auf so einen blöden Gedanken gekommen wäre!


    Niemand außer ihm wusste wie schwer verletzt sein Partner war und dass der ohne professionelle Hilfe keine Chance haben würde und so pumpte Ben weiter das Blut durch den Kreislauf seines besten Freundes und seine Tränen tropften auf ihn, während er verzweifelt weiter drückte, nicht wissend, ob das noch irgendeinen Sinn machte, was er hier tat.

  • Hildegard wurde langsam unruhig. Die Kinder hatten ebenfalls bereits zu quengeln begonnen: „Wo sind Papa und Semir mit unseren Ponys, wir wollen endlich Reiten!“, beschwerte sich Tim, als plötzlich das Geräusch rasender Hufe im fliegenden Galopp zu hören waren. Zugleich schrammte irgendetwas über den Asphalt und jetzt konnte Hildegard nur erschrocken die Kinder zur Seite ziehen, als die beiden kleinen Füchse, denen das Blut über die Hinterbeine lief, hintereinander in Panik an ihnen vorbei schossen, während die Trümmer der Kutsche ihnen immer wieder in die Hinterhand krachte, wenn sie die Richtung änderten. Die beiden Pferdchen waren fast weiß vom Schweiß, der ihre kleinen Körper bedeckte. Ihre Augen waren vor Angst weit aufgerissen und obwohl sie völlig erschöpft waren, rannten sie immer noch um ihr Leben, wie Pferde als Fluchttiere das eben taten, wie es ihnen ihr Instinkt eingab.


    „Um Himmels Willen- da muss etwas Schreckliches passiert sein!“, rief Hildegard und überlegte fieberhaft welches Vorgehen jetzt sinnvoll war. Dann griff sie zu ihrem Handy, wählte die 112 und setzte einen Notruf ab, ohne zu wissen was eigentlich geschehen war, aber ihr Gefühl sagte ihr, dass Gefahr im Verzug war und man jetzt professionelle Hilfe brauchte um die Verunfallten zu finden und fest zu stellen, ob sie verletzt waren.


    Schnell verlud sie dann die Hunde, bat die Kinder in ihre Kindersitze zu klettern, schnallte das kleine Mädchen an- Tim konnte das selber- und rief nebenbei dem Pferdehändler zu, der ebenfalls fassungslos gemeinsam mit seinem aktuellen Kunden den Ponys nach schaute, die gerade an der Hofeinfahrt vorbei geschossen waren. „Kümmern sie sich um die Tiere, holen sie einen Tierarzt, egal tun sie auf jeden Fall was- ich suche die Kutschenbesatzung“, und einige der Pferdeleute rannten nun den Ponys nach, während andere Nachbarn die im Garten gesessen hatten und durch den Radau aufmerksam geworden waren, ebenfalls in ihre Autos sprangen, um nach Semir und Ben zu suchen, denn eines war klar- es musste etwas passiert sein. Hildegard war sich auch sicher, Ben hätte sie angerufen und Bescheid gegeben, wenn er dazu in der Lage gewesen wäre, aber sie wusste in welche Richtung die Kutsche aufgebrochen war und so schwärmte nun ein Suchtrupp aus.


    Gerade begannen Ben´s Kräfte zu erlahmen, da regte sich etwas unter ihm und ein gequältes Husten verriet, dass in Semir noch Leben war. Sofort hörte Ben auf zu Drücken und rief keuchend. „Semir, kannst du mich hören?“, und jetzt öffnete der schwerst Verletzte die Augen einen kleinen Spalt und sah Ben an, ohne ihn so richtig zu erkennen. Gerade wollten die Augen wieder zu fallen, da bettete der Dunkelhaarige den Oberkörper seines Freundes auf seinen Schoss und richtete ihn ein wenig auf. Er merkte wie schwer dem kleinen Türken das Atmen fiel und neben der Erleichterung dass er noch lebte, hatte er schreckliches Mitleid als er die Schmerzen wahrnahm, die sein Freund aushalten musste.


    Verdammt was sollte er tun? Semir brauchte dringend professionelle Hilfe, aber wenn er ihn jetzt hier alleine ließ um die zu besorgen oder wenigstens unter den Kutschentrümmern ein Handy zu suchen, dann würde er nicht mitkriegen, wenn der erneut aufhörte zu atmen und dann war sein Todesurteil unterzeichnet. So erleichtert er war, dass Semir wenigstens wieder einen Kreislauf hatte, so verzweifelt war er auch, weil ihm klar wurde, dass er alleine nichts, aber auch gar nichts ausrichten konnte. Semir hatte vor Qual auf geschrien als er ihn aufgerichtet hatte und er hatte panische Angst ihm jetzt noch mehr Schmerzen zu zufügen, wenn er ihn erneut bewegte.


    Plötzlich näherten sich auf der ein Stück entfernten Straße zwei langsam fahrende Fahrzeuge und Ben erkannte voller Erleichterung als vorderstes Auto den Caddy von Hildegard. Noch nie in seinem Leben war er so dankbar gewesen. „Hier- hier sind wir! Verständigt schnell einen Notarzt, Semir ist in Lebensgefahr!“, brüllte er und wedelte mit den Armen, achtete dabei aber sehr darauf, seinen Freund nicht erneut zu bewegen, der dennoch aufstöhnte. Als Semir wieder hustete, kam schaumiges Blut aus seinem Mund und Ben wagte ihn gar nicht eingehender zu betrachten, denn auch die Arme waren irgendwie völlig verdreht und verschoben und er meinte unter seinem Shirt einen Knochen am Oberarm vorspießen zu sehen.


    Hildegard und das nach ihr fahrende Fahrzeug hatten ihn bereits entdeckt, aber es war auf direktem Weg wegen des Grabens nicht möglich mit einem Auto zu ihnen zu gelangen. Allerdings musste ja auch der Bauer irgendwie auf seine Wiese fahren und so versuchte Hildegard einen Zufahrtsweg für den Rettungsdienst zu finden, während der Nachbar mit dem Autoverbandskasten zu den Verunfallten rannte.


    Die ältere Frau hatte auch schnell ab gewägt, ob es sehr sinnvoll war, den Kindern den Anblick eines Schwerstverletzten zu zumuten und war zu dem Schluss gekommen, dass es besser war, die Rettung zu koordinieren. Sie konnte auch nicht mehr als Erste Hilfe leisten und das machten soeben der Nachbar und Ben, wie sie auf die Entfernung erkennen konnte. So teilte sie via Handy der Leitstelle den ungefähren Unfallort mit, fand bald auch die Zufahrt zur Wiese und wartete darauf den Rettungsdienst einzuweisen. Tim und Mia- Sophie waren ganz still geworden und das kleine Mädchen presste sein Kuscheltier, ein kleines Pony, fest an sich und ein paar Tränchen suchten sich ihren Weg. Auch Tim, der sonst manchmal ziemlich altklug war, sagte kein Wort, außer einmal „Papa!“


    Während aus der Ferne schon die Martinshörner zu hören waren, drehte Hildegard sich nun zu den Kindern um und versuchte sie ein bisschen zu beruhigen und abzulenken, wobei sie sogar aus der Entfernung das viele Blut gesehen hatte. „Jetzt kommt gleich der Notarzt und die Sanitäter, die helfen Semir und bringen ihn in die Klinik. Eurem Papa ist wohl nicht allzu viel passiert“, erklärte sie und hoffte, dass das auch den Tatsachen entsprach.


    Nun erschienen zwei Streifenwagen und zwei Rettungswagen, davon einer mit Notarzt und als Hildegard ausstieg und winkte, kamen sie auch sofort in ihre Richtung gefahren. Es waren keine weiteren Worte mehr nötig und wenig später sprang die Notärztin aus dem vorderen Fahrzeug, das nahe des Baums gehalten hatte und während der Rettungsassistent und die Sanitäter das Equipement heran trugen, begann sie sich einen Überblick über die Verletzungen zu verschaffen.
    Ein Uniformierter war derweil zu Hildegard getreten und fragte: „Was genau ist passiert und wo sind die Pferde, die die Kutsche gezogen haben?“, woraufhin sie nochmals erzählte was sie wusste und jetzt machte sich die Streifenwagenbesatzung auf die Ponys zu suchen, falls die nicht wieder im Stall waren, denn es sollten keine weiteren Verkehrsteilnehmer gefährdet werden.
    Der eine der Sanitäter war derweil ans Funkgerät gegangen und orderte einen Rettungshubschrauber, denn jetzt ging es um jede Minute!

  • Der Stallbetreiber fluchte. Verdammt, so etwas war geschäftsschädigend! Aber er konnte jetzt nur versuchen sich bestmöglich aus der Affäre zu ziehen und half deswegen natürlich mit die beiden panischen Ponys ein zu fangen.
    Es gelang der kleinen Truppe die die beiden verfolgte, sie in den Hof eines Gebäudes zu treiben. Dort zertrampelten sie zwar die Blumenbeete, aber irgendwann standen sie mit gesenkten Köpfen, völlig erschöpft, pumpend und zitternd in einer Ecke. Einer der Pferdemenschen ging ruhig auf die Tierchen zu und sie duldeten es, dass er sie sanft anfasste und die Zügel festhielt. Großes Mitleid überkam den jungen Mann, denn die Pferdchen waren nicht nur an der Hinterhand verletzt, sondern sie waren mit den scharfen Fahrkandaren sicher auch mehrfach auf die Leinen getreten, so dass die kleinen empfindlichen Ponymäulchen ebenfalls bluteten. Als der Händler nun schnaufend näher kam und grob nach den Zügeln greifen wollte, um die beiden hinter sich her in den Stall zu zerren, wichen sie voller Angst zurück und der nette junge Mann konnte gerade noch verhindern, dass sie erneut in Panik gerieten. „Halt- wir brauchen jetzt weiche Stallhalfter und Führstricke, ich passe auf die zwei auf, bis alles da ist. Wenn sie die Halfter anhaben, können wir sie ausschirren und vorsichtig versuchen zum Stall zu führen, Falls es nicht geht, brauchen wir einen Hänger, der sie in die Klinik bringt, aber jemand muss auf jeden Fall sofort einen Tierarzt verständigen, der sich die Verletzungen anschaut“, sagte der junge Mann und sah den Händler komisch von der Seite an. Ihm war klar- er würde mit Sicherheit bei dem kein Pferd erstehen- der war kein Pferdefreund!


    Wieder fluchte der Händler innerlich, sagte aber mit nach außen gespielter Freundlichkeit, denn um ihn herum standen lauter potentielle Kunden und wenn er jetzt sein wahres Gesicht zeigte, würde er an die kein Pferd verkaufen. „Das ist doch schon lange geschehen- der Veterinär erwartet uns bereits am Hof“, denn er hatte wenige Minuten vorher gesehen, wie der gelbe R 8 in die Einfahrt gebogen und dann sofort in der Garage verschwunden war. Erleichterung machte sich in den Mienen der Umherstehenden breit und während zwei mit dem Händler zum Hof zurück gingen, um die Halfter zu holen, kümmerte sich eine weitere junge Frau um die Pferdchen und die ließen nun alles mit sich geschehen.
    So wurde es gemacht, wie der junge Mann es vorgeschlagen hatte und als die beiden kleinen Tierchen schwer lahmend in den Hof geführt wurden, sperrte man sie sofort gemeinsam in eine schmutzige, mannshohe Box und jedes bekam mehrere Spritzen von dem Tierarzt, der sich aber nicht die Mühe machte, sie genauer zu untersuchen. Seine Bewegungen waren fahrig, die Pupillen unnatürlich erweitert, aber er hatte Autorität in der Stimme und eigentlich war jeder froh, dass er sich nun nicht mehr engagieren musste- die Ponys waren ärztlich versorgt und gut war es, jeder hatte doch seine eigenen Sorgen und ab jetzt sollte sich der Besitzer weiter um seine Tiere kümmern.


    Als wenig später dann die Polizei am Hof stand, um sich nach dem Verbleib der Ponys zu erkundigen, verschwand der Tierarzt sehr schnell im Wohngebäude und der Händler wies in die Box, in der die Füchse nun völlig lethargisch standen. Die beiden Streifenbeamten, die überhaupt nichts von Pferden verstanden, warfen einen Blick hinein und waren jetzt zufrieden. Sie waren mehr deshalb aufgewühlt, weil sie am Straßenrand ein ziviles Polizeifahrzeug, einen silbernen BMW erkannten, der auf Nachfrage dem Kutschenführer gehörte. Sollte einer der Verunfallten jemand aus ihren Reihen sein? Ein schneller Abgleich des Nummernschildes wies auf die Autobahnpolizei hin, aber da kannten sie keinen Mitarbeiter persönlich und atmeten deswegen erleichtert auf.


    Die Notärztin hatte derweil zu ihrem Stethoskop gegriffen und auf Semir´s Lunge gehört. Der lag immer noch heftig nach Atem ringend mit bläulich verfärbten Lippen und Extremitäten in Ben´s Armen und stöhnte vor Schmerz, wenn man ihn nur berührte. Der blutige Schaum vor seinen Lippen verriet der Notärztin viel und während der Rettungsassistent rasch eine Infusion vorbereitete und starke Schmerzmittel aufzog, verschaffte sie sich einen kurzen Überblick über die Verletzungen.
    Auch Ben´s Gesicht war voller Blut, aber als sie ihn nun fragte, ob er ebenfalls verletzt sei und wie der Unfall geschehen war, bestätigte er jetzt ihre Vermutung. „Mir fehlt nichts- ich bin bereits vor dem Unfall von der Kutsche gefallen. Mein Freund saß oder vielmehr stand auf dem Kutschbock und die Ponys sind eines links und eines rechts am Baum vorbei. Mein Freund wurde frontal gegen den Stamm geschleudert und ich habe ihn sicher 10 Minuten lang reanimiert, bis er wieder zu sich gekommen ist“, berichtete er den Grund für sein blutiges Gesicht und die Notärztin nickte. Als sie Semir´s Thorax abtastete und abhörte, stöhnte der schmerzvoll auf und ihr Gesichtsausdruck wurde sehr ernst. „Wir haben auf jeden Fall ein schweres Thoraxtrauma, eine Sternumfraktur, mehrere gebrochene Rippen und müssen sofort intubieren- bitte alles herrichten- ich versuche jetzt einen Zugang zu legen. Außerdem vermute ich links einen Pneumo- oder Hämatothorax, wenn wir die Atemwege gesichert haben müssen wir sofort eine Drainage legen. Die oberen Extremitäten kann ich aktuell nur schwer beurteilen, aber da sind ebenfalls multiple, teils offene Frakturen- ich lege den Zugang am Hals in die Externa!“, teilte sie ihren Mitarbeitern mit und auch wenn Ben bereits leidvolle Erfahrungen mit der Medizin hatte, kapierte er nur die Hälfte der Fachausdrücke, aber das war egal. Wichtig war, dass die Ärztin ihr Handwerk verstand und Semir geholfen wurde.


    Die Medizinerin hatte von Ben den Namen ihres Patienten erfragt, denn zu mehr als einem Stöhnen war Semir nicht fähig. Sie hatte auch kurz in seine Augen geleuchtet und die Pupillen kontrolliert, die reagierten träge, waren aber wenigstens seitengleich- alle weitere Diagnostik musste man in der Klinik machen. „Herr Gerkhan- es piekt jetzt kurz an ihrem Hals, danach bekommen sie sofort etwas gegen ihre Schmerzen und dürfen schlafen- haben sie mich verstanden?“, kontrollierte sie die Vigilanz ihres Patienten und ein schwaches Nicken bewies, dass Semir durchaus mit bekam, was um ihn herum geschah. Man clipste einen Sättigungsfühler an seinem Ohr fest, der ziemlich schlechte Werte, nämlich nur 75% anzeigte und einen Puls von 120. Die weiteren Überwachungskabel würde man anbringen wenn der Patient auf dem Rücken lag und man an ihn besser heran kam. Ben´s starke Arme umfassten und stützten ihn, der Sanitäter hielt eine Sauerstoffmaske vor Mund und Nase, der andere hüllte ihn in eine Rettungsfolie um ihn warm zu halten und jetzt tastete die Notärztin an seinem Hals und schob dann eine großlumige Nadel in eine der Halsvenen, entfernte den scharfen Mandrin und der Sanitäter verklebte den lebenswichtigen Gefäßzugang. Sofort hängte man eine Infusion an, bat den anderen Ersthelfer die hoch zu halten und dann fluteten erst das Fentanyl und danach Ketamin in Semir´s Körper an und er erschlaffte in Ben´s Armen.

  • Ben saß zunächst wie erstarrt, als geübte Hände den Körper seines Freundes aus seinen Armen nahmen und auf die ausgebreitete Rettungsdecke auf dem Boden legten. Die Ärztin stabilisierte dabei den Kopf und kaum lag der kleine Türke am Boden, kniete sie sich ins Gras und drückte die Sauerstoffmaske, die am Ambubeutel aufgesetzt war, auf sein Gesicht. Das Gas in der O2- Flasche, die mit einem Schlauch mit dem Beatmungsbeutel verbunden war, war voll aufgedreht und noch war ja die Eigenatmung ihres Patienten erhalten. Der eine Sanitäter, der bereits alles zur Intubation vorbereitet hatte, schnitt noch rasch das Sweatshirt das Semir trug auf, damit man an den Brustkorb kam und klebte die EKG- Elektroden an. Nicht nur das transportable Beatmungsgerät, sondern auch eine Saugvorrichtung waren bereit, denn immer noch kam blutiger Schaum aus Semir´s Mund. Auf ein Nicken der Ärztin spritzte er dann ein kurz wirkendes Muskelrelaxans und noch bevor daraufhin die Eigenatmung des Patienten erschlaffte, überstreckte die Ärztin den Kopf, setzte das Laryngoskop ein und saugte in den Nasen- Rachenraum. „Ich sehe kaum was, das wird ein Blindflug!“, informierte sie ihren Assistenten, der bereits den Tubus anreichte. Mehr aus der Routine heraus als unter Sicht, schob die erfahrene Notärztin dann den Endotrachealtubus in den Hals ihres Patienten und rasch blockte der Sanitäter dann den Cuff, der nun unterhalb des Kehlkopfs liegen sollte. Sofort nahm man die Maske vom Beatmungsbeutel ab, setzte den genormten Ansatz auf den Tubus auf und beobachtete die Sauerstoffsättigung am Monitor, während die Ärztin rhythmisch den Beutel zusammen drückte und Semir so beatmete.
    „Verdammt- ich bin mir nicht sicher ob ich richtig bin!“, murmelte sie dann und hörte gleichzeitig den Brustkorb auf beiden Seiten ab. Wegen des schlechten Kreislaufs war die Sättigung, die über den Clip am Ohr abgeleitet wurde, nur teilweise zu verwenden und stieg auch nur um zwei Punkte auf 77%. „Rechts höre ich was, aber links ist überhaupt kein Atemgeräusch zu vernehmen, ich ziehe den Tubus noch ein wenig zurück!“, sagte sie und schon entblockte der Sanitäter nochmals den Schlauch, man korrigierte die Lage und blockte erneut, ohne dass sich die Sauerstoffsättigung besserte, oder links ein Atemgeräusch zu hören war. Nun tastete die Ärztin allerdings Lufteinschlüsse unter der Haut, die ein weiteres Indiz auf das Vorliegen eines Pneumothorax waren.

    „Oh je- er bekommt mehr und mehr Extrasystolen, wir müssen jetzt sofort die Drainage legen, sonst schafft er es nicht!“, rief sie dann nach einem Blick auf den Monitor und obwohl linksseitig immer noch kein Atemgeräusch hörbar war, hängte man Semir jetzt an das Beatmungsgerät. Die Ärztin drehte noch die Beatmungsdrücke hoch, desinfizierte dann ihre Hände einmal und schlüpfte in die sterilen Handschuhe, während der zweite Sanitäter das sterile Set zum Legen einer Thoraxdrainage auf dem Boden ausbreitete, man musste es eigentlich nur ausrollen und alles lag bereit, außer der Drainage und die reichte er separat an.


    Der junge Mann legte Semir´s linken zertrümmerten Arm vorsichtig nach oben, damit die Ärztin die Brustwand mit farbigem Desinfektionsmittel abstreichen konnte. In dem Set für den Rettungsdienst war alles enthalten, was man zur Anlage der Drainage brauchte, nur das Desinfektionsmittel hatte man in den dafür vorgesehenen Behälter gießen müssen.

    Der zweite Sanitäter schnitt derweil die Hose an einem Bein auf und versuchte eine breite Blutdruckmanschette über Semir´s muskulösen Oberschenkel zu legen, um weitere Kreislaufparameter zu erheben, aber auch bei wiederholtem Starten des Messvorgangs konnte der Monitor keinen Blutdruck erkennen. Semir war im Schock, aber es war jetzt absolut notwendig den Thorax zu entlasten, denn wenn er zu flimmern begann und man ihn erneut mit Herzdruckmassage zu reanimieren versuchte, war die Zeit verstrichen und so entschloss die Ärztin sich, bevor sie weitere Medikamente verabreichte, einfach die Drainage zu legen, denn es bestand dazu eine vitale Indikation.

    Freilich graute der erfahrenen Notärztin davor, wenn sie auch die Technik beherrschte- das war ein Eingriff der auf einer Wiese nicht alltäglich war, aber der lebensbedrohliche Zustand des Patienten erforderte ein sofortiges Eingreifen. Im Krankenhaus hatte man im Vorfeld Röntgenaufnahmen, aber hier konnte sie sich nur auf ihre fünf Sinne, ihr Gehör und ihre Erfahrung verlassen. Gesetzt den Fall es lag eine Zwerchfellruptur vor und Bauchorgane waren in den Thorax getreten, oder es bestanden Anomalien, konnte sie großen Schaden anrichten und wenn sie das Herz perforierte oder ein großes Gefäß verletzte, konnte es den sofortigen Tod ihres Traumapatienten bedeuten.
    Allerdings besagte ein erloschenes Atemgeräusch auf der linken Lunge auch, dass diese Atemfläche nicht mehr für den Gasaustausch zur Verfügung stand, wenn man jetzt ausschloss, dass eine nicht korrekte Tubuslage die Ursache war, war das eine absolute Indikation. Die zunehmenden EKG- Veränderungen wiesen zudem darauf hin, dass vermutlich die Luft- und Blutansammlungen im Brustkorb das Herz zunehmend einengten und auf die andere Seite drängten und wenn man nicht sofort reagierte, würde der kleine Türke unter ihren Händen sterben.

    Ben beobachtete mit vor Angst um seinen besten Freund geweiteten Pupillen das Geschehen und auch er bemerkte das kurze Zögern der Ärztin. Verdammt was war los und warum war der Gesichtsausdruck des Rettungspersonals so ernst? Die Medizinerin aber atmete jetzt tief durch, legte dann ein steriles Lochtuch über Semir und tastete an dessen linker Brustkorbwand nach dem Raum zwischen der vierten und fünften Rippe. Dann griff sie nach dem Skalpell und eröffnete die Haut etwa 3 cm lang, um danach sofort nach einer Schere zu greifen und stumpf weiter zu präparieren. Früher waren Thoraxdrainagen mit einem spitzen Trokar gelegt worden, aber dabei war es zu vielfältigen Organverletzungen gekommen und so war man von dieser Technik abgekommen. Wenig Blut vom Einschnitt lief aus der Wunde und schon schob die Ärztin, die nun konzentriert arbeitete, ihren Finger in Semir hinein und präparierte weiter. Noch ein kleiner Schnitt mit der Schere und die Pleurahöhle war eröffnet und plötzlich entleerte sich im Strahl schaumiges Blut und Luft, das alle Umstehenden besudelte. „Um Gottes Willen- ist ein Gefäß verletzt?“, fragte nun der eine Sanitäter, der so etwas noch nie gesehen hatte, aber während die Ärztin nun den dicken Drainageschlauch in das Loch schob und mit dem beiliegenden starken Faden festnähte, wurde der Blutstrom schwächer und schwächer, das EKG normalisierte sich und während man schon das Geräusch des anfliegenden Hubschraubers hörte, konnte plötzlich der Monitor einen Blutdruck messen, zwar erniedrigt, aber immerhin. Schnell deckte man die Wunde steril ab und schloss ein genial einfaches Sinapi- Saugsystem an, das auch im Hubschrauber gut zu verwenden war, denn es stellte weder die Funktion ein wenn es umkippte, noch musste es unter Patientenniveau hängen. Man brauchte nur in Semir´s Fall einen kontinuierlichen Sog, aber diese Vorrichtung hatte man mittels Sauerstoffflasche und Druckwandler sowohl im RTW als auch im Hubbi.


    Niemand hatte den Hubschrauber einweisen müssen, denn der Unfallort war von weitem einsehbar und die Wiese eignete sich ideal zum Landen. So ging der Helikopter relativ nah herunter und Ben kam es vor wie in einem Traum, denn bis er sich versah, hatte die Notärztin eine medizinische Übergabe gemacht. Semir bekam noch einen Stiffneck verpasst, um die Halswirbelsäule zu stabilisieren und das Beatmungsgerät und der Monitor wurden ausgetauscht und bei der Gelegenheit wieder viel schaumiges Blut aus den Luftwegen abgesaugt. Man deckte die offenen Brüche an beiden Armen nur mit sterilen Tüchern ab und schon lag er angeschnallt auf der Trage des Hubschraubers. Der Hubbinotarzt hatte gleich ein kreislaufanregendes Medikament gespritzt, der nächste Liter angewärmte Infusion tropfte rasch und aktuell war Semir´s Herzfrequenz zwar immer noch um die 120, aber der obere Blutdruckwert hielt sich gerade um die 90 und viel stabiler würde man ihn nicht kriegen- jetzt hieß es so schnell wie möglich den Schockraum der Uniklinik, für den man eine Voranmeldung abgegeben hatte, zu erreichen. Der Arzt leuchtete auch noch in die Pupillen seines Patienten, hörte auf den Thorax und tastete den Bauch ab. Während Semir eingeladen wurde, tippte die Ärztin ihr Notfallprotokoll in den Laptop und kurz bevor der Heli abhob war nun auch der Bürokratie Genüge getan.


    „Gute Arbeit Frau Kollegin!“, lobte der Hubschrauberarzt die Medizinerin und jetzt erst kam Leben in Ben. „Kann ich mitfliegen?“, fragte er und wollte sich erheben, aber als ein stechender Schmerz in seinen Knöchel fuhr, sank er mit einem Schmerzenslaut wieder zusammen. „Das ist leider nicht möglich- wir sind voll besetzt und haben keinen Platz für sie, außerdem ist der Patient sediert und würde überhaupt nicht mit bekommen, dass sie da sind. Lassen sie bitte erst ihre eigenen Verletzungen versorgen und kommen dann mit dem Wagen nach- wir fliegen in die Uniklinik, dort werden sie dann Auskunft bekommen wenn sie Angehöriger sind“, antwortete der Notarzt freundlich, kletterte zu Semir in den Bauch des Helis und jetzt sank Ben noch ein wenig mehr in sich zusammen.

    Angehörige- er musste sofort Andrea verständigen, aber was sollte er ihr nur sagen?

  • Als der Hubschrauber abgehoben hatte, war Ben ganz blass geworden und hatte ein wenig zu Zittern begonnen. Wohltuend bemerkte er eine warme Decke über seinen Schultern und die starken Arme eines der Sanitäter, die ihn stützten. „Können sie aufstehen?“, fragte der und Ben nickte. Der Schmerz in seinem Knöchel war zwar da, aber wenn er ihn nicht belastete ging es schon. „Kommen sie zum Wagen, dort sieht sich die Ärztin ihren Fuß genauer an, haben sie sonst irgendwo Schmerzen?“, fragte ihn der Mann, aber das verneinte Ben. Er fühlte sich aktuell nur wie ausgehöhlt und als er gestützt von dem Mann zum Fahrzeug humpelte, bat er seinen Nachbarn, der gerade ein bisschen unschlüssig herum stand: „ Robert-könntest du bitte schauen, ob du mein Handy findest- das könnte irgendwo da vorne an dem Graben liegen, dort bin ich nämlich von der Kutsche gefallen. Ich muss dringend die Frau meines Freundes verständigen“, und der Mann machte sich sofort auf die Suche.


    Während der eine Sanitäter die Schweinerei auf der Wiese beseitigte und allen medizinischen Abfall, benutzte Tücher und was sonst noch so herum lag, in einen Müllsack steckte, hatte die Notärztin ihre Hände gründlich desinfiziert und besah sich jetzt Ben´s Fuß, der bereits begann an zu schwellen- das Ausziehen des Schuhs war schon ziemlich schmerzhaft gewesen. „Ich denke da sind ein paar Bänder ab, es könnte auch sein dass was gebrochen ist, man muss auf jeden Fall eine Röntgenaufnahme machen. Wir bringen sie in die nächstgelegene Klinik, damit sie dort versorgt werden- sonst tut ihnen wirklich nichts weh?“, fragte sie nochmals explizit nach, aber Ben schüttelte den Kopf. „Ich muss aber unbedingt in die Uniklinik!“, sagte er, nur dazu erklärte der Sanitäter, der derweil seine Personalien aufgenommen hatte: „Wir dürfen eine weiter entfernte Klinik nur bei medizinischer Indikation anfahren, sonst wird zu viel Personal unnötig gebunden!“, erklärte er und Ben nickte, eigentlich war ihm das schon klar gewesen. „Dann schaue ich selber wie ich dahin komme!“, sagte er entschlossen und wischte sich dankend das schmutzig- blutige Gesicht und die Hände mit dem nassen Tuch ab, das ihm die Notärztin reichte.

    Als er an sich herunter blickte erschauerte er- er war voller Blut- Semir´s Blut, also eines war klar, jetzt musste er erst mal nach Hause und sich umziehen. „Wenn sie noch irgendwo Unterarmgehstützen haben, benutzen sie die und legen sie das Bein möglichst hoch und kühlen sie es, bis eine Diagnostik gelaufen ist“, ermahnte ihn noch die Notärztin und jetzt schickte Ben sich an aus zu steigen.

    Nun hörte er vor dem Wagen Kinderstimmen- natürlich Tim und Mia- Sophie! Ben war ein wenig schuldbewusst, wie hatte er sie nur vergessen können, allerdings wusste er sie wie immer bei Hildegard in besten Händen. Er kletterte aus dem Wagen und sofort lagen seine Zwerge in seinen Armen. „Mir ist nichts passiert!“, bemühte er sich die Kinder zu beruhigen, die jetzt von ihrer Leihoma nicht mehr zu halten gewesen waren und nun stand auch schon sein Nachbar vor ihm und streckte ihm sein Handy entgegen. „Es lag gleich da vorne!“, bemerkte er.


    Der Rettungswagen machte sich auf den Weg zurück zu seinem Standort und nun rief Ben Semir´s Nummer an und so fanden sie zwischen den Trümmern der Kutsche auch dessen Mobiltelefon. „Robert- könntest du bitte hier noch ein wenig aufräumen? Ich bezahle natürlich alles und danke dir bereits jetzt von ganzem Herzen für deine Hilfe!“, sagte Ben herzlich und humpelte zu Hildegards Wagen. Es tat zwar weh, aber er konnte auftreten und seine kleine Blessur war jetzt absolut nebensächlich gegen das was mit Semir geschehen war. Er entschloss sich noch ein paar Minuten mit seinem Anruf bei Andrea zu warten, er fühlte sich so mies und schuldig an Semir´s Unfall und wusste im Moment noch gar nicht was er zu ihr sagen sollte, außerdem hatte sein Handy auch kaum noch Saft- was gäbe es Schlimmeres als mitten im Gespräch deswegen unterbrochen zu werden?


    So fuhren sie jetzt nach Hause, was ja mit dem Wagen nur ein paar Minuten dauerte und Sarah sah ihn völlig entsetzt an, als er schmutzig und blutig wie er war, ins Schlafzimmer humpelte.

    „Oh Gott-was ist passiert? Ist was mit den Kindern und wie siehst du nur aus?“ fragte sie fast panisch, aber da hörte sie schon die munteren Rufe ihrer Liebsten aus dem Parterre schallen, dazu die ruhige Stimme Hildegards und Lucky`s und Frederik`s fröhliches Bellen- mit denen schien alles in Ordnung zu sein.
    „Sarah- uns sind die Ponys durch gegangen und Semir hatte einen schweren Unfall, ich habe ihn bestimmt 10 Minuten reanimiert, er ist mit dem Hubbi in die Uniklinik gekommen- ich muss jetzt Andrea anrufen- die Kinder waren aber nicht auf der Kutsche!“, teilte er ihr in Kürze das Wichtigste mit, während er die schmutzigen Klamotten herunter riss und Sarah erstarrte vor Schreck. „Um Himmels Willen- wir müssen sofort hinfahren, mir geht’s schon wieder so einigermaßen, ich habe mich vorher richtig geärgert dass ich nicht mit euch mit gekommen bin und war schon drauf und dran mit dem Wagen nach zu fahren. Ich werde mich persönlich von Semir´s Zustand überzeugen und weiß dass er in meiner Klinik in guten Händen ist“, versuchte sie Ben, der völlig durcheinander war, ein wenig zu beruhigen. „Du humpelst ebenfalls- was ist mit dir passiert?“, wollte sie dann wissen, aber Ben winkte ab. „Peanuts, das wird schon wieder- hältst du jetzt kurz die Kinder draußen, damit ich in Ruhe sprechen kann?“, bat er und schon hatte er jetzt sein fast leeres Handy ans Ladekabel gehängt und auf die Kurzwahl von Andrea´s Nummer gedrückt.


    Nach nur zweimal Läuten ging Andrea ran. Man hörte aus dem Hintergrund Musik, Gespräche und Gelächter, anscheinend war die Kaffeetafel in vollem Gange. „Ben was gibt’s?“, erklang eine fröhliche Stimme und der Dunkelhaarige hatte jetzt einen fürchterlichen Kloß im Hals. Auch wenn er es von Berufs wegen gewöhnt sein sollte, schlechte Botschaften zu überbringen, war es etwas völlig anderes ob das irgendwelche fremde Menschen waren, oder jemand der einem nahe stand. „Andrea- ich habe dir keine guten Nachrichten!“, sagte er mit rauer Stimme und sofort wurde sein Gegenüber ernst. „Ben warte einen Moment, ich gehe rasch nach draußen“, erwiderte Andrea und man hörte wie sich die lauten Hintergrundgeräusche entfernten.


    „Jetzt kann ich dich besser verstehen- ist was mit Semir- und warum ruft er mich nicht selber an?“, fragte sie mit einem Anflug von Panik in der Stimme.
    Noch nie war Ben die Benachrichtigung von Angehörigen nach einem Unfall so schwer gefallen, aber es musste ja sein. Er atmete tief durch und teilte ihr dann mit, was geschehen war: „Andrea- Semir und ich sind heute auf einer Ponykutsche gefahren. Die Ponys sind durch gegangen, ich bin schon ein wenig vorher runter gefallen, aber Semir ist mit voller Wucht an einen Baum geprallt und hat schwerste Verletzungen erlitten“, begann Ben mit stockender Stimme zu berichten. Andrea´s Stimme wurde jetzt ganz schrill: „Was bedeutet schwerste Verletzungen und wo ist er, wie geht es ihm und was zum Teufel tut ihr auf einer Ponykutsche, ich dachte ihr habt Bereitschaft?“, ballerte sie die Fragen raus wie sie ihr durch den Kopf schossen. „Andrea das mit den Ponys ist eine lange Geschichte, passiert ist es quasi bei uns um die Ecke, ich habe Semir reanimiert und er ist vorhin mit dem Hubschrauber in die Uniklinik Köln geflogen worden. Er war nach nochmals kurz bei Bewusstsein, wurde aber dann von der Notärztin in Narkose gelegt. Was für Verletzungen er hat, kann ich dir natürlich nur ungefähr sagen, aber sein Brustkorb, seine Lunge und beide Arme waren betroffen“, umschrieb er laienhaft Semir´s Blessuren. „Sarah und ich machen uns jetzt gleich auf den Weg zur Klinik- kannst du auch dorthin kommen?“, fragte er und hörte an den hastenden Schritten, dass Andrea sozusagen schon auf dem Weg war. „Fahr vorsichtig- wir sehen uns dann!“, fügte er noch ein wenig hilflos hinzu, aber da war das Gespräch schon unterbrochen.


    Sarah hatte fassungslos und mit Tränen in den Augen sein Gespräch mit angehört und war inzwischen selber in Jeans und T- Shirt geschlüpft. Für Ben hatte sie währenddessen frische Sachen raus gelegt und er zog sich jetzt ebenfalls an, während Sarah sich im Bad noch mit der Bürste durch die Haare kämmte. „Ich fahre und zwar mit dem Kombi, du bist viel zu durcheinander- ich hoffe Hildegard hat Zeit auf die Kinder auf zu passen!“, sagte Sarah knapp, warf noch ein Hoodie für Ben und für sich eine Strickjacke in einen Korb und half ihm dann die Treppe hinunter zu humpeln. „Hildegard- wir müssen nach Semir sehen- kannst du auf die Kinder aufpassen?“, fragte Sarah nun, warf noch zwei Grippetabletten ein, holte eine Kühlkompresse aus dem Gefrierschrank und legte zwei Wasserflaschen in den Korb. Normalerweise dopte sie sich nicht, aber heute musste ihre Erkältung im Hintergrund bleiben. „Natürlich- ich bleibe da und verteidige hier die Stellung- haltet mich auf dem Laufenden!“, bat die ältere Frau und nach einer kurzen Verabschiedung von den Kindern, die aber überhaupt kein Theater machten, starteten sie in ihrem Passat Kombi mit Automatikgetriebe Richtung Köln. „Und jetzt erzähl!“, forderte ihn seine Frau auf, als Ben ohne zu murren neben ihr auf dem Beifahrersitz Platz genommen hatte und das Eis den Schmerz in seinem Fuß allmählich linderte.

  • Semir war in der Klinik in den Schockraum gebracht worden, wo sofort ein orientierendes Notfall-CT des ganzen Körpers gemacht wurde, um die Verletzungen beurteilen zu können. Das Team hatte genau eingespielte Abläufe und viel Erfahrung in der Behandlung von Traumapatienten, so dass nach relativ kurzer Zeit die Diagnosen fest standen und die weitere Therapie geplant werden konnte. „Imponierend sind die Verletzungen der linken Lunge mit Sternumfraktur, da müssen wir zeitnah rangehen. Es besteht zwar eine minimale Hirnblutung, die aber momentan keine Intervention erfordert, neurologische Kontrollen sind engmaschig erforderlich. Die Trümmerfrakturen beider Arme müssen ebenfalls versorgt werden, aber da keine größeren Gefäßverletzungen vorliegen, werden wir die erst einmal nur grob mit Fixateuren achsengerecht ausrichten und in weiteren Sitzungen wenn er stabiler ist, die endgültigen Osteosynthesen vornehmen- das wird eine Puzzlearbeit werden,“ bemerkte der Oberarzt der das Team im Schockraum leitete.

    Man hatte Semir rasch in der Leiste einen arteriellen Zugang gelegt, worüber man Blut abnehmen und den Kreislauf überwachen konnte. Das Notfalllabor zeigte, dass zwar ein Blutverlust mit Schocksymptomatik vorlag, aber vermutlich weil Semir zuvor hervorragende Werte gehabt hatte, kreuzte man zwar Blutkonserven ein, musste aber bei einem Hämoglobinwert von aktuell nur knapp unter zehn kein Blut geben. Die Blutgaswerte bewiesen zwar eine verminderte Sauerstoffperfusion und hohe Laktatwerte, was nach einer Reanimation nicht unüblich war, aber dank der suffizienten Erstversorgung, der gut liegenden Thoraxdrainage und der Beatmung war die Sauerstoffversorgung des Gehirns und aller Organe aktuell nicht gefährdet.


    Die Pflege hatte derweil die Kleidung von Semir´s Körper geschnitten, aus der Hosentasche einen Schlüsselbund und einen Geldbeutel entnommen, worin sich unter anderem ein Organspendeausweis befand, was protokolliert wurde. Rasch war ein Blasenkatheter gelegt und während der Radiologe gemeinsam mit dem Unfallchirurgen die CT- Bilder ansah und orientierend befundete, bekam Semir an der rechten Halsseite vom Anästhesisten, assistiert von der Intensivpflegekraft, unter sterilen Bedingungen und Ultraschallkontrolle einen High-Flow ZVK gelegt, das war ein zentraler Venenkatheter mit mehreren Lumen, wovon eines besonders dick war und man darüber wenn nötig viel Flüssigkeit oder auch Blutkonserven in hoher Geschwindigkeit infundieren konnte. Semir´s Herzschlag war jetzt um die hundert und auch der Blutdruck hielt sich seit der Gabe des Akrinors durch den Hubbinotarzt um die 100 mm/Hg systolisch stabil, so dass man ihn in aller Ruhe in den OP bringen konnte.


    Andrea war völlig konfus. Ihre Mutter sah ihr sofort an, dass etwas passiert war, als sie blass und aufgelöst in den Gastraum stürzte, wo die Familienfeier stattfand. „Kind was ist los?“, fragte Margot Schäfer und Andrea griff nur kurz nach ihrer Strickjacke, die über der Stuhllehne hing. „Semir hatte einen Unfall, es ist ernst- ich muss sofort nach Köln fahren“, stieß sie abgehackt hervor und drückte ihre Handtasche an sich. Die Kinder tobten mit einigen anderen im Nebenzimmer und bekamen gar nicht mit, dass ihre Mama fortging, aber sie waren ja durch die Großeltern gut betreut. „Kannst du überhaupt fahren- Andrea warte“, rief Margot ihr hinterher und sah sich suchend nach Hubert ihrem Mann um, der aber gerade auf der Toilette war, aber da war schon Andrea auf ihren hochhackigen eleganten Schuhen aus dem Gastraum gehastet und man konnte kurz darauf nur noch das Geräusch eines aufheulenden Motors vernehmen. Als nur Minuten später Hubert zurück war, informierte ihn seine Frau voller Sorge, aber sie kamen dann zu dem Schluss, dass es keinen Sinn machte ihr hinterher zu fahren. Sie würden den Kindern auch sagen dass der Papa einen Unfall gehabt hatte und die Mama ihn besuchen war, aber versuchen die Kleinen nicht zu sehr zu beunruhigen, bevor man Näheres wusste. „Hoffentlich ist es nicht allzu schlimm!“, hoffte Margot, denn das war ein immerwährender Streitpunkt zwischen Andrea und Semir, der schon zur vorübergehenden Trennung geführt hatte- sein gefährlicher Beruf.


    Andrea fuhr wie der Teufel. Es war ihr jetzt völlig egal ob irgendwo ein Blitzer stand. Sie wischte sich immer wieder die Tränen aus den Augenwinkeln und ihr Herz war ein einziger Eisklumpen aus Angst und Sorge um ihren geliebten Mann. Erst so nach und nach realisierte sie nochmals, was Ben ihr am Telefon gesagt hatte, aber so ganz hatte sie das eh nicht verstanden. Wie zum Teufel kam er auf eine Ponykutsche im Dienst und hatte sie recht gehört- Ben hatte ihn sogar reanimieren müssen?
    Gott sei Dank war es Wochenende und deshalb war weniger Verkehr als üblich. Andrea fand den Weg zur Uniklinik wie im Schlaf und gerade als sie das Auto ruckartig zum Stehen brachte, sah sie auch schon Sarah´s Kombi ganz vorne auf dem Parkplatz stehen- neben aller Sorge machte sich auch ein wenig Erleichterung breit, sie war nicht alleine jetzt!

  • Nach ihrer Ankunft in der Klinik hatte Sarah ganz schnell herausgefunden, dass Semir bereits im OP war. Ein Mitarbeiter des Schockraums hatte ihr versichert, dass sein Zustand zwar ernst, aber aktuell nicht lebensbedrohlich gewesen war. „Sarah- euer Freund wird von den Besten operiert, ich denke allerdings, es wird schon noch eine Weile dauern, auch wenn geplant war die Frakturen erst mal nur grob zu versorgen. Soweit ich im PC sehen kann ist er bereits auf deiner Intensiv vorangemeldet und auch da ist er ja dann in professionellen Händen, so offiziell Auskunft kriegen ja dann eher die Angehörigen!“, teilte ihr der Pfleger durch die Blume mit, dass er bereits mehr gesagt hatte als er durfte. „Dank dir für alles, man sieht sich!“, verabschiedete sich Sarah und ging auf den Flur wo Ben, der langsam hinter ihr her gehumpelt war, inzwischen eingetroffen war.

    „Semir wird gerade operiert, laut PC kann das noch einige Stunden dauern, er war aber stabil als er in den OP gekommen ist- ich würde sagen wir lassen jetzt mal deinen Fuß anschauen!“, übernahm Sarah das Regiment und Ben schwieg still. Hier hatte seine Frau das Sagen und manchmal war es gar nicht so verkehrt die Verantwortung mal kurz ein wenig ab zu geben, außerdem stand ihm außer der brennenden Sorge um Semir ja noch das Gespräch mit Andrea bevor und das würde er gerne noch ein wenig hinaus schieben.

    So strebten sie langsam in den Wartebereich der chirurgischen Notaufnahme, der wie fast immer am frühen Sonntagabend gut gefüllt war. Ben hatte kaum Platz genommen, da wurde er schon aufgerufen- Sarah hatte wieder ihre Beziehungen spielen lassen. Der Arzt besah sich kurz den Fuß und schickte ihn dann erst einmal zum Röntgen. Eine Schwester drückte ihm ein paar Krücken in die Hand und damit ging das schon viel schneller und vor allem schmerzarm. Wenig später wurde Ben dann versorgt, bekam eine Schiene die den Fuß stabilisierte verpasst und lauschte den Ausführungen des Unfallchirurgen. „Sie haben keine Fraktur im Fuß, die operativ versorgt werden müsste, aber einen kleinen knöchernen Bandausriss, der wird ihnen noch eine ganze Weile Schmerzen bereiten, muss aber nicht operiert werden. Erst mal zwei Wochen den Fuß schonen, kühlen und hoch legen, laufen mit Unterarmgehstützen und danach schonende Belastungssteigerung bis die gerissenen Bänder wieder zusammen geheilt sind. Wie ich sehe sind sie Polizist- ich denke so mit sechs Wochen Zwangspause sollten sie rechnen und bis sie wieder joggen können wird noch längere Zeit vergehen. Ab der dritten Woche lassen sie sich Physiotherapie vom Hausarzt verordnen, das beschleunigt die Heilung ebenfalls“, informierte ihn der Arzt und Ben nickte. „Haben sie Schmerzmittel wie Diclofenac zuhause?“, wollte er dann noch wissen und Sarah nickte. „Nehmen sie das bei Bedarf, ich wünsche ihnen eine gute Besserung und sie sind ja bestens versorgt wie ich sehe“, verabschiedete sich der Doc und Ben gab ihm zerstreut die Hand. Ihn interessiert gar nicht so sehr was bei ihm los war, gegen Semir´s Verletzungen war das Kinderkram- oh Gott wie ging es dem wohl gerade?

    Gerade als sie die Notaufnahme verließen, klingelte Ben´s Handy- sie hatten eine Ecke erwischt wo er Empfang hatte- Andrea war dran. Mit Panik in der Stimme rief sie ins Handy: „Wo seid ihr- ich irre hier gerade durch die Klinik und weiß nicht wo Semir ist und wie es ihm geht- die schicken mich von Pontius zu Pilatus!“, und jetzt nahm Sarah, die den hilflosen Blick ihres Mannes wahr nahm, das Handy und wusste wenig später wo Andrea sich aufhielt.
    „Wir kommen zu dir und erzählen dir was wir wissen, Semir ist gerade noch im OP!“, berichtete sie und kurz darauf gelangten sie zu der Sitzecke, wo man Andrea geparkt hatte. Die Dame an der Information hatte auch nur die Daten aus dem Computer gehabt und da war er bei ihrer Ankunft noch in der Notaufnahme gebucht gewesen.

    Andrea sah schrecklich aus. In der Stunde ihrer Herfahrt war sie um Jahre gealtert und die Falten gruben sich tief in ihr madonnenhaftes Gesicht mit dem hellen Teint. Einige Strähnen waren aus der kunstvollen Aufsteckfrisur gerutscht und das Augenmakeup war von Tränen verschmiert. Sie drückte ihre Handtasche an sich als könnte sie sich daran festhalten und die pure Sorge sprach aus ihren Augen. Als sie näher kamen sprang Andrea auf und stürzte auf sie zu: „Bitte sagt mir wie es ihm geht und was überhaupt passiert ist“, flehte sie und bevor Ben beginnen konnte zu erzählen, zog Sarah die aufgelöste Freundin wieder zur Sitzecke und bedeutete Ben sich ebenfalls hin zu setzen und den Fuß hoch zu legen.

    „Ben wird dir gleich berichten was geschehen ist, nur kurz noch meine Informationen: Semir wurde im Schockraum untersucht und wird gerade operiert. Mein Kollege dort hat gesagt, dass er zwar schwer verletzt ist, aber doch relativ stabil war. Unsere Chirurgen sind die Besten, gerade der Oberarzt der ihn operiert ist ein sehr erfahrener Traumatologe und Thoraxchirurg. Das genaue Ausmaß der Verletzungen wird er dir dann nach der Operation erklären und auch was gemacht wurde, aber er ist hier in den besten Händen und kommt dann auch auf die chirurgische Intensivstation auf der ich arbeite“, versuchte sie Andrea zu beruhigen und die nickte.

    „So Ben- jetzt bist du dran mit deiner Geschichte!“, sagte sie dann aufmunternd zu ihrem Mann und der schluckte erst, bevor er zu erzählen begann.
    „Andrea- es tut mir sehr leid was geschehen ist, möchte ich erst einmal voran stellen. Bei uns im Dorf hat sich ein Pferdehändler einen alten Hof gekauft und irgendwie haben mich die Kinder dazu gebracht ihnen zwei Ponys zu kaufen. Semir hat gleich zugesagt mir mit Rat und Tat zur Seite zu stehen, denn Sarah ist erkältet und war eigentlich noch flach gelegen und ich habe ja keinerlei Erfahrung mit Pferden“- „Ah und Semir ist der Pferdeflüsterer!“, warf Andrea mit Spott in der Stimme ein und Ben senkte schuldbewusst den Blick. „Ich meine wir sind erwachsene Männer und das sind kleine Ponys, die uns gerade mal bis zur Hüfte gehen, wir beide haben das unterschätzt und außerdem waren die total brav als die Kinder sie gestern Probe geritten haben. Heute allerdings waren die wie ausgewechselt als wir uns am Hof getroffen haben. Semir ist ja anscheinend bei seinen Verwandten in der Türkei immer mit einem Eselgespann rum gekurvt und hat deswegen vorgeschlagen, wir machen die beiden erst mal müde, damit die Kinder danach reiten können. Er hat sie auch angeschirrt, ich hätte ja gar keine Ahnung gehabt wie das geht. Die Pferdchen sind dann auch gleich los gerannt, Semir saß auf dem Kutschbock und hatte die Zügel in der Hand!“, erklärte er und nun sahen er und Andrea Sarah verständnislos an, die „Leinen“, gemurmelt hatte. „Sorry- ach ist ja unwichtig, aber Zügel hat man beim Reiten, beim Fahren heißt das Leinen!“, erklärte Sarah.
    „Gut dann hatte Semir eben die Leinen in der Hand!“, fuhr Ben mit einem Seitenblick auf seine Frau fort. „Die Ponys sind erst einmal eine Weile galoppiert, aber sie sind schon ruhiger geworden. Dann ist uns allerdings ein Wagen entgegen gekommen, der erst vor wenigen Tagen bei einer Verfolgungsfahrt mit uns auf der Autobahn eine Massenkarambolage verursacht hatte. Semir hat die Kutsche gewendet und ist dem Auto nach gefahren, der Fahrer hat gehupt und dann sind die Ponys völlig kopflos durchgegangen und in eine Wiese gerannt, wo ich dann runter gefallen bin. Semir wollte sie noch mit aller Kraft halten, aber die Ponys sind eines rechts und eines links an dem einzigen Baum weit und breit vorbei gerannt und Semir wurde gegen den Stamm katapultiert“, beendete der Dunkelhaarige mit Sorgenfalten auf der Stirn den Bericht des Unfallhergangs.

  • Andrea schwieg jetzt erst einmal und versuchte das Gehörte zu verarbeiten. Dann fragte sie leise: „Du hast am Telefon zu mir gesagt, du hättest ihn reanimiert- ist es wirklich so schlimm?“, und dann begann sie haltlos zu schluchzen. Ben wollte sie spontan in die Arme nehmen, um sie zu trösten, aber da wurde Andrea ganz steif und schob ihn weg von sich. „Wenn du mit deinen Ponys nicht gewesen wärst, würde Semir jetzt neben mir sitzen und nicht gerade operiert werden. Versuch nicht mich für blöd zu verkaufen, von alleine wäre mein Mann doch nicht auf die Idee gekommen so was Hirnrissiges zu tun- und überhaupt, ich dachte ihr habt Bereitschaft?“, stieß sie zwischen zwei Schluchzern hervor und als Ben nun wortlos den Kopf schüttelte, fiel Andrea noch ein wenig mehr in sich zusammen. „Nicht mal ehrlich sein kann man, jeder denkt hier nur an sich und sein Vergnügen“, flüsterte sie.

    Als Sarah nun einen Hustenanfall bekam und gar nicht mehr aufhören konnte, fuhr sie auch die an: „Und du gehörst selber ins Bett! Wage es nicht meinem Semir mit deiner Erkältung zu nahe zu kommen, wenn du ihn ansteckst, kann das seinen Tod bedeuten- geht jetzt, ich weiß, wo die Operationsabteilung ist und werde dort auf ihn warten. Lasst uns in Ruhe!“, schrie sie, packte ihre Handtasche und stürmte davon.


    Ben und Sarah sahen sich schweigend an, in Ben´s Augen glitzerten ein paar Tränen und er sagte tonlos: „Sie hat ja so Recht- wenn ich nicht so einen Blödsinn gemacht hätte, würde Semir jetzt nicht mit dem Tod kämpfen!“, aber Sarah schüttelte heftig den Kopf. „Schatz- Dinge geschehen und du hast ihn ja nicht auf die Kutsche gezwungen, er ist ein erwachsener Mann und dass er Andrea gegenüber nicht die Wahrheit gesagt hat und behauptet hat, er habe Bereitschaft, um nicht mit zur Familienfeier zu müssen, dafür kannst du auch nichts. Aber wenn du ihn nicht reanimiert hättest, wäre er jetzt sicher schon nicht mehr am Leben, also sollte Andrea dir wenigstens deswegen dankbar sein, aber ich verstehe ja, dass sie selber völlig fertig ist und nicht rational denken kann. Allerdings sollte sie jetzt nicht alleine sein, ich schaue mal, ob ich jemanden vom Kriseninterventionsteam organisieren kann, genau für sowas sind die nämlich da“, und damit erhob sie sich, um an die Pforte zu gehen und Bescheid zu geben. Ben wollte ebenfalls aufstehen und ihr nach humpeln, aber sie drückte ihn wieder zurück. „Schone lieber dein Bein, ich bin gleich wieder da!“, sagte sie und reichte ihm wortlos eine der Wasserflaschen aus dem Korb.


    Ben dachte nach und als sich Sarah wenig später schweigend neben ihn setzte und ihre Hand auf seinen Arm legte, bemerkte er, dass die ziemlich heiß war. Er blickte auf. „Sarah- du gehörst ins Bett. Kannst du noch fahren?“, fragte er und sie nickte. „Komm ich nehme den Korb!“, erhob sie sich, aber Ben schüttelte den Kopf. „Du musst verstehen, ich hätte zuhause keine ruhige Minute. Auch wenn Andrea mich nicht bei sich haben will, ich muss einfach hier bleiben- in seiner Nähe!“, erklärte er ihr und schickte sie energisch weg, als sie protestieren wollte. „Sarah- vielleicht möchte ich auch einfach mit meinen Gedanken alleine sein. Du weißt, ich kenne mich hier in der Klinik aus und kann mir jederzeit ein Taxi nehmen, wenn ich nach Hause möchte, du musst mich nicht bevormunden, nur weil wir hier an deinem Arbeitsplatz sind!“, sagte er ein wenig schärfer als er vorgehabt hatte und jetzt drehte Sarah sich wortlos um und ging zum Ausgang. Während der Heimfahrt liefen ihr erst die Tränen des Zorns und dann die des Kummers aus den Augen- sie hatte es nur gut gemeint und keiner dankte es ihr.


    Ben überlegte eine Weile. Soweit er mit den Abläufen vertraut war, würde Semir von der Operationsabteilung direkt auf die Intensiv gebracht werden. Da er wusste auf welche sein Freund kommen würde, konnte er sich einfach in der Sitzecke davor auf die Lauer legen. Dann konnte er Semir vermutlich wenigstens sehen, auch wenn Andrea momentan- vielleicht mit Recht- keinen Kontakt wollte. Er würde ihn wenigstens anschauen und eventuell berühren können und wenn er schon keine Auskunft bekam, aus den Mienen der Ärzte lesen wie es um seinen besten Freund stand. Andrea hatte ihn nämlich mit ihren Vorwürfen mitten ins Herz getroffen- genau dieselben machte er sich nämlich auch!


    Der Tierarzt hatte derweil im Wohnhaus des Händlers eine Flasche Wein geöffnet und trank hastig ein paar Gläser. Als der Rettungshubschrauber gekommen war, und auch die Ponys eingefangen wurden, war ihm schon klar gewesen, dass er an dieser Sache nicht ganz unschuldig war. Aber mit ein bisschen Alkohol und ein paar Trösterchen aus seinem Tierarztkoffer konnte er bald vergessen und als die Dunkelheit herein brach, setzte er sich nach einem kurzen Gespräch mit dem Pferdehändler in seinen Wagen und brauste davon.

  • In der Operationsabteilung hatten die Ärzte derweil alle Hände voll zu tun, um ihren Patienten stabil zu halten. Nachdem klar war, welche Lungenseite betroffen war, würde man Semir umintubieren und zwar mit einem Doppellumentubus, so dass man jeden Lungenflügel für sich alleine beatmen konnte. Das war ein Schlauch der zwei voneinander unabhängige Hälften aufwies, wobei das eine Ende etwas oberhalb des anderen endete und so der Anatomie des Bronchus völlig entsprach.


    Nachdem das unter endoskopischer Kontrolle geschehen war, fuhr die erfahrene Narkoseärztin langsam die Beatmung der linken Lunge zurück. Man hatte extra zwei Narkosegeräte angeschlossen, um wirklich völlig separat die beiden Lungenflügel beatmen zu können. Man musste zwar dann den Sauerstoffgehalt und die Drücke des aktiven Beatmungsgeräts erhöhen, aber Semir´s Werte blieben stabil, die Sauerstoffsättigung fiel nicht ab und auch sein Kreislauf reagierte nicht maßgeblich.


    Rasch hatte man seinen Brustkorb desinfiziert und abgedeckt und nachdem der Thoraxchirurg das gebrochene Sternum nun gerade mit einer Sternumsäge durchtrennt hatte, konnte er den linken Thorax eröffnen. Ein Lungensegment war so schwer verletzt, dass es reseziert werden musste, aber nachdem die Blutungen gestillt waren, nahm man ganz vorsichtig unter Sicht und Überdruckbeatmung den Rest der linken Lunge wieder mit dem Beatmungsgerät in Funktion und so wie es aussah, blieb jetzt alles dicht. Rasch verdrahtete der Chirurg das gebrochene Sternum, entfernte dabei den einen oder anderen Knochensplitter und danach stabilisierte der Unfallchirurg mit seinen Assistenten noch die beiden gebrochenen Arme achsengerecht mit sogenannten Fixateuren. Das heißt es wurden nur die groben anatomischen Knochenstrukturen wieder hergestellt, damit die Nerven, Muskeln und Blutgefäße nicht weiter geschädigt wurden und die Puzzlearbeit der endgültigen Versorgung der Trümmerfrakturen würde zu einem späteren Zeitpunkt erfolgen.


    Jetzt war es wichtig dass der Patient in ein warmes Bett auf die Intensivstation kam und sich vom Schock erholte, in zwei bis drei Tagen war er vermutlich stabil genug, dass man ihn einer weiteren mehrstündigen OP unterziehen konnte.


    So waren gerade einmal drei Stunden vergangen, als man die Intensivstation zur Abholung anrief.

    Zu Andrea hatte sich derweil ein ehrenamtlicher Mitarbeiter des Kriseninterventionsteams gesellt, aber nach wenigen Minuten schickte sie ihn weg. „Es tut mir leid, ich schätze ihr Engagement, aber bitte lassen sie mich alleine. Ich kann mich jetzt nicht auf andere Menschen konzentrieren, möchte auch nicht unterhalten werden oder abgelenkt. Der Mann den ich liebe wird gerade operiert und wir beide können hier überhaupt nichts dafür tun, dass es ihm besser geht, nur warten und hoffen“, gab sie Bescheid und der Mann respektierte ihren Wunsch und entfernte sich.


    Für Andrea schienen sich die Minuten zu Stunden zu dehnen, sie fixierte die Tür, die zur Operationsabteilung führte, wie eine Schlange das Kaninchen und lauschte auf jedes Geräusch. Einmal wurde eilig eine Schwangere hinein gefahren und kaum eine dreiviertel Stunde später kam sie glücklich mit ihrem Baby im Arm wieder heraus. Der werdende Vater hatte derweil unruhig schier Gräben in den Boden gelaufen, aber als er seine kleine Familie nach der eiligen Sectio dann wohl behalten in die Arme schließen konnte, flossen die Tränen des Glücks.
    Andrea hatte alles beobachtet, sich aber weder auf ein Gespräch eingelassen, noch so richtig mit gefühlt, denn die innerliche Anspannung zerriss sie fast. Ob Semir noch am Leben war? Wusste der Operateur dass sie hier wartete? Gab es noch einen zweiten Ausgang? Ein paarmal wollte sie weg gehen, um eine Schwester zu fragen, aber dann verharrte sie, denn was wäre, wenn genau in dem Augenblick Semir heraus käme und sie wäre nicht da?


    Wieder war sie gefühlt seit Stunden alleine hier auf dem Flur, auf dem inzwischen die Nachtbeleuchtung angegangen war, als plötzlich blau gekleidetes Pflegepersonal und ein Arzt mit einem leeren Bett an dem eine Transporteinheit mit Beatmungsgerät, Monitor und Perfusoren angedockt waren, unter lockerem Plaudern näher kamen.


    Andrea sprang auf. „Bitte- können sie mir sagen- was ist mit meinem Mann Semir Gerkhan- er wird gerade operiert!“, stieß sie hektisch hervor. Der Arzt verharrte kurz. „Frau Gerkhan- wir sind von der Intensivstation, mein Name ist Dr. Zahles und ich werde ihren Mann die nächsten Stunden betreuen. Nur so viel- er hat die Operation überstanden und kommt jetzt beatmet zu uns, viel mehr kann ich ihnen noch nicht sagen. Ich schlage vor sie kommen dann mit uns mit, warten vor der Intensivstation und wenn wir ihn soweit versorgt haben, hole ich sie herein und erzähle ihnen Näheres!“, erklärte er ihr freundlich und folgte dann der Schwester in die Operationsabteilung. Bei aller Anspannung, jetzt flossen die Tränen der Erleichterung bei Andrea- immerhin Semir lebte und sie würde ihn in Kürze sehen können. Nur Minuten später öffnete sich die automatische Tür wieder und diesmal war das Bett nicht mehr leer. Semir lag leichenblass und tief schlafend bis zum Hals zugedeckt darin. Sie wollte ihn küssen, ihn ansprechen, aber der Arzt sagte freundlich: „Das können sie alles später machen, jetzt müssen wir ihn erst einmal noch bei uns versorgen!“, und so folgte sie stumm dem Bett bis vor die Tür zur Intensivstation.


    Dort sprang bei der Annäherung des Transports Ben auf und wollte auf das Bett zueilen. „Auch für sie gilt- warten sie, wir müssen unseren Patienten erst einmal aufnehmen, Besuche sind erst später möglich und dann auch nur von den nächsten Angehörigen!“, erklärte der Arzt und bis Ben sich versah, hatte sich die Tür bereits wieder hinter seinem Freund geschlossen, auf den er nur einen kurzen Blick hatte erhaschen können.

    So blieb er mit Andrea gemeinsam zurück und die warf ihm erneut einen Blick zu, der ihn beinahe zu Eis gefrieren ließ. „Wenn du mit deinen blöden Ponys nicht gewesen wärst, würden wir jetzt selig zuhause im Bett liegen und schlafen, ich finde nicht, dass du das Recht hast auch nur in seine Nähe zu kommen!“, keifte sie ihn an und Ben zog sich zurück wie ein geprügelter Hund. Jedes von Andrea´s Worten schmerzte wie ein Peitschenhieb und das Schlimmste war- genau dieselben Vorwürfe kreisten seit Stunden in seinem Kopf- wie Recht sie nur hatte!

  • Sarah konnte lange nicht einschlafen. Nach ihrer Rückkehr hatte sie nur ein paar belanglose Worte mit Hildegard gewechselt und sich dann mit der Entschuldigung dass ihre Erkältung sie in die Knie gezwungen habe, flach gelegt. Die Kinder schliefen bereits und Hildegard hatte ihr Lager im Gästezimmer aufgeschlagen. Sie war eine praktisch veranlagte taffe ältere Dame, die im Auto immer eine kleine Reisetasche mit den nötigsten Artikeln für eine spontane Übernachtung hatte, die hatte sie jetzt wie so oft einmal wieder brauchen können. Seit dem Tod ihres Mannes machte sie das Beste aus ihrem Leben und die sporadische Betreuung von Tim und Mia- Sophie war keine Last für sie, sondern entschädigte sie dafür, dass der eigene Sohn mit Familie weit weg wohnte. Die Kleinen und auch Sarah und Ben waren wie eine zweite Familie für sie und sogar ihr Hund Frederik hatte in Lucky einen guten Freund gefunden.


    Ben war nach Andrea´s Vorwürfen mit seinen Krücken weg gehumpelt. Er konnte ihren Zorn und ihre Sorge nur zu gut verstehen und war ihr deswegen nicht böse. Sie befand sich in einer Ausnahmesituation und auch wenn ihre Worte geschmerzt hatten, sie bestärkten nur seine eigenen Schuldgefühle. Er respektierte auch, dass sie ihn momentan nicht in ihrer Nähe ertragen konnte und so ging er in die Eingangshalle des Krankenhauses. So gerne er ganz nahe bei Semir gewesen wäre, aber das würde Andrea nicht zulassen. Er konnte jetzt auch nicht einfach nach Hause fahren, denn er würde dort kein Auge zutun und außerdem wollte er jetzt nicht von Sarah bemuttert werden. Sobald er verletzt oder krank war, riss die das Ruder an sich und behandelte ihn wie ein unmündiges Kind und das ärgerte ihn. Er war schließlich keine vier Jahre mehr alt und auch wenn die bevorzugte Behandlung und die sozusagen Undercoverinformationen praktisch gewesen waren, aber irgendwie empfand er das auch nicht als richtig.


    Semir würde ihm, wenn er es denn könnte, selber sagen wie er sich fühlte und eines hatte der kurze Blick auf ihn in der Schleuse bewirkt- er war ein ganz kleines bisschen beruhigter. Sein bester Freund war am Leben, weder der Arzt noch die Schwester hatten irgendwie hektisch gewirkt, das war ein gutes Zeichen und auch wenn ihn niemand explizit informiert hatte, wenn Semir in akuter Gefahr geschwebt hätte, wäre der Mediziner wohl nicht so entspannt gewesen. So setzte Ben sich auf eine Sitzgruppe, legte das Bein hoch und hing seinen Gedanken nach. Wie an einem großen Klinikum üblich, herrschte dort auch spätabends und nachts immer Betrieb. Patienten die nicht schlafen konnten holten sich Süßigkeiten und Getränke aus den Automaten, aufgeregte Angehörige telefonierten hektisch, irgendwann kam eine Gruppe schwarz gekleideter Menschen mit Tränen in den Augen heraus und stützte sich gegenseitig. Ein Mann der soeben Vater geworden war, informierte voller Freude und in voller Lautstärke die Großeltern- ja so ein Krankenhaus war ein kleiner Mikrokosmos in dem Geburt, Leben, Drama und Tod eng beieinander lagen.


    Ben hatte seine Blicke schweifen lassen und versucht ein wenig ab zu schalten, aber es gelang ihm nicht. Irgendwann verließen die Spätschichten schwatzend die Klinik und Ben erspähte auch die Schwester, die seinen Freund gefahren hatte, aber nach kurzer Überlegung verwarf er den Gedanken sie aufzuhalten und nach dem Befinden Semir´s zu fragen. Gerade hatte er noch Sarah deswegen verurteilt und jetzt würde er selber die junge Frau in Gewissensnöte bringen. Etwa eine halbe Stunde später ging Andrea mit vor Erschöpfung hängenden Schultern in einiger Entfernung an ihm vorbei und strebte mit schleppenden Schritten ihrem Wagen zu. Sie hatte ihn wohl nicht bemerkt und nachdem er erst aufspringen und sie nach seinem Freund fragen wollte, verharrte er dann doch. Sie hatte ihm unmissverständlich zu verstehen gegeben, dass sie ihn nicht sehen wollte und er wollte sie jetzt nicht noch mehr aufregen. Sie hatte die letzten Stunden viel mitgemacht und hatte sich ihre Ruhe verdient.


    Allerdings zog es ihn nun wieder näher zu Semir und so suchte er die Sitzgruppe vor der Intensivstation auf. Das gedimmte Licht war gespenstisch. Durch die Schleuse drang kein Laut aus der Station und hier verirrte sich außer ihm kein weiterer Patient oder Besucher. Kurz überlegte er zu läuten und zu fragen, ob er Semir sehen dürfe, vielleicht erkannte ihn ja einer der Nachtdienstler, aber dann verwarf er den Gedanken wieder. Das wäre genau das, weswegen er Sarah heute verurteilt hatte und der Arzt hatte vorhin ausdrücklich gesagt: „Nur nächste Angehörige!“ Aber soweit war er mit den Abläufen vertraut- wenn es Semir massiv schlechter ging, würde man Andrea verständigen und die musste ja dann an ihm vorbei. So saß er da und irgendwann übermannte ihn die Müdigkeit. Als die Frühschicht schwatzend und plaudernd kurz vor sechs eintraf, lag ein gutaussehender dunkelhaariger Mann mit Krücken neben sich zusammen gerollt auf der Sitzgruppe und schlief tief und fest.



    Der Pferdehändler hatte weit nach Mitternacht noch einen kurzen Rundgang durch die Stallungen gemacht. Als er in die schmutzige Box mit den beiden Füchsen schaute, fluchte er. Verdammt- das konnte er gar nicht brauchen! Die beiden Pferdchen waren klatschnass, die Beinchen mit den ganzen Verletzungen waren massiv geschwollen und sie hatten hohes Fieber. Schlafende Hunde sollte man nicht wecken und bevor er seine verdächtigen Unterlagen nicht alle hatte verschwinden lassen, die er gerade dabei war zu sortieren, konnte er niemanden im Haus brauchen und außerdem war der Besitzer der Pferdchen leider Polizist, das hatte er heute erst heraus gefunden. So rief er nicht die Nummer der Jägers an, sondern erneut den Tierarzt, der ja erst vor wenigen Stunden nach Hause gefahren war. Der brummte verschlafen und wollte mit verwaschener Stimme erst den Besuch abwehren, aber als der Händler dann scharf ins Telefon rief: „Hör mal, du hängst in dieser Sache genauso mit drin wie ich und wenn du nicht sofort deinen Hintern her schwingst, könnte es passieren, dass du dein schickes Auto, deine Zulassung und noch viel mehr los bist!“, lenkte er ein und murrend machte sich der Rumäne dann auf den Weg.

    Die Straßen waren ziemlich frei und so drückte er auf die Tube. Der Alkohol und Drogenmix in seinem Kopf gab ihm das Gefühl zu fliegen und so bemerkte er, als er die Autobahn bereits verlassen hatte, den Radfahrer viel zu spät, erfasste ihn frontal, der flog übers Auto und blieb mit verdrehten Gliedern auf dem Asphalt liegen. Der Tierarzt hatte kurz angehalten, der Schock saß tief, aber dann trat er ,anstatt aus zu steigen und nach zu sehen aufs Gas, sein Wagen war durchaus noch fahrtüchtig und erreichte kurze Zeit später den Hof des Pferdehändlers. Wie immer ließ er den Boliden sofort in der Garage verschwinden, vorne war die Stoßstange beschädigt und ein paar Beulen zeugten von dem Unfall, aber er sagte nichts, sondern spritzte den beiden Pferdchen ein paar Medikamente und fuhr danach auf einem großen Umweg nach Hause. Dort schloss er ebenfalls die Garage fest ab- die nächsten Tage würde er nur noch seinen Geländewagen benutzen, bis er sich im Klaren darüber war, wie es für ihn weiter gehen würde.

  • Ben erwachte, weil eine Putzfrau mit ihrem desinfektionsmittelgetränkten Wischmop an die Stühle stieß, die ihm als Bett dienten. Verständnislos blickte er um sich, während er sich langsam aufrichtete. Ihm tat jede Gräte weh und als er mit einer Entschuldigung zu seinen Krücken griff und ein paar Schritte zur Seite humpelte, sog er die Luft geräuschvoll ein, aua das zwickte ganz schön und sein Fuß fühlte sich an als wäre er auf das Doppelte seiner Größe angeschwollen. Aber in dem Moment als er realisiert hatte, wo er sich befand, war der gestrige schreckliche Tag plötzlich wieder völlig präsent in seinem Kopf und ihn plagte nur ein Gedanke: „Wie geht es Semir?“


    Das Glück war ihm hold, denn als wenig später die Nachtschicht nach der Übergabe mit müden Augen die Intensivstation verließ, erkannte ihn Andy, ein Kollege seiner Frau, der ihn schon öfter betreut hatte und auch bereits bei ihnen zuhause bei diversen Stationsfeiern zu Gast gewesen war. „Hey Ben- was treibst du denn hier?“, fragte er verwundert und winkte seinen Kolleginnen zu, weiter zur Umkleide zu gehen und auf ihn nicht zu warten. „Mein Freund Semir Gerkhan liegt hier, mich würde dringend interessieren wie es ihm geht, aber ich bin zwar sein bester Freund, aber eben kein Angehöriger, drum erfahre ich nichts“, brach es aus Ben heraus. Andy dachte kurz nach. Als Ben das letzte Mal Patient gewesen war, war der kleine Türke nicht von seiner Seite gewichen, ihm war bei dem beatmeten Zugang heute Nacht, den er nur am Rande mitgekriegt hatte, gar nicht bewusst gewesen, dass er den kannte und der ebendieser Polizist war. Er hatte allerdings auch völlig andere Patienten versorgt und war gar nicht in dem Zimmer gewesen. Bei der Übergabe hatte er aber durchaus die Diagnosen des Kutschenunfalls mit gekriegt und bei sich noch gedacht, dass der Umgang mit Pferden immer gefährlich war. Sie bekamen häufig verunglückte Reiter rein, die manchmal im Rollstuhl landeten, aber der aktuelle Patient hatte trotz schwerer Verletzungen die Nacht gut überstanden und war stabil, soviel wusste er.

    Auch wenn er seine Kompetenzen jetzt bei Weitem überschritt und gegen alle möglichen Gesetze und Regeln verstieß, drehte er sich um. „Ben warte einen Moment, ich frage mal die Kollegin die ihn betreut, ob du kurz einen Blick auf ihn werfen kannst“, und damit hatte er sich schon umgedreht und war wieder in der Station verschwunden. Die Intensivschwester die Ben zwar nicht kannte, aber Andy zuliebe ein Auge zu drückte, war einverstanden und so stand Ben wenig später neben seinem Freund, der immer noch sediert und schlafend an der Beatmungsmaschine in seinem Klinikbett lag. Ben hatte seine Blicke über die ganzen Maschinen und Apparaturen schweifen lassen und ihn schauderte. Semir hatte inzwischen mehr Farbe im Gesicht als nach der Operation, aber seine beiden Arme, die von Metallstangen umschlossen und mit einigen Bohrdrähten versehen auf zwei Kissen lagen, sahen futuristisch und furchterregend aus. Er lag mit erhöhtem Oberkörper da, Drainagebeutel mit blutigen Flüssigkeiten kamen unter der Decke hervor, eine Vielzahl von Infusionen und Perfusoren versorgten seinen Freund mit Flüssigkeit und Medikamenten, überall führten Zugänge in ihn hinein, aber trotzdem war Ben irgendwie erleichtert- Semir lebte und die Pflegekräfte waren ganz unaufgeregt, was er als gutes Zeichen wertete.
    Normalerweise hätte er jetzt Semir´s Hand ergriffen, aber das wäre bei den Verletzungen eine blöde Idee gewesen und so strich er vorsichtig über die Wange seines besten Freundes, auf der die Bartstoppeln wuchsen. „Semir bitte werde wieder ganz gesund, wir brauchen dich doch!“, flüsterte er leise und die Augenlider des Patienten flatterten, allerdings war die Anstrengung wohl zu groß. Aber Ben hatte das Gefühl dass sein Freund ihn wahr genommen hatte und als Andy ihm jetzt die Hand auf die Schulter legte und ihn zum Mitkommen aufforderte, sagte er: „Danke dass ich ihn sehen durfte und passt gut auf ihn auf“, während er sich bereits umdrehte und nach draußen humpelte. Irgendwie war ihm jetzt viel leichter ums Herz und er konnte wieder nach vorne schauen, auch wenn seine Schuld immer noch schwer an ihm nagte.


    Als er das Krankenhaus verlassen hatte und einem Taxi winkte, überlegte er kurz, ob er nach Hause fahren sollte, aber irgendetwas in ihm war dagegen, aber weil er jetzt unbedingt einen Kaffee und bekannte Gesichter um sich brauchte, ließ er sich zur PASt bringen und hieß den Taxifahrer zuvor noch kurz vor seiner und Semir´s Lieblingsbäckerei anhalten.
    Auf der Dienststelle lautete natürlich die erste Frage: „Wie geht es Semir?“, und wahrheitsgemäß antwortete er, dass der wohl stabil sei, aber sehr schwer verletzt auf der Intensivstation liege. Als er seinen Kaffee einschenkte und sich mit einem Schokocroissant nieder ließ, fiel sein Blick auf den verwaisten Schreibtischstuhl gegenüber und ein Stich fuhr durch sein Herz. Würde Semir dort jemals wieder sitzen können und gemeinsam mit ihm im Team ermitteln? Er war doch sehr schwer verletzt und nicht mehr der Jüngste, hatte vielleicht er, Ben, mit der unüberlegten Anschaffung der Ponys das Leben seines Freundes zerstört? Auch Susanne war inzwischen eingetroffen, aber auf die Frage, ob sie etwas von Andrea gehört habe, immerhin waren die beiden gut befreundet, schüttelte die Sekretärin den Kopf.
    Kim Krüger musterte ihn mit gerunzelter Stirn. „Herr Jäger- halten sie sich für arbeitsfähig?“, fragte sie förmlich und wies mit gerunzelter Stirn auf den unförmigen Vakuumschuh und die Krücken. „Wenn ja dann nur im Innendienst, dass das klar ist!“, blaffte sie noch und Ben blieb wie ein geprügelter Hund wortlos sitzen. Er wusste doch selber nicht was er machen sollte, würde er zuhause bleiben, würde er jede Sekunde an Semir denken, also wäre Ablenkung besser, aber erstens klopfte sein Bein wie verrückt und zweitens hatte er überhaupt keine Lust jetzt die nächsten Wochen Akten zu wälzen, das würde ihn wahnsinnig machen- dann lieber eine Krankmeldung.


    In diesem Augenblick kam Hartmut in die Dienststelle. Er hatte noch seinen weißen Overall der Spurensicherung an, schnappte sich im Vorbeigehen ein Croissant und bemerkte zu Ben: „Stell dir vor woher ich gerade komme! Heute Nacht wurde ein Radfahrer kurz hinter der Autobahnabfahrt in der Nähe deines Wohnortes tödlich verletzt mit Fahrerflucht und weil die zuständigen Kollegen der Meinung waren sie hätten eh zu viel Arbeit und das falle noch in den Aufgabenbereich der Autobahnpolizei, wurden wir angerufen. Ich habe hier Fahrzeugteile und Lackspuren gesichert, so ganz hundertprozentig sicher bin ich noch nicht, dazu muss ich erst noch was an meinem PC analysieren, aber ich denke der Unfallwagen dürfte ein gelber Audi R8 Spyder gewesen sein, sowas habt ihr doch auch schon gesucht. Diese Lackierung ist eine Sonderfarbe, die nur bei sehr wenigen Fahrzeugherstellern vorkommt, also bin ich mir fast sicher!“, und nun zuckte Ben wie elektrisiert zusammen. „Verdammt- der hat uns gestern bei unserer verhängnisvollen Fahrt überholt und gehupt, erst daraufhin sind die Ponys durchgegangen, der muss also irgendwo in der Nähe wohnen- den Typen kaufen wir uns!“ stieß er hervor, sprang auf und wollte nach alter Gewohnheit schon los rennen und gemeinsam mit Semir die Ermittlungen aufnehmen, als er mit einem Schmerzenslaut wieder zusammen fiel. Erstens konnte Semir nicht mit ermitteln und zweitens konnte er selber nicht mal fahren! Was sollte er nur tun?



    Sarah hatte zuhause nach ihrer Rückkehr einen Erkältungssaft für die Nacht genommen, auf den sonst eher Ben schwor, aber so hatte sie tief und erholsam geschlafen und erwachte erst spät am Morgen von lachenden Kinderstimmen und Sonnenschein, der in ihrer Nase kitzelte. Hildegard hatte die Lage in Griff und fragte auch nicht wo Ben war. Sarah trank einen Kaffee, aß ein wenig Müsli und kontrollierte ihr Handy ob ihr Mann ihr eine Nachricht geschickt hatte, aber da war nichts. Sie widerstand auch der Versuchung ihn an zu rufen, irgendwie war sie immer noch sauer auf ihn und er vermutlich auf sie. So beschloss sie nach einer erholsamen Dusche, dass sie jetzt nach den Ponys sehen würde.

    Am liebsten hätte sie noch auf der Intensivstation angerufen, um sich nach Semir´s Befinden zu erkundigen, aber Ben´s Vorwurf hielt sie davon ab, nun gut, ihr Freund war in professionellen Händen und machen konnte sie sowieso nichts. Sie überlegte kurz, ob sie die Kinder mitnehmen sollte, aber die machten sich gerade fertig, um mit Hildegard und den bereits aufgeregt schwänzelnden Hunden Gassi zu gehen und so setzte sie sich alleine ins Auto und fuhr zum Hof des Pferdehändlers.
    Die meisten Pferde waren auf der Weide, aber von den beiden Ponys war nichts zu sehen. Sarah läutete am Haus, aber da rührte sich niemand und so betrat sie kurz entschlossen die Stallungen und schritt die Boxen ab, um wenig später entsetzt die Hände vor den Mund zu schlagen, um nicht laut auf zu schreien.

  • Die beiden Ponys waren in einer völlig verdreckten Box. Eines lag am Boden, stöhnte und hatte die Augen verdreht, das andere hatte sich mit letzter Kraft in eine Ecke geschleppt wo es sich zitternd anlehnte, um nicht ebenfalls um zu fallen. Beide Tiere waren klatschnass vor Schweiß, überall hatten sie verkrustete Wunden die teilweise klafften, Schmeißfliegen kreisten zu Hunderten um die Pferdchen und legten ihre Eier in den offenen Verletzungen ab. Manche Wunden waren so tief, dass man sogar die darunter liegenden Strukturen wie Sehnen erkennen konnte. Auf der schmutzigen Einstreu lag zwar ein Haufen Heu, aber der war nicht angerührt und in einem umgestoßenen Eimer war anscheinend Wasser gewesen.
    Ohne zu zögern öffnete Sarah die Box und das arme Tierchen in der Ecke versuchte sogar noch vor ihr zurück zu weichen, was Sarah die Tränen in die Augen trieb. „Ihr armen, armen Geschöpfe! Was hat man euch nur angetan!“, flüsterte sie leise und begann das eine Pony zu streicheln, das langsam Zutrauen fasste. Sarah erhob sich jetzt, es musste sofort gehandelt werden! Sie wusste auch nicht ob das am Boden liegende und vor Schmerzen stöhnende Hengstchen noch gerettet werden konnte, aber versuchen würde sie es.


    Draußen vor dem Stall stand zwar ein Hänger, aber es widerstrebte ihr, den einfach zu nehmen, wobei sie es im Notfall völlig unabhängig von der Rechtslage durchaus versuchen würde. Im Kofferraum ihres Passats lag eine abnehmbare Anhängerkupplung, sie war allerdings noch nie mit einem Pferdehänger gefahren, das war die Krux wenn man einen Autonarren zum Mann hatte- man kam kaum in die Verlegenheit das mal aus zu probieren und bisher hatte alle Fahrten mit irgendwelchen Anhängern Ben übernommen, dem das Rangieren auf engstem Raum sogar mega Spaß machte. Vielleicht gab es aber eine einfachere Lösung und sie würde vor allem ja auch die Hilfe mehrere starker Männer beim Verladen brauchen. So zückte sie ihr Telefon, rief nacheinander mehrere Bekannte an, die ihres Wissens irgendwo in der Region ritten und wie das in Reiterkreisen so üblich war, jeder kannte jemand anderen und so stand keine Viertelstunde später ein Geländewagen- Hängergespann vor dem Hof und vier Männer und eine Frau, alle in Reithosen oder Jeans ließen sich den Weg zur Box zeigen.


    Unabhängig davon hatte Sarah gleich noch einen Fachtierarzt für Pferde aus der Nähe, der ihr empfohlen worden war, verständigt und so wurden kurze Zeit später die kleinen Pferdchen mit Infusionen und Schmerzmitteln versorgt, sie waren nämlich sogar zu schwach zum Trinken gewesen, als Sarah ihnen Wasser angeboten hatte. Mit speziellen Gurten die der Tierarzt im Wagen gehabt hatte, unterstützten sie die beiden und als ihr Kreislauf sich etwas stabilisiert hatte, gelang es ihnen allen gemeinsam die zwei in den mitgebrachten, dick mit sauberem Stroh eingestreuten Hänger zu dirigieren. Der eine der beiden-Rambo- versuchte zwar noch kurz die Beinchen in den Boden zu stemmen, hier kam der starke Charakter nochmals kurz zum Vorschein, aber als man nun freundlich auf ihn einredete, von hinten schob und sein Kumpel ja vor ihm schon im Inneren des Transporters verschwunden war, stakte er doch hinterher. Man band die beiden auch nicht wie üblich an, denn wenn sie vor Schwäche wieder umfielen, konnten sie sich noch schwerer verletzen, sondern schloss nur die Klappe des Transporters sorgfältig und dann ging es schon los in die nahe gelegene Klinik.


    Der Tierarzt hatte nach der Erstversorgung nach einem Mülleimer Ausschau gehalten, in dem er das Verpackungsmaterial und die leeren Spritzen und Ampullen loswerden konnte und in einer Ecke stand tatsächlich eine Tonne. Als er sie öffnete und sein Blick auf das Material fiel das obenauf lag, pfiff er durch die Zähne. Da waren abgelaufene, aber leere Medikamentenampullen, teilweise aus der Humanmedizin und auf gar keinen Fall für Ponys geeignet. Welcher Kollege getraute sich denn sowas zu verwenden, sowas konnte einen die Zulassung kosten! Er würde in der Klinik Bescheid geben, damit die richtig reagieren konnten.


    Sarah fuhr hinter dem Gespann her, um ihre Ponys, die sie bereits jetzt ins Herz geschlossen hatte, zu begleiten und den Ärzten in der Klinik zu versichern, dass man keine Kosten zu scheuen brauchte, wenn man den Kleinen nur helfen konnte. Hildegard sagte sie kurz Bescheid und nach kurzem Zögern schickte sie Ben ein Foto von den Ponys wie sie sie gefunden hatte und schrieb ein paar Worte darunter, damit er sich eine Vorstellung davon machen konnte, dass nicht nur Semir bei dem Unfall schwer verletzt worden war.


    Ben warf einen Blick auf das Bild und erschrak, aber er wusste auch, dass die Tiere versorgt waren wenn seine Frau sich darum kümmerte und er musste sich jetzt klar darüber werden wie er den Fahrer des Audi schnappen konnte, ohne dabei am Schreibtisch zu sitzen, wie Frau Krüger ihm angedroht hatte.
    In diesem Augenblick kam Jenny in Uniform von einer Streifenfahrt zurück. Sie war mit einem älteren etwas dicklichen Kollegen unterwegs gewesen, aber Ben merkte sofort, dass zwischen den beiden die Chemie nicht stimmte. „Jenny- würdest du meine Fahrerin sein und mit mir in unserem neuesten Fall ermitteln wollen? Dann versuche ich die Krüger zu erweichen!“, fragte er sie und mit einem kurzen Seitenblick auf ihren Kollegen, der sich gerade einen Kaffee geholt hatte, aber nicht hören konnte was sie sagte, antwortete sie: „Nichts lieber als das! Ich werde noch verrückt mit diesem Korinthenkacker, der korrigiert mich, wenn ich nur 2 km schneller fahre als die Geschwindigkeitsbegrenzung erlaubt und hält mir stundenlange Vorträge über meine Vorbildfunktion!“ und so standen wenig später Ben und Jenny gemeinsam im Büro der Revierleiterin.

    Ben hatte die Zähne zusammen gebissen und seine Krücken nicht mitgenommen, jetzt war wichtig die Krüger zu überzeugen dass er einsatzfähig war und mit Verlaub, bei einer Verfolgungsjagd hätte der uniformierte Kollege genauso wenig Chancen einen Verbrecher zu stellen wie er im Augenblick und dieses Argument musste einfach ziehen. So riss er sich zusammen und sagte in geschäftsmäßigem Ton: „Frau Krüger, sie haben natürlich Recht und ich kann im Augenblick nicht so schnell laufen wie üblich, aber deswegen funktioniert ja der Rest meines Körpers trotzdem wie gewohnt und für meinen Fuß ist es sozusagen das Schlimmste wenn er unterm Schreibtisch nach unten hängt, da schwillt er nämlich an. Aber wenn ich mich zwischendurch bewegen kann und Frau Dorn den Part der schnellen Läuferin übernimmt, könnte ich den Fall des getöteten Radfahrers mit Fahrerflucht übernehmen, der gerade herein gekommen ist.“
    Er hatte wohlweislich unterschlagen dass er sehr persönlich an der Ermittlung des Fahrers interessiert war, das würde Frau Krüger zwar bald herausfinden, aber bis dahin hatte er den Fall hoffentlich schon gelöst. „Und langsamer als unser geschätzter Kollege da draußen mit seiner Wampe- äh ich wollte natürlich sagen mit dem latenten Übergewicht- bin ich auch nicht“, fügte der Dunkelhaarige hinzu und jetzt zuckten die Mundwinkel der Krüger unmerklich. „Und sie Frau Dorn- was sagen sie dazu?“, fragte nun die Krüger und Jenny nickte eifrig. „Ich würde sehr gerne zusammen mit Herrn Jäger ermitteln, verstehen sie den ganzen Tag nur Verkehrsüberwachung ist ganz schön langweilig und ich denke Ben und ich wir wären im Team viel produktiver als wenn ich Strafzettel verteile und Schnellfahrer ermahne!“, sagte sie und jetzt konnte Frau Krüger ein kleines Grinsen nicht mehr unterdrücken. „Also gut, dann los, ziehen sie sich um und fahren mit Herrn Jäger in zivil raus, aber ich möchte über die Ermittlungen auf dem Laufenden gehalten werden!“, fügte sie noch hinzu und schon hatten die beiden Polizisten das Büro wie der Blitz verlassen. „Dieser Jäger- er schafft es immer wieder mich weich zu klopfen!“, dachte sie dann noch, widmete sich aber wenig später den Aktenbergen auf dem Schreibtisch. Auf jeden Fall war es besser so, als wenn er eine Krankmeldung brachte, war Gerkhan´s Ausfall schon schwer genug zu verkraften und wenn es jemandem gelang den flüchtigen Todesfahrer zu stellen, dann Jäger. Das Einzige was sie wunderte war, dass der nicht in der Klinik am Bett seines Freundes saß, aber das ging sie auch nichts an, sie war dafür verantwortlich dass die Dienststelle lief und dazu musste man manchmal auch über seinen Schatten springen.

  • Andrea hatte eine schreckliche Nacht verbracht. Immer wieder war sie unruhig hoch geschreckt und hatte gemeint das Telefon klingeln zu hören, aber wenn sie dann Festnetz und Handy kontrollierte, war da nichts, sie hatte es sich nur eingebildet.
    Die Kinder waren bei den Großeltern geblieben und wussten im Moment noch nichts vom Unfall ihres Vaters, ihrer Mutter hatte sie eine Nachricht geschickt, dass Semir zwar schwer verletzt auf der Intensivstation läge, aber im Moment außer Lebensgefahr war, aber auch wenn die Ärzte das gesagt hatten, so ganz glauben konnte sie das nicht. In ihr schwelte eine Mischung aus Wut und Kummer- erstens hatten Semir und Ben sie angelogen und hintergangen, denn sie konnte sich nicht vorstellen, dass ihr Mann im Bereitschaftsdienst mit einer Kutsche fahren würde- aber das vorrangige Gefühl war Kummer und die Sorge, dass sie ihn verlieren könnte.

    Am Morgen rief sie in der Klinik an, denn so hatte man ihr gesagt- vormittags anrufen und nachmittags zur Besuchszeit dann erst persönlich vorbei schauen, damit die Abläufe auf der Intensivstation nicht gestört würden. „Wenn es ihrem Mann schlechter gehen sollte, verständigen wir sie von uns aus“, hatten ihr die Ärzte und Pflegekräfte versichert. Semir´s Zustand war unverändert, aber er reagierte gezielt auf Aufforderungen, man würde ihn vielleicht bereits heute zum zweiten Mal in den OP bringen, um zumindest einen Arm zu versorgen, sie solle auf jeden Fall nochmals anrufen, bevor sie zu Besuch kam.

    Die Kinder hatten heute und Dienstag noch Ferien, worüber sie sehr froh war- erst am Mittwoch würde die Schule wieder beginnen. Nachdem sie zwei Tassen Kaffee getrunken hatte, Hunger hatte sie keinen, informierte sie ihre Eltern und die versprachen, die Kinder morgen zu bringen und so lange in Köln zu bleiben, wie sie ihre Hilfe benötigte und Andrea hätte beinahe vor Erleichterung geheult- es war ihr sehr wichtig in gerade so einer Situation ihre Familie um sich zu haben.


    Ben und Jenny hatten derweil noch Hartmut in der KTU aufgesucht. Jenny trug jetzt Jeans, Shirt und Stoffjacke und Ben benutzte freiwillig seine Krücken. „Hartmut wo müsste der Unfallwagen beschädigt sein?“, fragten sie und nachdem der anhand der gefundenen Teile den Schaden vorne rechts eingegrenzt hatte, baten sie noch Susanne via Rundmail alle Werkstätten der Region zu informieren, falls der Wagen irgendwo zur Reparatur gebracht würde. Außerdem wurde ein gelber Audi R8 Spyder zur Fahndung ausgeschrieben- bei so einem auffälligen Sportauto war ein Kennzeichen nicht unbedingt nötig, wenn er noch in der Gegend war, würde ihn irgendeine Streife fahren sehen, oder auf einem Parkplatz abgestellt, entdecken. Jetzt war er sozusagen eine Mordwaffe und deshalb würde man mit Nachdruck suchen.


    Susanne fragte in Ingolstadt beim Hersteller nach, aber in den vergangenen zwei Jahren war kein einziger dieser Boliden in der Farbe Gelb nach Deutschland ausgeliefert worden und die Käufer im Ausland würde der Hersteller mit Verweis auf den Datenschutz nicht nennen, bekräftigte der Firmenanwalt.
    „Jenny, das ist merkwürdig, man sollte meinen das ist ein Geisterfahrzeug, wenn ich nicht höchstpersönlich bereits zweimal den Wagen sozusagen hier um die Ecke gesehen hätte, würde ich nicht glauben, dass es ihn gibt. Aber wir werden ihn finden und den Fahrer stellen- immerhin habe ich da ein sehr persönliches Interesse daran wegen Semir“, bekräftigte Ben und humpelte zu seinem Mercedes.


    Direkt daneben war Semir´s BMW geparkt, der inzwischen mit einem Zweitschlüssel zur Past gebracht worden war und Ben gab es einen Stich ins Herz. „Partner- ich hoffe dass du bald wieder hinterm Steuer deines Wagens sitzen und gemeinsam mit mir die Autobahnen sicherer machen kannst!“, flüsterte er und irgendwie hatte er das Gefühl, dass gerade eben jetzt eine starke Verbindung zu seinem Freund bestand.


    „Jenny halt bitte an der nächsten Apotheke an!“, bat er seine junge Partnerin und dort ließ er sich beraten und kam mit einer Packung Diclofenac Schmerztabletten wieder heraus, von denen er noch in der Apotheke zwei Stück einwarf. Die niedrige Dosierung war frei verkäuflich und er hatte keine Lust gehabt Sarah zu fragen- immerhin hatte er auch überlebt bevor sie zusammen gekommen waren. Nun machten sie sich auf den Weg zu der inzwischen geräumten Unfallstelle, Ben wusste, wenn er die mit eigenen Augen sehen konnte, würde ihm vielleicht ein Geistesblitz kommen, außerdem gab es eventuell Leute die in der Nähe wohnten und etwas beobachtet oder gehört hatten. Das war Routine und als wenig später die Schmerztabletten zu wirken begannen, konnte er seine ganze Energie auf den Fall richten und seinen Kummer ein wenig ausblenden.


    Semir kam langsam zu sich. Sein Kopf war wie vernebelt, er meinte zu schweben und im Traum die Gesichter seiner Frau und auch Ben´s zu sehen, aber als man ihm mit einer grellen Lampe in die Augen leuchtete, kniff er die heftig zusammen. „Guten Morgen Herr Gerkhan, sie sind auf der Intensivstation, haben sie keine Angst“, sagte die freundliche Stimme einer jungen Schwester, die gerade die neurologischen Kontrollen vornahm. Semir versuchte etwas zu sagen, aber ein Schlauch in seinem Hals hinderte ihn daran. Außerdem war er immer noch sehr müde und als die junge Frau ihn fragte ob er Schmerzen habe, schüttelte er verneinend den Kopf, um wenig später wieder in einen Dämmerschlaf zu fallen. Er erwachte wieder als eine Menge Weißkittel um ihn herum standen und versuchte in seinem trägen Hirn die Wortfetzen zu verstehen, die zu ihm durchdrangen, aber das Meiste war Fachchinesisch und wenn er nicht so müde wäre, hätte er sich darüber geärgert. „Stabil, gut zu beatmen- heute Versorgung des ersten Arms“, konnte er dann noch hören, aber wenig später schaltete man das Propofol wieder ein und er versank in einen tiefen Schlaf und merkte nicht, wie man ihn erneut in den OP brachte.

  • Jenni und Ben kamen wenig später an der Unfallstelle an. Die war inzwischen wieder für den Verkehr frei gegeben worden. Es war eine Kreisstraße die direkt an die Autobahnabfahrt anschloss und lag ziemlich nahe an Ben´s Wohnort. Wenn er zur Arbeit fuhr benutzte er zwar eine andere, die näher Richtung Köln lag, aber immer wenn sie woanders hin fuhren, war das ihre bevorzugte Auffahrt.

    Allerdings war nirgendwo in der Nähe ein Haus von dem man die Unfallstelle einsehen konnte. Auf dem Asphalt, ganz am Rand der Straße direkt neben niedrigem Buschwerk, waren noch die aufgezeichneten Umrisse des Unfallopfers zu sehen, dessen verrenkte Glieder in unnatürlichem Winkel da gelegen hatten. Hartmut hatte ihnen aufs Tablet die Fotos vor dem Abtransport des Toten geschickt und Ben erfasste tiefes Mitleid mit dem Mann, dessen Identität man noch nicht heraus gefunden hatte. Er war etwa 35 Jahre alt, hatte keine Papiere bei sich getragen, war aber mit guter Beleuchtung seines Fahrrads und Helm unterwegs gewesen. Nur war der Aufprall wohl mit so einer Wucht erfolgt, dass ihm das Alles nichts geholfen hatte. Das Gesicht war allerdings mit Blut verschmiert gewesen, ein Bild das man zur Identifizierung herumzeigen oder veröffentlichen könnte, würde ihnen Susanne zuschicken, sobald das möglich war. Die Leiche war bereits in die Gerichtsmedizin gebracht worden und da würde man das Gesicht soweit reinigen und herrichten, dass man ein vorzeigbares Foto machen konnte.


    „Es ist möglich, dass einige Verkehrsteilnehmer in der Nacht ahnungslos an dem Mann vorbei gefahren sind. Nur wenn der Scheinwerferkegel hierher gereicht hat, war es möglich, in dieser teils nebligen Nacht, ihn und das kaputte Rad zu entdecken. Wir müssen auf die Autopsie warten, um den Todeszeitpunkt ein zu grenzen, aber fakt ist- einzig der Fahrer des Audi kann sich nicht darauf hinaus reden, dass er den Unfall nicht bemerkt hat. Das war eine astreine Fahrerflucht“, überlegte Ben laut und Jenni nickte.

    In diesem Augenblick läutete sein Handy, Susanne war dran. „Ben- in zwei Stunden, also um 13.00 Uhr findet die Obduktion statt- nachdem ihr den Fall übernommen habt, solltet ihr der beiwohnen!“, gab sie den Auftrag der Chefin weiter und Ben stöhnte leise auf. Das war eine der unangenehmen Seiten ihres Berufs und heute würde kein Semir neben ihm sein, der ihn einfach raus schickte und sozusagen für sie beide mithörte, wenn er grün um die Nase wurde. Klar war nun auch, er würde nichts essen. Gerade noch hatte sein Magen leise geknurrt, das Frühstück war schon wieder verdaut und normalerweise hätte er jetzt nach einem Imbiss Ausschau gehalten, aber das fiel nun flach, wenn er nicht die Gerichtsmedizin vollreiern wollte. „Jenni- wenn du was essen möchtest sag Bescheid“ murmelte er, aber die junge Frau schüttelte schon den Kopf.



    Ben´s Blicke scannten die Umgebung , wenn nicht zufällig ein nächtlicher Spaziergänger unterwegs gewesen war, was hier auf dem Land eher unwahrscheinlich war, brauchten sie nicht auf Zeugen zu hoffen, die den Fahrer gesehen hatten. Solange sie die Identität des Toten nicht wussten, konnte man auch ein persönliches Mordmotiv nicht ausschließen, wobei Ben schon ahnte, dass einfach die rücksichtslose und viel zu schnelle Fahrweise des Audifahrers für den Tod dieses Mannes verantwortlich war. So ein Verkehrsrowdy gehörte zur Rechenschaft gezogen und durfte für viele Jahre nicht mehr ans Steuer eines Wagens und deswegen würde er sich jetzt zusammen reißen und die Obduktion durchstehen.


    Jenni und er fuhren noch in den nächsten Ort und fragten ein paar Passanten, ob sie nachts etwas beobachtet hätten, aber alle schüttelten bedauernd den Kopf. Inzwischen hatte sich wie ein Lauffeuer die Neuigkeit des tödlichen Unfalls verbreitet. Eine ältere Frau die mit ihrem Rollator unterwegs war , konnte dann aber doch eine interessante Mitteilung machen, als sie das Bild eines gelben Spyders vorzeigten. „Das Auto fährt hier seit etwa einem viertel Jahr mindestens dreimal die Woche durch. Nie zu festen Zeiten, aber wissen sie, wenn man nicht mehr so gut zu Fuß ist, aber gerne aus dem Fenster sieht, kann man so allerlei beobachten. Heute Nacht habe ich tief und fest geschlafen als der schreckliche Unfall passiert ist, aber das ist schon ein auffälliger Sportwagen. Zur Zeit passieren hier sowieso ständig schwere Unfälle, nur ein paar Kilometer von hier war gestern ein schwerer Kutschenunfall, da ist sogar der Hubschrauber geflogen!“, teilte sie ihnen mit und Ben gab es wieder einen Stich ins Herz- wie es wohl Semir ging?



    Nach einem Blick auf die Uhr machten sie sich nun auf den Weg in die Gerichtsmedizin und als sie wenig später als einzige Zuschauer neben dem Obduktionstisch standen, auf dem die nun gewaschene und vermessene Leiche lag, konnte Ben nicht umhin daran zu denken, dass es jeden von ihnen treffen konnte. Der Mann vor ihnen war sportlich durch trainiert und gebräunt, aber das hatte ihm nichts geholfen. Der Todeszeitpunkt war vom Pathologen auf etwa zwei Uhr nachts datiert worden und als er die teilweise zerfetzen inneren Organe, die Blutergüsse und die zersplitterten Knochen frei gelegt und dokumentiert hatte, stand fest, dass das Opfer wohl noch eine Stunde am Leben gewesen war, vielleicht sogar schreckliche Schmerzen ausgehalten hatte, bevor es seinen Verletzungen erlegen war. „Wenn der Mann sofort professionelle Hilfe erhalten hätte, wären die Traumata nicht unbedingt tödlich gewesen, aber so ist er an den inneren Verletzungen verblutet“, teilte der Gerichtsmediziner mit nüchterner Stimme mit und Ben, dem zwar flau im Magen war, der aber trotzdem irgendwie die vergangene Stunde durch gestanden hatte, fühlte sich noch ein wenig schlechter. Wenn es ihnen doch nur zuvor schon gelungen wäre den rücksichtslosen Spyderfahrer zu schnappen, würde der Mann wohl noch leben. Und außerdem war es für ihn wie ein Deja-Vu, Semir hatte gestern einfach das Glück gehabt , sofort Hilfe zu bekommen, ein Glück das diesem Mann leider nicht beschieden gewesen war.

  • Als wenig später auf der Internetseite der Polizei ein Foto des Mannes veröffentlicht wurde, meldete sich eine völlig aufgelöste Frau aus einem der Dörfer der Umgebung, die schon verzweifelt alle Bekannten abtelefoniert hatte. Jenni und Ben fuhren sofort zur angegebenen Adresse, die ihnen Susanne übermittelt hatte. Als sie in die Einfahrt des neu gebauten schönen Häuschens einbogen, wo Kinderspielzeug, eine Schaukel und ein Sandkasten im Garten darauf hin wiesen, dass ein Familienvater getötet worden war, stöhnte Ben innerlich auf. Warum nur traf es immer die Menschen die es am wenigsten verdienten?


    Eine Freundin war bei der jungen attraktiven Frau um die dreißig, die beiden Kinder waren bei der Oma im Nachbarort, wie die Frau ihnen blass mitteilte, aber schon auf den ersten Blick hatten Jenni und Ben beim Betreten des Hauses, in dem überall Fotografien einer fröhlichen Familie hingen, gesehen, dass es sich tatsächlich um den Familienvater handelte. „Es tut mir sehr leid, aber wir müssen leider den Tod ihres Mannes bestätigen, er wurde bei einem Verkehrsunfall mit Fahrerflucht tödlich verletzt“, gab Ben ihr die schreckliche Gewissheit und nun schluchzte die junge Frau haltlos auf und war einige Minuten kaum mehr zu beruhigen. „Sollen wir ihnen einen Arzt rufen?“, fragte Jenni mitleidig, aber nun schüttelte die Witwe den Kopf. „Es geht schon wieder und das macht Frank auch nicht mehr lebendig. Wie genau ist er gestorben- ich muss es einfach wissen“, fragte sie und so versuchten Ben und Jenni ihr mit schonenden Worten den rekonstruierten Unfallhergang zu schildern.


    „Eine Frage noch: Was hat ihr Mann zu so später, oder vielmehr früher Stunde auf dem Rad gemacht und können sie sich irgendein persönliches Motiv vorstellen ihn an zu fahren, denn bisher tappen wir noch im Dunkeln in Bezug auf den Unfallfahrer- hatte ihr Mann Feinde?“, wollte nun Ben wissen, aber die Frau schüttelte den Kopf. „Frank arbeitet bei einem großen Unternehmen am Kölner Stadtrand in der PR- Abteilung und hatte gestern ein Meeting. Er sagte schon vorher, dass das dauern könne, darum habe ich auch tief und fest geschlafen und mir erst begonnen Sorgen zu machen, als er am Morgen nicht neben mir lag. Er fährt, wenn das Wetter halbwegs passt, fast immer die 20 km mit dem Rad zur Arbeit. Erstens aus Umweltschutzgründen und auch für seine persönliche Fitness. Und Frank ist- war ein geselliger Mensch, ich wüsste nicht dass er Feinde hätte!“, gab die Ehefrau zur Antwort und Ben nahm das zur Kenntnis.


    „Wenn man ihn rechtzeitig gefunden hätte, könnte er also vielleicht noch leben?“, flüsterte die junge Frau und schluchzte erneut auf, als Jenni und Ben zustimmten. „Oh Gott, hoffentlich war er bewusstlos!“, flüsterte sie und Ben hätte am liebsten mit geheult, riss sich aber zusammen und vermisste in diesem Augenblick Semir, der hätte die junge Frau jetzt vermutlich väterlich in den Arm genommen, aber ihm erschien das unpassend. Auch Jenni hatte Tränen in den Augen und als sie nun wegen der Identifizierung des Toten fragten, ob das vielleicht ein anderer Verwandter erledigen könnte, stand die Frau auf, atmete tief durch und straffte ihren Rücken. „Nein ich möchte ihn unbedingt noch einmal sehen- verstehen sie, sonst kann ich das nicht glauben, es erscheint mir so unwirklich wie ein böser Traum“, versuchte sie zu erklären und Jenni und Ben nickten.


    Wenig später standen sie in der Gerichtsmedizin und als sie die Identität des Toten bestätigt hatte, bat seine Witwe darum, mit ihm alleine gelassen zu werden. Jenni und Ben warteten mit der Freundin stumm draußen und als einige Minuten später die Frau mit verheulten Augen heraus kam, stützen sie sie und brachten sie wieder nach Hause. „Versprechen sie mir seinen Mörder zu finden?“, flehte die Witwe . „Frank könnte noch leben und seine Kinder aufwachsen sehen, wenn der nicht feige abgehauen wäre, sondern Erste Hilfe geleistet und einen Notruf abgesetzt hätte. Ich möchte dem Schwein in die Augen sehen wenn es verurteilt wird“, sagte sie und Ben antwortete mit fester Stimme: „Wir werden alles tun, was in unserer Macht steht, um den Todesfahrer, oder die Fahrerin zu finden, das können sie mir glauben!“ und so verabschiedeten sie sich.



    Als sie danach im Auto saßen war es bereits nach fünf und Jenni brachte Ben nun direkt nach Hause- es war ja nicht weit. Der Dunkelhaarige wäre zwar lieber nochmals zu Semir ins Krankenhaus gefahren, aber die Vernunft sagte ihm, dass es jetzt besser war das Bein hoch zu legen und über Susanne an Informationen zu kommen, die hatte ihm vorher kurz mit geteilt, dass Andrea sie angerufen habe und sie nach Dienstschluss zu ihr fahren würde, Semir war wohl bereits ein zweites Mal operiert worden, sei aber stabil.


    Ben wurde erst zuhause bewusst, was er für einen Hunger hatte und wie erschöpft er war, aber als ihm seine Kinder lachend und schwatzend um den Hals fielen und Hildegard ihm mitteilte, dass Sarah nochmals kurz zu den Ponys in die Klinik gefahren sei, war er nur froh, dass seine Familie soweit gesund war, das mit seinem Fuß waren Peanuts gegen das Schicksal der Witwe und ihrer Kinder ein paar Ortschaften weiter!



    Es war gut gewesen, dass Sarah die Ponys zur Klinik begleitet hatte und dort versicherte, dass Geld keine Rolle spiele. So wurden die beiden erst mit intravenösen Antibiotika und Infusionen aufgepäppelt und als der Kreislauf stabil genug war, sedierte man sie tief und versorgte professionell die Verletzungen. Der erstbehandelnde Tierarzt hatte noch die Medikamentenverpackungen zur Klinik gebracht und auch seine Kollegen waren der Meinung, dass diese Medikamente auf gar keinen Fall für Ponys geeignet waren. „Gut ich weiß jetzt nicht- hat der Pferdehändler die selber verabreicht, oder war es doch ein Kollege, aber falls die Ponys das Zeug gekriegt haben, ist es kein Wunder dass ihr Kreislauf schlapp gemacht hat- sie wären gestorben, wenn sie nicht professionelle Hilfe bekommen hätten. Wir müssen auf jeden Fall das Veterinäramt auf den Stallbetreiber ansetzen und der Hof muss kontrolliert werden. Ich habe mir allerdings die anderen Pferde dort angesehen und auch wenn die Stallungen nicht ganz artgerecht waren, die Tiere waren alle gut gefüttert und gepflegt, die Hufe mit Schuhwichse eingefettet, na ja die Händler wissen schon wie sie es machen müssen. Aber die Tonne dort war wirklich voll mit leeren Umverpackungen und so eine große Menge an sedierenden Medikamenten auf einem Haufen macht mich stutzig.“, sagte der eine Tierarzt zum anderen und der nickte.

    „Mir ist ein weiteres Detail aufgefallen: Die Medikamente sind für den rumänischen Markt bestimmt, die Medikamentennamen sind zwar überwiegend dieselben, aber die Beipackzettel und Packungsaufschriften deuten darauf hin, merkwürdig!“, teilte der noch seine Beobachtungen mit, aber als in diesem Augenblick Sarah um die Ecke bog und wissen wollte, wie die Chancen für die beiden Füchse standen, gab er ihr Auskunft. Sie hatte mit halbem Ohr die letzten Worte mit bekommen, stellte aber keinen Bezug zu ihren Tieren her.



    „Frau Jäger, wir haben die Wunden der Ponys erstbehandelt, sie müssen auf jeden Fall eine längere Zeit in der Klinik bleiben und Antibiotika und Schmerzmittel bekommen. Die mit Drainagen versorgten Wunden sollten täglich gespült werden, dazu müssen wir sie vermutlich wieder sedieren, ich glaube nicht dass sie stillhalten. Aber im Augenblick haben wir alles getan was möglich ist, ob das heilt und wie langfristig die Prognose ist, müssen wir abwarten. Sie müssen allerdings auch damit rechnen, dass es zu schweren Infektionen kommt und wir eines oder beide Hengstchen euthanasieren müssen, aber das bleibt jetzt jetzt einfach abzuwarten. Warum wurden die beiden eigentlich noch nicht gelegt? Im Alltag sind Hengste doch viel schwieriger zu handeln als Wallache, aber das nur nebenbei. Ich habe gehört dass die Verletzungen bei einem schweren Kutschenunfall gestern entstanden sind, wie geht es denn dem Fahrer?“, wollte der Tierarzt noch wissen, aber dazu konnte Sarah gerade gar nichts sagen, außer dass der in der Uniklinik lag. Ob Ben wohl dort an seinem Bett saß?


    „Wir werden sie sofort verständigen, wenn sich der Zustand eines oder beider Tiere verschlechtert, allerdings haben die beiden Glück, dass sie bereit sind die Kosten zu tragen, denn die werden den Wert der Ponys weit übersteigen. Ich kenne viele Besitzer die sich in so einem Fall fürs Einschläfern entscheiden und ich hätte wegen der ungewissen Prognose damit auch kein Problem. Aber wie sie schon gesagt haben- die Pferdchen sollen eine Chance bekommen, sie haben auch den Vorteil dass sie beide jung sind und eben Ponys, die gelten als zäh, dann wünsche ich ihnen noch einen schönen Abend!“, verabschiedete er Sarah und die fuhr in Gedanken versunken nach Hause.



    Dort hatte Ben derweil den Pizzaservice bestellt und voller Verwunderung hörte Sarah, dass er heute den ganzen Tag gearbeitet hatte. „Das solltest du aber nicht tun- schau mal wie dick dein Fuß ist, leg dich hin und kühle!“, versuchte sie Ben zu überzeugen, aber der sah sie jetzt fest an. „Sarah- ich bin kein kleines Kind mehr, dem du befehlen kannst, was es zu tun und zu lassen hat. Ich weiß, dass du es gut meinst, aber mich regt deine Bemutterung maßlos auf. Ich werde tun was ich für richtig halte- Ende der Diskussion!“, sagte er ein wenig schärfer als er beabsichtigt hatte und jetzt füllten sich Sarah´s Augen mit Tränen und sie drehte sich wortlos um und ging sofort ins Bett.


    Hildegard hatte nach der Pizza den Kindern noch eine Gutenachtgeschichte vorgelesen und sie zu Bett gebracht, so hatte sie von dem Gespräch nichts mit gekriegt, zog sich aber ebenfalls gleich ins Gästezimmer zurück. Ben machte sich eine weitere Flasche Bier auf, warf fluchend eine Schmerztablette ein und wenig später suchte ihn der Erschöpfungsschlaf vor dem Fernseher heim.

  • Die Operation hatte mehr als fünf Stunden gedauert und Andrea, die schon zweimal auf der Intensivstation angerufen hatte, aber immer nur erfahren hatte, dass ihr Mann noch im OP war, hielt es vor Sorge und Nervosität fast nicht aus. Als es sechzehn Uhr war, verabschiedete sie sich von ihren Eltern, die am frühen Nachmittag mit den Kindern angereist waren. Ayda und Lilly waren beide zu ihren Freundinnen in der Nachbarschaft gegangen und hatten ihre Mutter nur kurz begrüßt. Sie bemerkten, dass die Mama sehr aufgewühlt war, aber der letzte Ferientag musste trotzdem gefeiert werden. Papa war im Krankenhaus, aber das war er schon öfter gewesen, für die Kinder war das nicht sehr aufregend.
    Ihre Eltern hatten etwas zu Essen mit gebracht- gute Hausmannskost, aber Andrea hatte keinen Bissen hinunter würgen können.


    Sie setzte sich ins Auto und fuhr in die Klinik. Als sie an der Intensivstation läutete, bekam sie wiederum die Auskunft, dass ihr Mann noch im OP war. „Ist denn was schief gegangen?“, fragte sie angstvoll und die Schwester an der Rufanlage hörte am Ton ihrer Stimme, dass ihr Gegenüber völlig fertig war. Sie kam kurz heraus. „Frau Gerkhan- so eine umfangreiche Osteosynthese wie sie bei ihrem Mann vorgenommen wird, dauert einfach ihre Zeit. Unsere Unfallchirurgen sind sehr gut und ich habe auch keinerlei Infos, dass es ihrem Mann nicht gut ginge. Sobald er da ist, hole ich sie herein, sie dürfen auf jeden Fall noch zu ihm, egal ob Besuchszeit ist, oder nicht“, versprach sie und als Andrea gefühlte Stunden später schier Gräben in den Krankenhausflur gelaufen hatte, wurde sie herein gebeten.


    Sie stürzte regelrecht in das Patientenzimmer und erwartete eigentlich Semir an der Beatmung vor zu finden, aber zu ihrer Überraschung lag der ganz friedlich bis zum Hals zugedeckt, aber nur mit einer Sauerstoffbrille in der Nase, in seinem Bett. Er war zwar noch sehr blass und schien zu schlafen, aber als sie sich über ihn beugte und ihn zart küsste, schlug er die Augen auf. „Andrea“, flüsterte er leise und jetzt konnte sie die Tränen der Erleichterung nicht mehr zurück halten. Er bewegte sich und wollte reflexhaft nach ihr greifen, aber dann entwich ein Stöhnen seinen Lippen und nur Sekunden später kam die Schwester und verabreichte ihm die nächste Dosis Schmerzmittel aus dem Perfusor. „Das wird noch eine Weile dauern Herr Gerkhan, bis sie mit ihren Armen und Händen wieder was anfangen können. Die eine Seite ist jetzt zwar rekonstruiert, aber die vielen Schrauben und Platten die man zur Stabilisierung der Frakturen eingebracht hat, müssen erst einheilen, gleich morgen beginnt die Krankengymnastik“, erklärte sie freundlich und als das Opiat anflutete, begann Semir leise zu schnarchen- er war wieder eingeschlafen.


    „Danke- danke, schlaf gut mein Schatz!“, stammelte Andrea, während sie rückwärts aus dem Zimmer ging und der Stationsarzt gab ihr im Arztzimmer noch einen kurzen Überblick über die Situation. „Die Kollegen konnten die rechte Seite gut rekonstruieren, jetzt können wir nur hoffen, dass es zu keiner Wundheilungsstörung kommt. Die Lunge ist gut belüftet und deswegen hat unser Anästhesist sich entschlossen ihn zu extubieren. Er bekommt viele Schmerzmittel, denn diese Verletzungen sind natürlich alle sehr schmerzhaft und wird anfangs die meiste Zeit vor sich hindämmern. Wenn die Blutgase sich verschlechtern kann es auch sein, dass wir ihn wieder beatmen müssen, aber wegen der neurologischen Kontrollen wäre es uns so schon lieber. Morgen hat er auf jeden Fall einen Tag Pause, damit er sich erholen kann und übermorgen ist die Versorgung der anderen Seite geplant. Jetzt ist sein Wille wieder gesund zu werden gefragt, er muss Atemgymnastik und Physiotherapie machen und morgen auch raus aus dem Bett, aber für heute soll er erst einmal noch ausruhen, er hat ja doch eine lange OP hinter sich“, erklärte der Arzt und Andrea nickte.


    „Jetzt sehen sie zu, dass sie nach Hause fahren und selber ein wenig zur Ruhe kommen, sonst sind sie die nächste Patientin, so fertig wie sie aussehen. Im Augenblick besteht bei ihrem Mann keine Lebensgefahr mehr, also kommen sie morgen Nachmittag wieder vorbei, da dürfte er bereits etwas munterer sein“, verabschiedete er sie und Andrea setze sich danach wie in Trance ins Auto und war nur froh, dass ihr ihre Mutter daheim alles abnahm, ihr einen Tee kochte, einen Teller Suppe einflößte und sie danach mit einer Wolldecke aufs Sofa packte- nur ihrer Freundin Susanne gab sie kurz per Whatsapp Bescheid. Ayda richtete selbstständig ihre Schultasche für den nächsten Tag und als Andrea wie ihre Kinder um acht ins Bett ging, fiel sie sofort in einen traumlosen Erschöpfungsschlaf.



    Am nächsten Morgen war Lucky weg. Ben hatte in der Nacht, als er wach geworden war, kurz überlegt ins Bett zu gehen, aber dann schämte er sich wegen der harten Worte zu seiner Frau. Er würde ihr morgen nach dem Dienst einen Blumenstrauß mitbringen und hoffen, dass die Wogen sich etwas geglättet hatten. Durchs Liegen und die Schmerztablette war sein Fuß besser und auch abgeschwollen und so zog er einfach die Wolldecke enger um sich, stellte den Handywecker und als am Morgen Jenny pünktlich mit dem Dienstwagen vor der Tür stand, fiel erst mal gar nicht auf, dass Lucky im morgendlichen Trubel zwar mit Frederik raus gegangen war, aber nicht mehr zurück.

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