Zurück in der Hölle

  • Es dauerte noch etwas bis Kim Krüger Lukas Bährle erreichte. Der hatte sich gleich nach seinem letzten Gespräch mit Ben auf den Weg zur Ravensburger Polizei gemacht und Anzeige gegen Sabrina Schmied erstattet. Dass er mit Ben und Alex unabhängige Zeugen hatte, verstärkte seine Glaubwürdigkeit deutlich - seine impulsive Art war hingegen wenig hilfreich. Zurück in der Klinik traf er immerhin auf Ärzte, die verhalten optimistisch waren, dass seine Laura das Bewusstsein doch wieder erlangen könnte. Dass ihm dabei jedoch gleichzeitig prognostiziert wurde, sie würde mit an Sicherheit grenzender Wahrscheinlichkeit bleibende Beeinträchtigungen zurückbehalten, zerstörte alle Freude in ihm. Kurz ertappte er sich sogar bei der Frage, ob es nicht besser für alle Beteiligten wäre, wenn seine geliebte Frau bereits voran gehen dürfte. Und wer sollte sich künftig um Marie kümmern? Wovon würden sie leben, wenn sie die Bäckerei aufgeben müssten? Beim Stichwort "Leben" kam ihm schmerzlich die Ungewissheit, was sein jüngstes Kind anging, ins Bewusstsein. Er dachte daran, wie er bei der Geburt dabei gewesen war - hilflos war er sich vorgekommen, so wie jetzt auch. Aber am Ende, da hatte ihm jemand dieses kleine perfekte Menschlein in den Arm gedrückt. Das seine Hand in den Mund gesteckt und ihn mit großen Augen angesehen hatte - als wäre er, Lukas, ein Alien. Und was war danach gekommen?
    Er hatte gearbeitet, Laura hatte sich um die beiden Kinder gekümmert. Am Abend waren sie beide müde gewesen - er hatte kaum etwas von Leon und Marie gehabt. Leon hatte vor ein paar Tagen sogar gebrüllt, als er ihn auf dem Arm gehalten hatte - wie bei einem Fremden. Ja, das beruhte auf Gegenseitigkeit: Leon war ihm irgendwie fremd geblieben, er war eben ein Baby und das Zentrum von Leons Welt war Laura. Und jetzt waren beide getrennt. Als er gerade darüber nachdachte, erreichte Kim Krüger den Bäcker auf dem Handy. Vielleicht war sein Leon gefunden worden - lebend! Aber was, wenn er es nicht wäre? Außerdem: Jetzt nach Köln fahren und Laura alleine lassen? Sabrina freie Bahn lassen, seine Bäckerei schließen? Kam nicht in Frage! Er sah sich außerstande, die Identifizierung vorzunehmen. Aber Anja war ja ohnehin da - er würde sie schicken.
    "Gibt es denn ein eindeutiges Merkmal, das dabei helfen könnte, ihren Sohn zu identifizieren," fragte ihn die Polizistin.
    "Ja. Er hat am Po einen großen hellbraunen Fleck. Ich hab zuerst gedacht, da wäre was aus der Windel...naja..."
    "Kennt Ihre Schwestern den Fleck auch?"
    Nun musste Lukas Bährle trotz allen Leids lächeln - auch Anja hatte sich zuerst vor dem Fleck geekelt: "Jeder, der das nackte Ärschle mal gsehen hat, kennt den Fleck!"

  • Anja war sofort bereit, sich das Kind anzusehen. Kim Krüger beauftragte Alex und Jenny, die heute gemeinsam auf Streife waren, damit, Anja Bährle zur Familie Weis zu fahren. Allerdings hatte die Dame vom Psychologischen Dienst erst nach 17 Uhr Zeit und sie sollte als Erste vor Ort sein.
    Alex, der heute seine erste Schicht nach der Krankheit mit Jenny zusammen hatte, hatte Jenny davon erzählt, dass Anja in der Reha seine Physiotherapeutin gewesen war. Allerdings hatte Jenny inzwischen ausreichend Erfahrung als Polizistin gesammelt, um zu bemerken, dass Alex' Stimme anders klang und sein Blick etwas verändert war. Aber was genau das bedeutete, war ihr nicht klar, deshalb fragte sie:
    "Bist du etwa verliebt?"
    Alex' Gesicht rötete sich leicht. Er räusperte sich bevor er sagte: "Wäre ein denkbar schlechter Moment, oder?"
    Jenny grinste: "Seit wann warten Gefühle auf den richtigen Moment,hm? Außerdem lernt man Menschen ja erst dann so richtig kennen, wenn nicht alles "Friede-Freude-Eierkuchen" ist!"
    Alex blickte gezielt aus dem Fenster und murmelte: "Ja, da hast du wohl recht!"
    Tatsächlich war er sich selbst nicht sicher, was er nun für Anja empfand. Sie war wunderschön, ihr Körper zog ihn magisch an. Aber irgendetwas in ihm mahnte ihn zur Vorsicht - und er war sich nicht sicher, ob es das ihm eigene Misstrauen war, oder doch etwas anderes.
    Semir kam gut mit Marie zurecht. Deshalb hatte er auch ohne Zögern angeboten, auf sie aufzupassen, während Anja mit Jenny und Alex zur Familie Weis fuhr. Er freute sich an der Unbeschwertheit der Kleinen, was ihm half, besser mit seinen trüben Gedanken angesichts der noch ausstehenden Entscheidung über seine weitere Dienstfähigkeit zurecht zu kommen.
    Es war schon gegen 18 Uhr, als Alex und Jenny zusammen bei der Familie Weis eintrafen. Jenny öffnete Anja die Autotür. Während sie sie aussteigen ließ, erklärte sie ihr nochmals, was Alex auf der Fahrt bereits erwähnt hatte:
    "Unser Besuch dient nur der Identifizierung. Wie dann weiter verfahren wird, darüber entscheiden Jugendamt und Justiz -nicht wir, okay."
    Anja nickte leicht abwesend. Ihre Nerven waren zum Reißen gespannt. Sie betrat das Haus zwischen Alex und Jenny. Im Wohnzimmer wartete bereits die Psychologin bei Frau Weis, die ebenfalls angespannt mit dem schlafenden Baby auf dem Arm neben ihrem älteren Sohn stand.
    Anja sah das Baby. Sofort stürzte sie auf Frau Weis zu. Dabei schrie sie "Das ist Leon! Geben Sie ihn her!"
    Alex entwich ein kurzes "Fuck", seine Hand, mit der er Anja noch zu greifen versuchte, griff ins Leere. Glücklicherweise reagierte die füllige Psychologin schnell und stellte sich zwischen die beiden Frauen. Sie streckte ihre Arme aus und rief ein deutliches "Stopp!"
    Alex bekam dadurch Anjas Schultern zu fassen: "Anja, so geht das nicht!"
    "Aber das ist Leon! Hundert Pro!"
    "Selbst wenn: Wir sind nur da, um das festzustellen," sagte Alex und behielt den festen Griff bei.
    "Lass mich los! Das ist Leon!"

  • Herr Weis stand inzwischen neben seiner Frau und hatte seinen älteren Sohn auf den Arm genommen. Von dem Theater um es herum war das Baby aufgewacht und brüllte. Frau Weis versuchte, es zu beruhigen. "Er hat sicherlich Hunger," erklärte sie und sah hilfesuchend zu der Psychologin. Die legte ihr beruhigend die Hand auf die Schulter, doch bevor sie etwas sagen konnte, rief Anja: "Sie werden ihm jetzt nicht auch noch ihre Milch..."
    Jenny verdrehte die Augen, während Alex Anja anzischte: "Jetzt ist aber mal gut!"
    Die korpulente Psychologin sah Jennys Reaktion und musste kurz trotz der ernsten Situation schmunzeln. Sie würde gerade mit niemandem hier tauschen wollen! Dann bat sie Frau Weis: "Bevor Sie ihn stillen, was Sie zweifellos weiterhin dürfen, würden Sie uns bitte kurz helfen und seine Windel entfernen?"
    "Wenn es Leon Bährle ist, dann hat er am Hintern ein unübersehbares Muttermal," erläuterte Jenny.
    "Er hat kein Muttermal," sagte nun Herr Weis.
    "Das kann nicht sein! Er lügt," rief Anja. Alex seufzte.
    "Bitte," forderte die Psychologin Frau Weis auf, während sie eine Decke auf dem Tisch ausbreitete. Mit zitternden Händen legte Frau Weis das heftig protestierende Baby darauf. Sie hatte Tränen in den Augen, als sie ihm die Windel entfernte und dabei versuchte, ruhig zu dem Kind zu sprechen. Dann hob sie den kleinen Jungen hoch, streifte noch seinen Body nach oben. Alle Blicke bis auf ihren waren auf den nackten Hintern des Babys gerichtet. Das Kind selbst brüllte noch immer - jetzt nicht nur vor Hunger und wegen der verspürten Anspannung sondern auch, weil es so ungewohnt frisch an seinen Genitalen war. Der kühle Reiz war zu viel - und so pinkelte er in hohem Bogen los. Die Länge der Arme seiner Pflegemutter reichte gerade noch aus, um nicht getroffen zu werden.
    "Auf jeden Fall ein echter Kerl," stellte Jenny schmunzelnd fest.
    "Ja. Aber nicht Leon. Keine Spur von einem Muttermal, "sagte Alex nach eindringlicher Betrachtung des Babypopos. Die Psychologin nickte zustimmend. Nur Anja schüttelte wehement den Kopf: "Das kann nicht sein! Das muss Leon sein! So blonde Haare, diese blauen Augen....mein Bruder sah als Baby genauso aus!"
    "Frau Bährle, es tut mir wirklich Leid. Aber das ist nicht Ihr Neffe! Wir kennen seine wahre Identität zwar nicht, aber viel wichtiger ist doch, dass die Polizei jetzt schnell mit der Suche nach Ihrem Neffen weiter macht..." erklärte die Psychologin einfühlsam.
    Anja sah kurz noch eimal auf den kleinen Jungen, den seine Pflegemutter nun in die Decke gewickelt an sich nahm und mit ihm zum Sofa ging. Dann blickte sie mit leicht verächtlichem Blick zu Alex und Jenny und murmelte: "Ja, genau: Die Polizei..." Ohne weiter auf irgendwen zu achten, hob sie ihr Kinn und ging aus dem Raum. Kurz darauf hörten alle, wie die Tür ins Schloss fiel. Zwei Sekunden später sauste ein Schatten durch den Garten. Herr Weis erkannte sofort das Problem und eilte zur Haustür. Als er sie öffnete, fiel ihm Anja beinahe in die Arme. Vor ihr stand - knurrend und bellend- der Nachbarshund.
    "Aus! Jackie! Aus!" Herr Weis nahm den Hund am Halsband und zog ihn zur Seite. Anja blickte ihn erschrocken wie wütend an. Doch noch bevor sie etwas sagen konnte, kamen Alex und Jenny hinzu. "Frau Bährle, kommen Sie bitte mit zum Wagen. Ich bringe Sie zu den Gerkans zurück," sagte Jenny förmlich. Bei allem Verständnis für die schwierige Situation der Physiotherapeutin: Anjas impulsives und fast schon arrogantes Verhalten war ihr übel aufgestoßen. Was fand Alex bloß an der? Sie sah Anja an. Hübsch war sie ja. Aber war Alex wirklich so oberflächlich?
    Dieser hatte sich noch drinnen verabschiedet und sich bei den Frauen für die Unannehmlichkeiten entschuldigt. Dann gab er noch Herrn Weis, der immer noch Jackie beaufsichtigte, die Hand, bevor er ebenfalls zum Auto kam.

  • 2008
    Diese Nacht schlafe ich bei Helene in Ravensburg. Ab morgen dann über der Backstube der Bäckerei Bährle. Sie richten noch das Zimmer her, meinte Anja, die Tochter vom Bäckermeister. Wir dürften ähnlich im Alter sein. Sie hat auch noch einen älteren Bruder, aber der arbeitet in Österreich.
    Ich wünschte, ich könnte schlafen. Aber ich schrecke immer wieder hoch. Ich habe das Gefühl, André wäre da, würde mir gleich wieder ein Kissen aufs Gesicht drücken. Aber er ist weit weg. In letzter Zeit war er so unberechenbar. Er hat behauptet, die Nachbarn würden uns beobachten. Ich wollte ihm nur noch Böses, hätte einen Teufel in mir. Was ist nur los mit ihm? Es war, als wäre er ein ganz anderer Mensch. Waren das die Drogen?
    Ich wüsste gern, was mit ihm, was mit uns passiert ist. Ob ich es jemals erfahre? Ich erinnere mich, dass Andrés Mutter auch mal davon erzählt hat, sein Vater hätte sich wohl auch immer wieder seltsam verhalten. Gewalttätig war er wohl nicht, er hätte nur immer wieder Angst im Dunkeln gehabt, schreckliche Albträume. Es war, als hätte er den Unfall vorhergesehen: Auf dem Heimweg an einem Abend im Januar vom LKW am Fußgängerüberweg überfahren. André war da 12. Vielleicht kommt er einfach nicht damit klar? Am besten, ich erzähle niemandem davon. Was auch immer ihn dazu gebracht hat, so zu werden: Helene hat Recht, wenn sie sagt, dass er mich nicht so behandeln durfte. Dass kein Mensch einen anderen so behandeln darf. Dass, wo Angst ist, kein Platz mehr für Liebe ist.
    Helene meinte, einmal müsste ich ihn noch sehen - bei der Scheidung. Aber sie rät mir von jedem Kontakt zu ihm ab. Er dürfe nicht mehr an mich rankommen. Ich müsse aufpassen auch hier. Es sei keine Seltenheit, dass verlassene, gewalttätige Männer die Frauen verfolgen, auch töten. Mir kam da sofort die Sache mit dem Kopfkissen in den Sinn. Und ich habe bei der Polizei auch meine Angst geäußert, dass André bei meinen Eltern auftauchen wird.

  • Cengiz stand wie ein Fels in der Brandung vor der Disco in der Dunkelheit. Anders als Timur, für den das der Wochenend-Nebenjob war, verdiente er als Security-Mitarbeiter verschiedener Läden sein Geld. Die Motorradwerkstatt betrieb er nur nebenher, sie warf nicht genug ab. Natürlich hatte er sich das einmal anders vorgestellt - aber inzwischen hatte er sich damit arrangiert, dass seine Leidenschaft für Motorräder und das Fitnessstudio seinen Ruf des unerbittlichen, harten Rockers unterstrich, den keiner unbestraft verarschte.
    Gerade drückte er die Handinnenflächen gegeneinander, lies abwechselnd die rechte und die linke Oberarmmuskulatur sich anspannen. Mit Blick in die Ferne träumte er von der großen Motorradtour durch Zentralasien, die er und Timur für nächstes Jahr planten. Sie beide, von ihren Eltern nach großen Herrschern benannt, auf den Spuren jener Urahnen, die sich deutlich in ihren Gesichtszügen spiegelten... In diesem Moment huschte ein Schatten aus der Gegenwart an ihm vorbei und wurde von seinem Kollegen in die Disco gelassen. Sofort war Cengiz klar, dass sein Schicksal heute wohl noch andere Pläne für ihn hatte. Er zückte sein Smartphone und hatte auch sofort seinen besten Kumpel am Ohr:
    "Timur, der Typ von dem Foto ist gerade an mir vorbei. In die Disco."
    Timur, der es sich eben auf dem Sofa gefragt hatte, ob er vielleicht doch jetzt schon schlafen gehen sollte - etwas Sinnvolles hatte er heute eh nicht mehr vor und der Tag auf dem Bau war hart genug gewesen - sprang auf, warf sich in seine Bikerklamotten und fuhr los.
    Es dauerte nicht lange bis Timur mit dem Motorrad durch den abendlichen Kölner Verkehr bis Disco willkommen gekommen war. Geschwindigkeitsbegrenzungen gab es heute für ihn nicht mehr - er musste diesen Kerl schnappen. Vor der Disco rannte er auf Cengiz zu.
    "Wo ist er?"
    Cengiz klopfte ihm stumm auf die Schulter. Dann übergab die Tür an seinen Kollegen: "Mach weiter! Da drinn ist einer, der Stress macht...." und ging mit seinem Freund in das Innere der Diskothek.
    Timurs Augen brauchten einen Moment bis sie sich an die Dunkelheit gewöhnt hatten. Rasch bahnten sich die kräftigen Männer einen Weg durch die Stehenden und Tanzenden. Hinten, im dunkelsten Eck, entdeckten sie den Mann, den sie suchten: Er war gerade dabei, einen anderen Gast der Diskothek mit einem Briefchen zu versorgen und kassierte dafür einen 50 € Schein. Cengiz legte ihm die Hand auf die Schulter und Timur sagte mit unnachgiebiger Stimme und eindeutiger Geste "Mitkommen."
    Sie nahmen André zwischen sich, so dass der gar nicht erst versuchte, zu entkommen. Die beiden Typen waren definitiv stärker als er und das hier war der falsche Ort, um Stress zu machen. Das letzte Briefchen, dass er bei sich hatte, versuchte er, am Ausgang unauffällig zu Boden fallen zu lassen. Aber Timur durchschaute ihn und hielt seine Hand fest. "Darum wird sich nachher die Polizei kümmern."
    "Freu dich auf die Bullen," fauchte Cengiz und zog André mit sich hinter das Gebäude. Es war ein eher dunkles Eck, zwei alte Straßenlaternen erleuchteten den Bereich nur spärlich. Nur ein Haus weiter war der Schotterplatz, der von der Disco als Parkplatz genutzt wurde. Die zwei Biker hatten André vor sich an die Außenwand gedrängt. Der hatte zwar ordentlich Schiss, versuchte aber, möglichst cool zu wirken, als er fragte:
    "Was wollt ihr überhaupt von mir?"
    "Wir haben gesehen, wie du bei uns im Club Drogen verticket hast..."
    "Ach kommt...das Bisschen...die kleinen Fische schnappt ihr und die großen schwimmen da drinnen einfach weiter?"
    "Halts Maul! Wo ist das Baby," fragte Cengiz deutlich und baute sich vor André weiter auf. Der wurde noch nervöser:
    "Was laberscht du?"
    "Du hast doch zwei kleine Kinder entführt. Wolltest ihre Mutter töten..." Timurs Stimme war bedrohlich tief und leise.
    "Ich weiß nicht wovon du redest, Mann! Und jetzt lass mich vorbei!" André Wieler hob die Hände von vorn nach jeweils seitlich oben, um seiner Forderung Nachdruck zu verleihen. Dabei traf er Cengiz unbeabsichtigt am Kinn. Der verlor kein Wort, sondern schlug einfach mit der Faust zu. André taumelte. Dabei berührte er Timur. Der widerum packte richtig zu. Der Griff um den Hals war zwar nicht wirklich gefährlich. Aber dennoch äußerst unangenehm. "Na, wie ist das? Denk an die Mutter von Marie!"
    André Wieler versuchte, sich zu befreien. Aber je mehr er um sich schlug, desto fester wurde Griff des Türstehers. In dessen dunkelbraunen Augen funkelte die Entschlossenheit. Er würde nicht eher nachgeben, bevor er nicht den Verbleib von Maries Bruder geklärt hätte. Und im Gegensatz zur Polizei würde er dafür auch körperliche Gewalt anwenden.
    "Nochmal: Wo ist das Baby?"
    André Wieler grinste noch und schüttelte den Kopf. Das Grinsen ging Cengiz, in dessen Club André ja die Drogen verticken wollte, zu weit. Was erlaubte sich dieser kleine Dealer da eigentlich? Er schlug wieder zu - mit einer gestreckten Geraden mitten auf die Schläfe. Dort platzte die Haut unter dem Druck sofort auf. Das Blut lief André in die Augen. Wenn es eins gab, das er nicht ertragen konnte, dann war es der Anblick von Blut. Ihm wurde sofort schwarz vor Augen, er sackte leicht nach unten. Das verstärkte den Druck auf seinen Hals noch. So schwanden ihm auch noch die restlichen Sinne. Sein Körper glitt nach unten.

  • Timur ließ los. Sein Ziel war schließlich kein Toter oder Schwerverletzter, sondern in erster Linie die Information, wo sich der Bruder von Marie befand. Wenn er dies nicht gebraucht hätte, wäre ihm alles egal gewesen. Wirklich alles. Aber keinesfalls wollte er Schuld daran tragen, dass da vielleicht irgendwo ein hilfloses Baby litt oder gar starb! Wenn es nicht schon längst zu spät war... Deshalb hockte er sich zu seinem Gegner ab. Er verpasste ihm eine kräftige Ohrfeige.
    " Aufwachen! Wir waren noch nicht fertig!"
    In diesem Moment schrie sein Freund Cengiz: "Timur!"
    Reflexartig wich er zurück, schnellte auf die Beine nach oben. André stieß sich gleichzeitig an der Hauswand ab und versuchte, Timur das Messer, das er beim Absinken in seinem Hosenbein ertastet hatte, tief in den Bauch zu rammen.
    Als Türsteher war Timur die Gefährlichkeit von Messern durchaus klar. Schnell reagierte er mit einer spontanen Abwehrbewegung, ließ von André ab und wich zurück. Dieser grinste hämisch.
    "Na? Wie sieht's jetzt aus?" fragte er. Einen Augenblick hielt er inne, die beiden Motorradfahrer fest im Blick. Das Messer direkt auf sie gerichtet, bereit wieder zuzustechen, wenn ihm einer der beiden zu nahe kommen sollte. Dann rannte er durch die Dunkelheit zu seinem Auto. Timur und Cengiz sahen sich nur kurz an und rannten dann ebenfalls gemeinsam zu ihren Motorrädern. Es gab keinen Plan. Aber jetzt aufzugeben, ihn laufen zu lassen - das kam nicht in Frage.
    André Wieler besah sich mit einem kurzen Blick das Messer, das er gerade neben sich auf den Beifahrersitz geworfen hatte. Es war blutig. Von wem, von welcher Bewegung -egal: Das bedeutete, dass ihm mindestens einer der beiden nicht lange würde folgen können. Zufrieden gab er weiter Gas. Er fuhr Richtung Autobahn, sein Tank war voll. Jetzt müsste er nur noch diese beiden Kletten los werden - aber irgendwie würde ihm auch das gelingen. Er war so kurz vor dem Ziel. Sein neues Leben wartete auf ihn - ein Leben außerhalb der Hölle, in die ihn seine Exfrau so rücksichtslos gestürzt und darin zurückgelassen hatte. Auch wenn er inzwischen eine neue Liebe gefunden hatte - die Rache an Laura war wesentlicher Teil, ja Bedingung seines Plans, um den Teufel in sich ein für alle Mal zu befriedigen.

  • Er fuhr auf die Autobahn auf. Schnell, aber nicht waghalsig. Er überholte viele Autofahrer, aber die Biker wurde er nicht los. Sie hingen fest an ihm, was auch immer er versuchte. Immerhin war der Abstand zu ihnen inzwischen etwas größer, so hatte André den Eindruck. Sie waren schon ein ganz schönes Stück nördlich von Köln, als die Lichthupe, die André dem Fahrer auf der linken Spur vor ihm gab, nicht die erwünschte Wirkung hatte: Nach kurzer Beschleunigung bremste der recht neue Audi aprupt auf knapp 100 km/h ab. André konnte nicht so schnell reagieren und so fuhr er mit voller Wucht auf den Wagen vor ihm auf. Cengiz und Timur hatten ausreichend Abstand aufkommen lassen und konnten jetzt auf die Standspur wechseln. Kaum stand sein Bike, zückte Timur sein Handy und wählte den Notruf. Cengiz lief so lange durch den zum Stehen gekommenen Verkehr zu den beiden Unfallfahrzeugen. Er sah im wenigen Licht der Scheinwerfer, dass André regungslos im Gurt hing. Der würde wohl nicht so schnell weglaufen. Der Fahrer des Autos, auf das André aufgefahren war, öffnete gerade seine Tür. "Ich helfe gleich, Moment," rief Cengiz ihm zu, während er im Kofferraum von Andrés Auto das Warndreieck suchte. In seinem Augenwinkel sah er hellblaues Licht. Klar, da standen schon die ersten Gaffer!
    "Hey," rief Cengiz und drehte sich zu den beiden jungen Typen "mithelfen! Absichern oder verschwinden!" Und als sie nicht sofort reagierten, machte er mit Andrés verpacktem Warndreieck drohend ein paar Schritte auf sie zu. In dem Moment kam auch Timur hinzu und drückte ihm den Verbandskasten in die Hand:
    "Polizei ist unterwegs."
    Widerwillig packten die beiden Kerle ihre Smartphones weg und bewegten sich zu ihren Autos. Der Verkehr war inzwischen völlig zum Erliegen gekommen, sie kamen da also nicht raus. Cengiz rief nochmals: "Los! Absichern!" Und tatsächlich kramten beide in ihren Fahrzeugen die Warndreiecke hervor.
    Währenddessen stellte Timur das Eck aus Andrés Wagen in 300m Entfernung auf. Dann spurtete er zu seinem Bike zurück. Er hatte mit Cengiz vereinbart, dass er etwas voraus fahren würde: Zwei Mal innerhalb so kurzer Zeit etwas mit der Polizei zu tun haben, das brachte nur dumme Fragen. Bevor er Cengiz den Verbandskasten übergeben hatte, hatte er sich vorhin noch Material für die Schnittwunde herausgenommen, die ihm André an der linken Hand zugefügt hatte. Das würde er sich später wohl noch genauer ansehen müssen. Aber jetzt im Dunkeln machte das wenig Sinn. Also wartete er auf seinen Freund. Auf seinem Motorrad sitzend, dachte er nach, was er nun noch für Marie und ihren Bruder tun könnte.

  • Alex und Jenny hatten eigentlich geplant, dass Alex Anja zu den Gerkans begleiten und Jenny den Wagen zur PASt bringen würde. Aber Susanne brauchte schnell jemanden, der sich um den Unfall, der ihr von mehreren anderen Verkahrsteilnehmern gemeldet worden war, kümmerte. Und so disponierten sie schnell um, fuhren einfach weiter auf der Autobahn Richtung Norden.
    Die vielen Warnblinklichter waren nicht zu übersehen, ebenso wenig die 3 Warndreiecke, die sie nacheinander näher an den Ort des Geschehens brachten. Auf der Rückbank bekam Anja einen langen Hals. Einen so großen Unfall, der die komplette Autobahn blockierte, hatte sie noch nie gesehen.
    Jenny ließ Blaulicht- und Warnblinkanlagen angeschaltet, als sie den Wagen so nah wie möglich am Unfallort auf dem Standstreifen abstellte. Sie zog sich eine Warnweste über, Alex tat es ihr gleich. Dieser machte einen Schritt zurück und öffnete Anja die Tür. Er reichte ihr ebenfalls eine Warnweste und sagte: "Zieh die über und kletter hinter die Leitplanke. Man weiß nie, wann sich ein Idiot hier durchquetschen will..."
    Durch Anja, die zuvor angestrengt auf das Unfallfahrzeug gestarrt hatte, ging ein Ruck. Sie stieg aus und umarmte Alex plötzlich innig. "Danke. Und Entschuldigung für mein Verhalten vorhin. Für mich musste es einfach Leon sein! Tut mir echt leid!"
    "Ich geh schon mal voraus," beschloss Jenny laut, während Alex sich vorsichtig von Anja löste. "Ja. Geh' bitte hinter die Leitplanke, okay?"
    Anja nickte unterwürfig - sie hatte Alex ja wirklich nicht mit ihrem Verhalten verletzen wollen. Sie hatte das Unfallfahrzeug durchaus erkannt und hatte blitzschnell einen Plan entwickelt. Aber jetzt kletterte sie erstmal hinter die Leitplanke. Dabei hielt sie mit der Hand etwas unter ihrer Kleidung fest, das ihr auf keinen Fall entgleiten durfte.
    "Dorn, Kripo Autobahn. Wie ist das denn passiert?"
    "Ich weiß auch nicht," sagte der Audifahrer, der in einem hochwertigen dunklen Anzug vor ihr stand "Der Typ war sowieso ziemlich dicht an mir dran, hatte es wohl eilig. Und auf einmal bremst mein Wagen auf 120km/h runter..."
    "So, so Ihr Auto..." begann Jenny und warf parallel dazu einen Blick auf den Wagen. "Entschuldigung, sind Sie nicht von Ihrer Werkstatt über die Rückrufaktion informiert worden?"
    "Rückrufaktion? Wieso? Ich komme gerade von einem 2-wöchigen beruflichen Aufenthalt in China zurück, der Wagen stand so lange bei unserer Firma in Köln...Ich wollte einfach nur nach Hause...Ist er tot," fragte er sichtlich schockiert mit Blick auf André. Cengiz hatte den inzwischen befreit und irgendwie seitlich auf die Straße gelegt hatte, so wie er das mit den Besoffenen oder Zugedröhnten in seinem Club auch zu tun pflegte.
    Jenny zuckte mit den Achseln. "Warten Sie kurz. Ich sehe nach".
    Sie trat zu Cengiz, der ihr irgendwie bekannt vorkam. "Kennen wir uns nicht," fragte Jenny ihn.
    Der setzte sein charmantestes Lächeln auf, woraufhin sich sein schmaler dunkler Oberlippenbart anhob. Seine dunklen, mandelförmigen Augen blitzten unter seinem rotschwarzen Stirnband, das die schwarz-graue Mähne zurückhielt, als er sagte: "Ja, genau! Sie haben neulich den Schläger in meinem Club festgenommen. Sie waren super!"
    Jenny lächelte verlegen zurück: "Ich glaube nicht..." und beugte sich zu André hinunter, um dessen Zustand zu überprüfen. In der Dunkelheit erkannte sie trotz der Scheinwerfer in dem verschrammten Gesicht nicht den Gesuchten. "Der lebt noch," beruhigte Cengiz sie. Das hatte Jenny ebenfalls festgestellt und richtete sich auf. "Ich hoffe, der Rettungsdienst kommt gleich. Bis dahin: Ich bräuchte Ihre Aussage. Mein Kollege kümmert sich um den Herrn da vorn." Sie winkte Alex zu:"Alles okay hier!" Alex nickte und rief "Verstanden!"
    Sie hatten gerade mit der Unfallaufnahme begonnen, da rief Alex laut: "Jenny! Wo bleiben die RTWs?" Jenny drehte sich zu ihrem Kollegen um - allem Anschein nach war der Unfallbeteiligte zusammen gebrochen.
    "Keine Ahnung! Müssten längst hier sein," schrie Jenny zurück. Sie griff ihr Funkgerät, um nochmals bei der Leitstelle anzufragen. In weiter Ferne konnte man Martinshörner erahnen. Aber ein anderes Geräusch forderte mehr Aufmerksamkeit.
    "Scheiße," schrien Alex und Cengiz fast gleichzeitig. Sie sahen einen großen Lastwagen ungebremst auf das Stauende zu fahren. Auch Jenny, die der Szene den Rücken zugewandt hatte, drehte sich noch kurz um. Doch da berührte Cengiz schon ihre Schulter und drängte sie nach vorn. Sie rannten, soweit sie noch konnten. Als hinter ihnen der Aufprall zu hören war, warfen sie sich auf den Boden und schützten ihre Köpfe. Splitter und Staub wirbelten durch die Luft.
    Sie richteten sich gerade wieder auf, da hörten sie auf dem Seitenstreifen einen Schuss.
    Anja hatte tatsächlich noch hinter der Leitplanke gestanden. Unschlüssig hatte sie die Waffe, die sie Alex emtwendet hatte, von einer Hand in die andere gelegt. Sie hatte noch nie geschossen, wusste gerade mal, dass wie sie die Waffe entsichern konnte. Aber auf einen Menschen schießen? Bei aller Wut... Je länger sie wartete, desto unwahrscheinlicher wäre es, dass sie ihren spontan gefassten Plan in die Tat umsetzen würde. Das war ihr klar. Noch bevor sie sich doch in Bewegung setzen konnte, hörte sie die Rufe von der Autobahn. Sie sah den nahenden LKW. Sofort duckte sie sich instinktiv. Kurz darauf sah sie schemenhaft eine humpelnde Gestalt durch die Staubwolke in ihre Richtung laufen. Sie richtete sich auf. Sofort war ihr klar: Das war André. Er wollte das Chaos nutzen und flüchten.

  • "Bleib stehen," fauchte Anja tonlos hinter ihrer Leitplanke hervor. Aber André beschleunigte nur seinen Schritt. Er war ihr jetzt ganz nah. Sie sah sein Grinsen, war sich unsicher, was es zu bedeuten hatte. Galt das seinem Triumph? Schließlich war es ihm gelungen, sich erst bewusstlos zu stellen und dann auch noch zu fliehen. Oder nahm er sie wirklich wahr, lachte sie aus?

    "Stopp," schrie Anja und entsicherte die Waffe. Wie das ging, hatte sie in so vielen Filmen gesehen. Doch er machte keine Anstalten, stehen zu bleiben. Anja betätigte den Abzug. Der Schuss löste sich. Anja war vom Rückschlag so beeindruckt, dass sie ihren Blick von André abwandte. Dessen Körper fiel gerade ohne jede Spannung auf den Asphalt.

    Noch bevor der Schuss verhallt war, hatte Alex instinktiv nach seiner Waffe getastet. Mit Entsetzen wurde ihm klar, dass wohl nur Anja als Verursacherin in Frage kam. "Er ist weg,"schrie Jenny in diesem Moment - sie und Cengiz hatten nahezu zeitgleich entdeckt, dass niemand mehr neben dem hinteren Auto lag.

    "Jenny! Bleib du hier," rief Alex hastig. So schnell er konnte lief er zwischen den Autos hindurch in die Richtung, aus der Knall gekommen war. In seinem Kopf war ein grandioses Chaos. Warum hatte Anja ihm die Waffe genommen? Oder hatte er sie schlicht im Wagen liegen gelassen? Das war ihm bisher nur ein Mal passiert, ganz am Anfang damals. Anfängerfehler. Seither achtete er besser auf seine Waffe. Eigentlich. Nur, falls sie doch im Wagen läge, wenn es nicht Anja gewesen war: Aber wer hatte dann geschossen? Und wo war der Typ, der aufgefahren war? Hatte er geschossen? Auf wen oder was? War Anja in Gefahr oder steckte sie da mit drin?

    Erleichtert erkannte er jetzt Anja in ihrer Warnweste bei der Leitplanke. Vor ihrem Wagen lag André in verkrümmter Position. "Alex...," begann Anja und hielt ihm die Waffe entgegen. Geistesgegenwärtig griff der in seine Tasche und holte einen Asservatenbeutel heraus. Er hielt ihn offen vor Anja hin. Gleichzeitig schrie er nach Jenny. Mit flehendem Blick in den Augen ließ Anja die Waffe in den Beutel fallen. "Bitte Alex es tut mir leid!"

    Mit ausdruckslosem Gesicht forderte Alex sie auf: "Nimm die Hände nach hinten. Ich nehme dich fest, wegen des dringenden Tatverdachts des versuchten Totschlags."

    "Alex, er wollte Laura töten! Er wollte weglaufen! Er hat Leon und Marie entführt..."

    Während die Handschellen einrasteten, öffnete Alex die Fahrzeugtür. Er ließ Anja einsteigen. Warf die Tür zu und schloss den Wagen. Sein Herz war wie versteinert. Gleichzeitig drehte er sich um und kniete sich zu dem am Boden liegenden Mann. Er leuchtete ihm mit seiner Lampe ins Gesicht. Dabei stellte er fest, wen er da vor sich hatte. Er fasste dem Mann, den er seit Ravensburg gesucht hatte, an den Hals

  • woaw toll dass du die Geschichte weiter schreibst.

    Bin ein grosser Alex fan und sehr dankbar für jede Geschichte mit ihm

  • Beim Blick auf den Oberkörper des Mannes, auf dem sich ein dunkelroter Fleck ausbreitete, war Alex klar, warum er keinen Pulsschlag mehr fühlte. Obwohl er keine Hoffnung hatte, zog er die Einmalhandschuhe aus seiner Jackentasche über seine Hände und begann mit der Herzdruckmassage. In diesem Augenblick hörte er endlich aus der Ferne Signale der Rettungswagen, die Susanne schon vor ihrem Eintreffen alarmiert hatte.

    Gerade kam Cengiz, den Jenny vorausgeschickt hatte, weil sie noch bei dem Audifahrer bleiben wollte, hinzu. "Scheiße," murmelte der. Er war ja ohnehin eher von der ruhigen Sorte und dachte sich lieber seinen Teil. So blieb Alex der weitere Hintergrund dieser Aussage verborgen. Er interpretierte es als das unbeholfene Bedauern eines nur zufällig Involvierten, den er jetzt bat: "Ich muss die Zentrale informieren. Können Sie bitte kurz übernehmen?" Er reichte dem überraschten Rocker sein letztes Paar Hygienehandschuhe. Der ergriff diese und machte sich an die Arbeit - in seinem Club hatte er schon ein paar Mal auf diese Weise Leben retten müssen - aber immer aufgrund irgendeiner Überdosis oder irgendwelcher anderen internistischen Probleme. So blutig wie hier war es nie gewesen. Aber das störte ihn nicht wirklich. Für ihn war das einfach ein Muskeltraining der anderen Art. Wenn er sich hier anstrengte, dann eigentlich nur, weil er hoffte, dass es so möglich wäre, herauszufinden, wo das Baby war.

  • Semir lag indessen in seinem Bett. Lange hatte er noch über das Geschehene nachgedacht, überlegt, wie man den kleinen Leon finden könnte. Aber so richtig hatte ihm nichts einfallen wollen. Schließlich hatte er seine Gedanken ziehen lassen - sich an schwierigen Dingen gedanklich festzubeißen, das brachte doch nichts. Insgeheim war er aber froh um die Abwechslung gewesen und irgendwas sagte ihm, dass Alex da auch ohne ihn voran kommen konnte. Auch wenn er vor gut zwei Tagen an seinem eigenen Zustand noch völlig verzweifelt gewesen war: Neben ihm lag jetzt jemand, der ihn mehr als andere Menschen hier und jetzt brauchte. Wie sehr, das konnte er anhand Maries festen Griffs um seinen Unterarm nur ahnen. Das kleine blonde Mädchen hatte sich eng an ihn gekuschelt und schreckte immer wieder mit lauten "Mama!"-Rufen hoch.

    Semir streichelte ihr dann sanft über die Locken und sagte leise:"Du hast nur geträumt. Schlaf ruhig weiter, ich bin da. Ich passe auf." Zu gern hätte er gesagt: "Alles gut. Du wirst bald wieder bei deiner Mama sein," aber das wollte er ihr nicht versprechen. Und so nickte auch er ein - bis zu Maries nächstem Schrei.


    Während der Rocker fleißig drückte, informierte Alex Susanne über den Sachstand. Die war entsetzt - das war so gar nicht die Entwicklung, die sich alle gewünscht hätten. In Alex selbst war es seltsam leer. Er tat jetzt einfach, was zu tun war. Ganz automatisch, ohne Gefühle. Er gab dem herannahenden RTW mit seiner Taschenlampe ein Signal. Gerade als er sich wieder Cengiz zuwenden und ihn ablösen wollte, kamen zwei Rettungskräfte auf ihn zu. Alex wies sie kurz ein. Einer der beiden übernahm Cengiz' Aufgabe. Erleichtert stand Cengiz auf - so langsam hatte auch er die ungewohnte Arbeit gespürt. "Hier. Ich hab da noch was," sagte er und reichte Alex das Handy, das er neben André gefunden hatte. Dieser bedankte sich und nahm das Gerät an sich. Er sah sich um. Die Scheinwerfer der stehen gebliebenen Fahrzeuge erhellten die Dunkelheit punktuell. Auch ihr Auto warf Licht auf die Reanimation, die schräg vor ihm stattfand. Dazu blitzte das Blaulicht..


    Es war eine gespenstische Atmosphäre. Alex fühlte sich wie ausgebrannt. Er war nahe dran, die Hoffnung aufzugeben, Leon Bährle noch lebend zu finden. Jetzt wünschte er sich eigentlich nur noch nach Hause auf sein Sofa. Jenny kam zu ihm. "War das vorher ein Schuss," fragte sie. Alex wies auf am Boden liegenden André und ebenso wortlos auf Anja, die in ihrem Wagen saß. Jenny neigte den Kopf und sah Alex an, als wolle sie sagen " ist jetzt nicht dein Ernst?"

    "Was ist mit dem Audi-Fahrer," wollte Alex wissen. "Aussage ist hier, die Sanis bringen ihn ins Krankenhaus - wenn's danach geht: Einfach ein Auffahrunfall ganz normal. Netter kleiner Bericht - aber spannender ist doch das hier," fand sie und zeigte ihrerseits auf ihren Wagen und die darin sitzende Anja. Gerade wollte Jenny die Hintertür aufreißen und Anja befragen, aber Alex hielt sie zurück."Jenny lass uns das auf der PASt klären," bat er sie.

  • Er wollte gerade in den Wagen steigen, da hörte er einen fremden Klingelton dicht an sich.

    Schnell begriff er, dass das von dem Handy in seiner Jackentasche kam.

    Er legte den Finger auf die Lippen, um Jenny zu zeigen, dass sie still sein sollte. Dann drehte er sich weg und nahm das Gespräch an.

    "Hallo?"

    Auf der anderen Seite war ein schrilles Babyschreien zu hören. Und die aufgeregte Stimme einer Frau:

    "André, wo steckst du? Beweg sofort deinen Ars*ch hierher, hörst du?"

    Alex war kurz verblüfft.

    "André? Sofort! Ich kann nicht mehr!"

    Alex räusperte sich: "Ähm, André kann gerade nicht."

    "Wer ist da? Ich lass mich doch nicht verarschen! Wenn André nicht sofort herkommt, dann...hat das alles hier ein Ende!"

    Alex erschrak - diese Drohung verhieß nichts Gutes. "Hören Sie, André kann gerade wirklich nicht. Er hat mich gebeten, mit Ihnen zu sprechen, hat mir sein Telefon gegeben."

    "Wer ist da, verdammt! Ich muss André sprechen! Er hat mir das alles hier eingebrockt, er ist so ein Ar*sch... Er soll sofort herkommen! Sofort, ist das klar? Sonst... " sie holte tief Luft: "Gehe ich zur Polizei und erzähle denen alles!" Sie schluchzte. "Es ist doch eh schon egal...."

    Alex reagierte schnell: "es ist nicht egal. Es geht um das Baby, das da im Hintergrund schreit, richtig?"

    Die Stimme hielt kurz inne: "Ja... wer ist da? Wo verdammt noch mal ist André?"

    "Hier spricht Hauptkommissar Alexander Brandt. Bitte legen Sie nicht auf. Ich möchte jetzt zu Ihnen kommen und mich um Sie und das Baby kümmern. Alles wird gut," versprach er, obwohl er sich recht sicher war, dieses Versprechen nicht halten zu können.

  • Alex zitterte, als er auflegte.

    Einerseits war er erschöpft, andererseits musste er jetzt sofort los! Weg von hier, zurück nach Köln. Er wusste, wo das Baby war, das sie suchten, da war er sich sicher!

    Und er hatte der Frau am anderen Ende der Leitung versprechen müssen, selbst zu kommen. Da konnte er unmöglich jemand anderen schicken.

    Gleichzeitig sah er: Hier kam er so schnell nicht weg - der Weg für alle Autos war versperrt, so lange hier reanimiert wurde und das Chaos der Unfälle nicht beseitigt war.

    Mit noch immer zitternden Fingern rief er Susanne an - sie sollte Verstärkung zu Jenny schicken. Er wüsste schon, wie er nach Köln käme.



    2008

    Die ersten drei Wochen in Ravensburg sind um.Ich hab an meiner neuen Stelle gearbeitet und war bei der Polizei. Helene hat mir sehr geholfen.André war zwar tatsächlich bei meinen Eltern. Aber sie waren gerade mit Mama in der Klinik zur Chemo. Frau Semmering hat André gesehen, wie er nach hinten in den Garten ist. Sie dachte, er wollte einbrechen und hat die Polizei gerufen. Die haben ihn wohl erwischt und seither war er nicht mehr da, sagt Papa. Er hat auf eine Standpauke verzichtet, ganz untypisch für ihn.Ich dachte, da käme jetzt irgendwas wie "hab ich dir doch immer schon gesagt...." stattdessen " pass auf dich auf!"

    Mach ich.Nachts schrecke ich oft hoch. Dabei bin ich jetzt endlich wieder allein. Ein eigenes Zimmer, Dusche und Toilette - ich bin so froh! Anja ist auch total nett.

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