Auf dünnem Eis

  • Diese Geschichte ist der dritte Teil der "Mordkommission Helsinki"-Serie. Die anderen Teile kannst du hier nachlesen:



    1.Fall: Der Finne - Das ewige Lied des Nordens
    2.Fall: Eiskalte Rache … entkommen wirst du nie!
    3.Fall: -
    4.Fall: Pirun palvelijan - Diener des Teufels
    5.Fall: Blackout
    6.Fall: Kalter Schnee, heißes Blut
    7.Fall: Vertrauen
    8. Fall: Grüße aus St. Petersburg
    9. Fall: Kalter Abschied

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    Der starke Regen durchnässte sie innerhalb von Sekunden. Das miserable Wetter machte es gleichzeitig unwahrscheinlich, dass sie noch irgendwelche Spuren finden würden. Seine Schuhe sanken einige Millimeter in den dicken Schlamm und schmatzen bei jedem Schritt, als sie sich von der Schlammschicht lösten. Seine Kleidung war bereits durchnässt und er fuhr sich mit der Hand durch das Gesicht, um das Gesicht vom Wasser zu befreien. Dennoch konnte er dem Regen heute auch etwas Gutes abgewinnen. So sah man zumindest nicht seine Tränen. So sah man nicht, welchen Unmut die Szene vor ihnen in ihm auslöste. Er atmete tief durch und trat unter den weißen Pavillon, der am Rand der Autobahn aufgespannt war. Seine braunen Augen glitten über den gläsernen Sarg vor ihm. Angst kroch ihn ihm hoch und er fühlte sich unmittelbar in der Zeit zurückversetzt. Beklemmung, das Gefühl keine Luft mehr zu bekommen. Lebendig begraben zu sein und nicht zu wissen, ob du gefunden wirst. Die Panik, wenn der Sauerstoff immer weniger wird und du spürst, wie dein Körper sich der Müdigkeit hingeben will. Er schloss für einen Augenblick die Augen, um die Bilder vor seinem inneren Auge zu vertreiben. Er spürte, wie jemand die Hand auf seine Schulter legte. Semir musste seine Angst gespürt haben und gab ihm zu verstehen, dass er für ihn da war.


    „Ist sie da drin … erstickt?“, presste Ben leise heraus, während er die Augen wieder öffnete und sich zwang die Leiche zu betrachten. Sie war in einem weißen Kleid in den Sarg gebettet worden. Ihre langen schwarzen Haare waren liebevoll über ihre Schultern drapiert. Die Arme hatte sie vor dem Bauch verschränkt. Man brauchte kein Märchenkenner zu sein, um zu wissen, welche Szene hier nachgespielt wurde. Das wunderschöne Schneewittchen. Allerdings mit dem Unterschied, dass dieses Schneewittchen nicht mehr aufwachen würde. Sie war tot und das ließ sich auch durch den Kuss eines Prinzen nicht mehr ändern. Dies war die Realität und kein Märchen.


    Die Gerichtsmedizinerin erhob sich. „Es gibt keinerlei Anzeichen für einen Erstickungstod“, berichtete sie. Gottseidank, du Glückliche, dachte er. Der junge Kommissar versuchte den weiteren Ausführungen der Frau zu lauschen, schafft es aber nicht. Auch wenn sie nicht in dem Sarg verendet war, so ließ ihn die Grausamkeit, die ihn selbst vor wenigen Jahren ereilt hatte nicht los. Er machte ohne ein weiteres Wort kehrt und verließ das schützende Dach des Pavillons und begab sich in den Regen. Mit schweren Schritten entfernte er sich von dem Tatort … nein, Fundort. Das war unmöglich der Tatort, korrigierte er sich selbst und ließ sich einige Meter weiter entfernt in das nasse Gras sinken.
    Sein Körper begann leicht zu zittern und auch wenn es für Außenstehende so aussah, als würde er nur von der Kälte frieren, so wusste Ben doch, dass der Grund dafür Angst war. Angst, die in unfähig machte auch nur den kleinsten Gedanken zu fassen, der nicht mit Wolf Mahler zu tun hatte. Ich kann nicht atmen. Er wurde von einer Flutwelle von Ängsten und Panik erfasst. Es war, als wäre er wieder in einem Sarg. Seine Atmung wurde hektischer, wie von einem Fisch der an Land gespült worden war. Ich kann nicht atmen. Warum schaffte er es nicht Luft in seine Lunge zu befördern? Er spürte, wie sein Puls raste. Das zittern seines Körpers wurde stärker. Luft, verflucht, er brauchte Sauerstoff! Seine Gedanken wurden langsamer. Er erstickte. Er wollte noch nicht sterben, er wollte noch leben. Er nahm erneut einen tiefen Atemzug, doch nichts kam an. Seine Lunge war leer. Ben spürte, wie ihm der Boden unter den Füßen weggerissen wurde. Ihm wurde schwindelig. „Ben!“, ertönte eine Stimme, die sich anhörte, als käme sie aus einer anderen Welt. „Ben, hörst du mich? Ben, sieh mich an!“


    Semir legte behutsam die Hand unter Bens Kinn, zwang ihn den Kopf zu heben und ihn anzusehen. Bens Wangen waren feucht und Semir wusste, dass der Regen hierfür nicht der alleinige Verantwortliche war. Sein Partner war ein Meister darin, wenn es darum ging schockierende Ereignisse zu verdrängen. Der Tod von Saskia. Nur wenige Wochen nach diesen Ereignissen, war sein Partner wieder der Alte gewesen. So auch nach der Sache mit Mahler. Aber tief in seinem Inneren, wusste Semir, dass irgendwann der Tag kommen würde, an dem sein Partner - nein sein Freund, sein Familienmitglied - unter diesem Druck zusammenbrechen würde. Und heute war dieser Tag gekommen.
    Er hatte es schon gemerkt, als sie sich auf die Fundstelle des Opfers zubewegt hatten. Sobald der Sarg in ihr Blickfeld geriet, war Ben urplötzlich still und blass geworden. Und dennoch hatte der junge Hauptkommissar versucht seine Schutzhülle aufrecht zu erhalten. Er hatte versucht, es wie eine normale Arbeitssituation aussehen zu lassen, doch dann war sein Panzer zerbrochen. Ben war in den Regen gestürzt und hatte seine Rufe nach ihm überhaupt nicht mehr vernommen. Nun saß er vor ihm und schnappte hektisch nach Luft, drohte zu hyperventilieren. „Ben, hör mir zu“, sagte Semir mir ruhiger Stimme, „du musst ruhig atmen!“ Neue Tränen verließen die Augen des jungen Mannes. „Ich…ich kann … nicht atmen“, presste er ohne Stimme hervor, „ich bekomme keine Luft…“ Semir legte seine Hände auf Bens Schultern. „Sie mir in die Augen und dann, dann atmest du einfach ganz ruhig … ein und aus … ein und wieder aus. Mach einfach das, was ich dir sage, okay?“ Ein stummes Nicken entfuhr dem Jüngeren und er folgte den Anweisungen die Semir ihm gab. „Ein…und…Aus…Ein und wieder Aus…Ganz ruhig und gleichmäßig atmen.“ Er sah, wie sich Bens Brustkorb wieder langsamer und rhythmischer hob. „Gut machst du das, Ben, tief einatmen.“


    Ben spürte, wie sein Körper langsam wieder ruhiger wurde. Die wirren Gedanken und grausamen Bilder verließen nach und nach seinen Kopf. Er konnte endlich wieder atmen. Der Schwindel ließ nach und das Gesicht von Semir wurde immer deutlicher. Der Deutschtürke betrachte ihn mit Sorge. „Geht es wieder?“, fragte er ihn und er nickte langsam. „Es tut mir leid, Semir, ich … ich weiß selbst nicht, wie das passieren konnte…“, stammelte er. Semir lächelte und drückte seine Schulter. „Ben, du musst dich für nichts schämen. Du bist kein Roboter … das hier, deine Reaktion, ist menschlich.“


    Ben drückte sich mit den Händen vom Boden hoch und wischte Tränen und Regen aus seinem Gesicht. „Wir sollten etwas über die Tote herausfinden“, sagte er nur und setzte sich langsam, wie in Trance, in Bewegung in Richtung seines Autos. „Ben!“ Semir hechtete hinter ihm her. „Ben! Du solltest für heute nach Hause fahren, ich kann das hier übernehmen“, gab er ihm zu verstehen. „Warum?“, entfuhr es dem Braunhaarigen nun wütend, „denkst du ich schaffe das nicht? Ich hatte einen schwachen Moment, okay! Er ist jetzt vorbei, ich bin wieder vollkommen klar im Kopf.“ Semir zog skeptisch seine rechte Augenbraue hoch. „Nein Ben, bist du nicht. Du rennst vor deiner Angst davon!“ Ohne auf ihn zu achten, ging Ben weiter auf das Auto zu und setzte sich auf den Beifahrersitz. Semir stöhnte laut auf. Wie konnte jemand nur so stur sein!

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  • Semir warf von seinem Schreibtisch aus immer wieder einen Blick herüber zu Ben. Seit dem Leichenfund und seinem Beinahezusammenbruch war sein junger Partner seltsam still und redete nur, wenn man ihn direkt ansprach. „Ben“, begann Semir nach einer Weile, „du solltest wirklich nach Hause gehen. Gönn dir ein bisschen...“
    „Mir geht es gut Semir!“, fuhr ihm der Braunhaarige dazwischen.
    „Es geht dir nicht gut, dass kann ein Blinder sehen“, versuchte es Semir abermals, doch ohne Erfolg. Ben blieb der Auffassung, dass er vollkommen in Ordnung war und keinerlei Hilfe benötigte. Der Deutschtürke wandte sich still wieder seinen Akten zu. „Wie du meinst, wie du meinst“, murmelte er leise, aber dennoch laut genug, um seinem Gegenüber seine Meinung über diese Sache mitzuteilen. Es konnte nicht gesund sein sich so zu verkriechen und etwas in seinem solchen Maße zu verdrängen. Er musste die harte Schale von Ben bald knacken, sonst würde es ihm am Ende sicherlich noch viel schlechter gehen. „Du weißt, dass Andrea und ich immer für dich da sind, egal was geschieht?“, hakte er nach einigen Minuten erneut nach. Ben sah ihn kurz an, ohne auf seine Frage eine Antwort zu geben. Dann stand er auf und verließ mit eiligen Schritten den Raum. „Ben?!“, rief Semir ihm hinterher, doch sein Partner antwortete nicht und lief weiter. Wenig später schloss sich die Tür zu ihrem Büro mit einem seichten Klicken.


    Semir entglitt ein leises Stöhnen: Sollte er seinem Kollegen folgen oder würde er damit Ben nur noch mehr in die Enge treiben? Er schüttelte den Kopf. Vielleicht war Ben ja im Stande mit ihm seine Gefühlte zu teilen, wenn er etwas an der frischen Luft war und sich sein erhitztes Gemüt beruhigt hatte. Schweren Herzens wandte er sich wieder den Akten zu und ging die Informationen durch, die ihnen die KTU bereits über den Fundort der Leiche liefern konnte. Dieser Mord konnte schließlich nicht vernachlässigt werden. Die Familie der jungen Frau hatte ein Recht darauf zu erfahren, was passiert war.


    Vor der Dienstelle zog Ben die Herbstluft mit einem kräftigen Atemzug in seine Lungen. Er lehnte auf die Motorhaube seines Dienstwagens und schloss für einen Augenblick die Augen. Was war nur plötzlich mit ihm los? Warum konnte er seit dem Leichenfund am morgen keinen klaren Gedanken mehr fassen? Wieso zur Hölle tauchten immer und immer wieder diese Bilder von Damals vor seinem inneren Auge auf? Es war lange her und er hätte schon lange über diese Sache hinweg sein sollen. Es sollte für ihn kein Problem darstellen einen Sarg zu sehen, aber es tat es. Er öffnete die Augen und betrachtete seine zitternden Hände. Er erinnerte sich an dem Moment, als ihm zum ersten Mal bewusst wurde, dass diese Sache mit Mahler noch in seinem Inneren lauerte und nur darauf wartete ihn zu packen und mit sich zu reißen. Es war auf der Beerdigung seiner Großtante gewesen. Seine Augen hatten die komplette Messe über den Sarg fixiert und er hatte gespürt, wie ihm mit jeder verstrichenen Minute der Messe immer mehr die Luft zum atmen geraubt wurde. Schließlich hatte er es nicht mehr ausgehalten und war aus der Kirche gestürmt, um sich in den nächsten Busch zu übergeben. Nur kurze Zeit später hatte er sich mit den Trauergästen zum Grab begeben, zugesehen wie der Sarg langsam unter die Erde gesenkt wurde – so als wären die Minuten davor nie passiert. Noch heute lief ihm ein Schauer über den Rücken, wenn er daran dachte, wie der Sarg langsam unter der darauf geworfenen Erde verschwand. Ihm war bewusst gewesen, dass seine Großtante tot war, aber dennoch war da diese Angst, dass sie in dieser kleinen Kiste lag und keine Luft bekam, nicht atmen konnte. Es war ihm bis heute ein Rätsel, wie er diese Veranstaltung überhaupt bis zum Ende durchgehalten hatte. Er war sich sicher, dass er sogar vor Angst und Panik geweint hatte, aber Gott sei Dank war den Trauergästen der wahre Grund dafür verborgen geblieben. Bei Joshuas Beerdigung war es hingegen ganz anders gewesen. Er hatte keine Angst verspürt, keine Panik. Vielleicht weil er damals mit anderen Sorgen abgelenkt war? Er hatte sich mit Mikael und nicht mit dem Sarg beschäftigt. Er hatte nicht an die Situation im Sarg gedacht, weil er mit seinen Gedanken bei seinem Freund war, der durch den Tod seines Kollegen vollkommen aus den Fugen geraten war.


    Er versuchte seine zitternden Hände zu beruhigen, indem er sie auf seine Oberschenkel presste. Eine naive Geste, wie er schnell feststellen musste. Sein Körper dachte nicht daran sich zu beruhigen. „Verdammt, sei kein Angsthase“, beschimpfte er sich wütend selbst, „es ist lange her und du weinst, wie ein kleines Kind!“ Er atmete tief durch und versuchte sich auf das zu besinnen, was ihn diesen Beruf solange aushalten lassen hatte. Er durfte die Fälle nicht an sich herankommen lassen. Der Mord an dieser jungen Frau hatte nichts mit ihm zu tun. Sie war nicht einmal erstickt oder ertrunken durch Wasser, das in den Sarg eindrang. Egal wie, er würde diesen Fall zu Ende bringen. Er war stärker als diese dämliche und kindische Angst. Er musste es ganz einfach in der hintersten Ecke seines Kopfes verdrängen und dann würde es gut gehen.

  • Nachdem Ben fast eine Stunde vor der PAST verbracht hatte, war der Jungkommissar wieder hereingekommen und hatte sich schweigend über die Akten gelehnt. Svantje Sandberg, so war also der Name des jungen Mädchens. Sie war gerade 22 geworden, studierte an der Universität Kunstgeschichte. „Schneewitchen“, murmelte Ben leise, als er sich die Fotos vom Tatort abermals ansah. Ein mulmiges Gefühl breitete sich auch jetzt wieder in ihm aus, aber es war etwas abgeebbt. Er hatte sich wieder einigermaßen in den Griff bekommen.
    „Wie? Was hast du gesagt?“, ertönte Semirs Stimme.
    „Wie bei Schneewittchen“, wiederholte Ben jetzt etwas lauter. Der Braunhaarige verschränkte die Arme hinter dem Kopf und lehnte sich etwas zurück. „Alles an dem Fall erinnert mich daran. Ihre Kleidung, ihr Aussehen. Die Tatsache, wie wir sie gefunden haben. Der …“, er stockte und hielt lange inne, ehe er fortfuhrt, „…der Sarg und so.“ Semir nickte. „Ja, der Gedanke ist mir auch schon gekommen. Das spricht für einen unglücklichen Verehrer.“
    „Was ist mir ihren Eltern?“, fragte der Jüngere nun nach.
    „Ich habe sie verständigt. Ihre Mutter lebt in Kiel. Sie ist getrennt von dem leiblichen Vater von Svantje Sandberg.“
    Ben nickte. „Sollen wir mal zum Unigelände fahren? Vielleicht finden wir dort ja was über einen Verehrer oder ihr Umfeld raus.“
    Semir sah auf die Uhr. „Es ist zwar schon etwas später, aber vermutlich finden wir ja dennoch ein paar ihrer Freunde raus. Harmut hat mir durch ihre Daten auf dem Handy ein paar Namen gegeben.“


    Während der Befragungen auf dem Universitätsgelände beobachtete Semir seinen Partner aufmerksam. Ihm wollte keine Änderung in Bens Gefühlslage entgehen, der sich nach wie vor auf einem dünnen Drahtseilakt befand. Wenn er den Halt verlieren würde, musste er für ihn da sein. Ben schien bemüht bei seinen Befragungen der Mitstudenten von Svantje Sandberg in der nötigen Professionalität über die Bühne zu bringen, doch die Angespanntheit war mehr als spürbar. So war es am Ende nicht verwunderlich, dass Ben nach der einstündigen Befragung regelrecht K.o. war und sich erschöpft auf den Beifahrersitz des BMW fallen ließ. „Wir haben nicht besonders viel herausgefunden“, maule Ben leise als Semir sich ebenfalls gesetzt hatte. „Das alles hätten wir uns auch sparen können.“


    Semir ließ den Motor an und schaltete in den ersten Gang. „Wir wissen immerhin, dass ihr Ex-Freund nicht besonders gut auf sie zu sprechen war. Den werden wir uns als nächstens vornehmen. Die Freundin von Frau Sandberg war ja so nett uns die Adresse zu geben. Es ist gleich um die Ecke.“ Ben winkte ab. „Jaja … aber ich denke wirklich nicht, das es uns weiterbringen wird.“
    „Du solltest wirklich an deiner positiven Einstellung arbeiten Partner“, gab ihm Semir mit einem Lächeln zu verstehen.
    „Ich geb mir Mühe“, murmelte Ben leise die Antwort und lenkte seinen Blick dann aus dem Fenster. Ob Semir bemerkt hatte, wie fürchterlich nervös er bei den Befragungen gewesen war? Für einige Momente hatte er sogar das Gefühl gehabt, als würden die Bilder vor seinem inneren Auge den Zugang zu seinem Gehirn verriegeln. Es war, als wäre es ihm nicht möglich eine klare Frage zu stellen. Semir musste es bemerkt haben. Es war so offensichtlich gewesen! Ben war unauffällig einen Blick auf seinen Partner. Semir schien, wie er, heute vertieft in seine Gedanken und legte auf Konversation keinen großen Wert. Er löste seinen Blick wieder von dem Älteren und beobachte stumm, wie die Gebäude der Stadt an ihnen vorbeizogen. Erst ein leises ‚Mist‘ von seinem Kollegen holte ihn zurück ins Hier und Jetzt. Ben merkte, dass der Wagen gestoppt hatte und sah auf. Seine Augen fielen auf einen Schriftzug. Bestattungsinstitut Müller.


    „Willst du im Auto warten?“, fragte Semir mit besorgter Stimme. Ben schüttelte energisch den Kopf. „Nein, ich schaffe das schon. Wir sind es dieser Svantje schuldig ihren Mörder zu finden und das hier“, er schluckte schwer, „das ist doch ein großer Hinweis. Er hat ein Bestattungsunternehmen und da stellt man jawohl Särge her.“ Er hoffe das Semir nicht gemerkt hatte, wie ihm die Stimme bei dem Wort ‚Sarg‘ versagte. Sein Partner sah ihn skeptisch an. „Okay… aber es wird das letzte Mal sein, dass ich dir in dieser Sache entgegenkomme. Beim nächsten Mal ist Schluss. Wenn ich sehe, dass du zerbrichst hier dran, werde ich einen Punkt hinter die Sache setzen. Dann geben wir den Fall ab!“ Ben nickte und rang sich zu einem Lächeln durch. „Es wird nicht passieren, Partner. Ich werde mich ab jetzt im Griff haben.“ Er atmete tief durch und sah wieder auf das Gebäude vor sich. „Sollen wir reingehen?“ Der Deutschtürke nickte und zog die Tür an der Fahrerseite auf, kurz darauf trat auch Ben aus dem Wagen.


    Unmittelbar nachdem sie den Laden betreten hatten, kam ihnen ein junger Mann entgegen und streckte die Hand aus. „Carl Müller. Was kann ich für Sie tun?“ Semir griff in seine Hosentasche und zog den Dienstausweis heraus. „Semir Gerkhan. Kripo Autobahn.“ Er deutete auf Ben. „Das ist mein Kollege, Kriminalhauptkommissar Jäger. Es geht um ihre Ex-Freundin Svantje Sandberg.“ Er beobachtete den Mann ganz genau und erkannte, wie die Miene sich bei den Namen der Frau veränderte. Er wirkte einerseits wütend, andererseits mitgenommen und traurig. „Ein Freund hat mir erzählt, was ihr zugestoßen ist … schrecklich“, stieß er nach einer Weile aus. Semir nickte. „Jemand hat uns berichtet, dass sie Streit mit Frau Sandberg hatten“, begann er nun. Müller sah geschockt zwischen den beiden Polizisten hin und her. „Sie denken ich habe Svantje ermordet? Ich habe sie geliebt, auch wenn wir getrennt waren. Ich könnte ihr niemals etwas antun.“
    „Können Sie mir sagen, wo Sie am Sonntagabend waren?“, wollte nun Ben wissen. „Da müsste ich genauer überlegen. Ich wusste ja nicht das ich ein Alibi brauche … bis um 22 Uhr war ich bei einem Freund, danach war ich in meiner Wohnung und ehe sie nachfragen, ja ich war alleine.“ Carl Müller knetete sich nervös die Hände. „Hören Sie Herr…“ Er sah Semir eindringlich an. „Gerkhan“, erinnerte er ihn. Müller nickte. „Genau, Gerkhan. Ich war das mit Svantje wirklich nicht. Sie müssen mir glauben. Ich könnte nie einen Menschen … nein wie fürchterlich.“
    „Kennen Sie jemanden der ihrer Ex-Freundin vielleicht Schaden zufügen wollte?“, schaltete sich nun wieder Ben ein, der das Gespräch eher passiv verfolgte.
    Müller schüttelte den Kopf. „Nein, sie war überall beliebt und kam mit jedem gut klar.“
    „Gut Danke, Herr Müller. Wir haben sicherlich noch weitere Fragen an Sie. Aber für den Moment reicht uns das. Vielen Dank.“


    Semir und Ben gaben dem jungen Mann die Hand und verließen den Laden wieder in Richtung Auto. „Wir sollten ihm in Auge behalten. Ich denke nicht, dass er der Mörder von Frau Sandberg ist, aber er war dennoch seltsam nervös“, begann Semir, als sie sich wieder in den BMW gesetzt hatten. Ben hob den Kopf und nickte leicht. „Wie du meinst“, murmelte er leise und Semir machte sich prompt wieder Sorgen. Seinen Partner schien die Sache wirklich zuzusetzen. So abwesend, wie heute, war er selten. Würde es Ben gut gehen, würde er über die neuen Erkenntnisse fachsimpeln. Ihn fragen, warum er Carl Müller für unschuldig hielt. Ein einfaches ‚wie du meinst‘ war mehr als untypisch für Ben. Er warf einen letzten Blick auf seinen Partner und startete dann in Richtung PAST. Kurz darauf entschied er, dass sie für den heutigen Tag genug an dem Fall gearbeitet hatten und sich in den wohlverdienten Feierabend begeben sollten.

  • Eva lehnte sich an den Türrahmen und beobachtete Mikael. Ihr Freund stand gebückt über der Wiege im Kinderzimmer und versuchte ihren gemeinsamen Sohn zu besänftigen. Sorgsam nahm er Oskari auf den Arm. Mit einer beschützten Geste hielt er seinen Kopf und schmiegte das Bündel an seine Brust. „Danke, dass du da bist …“, hörte sie ihn leise flüstern. Das waren die Augenblicke, in denen ihr bewusst wurde, dass der Mensch, den sie liebte, in den letzten Jahren so viel Leid erfahren musste. Mikael hatte in nur wenigen Monaten so viel verloren und Schmerz ertragen müssen, den sie sich nicht einmal in ihren schlimmsten Albträumen ausmalen konnte. Es war schwer gewesen, dass er sich auf sie einließ und diese Beziehung, aber nun war sie sicher, das es sich gelohnt hatte. Wenn man unter die Fassade blicken durfte, war Mikael voller Liebe und Hingabe für die Menschen, die ihm wichtig waren. Seit Oskari vor vier Monaten auf die Welt gekommen war, hatte er aufgehört stundenlang über irgendwelche Dinge zu grübeln und war von einer ansteckenden Fröhlichkeit besessen. Ihre anfänglichen Zweifel, ob sie wirklich eine Familie sein konnten, waren verflogen. Das war der Mann, den sie liebte und der trotz seiner Vergangenheit nicht verlernt zu haben schien, wie eine Familie auszusehen hatte.


    Als Mikael sich umdrehte, merkte er, dass sie in der Tür stand. Sie lächelte, ging auf ihn zu und gab ihm einen Kuss. „Wie war dein Tag?“
    „Helsinki wird immer dunkler, die Täter immer tiefgründiger“, antwortete er und fuhr durch das Haar seines Sohnes, während er ihn sanft hin und her schaukelte.
    Sie lachte leise. „Das hört sich philosophisch an.“
    „Ist es auch. Ich habe über Licht und Dunkelheit gesprochen.“
    „Ach ja?“, hakte sie neugierig nach.
    „Ein Mann, den ich heute verhört habe – wegen Mordes an seiner Frau. Er hat Angst vor dem Tag, weil man sich dort nicht verstecken kann.“
    Sie kniff die Augenbrauen zusammen und lachte. „Das klingt verrückt.“
    „Aber so mehr ich darüber nachdenke, desto mehr verstehe ich es.“
    Ihr Lachen wurde lauter. „Achja?“
    „Wenn es hell wird. Alles kommt zum Vorschein, die ganze Hässlichkeit und das Böse“, erklärte Mikael ihr und zog dabei sanft eine ihrer Strähnen aus dem Gesicht hinter das Ohr. Seine Hand war angenehm kühl. Wie immer. Er hatte immer kalte Hände und doch fror er niemals. Ganz im Gegenteil, er fühlte sich auf eine ganz besondere Weise wohl in der Kälte.
    „Und in der Nacht. Da nicht?“, wollte sie wissen.
    „Da kann man es verstecken.“
    „Ich mag die Dunkelheit nicht. Ich mag es lieber, wenn die Sonne scheint.“
    „Du musst dich auch nicht verstecken“, murmelte in Gedanken.
    „Aber du?“
    „Vielleicht. Manchmal habe ich das Gefühl, ja.“
    Eva griff nach seiner Hand und drückte sie sanft. „Du musst dich nicht verstecken. Du bist fähiger zu einem guten Kommissar, als viele andere im Präsidium.“
    Er seufzte und legte Oskari, der inzwischen wieder eingeschlafen war, sanft zurück in die Wiege. „Sag das deinem Vater.“ Sie lächelte gezwungen. Die Beziehung zwischen Mikael und ihrem Vater war eine ganz andere Geschichte. Ihr Vater war der Polizeipräsident und das sie mit Mikael zusammen war, passte ihm überhaupt nicht. Doch diesmal hatte sie nicht für die Karriere ihres Vaters auf etwas verzichtet. Sie liebte Mikael und würde ihn nicht für das Ansehen ihres Vaters opfern.


    Ein stürmisches Klingeln ließ Eva zusammenschrecken, im gleichen Augenblick war Oskari wieder aufgewacht und begann laut zu schreien. Mikael hatte sich bereites wieder über die Wiege gebeugt und versuchte ihn zu besänftigen, während sie zur Tür ging. Sie seufzte, als sie ihrem Besucher in die Augen sah. „Wirklich Veikko, was war so dringend, dass du sturmklingeln musstest?“ Der Schwarzhaarige mit den auffälligen grünen Strähnen in den Haaren lachte und schlüpfte an ihr vorbei ins Haus. „Es regnet, ist das nicht Grund genug, um schnell ins Trockene zu kommen?“
    „Du hast Oskari geweckt. Er war gerade eingeschlafen“, schimpfte sie leise, während sie zusah, wie sich Veikko seiner nassen Jacke erledigte und sie über die Heizung hing. Der Techniker mit den auffälligen grünen Strähnen im Haar formte ein ‚O‘ mit seinen Lippen. „Aber Mikael hat mich eingeladen, er ist selbst Schuld“, ließ er schnell folgen.
    Sie verschränkte die Arme vor der Brust. „Du bist unverbesserlich Veikko Lindström.“
    Er grinste breit. „Ich hab dich auch lieb Eva-Schatz.“
    „Finger weg von meiner Freundin!“ Mikael kam auf sie zu und gab Veikko eine kurze freundschaftliche Umarmung. „Schön, dass du kommen konntest.“
    „Wozu auch immer. Es beunruhigt mich etwas, das du es für dich behalten hast.“
    Mikael begann zu lachen. „Eigentlich brauche ich jemanden, der sich meinen Laptop ansieht. Ich habe das Ding schon aufgeschraubt, finde aber keinen Fehler.“
    Ein Stöhnen war zu vernehmen. „Du hast gesagt, dass Eva kocht und es Schokoladenpudding zum Nachtisch gibt. Das war eine verdammte Lüge oder?“
    „Weil ich weiß, dass du bei Schokolade nicht nein sagen kannst“, bestätigte Mikael seine Vermutung.
    Veikko seufzte. „Gut, wo ist denn dein gutes Stück?“ Mikael setzte sich in Bewegung. „Komm mit. Er steht im Gästezimmer.“


    Nur wenige Minuten später hockten sie über dem aufgeschraubten Laptop. „Da ist eine von den Lötstellen hinüber, würde ich behaupten. Geht er nicht an?“ Mikael nickte. „Ja. Der streikt vollkommen. Kein Mucks macht das Mistding.“
    „Ich kann ihn mitnehmen und reparieren, wenn du willst.“ Er betrachtete das alte Modell. „Aber eigentlich könntest du dir auch was Neues holen.“
    „Der ist perfekt“, widersprach Mikael.
    „Gut, dann nehme ich deine PC-Oma halt mit und schaue, was sich machen lässt. Willst du die Festplatte hierbehalten?“
    „Ja, habe noch ein externes Gehäuse dafür.“
    Veikko nickte, während er seinem Freund die Festplatte in die Hand drückte und das Gehäuse des Laptops wieder zusammenschraubte. „Wie läuft es mit Eva?“, fragte er, als er die letzte Schraube versenkte. „Gut … es ist alles gut.“
    „Aber?“
    „Nichts aber. Ich glaube ich war noch nie so glücklich in meinem Leben.“
    „Aber?“
    Mikael zog die Augenbraue hoch und schob die Hände in seine Pullovertaschen. „Was zur Hölle? Kannst du das mal lassen.“
    Veikko zog die Mundwinkel nach oben. „Wenn du mir die Wahrheit sagst. Also, aber?“
    Der junge Familienvater seufzte ertappt. „Manchmal habe ich Angst, dass ich sie verlieren könnte.“
    „So wie Joshua?“
    „Ja. Wie mir alles aus der Hand rinnt. Wie irgendetwas einfach nicht zulässt, dass ich glücklich sein darf.“
    „Du grübelst zu viel. Genieße doch einfach den Moment. Dein Glück, deine Familie.“
    Mikaels Hände sanken noch tiefer in seine Pullovertaschen. „Du sagst das so leicht. Du bist voll von dieser fröhlichen Energie.“
    „Ich bin Finnlandschwede“, antworte ihm Veikko und lachte.
    „Was hat das bitte damit zu tun?“
    „Ihr Finnen ihr seid so melancholisch und ich euch gekehrt. Bloß nicht zu viel reden, immer den Abstand wahren.“
    „Ich bin zur Hälfte Deutscher“, widerlegte Mikael die aufkommende These seines Freundes.
    Veikko tippe auf seine Brust. „Ach komm, in deinem Herzen bist du sowas von Finnisch!“
    „Gut ja. Ich werde versuchen diese Angst in den Hintergrund zu schieben. Sie ist ja ohnehin nur noch ganz selten da.“
    Der Techniker nickte zufrieden. „Das wollte ich hören!“

  • Ben stöhnte und stand auf. Er würde ohnehin derzeit keinen Schlaf finden. Seine Füße trugen ihn in sein Wohnzimmer und er setzte sich auf das Sofa. Vor ihm lag die Akte im Fall Svantje Sandberg. Er wusste nicht warum er sie nach Hause mitgenommen hatte, aber nun zog sie ihn magisch an. Schnell holte er sich noch ein Glas Wasser aus der Küche und öffnete dann den Deckel der Mappe. Viele neue Informationen hatten sie im Laufe des Tages nicht bekommen. Inzwischen war bestätigt, dass die junge Frau nicht erstickt war, was die genaue Todesursache war, stand aber noch nicht fest. Seine Augen blieben auf ihren Daten hängen. Ihr Vater kam also aus Finnland, sogar Helsinki. Als er den Namen der Stadt las, musste er sofort an Mikael denken. Zwei Monate war es her, als sie sich das letzte Mal gesehen hatten und sein Freund war dabei vollkommen ausgewechselt gewesen. Er war viel fröhlicher und schien endlich angekommen zu sein. Mikael hatte etwas, was ihm zu seinem Glück noch fehlte. Eine Frau und eine Familie. Manchmal gab es Momente, da ertappte er sich dabei, wie er genau das vermisste. Andererseits genoss er auch die Freiheiten des Singledaseins. Er sah wieder auf die Mappe und zog einige Tatort-Fotos heraus. Inzwischen hatte er seine Angst wieder gut in den Griff bekommen. Das ungute Gefühl im Magen war zwar noch da, aber er konnte endlich wieder klar denken. Vermutlich war es einfach der erste Schock gewesen, der das Ganze so hatte entgleisen lassen. „Wer hat dich nur umgebracht Svantje?“, murmelte er leise. Carl Müller kam ihm nicht sehr verdächtig vor, war durch die Firma allerdings der perfekte Kandidat. Ansonsten hatten sie auf dem Uni-Gelände nur Gutes über sie gehört. Sie schien bei allen beliebt gewesen zu sein. „Und doch bist du tot.“


    Er seufzte und klappte die Mappe wieder zu. Er musste versuchen noch ein paar Stunden zu schlafen, damit er dann morgen Fit zur Arbeit kam. Semir würde sich sonst sicherlich noch mehr Sorgen machen, als er es ohnehin schon tat. Er stand auf und begab sich zurück in sein Bett. Egal wie schwer es werden würde, er würde diesen Fall mit Anstand zu Ende bringen und sich nicht wieder eine solche Panikattacke erlauben, wie bei der Fundortbegehung. Immerhin war er Polizist und als solcher durfte er sich nicht von persönlichen Gefühlen leiten lassen.



    *



    Er blieb abrupt stehen, sah auf den leblosen Körper hinab. Der Mensch vor ihm war blass, seine Augen geschlossen. Blut sickerte unter ihm in den Schnee, färbte ihn rot. Ihm wurde übel und für einen Augenblick war ihm schwarz vor Augen. Seine Beine gaben nach und er fiel auf die Knie. Mit zittrigen Händen suchte er nach dem Puls und fühlte … nichts. „Nein, nein, nein!“ Panik machte sich in ihm breit, unglaubliche Panik. Eisige, kalte Krallen griffen nach seinem Herz. Drückten es zusammen, wie einen Spielball.
    Er bracht ihn in Rückenlage und legte die Hände übereinander, drückte auf seinen Brustkorb. Eins, zwei, drei, vier, fünf … 30. Dann überstreckte er leicht den Kopf. Zwei Atemstöße. Eins, zwei, drei, vier, fünf … 30.


    „Mikael! Wach auf, Mikael!“


    Wieder blies er Luft in die Lungen. Tränen liefen über seine Wangen, während er immer weitermachte. Er konnte nicht gehen. Er brauchte ihn! Er konnte nicht sterben, nicht nach allem, was sie durchgemacht hatten!


    „Wach auf!“


    Er schreckte hoch. Schweiß ran über sein Gesicht und sein Herze pochte wild gegen seine Brust. Er schnappte hektisch nach Luft und spürte, wie sein ganzer Körper zitterte. Schon wieder dieser Traum.
    „Ich konnte ihm nicht helfen“, sagte er. „Josh lag vor mir und ich konnte ihm nicht helfen.“
    Eva fuhr mit ihrer rechten Hand durch sein Haar, während ihre linke auf seinem Herzen lag. „Du konntest nichts dafür“, sagte sie sanft.
    „Wie spät ist es?“
    Er hörte, wie Eva sich im Bett bewegte. „Gleich Drei.“
    „Ich werde etwas trinken gehen.“
    Er stellte die Füße auf den Boden und erhob sich langsam.
    „Die Albträume werden wieder häufiger“, sagte sie. Er nickte. Ja, das stimmte wohl. Er wurde es nicht los. Es verfolgte ihn in seinen Träumen. Mal mehr, mal weniger, aber es war immer da.
    Mikael schloss leise die Schlafzimmertür hinter sich und ging dann durch den langen schmalen Flur in Richtung Küche. Er griff nach einem Glas auf der Arbeitsplatte und füllte es mit Wasser. Er betrachtete, wie die Flüssigkeit kleine Wellen schlug, weil seine Hände noch immer leicht zitterten. Heute war es wieder die schlimme Version des Traums. Es war nicht Kaurismäkis Handlanger gewesen, der auf Joshua geschossen hatte, sondern sein Vater. Er hörte Schritte hinter sich und wenig später spürte er Evas Griff um seine Hüfte. „Vielleicht solltest du sein Grab besuchen. Es könnte dir helfen.“
    Er stellte das Glas ab und schüttelte den Kopf. Nein, er würde es nicht schaffen. Er war einfach nicht stark genug dazu. Wie oft hatte er schon vor den Friedhofstoren gestanden, ohne am Ende auch hindurch zu gehen? Zu oft.
    „Aber du wirst es sonst nie los“, flüsterte sie ihm leise ins Ohr, während sie durch seine schwarzen Haare fuhr.
    „Selbst wenn, es würde ein anderer Albtraum folgen.“
    „Wie meinst du das nun wieder?“ sie griff nach seinem Oberarm und drehte ihn sanft in seine Richtung. Er sah zu Boden. „Ich hatte schon immer Albträume. Ich weiß nicht, wie es ohne ist.“
    „Worüber hast du davor geträumt?“ Sie legte ihre Hand auf seine Wange und streichelte sie mit den Daumen. „Den Autounfall meiner Eltern, einigen Sachen in meiner Jugend. Manchmal da hat mich etwas in die Dunkelheit gezogen, plötzlich war alles schwarz und ich wusste nicht, wie ich entkomme.“
    Mikael griff nach ihrer Hand und drückte sie seicht. „Aber wenn ihr da seid, dann bin ich glücklich. Nur in der Nacht, da kommt es zurück.“
    Sei gab ihm einen Kuss auf die Wange. „Irgendwann wird das auch vorbeigehen.“
    Er lächelte müde. „Ja sicher“, murmelte er leise und zog sie dann mit Richtung Schlafzimmer. „Lass uns wieder schlafen gehen!“, verkündete er mit einem spitzbübischen Lächeln. „Schlafen? Aha …“, antwortete ihm seine Freundin und ließ sich gemeinsam mit ihm auf das Bett fallen.

  • Mikael saß am Frühstückstisch und beobachtete Eva dabei, wie sie Oskari das Fläschchen gab. Ein Lächeln huschte über sein Gesicht. Nachdem er so viele Jahre überlegt hatte, wie sich Familie überhaupt anfühlte, wusste er es jetzt. Es war die Welt der Geborgenheit, der Sicherheit. Wenn er bei Eva und Oskari war, spürte er nicht mehr die Angst, dass er das hier vielleicht irgendwann verlieren würde, wie er bisher alles verloren hatte, was ihm wichtig war. Heute hatte er extra freigenommen, um mit seiner Freundin und ihren Sohn einen tollen und vor allem entspannten Tag zu verbringen.
    „Was grinst du so?“, fragte Eva.
    „Weil ich ein glücklicher Mann bin. Ich habe alles, was ich mir wünschen kann.“
    Sie lachte. „Wie sich das anhört!“
    Er zog einen Schmollmund. „Wie man es macht, macht man es verkehrt!“
    Sie kam auf ihm zu und fuhr durch seine Haare, dann gab sie ihm einen Kuss auf den Nacken. „Ich habe auch alles, was ich mir wünschen kann. Ich liebe dich!“
    Mikael legte den Kopf in den Nacken und sah Eva in die Augen. „Ich dich auch.“


    Er wollte ihr gerade einen Kuss geben, als es an der Tür klingelte. „Verdammt. Seit wann sind wir so beliebt“, schimpfte er und küsste sie dennoch schnell.
    „Ich geh schon“, ließ ihn Eva wissen und war bereits aus der Küche verschwunden. Wenig später hörte er, wie sie ihren Vater begrüßte und ins Haus bat. Er stöhne leise auf. Dieser Mann wusste wirklich, wie man zu den unpassendsten Augenblicken irgendwo auftauchte.


    „Mikael.“ Järvinen setzte sich an den Tisch und fuhr mit seiner rechten Hand über den linken Arm, um ein paar Falten aus seinem Jackett zu streichen.
    „Was treibt dich so früh hierher?“, fragte er. Järvinen und er kamen nicht besonders gut aus. Er hatte es nicht gerne gesehen, wie er und Eva sich immer näher gekommen waren. Auch jetzt war ihre Beziehung zueinander eher kalt.
    „Es gibt da einen Fall. Ich möchte, dass du ihn übernimmst.“
    Mikael zog die rechte Augenbraue hoch. „Und das ist so dringend, dass du deshalb hierher kommst?“
    „Es ist nicht ganz einfach.“
    „Dann erkläre es mir.“
    Järvinen sah auf seine Tochter und Eva nickte nur. „Ich gehe ins Wohnzimmer, dann könnt ihr in Ruhe reden.“
    Als sie verschwunden war, redete Järvinen weiter. „Es geht um die Tochter eines Freundes, ein hoher Politiker. Sie wurde gestern ermordet.“
    „Davon weiß ich nichts. Ich hatte keinen neuen Fall auf dem Tisch.“
    Järvinen lehnte sich zurück. „Es war im Ausland. Köln, um es genauer zu sagen.“
    Er nickte. Das erklärte natürlich diesen Umstand, aber noch lange nicht, warum Evas Vater ausgerechnet zu ihm kam. Er hatte ihm nie Fälle zugeteilt. Niemals hatte er ihm dieses tiefe Vertrauen entgegengebracht.
    „Warum soll ich das machen?“
    „Ich dachte, dass es eine gute Chance wäre, einige hohe Beamte in Präsidium wieder für dich zu begeistern, nachdem du durch deine Unehrlichkeit im Fall Hansen alles versaut hast.“
    Mikael fuhr sich mit der Hand durch die Haare und kniff die Augen zusammen. „Aha“, sagte er nur. Er lehnte sich zurück und betrachtete Järvinen für einen Augenblick. „Diese bevorstehende wichtige politische Veranstaltung ist dafür kein Grund? Ich hatte übrigens ohnehin nicht vor Eva dorthin zu begleiten. Dein Ruf wäre also durch mich nicht beschmutzt worden.“
    Järvinens linker Mundwinkel zog sich ein Stück nach oben. „Das ist natürlich nicht der Grund. Du solltest etwas dankbarer für diese Chance sein.“
    „Dir ist aber schon klar, dass ich an deiner Mimik sehe, dass du lügst?“, fragte er nun herausfordernd und verschränkte die Arme vor der Brust.
    „Wirst du jetzt den Fall übernehmen, oder nicht?“
    Er atmete tief durch und kippte seinen Stuhl etwas nach hinten. Im Grunde hatte Järvinen leider Recht. Es wurde Zeit, dass er die hohen Tiere im Präsidium wieder von sich überzeugte, denn auch wenn es nicht offiziell war, wusste er doch, dass sie seinem Chef regelmäßig einen Besuch abstatteten, um ihn zu überprüfen. „Wenn es sich nicht vermeiden lässt“, stieß er gelangweilt aus und ließ den Stuhl wieder nach vorne kippen.
    Järvinen stand auf, lächelte und zupfte sich abermals das Jackett zurecht. „Gut. Ich lasse dir die Einzelheiten via Mail zukommen. Dein Flieger geht heute Mittag, dein Ticket wird gebucht.“
    Ehe Mikael etwas erwidern konnte, war der Mann bereits wieder aus der Küche getreten und sprach noch mit Eva, ehe er wenig später das Haus verließ.
    Er fuhr sich mit der Hand über das Gesicht. „Heute Mittag schon“, murmelte er leise. „So viel zum freien Familientag.“
    „Was wollte er?“ Eva war mit Oskari wieder hereingekommen und schien sofort zu bemerken, dass der Besuch ihres Vaters seiner guten Laune einen Kratzer verpasst hatte.
    „Er möchte, dass ich einen Fall in Deutschland übernehme.“
    Evas Lächeln verschwand. „In Deutschland?“
    „Köln. Muss wohl was wichtiges sein.“ Er strich einige ihrer Haarsträhnen aus ihrem Gesicht und gab ihr einen Kuss auf die Wange. „Du weißt doch hoffentlich, dass ich nicht gerne gehe. Viel lieber würde ich bei euch bleiben.“
    „Es ist eine Chance, oder nicht? Wenn es direkt von Papa kommt, muss es ein wichtiger Fall sein.“
    „Vermutlich“, antworte er. „Ich soll noch heute fliegen.“
    „Es war doch dein freier Tag“, flüsterte sie enttäuscht und fuhr dabei sanft über Oskaris Kopf. „Wir wollten einkaufen und dann zum Babyschwimmen.“
    „Das weiß ich. Es tut mir leid, wir werden das alles nachholen, sobald ich zurück bin“, versprach Mikael und ging eilig an ihr vorbei ins Schlafzimmer, um die nötigsten Klamotten zusammenzusuchen. Eva folgte ihm und setzte sich auf das Bett, während er vor dem Kleiderschrank stand und abwog, wie viele Klamotten er überhaupt brauchen würde. „Bei was für einer Abteilung denn? Wer wurde ermordet?“, fragte die Blonde nach einer Weile. Mikael zuckte mit den Schultern. „Er hat es ehrlich gesagt nicht erwähnt. Eine Tochter eines Freundes, meinte er.“
    Evas Augen weiteten sich und sie schlug die linke Hand vor den Mund. „Oh Gott.“
    „Ich bin mir sicher, dass du sie nicht kennst. Dein Vater hätte dir doch sonst etwas gesagt“, beruhigte Mikael sie. Immerhin kamen viele Freundinnen von Eva aus dem Umkreis von Arbeitskollegen ihres Vaters.
    „Vermutlich“, murmelte sie leise.
    „Ganz bestimmt. Immerhin ist er dein Vater“, widersprach er ihr und hielt einen grauen Kapuzenpullover hoch. Er hatte schon drei eingepackt. „Meinst du ich brauche noch einen?“
    Eva lachte leise. „Du hast viel zu viele Kapuzenpullover. Zieh doch einmal was anders an.“
    „Habe ich doch. Im Sommer habe ich nur T-Shirts.“
    „Du weißt, was ich meine!“
    Er seufzte. „Also keinen weiteren einpacken?“
    „Nein. Selbst wenn, kannst du dir zu Not noch etwas dort kaufen oder es waschen lassen. Wenn Ben erfährt, dass du in Köln bist, lässt er eh nicht zu, dass du in ein Hotel gehst.“
    Er legte den grauen Pullover wieder in den Schrank, zog ihn kurz darauf aber wieder heraus und tauschte ihn mit einem anderen Pullover aus der Reisetasche. „Der hier gefällt mir besser, der hat viel größere Taschen.“
    „Du immer mit deinen Taschen“, kam es von dem Bett. Er sah Eva an. „Ich weiß sonst nicht wohin mit meinen Händen! Wenn du mir dafür eine Lösung gibst, dann kaufe ich mir andere Pullover.“
    Sie schüttelte den Kopf. „Du musst dir den Tick einfach abgewöhnen!“


    Mikael warf noch einige Jeanshosen und Unterwäsche in die Tasche, ehe er für einige Sekunden im Bad verschwand, um auch dort das Nötigste zusammenzusuchen.
    Als er seine Tasche gepackt hatte, verabschiedete er sich mit einer innigen Umarmung von seiner Freundin und Oskari, ehe er sich auf den Weg zum Flughafen machte. Auf den Weg dahin hatte er noch kurz mit Antti telefoniert, der ebenfalls etwas seine Zweifel daran hatte, dass Järvinen ihm wirklich aus reiner Nächstenliebe diesen Fall gegeben hatte. Dennoch war auch er der Überzeugung, dass er, egal welche Intention dahintersteckte, die Chance nutzen sollte.

  • „Was grinst du denn so dämlich durch die Gegend?“, empfing Ben seinen Partner, als er das Büro betrat. „Muss ja eine tolle Nachricht sein!“ Semir lehnte sich in seinem Schreibtischstuhl zurück und verstränkte die Arme hinter dem Kopf. „Es ist auch eine gute Nachricht.“ „Und lässt du mich an der auch Teil haben?“, kam es nun schnippisch von Ben, der sich vor seinem Computer setzte und gebannt auf den Bildschirm starrte, als der Rechner hochfuhr. „Die Krüger hat mir mitgeteilt, dass wir Amtshilfe aus Finnland bekommen. Fräulein Sandberg hat wohl einen Vater in einer sehr hohen Position.“
    Ben blickte Semir schief an. „Und was daran ist jetzt die gute Nachricht? Ich kann dir nicht wirklich folgen. Was ist gut daran, dass wir uns noch mit einem dritten Kollegen auseinandersetzten müssen?“
    Das Lächeln des Deutschtürken wurde breiter. „Amtshilfe, Finnland. Klingelt es jetzt?“
    „Mikael?“
    Der Ältere klopfte auf den Tisch. „Der Kandidat bekommt hundert Punkte.“
    „Warum hat er denn nicht angerufen?“, fragte Ben, während er gedankenverloren mit einem Kugelschreiber spielte.
    „Vielleicht weiß er es auch erst seit heute. Die Chefin sagte, dass es ziemlich kurzfristig entschieden wurde.“
    „Ja vielleicht“, murmelte der Braunhaarige.
    „Er wird übrigens um 13 Uhr landen. Ich nehme an, du wirst ihn abholen?“ Ben nickte kurz. „Ja, kann ich machen.“


    Wenige Stunden später beobachtete Ben nervös die Ankunftstafeln. Der Flieger aus Helsinki war vor ein paar Minuten gelandet und die ersten Passagiere der Maschine liefen bereits an ihm vorbei, oder zumindest glaubte Ben das, denn was dieses alte Ehepaar sprach, war definitiv finnisch. Dafür hatte er über die letzten Jahre ein Gespür entwickelt, auch wenn er mit dieser Sprache wohl nie viel anfangen konnte. Neugierig blickte er den beiden Hinterher. Sie schienen zu streiten, vielleicht machte es aber auch nur die Sprache. „Scheiße, ist das warm in Deutschland“, ertönt eine Stimme, die er nur zu gut kannte. Ben lächelte und drehte sich um. „Mikael.“ Er drückte den Finnen in eine Umarmung und klopfte ihn dabei sanft auf den Rücken. „Wie geht es dir?“, fragte er, während er ihn aus der Umarmung befreite und von Oben bis Unten musterte. Er hatte sich überhaupt nicht verändert. Seine schwarzen Haare waren zu einer wilden Frisur zurecht gestylt. Er trug Jeans und einen Kapuzenpulli. Sein Gesicht wirkte noch immer jugendlich und manchmal, so war sich Ben sicher, würde Mikael sicherlich noch als Mitte 20 durchgehen. „Gut“, ertönte es. „Hmm?“ Mikaels Mundwinkel verzogen sich zu einem Lächeln. „Du hast gefragt, wie es mir geht … die Antwort ist, es geht mir gut.“ „Achso…hatte ich irgendwie total vergessen die Frage“, stieß Ben aus und lachte. „Hab ich gemerkt, warst wohl zu beschäftigt damit mich zu mustern, als wäre ich ein Marsmensch. Es ist nicht einmal 2 Monate her, da warst du für fünf Tage oben.“ Mikael griff nach seiner Tasche und setzte sich in Bewegung. „Willst du hier Wurzeln schlagen, Ben Jäger, oder können wir?“ Er hechtete hinter ihm her. „Sei nicht so frech, ich bin der Ältere!“, ließ er empört verlauten. Der Schwarzhaarige lachte laut auf. „Körperlich vielleicht, geistig wohl kaum!“
    Ben gab seinem Nebenmann einen kleinen Klaps auf den Hinterkopf. „Sag mal!“


    Ben nutzte die Fahrt zum Präsidium, um Mikael von den Ermittlungsfortschritten zu berichten. Der Schwarzhaarige nickte einige Male, um ihm zu signalisieren, dass er verstanden hatte. Als Ben seinem Freund die Einzelheiten aufgezählt hatte, verlief die restliche Fahrt eher still. Mikael hatte den Arm auf der Ablage der Beifahrertür abgelegt und spielte mit seinem Handy. Immer wieder, wenn Ben zur Seite sah, dann konnte er sehen, wie der finnische Kommissar verschmitzt lächelte. „Ich hoffe es sind keine grenzwertigen Fotos von Eva“, sagte er schließlich.
    „Wie?“
    „Du hast ein Dauergrinsen aufgezogen, das bei dir schon fast gruselig ist.“
    Mikael hielt ihm das Handy hin. „Eva hat mir ein paar Fotos von Oskari geschickt. Sie waren heute Mittag beim Babyschwimmen“, berichtete sein Freund fröhlich. „Er liebt das einfach. Vielleicht wird er ja mal eine Wasserratte, wo man mich mit Schwimmbädern eher vergrault.“
    Ben lachte. „Ja, du warst um keine Ausrede zu schade, wenn wir geschwommen sind im Sportunterricht! Dabei warst du so eine Sportskanone.“
    „Tu nicht so unschuldig! Du hast mir dabei auch noch geholfen. Die blutende Nase? Erinnerst du dich?“
    „Verdammt! Ich dachte, dass dein Riechkolben gebrochen ist. Das hat geknackt!“
    „Das bildest du dir jetzt ein!“, widersprach Mikael. „Da hat doch nichts geknackt.“
    „Woher willst du das denn wissen? Du warst kurz weg danach. Zack, einfach umgekippt!“ Ben schüttelte lachend den Kopf. „Ich dachte echt, wir fliegen mit der Nummer auf.“
    „Da gab es sicher heiklere Aktionen“, kam es von seiner Rechten. „Ich kann nur hoffen, dass Oskari nicht nach mir kommt, sondern nach Eva.“
    „Komm, das war doch alles harmlos. Es ist ja nicht so als wären wir fiese Schlägertypen oder so gewesen. Kleine Bagatellen waren das, mehr nicht.“
    „Hmm, ja“, kam es nachdenklich von Mikael. Ben sah seinen Freund an der nächsten Ampel kurz an. Die Gesichtszüge hatten sich in den letzten Minuten geändert. Etwas schien die Fröhlichkeit zu überdecken. Er holte tief Luft, wollte zu einer Frage ansetzen, schluckte sie jedoch dann herunter. Mikael würde ihm ohnehin nicht antworten, wenn er jetzt fragte, ob es mit seiner Jugend in Helsinki zusammenhing.
    „Jetzt kannst du Semir und mir ja zeigen, wie der hochgelobte Hauptkommissar Häkkinen arbeitet“, sagte er stattdessen.
    Sein Nebenmann zog die Augenbraue skeptisch hoch. „Hochgelobt? Das wäre mir jetzt neu.“
    „Sei nicht so bescheiden. Zumindest Antti lobt dich am laufenden Band und es muss ja einen Grund haben, warum die dich schicken.“
    „Weil der Polizeipräsident mich für eine wichtige Veranstaltung loswerden will. Das ist der einzige Grund“, widersprach ihm der Schwarzhaarige und bettete den Kopf in seine Hand. „Er hasst mich. Evas Vater denkt tatsächlich, dass ich seine Tochter ausnutze, um im Job eine bessere Stellung zu bekommen.“
    „Er wird schon noch verstehen, dass du auf so etwas keinen Wert legst.“
    „Ihre Mutter ist da anders, aber trotzdem ist sie so distanziert. Als würde sie ihn nicht verärgern wollen, dabei ist ihre Ehe ohnehin schon am Ende.“
    „Hat Eva dir das erzählt?“, wollte Ben wissen.
    „Nein, aber es ist offensichtlich, wenn sie gemeinsam irgendwo sind.“
    Ben trommelte auf seinem Lenkrad und suchte nach der passenden Antwort. Klar war es noch schwer für Mikael. Er war der Sohn von einem Mann, der in Helsinki nicht gerade einen guten Ruf hatte. Ein Vater, der Chef eines ganzen Untergrundkartells war, passte eben nicht wirklich zu einem Hauptkommissar. „Ich bin mir sicher, dass du sie auch noch auf deine Seite ziehst“, sagte er schließlich.
    „Mal sehen“, murmelte Mikael gedankenverloren.
    „Und wenn nicht, hast du trotzdem mit Eva eine tolle Freundin. Ich meine, sie hat sich für dich entschieden, obwohl ihr Vater offensichtlich dagegen war.“
    Der Schwarzhaarige lächelte und schüttelte den Kopf. „Wir sind ja auch nicht mehr im 18. Jahrhundert. Ihr Vater kann ja nicht über sie entscheiden.“
    „Naja, immerhin hat er sie ja dazu gebracht Polizistin zu werden, obwohl sie es eigentlich nicht wollte“, widersprach Ben.
    „Wenn du mir damit Mut machen wolltest, hast du es gründlich versaut, Ben.“
    Der Braunhaarige begann zu lachen, als er seinen Fehler bemerkt hatte. „Jaja, ist ja gut. Wie dem auch sei, sie liebt dich und wird dich so leicht nicht gehen lassen!“
    „Ich auch nicht, da kannst du dir sicher sein. Du könntest eigentlich auch mal endlich deinen Ruf loswerden!“
    „Welchen Ruf?“, stieß der Braunhaarige gespielt empört hervor.
    „Irgendwann musst du dir eine Familie zulegen, sonst wird das Familienoberhaupt sicherlich dein Erbe streichen.“
    Ben sah kurz zur Seite, ehe er sich wieder auf die Straße konzentrierte. „Ich bin nicht auf das Geld meines Vaters angewiesen“, verteidigte er sich.
    Er erhielt ein Lachen als Antwort. „Na, wenn ihr hier in Deutschland so viel mehr verdient bei der Polizei, dann überlege ich vielleicht doch noch umzuziehen, damit ich mir so eine schmucke Bude leisten kann!“
    „Sagt der mit Hansens fetten Erbe!“ Sofort als er diese Worte losgeworden war, wünschte er sich, dass er sie zurücknehmen könnte. Mikael würde sie sicherlich in den falschen Hals bekommen. Hansen war dünnes Eis, sehr dünnes Eis. Doch dann überraschte ihn sein Freund. „Ich habe auch eine Familie, ich habe den Wunsch der Familie Hansen erfüllt. Unsere Linie wird weiter bestehen“, antworte ihm Mikael mit einem leicht ironischen Unterton.
    „Unsere Linie? Aha. Wie sich das anhört.“
    „So hat es mein Großvater immer ausgedrückt. Die große Linie der Familie Hansen. Wir stammen von tollen, großartigen Menschen ab!“ Mikael schüttelte den Kopf und stütze ihn anschließend wieder auf seine Hand. „So ein Schwachsinn, als wäre es wichtig, welches Familienblut durch deine Adern fließt. Meine Familie sind meine Freunde und natürlich Oskari und Eva. Abstammung, was spielt das für eine Rolle? Darauf hast du keinen Einfluss, aber auf Freunde, da schon.“
    Ben lachte. „Okay Herr Häkkinen nach diesen weisen Worten glaube ich dir, dass du wirklich im Kopf älter bist als ich!“

  • Eine Stunde später beobachteten Semir und Ben, wie Mikael im Büro von Kim Krüger saß und mit ihr die Einzelheiten über diesen Fall absprach. „Er sieht gut aus, nicht?“, begann Semir. „Ja, es ist als hätte er eine Komplettwandlung durchgemacht. Aber manchmal, da kommt der alte Mikael noch durch.“
    Ben lehnte sich an die Säule des Großraumbüros. „Zum Beispiel auf der Fahrt hierher. Da haben wir über die Vergangenheit geredet und plötzlich war er dann für kurze Zeit wieder verschlossener“, erzählte er von der Autofahrt.
    „Wenn der richtige Zeitpunkt gekommen ist, dann wird er es dir erzählen.“
    Ben seufzte und fuhr sich durch die Haare. „Das hoffe ich. Was kann denn so schlimm sein, dass er es mir nicht sagen will? Was glaubt er, dass ich ihn dann wieder fallen lasse?“
    „Vielleicht hat er schlechte Erfahrungen gemacht. Sowas verändert Menschen.“
    Ben nickte und sah zu, wie Mikael aufstand und sich mit einem Handschütteln von der Chefin verabschiedete, ehe er aus dem Büro kam. Er sah sie abwechselnd an. „Ihr habt über mich geredet, oder wie habe ich eure Mimik zu verstehen?“
    Semir lächelte. „Ich sehe schon, der Herr Hauptkommissar hat noch alle Sinne beisammen.“ Er drückte Mikaels Schulter. „Wir haben uns darüber unterhalten, dass wir froh sind, dass du so glücklich bist. Man sieht es dir an!“
    Der Schwarzhaarige nickte. „Gut und damit ich auch weiterhin ein glücklicher Mann bleibe, lasst uns diesen Fall schnell abschließen, damit ich wieder zu meiner Familie kann.“
    „Ai,ai. Dein Wunsch ist uns Befehl!“, ließ Ben verkünden.
    „Gut, zuerst möchte ich die Akte lesen“, sagte Mikael jetzt und war bereits auf dem Weg in das Büro der beiden deutschen Kommissare.
    „Ich hole uns derweil Kaffee“, setzte Ben fest und verschwand in die andere Richtung, während Semir ihrem finnischen Gast folgte und einen Stuhl an die Kopfseite der beiden Tische stellte. Mikael nickte ihm dankend zu und setzte sich. „Einen PC werden wir dir auch noch beschaffen in den nächsten Stunden, ich habe schon bei der Technik angefragt.“
    „Danke. Ich hätte ja meinen Laptop mitgenommen, aber der ist leider kaputt.“
    Semir setzte sich nun ebenfalls. „Wie lange brauchst du für die Akte?“, fragte er und reichte dem jungen Kollegen das Dokument, welches durch die bisherigen Informationen der KTU und der Gerichtsmedizin immerhin schon über 100 Seiten füllte.
    „Nicht länger als 30 Minuten.“
    Semir lachte. „Und die ehrliche Antwort?“
    Mikael sah ihn fragend an. „Wie?“
    „Wie lange du wirklich brauchst.“
    „30 Minuten.“ Die ernste Miene seines Gegenübers verriet Semir, dass Mikael tatsächlich jedes Wort ernst meinte und wohl keinen Scherz mit ihm trieb. „Du kannst das wirklich in der Zeit schaffen?“, fragte er ungläubig nach.
    „Wenn du noch länger redest, dann vielleicht nicht“, gab ihm der Schwarzhaarige Antwort und senkte dann seinen Kopf auf die Akte, die Semir ihm vor wenigen Sekunden gegeben hatte. Der Ältere lehnte sich zurück und beobachtete den jungen Kollegen dabei, wie er sich durch die Akte las. Entweder er war ein guter Schauspieler, oder er konnte wirklich so schnell lesen und auch noch alles verstehen was darin stand. Die Seiten zumindest wurden im Sekundentakt umgeblättert. Nach etwa fünf Minuten war Ben in das Büro gekommen und hatte drei Kaffeetassen auf den Tisch gestellt. Der Braunhaarige warf einen kurzen Blick auf Mikael und setzte sich dann in seinen Stuhl und griff nach einer der Tassen. „Ich sehe schon, du bist schneller geworden“, kommentierte er nach einiger Zeit das Geschehen und rührte dann in seiner Tasse. „Der abschließende Bericht von der Gerichtsmedizin fehlt noch. Wir wissen nur, dass sie nicht im Sarg erstickt ist. Alles weitere kommt.“ Mikael nickte nur, ließ sich dadurch aber nicht ablenken und blätterte die einzelnen Papiere weiterhin so schnell um wie zuvor.


    Es hatte am Ende Mikael tatsächlich nur etwas mehr als 30 Minuten gekostet, um die Akte durchzuarbeiten. Nun hockte der Finne vor den Tatortfotos. „Können wir den Ex-Freund noch einmal besuchen?“, fragte er und sah die deutschen Kommissare abwechselnd an.
    „Du denkst, dass er der Täter ist?“, hakte Ben nach.
    Mikael schüttelte seicht den Kopf. „Ich weiß nicht, aber aufgrund der Informationen kann ich mir so schlecht ein Bild machen. Ich würde gerne sein Benehmen und seine Umgebung sehen.“
    Ben sah seinen Freund mit hochgezogener Augenbraue an. „Sein Benehmen und seine Umgebung?“
    „Sofern niemand von euch am Fundort etwas geändert hat, würde ich sagen, dass wir einen angepassten Menschen suchen. Ein Perfektionist, der großen Wert auf Ordnung legt, der seine Arbeit gewissenhaft erledigt. Der Täter hatte es nicht eilig und geht ein großes Risiko ein. Er hat die Leiche an einem Ort ab, der öffentlich ist und dennoch sind am Fundort keinerlei Spuren von Hektik zu finden.“
    Der braunhaarige Kommissar griff nach den Fotos, die auf dem Schreibtisch ausgebreitet waren und studierte sie einige Sekunden. „Du willst uns gerade auf den Arm nehmen, oder?“, fragte er misstrauisch nach. All das konnte Mikael nicht aufgrund von ein paar Fotos herausgefunden haben.
    „Wie?“
    „Na, diese Sachen. Das er ordentlich ist und Perfektionist.“
    „Aber das ist doch ganz klar zu erkennen. Wie ihre Haare drapiert sind und ihre Hände ineinander gelegt. Jedes Detail ist stimmig und das an einer vielbefahrenen Autobahn.“
    „Du meinst das also ernst. Du glaubst, dass unser Täter all diese Eigenschaften hat?“, hakte Ben ein weiteres Mal nach.
    „Ja.“ Mikaels Stimme hatte einen ungeduldigen Unterton angenommen.
    Ben lächelte. „Weißt du auch seine Haarfarbe?“, fragte er zynisch.
    „Sehr witzig. Glaub mir, oder eben nicht!“
    „Jungs, Ruhe!“, schaltete sich nun Semir ein, der die Auseinandersetzung bisher ruhig verfolgt hatte. Die beiden jüngeren Kommissare verstummten und sahen ihn an. „Also gut Partner, sag, welche Option schlägst du vor?“, kam es von Ben, der die Arme vor seinem Körper verschränkt hatte.
    „Ich denke, dass du mit Mikael noch einmal zu Müller fahren wirst. Wenn er sich selbst ein Bild machen will, halte ich das nicht für schlecht. Danach haben wir dann hoffentlich auch neue Informationen von der Gerichtsmedizin.“
    Ben öffnete den Mund, um zu protestieren, verstummte dann jedoch, als Semir den Kopf schüttelte. Der Braunhaarige seufzte und griff nach seiner Jacke, die über den Stuhl hing. „Gut Mr. Superprofiler, kommst du dann?“
    Mikael erhob sich ebenfalls und folgte seinem Freund aus dem Büro, während er die Hände in den Taschen versenkte. „Bis später Semir“, verabschiedete er sich noch und dann kehrte Ruhe im Büro ein. Semir lehnte sich zurück und schüttelte den Kopf. Das könnte ja noch heiter werden, wenn die beiden schon jetzt aneinander gerieten. Mikael und Ben mögen zwar beste Freunde sein, das änderte aber nichts daran, dass sie auch vollkommen unterschiedliche Eigenschaften hatten.

  • Ben balancierte vorsichtig zwei heiße Pappbecher Kaffee. Sie waren auf dem Rückweg von der erneuten Befragung von Carl Müller und hatten sich dazu entschieden eine kleine Pause auf einem Rastplatz mit einer Tankstelle einzulegen. Ben war sich nicht sicher, ob Mikael gemerkt hatte, dass er sich in der Werkstatt alles andere als wohl gefühlt hatte. Zumindest hatte es sich sein Freund nicht anmerken lassen und die erneute Befragung hatte Mikael ohnehin fast selbstständig geführt.
    Als er auf seinen Mercedes zukam, hatte es sich sein Freund bereits bequem gemacht. Mikael hatte die Tür der Beifahrerseite geöffnet, sie leicht aufgeschoben und die Beine im geöffneten Fenster platziert. Als Ben vor ihm stand, zog er die Beine aus dem Fensterrahmen und stellte sie die Pflastersteine.
    „Und. Denkst du, dass es ihr Ex war?“, fragte Ben, während der seinem Freund einen der beiden Becher reichte.
    Mikael schüttelt den Kopf. „Nein. Er passt so überhaupt nicht in das Täterprofil. Irgendwas verheimlicht er, aber ihr Mörder ist er nicht.“
    „Du hältst also an deiner Meinung fest?“
    „Welcher Meinung?“
    „Na, wie der Täter sein muss“, half er ihm auf die Sprünge und lehnte sich neben der offenen Beifahrertür an den Wagen.
    „Es hat bisher in 90% der Fälle geholfen, also kannst du mir ruhig vertrauen.“
    Der Braunhaarige lächelte und nippte an seinem Kaffee. „Es tut mir leid, ich bin manchmal gegenüber solchen Methoden eher skeptisch. Aber du hast eine gute Quote in Finnland. Ich denke, es schadet nicht deinem Supergehirn in dieser Sache zu vertrauen.“
    Mikael drehte seinen Becher in den Händen hin und her. „Die Frage ist nur, wer ist dann unser Mann? Die Informationen von ihren Bekannten bringen uns nicht weiter. Sie wurde angeblich nicht verfolgt, hatte keine Angst vor jemanden und auch keinen Streit.“ Der Schwarzhaarige stellte seinen Kaffeebecher ab. „Sie war der Engel auf Erden.“
    „Du nimmst ihr diese Rolle also nicht ab?“
    „Sagen wir so. Ich bin misstrauisch.“
    Ben nickte seicht. „Woher hast du diese Technik? Also dieses Täterprofil erstellen?“
    „Ich hatte mal die Chance bei einem Seminar mitzumachen, wo ein Spezialist aus den USA war. Wir haben manchmal noch Email-Verkehr.“
    Der deutsche Kommissar lächelte. „Weil du seine Expertise brauchst, oder er deine?“
    Mikael lachte leise. „Teils/teils vielleicht. Er hat mir angeboten ein Praktikum beim CIS zu machen. Aber ich bleibe lieber da, wo ich mich wohlfühle.“
    Ben schüttelte den Kopf. „Du machst zu wenig aus deiner Intelligenz. Das war vielleicht eine einmalige Chance und du wirfst sie hin?“
    Sein Gegenüber zuckte mit den Schultern. „L.A., ist der klar, wie viele Menschen da wohnen? Ich werd schon nervös, wenn ich hier in Köln durch die Innenstadt muss.“
    Ben lächelte. Es war eigentlich typisch. Schon damals hatte Mikael viel zu wenig aus dem gemacht, was er im Gehirn hatte, wenn er sich nicht wohlfühlte. Allerdings war er damals mehr als dankbar, als sich sein Freund gegen ein Stipendium an einer hochgelobten Schule für Hochbegabte entschieden hatte. Oder vielleicht war es auch Andreas Hansen gewesen? Vielleicht wollte er damals nicht noch mehr aufsehen?
    „Apropos Gewohnheitstier. Wirst du bei mir schlafen oder im Hotel?“
    „Ich hatte gehofft, dass du mir Asyl gewährst.“
    Mikael lächelt, griff nach seinem Kaffee, um dann aus dem Auto zu steigen und sich der warmen Flüssigkeit in einem nahestehenden Blumenkübel zu erledigen. „Der schmeckt fürchterlich, so was kannst du einem Finnen nicht antun.“
    „Ich vergaß, die Kaffeenation Nummer eins ist verwöhnt!“, kommentierte Ben und schüttelte lachend den Kopf. Dann schmiss er seinen Kaffee allerdings ebenfalls weg. Im Grunde hatte Mikael die Wahrheit gesagt. Er schmeckte abscheuchlich. „Komm, lass uns schauen, ob Semir schon was von der Gerichtsmedizin gehört hat. Er wollte da Druck machen, hat er mir heute Morgen erzählt.“


    Wenig später stellte sich heraus, dass Semir tatsächlich etwas Neues hatte. Der erfahrende Kommissar berichtete ihnen, dass Svantje Sandberg durch eine Giftinjektion gestorben war. Auch hatte die Tote Drogen genommen und das über einen längeren Zeitraum. „Der Herr Doktor ist da ganz sicher. Über die Haarprobe ließ sich das einbahnfrei beweisen“, sagte Semir und hielt ihnen den Untersuchungsbericht hin, den er sich über die letzte Stunde sorgsam von dem Mediziner erklären lassen hatte.
    „So viel zum lieben Mädchen von Nebenan“, deutete Ben die neue Information.
    „Scheint als müssten wir ihren näheren Bekanntenumkreis wohl noch einmal genauer unter die Lupe nehmen.“
    „Was ist mit ihrer Wohnung? Hat man da keine Hinweise auf einen Drogenmissbrauch gefunden?“, fragte nun Mikael, der es sich auf der Fensterbank bequem gemacht hatte.
    „Die Spurensicherung war drin, aufgrund der Hinweise auf eine Beziehungstat hat man aber sicherlich nicht direkt nach Drogen gesucht.“
    „Und wenn sie wegen Drogen umgebracht wurde?“ Mikael winkelte sein Bein an und legte den Kopf auf sein Knie. „Wir könnten in der Wohnung nachsehen. Wenn es dort irgendwo ein Drogentütchen oder Döschen gibt, dann könnten dort Fingerabdrücke drauf sein und damit vielleicht jemand aus unser Datenbank.“
    „Sieh an! Der ehemalige Drogen-Kommissar spricht!“, ließ Semir verlauten.
    „Aber eigentlich passt es nicht zum Fundort“, gab Mikael dann zu bedenken.
    „Stimmt auch wieder“, gestand Semir ein. „Also willst du der Drogensache nicht nachgehen?“
    „Ich weiß nicht. Ich bin mir nicht sicher“, erwiderte der Jüngere und sah nun erwartungsvoll auf Ben, der bisher eher ruhig die neuen Informationen zur Kenntnis genommen hatte. Der Braunhaarige fuhr sich durch die Haare. „Drogenabhänge sind doch sehr erfinderisch, was die Verstecke anbelangt, oder?“
    „Ja schon“, antwortete ihm der finnische Kommissar. „Ich könnte dir da Sachen erzählen, wo wir das Zeug überall gefunden haben.“
    „Gut, dann kann es doch auch sein, dass sie in diesem Versteck nicht nur Drogen hinterlegt hat, sondern auch anderes wichtiges Zeug, oder nicht?“
    Mikael lächelte und sprang von der Fensterbank. „Du hast Recht. Wir sollten noch einmal in die Wohnung und genau nachsehen.“
    Ben griff eilig nach seiner Jacke und auch Semir hatte sich von seinem Stuhl erhoben. „Gut gut, auf geht’s Jungs!“


    *


    Die untergehende Sonne färbte die Tapete der kleinen Wohnung von Svantje Sandberg in einem sanften Orangeton. Die drei Kommissare suchten nun bereits seit knapp einer Stunde nach einem geheimen Versteck der Toten, waren bisher aber erfolglos gewesen. „Hast du was Mikael?“, schrie Ben durch die unbewohnten Räume. Semir hatte die Suche in dem Zimmer, welches er sich vorgenommen hatte schon beendet. Nun saß er auf einem Stuhl und sah ihm bei der Suche zu und unterhielt ihn mit Geschichten von Ayda.
    „Nein!“ Darauf folgte ein leises knackendes Geräusch. „Wobei! Vielleicht doch.“
    Sie hörten Schritte und kurz darauf stand Mikael mit einem Rauchmelder vor ihnen. „Der ist eine Attrappe. In dem Teil sind ein paar Pillen versteckt und viel interessanter ein kleiner USB-Stick.“ Ben grinste und griff nach dem kleinen Stick. „Was da wohl drauf ist? Muss ja was heikles sein, wenn sie es da oben versteckt, nicht?“
    „Ich bezweifle, dass sie darin ihre Urlaubsfotos aufbewahrt“, erwiderte der Schwarzhaarige.
    Semir erhob sich. „Gut, wir nehmen die Pillen und den Stick mit und schauen uns das Ganze auf der Dienststelle genauer an“, bestimmte er und war bereits auf dem Weg zur Tür, ohne auf eine Antwort der beiden jüngeren Kollegen zu warten.


    Wenig später hockten Semir und Ben gebannt vor dem Bildschirm und klickten sich durch einige brisante Videos. Svantje Sandberg schien eine Prostituierte gewesen zu sein und hatte ihre Besucher wohl heimlich gefilmt. Ben vermutete, dass sie vielleicht jemanden erpresst hat und ihm das überhaupt nicht gefiel. Semir hingegen war sich dieser Möglichkeit eher nicht so sicher. Die Sache, wie sie gefunden wurde, passte nicht wirklich zu einem Freier, den sie unter Druck gesetzt hatte. „Irgendwer muss sich das komplette Material ansehen und uns eine Liste von den ganzen Männern machen“, überlegte Semir laut.
    „Hmm, ja“, kam es leise von Ben. Er hatte inzwischen seinen Blick nach Draußen gewandt und beobachtete Mikael. Der Schwarzhaarige schien mit Eva zu telefonieren, zumindest grinste er verliebt durch die Gegend. So, wie er es immer tat.
    Semir schüttelte den Kopf. „Weißt du was. Ich halte es für das Beste, wenn wir für heute Schluss machen. Ich werde noch bei Hartmut vorbeifahren und ihn bitten, dass er eine Software über das Material laufen lässt, so können wir die Vorbestraften herausfiltern. An den Rest kommen wir sicherlich nicht heran, wenn sie nirgendwo registriert sind.“
    Ben löste sich vom Fenster und grinste breit. „Ja. Du hast Recht, es ist ohnehin schon spät und ich will ja nicht, dass du Ärger mit deiner Frau bekommst.“
    „Das ist natürlich ein viel wichtigerer Grund“, stimmte Semir mit einem Lachen zu, wurde dann aber ernst. „Wie geht es dir heute? Nach diesem Ausfall gestern?“
    Ben winkte ab. „Es ist schon okay. Ich hatte heute wirklich keine Probleme!“ Der Ältere nickte. „Du weißt, wenn was ist, dass du mich jeder Zeit anru…“
    „Anrufen kannst. Ich weiß. Danke Partner“, unterbrach der Braunhaarige Semir schnell, um sich aus der unangenehmen Situation zu befreien. Denn natürlich hatte er gelogen. Es hatte Momente gegeben, da war es schwer seine Rolle aufrechtzuerhalten. Ben griff schnell nach seiner Jacke. „Komm, lass uns endlich Feierabend machen!“

  • Ben lag im Bett und wechselte zum wiederholten Mal die Schlafposition. Doch es änderte nichts. Er konnte einfach keinen Schlaf finden. Der Fall Svantje Sandberg beschäftigte ihn viel zu sehr, als das sich der Traumwelt hingeben könnte. Heute war es deutlich besser gewesen und er war sogar ein bisschen Stolz darauf, dass er seine Angst soweit im Griff gehabt hatte, dass es Semir und Mikael nicht aufgefallen war. Besonders Mikael zu täuschen hatte ihm einiges abverlangt. Das Bild, wie sie in diesem Sarg lag, ging ihm dennoch nicht aus dem Kopf und auch wenn er wusste, dass sie durch die Injektion eines Giftes gestorben war, half ihm das nur bedingt gegen diesen fürchterlichen Gedanken des Erstickens in diesem Ding. Svantje Sandberg war keinesfalls die Frau gewesen, für die sie sie gehalten hatten. Sie hatte Männer in eine Wohnung eingeladen und beim Geschlechtsverkehr gefilmt. Vermutlich um sie später mit diesem Material zu erpressen. War einer von diesen Menschen ihr Mörder? War einer wütend gewesen, wollte sie nicht bezahlen? Andererseits deutete die Hinbettung darauf hin, dass ihr Mörder jemand war, der sie abgöttisch geliebt hatte. Die Märchenfigur des Schneewittchens. Er drehte sich auf die Seite und schloss die Augen. Er musste schlafen, wenn er morgen fit zur Arbeit erscheinen wollte.


    Nach weiteren 15 Minuten ohne Schlaf, seufzte er und stand schließlich auf. Leise ging er ins Wohnzimmer und stellte sich ans Fenster, um in die Nacht zu sehen. Jetzt, da war es ganz ruhig. Die Autos, die sonst vor der Tür fuhren waren verstummt. Es herrschte eine wohltuende Ruhe. Allerdings nur nach außen, denn innerlich sah es bei ihm ganz anders aus. Er hatte schon überlegt Semir anzurufen, doch dann wollte er ihm einen ruhigen Abend mit Andrea nicht versauen. Immerhin hatte er erzählt, dass sie heute ins Kino wollten. Nein, da konnte er unmöglich stören. Sein Blick fiel auf die Tür zu seinem Gästezimmer. Vielleicht sollte er ja Mikael wecken? Er schüttelte den Kopf und wandte den Blick wieder nach draußen. Er wollte aus irgendeinem Grund vor Mikael den starken Freund darstellen. Gegenüber von ihm keine Schwäche zulassen. Er war der Ältere von ihnen und er war es der Mikael immer vor allem beschützt hatte.


    Nur kurz darauf, wurde ihm diese Entscheidung abgenommen. Ben hörte Schritte hinter sich und drehte sich von dem Fenster weg. Mikael stand einige Meter hinter ihm. „Warum hast du diesen Fall nicht abgegeben?“, fragte er. Er kam näher und stellte sich neben ihn, sah nun an seiner Stelle in die Schwärze der Nacht. Ben drehte sich wieder um und folgte Mikaels Blick. „Wie meinst du das?“
    „Irgendetwas belastet dich daran. Das sehe ich“, antworte ihm der Finne. „Was ist es? Hat es damit zu tun, dass du in der Werkstatt von Müller so nervös wurdest?“
    Ben sah zur Seite und blickte Mikael für einige Sekunden stumm an. Ihm konnte er wohl doch nichts verheimlichen und das obwohl er sich sicher war, dass er es nicht gemerkt hatte. Er schluckte schwer, ging dann auf das Sofa zu und setzte sich. Vielleicht war das ja ein Zeichen, dass er sich seine Sorgen von der Seele reden sollte. „Es gab da einen Fall vor ein paar Jahren“, begann er nach einer Weile und erzählte seinem Freund aus dem hohen Norden von Mahler. Mikael unterbrach ihn zu keiner Zeit und hörte nur still zu. „Du willst den Fall trotzdem unbedingt?“, fragte er schließlich, als Ben seine Erzählung beendet hatte. „Ich muss mich dieser Sache doch stellen, oder?“
    „Natürlich.“
    „Ich habe mich geschämt für meine Schwäche.“
    „Das musst du nicht. Ich weiß, wie du dich fühlen musst. Diese Angst keine Luft zu bekommen, zu ersticken, wenn sich die Lungen mit Wasser füllen.“
    Ben sah zur Seite. „Woher?“
    Mikael knete sich die Hände. „Mein Großvater. Als ich Sechs war, habe ich etwas Wertvolles von ihm zerstört. Er hat mich danach mit dem Kopf unters Wasser gehalten von dem Pool auf unserer Villa.“ Der Schwarzhaarige lehnte sich in dem Sofa zurück und blickte an die Decke. „Er meinte, dass ich dafür bestraft werden müsste. Mein Vater … sie hatten danach einen ziemlichen Streit. Naja, eigentlich haben sie eh meistens gestritten.“
    „Ich … das wusste ich nicht“, murmelte Ben leise. Daher hatte Mikael also die Angst vor Wasser.
    Der Schwarzhaarige lächelte. „Das spielt keine Rolle mehr. Es ist lange her und inzwischen habe ich keine Probleme mehr mit tiefem Wasser. Ich gehe sogar manchmal in den See, bei uns draußen in dem Ferienhaus.“
    „Wie hast du deine Angst überwunden?“, fragte er neugierig nach.
    „Ich bin einfach ins Wasser gegangen. Habe mich dem Problem gestellt.“
    Ben lachte leise auf. „Du erwartest aber jetzt nicht, dass ich in einen Sarg steige oder?“
    „Es wäre natürlich eine Option, aber nein.“
    Es herrschte für einige Zeit Stille. „Was soll ich dann machen?“ Mikael sah ihn an und zuckte mit den Schultern. „Ich glaube nicht, dass ich ein wirklicher Experte für verdrängte Ängste bin.“
    „Aber du bist ein Experte für menschliche Gefühle. Niemand sonst hat es gesehen über die letzten Jahre, nur du!“
    „Ich kann sie nur lesen. Das ist etwas anderes Ben und außerdem warst du auch verdammt gut. Es waren nur kleine Nuancen.“
    Ben seufzte. „Immerhin ist es seit dem Leichenfund schon weniger geworden.“
    „Wie meinst du das?“
    „Ich hatte eine Panikattacke. Man war das peinlich!“
    „Weil du den Sarg gesehen hattest? War das der Auslöser?“, wollte Mikael nun wissen. Der Finne hatte die Beine auf das Sofa gehoben und umschlang sie mit seinen Armen.
    „Ja. Ich hatte sowas schon einmal, bei einer Beerdigung.“
    Bei den Word Beerdigung veränderte sich Mikaels Blick. Er sah auf den Boden. „Bei Josh? Ich wusste nicht, dass du … du hättest nicht mitkomm …“
    „Nein, da war es nicht. Bei meiner Großtante. Bei Joshuas Trauerfeier, ist es nicht passiert. Da hatte ich keine Panikattacke.“
    „Hmm“, kam es leise von seiner linken. Ben sah seinen Freund lange an. „Hast du ihn seit dem besucht?“
    „Nein. Ich bleibe immer vor dem Tor zum Friedhof stehen, als wäre da eine unsichtbare Mauer, durch die ich nicht durchkomme.“ Der Schwarzhaarige zog die Knie enger an seinen Körper. „Ich sagte ja, dass ich kein Experte für verdrängte Ängste bin. Tief in mir, da ist dieser Gedanke, dass es mir nicht zusteht, wo er doch alleine wegen mir getötet wurde.“
    „Du weißt, dass Joshua so etwas nie denken würde?“, gab Ben zu bedenken. Sie hatten wohl unterschwellig die Rollen getauscht. Nun war er es, der seinen Freund aufbauen wollte.
    Mikael lachte leise. „Natürlich weiß ich das. Mein Kopf weiß es, mein Körper aber wohl nicht oder zumindest wollen die Beine dem Gehirn nicht gehorchen, wenn ich vor dem Friedhof stehe.“
    „Vielleicht sollte ich dich hereintragen!“
    Der Schwarzhaarige sah ihn mit hochgezogener Augenbraue an. „Wir sollten aufhören unsere Ängste mit Humor herunterzuspielen.“
    „Wohl wahr, aber so ist es einfacher. Nicht?“
    „Schon“, antwortete Mikael ihm und stand dann auf. „Ich bin mir sicher, dass du diesen Fall zu Ende bringen wirst.“
    „Mit deiner Hilfe bestimmt. Dein Gehirn ist wirklich erstaunlich“, erklärte Ben und stand jetzt ebenfalls auf. „Komm, lass uns schlafen gehen!“
    Mikael nickte und so trennten sie sich wieder, um sich zumindest noch einige Stunden Schlaf zu gönnen.

  • Erschrocken wurde Ben wach und fuhr hoch. Verschlafen sah auf den Funkwecker, der auf seinem Nachttisch stand. „Fuck!“ Er hatte einmal mehr vergessen, die Weckzeit einzustellen und war nun viel zu spät dran. Eilig sprang er aus dem Bett und ging mit schnellen Schritten Richtung Zimmertür. Wenn er sich beeilte, dann würde er es vielleicht noch schaffen vor der Arbeit zu duschen. Als er sein Schlafzimmer verließ, war er fast mit Mikael zusammengestoßen.
    „Sag mal …“, schimpfte er leise. Der Schwarzhaarige hatte Kopfhörer in seinen Ohren und trug Joggingklamotten. „Du willst noch joggen? Dir ist schon klar, dass wir in 20 Minuten auf der Dienstelle sein müssen?“ Mikael zog den Stöpsel aus seinem rechten Ohr. „Was hast du gesagt?“
    Ben rollte die Augen. „Wie laut stellt du die Musik?“ Sein Gegenüber lachte. „Zu laut.“
    „Ich habe gefragt, ob du noch joggen willst.“
    Mikael lächelte und zeigte auf eine Tüte mit Brötchen, die auf der Kommode stand. „War ich schon. Es gibt Leute, die kommen mit einer normalen Pensum an Schlaf aus.“
    „Aha.“ Normales Pensum sieht aber sicherlich auch anders aus, als die ganze Nacht wach zu liegen, dachte er bei sich. Er hatte Mikael auch nach ihrem Gespräch noch gehört. Er war in seinem Zimmer auf und abgelaufen und hatte es damit nicht besonders leicht gemacht für ihn einzuschlafen. „Was hörst du da überhaupt?“ Ben griff neugierig nach dem Stöpsel in Mikaels Fingern und hielt ihn sich selbst ins Ohr, zog ihn allerdings sofort wieder raus. „Kein Wunder, dass du meine Musik nicht auf deiner Topliste hast.“ Der Ohrstöpsel wurde ihm wieder aus der Hand genommen. „Nichts gegen guten Metal!“
    Bens Blick fiel wieder auf die Brötchentüte und automatisch meldete sich nun auch sein Magen zu Wort. „Wie ist es, wenn ich schnell duschen gehe und dann frühstücken wir gemeinsam?“
    „Wir sind schon relativ spät dran“, gab Mikael zu bedenken. „Ich dachte eigentlich, dass wir auf dem Weg essen könnten.“
    „Ach was! Semir ist das von mir gewöhnt!“, ließ der Braunhaarige verlauten und verschwand kurz darauf in Richtung Bad.


    Semir hatte sich währenddessen bereits wieder in der Dienststelle der PAST eingefunden. Nachdem er die Chefin und die Staatsanwaltschaft über den neuen Stand in den Ermittlungen informiert hatte, wartete er nun gebannt auf die Liste von Namen. Hartmut hatte ihm versprochen, ihm die Liste noch heute zu schicken. Das Problem dabei war nur, dass viele der Männer nirgendwo erfasst waren und man so ihre Identität nicht rausbekommen konnte. So etwas hatte sich der erfahrene Polizist bereits vorher gedacht. Ihre Schnitzeljagd hatte wohl noch kein Ende gefunden und sie mussten unbedingt noch eine Namensliste finden. Irgendwo musste Svantje Sandberg sie versteckt haben, die Frage war, wo. Vielleicht hatte sie irgendwo ein Schließfach, oder sie lag bei einer Freundin. Vielleicht aber war sie auch in der geheimen Wohnung, wo sie die Videos gedreht hatte. „Was für ein Mist“, fluchte er leise. Sie hingen schon wieder fest und hatten noch nicht einmal einen Tatverdächtigen. Der einzige Verdächtige, den sie bisher gehabt hatten, wurde von Mikael von der Möglicher-Mörder-Liste genommen. Nun, nun hatten sie überhaupt nichts mehr. Er lehnte sich in seinem Stuhl zurück und griff abermals nach der Akte, um sich zum wiederholten Male die wichtigsten Details durchzulesen. Sandberg war beliebt, niemand wusste offenbar von der Drogengeschichte und der Tatsache, dass sie Männern ihre Dienste anbot. Entsprachen diese Aussagen der Wahrheit oder war einer von denen vielleicht sogar in diese Sache involviert?


    Er sah auf die Uhr. Ben war wieder einmal seit 30 Minuten überfällig. Von seinem Partner kannte er so etwas ja, aber Mikael schien ihm wohl in diesen doch chaotischen Eigenschaften nicht wirklich nachzustehen. „Dann bleib wohl wieder einmal alles bei mir hängen“, stöhnte er und griff nach dem Telefonhörer, um bei Hartmut nachzufühlen, wie weit er denn nun mit dieser Liste war. Der Techniker ging sofort ran, meinte aber, dass es vermutlich noch einige Minuten dauern würde. 15 maximal. Danach legte er wieder auf und machte einen kurzen Abstecher in das Büro, um Jenny und Bonrath damit zu beauftragen noch einmal die Freunde und Familie von Svantje Sandberg zu befragen. Er wollte wissen, ob sie wirklich nichts von dem zweiten Leben dieser Frau geahnt hatten oder ob sie versucht hatten, die Polizei für dumm zu verkaufen. Als er auch diesen Punkt auf seiner Tagesliste abhaken konnte, sah er, wie Bens Mercedes auf den Parkplatz der PAST einbog und Ben und Mikael langsam eintrudelten. „Glückwunsch die Herren, ihr seit nur 50 Minuten zu spät“, begrüßte er die beiden Jüngeren, während er hinter seinem Schreibtisch setzte und die gerade angekommene Liste von Hartmut ausdruckte.
    „Dafür waren wir ja gestern länger hier“, redete sich Ben mit einem Lächeln heraus und setzte sich ebenfalls hinter seinen Schreibtisch. Mikael hingegen machte es sich am Fenster bequem, wo die warmen Sonnenstrahlen, das Fensterbrett angenehm aufgewärmt hatten. „Was haben wir Neues?“, fragte Ben nach einer Weile nach.
    „Hartmut hat die Videos durch die Datenbank laufen lassen. Fünf der Männer sind vorgestraft, an den Rest kommen wir über die Methode nicht heran. Über den Ort der Aufnahme konnte er leider nicht viel sagen.“
    „Heißt wir müssen weitersuchen“, summierte Mikael. „Diese Wohnung finden und vor allem die Liste.“
    „Wenn ihr Mörder denn einer von diesen Männern ist“, bremste Semir den aufkommenden Arbeitseifer aus.
    Der schwarzhaarige Polizist nickte. „Es ist zumindest wahrscheinlich, oder nicht? Er hat das ganze Liebe-für-Sex-Ding vielleicht falsch verstanden.“
    „Die Frage ist nur, wie wir nun an diese Liste kommen oder zumindest diese Wohnung finden“, warf Ben ein.


    „Perkele!“ Mikael sprang von der Fensterbank. „Das wir darauf nicht gekommen sind!“ Semir und Ben sahen ihren Kollegen auf Zeit fragend an. „Es wäre nett, wenn du uns auch einweihst“, setzte der Ältere nach einer Weile an.
    „Na, Carl Müller. Uns allen ist es so vorgekommen, als würde er etwas verheimlichen! Er hat sie geliebt … vielleicht hat er sie verfolgt. Er weiß von dieser Sache und hat es uns nicht gesagt!“ Der Finne ging mit eiligen Schritten in Richtung der Bürotür und redete kurz mit Jenny und Bonrath, ehe er wieder hereinkam. „Ich habe ihn herholen lassen. Müller hat gerade höhere Prio als die normalige Befragung der Freunde. Vielleicht redet er ja, wenn er in netter Umgebung mehr.“
    „Äh, ja“, antwortete Ben langsam von dem hektischen Ausbruch seines Freundes noch etwas verwirrt.
    Semir nickte indes. „Gut, übernimm du die Befragung von Müller und wir werden schauen, was unsere fünf bisherigen Männer auf dem Kerbholz haben.“

  • Mikael legte die Akte auf den Tisch und setzte sich gegenüber von Carl Müller hin. „Schön, dass Sie bereit waren zu kommen“, begann er und lächelte.
    „Es ist nicht so, als hätte ich eine Wahl gehabt“, antwortete ihm der Mann und sah nervös auf die Spiegelscheibe. Vermutlich stellte er sich gerade vor, wie eine Gruppe von Polizisten auf der anderen Seite stand und ihn beobachtete.
    „Es spricht dennoch für Sie, dass Sie so bereitwillig waren.“ Er öffnete die Akte und tat so, als würde er interessiert darin lesen. Nach einer Weile sah er auf. „Wissen Sie, Herr Müller, Ihre Ex-Freundin, wir haben herausgefunden, dass sie sich für Geschlechtsverkehr bezahlen lassen hat. Ist Ihnen das bekannt?“
    Müller schluckte. „Ich habe Sie nicht umgebracht!“, presse er mit dünner Stimme heraus.
    „War Ihnen bekannt, dass Ihre Ex-Freundin mit anderen Männern geschlafen hat? Hat Sie es vielleicht schon während Ihrer Beziehung getan?“
    „Sie können glauben, was Sie wollen, aber ich habe sie nicht umgebracht.“
    „Sie haben sie nicht umgebracht?“
    Müller zappelte nervös mit dem Fuß. „Nein.“
    „Wenn Sie sie nicht umgebracht haben, haben Sie dann irgendeine Vorstellung, wer sie umgebracht haben könnte?“
    Müller blieb stumm.
    „Wollen Sie nicht antworten oder wissen Sie es nicht?“
    „Ich werde das nicht beantworten.“ Müller sah wieder zu dem Spiegelfenster, dann wieder zu ihm.
    Mikael nickte. „Vor wem haben Sie Angst? Was haben Sie gesehen?“ Dann beugte er sich nach vorne. „Oder hat jemand Sie gesehen?“
    Müller schluckte. „Ich habe niemanden gesehen. Ich weiß nicht was sie da andeuten. Svantje hat niemals …“
    Der finnische Kommissar öffnete die Akte und schob Müller einige Screenshots von den Videos entgegen. „Was hat sie niemals?“
    Müller schob die Fotos energisch und angewidert zurück. „Lassen Sie das!“
    „Sie verstehen wohl den ernst Ihrer Lage nicht, Herr Müller.“
    Mikael stand auf und ging um Carl Müller herum. „Ihre Reaktion auf diese Fotos, auf meine Fragen war eindeutig. Sie wussten von der Nebenbeschäftigung Ihrer Ex-Freundin und wenn Sie nicht reden, dann wird es ganz eng für Sie.“ Er blieb stehen und beugte sich von hinten herunter zu Müller. „Ihr Alibi wackelt. Svantje Sandberg wurde erst nach 22 Uhr umgebracht.“
    „Ich war das nicht!“
    Mikael löste sich und setzte sich dann wieder auf seinen Stuhl. „Sie waren wütend, dass sie Sie betrogen hat. Sie hatte Sex mit anderen Männern, will aber von Ihnen nichts mehr wissen. Dann ist eine Sicherung durchgebrannt. Was zu viel ist, ist zu viel, nicht? Sie haben sich Gift besorgt und haben Sie ermordet.“
    Er warf ihm einige der Fotos vom Fundort hin. „Dann haben Sie ihr schönes Schneewittchen drapiert, damit sie jeder bewundern kann.“
    Sein Gegenüber drehte hielt die Hand auf die Fotos. „Das ist abscheulich!“, schrie er wütend. „Ich war es nicht, verdammt!“


    Mikael verschränkte die Arme vor der Brust. „Dann reden Sie mit mir Müller. Das ist Ihre letzte Chance mich von Ihrer Unschuld zu überzeugen, sonst führe ich Sie dem Haftrichter vor.“
    Carl Müller fuhr sich mit der Hand durch das Haar. „Ja verdammt, ich bin ihr gefolgt“, sagte er nun leise.
    „Sie sind ihr also gefolgt. Wohin?“
    „Zu ihrer zweiten Wohnung. Sie teilt sich die mit einer anderen Frau, die kenne ich nicht.“
    Mikael schob ihm einen Zettel und einen Kugelschreiber hin. „Die Adresse“, forderte er und Müller kam seinem Wunsch nach.
    „Wie oft sind Sie ihr gefolgt?“
    „Nicht oft. Nur ein paar Mal.“
    „Das heißt?“
    „Vielleicht in den letzten Wochen alle zwei Tage, oder so. Ich weiß nicht. Ich musste sie doch beschützen, oder nicht? Mit anderen Männern schlafen. Man hört doch, was da alles passieren kann.“ Er stockte. „Und nun ist es dann ja auch passiert.“
    „Hatte Sie einen Zuhälter oder war ein Mann verdächtig oft bei ihr?“
    Müller schwieg. Also war da jemand.
    „Hören Sie. Kooperieren Sie, dann werde ich vergessen, dass Sie unsere Arbeit behindert haben. Wenn nicht, dann wird es dafür eine Anzeige geben und eine hohe Strafe.“
    „Ja, da war ein Mann. Der war öfters bei ihr.“
    „War es einer von denen hier?“ Er holte ein weiteres Mal die Screenshot-Aufnahmen heraus und legte sie vor Müller auf den Tisch. Der schüttelte jedoch den Kopf. „Nein, von denen war es keiner.“
    „Sind Sie sich sicher?“
    „Ja. Von denen war es niemand!“
    Er nickte. „Gut. Dann werde ich Sie nun zu einem Kollegen bringen lassen, der wird ein Phantombild mit Ihnen anfertigen lassen.“
    „Aber so gut habe ich ihn nicht in Erinnerung!“, schoss es aus Müller heraus.
    „Aber einige Merkmale werden Ihnen sicher einfallen.“ Mikael stand auf und öffnete die Tür zum Verhörraum und gab dem uniformierten Kollegen Anweisungen. Dann drehte er sich wieder zu Müller. „Vielen Dank für ihre Unterstützung.“


    Ben und Semir hatten sich inzwischen vor dem Verhörraum eingefunden, nachdem sie die fünf Männer genauestens gecheckt hatten. Wirklich verdächtig kam ihnen aber keiner davon vor. „Es ist nicht sehr nett von dir, dem Mann vorzumachen, dass er auf unserer Verdächtigenliste ganz oben stand“, erwähnte der Ältere mit einem seichten Lächeln, als Mikael auf sie zutrat. „Stand er das nicht?“, fragte der Finne unschuldig nach. „Dann habe ich da wohl was falsch verstanden, muss am Deutsch liegen.“ Mikael hielt ihm den Zettel hin, auf den Müller die Adresse notiert hatte. „Ich denke, wir sollten uns mal ihre Arbeitsumgebung näher ansehen.“



    *


    Das Trio ging auf das Hochhaus zu, in der Svantje Sandberg ihre Zweitwohnung hatte. Das Gebäude war nicht besonders alt und dennoch wirkte die ganze Atmosphäre, die diesen Wohnblock etwas außerhalb der Innenstadt von Köln umgab, alles andere als einladend. „Ich könnte nie in so etwas leben“, murmelte Mikael leise, als sie auf die Eingangstür zutraten.
    „Du schlägst sogar einmalige Chancen aus, wegen zu vielen Menschen auf einem Fleck“, fügte Ben hinzu.
    „Ihre Wohnung liegt im dritten Stock“, lenke der finnische Kommissar vom Thema ab und drückte auf der langen Leiste von Klingelknöpfen einige gleichzeitig, worauf sich die große Eingangstür mit einem Summen öffnete. Der Flur, in den sie hereintraten war hell, allerdings waren die Fliesen auch mit einer dünnen Dreckschicht versehen. Vermutlich, weil es den Vormittag durchgeregnet hatte. Ähnlich war es auch mit der Treppe. Feuchter, schmieriger Dreck lag auf den einzelnen Stufen.


    Oben angekommen verschafften sie sich kurz einen Überblick, ehe sie die Wohnung von Svantje Sandberg gefunden hatten. Semir hob die Hand und wies auf die einen Spalt breit geöffnete Tür. „Da ist jemand drin“, flüsterte Semir leise. Mit der rechten Hand zog er seine Waffe aus dem Holster und entsicherte sie. Mikael und Ben taten es ihm kurz darauf nach und gaben ihm mit einem kurzen Kopfnicken zu verstehen, dass sie bereit waren. „Polizei!“, rief Semir und dann stürmten sie in die Wohnung, wobei jeweils zwei dem dritten, der einen Raum betrat und absuchte, Deckung boten. Ihre ausgestreckten Arme schwangen hin und her, wie bei einer Choreografie von routinierten Tänzern. Nachdem sie in den ersten drei Räumen niemanden vorfanden, erwartete sie ihm dritten Zimmer eine weitgeöffnete Terrassentür. „Fuck, der ist hinten raus!“, schrie Ben und stürmte bereits auf den Balkon. „Hier geht eine Feuertreppe runter!“ Ehe Mikael und Semir etwas erwidern konnten, war Ben verschwunden und man hörte nur noch seine eiligen Schritte auf der Treppe. „Ich folge ihm, du nimmst das Treppenhaus“, sagte Semir kurzentschlossen und folgte seinem Partner, während Mikael umdrehte und den anderen Weg nahm.
    Ben nahm auf der Feuertreppe gleich mehrere Stufen auf einmal. Als er unten angekommen war, konnte er die Silhouette des Flüchtigen erkennen. Offenbar ein kräftig gebauter Mann. „Bleiben Sie stehen. Polizei!“, schrie er. Doch seine Rufe brachten nicht den gewünschten Erfolg. Ganz im Gegenteil. Der Typ legte sogar noch an Tempo zu. Er stöhnte und erhöhte sein Tempo ebenfalls. Es wäre doch gelacht, wenn er gegen so jemanden unterliegen würde. Der Flüchtige war vielleicht ein gutgebauter Kerl, aber sicher kein geübter Läufer. An der nächsten Ecke bemerkte er, wie der Abstand immer kleiner wurde. Es würde nicht mehr lange dauern, bis er ihn hatte. Sein Vordermann warf einen Blick zurück und bog dann nach rechts in einen kleinen Weg ab, der an beiden Seiten von dichtem Gestrüpp gesäumt war.


    Als Ben in den Weg einbog, musste er feststellen, dass der Mann verschwunden war. Aufmerksam sah er nach rechts und links. Dann plötzlich sprang der Typ aus einem der Büsche, packte ihn von hinten an der Jacke und warf ihn zu Boden. Es gelang ihm, seinen rechten Arm auf den Boden zu drücken, während der den linken auf seinen Rücken verdrehte. „Sie sollten mich loslassen!“, schrie Ben seinen Gegner wütend an. „Und dann, Bulle, was dann?“, fragte der Mann auf seinem Rücken und lachte.
    „Dann kommen Sie mit uns!“, rief eine dritte Stimme. Ben sah auf. Mikael hatte sich wenige Meter von ihnen postiert und zielte mit der Waffe auf den Unbekannten.
    „Sie sollten tun, was er sagt!“, fügte eine vierte Stimme hinzu, die Ben ebenfalls gut kannte, dessen Besitzer allerdings aus seinem Blickwinkel nicht sehen konnte.
    „Ich könnte eurem Kollegen auch hier und jetzt den Arm brechen. Was halten ihr von dieser Option?“ Ben spürte, wie sein Arm brutal weiter verdreht wurde und er gab sich Mühe nicht gleich vor Schmerzen aufzuschreien.
    „Sie lasse ihn jetzt los, oder ich schieße.“ Mikael umfasste die Waffe fester und sein Finger nährte sich dem Abzug. „Los lassen!“, forderte der Schwarzhaarige nach einigen Sekunden abermals. Der Umzingelte verdrehte Ben den Arm noch weiter und der Jungkommissar glaubte für einen Moment, die Schulter würde aus dem Gelenk springen. Dann fiel ein Schuss. Die Kugel schlug nur unmittelbar neben ihnen ein. „Das ist meine letzte Warnung! Wenn Sie Ihren Arm noch benutzen wollen, lassen Sie auf der Stelle den Kollegen los! Ansonsten werde ich Ihnen ihr Schulterblatt zerschießen!“ Ben spürte, wie der Druck gegen seinen Arm geringer wurde und sich der bullige Typ schließlich endlich von seinem Rücken löste. Von hinten sprintete Semir eilig auf sie zu und legte dem, ihnen noch unbekannten Mann, Handschellen an.
    Ben richtete sich jetzt ebenfalls auf. Er drehte seinen Arm etwas und schnappte nach Luft. Das Laufen hatte ihn doch mehr anstrengt, als das er sich eingestehen wollte. „Du solltest an deiner Kondition arbeiten.“ Er sah auf und blickte in Mikaels Gesicht, der ihn frech anlächelte.
    „Hätte ich gewusst, dass du so verdammt schnell läufst. Ich hätte dich die Drecksarbeit machen lassen!“, erwiderte er trocken. Dann ging er auf den Mann zu und suchte in seinen Taschen nach einem Portemonnaie. „Herr Wilhelm Meier also“, las er aus dem Personalausweis vor. „Schön, dass Sie sich für einige Stunden in unsere bescheidenen Dienststelle entschieden haben.“
    Sein Gegenüber funkelte ihn wütend an, als Ben abermals die Taschen durchsuchte. Diesmal um nachzusehen, ob Meier in der Wohnung der Toten nicht bereits fündig geworden war. Kurz darauf zog er ein kleines Büchlein hervor. „Das ist meins! Sie haben kein Recht dazu!“, schimpfte Meier, auch wenn er durch die Handschellen nun deutlich ruhiger geworden war, als wäre seine große Klappe mit festgekettet worden.
    „Ich denke, dass sie es sich widerrechtlich in der Wohnung von Svantje Sandberg beschafft haben. Die Schrift ist doch verdächtig weiblich.“
    Semir gab Meier einen kleinen Schubser. „Wie wäre es, wenn wir uns auf der Dienstelle weiter unterhalten? Kommen Sie mit.“


    Während Semir mit dem Festgenommenen vorher lief, folgten Ben und Mikael einige Meter dahinter. „Und ist es das, wonach wir suchen?“, wollte der finnische Polizist von seinem Freund wissen. Ben zuckte mit den Schultern. „Es ist codiert. Dort sind Zahlenreihen notiert.“
    „Zahlenreihen?“
    „Ja. Es könnten durchaus Namen sein, aber das kann ich so jetzt nicht sagen.“
    Mikael hielt ihm die Hand hin. „Zeig her.“
    „Und du glaubst, dass du es so aus dem Stegreif kannst, oder wie?“
    Der Schwarzhaarige machte eine Bewegung mit seiner Hand. „Gib schon!“, forderte er ein weiteres Mal und diesmal kam Ben dem Wunsch nach und reichte Mikael das Büchlein.
    Ben seufzte. „Ich werde es später zu Hartmut bringen, vielleicht kann er ja mit seinen Computern den Code knacken.“
    „Das wird nicht nötig sein“, ertönte es neben ihm. Er sah zur Seite. „Wie?“,
    „Es ist eine der leichtesten Codierungen, die es gibt. Nicht besonders schwer zu knacken.“ Mikael nickte mit dem Kopf in Meiers Richtung. „Ich schreib die Namen im Büro auf, wenn wir keinen Mithörer mehr haben.“
    Ben nickte und auch Semir, der für wenige Sekunden nach hinten geschaut hatte, als sie gesprochen hatten, lächelte. Es würde wieder einen Schritt weiter gehen in den Ermittlungen.

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  • Semir trat in den Verhörraum und breitete in Aller Seelenruhe die Akte auf den Tisch aus. „Sie wissen warum Sie hier sind Herr Meier?“, begann er. Der Mann gegenüber von ihm verschränkte missmutig die Arme vor der Brust. „Ohne meinen Anwalt werde ich Ihnen überhaupt nichts sagen Herr Kommissar.“ Semir nickte. „Natürlich, der ist ja auch schon unterwegs. Aber Sie wissen sicherlich, dass es besser für Sie wäre, wenn Sie mit uns kooperieren würden.“ Er schob einige Blätter aus der Akte hin und her. „Wir haben Sie in der Wohnung von einem Mordopfer gefunden. Svantje Sandberg. Sagt Ihnen der Name etwas? Hat sie für Sie gearbeitet?“
    „Ich sagte bereits, dass ich ohne meinen Anwalt zu keiner Aussage bereit bin“, wiederholte Meier unbeeindruckt. Semir blieb einige Minuten still und überlegte, wie er den Mann vor sich aus der Reserve locken sollte. Es würde nicht einfach werden. Er hatte Meier gecheckt und der Mann war kein Unbekannter bei der Polizei. Ein Zuhälter und vermutlich auch der von Svantje Sandberg. Allerdings war er keiner der Männer auf den Videos. Das stand bereits jetzt fest und er ähnelte auch nicht dem Mann auf dem Phantombild von Müller, das ohnehin, so musste er gestehen, eher unbrauchbar war und ohnehin niemanden ähnelte, den sie im Visier hatten. Sicherlich kannte er inzwischen alle Tricks und würde tatsächlich nichts sagen, bis sein Anwalt hier war.
    „Was haben Sie in der Wohnung gesucht? Das Buch?“ Semir nippte an seinem Kaffee und studierte die harten Gesichtszüge von Meier. „Was haben Sie in Svantje Sandbergs Wohnung gemacht?“
    Meier stöhnte. „Ich habe etwas geholt. Sie war mein Mädchen, ich habe ihr und ihrer Freundin die Miete für die Bude gezahlt.“
    „Das Buch? Was steht in dem Buch?“, hakte Semir nach. Meier verschränkte die Arme hinter seinem Kopf. „Keine Ahnung, Sie haben es mir ja weggenommen Herr Kommissar.“
    Semir zog den rechten Mundwinkel nach oben. „Sie haben also keinen Schimmer, was in diesem Buch stand?“
    Meier verharrte auf seiner Meinung. „Nein“, sagte er mit bestimmter Stimme.
    „Kommen Sie. Bei Ihrer Festnahme, da haben Sie behauptet, dass es Ihnen gehört und nun, da wollen Sie es nicht kennen?“
    „Dann habe ich eben gelogen, was soll’s. Ich weiß nicht, was in dem Buch steht!“
    „Warum haben Sie dann ausgerechnet das Buch gestohlen“, wollte Semir jetzt wissen.
    Meier lachte amüsiert. „Ich habe Stimmen an der Tür gehört und habe gegriffen, was gerade in der Nähe lag.“
    „Sie geben also zu, dass sie bei Svantje Sandberg eingebrochen sind?“
    „Wie gesagt, ich bezahle die Miete und ich habe einen Schlüssel. Kann man dann als Einbrecher bezeichnet werden?“
    Semir lehnte sich zurück. „Ihnen ist klar, dass sie einer unserer Hauptverdächtigen sind, wenn Sie nicht mit uns kooperieren? Wollen Sie wirklich dem Haftrichter einen Besuch abstatten?“
    Meier zog die rechte Augenbraue hoch. „Sie sind also wirklich der Meinung, Sie können mir mit einem Haftrichter Angst einjagen?“
    Semir tat sich schwer seine Haltung zu bewahren. Dieser Mann war ihm mehr als unsympathisch, aber es half nichts. Er musste sich beherrschen, wenn er irgendetwas erfahren wollte. „Wir werden die Namen entschlüsseln und dann brauchen wir Ihre Aussage ohnehin nicht mehr Herr Meier.“
    Meier lehnte sich wieder zurück und legte die Arme auf den Tisch. „Sie halten mich also für unwichtig?“
    „Ja, um ehrlich zu sein haben sie derzeit nicht mehr wert als das Buch.“
    „Na dann brauche ich jetzt ja auch nichts mehr zu sagen.“



    Während sich Semir dem Verhör mit Wilhelm Meier annahm, hatten es sich Ben und Mikael im Büro bequem gemacht. Das seichte Hämmern der Tastatur war seit einigen Minuten das Einzige, was durch den Raum hallte. Ben beobachte seinen Freund dabei, wie er sorgfältig die Namen aus dem Heftchen in ein Computerdokument eintippte. „Bin ich froh, dass du mitmischen darfst bei dieser Ermittlung. Dein Supergehirn nimmt uns eine Menge Arbeit ab“, durchbrach er schließlich die Stille, die ihm immer unangenehm war. Er wusste, dass es bei Mikael nicht so war. Er hatte ihm einmal irgendwas von finnischer Mentalität erzählt, in der es so etwas wie beklemmende Stille nicht gab.
    Mikael sah von seinem Bildschirm auf. „Ach was. Hartmut hätte sicher nicht viel Länger gebraucht, um diesen einfachen Code zu knacken. Er ist altbekannt. Außerdem ist es der Gleiche, den mein Vater immer benutzt hat.“
    Ben legte die Beine auf den Tisch und verschränkte die Arme hinter seinem Kopf. „Wie du meinst. Ich freue mich trotzdem, dass wir zusammenarbeiten und das nach den anfänglichen Problemen doch auch nicht einmal so schlecht.“
    Das Tippen verstummte. „Ich weiß, ich bin manchmal nicht besonders leicht.“
    Der Kommentar entlockte Ben ein leises Lachen. „Es war eher auf mich bezogen. Du hast nichts verkehrt gemacht.“
    Mikael nickte und senkte den Kopf wieder. Einige Zeit war wieder das typische Tastengeräusch zu vernehmen, ehe es erneut verstummte. „Wie ist es mit deiner Angst?“, fragte Mikael ihn.
    „Sag du es mir.“
    Sein finnischer Freund sah für einen winzigen Moment auf. „Es ist heute besser als gestern, nicht?“
    „Ja. Ich denke, dass ich die Sache irgendwie jeden Tag etwas mehr hinbekomme.“
    „Du hast Abstand zum Leichenfund. Vermutlich liegt es daran.“
    „Ja vielleicht.“ Nun war es Ben, der das Schweigen und die Stille lieber gehabt hätte, aber es schien, als hätte Mikael ihm an Haken und wollte ihn so leicht nicht mehr gehen lassen.
    „Wir sollten dennoch etwas dagegen unternehmen. Das kann ja kein Zustand sein.“
    Ben stöhnte. Er hatte absolut keine Lust über dieses Thema zu reden. Es war ihm mehr als unangenehm und er wollte es endlich hinter sich lassen. Sein Plan war es, so zu tun, als wäre es nicht passiert. „Lass uns darüber reden, wenn du Joshua auf dem Friedhof besucht hast!“, schimpfte er leise. Mikaels Blick veränderte sich und er sah jetzt starr auf den Monitor seines PC, während er weiter Namen eintippte.
    „Ich habe ja auch keine direkte Panik in kleinen dunklen Räumen. Nur dieses gedämpfte unwohle Gefühl“, verteidigte sich Ben weiter.
    „Aha.“
    „Bist du jetzt sauer? Du darfst mir meine Schwäche vorhalten, ich dir aber nicht?“ Ben sah Mikael eindringlich an, doch dieser löste seinen Blick nicht mehr vom Bildschirm.
    „Ich rede mit dir Mr. Täterprofil!“
    Mikael blickte auf und für einen Augenblick fühlte es sich so an, als würden die eisblauen Augen seines Freundes ihn durchbohren. „Weißt du was, lass uns einfach arbeiten. Ich habe es begriffen, du bist der starke Typ, den nichts aus der Ruhe bringt.“ Der scharfe Unterton seines Freundes traf Ben Mitten ins Mark. Er schluckte schwer. „Hör mal. Ich wollte dich nicht verletzten oder so, aber …“ Er trommelte nervös mit den Fingern auf den Tisch. „ … Es ist halt auch schwer für mich. Mich hat früher nichts aus der Ruhe gebracht und diese Sache mit dem Sarg. Ich habe keine Ahnung, wie ich sie vergessen soll.“
    „Du bist Polizist.“
    Ben zog die Augenbraue hoch und sah Mikael skeptisch an. „Wie?“
    „Das wird nicht die letzte Situation sein, in der es für dich eng wird. Du bist Polizist und da gehören Ausnahmesituationen dazu.“
    „Ähm … ich glaube ich kann dir immer noch nicht folgen.“
    „Stell dich dieser Angst, verdammt. Wenn sie dich daran hindert deinen Job vernünftig zu machen, stell dich ihr endlich! Gerade tust du nichts anderes, als ihr auszuweichen. Irgendwann kommt die nächste Situation und was dann? Was tust du, wenn dann nicht Semir an deiner Seite ist, sondern ein Kollege der davon nichts weiß?!“
    „Das sagt der Richtige! Stell du dich erst deiner, dann kannst du mir Ratschläge geben!“
    Mikael zog seinen Stuhl zurück und stand auf. „Ich bin draußen mit Eva telefonieren. Wir drehen uns ja doch nur im Kreis!“ Ben sah ihm verdutzt hinterher. In ihm machte sich eine Mischung aus Wut und Wehmut breit. Natürlich hatte Mikael Recht. Er musste sich diesem Problem stellen, vor allem, wenn es ihm sogar auf der Arbeit begegnen könnte. Anderseits war er aber auch wütend, dass ausgerechnet Mikael ihm einen solchen Ratschlag gab. Immerhin war er derjenige, der vor allen Problemen davon lief. Er hatte sich nie ihm gestellt und erzählt, warum er sich all die Jahre seit seinem Verschwinden mit 14 nicht gemeldet hatte. Er hatte Angst das Grab seines besten Freundes zu Besuchen und Ben wusste, dass er auch weiterhin mit der Rolle seines Vaters, Andreas Hansen, haderte. Und doch war es ausgerechnet Mikael, der ihm diesen dummen Ratschlag gab. Vielleicht gerade deshalb? Immerhin wusste Mikael sicherlich besser, was verdrängte Angst mit einem machte.


    „Was ist los?“ Ben fuhr aus seinen Gedanken hoch und sah zur Tür. Semir war gerade reingekommen und musterte ihn kritisch. „Nichts. Es ist alles in Ordnung.“
    „Wirklich? Du siehst mir ganz anders aus. Hast du wieder einer dieser …“ Der ältere Kollege schien nach den passenden Worten zu suchen. „Sag es ruhig wie es ist: Panikattacken“, fuhr Ben ihm ins Wort. „Nein. Es hat nachgelassen in den letzten Tagen. Inzwischen denke ich kaum noch daran. Allerdings denke ich, dass ich mich dennoch diesem Problem stellen muss.“ Der Braunhaarige sah durch das Fenster auf Mikael, der beim telefonieren mit seiner Freundin auf und ab lief. „Und Mikael denkt das auch. Ich glaube, wir haben uns gestritten deshalb.“
    Semir kniff die Augen zusammen und setzte sich auf seinen Stuhl. „Du glaubst?“
    Ben lehnte sich in seinem Stuhl zurück und sah an die weiße Decke des Büros. Er seufzte. „Er wollte nur nett sein und hat gefragt, wie ich inzwischen damit zurecht komme. Dann habe ich ihm die Sache vorgehalten, dass er sich seiner Angst auch nicht stellt.“ Ben löste seinen Blick von der Decke und sah nun seinen Partner an. „Dann kam eins zum anderen und irgendwann ist er raus mit der Ausrede, dass er mit Eva telefoniert.“
    „Vielleicht kann man eure Angst einfach nicht vergleichen. Ihr Beide, ihr habt ganz unterschiedliche Situationen durchgemacht, die in euch nun dieses Gefühl auslösen.“ Semir sah durch das große Fenster und verfolgte, wie Mikael sein Gespräch gerade beendete. „Ihr müsst euch euren Problemen stellen. Früher oder später, aber ihr solltet es tun, bevor sie euch einholen.“
    „Ja, ich weiß“, stimmte Ben leise zu und setzte dann ein falsches Lächeln auf, als Mikael wieder in das Büro trat.


    Der finnische Polizist sah Semir an. „Und, was brauchbares erfahren?“
    „Nein. Er will nicht reden, daher hoffe ich, dass ihr zumindest mit der Liste etwas habt.“
    Mikael nickte und reichte Semir und Ben einen Zettel mit Namen. „Es gibt fünf Männer, die sehr häufig die Dienste von Svantje Sandberg in Anspruch genommen haben. Dazu kommen noch 15 weitere.“
    Ben überflog die Liste eilig. „Wollen wir uns alle ansehen?“
    „Vielleicht ist es besser, wenn wir erst einmal die groben Infos zusammensuchen zu den einzelnen Männern, wir können dann aufgrund des Täterprofils aussieben“, schlug Semir vor.
    „Semir hat Recht. Das würde uns eine Menge von Laufwegen sparen“, stimmte Mikael zu.
    Ben sah auf die Uhr und stöhnte leise auf. Es war schon 16:00 Uhr durch, da würde es sicherlich heute nichts werden mit dem pünktlichen Feierabend. „Große Kanne Kaffee?“, frage er. „Sehr große Kanne“, bestätigte ihm Semir und setzte sich hinter seinen Schreibtisch. „Stehen die Namen, die Harmut schon herausfinden konnte mit auf der Liste?“ Mikael nickte. „Gut, dann ziehen wir die schon einmal ab und jeder übernimmt fünf Namen.“
    Der finnische Kommissar löste sich von der Fensterbank und machte einige Bewegungen mit der Maus an seinem Computer, ehe der Drucker ertönte. Semir griff nach einem der Zettel. Umso schneller sie hier durch waren, desto schneller konnte er zu seiner Frau und seinen Kindern. Mikael hatte sich ebenfalls bereits hingesetzt und nach einem der Zettel gegriffen. Ben hingegen stand noch immer an der gleichen Stelle und betrachtete seinen finnischen Freund.
    „Ben, du wolltest doch Kaffee holen“, erinnerte ihn Semir. Der Jüngere schreckte auf und kratzte sich verlegen am Kopf. „Jaja, ich war nur etwas abgelenkt.“ Ben atmete tief durch. „Es tut mir übrigens leid Mikael. Ich wollte dich vorhin nicht so angehen. Du hattest Recht. Ich werde mich der Sache stellen und ich hoffe, dass ich auf deine Hilfe setzen kann.“
    „Ich war auch nicht gerade nett. Lass uns das einfach vergessen und arbeiten.“ Ben nickte und verließ dann das Büro in Richtung Küche, um eine Kanne Kaffee zu kochen. Er lehnte sich an die Arbeitsplatte und versank wieder in seine Gedanken. Natürlich würde er sich dieser Sache stellen müssen, aber nun, wo er sich vorgenommen hatte, etwas gegen diese Angst zu unternehmen, da wusste er nicht wie. Er konnte einen Spezialisten aufsuchen, doch in ihm sträubte sich alles gegen den Gedanken. Vielleicht, ja vielleicht sollte er sich wirklich in einem Sarg einsperren lassen oder zumindest in einem kleinen Raum. Dann würde sein Kopf schon begreifen, dass keine Gefahr drohte.


    Nach einiger Zeit löste er seine Hände wieder von der Arbeitsplatte und drehte den Deckel auf die inzwischen gefüllte Kaffeekannte, die er kurz darauf seinen Kollegen an den Schreibtisch lieferte und sich dann ebenfalls seinen fünf Namen zuwandte. Hatte es sich am Anfang wie eine kleine Recherchearbeit angehört, musste er schnell begreifen, dass dem nicht so war. Es war umständlicher als gedacht, wirklich jedes kleine Detail über die Männer herauszufinden. Als es 21:00 Uhr war, entschied Semir, dass sie für heute genug recherchiert hatten und ihre Arbeit am nächsten Tag fortsetzen würden und so machten sich alle drei auf den Weg nach Hause, um sich einige Stunden Schlaf zu gönnen.

  • Als der nächste Tag angebrochen war, machten die drei Kommissare nach Absprache mit der Staatsanwaltschaft und Kim Krüger da weiter, wo sie am Vortag aufgehört hatten. Inzwischen hatten sie den engen Kreis der Verdächtigen auf zwei Männer beschränkt, die sie gleich am Morgen noch als erstes besuchen wollten, ehe man sich eventuell auch die anderen Namen auf der Liste vornehmen wollte. Mikael lehnte an der Fensterbank, während Semir und Ben an ihren Schreibtischen saßen. „Ich denke, dass Marko Westhof unser Mann ist“, durchbrach der finnische Kommissar nach einer Weile die Stille.
    „Wie kommst du darauf? Ich hätte nun eher auf Mike Hartschiffer getippt“, hakte Ben nach.
    „Das Täterprofil passt besser zu ihm. Aufgeräumt, strukturiert. Alles Eigenschaften die Westhof in seinem Job braucht“, antwortete Mikael, während er sich mit einem kleinen Sprung auf die Fensterbank beförderte.
    Ben zog die rechte Augenbrauche hoch und lehnte sich in seinem Stuhl zurück. „Wegen seinem Job ist er dein Verdächtiger Nummer eins?“
    „Ja.“
    Ben wollte etwas erwidern, doch dann nahm er den strengen Blick von Semir war und schluckte seine scharfe Kritik runter. „Wie ist es. Ihr werdet euch Westhof vorknöpfen, während ich zu Hartschiffer fahre, ja?“, schaltete sich Semir ein, dem keinesfalls entgangen war, dass die beiden Freunde ihren Streit von gestern wohl doch noch nicht bereinigt hatten. Vielleicht würden sie es ja endlich tun, wenn sie professionell zusammen arbeiten mussten. So war es zumindest immer zwischen ihm und Ben.
    Der Braunhaarige griff nach seiner Jacke und nickte. „Das klingt nach einem Plan, Partner“, ließ er vermelden und sah dann Mikael an. „Kommst du, oder was?“
    Der jüngste aus dem Trio zögerte. „Wäre es nicht besser, wenn ich mit Sem …“
    „Semir hat uns zusammen eingeteilt, was gibt es da jetzt zu diskutieren? Du glaubst doch eh, dass es Westhof ist!“
    „Ben“, schaltete sich nun wieder der Ältere ein.
    „Ja, ist ja gut. Ich komme ja schon“, murrte Mikael nun und folgte Ben schließlich aus der PAST in Richtung des silbernen Mercedes.


    Die Fahrt verlief still, aber gedrückt. Ben war sich sicher, dass Mikael seine erneute Kritik an seinen Ermittlungsmethoden in der PAST deutlich gespürt hatte. Nun war er sich unsicher, was er sagen sollte, um die Wogen zu glätten. Und Mikael, der war ohnehin von der schweigsamen Sorte und so war nicht damit zu rechnen, dass er ein Gespräch beginnen würde.
    Ben atmete tief durch und trommelte mit den Fingern auf dem Lenkrad. „Kommt Eva gut klar, also mit Oskari, wo du ja jetzt hier in Köln arbeiten musst.“ Er erhielt ein einsilbiges Ja als Antwort. Mehr nicht. „Aber du musst sie fürchterlich vermissen, oder? Es muss was Tolles sein, so eine Familie.“
    Mikael löste seinen Blick vom Fenster und sah ihn jetzt an. „Findest du nicht, dass das Gespräch etwas aufgesetzt ist?“
    Der Fahrer des Mercedes lächelte gezwungen. „Ja, vielleicht … ich wollte einfach nur mit dir reden, ist ja nicht verboten.“
    „Um ehrlich zu sein, würde ich jetzt lieber nicht reden.“
    Ben verstummte. Mit so einer harten Abfuhr hatte er nicht gerechnet. Er nickte nur und schluckte alle weiteren Gesprächsthemen herunter. Irgendwann packte ihn die Ungeduld allerdings dann erneut. „Hör mal, ich habe mir übrigens vorgenommen eine Angsttherapie zu machen, um die Panikattacken in den Griff zu bekommen. Ich weiß noch nicht wann, aber ich habe es vor … ganz sicher. Vielleicht … ich meine, es könnte dir ja auch bei der Sache mit Josh…“
    „Was hat Joshua damit zu tun?“, fuhr Mikael mit scharfer Stimme dazwischen. „Das hält mich nicht von meinem Job ab. Du kannst das nicht vergleichen!“
    „Nein natürlich nicht, aber es belastet dich dennoch.“
    „Ich komme klar“, widersprach Mikael sofort.
    Ben seufzte. „Ich weiß, dass du Albträume hast. Willst du das weiter mit dir rumtragen. Es ist schon zwei Jahre her. Zwei Jahre Mikael!“, appellierte er an seinen Freund.
    „Es geht mir gut!“
    „Es geht dir nicht gut, verdammt! Ich bin zwar nicht so gut wie du in diesen Profilingmist, aber ich kann sehen, dass es dich belastet!“
    „Es geht mir aber gut! Nur weil du Probleme hast, musst du nicht versuchen mir noch größere anzudichten, damit du besser dastehst!“ Mikael legte den Ellenbogen auf die Ablage der Beifahrertür und sah nach draußen. „Ich habe Eva und Oskari, eine Familie. Es geht mir gut!“
    Ben schlug wütend gegen das Lenkrad und knallte den nächsten Gang härter rein, als es nötig war. „Ich dachte echt, dass du dich geändert hast, aber da habe ich mich wohl geirrt. Was bin ich für dich? Nur ein Bekannter, den man aushält? Oder ein Freund? Hmm, sag es mir!“
    „Das musst du wirklich fragen!? Wenn du es fragen musst, dann ist es wohl nicht viel zwischen uns!“, schrie Mikael gereizt zurück und ließ den deutschen Kommissar nun endgültig verstummen.


    Dankbar atmete Ben aus, als sie endlich an der Adresse von Westhof angekommen waren. Die Stimmung im Auto war nicht zum aushalten gewesen. Ben brachte den Wagen zum stehen und sah auf ein kleines Haus mit roten Steinen. Nach links ging ein kleiner Garten raus und es stand in der Nähe eines Steilhanges, die in dieser hügeligen Gegend einige Kilometer außerhalb von Köln keine Seltenheit waren. Westhof arbeitete wohl derzeit an einem neuen Zaun. Die Pfähle standen bereits, die Querbretter waren aber noch nicht angebracht. „Hier ist es“, ließ er Mikael wissen und versuchte jetzt wieder in die Professionalität zu wechseln. Der Finne nickte. „Gut, dann werden wir uns den Typen mal näher ansehen.“ Danach öffnete der Schwarzhaarige die Beifahrertür und stieg aus. Sein Blick fiel auf das Haus. „Er ist es“, sagte er mit bestimmter Stimme. „Sieh dir an, wie der Buchsbaum geschnitten ist. So genau, als wäre er mit dem Maßband dran gewesen und kein einziges Blatt liegt auf dem Steinweg zum Haus.“
    „Wie du meinst“, murmelte Ben unbeeindruckt. Langsam ging ihn das auf die Nerven, dass Mikael immer alles zu wissen schien und ihn bei diesem Fall so derartig in den Schatten stellte. Er war doch kein schlechter Polizist, warum also hinkte er so hinterher? Mikael schien das alles mit Leichtigkeit herausgefunden zu haben, während er sich auch wegen seiner Angst wie ein Dilettant aufführte. Er wünschte schon fast, dass Mikael scheitern würde und Westhof keinesfalls der Täter war.
    „Er hat keine große Möglichkeit zur Flucht“, sagte Mikael, während er die Hände in die Taschen seines Kapuzenpullovers steckte. „Das könnte ein Vorteil für uns sein. Wenn er hinten raus flüchten will, versperrt ihm der Zaun oder der Steilhang den Weg.“
    „Er könnte da herunter, oder nicht?“, gab Ben zu bedenken.
    „Darunter? Bist du verrückt. Das ist doch viel zu rutschig und uneben. Da bricht er sich ja alle Knochen, ehe er unten ankommt.“
    Ben zog die Schultern hoch und ging auf das Haus zu. „Wieso bist du dir so sicher, dass er überhaupt flüchten wird?“
    „Instinkt“, kam es von seiner Seite.
    „Instinkt?“
    „Ja.“ Mikael lehnte sich an das Geländer der Außentreppe. Ben ging noch einige Stufen weiter hoch und klopfte dann an die dicke Eichentür, nachdem er keine Klingel gefunden hatte. „Herr Westhof. Jäger von der Kripo Autobahn, ich und mein Kollege hätten ein paar Fragen an Sie. Würden Sie bitte die Tür öffnen?“
    Es blieb still im Inneren des Hauses. „Herr Westhof! Es ist wichtig, bitte öffnen Sie die Tür!“
    Sie hörten ein Geräusch. Ein dumpfes Poltern, gefolgt von Schritten und einem leisen Knallen. „Verdammt, der will abhauen!“, rief Mikael hinter ihm und setzte sich bereits in Bewegung. Er lief die Treppe herunter, bog nach links ab, wo er sich mit einem Sprung über das Gartentor in Richtung Hintereingang begab.

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  • Westhof hatte keinen großen Vorsprung zu ihnen, aber er hatte einen. „Bleiben Sie stehen, Westhof. Sie haben doch keine Chance!“, schrie Mikael dem flüchtenden Mann zu. Bisher war alles so gegangen, wie es Mikael Ben zuvor geschildert hatte und auch die letzte Hürde des Plans ging auf. Westhof rannte bis zum Ende des Gartens, blieb stehen und sah abwechselnd auf den etwas höheren Gartenzaun, der sein Grundstück vom Nachbar trennte, und den Steilhang. Er schien kurz abzuwägen, was er tun sollte. Dann drehte sich langsam mit erhobenen Händen um. „Ich habe niemanden umgebracht“, beteuerte er.
    Mikael zog seine Handschellen aus dem Hosenbund und ging auf Westhof zu, während Ben den einzig verbliebenen Fluchtweg sicherte. „Niemand hat an der Tür von Mord gesprochen“, sagte Mikael und öffnete dabei eine Handschelle. Westhof wurde nun wieder nervöser und biss sich auf die Unterlippe. Als der finnische Kommissar den Abstand zwischen sich und dem Tatverdächtigen verkürzt hatte, griff er nach dem Handgelenk seines Gegenübers. Und dann ging alles ganz schnell, und doch sah Ben es wie in Zeitlupe. Westhof wirbelte blitzschnell herum und stieß Mikael in Richtung des Steilhanges. Dieser war vollkommen überrascht von dem plötzlichen Angriff, dass er zu spät merkte, dass er mit den rechten Fuß ins Leere trat. Er geriet ins Taumeln, verlor sein Gleichgewicht und stürzte dann, hilflos mit den Armen rudernd, rückwärts in die unheilvolle Tiefe. Westhof sah für einen Augenblick herunter, doch dann rannte er fluchtartig an Ben vorbei, der vor Schock erstarrt war. Aus einem ersten Reflex wollte Ben ihm folgen, doch dann überwog die Sorge um seinen Freund. „Mikael! Bist du okay?“, schrie er, doch er bekam keine Antwort. „Verdammt. Bitte antworte!“ Doch auch diesmal wurde er nicht erhört. Angst machte sich in ihm breit. Er musste sich dazu zwingen in Richtung des Hanges zu gehen. Zu groß war seine Befürchtung, dass etwas Fürchterliches passiert war. Er trat an den Rand, sah hinab. Ben blieb das Herz stehen und er wurde blass. Mikael lag regungslos und etwas verdreht 20 Meter weiter unten am Boden. Seine Augen waren geschlossen. „Mikael!“ Ohne zu zögern, suchte sich der deutsche Kommissar einen Weg nach und rutschte holpernd den felsigen Abhang nach unten. Sein Herz klopfte wie wild in seiner Brust. Er spürte, wie er am ganzen Körper zitterte. Er hatte Angst, schreckliche Angst.


    Als er endlich unten angekommen war, fiel er neben seinem Freund auf die Knie. Von der Stirn und aus der Nase liefen Rinnsale von blassrotem wässrigem Blut. Auch unter seinem Hinterkopf hatte sich der Sand blutrot gefärbt. Er schien auf einen Findling geknallt zu sein. Sein Gesicht und die Unterarme waren zerkratzt. Er tätschelte sanft die Wangen des Schwarzhaarigen, doch nichts passierte. Sein Freund blieb bewusstlos. Ben sah verkrampft auf den Brustkorb. Unregelmäßig und flach holte Mikael Luft, als würde die Luft sofort wieder aus seinen Lungen entweichen, sobald er einatmete. Aber immerhin atmete er. Mit zittrigen Händen suchte er nach einem Puls. Er war langsam, hämmerte aber hart gegen seine Finger. „Mach keinen Mist, hörst du! Ich wollte, dass du einen Fehler machst, aber doch nicht so einen. Du Idiot!“, flehte er leise. Er brachte ihn vorsichtig in die stabile Seitenlage und versuchte dabei, die Halswirbelsäule möglichst wenig zu bewegen. Immerhin war Mikael von dort oben gestürzt und er hatte keine Ahnung, was er sich für Verletzungen zugezogen hatte. Dann zog er sein Handy aus der Tasche und verständigte den Notarzt. Als er das Handy wieder einsteckte, versuchte er abermals seinen Freund wachzubekommen. Vergebens. Keine Reaktion war ihm zu entnehmen. Kein Reflex. Nichts. Ben sah in das zerkratze und blutige Gesicht seines Freundes. „Ich glaub dir ja, das Westhof unser Mann ist. Aber bitte, mach jetzt keinen Scheiß“, appellierte er mit zittriger Stimme an seinen Freund und drückte Mikaels Hand fest, als könnte er ihn dazu zum aufwachen bewegen.


    Ben kam es wie eine Ewigkeit vor, als endlich die Sirenen des Rettungswagens in sein Bewusstsein drangen. Zum Glück endete der Steilhang an einem kleinen Feldweg, so dass zumindest eine aufwendige Rettung nicht nötig war. Der Notarzt schob ihn sanft zur Seite. Ben sah starr auf seinen Freund und verfolgte die routinierten Handgriffe der Rettungskräfte. Er hörte Fachbegriffe, die er nicht verstand, doch die angespannten Gesichter verhießen nichts Gutes. Einer der Sanitäter sprach mit ihm und er gab sich Mühe die Fragen irgendwie zu beantworten, doch im Grunde hatte er keine Ahnung, wie lange Mikael schon ohne Bewusstsein war. Es konnten nur Minuten gewesen sein, dennoch war es für ihn eine unendlich lange und qualvolle Zeit. Er hatte verkrampft auf den Brustkorb gesehen und gehofft, dass sein Freund weiterhin Luft holen würde. Ihm war klar, dass es zu wenig Sauerstoff war, der überhaupt im Blutkreislauf ankam, denn die Lippen hatten einen leichten bläulichen Ton angenommen. Er hatte nicht gewusst, was er tun sollte, wie er handeln sollte. Er hatte Angst gehabt ihn zu bewegen, weil er befürchtete, so alles noch zu verschlimmern. Auch jetzt war er nicht fähig, auch nur den kleinsten Finger zu rühren. Alles war seinen Körper beherrschte war Angst. Alles was er in den Erstehilfekursen gelernt hatte, war dahin gewesen.


    Er sah zu, wie Mikael intubiert, dann auf die Trage gehoben und in den Rettungswagen geschoben wurde. Ben wollte hinterher, doch der Notarzt schüttelte den Kopf. „Bitte fahren Sie mit dem Auto hinterher.“ „Was … was ist denn mit ihm?“, brachte er leise heraus. „Das können wir noch nicht sagen. Vermutlich ein schweres Schädeltrauma“, antwortete ihm der Arzt, ehe er ihm die Klinik nannte, die sie anfahren würden und im Krankenwagen verschwand.


    Ben sah zu, wie der Krankenwagen aus seinem Sichtfeld verschwand. Seine Hand glitt in seine Tasche und er griff mit zittrigen Fingern nach seinem Handy und hielt es sich ans Ohr. „S-Semir ich … e-es geht um Mikael. Bei Westhof, da ist etwas total schief gelaufen. Bitte … kannst du kommen und m-mich ins Krankenhaus fahren …“, sprach er mit dünner Stimme und starrte dabei auf die Stelle, wo vor wenigen Sekunden noch Mikael gelegen hatte.

  • Ben saß auf den Stühlen des OP-Bereichs. Semir hatte ihn hergebracht, musste dann allerdings schweren Herzens wieder fahren, damit man die Spuren vor Ort sicherte. Er hatte ihm versprochen, so schnell wie nur möglich wieder zu kommen.
    Er vergrub den Kopf in seinen zittrigen Händen. Sie operierten Mikael nun schon seit mehreren Stunden und mit jedem Schritt, den der Zeiger der Uhr gegenüber von ihm machte, wurde er nervöser. Eine Schwester hatte nur gesagt, dass es noch dauern würde. Er habe mehrere Verletzungen, die man versorgen müsse. Vor seinem inneren Auge hatte sich das Bild festgesetzt, wie Mikael regungslos in der Tiefe lag. Der ernste Blick des Notarztes. Das alles waren Anzeichen dafür, dass sein Freund nur wenige Meter von ihm um sein Leben kämpfte. Es war doch eine einfache Festnahme gewesen. Westhof hatte keine Waffe gehabt, sie hatten ihn doch schon fast und doch war alles so aus dem Ruder gelaufen. Er bildeten sich abermals Tränen in seinen Augen. Das Letzte, was sie getan hatten, war gestritten. Wie dumme kleine trotzige Kinder. Ben wünschte, dass er die Zeit zurückstellen könnte. Dann wäre er vielleicht nicht so hart gewesen. Er wusste doch, wie allergisch Mikael auf das Thema ‚Joshua‘ reagierte, aber er hatte natürlich nicht den Mund halten können.


    Die letzten Stunden hatte Ben irgendwie in Trance absolviert. Die Fahrt ins Krankenhaus hatte er überhaupt nicht wirklich registriert. Sein ganzer Körper wurde von einer seltsamen Angst beherrscht. Angst um seinen Freund, den er nicht verlieren wollte. Nicht noch einmal. Sie waren sich doch gerade erst wieder näher gekommen. Ben schluckte. Er wollte sich überhaupt nicht vorstellen, wie es gerade Eva ging. Sie und Mikael waren eins dieser Traumpaare, bei dem man schon vom Zusehen neidisch werden konnte. Sie waren füreinander bestimmt und ergänzen sich. Mikael war der Mann, den sie liebte und nun konnte es passieren, dass er vielleicht starb, nur weil sie für einen winzigen Augenblick unaufmerksam gewesen waren. Er schüttelte den Kopf, als der Gedanke aufkam, dass Oskari seinen Vater vielleicht niemals richtig kennenlernen würde. „Verdammt, er schafft das!“, ermahnte er sich selbst. Er hob den Kopf und sah wieder auf die Uhr, musste aber feststellen, dass sich der Zeiger nicht weiterbewegt hatte, als wäre er gefangen in einer winzigen kleinen Minute.


    Wieder drängten sich die Bilder vom Unfall in sein Gehirn und die Tränen fanden erneut ihren Weg. Er wischte sie eilig mit dem Handrücken weg, doch als neue Tränen hinterherkamen, ließ er es einfach geschehen. Jetzt war nicht der Augenblick weiter seine Rolle als starker Mann zu spielen. In diesem Augenblick war er zu müde, um stark zu sein.


    *


    Semir sah den Steilhang im Garten herunter. Nur etwas Blut und plattgetretenes Gras ließ noch erahnen, was hier vorgefallen war. Er schluckte schwer. Was so eine kleine Unachtsamkeit doch auslösen kann, dachte er. Es war vielleicht nur eine winzige Sekunde gewesen, in der Mikael nicht gesehen hatte was Westhof vorhatte und genau dieser Sekunde könnte dem jungen Kollegen aus dem hohen Norden nun zum Verhängnis werden. Den Zustand, in dem er Ben vorgefunden hatte, wollte ihm nicht aus dem Gedächtnis gehen. Sein Partner war am Ende gewesen, vollkommen verzweifelt und alleine das hatte ihn sofort erkennen lassen, dass es wohl etwas Ernstes war und nicht nur ein paar kleine Verletzungen, die in wenigen Tagen heilen würden.
    „Gut das du noch da bist!“, ertönte es hinter ihm und er drehte sich um. Hartmut stand mit einem Klemmbreit einige Meter von ihm entfernt und sah mit Unbehagen auf den Steilhang.
    „Gibt es schon etwas Neues von eurem Freund?“
    „Sie operieren noch“, antworte Semir ihm mit belegter Stimme.
    „Ich verstehe“, murmelte Hartmut und sah dann auf das Haus. „Es gibt da ein paar interessante Dinge, die wir gefunden haben.“ Semir nickte und folgte dem Techniker mit den auffallenden roten Haaren in das Gebäude. Schon im langen Flur beschlich ihn ein ungutes Gefühl. Alles war so sauber. Die Bücher in dem Regal waren penibel nebeneinander aufgereiht. Keines stieß aus der Reihe hervor. Keines schien länger, als die anderen. Die Bilder hingen gerade auf einer Linie und nirgendwo konnte er eine Staubschicht ausmachen. Hartmut führte ihn in einen kleinen Raum und sofort blieb Semir die Luft weg. Seine Atmung wurde etwas schneller. Westhof war tatsächlich ohne Zweifel ihr Mann. Die Wände waren mit Fotos von Svantje Sandberg tapeziert. Die Frau war in allen Situationen und Orten abgelichtet worden. „Ach du …“, entfuhr es ihm leise. „Das kann man Laut sagen“, bestätigte ihm Hartmut. Der KTUler ging auf einen Schrank zu und zog eine der Schubladen auf. Kurz darauf reichte er ihm eine kleine Ampulle. „Das Gift.“ Semir griff danach und ließ das Fläschchen in seiner Hand kreisen, las das Etikett, was ihm nur wenig sagte und reichte es dann wieder Hartmut. „Kümmerst du darum, dass das schnell in die Gerichtsmedizin kommt?“
    „Natürlich. Du kannst dich auf mich verlassen“, bestätigte ihm der Techniker. Semir atmete tief durch und verließ dann das Haus wieder. Er machte einen kurzen Anruf an der Dienststelle. Mit den Beweisen hatten sie alles, was sie brauchten, um diesen Mann hinter Gitter zu bringen und dennoch war da dieser fade, bittere Beigeschmack.


    Nachdem er das nötigste in seiner Rolle als leitender Kommissar erledigt hatte, entschied sich Semir zu Ben ins Krankenhaus zu fahren. Er wäre am liebsten von vorneherein bei Ben im Krankenhaus geblieben, aber irgendwer hatte sich darum kümmern müssen, dass der Verantwortliche hierfür schnell gefunden würde. Semir hatte es übernommen, Eva und Antti von diesem schrecklichen Zwischenfall zu berichten. Noch jetzt zog sich sein Magen zusammen, wenn er an die Reaktion der jungen und so liebevollen Frau dachte. Erst hatte sie minutenlang überhaupt nichts gesagt, dann war sie weinend zusammengebrochen und er hatte sie nur mit viel Mühe wieder beruhigen können. Antti war ebenfalls geschockt gewesen, hatte aber versucht so gefasst wie nur möglich zu klingen. Der erfahrene Kommissar, der sonst Mikaels fester Partner bei der Mordkommission war, konnte eben nicht aus seiner Haut. Er hatte die Rolle eines Fels in der Brandung eingenommen und diese legte er selten ab. Er hatte versprochen sich um Eva zu kümmern und um einen Flug nach Deutschland. Er selbst wusste nicht, ob er kommen könnte. Er müsste darüber erst mit seinem Vorgesetzten reden.


    Nur wenige Minuten nachdem Semir das Krankenhaus betreten hatte, hatte er seinen Partner auf einer Sitzbank vor dem OP-Bereich ausfindig gemacht. Semir sah Ben einige Zeit an. Er war aschfahl und seine rotunterlaufenen Augen verrieten, dass er geweint hatte. „Hast du schon was Neues gehört?“, wollte er wissen.
    „Woher denn? Mir sagt hier niemand etwas“, antwortete Ben mit bedrückter schwerer Stimme und fuhr sich dann verzweifelt durch die Haare. „Ich glaube, es ist ernst“, fügte er nach einer Weile an. „Sie … sie operieren ihn nun schon so lange.“
    Der ältere Kommissar setzte sich neben seinen Freund hin und legte seine Hand auf Bens Schulter. „Westhof hat ihn einfach … Mikael war so überrascht“, murmelte der Braunhaarige leise und vergrub seinen Kopf anschließend in den Händen.
    „Es war ein schrecklicher Unfall.“
    „Es ist aber dennoch passiert“, flüsterte Ben leise. „Es ist passiert.“ Eine Träne rollte dem Jüngeren über die Wange. „Ich will ihn nicht verlieren, nicht noch einmal. Es war doch gerade alles so gut gelaufen. Ich bin mir sicher, dass er neues Vertrauen in unsere Freundschaft hatte und …“ Er brach ab und schüttelte den Kopf. „Semir, er kann nicht sterben. Er darf einfach nicht sterben!“
    Semirs Händedruck auf Bens Schulter wurde fester. „Er wird nicht gehen. Mikael ist stark und egal mit welchen Verletzungen er gerade kämpft, du musst vertrauen haben, dass er es schaffen kann.“
    Ben nickte und schluckte schwer.


    Nach einer gefühlten Ewigkeit öffnete sich die Tür des OP’s und mehrere Ärzte und Schwestern mit grünen Kitteln traten heraus. Einer von ihnen ging auf die beiden warteten Kommissare zu. „Sie sind sicher die beiden Kollegen von Herrn Häkkinen?“, fragte er. Semir und Ben waren bereits aufgestanden und nickten eifrig. „Ja, was ist mit ihm?“, wollte Ben wissen.
    Das Gesicht des Arztes wurde ernster. „Ihr Kollege ist sehr schwer verletzt worden bei diesem Sturz“, fing er an. „Er hat sich mehrere Rippen gebrochen. Es gibt noch weitere Prellungen und Frakturen, die allerdings keine Notversorgung bedürfen.“ Dann machte er eine kleine Pause, zu lange für Bens Geschmack. „Das ist nicht alles, oder?“, fragte der junge Kommissar mit zittriger Stimme. „Was uns die größten Sorgen bereitet, ist eine schwere Kopfverletzung. Es ist uns zwar gelungen, den Hirndruck, der durch eine Blutung hervorgerufen wurde zu senken, aber ihr Kollege liegt zurzeit im künstlichen Koma und sein Zustand ist weiterhin kritisch.“ „Koma“, wiederholte Ben leise und setzte sich wieder auf die Bank. In ihm breitete sich eine unkontrollierte Ohnmacht aus. Alles um ihn herum, schien sich zu drehen. Er begann am ganzen Körper zu zittern und spürte, wie sich Tränen an die Oberfläche kämpften. „Wann können wir zu ihm?“, fragte Semir. „Herr Häkkinen kommt jetzt auf die Intensivstation. Wir müssen zunächst die nächsten Stunden abwarten. Fahren Sie erst einmal nach Hause. Wenn sich etwas verändert, dann rufen wir Sie an.“
    „Aber ich will zu ihm“, nuschelte Ben leise.
    Semir bedankte sich schnell bei dem Arzt und drehte sich dann zu Ben. Er legte ihm seine Hände auf die Schultern. „Komm, sieh mich an“, forderte er. Als sein junger Kollege seinem Wunsch nicht sofort nachkam, wurde seine Stimme schärfer, als er seine Bitte wiederholte. „Ich fahre dich jetzt zu Andrea und mir und morgen, dann wissen wir schon viel mehr. Er braucht sicher jetzt viel Ruhe.“
    „Wir waren doch nur für ein paar Sekunden unaufmerksam.“
    „Mikael wird es schaffen. Er wird diese Sache überstehen.“
    Der Braunhaarige nickte kaum merklich und stand dann mit wackeligen Beinen auf. „Das hoffe ich für ihn, denn ansonsten hätte er sein Versprechen gebrochen, mich nie wieder alleine zu lassen.“

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  • Nach 35 Minuten waren sie bei Semirs Wohnung angekommen. Andrea wartete bereits auf sie. „Wie sieht es aus?“, wollte sie wissen, als Semir sie mit einem Kuss begrüßte. „Er hat eine schwere Kopfverletzung und sein Zustand ist ernst. Er liegt im künstlichen Koma“, antwortete er leise und sah dann auf Ben. Sein Kollege stand noch immer dicht hinter der Tür, als hätte er plötzlich vergessen, dass er sich in diesem Haus frei bewegen konnte. „Komm Ben, wir essen etwas“, forderte Semir ihn auf. Der Braunhaarige nickte seicht und folgte ihm in das Esszimmer.


    Stumm setzte sich der junge Kommissar an den Tisch und senkte den Blick auf die weiße Tischplatte. „Was ist mit Westhof?“
    Semir schluckte schwer. In der ganzen Aufregung der letzten Stunden hatten sie nicht mehr über Westhof geredet. „Es tut mir leid, wir haben ihn noch nicht. Aber wir haben Beweise gefunden, dass er tatsächlich der Mörder von Svantje Sandberg ist.“
    Ben nickte. „Mikael wusste es! Er war sich zu Hundertprozent sicher. Als wir an dem Haus angekommen waren. Er hat es zu mir gesagt, da war kein Zweifel in seiner Stimme. Wir hätten alle Drei sofort dahin fahren sollen!“
    „Das hätte vielleicht auch nichts geändert“, gab Semir seinem jüngeren Freund zu bedenken.
    Ben sah auf und Semir meinte all die Verzweiflung und Enttäuschung in seinen braunen Augen sehen zu können. „Und wenn doch? Vielleicht hättest du die Situation vollkommen anders eingeschätzt … mit deiner Diensterfahrung.“
    „Wie meinst du das?“
    „Mikael war sich so sicher, dass im Garten Endstation ist.“ Bens umgriff die Tischplatte so krampfhaft, dass die Fingerknochen weiß hervorstachen. „Mikael … er …“ Seine Stimme versagte und er schüttelte nur den Kopf. „Semir, wir haben uns gestritten. Verstehst du? Das Letzte, was wir getan haben, war zu streiten. Scheiße, wären wir nicht so abgelenkt und mit unseren Gefühlen beschäftigt gewesen, dann hätten wir nicht so gehandelt! Dann hätten wir den Einsatz abgesprochen und nicht jeder das gemacht, was er für richtig hielt.“
    Semir griff nach Bens Hand. „Ben, sieh mich an!“, forderte er.
    Der Jüngere hob seinen Blick. „Selbst wenn ich dabei gewesen wäre. Vielleicht hätte ich es auch nicht für nötig befunden jemanden an der Hintertür zu positionieren. Das sind Entscheidungen, die wir in wenigen Minuten treffen. Manchmal geht es gut und manchmal, dann eben nicht.“
    „Ich wollte, dass er scheitert Semir. Ich habe mir gewünscht, dass er auch einmal etwas falsch macht. Einmal sollte er einen Fehler machen. Ich war so neidisch! So verdammt wütend, dass er alles konnte! Dass er diesen dummen Fall so schnell gelöst hatte und nur mit einem Blick in die Akte wusste, dass es Westhof ist. Ich verstehe das nicht. Es hat mich doch damals in der Schule auch nie gestört, dass er alles hinbekommen hat.“
    Semir lächelte. „Mikael mag hochbegabt sein, aber er macht doch trotzdem Fehler. Damals als du ihn kennengelernt hast, da hat er den Fehler gemacht niemanden von seinem Vater zu erzählen und bei der Sache mit Joshua, da hat er doch auch erst viel zu spät den richtigen Hinweis gehabt.“
    Der Jungkommissar sah seinen Partner an und ärgerte sich noch mehr. All das hatte er überhaupt nicht gesehen. Er war zu neidisch gewesen, um zu sehen, dass Mikael keinesfalls so perfekt war, wie es schien. „Scheiße, er darf einfach nicht sterben!“
    „Das wird er nicht. Er wird durchhalten.“
    „Wollen wir etwas essen?“
    Ben schüttelte den Kopf und sah dann wieder auf den Tisch. „Ehrlich gesagt, ich habe überhaupt keinen Hunger.“
    Semir wollte etwas erwidern, aber dann klingelte sein Handy. Ärgerlich richtete er sich auf, griff in die Tasche und ging ran. Dann jedoch war seine Wut über den störenden Anruf sofort wieder verfolgen, als sich eine dünne Frauenstimme meldete. „Ich komme sofort“, versprach er noch, ehe er nach einem kurzen Gespräch auflegte.
    „Das war Eva. Ich werde sie jetzt vom Flughafen abholen.“
    Ben nickte. „Natürlich.“
    Semir stand auf und griff nach seiner Jacke. „Möchtest du mit?“
    „Nein. Ich … nein besser nicht.“


    Semir warf noch einen letzten Blick auf seinen jungen Kollegen und verließ dann die Küche. Ehe er aufbrach, beauftragte er noch Andrea damit, dass sie sich um Ben kümmern sollte, während er weg war. „Keine Sorge, ich gebe auf ihn Acht“, versprach sie und gab ihm einen Kuss, ehe er das Haus verließ und mit seinem BMW in Richtung Flughafen aufbrach. Ein beklemmendes Gefühl breitete sich in seiner Magengegend aus. Nach und nach sickerte es zu ihm durch, was in den letzten Stunden alles passiert war, er jedoch verdrängt hatte, weil er immer eine Aufgabe gehabt hatte. Die Ermittlungen leiten, sich um Ben kümmern. Nun, wo er für wenige Minuten ganz alleine mit sich und seinen Gedanken war, da kam es hoch. Die Botschaft des Arztes und der erste Zustand eines Freundes, den er zu schätzen gelernt hatte. Er zwang sich dazu, das Gefühl wieder in den Hinterkopf zu schieben, als er mit seinen Wagen auf den Kurzbesucherparkplatz des Flughafens einbog. Er musste jetzt funktionieren, damit er Eva und Ben in dieser schweren Zeit Halt geben konnte.


    Als Semir durch den Eingang, die riesige Empfangshalle betrat, brauchte er nicht lange, um Eva zu finden. Die junge Frau saß auf einer der Bänke und hielt Oskari fest an sich gedrückt. Sie war blass und sie sah ins Leere. Er ging mit langsamen Schritten auf sie zu und begrüßte sie. Eva stand auf und versuchte so etwas wie ein Lächeln herauszudrücken, doch stattdessen kamen Tränen. Sie drückte ihren Sohn enger an sich. „Ich wusste nicht wohin mit ihm“, schluchzte sie leise. Semir lächelte und nahm der jungen Frau die eilig gepackte Reisetasche ab. „Das ist doch kein Problem. Andrea und Ich, wir sind für dich da und werden dir mit Oskari unter die Arme greifen.“
    „Ist es sehr schlimm?“, fragte sie mit dünner Stimme.
    Er schluckte. Sie war bereits im Flieger gesessen und so hatte er sie nicht informieren können, als sie die Informationen von dem Arzt erhalten hatten. „Er hat eine schwere Kopfverletzung. Eva …“ Er suchte nach den richtigen Worten, musste aber feststellen, dass man diese Nachricht wohl nicht auf die sanfte Weise überbringen konnte. „Er liegt im Koma. Sein Zustand ist kritisch.“
    Sie schüttelte den Kopf. „Nein … nein“, brachte sie nur leise heraus. Semir sah, wie sie zitterte. Entschlossen griff er nun nach dem vier Monate alten Kind in ihren Armen. „Komm, ich werde ihn nehmen.“
    Sie nickte seicht. „D-Danke. Darf ich zu ihm? Wart ihr schon …“
    „Nein. Der Arzt sagt, dass wir unsere Besuche auf morgen verschieben sollen.“
    „Morgen“, wiederholte sie leise und die nächste Träne fand ihren Weg über ihre Wangen.
    „Es ist sicher besser so“, sagte Semir. „Wollen wir zu uns fahren? Andrea hat bereits das alte Babybett von Ayda aus der Ecke geholt. Sie brauch es ja schon länger nicht mehr.“
    Die blonde Frau lächelte unsicher. „Danke“, murmelte sie leise und er nickte seicht. „Das ist selbstverständlich. Ihr seid doch gute Freunde.“


    *


    Nachdem Ben noch eine Weile mit Andrea geredet hatte, war er bei den Gerkhans unter die Dusche gegangen. Das war der Ort, wo er schon seit Jahren am Besten nachdenken und zur Ruhe kommen konnte. Er drehte das Wasser auf und ließ es in eiskalter Temperatur auf seinen Körper prasseln. Die Worte des Arztes zogen in seinem Kopf wirr ihre Kreise. Es war so unwirklich und doch wusste er, dass es wahr war. Seine Faust knallte gegen die Duschwand. „Fuck!“


    Das prasselnde Wasser mischte sich mit dem Geräusch, welches seine Faust an der Wand verursachte, weil er immer wieder dagegen schlug. „Wieso nur? Wieso musste das passieren!?“ Seine Faust knallte abermals gegen die Wand, doch diesmal zog er sie nicht zurück, sondern winkelte seinen kompletten Arm an und legte den Kopf darauf, während er das Wasser noch etwas kälter drehte, als könnte er dadurch die Gefühle in seinem Körper betäuben. Doch nichts passierte. Dieses Gefühl, das er nichts tun konnte, blieb.
    Er wusste nicht, wie viel Zeit vergangen war, doch irgendwann drang ein tiefes Klopfen zu ihm durch. „Ben, ist alles in Ordnung?!“ Das war die Stimme von Semir. Wenn sein Freund wieder da war, musste er schon lange unter der Dusche gewesen sein. Er drehte das Wasser ab. „Ja. Alles gut“, bestätigte er und verließ dann die Dusche um sich abzutrocknen und wieder anzuziehen. Bevor er die Badezimmertür öffnete, atmete er ein letztes Mal tief durch. Gleich würde er Eva unter die Augen treten müssen und er hatte keine Ahnung, was er ihr sagen sollte.


    Schließlich zog der die Tür auf. Er blickte geradewegs in die sorgvollen Augen seines Partners. „Andrea hat auch schon einige Male geklopft. Wir haben uns Sorgen gemacht“, sagte er. Bens Blick fiel an Semir vorbei in das Wohnzimmer. Eva saß auf dem Sofa. Sie weinte und wurde von Andrea getröstet, die neben ihr saß. „Oskari schläft im Gästezimmer“, hörte er Semir sagen. Er nickte und ging dann langsam ins Wohnzimmer. Er setzte sich neben Eva hin, blieb jedoch still. Irgendeine Sperre in seinem Gehirn ließ nicht zu, dass ihm die richtigen Worte einfielen. „Ben“, drang ihre dünne und zittrige Stimme zu ihm durch. Er sah sie an. „Es tut mir leid“, nuschelte er leise und bemühte sich seine eigenen Tränen zurückzuhalten. „Ich wusste ja nicht … hätte ich es irgendwie verhindern können. Ich hätte es getan, Eva.“
    Sie griff nach seiner Hand. „Semir, er hat mir erzählt, wie es passiert ist.“
    „Trotzdem“, widersprach er leise.
    Eva lehnte ihren Kopf an seine Schulter. „Ich weiß überhaupt nicht, ob ich jemanden anrufen soll“, sagte sie nun. „All die Jahre, wo ich ihn nun kenne, war da nie jemand aus seiner Familie. Ich weiß nicht …“ Sie stockte und schluckte schwer. „Ich weiß nicht, ob da überhaupt jemand ist oder ob er ganz alleine ist oder …“
    „Es ist in Ordnung“, kam es nun von Semir, der sich in den Sessel gesetzt hatte. „Ich denke nicht, dass er möchte, dass jemand aus seiner Familie informiert wird, wenn es denn jemanden gibt.“
    Sie wusch sich einige Tränen von den Wangen. „Es muss sich furchtbar anhören. Ich bin seine Freundin, wir haben ein Kind und ich, ich weiß nicht einmal, ob er Familie hat.“
    Ben umgriff ihre Schulter und streichelte sie sanft. Er hatte in den letzten Sekunden ebenfalls überlegt, ob er von jemand wusste, doch da war niemand. Mikael hatte wohl alle Verbindungen zu seiner Familie gekappt. Er könnte natürlich im Polizeicomputer nachsehen, dort würde immerhin stehen, ob Andreas Hansen noch Verwandte hatte, allerdings befürchtete er, dass es Mikael nicht Recht wäre. „Abstammung, was spielt das für eine Rolle? Darauf hast du keinen Einfluss, aber auf Freunde, da schon“, hallte die Stimme seines Freundes in seinem Kopf wieder. Genau diese Worte hatte er gesagt, als er ihn vom Flughafen abgeholt hatte.


    Der restliche Abend verlief in etwa so, wie er begonnen hatte. Es herrschte eine bedrückte Stimmung im Hause Gerkhan und jeder schien mit seinen eigenen Gedanken beschäftigt zu sein. Ab und an war Semir ungeduldig aufgesprungen, um sich auf der Dienststelle zu informieren, ob man nicht inzwischen Westhof gefasst hatte, doch dem war nicht so. Als die Uhr schließlich 23:30 anzeigte, entschied man sich geschlossen dazu ins Bett zu gehen. Ben überließ Eva das Gästezimmer und versuchte es sich auf dem Sofa bequem zu machen. Einschlafen konnte der junge Polizist jedoch nicht. Er lag wach und starrte an die Decke. Immer und immer wieder ging er die Minuten durch, bevor dieser Unfall passiert war.

  • Nachdem sie am morgen gemeinsam gefrühstückt hatten, war Ben mit Eva zum Krankenhaus aufgebrochen. Semir würde auf ihn warten und dann würden sie gemeinsam zur PAST fahren. Das hatte der ältere Kommissar am frühen Morgen bereits mit Kim Krüger abgesprochen und diese hatte Verständnis für die Situation gezeigt.


    Nun standen sie vor der Tür zu dem Zimmer, im welchen Mikael lag. Er spürte, wie Evas Hand in seiner zitterte und drückte sie unbewusst noch ein bisschen fester. Der Arzt hatte ihnen keine wirklich guten Neuigkeiten gebracht. Das schwere Schädel-Hirn-Trauma machte ihnen weiterhin Sorgen. Mikael hatte noch einmal wegen einem Blutgerinnsel operiert werden müssen und hatte darüber hinaus hohes Fieber bekommen, was, laut dem Arzt, keine Seltenheit bei Schädelverletzungen war. Man setzte ein spezielles Kühlsystem ein, dessen Namen Ben bereits wieder vergessen hatte, kurz nachdem der Arzt es ausgesprochen hatte, um den Körper herunterzukühlen. Es war ihm völlig egal, wie es hieß, solange es seinen Freund half.


    Ben atmete tief durch, als er die Tür zum Krankenzimmer öffnete und hineintrat. Als er Mikael in dem Bett erblickte, fühlte er sich urplötzlich erschlagen von der Situation. Das hier war kein Albtraum, das hier war die Realität. In der Luft lag dieser typische unangenehme Duft nach Desinfektionsmittel. Sein Freund, der da vor ihm lag, würde vielleicht sterben. Er lag in mitten von piependen und zischenden Apparaten, deren Bezeichnung und Aufgabe er nicht wissen wollte. Der schlafenden Körper kam ihm in dem großen Bett so verloren vor und überall waren Kabel. Er wurde durch einen Schlauch beatmet, der Kopf war rasiert und eingebunden. Die Augen waren blutunterlaufen. Ben versuchte den Blick von dem Bett zu lösen, doch die ganzen Geräte und Schläuche die er erblickte, wenn er nicht auf Mikaels Körper sah, machten die Situation nicht besser. Hier herrschten nur die Maschinen. Maschinen, die in diesem Augenblick dafür sorgten, dass sein Freund nicht starb.


    Er hörte, wie Eva neben ihm schluchzte. Es kam ihm wie eine Ewigkeit vor, in der sie dicht an der Tür verharrten und sich nicht rührten. Dann löste sich Eva von ihm und ging mit langsamen kleinen Schritten auf das Bett zu. Vorsichtig nahm sie die Hand ihres Freundes, in der ebenfalls ein Infusionsschlauch steckte. „Mikael“, flüsterte sie leise und sagte dann noch etwas auf Finnisch, was Ben nicht verstand. Eva begann zu weinen. Sie brach zusammen, sank auf die Knie und weinte bitterlich, ohne die Hand des Mannes loszulassen, den sie liebte. „Mikael“, schluchzte sie leise hervor. Sie weinte so sehr das sie am ganzen Körper zitterte. Ben schluckte schwer, doch im gleichen Moment begriff er, dass er jetzt stark sein musste - für Eva, für Mikael. Er kniete sich zu ihr herunter und löste sanft ihre Hand von Mikaels, die er dann vorsichtig wieder auf das Bett legte. Dann drückte er sie an sich und strich durch ihre langen blonden Haare. „Er wird es schaffen. Du musst stark sein, für ihn.“ Sie nickte, hörte aber nicht auf zu weinen. Ihre Tränen durchnässten sein T-Shirt und er wog sie sanft in seinen Armen. Irgendwann wurden ihre Schluchzer leiser und sie löste sich von ihm. Sie stand auf und griff wieder nach der lebloswirkenden Hand. „Hör nicht auf zu kämpfen, ja?“, sagte sie mit leiser Stimme. Ben drückte leicht ihre Schulter. „Komm lass uns gehen. Er braucht viel Ruhe.“ Eva nickte und drückte Mikaels Hand ein letztes Mal. „Halte durch, für deine Familie.“


    Dann verließen sie schweigend das Krankenhaus und fuhren zurück zu den Gerkhans. Sie sprachen nur wenig miteinander. Ben wünschte sich, dass er irgendetwas sagen könnte, was die Situation erträglicher machte, doch das konnte er nicht. Mikael war dem Tod vielleicht näher als dem Leben. Er war sich sicher, dass sein Freund kämpfen würde, aber dennoch war er sich nicht sicher, ob Mikael das Leben wirklich so sehr liebte, als das er alles dafür gab. Diese Welt hatte ihm in den vergangenen Jahren immerhin so viel genommen.


    In der Wohnung angekommen, wurden sie bereits von Semir und Andrea empfangen. „Oskari hat keine Probleme gemacht“, begann Andrea und Eva nickte seicht, während sie in dem Gästezimmer verschwand und nach ihrem Sohn sah.
    „Ich werde ihr hinterher“, teilte Andrea mit und ließ sie alleine.
    „Wie sieht es aus?“, fragte Semir.
    „Sie haben ihn heute Nacht noch einmal operieren müssen. Es ist immer noch kritisch … der Arzt hat irgendwas von Hirndruck und Schwellungen gefaselt …“, antwortete der Jüngere mit belegter Stimme und setzte sich auf das Sofa. „Es war furchtbar. So erdrückend … wie er da lag und all diese Geräte!“ Ben schüttelte den Kopf, als könne er dadurch die Bilder loswerden, die sich wieder in seinen Kopf drängten. Semir setzte sich neben seinen Partner hin. „Ich bin mir sicher, dass Mikael das schaffen wird.“ Ben fuhr sich mit den Händen durch die Haare. „Wieso habe ich auch nicht besser aufgepasst!“
    „Du kannst nichts dafür Ben. Ihr konntet nicht damit rechnen, dass Westhof euch austrickst“, versuchte Semir die Schuld von den Schultern seines Partners zu nehmen.
    „Ich hätte meine verdammte Waffe auf ihn richten sollen, als Mikael ihn festgenommen hat!“
    „Er war nicht bewaffnet, dafür gab es keinen triftigen Grund.“
    Der Braunhaarige nickte schwerfällig. Er lehnte den Kopf an die Sofalehne und sah nach oben an die weiße Decke. Kurz darauf erhob er sich von dem Sofa. „Lass uns auf die Dienstelle fahren, Semir. Ich muss irgendwas tun.“
    Sein Partner nickte. „Mir geht es genauso Ben, glaub mir“, sagte er.

  • Ben drückte seine zittrigen Hände in seine Jeans. Er saß im Büro der Chefin und berichtete ihr von der schiefgelaufenen Festnahme. Kim Krüger nickte, als er seinen Bericht beendet hatte. „Ich kann kein Fehlverhalten Ihrerseits sehen, Herr Jäger. Eine Verkettung von unglücklichen Zufällen.“
    Er blieb einige Sekunden still. „Es steht Ihnen natürlich frei sich einige Tage Urlaub zu …“, begann sie, doch der junge Kommissar schüttelte bereits energisch den Kopf. Er befürchtete, dass er sich dann noch mehr in seinen wirren Gedanken verlieren würde, wenn er jetzt Frei nahm. „Ich würde gerne weiter an diesem Fall arbeiten, aber wenn es möglich ist, dann würde ich gerne ab und an einige Stunden fehlen … also nur wenn die Freundin von Mikael Hilfe braucht.“
    Die Chefin lächelte. „Das ist natürlich kein Problem Herr Jäger. Solange Sie sich im Stande dazu fühlen, werde ich Sie weiter mit Herrn Gerkhan an dem Fall arbeiten lassen.“ Er nickte und brachte noch ein leises Danke heraus, ehe er das Büro einer Vorgesetzten verließ und in sein eigenes verschwand.


    „Haben wir schon etwas?“, fragte er, als er sich hinter seinen PC setzte. Semir lehnte sich etwas in seinem Stuhl zurück. „Bisher gibt es noch keinen Hinweis, wo sich Westhof aufhalten könnte. Ich halte es für eine gute Idee seine Bekannten abzuklappern. Vielleicht weiß ja jemand etwas.“
    „Besser als hier sitzen und warten, dass die Fahndung endlich etwas bringt“, stimmte Ben zu und erhob sich wieder, um nach seiner Jacke zu greifen.
    „Unsere erste Adresse ist Stefan Richter. Er und Westhof sind Freunde und der Typ hat keine ganz lupenreine Vergangenheit“, informierte Semir seinen Kollegen, während er nach seinem Autoschlüssel griff und Ben aus der Dienststelle folgte.
    Knapp 40 Minuten später brachte Semir den Wagen vor einem kleinen Reihenhaus mit braunen Klinkern und einer weißen modernen Tür, die nicht so recht zum Rest des Hauses passen wollte, zum Stehen.
    „Denkst du, dass er sich dort versteckt?“, wollte Ben wissen.
    „Wir können es immerhin nicht ausschließen.“


    Semir und Ben stiegen aus dem Dienstwagen aus und gingen auf das Haus zu. Es hatte nur einen kleinen Vorgarten, der allerdings nicht besonders gepflegt war. Der ältere Kommissar klingelte und nur wenigen später waren Schritte zu hören, die näher kamen. Die Tür wurde einen Spalt weit geöffnet und Semir zeigte seinen Dienstausweis. Stefan Richter zog die Tür nun ganz auf. „Kommen Sie herein“, bot er an und sie traten in das Haus und konnten sich nun ein komplettes Bild von Richter machen. Er war groß, schlaksig, etwa 40 Jahre alt und hatte kurzes blondes Haar. Kein wirklich auffälliger Typ, dem man auf jeden Fall nicht ansah, dass er wegen kleinerer Betrügereien der Polizei bekannt war.
    „Womit kann ich der Polizei helfen.“
    „Sie haben doch sicherlich im Radio und in den lokalen TV-Sendungen gehört, dass wir ihren Freund Marko Westhof suchen“, kam Ben gleich zum Punkt.
    „Ja natürlich, da denkst du, dass du einen Menschen kennst und dann so etwas“, erklärte Richter betroffen. „Marko und ich haben uns schon länger nicht gesehen, es tut mir leid.“
    „Was war ihr Freund für ein Mann?“, fragte nun Semir. Richter ging durch bis in ein kleines altmodisches Wohnzimmer und bot ihnen das Sofa an. „Wie habe ich diese Frage zu verstehen?“
    „Nunja, was hatte er für Eigenschaften. Gab es Orte, wo er gerne war. So etwas.“
    Richter schien lange zu überlegen. „Er ist sehr penibel und achtet auf jedes kleine Detail. Alles muss seinen Platz haben. Ich weiß nicht, ob er so etwas wie einen Lieblingsplatz hatte.“
    „Hatte er eine Freundin?“, fragte Semir weiter.
    „Sie meinen, weil er das junge Ding ermordet hat?“
    Der Deutschtürke nickte. Richter zuckte mit den Schultern. „Ich weiß nicht. Ehrlich gesagt, ich glaube nicht, dass er jemals eine feste Beziehung hatte.“
    „Und Sie haben wirklich keine Idee, wo er sich aufhält?“, mischte sich nun wieder Ben ein, der langsam ungeduldig wurde, wo sie das Gespräch überhaupt nicht weiterbrachte.
    „Nein, es tut mir leid“, beteuerte Richter.
    „Hören Sie, er hat mein Kollegen verletzt. Er legt im Koma und kämpft gerade um sein Leben! Also, wissen Sie wirklich nicht, wo ihr Freund ist?“, bohrte Ben nun energischer nach.
    „Nein“, wiederholte der Mann abermals.
    „Dürfen wir uns bei Ihnen umsehen?!“, erwiderte Ben.
    Richter fuhr sich durch die blonden Haare und schien etwas länger über die Frage nachzudenken. Dann allerdings stimmte er zu. „Natürlich, ich habe ja nichts zu verheimlichen.“
    Ben stand auf und sah Semir an. „Du oben, ich unten?“ Der Ältere nickte und erhob sich nun ebenfalls von dem Sofa.


    Es dauerte knapp 15 Minuten, bis sich die beiden Hauptkommissare im Wohnzimmer wiedertrafen. Beide schüttelten seicht den Kopf, um zu signalisieren, dass sie nichts vorgefunden hatten. „Vielen Dank für ihre Unterstützung“, sagte Semir in die Richtung von Stefan Richter. „Wir melden uns bei Ihnen, sollten noch weitere Fragen auftauchen.“
    „Natürlich. Kein Problem“, antwortete der blonde Mann mit einem freundlichen Lächeln und begleitete sie dann in Richtung Tür.


    Ben ließ sich wütend auf den Beifahrersitz fallen. „Das bringt doch alles nichts! Westhof hat sich irgendwo versteckt und wartet ab.“ Er raufte sich durch die Haare. „Oder er ist schon über alle Berge!“
    „Die Straßenkontrollen wurden sofort aufgestellt und jedes Auto, was seinem auch nur ähnelt wird kontrolliert“, ermutigte Semir seinen Partner.
    „Und wenn er es schon lange getauscht hat, was dann?“
    „Wir werden ihn schon erwischen Ben. Er wird nicht ungeschoren davon kommen.“
    Der Jüngere atmete hörbar aus. „Ich hoffe es. Ich könnte Mikael nie wieder unter die Augen treten, wenn ich den Mann nicht bekomme, der für seinen Zustand verantwortlich ist!“

  • Auch am Folgetag versuchen Ben und Semir alles, um Westhof schnell zu finden. Sie klapperten Bekannte ab, checkten seine letzten Anrufe, überprüften seine Geldkarten, doch am Ende kam nichts Neues dabei raus. Westhof blieb einen weiteren Tag verschwunden.
    „Willst du mit zu uns kommen?“, fragte Semir als er nach seiner Jacke griff und damit den Feierabend einläutete. „Andrea hat sicherlich gekocht und eine Person mehr bekommen wir auch noch durchgefüttert.“
    Ben lächelte. „Danke für das Angebot, aber ich denke ich fahre noch zu Mikael und danach … vielleicht komme ich noch vorbei, aber ich kann es nicht versprechen.“
    Der Ältere griff nach seiner Jacke. „Ich sorge dafür, dass dir etwas übrig gelassen wird. Bis später dann.“
    „Ich sagte vielleicht“, gab Ben zu bedenken, doch merkte recht schnell, dass er sich wohl nicht vor einen Besuch drücken konnte. „Gut. Bis dann“, verabschiedete er sich von seinem Kollegen und verfolgte, wie Semir die PAST verließ. Kurz darauf stand auch er auf, verstaute seine Waffe im Spint und griff nach seiner Jacke, um zum Krankenhaus aufzubrechen. Von Eva wusste er, dass sich nicht viel getan hatte. Der Zustand lautete weiterhin kritisch, aber stabil. Was auch immer man im Krankenhaus-Jargon darunter verstand.


    Im dichten Feierabendverkehr hatte Ben etwas länger als sonst, bis zur Klinik gebraucht, allerdings war er auch zu geizig gewesen, seinen Mercedes in das Parkhaus zu lenken und so hatte er auch einige Minuten auf der Suche nach einem freien Parkplatz verschenkt. Sofort als er durch die große Eingangstür trat schlug ihnen der typische Krankenhausgeruch entgegen. Sauber, steril, aber dennoch unangenehm. Zielsicher steuerte er die Intensivstation im vierten Stockwerk an. Unbewusst wurde er mit jedem Meter, dem er Mikaels Zimmer näher kam langsamer. Er hatte sich immer noch nicht mit diesem Gedanken anfreunden können, dass sein Freund dort so regungslos lag. Er klopfte an die Tür, obwohl er sehen konnte, dass niemand im Raum war und es im Nachhinein eigentlich auch ziemlich albern war, da Mikael es ja ohnehin nicht mitbekam, und ging dann hinein. Das Bild hatte sich zum Vortag nicht verändert. Alles wäre dort im Bett nur eine Puppe oder eine leere Hülle.


    Bis auf das rhythmische Zischen des Beatmungsgerätes und das gleichmäßige Piepsen der Geräte war es totenstill im Zimmer. Er schluckte und holte einen Stuhl ans Bett. Er betrachtete Mikaels fahles Gesicht. „Mach kein Scheiß Hansen. Es wird Zeit für gute Nachrichten“, sagte er, als könnte er durch diesen Namen Mikael dazu bewegen, aufzuwachen und ihn zu korrigieren. „Es heißt Häkkinen“, hörte er die Stimme seines Freundes in seinen Ohren wiederhallen. Doch in Wirklichkeit geschah nichts. Er lag regungslos vor ihm. Das Einzige, was zu vernehmen war, war das Heben und Senken des Brustkorbs.
    „Du hast eine Familie, die dich braucht. Du weißt doch, wie wichtig Familie ist.“ Ben streckte seine Hand aus und griff nach der leblosen, beängstigend schlaffen Hand von Mikael und umfasste sie. „Wieso musstest du dich ausgerechnet in diesem Augenblick wie ein Anfänger benehmen? Wieso? Sieh dir nur an, was du davon hast.“ Ben drehte den Kopf zur Seite und beobachtete die Geräte neben dem Bett. „Kannst du eigentlich so einen Kram lesen?“, fragte er laut und den Raum. „Vorstellen kann ich es mir zumindest, du alter Streber.“
    Er seufzte. „Es tut mir leid, was ich zu dir gesagt habe, Mikael. Es war bescheuert und natürlich weiß ich, dass dir etwas an unserer Freundschaft liegt. Wir wollten uns wohl Beide nicht unsere Angst eingestehen und haben uns deshalb wie Kinder die Köpfe eingeschlagen.“ Er drückte die Hand von Mikael fest. „Was ist nur passiert, dass du niemanden mehr vertraust, hmm? Seit wann bist du so verschlossen?“ Er dachte an die Zeit zurück, als sie Jugendlich waren. Klar, Mikael war auch da nicht gerade redselig, aber sie hatten sich alles anvertraut und über alles gesprochen. Nun, da schien sein Freund zu glauben, dass er alleine gegen die Welt kämpfte und seine Probleme alleine bewerkstelligen konnte.
    Ben löste seinen Blick wieder von den Geräten und sah dann wieder auf das Bett. „Ist dir eigentlich bewusst, wie verletzlich du gerade aussiehst, fast so wie damals in der Schule. Ich glaube, dass würde dir überhaupt nicht passen.“ Er lachte. „Hör dir nur an, was ich für einen Scheiß rede. Es ist verdammt schwer einen Monolog zu führen, ist dir das bewusst? Ach was, natürlich. Du zwingst mich ja dauernd dazu, auch wenn du wach bist.“


    Aus dem Augenwinkel erhaschte er einen großen Schatten hinter der Scheibe. Er sah auf und blickte geradewegs in die Augen von Westhof, der seine Lippen zu einem Wort bewegte. Bens Augen weiteten sich vor Überraschung. Was zur Hölle macht der Mann hier? In diesem Augenblick sah auch Westhof ihn an und rannte dann Hals über Kopf los. „Fuck!“ Er löste seine Hand von Mikaels und sprang regelrecht aus seinem Stuhl auf. Ben eilte zur Tür und riss sie hektisch auf. Er sah den Gang herunter und musste feststellen, dass der Flüchtige sich bereits einen guten Vorsprung verschafft hatte und in einen der Fahrstühle stieg. Er spurtete los, erwischte den Fahrstuhl allerdings nicht mehr. Schnell warf er einen Blick auf die Anzeigen der übrigen Aufzüge, die allesamt aber noch brauchen würden, ehe sie in seinem Stock ankamen. Kurzerhand rannte er wieder los und nahm die Treppen. Er versuchte, mehrere Stufen auf einmal zu nehmen. Er konnte diesen Mann ganz einfach nicht so entkommen lassen! Dann jedoch kam sein Fuß etwas zu weit vorne auf der glatten Stufe auf und er geriet ins straucheln. Er verlor das Gleichgewicht und donnerte mit den Händen voraus einige Stufen herunter gegen die Wand. Er verspürte einen Schmerz in seinem rechten Knie und den Handflächen, doch bemühte sich, es für den Augenblick zu ignorieren und stemmte sich wieder hoch, um seine Hatz fortzusetzen. Endlich war er im Erdgeschoss angekommen und riss schnell die Tür auf, um in das große Foyer zu stürzten. Er sah sich um und konnte gerade noch sehen, wie Westhof die große Eingangstür erreichte. „Bleiben Sie stehen! Haben Sie gehört! Sie sollen stehen bleiben!“, rief er. Westhof sah sich kurz um, beschleunigte das Tempo und begann dann zu rennen. Ben tat es ihm nach. Als er vor dem Krankenhaus angekommen war, hatte Westhof bereits den Parkplatz erreicht und zog die Autotür eines roten, von Rost zerfressenen Ford älteren Baujahrs auf.
    „Bleiben Sie stehen, verdammt noch mal, oder ich schieße!“ Ben griff nach seiner Waffe, um dann festzustellen, dass er sie natürlich nicht dabei hatte. Es war Feierabend und er hatte sie auf der Dienstelle weggeschlossen, weil er noch zu Mikael gewollt hatte. Westhof lächelte und stieg in seinen Wagen, um kurz darauf mit quietschenden Reifen davon zu rasen.
    „Fuck!“ Wütend schlug Ben mit der Faust gegen die Wand neben sich. Er hatte sein Auto ein ganzes Stück von hier geparkt. Er würde es niemals rechtzeitig erreichen, um den Wagen des Flüchtigen nicht zu verlieren. Wieder war Westhof entkommen, doch was ihm viel mehr Angst machte, war, dass dieser Mann hier gewesen war. Er war vor Mikaels Zimmer gestanden. Warum? Was zur Hölle hatte er da gewollt? Er war sich sicher, egal was es war, er würde dafür sorgen, dass Westhof sich nicht noch einmal seinem Freund nähren würde! Ben versuchte seinen aufgewühlten Körper zu beruhigen und zog dann sein Telefon aus der Tasche, um über die Dienstelle eine Fahndung nach dem Wagen von Westhof herauszugeben. Noch hatten sie eine Chance ihn zu finden, ehe er vielleicht wieder untertauchen würde. Als er über Susanne eine Fahndung in Auftrag gegeben hatte, rief er bei Semir an und berichtete ihm, was hier vor wenigen Minuten passiert war. „Ich bin ihm nach, aber ich hab ihn verloren“, beendete er seine Erzählung. „Ich denke, dass wir Polizeischutz für Mikael beantragen sollten. Ich habe keine Ahnung, was er hier wollte, aber ich will nicht, dass er noch einmal die Chance bekommt in seine Nähe zu kommen!“
    Semir stimmte zu und versprach sich darum zu kümmern, dass es so schnell wie möglich passieren würde. Ben seinerseits entschied sich seine Rückkehr in die Intensivstation anzutreten. Er würde da solange warten, bis die Kollegen eintrafen. Außerdem konnte er im gleichen Zug die Arbeitskräfte er Intensivstation darüber informieren.

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