Zurück im Glück
Am 2. Januar war Semir extra etwas früher zur Dienststelle gefahren, um Bens Dienstantritt vorzubereiten. Er hatte seinen Schreibtisch schon zwischen den Jahren geräumt und war in Kim Krügers Büro gezogen. Unter die Tür schob er als erstes einen mitgebrachten Keil aus Holz, um sie ständig offen zu halten. Denn er hatte nicht vor, sich von der übrigen PAST abzuschotten. Es reichte ihm, die Tür bei vertraulichen Gesprächen schließen zu können, ansonsten würde sie für jeden offen stehen. Sein alter Schreibtisch bei Alex im Büro war nun bereit für Ben. Schon bald würde an der Wand wieder eine Gitarre lehnen, auf der Schreibtischplatte das gewohnte Chaos herrschen, und Semir musste zugeben, dass er dieses in den Monaten der Abwesenheit von Ben Jäger ein wenig vermisst hatte.
Dann war es soweit. Die Tür zur PAST schwang auf und Ben Jäger betrat seine ehemalige Wirkungsstätte. Nur heute kam er nicht zu Besuch, heute kam er, um zu bleiben.
Susanne König hatte extra ihren Neujahrsurlaub unterbrochen, um ihn im Büro willkommen zu heißen. Jenny Dorn und Dieter Bonrath waren noch nicht auf Streife, sondern wollten diesen Moment miterleben. Auch Alex war schon in der PAST und trat nun aus dem kleinen Büro, welches er zukünftig mit Ben teilen würde zu den Kollegen. Alle haben diesen Tag herbeigesehnt, seit Bens Rückkehr beschlossene Sache war. Ben blickte von einem zum anderen, die ganze PAST-Familie war anwesend. Er war gerührt und wusste gar nicht, was er sagen sollte. Auf diesen Empfang war er nicht vorbereitet. Susanne brach als erste das Schweigen und ging auf Ben zu. „Wenn alle sprachlos sind, dann fang eben ich an. Herzlich Willkommen, Ben, ich freue mich, dass du wieder bei uns bist.“ Sie nahm Ben in den Arm und reichte ihn dann an Jenny weiter. So wurde er von jedem herzlich begrüßt. Semir war der letzte in der Reihe. „Nicht dass du auf die Idee kommst, es hätte ohne dich nun gar nicht funktioniert. Aber ehrlich, Ben, ich habe dich hier vermisst! Wir alle haben dich vermisst.“ Die Partner von einst und jetzt nahmen sich in den Arm.
Alex stand etwas betreten daneben. Er kannte Ben, der in den letzten Monaten immer mal wieder in ihre Fälle gestolpert war und konnte sich eine Zusammenarbeit und Partnerschaft mit ihm gut vorstellen. Ganz so herzlich allerdings, wie er es bei den anderen beobachten konnte, war ihr Verhältnis nicht, noch nicht. So gab er Ben nur freundschaftlich die Hand und schlug ihm auf die Schulter. „Willkommen im Team, Ben.“ – „So“, meldete sich jetzt Susanne, „ehe die Begrüßung hier ausartet, können wir zusammen in den Sozialraum gehen. Ich habe extra für heute eine Torte gebacken, und der Kaffee dürfte auch schon fertig sein.“
Nachdem die Begrüßungsrunde abgeschlossen und die Torte verspeist war, ging Ben mit Semir in dessen Büro, um die Antrittsformalitäten zu erledigen. „Chef! - Ich glaube, daran werde ich mich erst noch gewöhnen müssen, Semir.“ – „Die größte Änderung wird sein, dass du zukünftig mir die geschrotteten Dienstwagen zu melden hast und nicht mehr der Krüger. Du wirst dir noch die alten Zeiten zurück wünschen, Ben.“ – „Schwer vorstellbar. Und du wirst Bürohengst?“ – „Das hättest du wohl gerne. Ich werde meiner Dienstaufsichtspflicht schön auf der Autobahn nachkommen, darauf kannst du dich verlassen.“ Semir holte einen Karton aus seinem Schreibtisch, legte ihn vor sich auf den Schreibtisch und klappte den Deckel auf.
„Deine Dienstwaffe“, begann er und reichte sie Ben, „dein Dienstausweis“, auch die Karte wechselte den Besitzer, „und einen Stapel Papier. Die darfst du jetzt alle brav unterschreiben. Dann gehörst du auch ganz offiziell wieder zu uns.“ Ben nahm die Papiere und den gereichten Kugelschreiber, überflog die Formulare und begann zu unterschreiben. Er blickte auf. „D - BD 2408? Heißt das, ich bekomme meinen alten Dienstwagen?“ – „Ja, das hast du Dieter zu verdanken, er hat alle Hebel in Bewegung gesetzt und sich sehr darum gekümmert, dass der Wagen zu uns zurück kommt. Er hat das ganze Jahr unfallfrei überstanden, man glaubt es kaum, das war aber auch nicht bei uns, sondern im Präsidium. Alex fährt den Neuen weiter, und du wieder deinen Alten. So kann ich auch meinen BMW behalten. Bist du fertig? Dann zeig ich dir jetzt dein Büro.“
Beim letzten Satz mussten Semir und Ben lachen, denn das Büro bräuchte er Ben eigentlich nicht zu zeigen. Und sie lachten auch noch, als sie das Großraumbüro durchquerten und zu Alex in das kleine Zimmer traten. Auf dem Tisch hatte Alex einen Stapel mit den Akten der laufenden Fälle gelegt, damit sich Ben langsam einlesen konnte. So verbrachte er die nächsten beiden Stunden mit dem Durchblättern der Papiere. Semir kam gegen Mittag, um ihn und Alex zum Essen und einer ersten Erkundungsfahrt durch das alte Revier abzuholen.
Ben saß mittlerweile auf seinem alten Schreibtischstuhl, stieß sich mit den Händen am Tisch ab und drehte sich einmal um sich selbst. „Und Semir“, meinte er zu seinem neuen Vorgesetzten, der in der offenen Bürotür stand, „weißt du, was das schönste an meinem Job hier ist?“ Er ließ den Stuhl ein weiteres Mal kreisen.
„Dass der Stuhl sich dreht?“, vermutete Semir mit einem breiten Grinsen. „Nein. Dass es mir so vorkommt, als wäre ich nie weg gewesen.“
Ende
Epilog
Viele Fragen sind hier nicht offen geblieben, denke ich.
Aber da ich diese Geschichte bereits im letzten Jahr geschrieben und anschließend erst „VerBrandt“ beendet habe, möchte ich doch noch etwas zu den Nebenschauplätzen mitteilen, die nun in dieser Geschichte nicht weitererzählt wurden, da sie zum Zeitpunkt ihrer Fertigstellung noch ganz tief in meinem Kopf schlummerten.
Da wäre zum einen der geplante Umbau der Wohnung von Semir und Andrea, der ja in „VerBrandt“ thematisiert wurde. Wie von ihnen gewünscht wurde dieser im Herbst (also während Semir sich auf die Stelle des PAST-Vorstehers bewarb) durchgeführt. Aus ihrer 3-Zimmer- und der benachbarten 2-Zimmer-Wohnung wurde in einem mehrwöchigen Kraftakt eine geräumige 5-Zimmer-Wohnung geschaffen, in der nun jedes Familienmitglied viel Platz für sich hat. Die Größe der Küche hat sich verdoppelt, das zweite Badezimmer ist nicht nur erhalten worden, es ist jetzt auch durch Verlegung der Tür und einer Leichtbauwand direkt vom Schlafzimmer von Semir und Andrea zu betreten.
Ein weiterer Punkt wäre Sascha, der ja nun in dieser Geschichte und auch in der folgenden gar nicht erwähnt wird. Er hat nach einer mehrmonatlichen Pause seine Arbeit in seiner Werkstatt wieder aufgenommen. Seine körperlichen Verletzungen sind verheilt, aber seelisch haben er und Claudia den nächtlichen Überfall noch nicht ganz überwunden. Claudia traut sich im Dunkeln kaum noch aus der Wohnung und bekommt schon Schweißausbrüche, wenn sich ihnen von hinten Menschen nähern oder ihnen entgegen kommen, auch wenn deren Absichten absolut harmlos sein mögen. Sie hofft, dass sich ihre Angst mit der Zeit und der Unterstützung – auch durch die PAST-Familie, die sie bekommt, legen und sich hoffentlich nicht auf ihre Kinder übertragen wird.