Beiträge von Yon

    Verfolgungswahn


    Klaus Heinrich war nervös. Der Anruf von Alex hatte ihn zutiefst erschüttert. Den ganzen restlichen Tag ging er so vorsichtig, als bewege er sich auf dünnen Glasscheiben, er traute sich nicht, mit seinem vollen Gewicht aufzutreten, vermutete hinter jeder Ecke Unheil, sah überall Augen, die ihn bedrohlich beobachteten. Hier im Präsidium war er sicher, aber es zog ihn auch nach Hause. War auch seine Familie, seine Frau Karin, sein Sohn Erik in Gefahr?

    Auch seinen Kollegen fiel die Veränderung von Klaus Heinrich nach dem Telefonat auf. Sie vermuteten aber wohl eher familiäre Probleme, da Erik gerade mit dem Gesetz in Konflikt geraten war, als er vor einigen Tagen bei einem Ladendiebstahl erwischt worden war. Erik durchlebte eine schwierige Phase, das war im Rauschgiftdezernat, wo sich die Kollegen sehr gut untereinander kannten und schätzten, ein offenes Geheimnis. So wunderte sich auch niemand, als Heinrich an diesem Tag früher als üblich Feierabend machte.

    Er fuhr ziellos durch die Gegend. Hatten sie ihn schon im Visier? Saßen eventuell gerade im Auto hinter ihm bewaffnete Gangster, die nur darauf warteten, ihn vor die Flinte zu bekommen? Wie wird die Begegnung aussehen, wird er seinen Gegner in der Sekunde seines Todes zu Gesicht bekommen, oder zog dieser vor, sein Opfer aus dem Hinterhalt zu erlegen? Oder wird es ihm, Klaus Heinrich, gelingen, Mario Torres zu entkommen? Hatte es Torres überhaupt auf sie abgesehen, oder konnte es sein, dass der Südamerikaner doch nur wegen seiner Geschäfte zurück nach Deutschland gekommen war?

    Klaus Heinrich trat plötzlich scharf auf die Bremse. Beinahe hätte er die jungen Mädchen auf dem Zebrastreifen übersehen. Er schimpfte mit sich. Er durfte nicht so unkonzentriert und abwesend sein, solange er in seinem Auto durch die Stadt fuhr. Er beobachtete den nachfolgenden Verkehr. Direkt hinter ihm fuhr ein dunkler BMW, der aber in dem Moment, in dem Heinrich in den Rückspiegel blickte, in eine Seitenstraße abbog und den Blick frei machte auf einen roten Kleinwagen mit einer älteren Frau am Steuer, dahinter kam ein LKW, an dem Heinrich nicht vorbei schauen konnte.

    Er war sich sicher, unbeobachtet zu sein und atmete tief durch. „Ich leide schon unter Verfolgungswahn!“, sagte er zu sich selbst, das würde Alex Brandt büßen, wenn die Sache ausgestanden war, schwor er sich. Nichts würde passieren. Alex‘ Anruf war eine Warnung, und er war auf der Hut, aber übertrieben ängstlich, das nahm er sich vor, wollte er nun auch nicht sein. Wahrscheinlich ging Mario Torres seinen Drogen-oder-was-auch-immer-Geschäften nach und hatte seine Drohung vom letzten Jahr längst vergessen.

    Er lenkte seinen Wagen in das ruhige Wohngebiet, in dem er mit seiner Familie ein schmuckes Einfamilienhaus bewohnte, und stellte seinen Opel auf der Auffahrt ab, als ein weiterer Anruf von Alex ihn über den tatsächlichen Ernst der Lage unterrichtete. Jener erzählte ihm von der grausamen Ermordung Walter Paulsens. Damit war klar: Mario Torres hatte nichts vergessen. Er hatte bereits damit begonnen, seine Gegner von damals auszuschalten. Wie durch einen Schleier betrachtete er sein Haus. Er musste mit seiner Familie in eine sichere Unterkunft, musste sich noch heute darum kümmern, ein paar Sachen packen und in eine Schutzwohnung ziehen.

    Die Szene zwischen Dana und Semir hat mir auch sehr gut gefallen, aber Semir sollte sich wirklich um eine zweite Meinung und eine zweite Untersuchung bemühen. Mit der Ungewissheit hält er die drei Wochen bis zum Termin doch bestimmt nicht aus.

    Warnung

    Während Ben in Richtung PAST fuhr, klingelte Alex‘ Handy. „Ja, Susanne, hast du was rausgefunden?“ – „Sicher, deshalb rufe ich an. Paulsen hat Urlaub, ist aber wohl nach Aussage seiner Kollegen zuhause am Renovieren. Ich schicke euch seine Adresse und Telefonnummern. Und Heinrich ist im Dienst, im Rauschgiftdezernat, die Telefondurchwahl ist 8151 im Düsseldorfer Präsidium.“ – „Danke, Susanne.“ Alex blätterte gleich zu der Mail von Susanne, in der die Sekretärin Adress- und Telefondaten der Kollegen zusammengefasst hatte und wählte zunächst die Festnetznummer von Walter Paulsen.

    Es hob niemand ab. Auch bei der Handynummer hatte er kein Glück. Normalerweise wäre das noch kein Grund zur Sorge, jeder geht mal kurz ohne Handy aus dem Haus, aber unter den gegebenen Umständen, der bestehenden Bedrohung, war dieses durchaus ernst zu nehmen. „Gib Gas, Ben. Paulsen besuchen wir als erstes, da habe ich ein ganz ungutes Gefühl. Weserstr. 73, das ist irgendwo im Norden von Köln.“

    Alex wählte schon die Nummer von Klaus Heinrich im Rauschgiftdezernat. „K17, Heinrich“, meldete sich dieser bereits nach dem ersten Klingeln. „Alex Brandt hier, Sie erinnern sich?“ – „Brandt! Kripo Autobahn, ja natürlich. Wie geht es Ihnen und Ihrem Kollegen, wie heißt er noch gleich?“ – „Gerkan, Semir Gerkan. Danke, uns geht es gut. Herr Heinrich, Sehnsucht ist leider nicht der Grund für meinen heutigen Anruf. Wir haben stichhaltige Hinweise, dass Mario Torres wieder in Deutschland ist.“ – „Sie scherzen, Brandt! Mario Torres ist tot!“ – „Ja, das dachten wir auch bis heute Morgen. Aber alle Spuren sprechen dafür, dass er noch lebt. Ich meine, sie sollten das wissen. Seien Sie also vorsichtig. Wir wissen noch nicht, wo genau er sich aufhält und was genau er vorhat.“ – „Ich werde auf mich aufpassen, danke, dass sie mich angerufen haben. Was ist mit Paulsen?“ – „Wir sind auf dem Weg zu ihm. Wir konnten ihn telefonisch nicht erreichen. Ich melde mich wieder.“ Ben ließ den Mercedes vor der PAST mit laufendem Motor stehen und rannte ins Büro. Dort nahm er Semirs Waffe aus dem Schließfach und machte sich wieder auf den Weg nach draußen. „Semir und Andrea geht es gut, den Kindern auch“, warf er der Sekretärin noch die wichtigste Information zu, „wir sind auf dem Weg zu diesem Paulsen, Susanne. Schickst du uns Verstärkung? Ich hoffe, wir kommen noch rechtzeitig.“ Damit verließ Ben die Dienststelle und eilte mit Alex in die Weserstraße.


    Paulsen


    Ben und Alex erreichten das mehrstöckige Wohnhaus in der Weserstraße, in dem Walter Paulsen eine Dreizimmer-Wohnung im achten Stock besaß. Ben ließ Alex vor dem Eingang aussteigen und fuhr den Wagen dann auf den Parkplatz. Alex konnte ungehindert das Treppenhaus betreten, weil die Tür nur angelehnt war und drückte auf den Knopf für den Aufzug.

    Während er an die Wand gelehnt da stand und auf den Lift und seinen Partner wartete, schaute er sich im Treppenhaus um. Obwohl sich dieses Haus in einem der Problemviertel der Stadt befand, machte es auf Alex einen sehr gepflegten Eindruck. Offenbar gab es hier einen bemühten Hausmeister und eine eingehaltene Hausordnung. Nirgendwo lag Abfall herum, keine Wand war von Graffiti verschandelt, so wie sie es vor wenigen Wochen in einem baugleichen Haus in der Nachbarschaft zu diesem erlebt hatten.

    „Na Partner, wartest du auf den Aufzug?“, fragte Ben, der gerade durch die Haustür getreten war. „Nein, wie kommst du darauf? Ich warte, dass der achte Stock zu uns nach unten kommt.“ In diesem Augenblick klingelte der Aufzug und die Schiebetür öffnete sich langsam. „Und da ist er schon.“

    „Draußen auf dem Parkplatz ist nichts Auffälliges“, berichtete Ben. „Dann lass uns nach oben.“ Die Polizisten betraten den kleinen Aufzug, Alex drückte auf die 7 und die 9. „Du von unten, ich von oben. Für alle Fälle“, erklärte er seinem Partner. Ben nickte. Als der Fahrstuhl hielt, verließ er die Kabine und wandte sich dem Treppenhaus zu. Sollten sie jemanden durch ihre Ankunft überraschen, würde er ihnen in die Arme laufen, egal, ob er sich im Treppenhaus nach oben oder nach unten wenden sollte. Aber Ben schätzte die Wahrscheinlichkeit dafür sehr gering ein. Warum sollte Paulsen ausgerechnet in diesen Minuten ungebetenen Besuch haben? Wäre der Zufall nicht zu groß? Ben tastete sich langsam die Stufen zum achten Stock hinauf, Alex kam zur selben Zeit aus der Gegenrichtung auf der betreffenden Etage an.

    Dann standen sie vor der Wohnungstür. Alex hatte bereits den Zeigefinger auf dem Klingelknopf, als Ben ihn stoppte und auf den Türgriff deutete. Dort war ein verschmierter dunkler Fleck zu erkennen. Ben zog ein Taschentuch hervor und wischte ein wenig über den Fleck, der das Papiertuch rot verfärbte. Blut?

    Ben zog Semirs Waffe und entsicherte sie. Alex kramte sein Pick-Werkzeug hervor und machte sich am Schloss zu schaffen. Keine Minute später schnappte die Tür auf, was Ben einen anerkennenden Pfiff entlockte. „Bei Semir in die Lehre gegangen?“, flüsterte er grinsend. Alex nickte, zog ebenfalls seine Waffe hervor und stieß die Tür auf, die bereits nach etwa einem halben Meter an einem Hindernis abprallte und zurückschwang. Im Flur lag etwas. Alex steckte seinen Kopf durch den Türspalt und zuckte angewidert zurück. „Tot“, formten seine Lippen zu Ben gewandt, dann machte er einen Schritt in die Wohnung. Im Flur lag ein Mann in einer großen Blutlache. Auch auf der Kommode und an der Wand befand sich Blut, als ob der Sterbende sich mit letzter Kraft zur Wohnungstür geschleppt hatte und dort zusammen gebrochen war. Ben und Alex schritten vorsichtig die ganze Wohnung ab, obwohl ihnen klar war, dass sie hier zu spät kamen. Schon die Blutspur am äußeren Türknauf deutete darauf hin, dass der oder die Täter die Wohnung längst verlassen hatten. „Ist er das?“, fragte Ben, während er Semirs Waffe wegsteckte. Alex nickte zustimmend. „Ja, das ist Walter Paulsen. Wir sind zu spät.“ – „Ich rufe die Spurensicherung“, bestimmte Ben.

    Es vergingen etwa zwei Stunden, bevor der Leichnam am frühen Abend abtransportiert war und die Spurensicherung sich die gesamte Wohnung vornehmen konnte. Paulsen war durch zahlreiche Messerstiche getötet worden. Ben und Alex verabschiedeten sich von den Kollegen und fuhren zu Semir ins Krankenhaus, wo sie wohlwollend die aufmerksamen Kollegen auf der Station vor Semirs Tür bemerkten. Sie berichteten Semir von Paulsens gewaltsamen Tod, Ben tauschte noch Semirs gegen seine eigene Waffe aus. Semir war lediglich einmal kurz aufgestanden und hatte sich ins Bad geschleppt, er konnte sein linkes Bein noch nicht richtig belasten und litt auch unter Schwindel, sobald er versuchte sich zu erheben. Der Arzt ging davon aus, dass es wohl noch mindestens zwei bis drei Tage dauern würde, bevor er das Krankenhaus würde verlassen können. Andrea hatte ihn kurz in Begleitung einer Schwester besucht, sie würde ebenfalls zwei Tage im Krankenhaus bleiben und hatte bereits ihre Eltern angerufen und über den Unfall in Kenntnis gesetzt. Andreas Mutter hatte versprochen, noch am Abend nach Köln zu ihnen in die Klinik zu fahren.

    Ben und Alex beschlossen Feierabend zu machen, da fiel Ben etwas ein. „Wo willst du jetzt hin, Alex?“ – „Was meinst du? Nach Hause natürlich.“ – „Naja, ich meine, Paulsen ist tot, in seiner eigenen Wohnung ermordet, Semir steht unter Polizeischutz, Heinrich ist gewarnt. Und du willst einfach so nach Hause? Hast du keine Angst, du könntest der Nächste sein? Mario Torres weiß doch bestimmt, wo du wohnst.“ Alex rang mit sich, daran hatte er noch gar nicht gedacht. „Ben, du hast recht. An mich habe ich gar nicht gedacht. Wäre aber doch auch eine Gelegenheit, ihn zu schnappen, oder nicht?“ – „Alex! Das ist zu gefährlich. Weißt du, wie Torres vorgeht? Der ist zurzeit unberechenbar. Oder glaubst du, der war alleine bei Paulsen?“ Alex dachte nach, dann fiel ihm etwas ein. „Stimmt, Ben. Setz mich doch an der nächste S-Bahn-Station ab, ich fahre zu Lena. Die Adresse sollte Torres unbekannt sein.“

    Semir


    Alex hatte auf der Station bereits herausgefunden, in welchem Zimmer Semir lag. Vor der Tür blieb der Polizist stehen, atmete noch einmal tief ein und öffnete, als Ben ihn gerade erreicht hatte, leise die Tür.

    Semir war noch gar nicht ganz wach, freute sich aber über den Besuch. "Ben, Alex, schön euch zu sehen. Ward ihr bei Andrea, wie geht es ihr und meinen Mäusen?" Statt auf Semirs Frage einzugehen, kam Alex gleich auf das Telefonat mit Hartmut zu sprechen. "Du glaubst es nicht Semir. Mario Torres ist in Deutschland." - "Mario Torres? Aber Mario Torres ist tot." -"Nein, Semir, er lebt, und er ist hier." Jetzt wurde es Ben zu bunt, er fasste Alex am Arm und bedeutete ihm so, inne zu halten. Dann trat er zu seinem Freund und setzte sich auf den Stuhl am Bett seines Freunds. "Andrea und den Kleinen geht es gut, sie sind in einem Familienzimmer untergebracht und sicher bald wieder zu Hause. Und wie geht es dir? Was haben die Ärzte gesagt?" - "Wird alles wieder, meine Schulter ist kaputt, mein Bein zerquetscht, aber Mario Torres? Alex, bist zu dir sicher?" - "Hartmut ist sich sicher, und das reicht mir."

    "So, und jetzt reicht es mir, Semir, Alex, jetzt erzählt mir endlich, wer dieser Mario Torres ist oder war!" - "Okay Ben, kannst du dich an Thorben und Steffen Raisser erinnern?" - "Wie sollte ich die je vergessen?" Jetzt war es an Alex, nachzufragen. "Wer sind die?" - "Thorben und Steffen Raisser hatten damals Semirs Familie entführt und von Semir verlangt, mich zu erschießen. Nur mit viel List, Tücke und Glück sind seine Familie und ich noch am Leben." - "Und", fuhr Semir fort, "Mario Torres ist noch schlimmer. Der erschießt einen noch bevor er damit droht. Auch in den Rücken, wenn es ihm gefällt."

    "Weißt du Ben, Semir und ich hatten vor etwa einem dreiviertel Jahr mit Torres zu tun, sind ihm mächtig auf die Füße getreten, konnten seinen Rauschgiftring in Deutschland ausheben und die Anführer festnehmen. Nur Torres selbst ist uns entwischt und konnte nach Südamerika, seiner Heimat, fliehen. Das BKA hat ihn dort ausfindig machen können und ihn bei dem Versuch der Festnahme erschossen. Den Tod haben uns die Behörden damals versichert. Und wir haben es bis heute geglaubt. Bis Hartmut eben anrief und von den frischen Fingerabdrücken von ihm berichtete. Torres hatte damals damit gedroht, uns umzubringen und behauptet, wir würden ihm nicht entkommen. Wir waren froh, als uns die Nachricht von seinem Tod erreichte, das kannst du uns glauben."

    "Das glaube ich euch. Und ihr meint, Torres ist jetzt hier, um die Rache zu vollenden? Sind noch andere davon betroffen, oder nur ihr zwei?" Semir dachte nach, wie hießen noch die Kollegen, die damals dabei waren? Ihm fielen die Namen nicht ein. Auch Alex brauchte einige Zeit, die beiden Männer hatten sie nur in diesem einen Fall unterstützt und waren längst wieder in ihren alten Dienststellen, aber dann kam er drauf. "Paulsen und Heinrich! Wir sollten ihnen Bescheid geben." – „Und euch stellen wir zum Schutz Wachen vor die Tür, falls Torres vorhat, hier im Krankenhaus aufzutauchen“, Ben zog seine Waffe und reichte sie Semir, „hier, ich tausche sie beim nächsten Mal gegen deine aus, aber es ist besser, wenn du nicht unbewaffnet bleibst.“ Semir steckte die Waffe unter seine Bettdecke. Alex und Ben verabschiedeten sich von Semir.

    Während Alex mit Susanne telefonierte, um den aktuellen Aufenthaltsort der damaligen Kollegen Paulsen und Heinrich herausfinden zu lassen und den Polizeischutz für Familie Gerkan in die Wege zu leiten, löste Ben noch sein Versprechen ein und ging erneut zu Andrea, um ihr mitzuteilen, dass es Semir schon wieder recht gut ginge und es sicher nur eine Frage von Tagen sein dürfte, bis er über seinen Krankenhausaufenthalt nörgeln würde und wieder nach Hause wolle. Andrea war beruhigt, dieses zu hören. Über die sich anbahnende Bedrohung durch Mario Torres verlor Ben kein Wort, er wollte sie nicht beunruhigen, obwohl sie sich spätestens beim Verlassen ihres Krankenzimmers über die Anwesenheit von Polizisten auf der Station wundern würde.

    Das geht mit Sicherheit nicht mit rechten Dingen zu, entweder die Proben wurden vertauscht oder die Befunde. Aber bis sich das herausstellt, wird Semir sicher einmal durch die Hölle gehen, hoffentlich dauert es nicht zu lange, bis es sich als Fake herausstellt. Also schnell zum Hausarzt und Gegenprobe machen lassen, in solch einem Fall würde ich mich nicht auf eine Untersuchung alleine verlassen.

    Wieder da

    Alex fischte sein Mobiltelefon aus der Tasche und meldete sich leise: „Hartmut, bleib dran, ich bin gleich ganz Ohr.“ Ben löste die schlafende Lilly aus seinen Armen und übergab sie Andrea. Dann stand er auf und verließ hinter seinem Partner das Krankenzimmer. Auch der Arzt wandte sich zum Gehen, er hatte schon viel zu viel seiner Zeit bei dieser Patientin verbracht.

    Am Ende des Flurs befand sich eine Besucherecke. Dort stellte Alex das Handy auf laut. „So Hartmut, schieß los. Ben hört auch zu.“ – „Also Jungs, der Tote aus dem Golf war Jens Neumann, polizeibekannter Zwischenhändler, im Koffer befanden sich sechs Kilogramm reines Kokain und etwa 300.000€ in bar. Aber wir haben noch mehr gefunden. Und das wird besonders dir nicht gefallen, Alex.“ Ben schaute ihn ratlos an und zog seine Stirn in Falten. „Was habt ihr gefunden, Hartmut?“ – „Fingerabdrücke, Alex. Fingerabdrücke.“ – „Von? Jetzt lass dir nicht alles aus der Nase ziehen, Hartmut!“ – „von Mario Torres.“

    Es trat eine bedrohliche Stille ein, Alex öffnete seinen Mund zu einer Antwort, bekam aber kein Wort heraus. Ihm lief ein eiskalter Schauer über den Rücken. Ben sah seinen Partner fragend ins Gesicht, dem jede Farbe entflohen war. Wer zum Teufel war Mario Torres, und was war er, dass alleine die Nennung seines Namens solch eine Stimmungswandlung in Alex Brandt hervorrief, einem sonst eher coolen Polizisten, den so leicht nichts aus der Ruhe bringen konnte? „Alex?“, kam es leise aus dem Lautsprecher, doch der war noch nicht wieder ansprechbar. „Ben? Seid ihr noch da?“

    „Hartmut“, rang sich Alex jetzt zu einer Antwort durch, „das kann nicht sein, du musst dich irren.“ – „Alex, ich irre mich nie! Ich habe mehrere frische, vollständige Fingerabdrücke auf einem nagelneuen Aluminiumkoffer. Kein Irrtum möglich.“ Alex musste sich an die Wand lehnen und ließ das Handy sinken. Dann startete er noch einen weiteren Versuch: „Hartmut, bitte sag, dass das nicht wahr ist!“ – „Alex, mit Mario Torres würde ich keine Scherze machen. Er ist wieder zurück! Ich schicke euch die Info aufs Handy.“

    Ben verstand kein Wort. „Sagst du mir vielleicht mal was los ist? Wer ist dieser Mario Torres? Alex?“ Doch Alex antwortete seinem Partner nicht, sondern ließ ihn stehen, beendete das Gespräch mit Hartmut und ging beinahe im Laufschritt den Krankenhausflur entlang. „Alex“, rief er ihm hinterher, „Alex, klär mich doch mal auf! Wo willst du denn hin?“ – „Zu Semir!“, kam nur zurück, dann hatte Alex schon das Treppenhaus erreicht. Ben verfiel in einen leichten Trab, stoppte aber doch noch kurz an Andreas Zimmer, um sich zu verabschieden. „Wir sehen nach Semir, ich komme dann noch mal zurück. Bis nachher.“ Dann rannte er hinter Alex her und holte ihn erst auf der Station wieder ein, die der Arzt ihnen genannt hatte. So allmählich verstand er, was Semir damit meinte, Alex sei manchmal nicht ganz einfach, was die Zusammenarbeit mit ihm anging.

    Ich habe es geschafft, die Geschichte nachzulesen, und bin hier wieder auf dem Laufenden. Semir erhält SMS von einer Unbekannten, bin gespannt, um wen es sich handelt. Aber es was für ein Auto fährt Alex? Zwei Kindersitze und zwei Erwachsene auf dem Rücksitz?

    Rückblick Teil 2

    Einzig dem Umstand, dass es sich bei Semirs Wagen um einen Kombi handelte, war es zu verdanken, dass eine große Menge der Aufprallenergie von dessen Laderaum aufgenommen wurde und nicht erst von der Rücksitzbank. Da der Fahrer des Golfs nicht angeschnallt war, wurde er aus dem Fahrersitz und durch die Windschutzscheibe seines Fahrzeugs geschleudert und landete blutüberströmt im Kofferraum und auf dem Rücksitz der Gerkans.

    Ayda schrie wie am Spieß und Andrea erschrak, als sie in das leblose Gesicht des Mannes blickte. Sie wollte nur noch eins: raus aus diesem Auto und zwar mit Semir und mit ihren Kindern. Doch wegen der Leitplanke auf der rechten und dem LKW auf der linken Seite, war an einem Ausstieg durch die Türen nicht zu denken. Andrea ergriff Semirs rechte Hand „Semir?“, fragte sie panisch. Dann versuchte sie Ayda zu beruhigen. „Ist gleich vorbei, Schatz, sie werden uns hier rausholen.“ – „Mama! Der Mann!“ – „Ich weiß, Ayda, schau nicht hin, bitte. Lilly?“ Ihre Jüngste reagierte nicht. „Lilly! Schnall dich ab und komm zu mir nach vorne! Ayda, hilf bitte deiner Schwester!“ Ayda schnallte Lilly ab, die daraufhin nach vorne kletterte und sich zu Andrea auf den Schoß kuschelte. Dann spürte Andrea in ihrer Hand plötzlich einen Gegendruck. Semir kam wieder zu sich.

    Jetzt bemerkte Andrea auch die ersten Menschen, die, um zu helfen, auf ihren Wagen zuliefen. Zwei von ihnen zogen den LKW-Fahrer aus seinem Führerhaus, der sich heftig wehrte, aber festgehalten werden konnte. Eine Frau telefonierte und setzte den Notruf ab. Hinter dem Auto erschienen jetzt auch Menschen, die zunächst zurückschreckten, als sie den verunglückten Golf-Fahrer sahen, dessen Beine in seinem eigenen verformten Wagen verblieben waren und dessen Oberkörper im Kofferraum des Kombis hing. Dann aber sahen sie, dass sich ein Kind auf der Rücksitzbank befand und bemerkten auch Andrea und Lilly auf dem Beifahrersitz. „Hilfe ist unterwegs, können wir Ihnen helfen? Wollen sie durch den Kofferraum raus oder auf die Feuerwehr warten? Was ist mit dem Fahrer?“ Die Ersthelfer hatten Sorge wegen der zersprungenen Heckscheibe, die beim Rausklettern den Kindern und ihrer Mutter noch weitere Verletzungen zufügen könnte.
    Semir hob langsam den Kopf und bemerkte Andrea und Lilly neben sich. Er wollte sich nach Ayda umdrehen, wurde jedoch von den starken Schmerzen in seiner Schulter davon abgehalten. „Seid ihr in Ordnung? Was ist mit Ayda?“, fragte er stockend. „Du blutest“, stellte er noch fest. „Du auch. Ayda tut der Arm weh und Lilly ist anscheinend unverletzt. Und du?“ Semir löste seine rechte Hand aus Andreas Hand und strich Lilly über den Kopf. Dann bewegte er langsam seinen Kopf hin und her. „Ich bin eingeklemmt, mir tut alles weh. Wir kommen hier nicht raus, oder?“ – „Links steht der LKW, rechts ist die Leitplanke und im Kofferraum steht ein anderes Auto, der Fahrer liegt tot zur Hälfte auf unserer Rücksitzbank. Nein Semir, wir kommen hier nicht raus. Ich hoffe, die Feuerwehr kommt gleich.“

    War es der Schock oder der offensichtlichen Aussichtslosigkeit der Situation geschuldet, dass sie ihrem Mann so ruhig ihre Lage erklärte? Sie wusste es nicht. Instinktiv hatte sie begriffen, dass Panik in diesem Moment nicht zielführendwar. Und so schilderte sie Semir, dass es am besten sei, auf die Einsatzkräfte der Feuerwehr zu warten. Sie war nur froh, dass er zwar verletzt aber zumindest ansprechbar war. Alles würde gut werden, das fühlte sie und sie wurde auch nicht müde, es ihren Kindern immer und immer wieder zu versichern.

    Mittlerweile hatten sich viele Menschen um die verunfallten Autos versammelt und fachsimpelten, wie die Feuerwehr wohl vorgehen würde. Das sollten sie schon einige Minuten später mit eigenen Augen beobachten können. Die Polizei traf fast zeitgleich mit der Feuerwehr am Unfallort ein. Die Rettungswagen kamen nur wenig später.

    Nachdem sie sich einen Überblick über die Situation verschafft hatten, beschlossen die Einsatzkräfte, die Leitplanke neben dem Wagen zu entfernen und zunächst Andrea und die Kinder aus dem Auto zu befreien, damit sie anschließend Semir versorgen konnten. Der Notarzt stellte beim Fahrer des schwarzen VW Golf den Tod fest und beorderte einen Leichenwagen an die Unfallstelle.

    Die Feuerwehr bestellte noch einen Kran, um auch den LKW von der Autobahn zu bergen. Es dauerte keine viertel Stunde, da saßen Andrea, Lilly und Ayda auf den Tragen am Rettungswagen und wurden von den Sanitätern versorgt. Der Arzt kletterte zu Semir ins Fahrzeug und versorgte ihn mit Schmerzmitteln. Dessen linker Unterschenkel war so unglücklich zwischen Lenkradsäule und der eingedrückten Tür eingeklemmt, dass eine Befreiung von der Beifahrerseite aus nicht möglich war. Sie mussten auf das große Bergungsfahrzeug warten, dem es schließlich gelang, den LKW ein bis zwei Meter zurück zu ziehen, so dass die Feuerwehr Semir anschließend aus dem Skoda schneiden konnte. Er dämmerte unter dem Einfluss der Medikamente vor sich hin und nachdem seine Schulter und das Bein fixiert worden waren, wurde er mit dem Rettungswagen ins Krankenhaus gefahren, wohin seine Familie bereits unterwegs war.

    Tim Talchow war bereits in Polizeibegleitung zur Blutabnahme ins Krankenhaus gefahren worden und sollte anschließend zum Unfallhergang vernommen werden.

    Die Polizei machte noch Fotos von der Unfallstelle und den Fahrzeugen und durchsuchte dann den VW Golf, um Hinweise auf die Identität des Todesopfers zu finden. Aber alles, was sie in dem Wagen fanden, war ein schwarzer Alu-Koffer, und als der Streifenbeamte die Schnappverschlüsse öffnete und den Deckel hob, pfiff er durch die Lippen, vor ihm lagen mehrere Pakete eines weißen Stoffes auf einer Lage mit Bargeld. Ein Fall für die Kripo. Er griff zu seinem Telefon.

    Während Andrea erzählte, war Lilly auf Bens Schoß geklettert und in seinem Arm eingeschlafen. Ayda war die ganze Zeit nicht aufgewacht.

    Alex, Ben und auch der Arzt hatten gebannt zugehört und kaum gewagt Luft zu holen. Alex schrak zusammen, als er plötzlich das Vibrieren seines Handys in der Hosentasche wahrnahm.

    Rückblick Teil 1


    Semir fuhr in gemäßigtem Tempo auf der rechten Spur der Autobahn. Das Verkehrsaufkommen hielt sich noch in Grenzen, so kamen sie gut voran. Der bevorstehende Urlaub war ihr Hauptgesprächsthema.

    Ayda und Lilly wollten auf dem Trampolin springen, das Semir zu seinen Schwiegereltern gebracht hatte, nachdem die Kinder auf die aberwitzige Idee gekommen waren, es auf der Dachterrasse zum Einsatz zu bringen. Nur die gute Erziehung, die Andrea ihnen zuteil hat werden lassen, hielt sie von einer Umsetzung ihres Plans ohne vorherige Bitte um Erlaubnis ab. So konnte Semir ihnen dieses gefährliche Spiel am Abgrund des mehrstöckigen Hauses ausreden. Seitdem war das Trampolin bei Andreas Eltern beheimatet und wartete dort im Garten auf eine ausgiebige Nutzung durch ihre Enkelkinder.

    Andrea freute sich neben ihren Eltern auch auf ihre Freundin, die sie schon seit zwei Jahren nicht mehr gesehen hatte. Sie hatten sich so viel zu erzählen.

    Semir hielt Abstand zum vorausfahrenden Verkehr, und auch der VW Golf hinter ihm machte keine Anstalten näher zu kommen. So aufmerksam er auch fuhr, aufdas Folgende war er dennoch nicht gefasst, und es zu verhindern, stand nicht in seiner Macht.

    Tim Talchow hatte schon seit längerer Zeit mit dem Sekundenschlaf zu kämpfen und schließlich der Müdigkeit nichts mehr entgegen zu setzen gehabt. Zudem hatte er sich an der letzten Raststätte von einem Trucker-Kollegen zum Genuss von zwei, drei Bierchen überreden lassen. Das rächte sich nun: Er schlief am Lenkrad seines 40-Tonners ein und steuerte das schwere Fahrzeug über die linke Spur seiner Fahrtrichtung, durchbrach die Mittel-Leitplanke, überquerte die Gegenfahrbahn und schob den ihm entgegen kommenden Skoda der Familie Gerkan über die Standspur gegen die Leitplanke. Schlagartig durch den Lärm wieder wach geworden, stand er mit seinem vollen Gewicht auf der Bremse und riss das Lenkrad nach links, doch es war zu spät.

    Semir hatte keine Chance ihm auszuweichen. Hätte er Gas gegeben, wäre der Aufprall wahrscheinlich wesentlich heftiger ausgefallen, so entschied er sich zum Bremsen. Noch bevor sein Wagen zum Stehen gekommen war, knallte es! Der LKW schob den Mittelklassewagen vor sich her, beide Reifen auf der Fahrerseite platzten und das Blech kreischte über den Asphalt, der PKW wurde auch dann noch weiter geschoben, als er längst gegen die Leitplanke geprallt war. Funken sprühten auf der Beifahrerseite, die Türen auf der Fahrerseite wurden fast einen halben Meter ins Fahrzeuginnere gedrückt. Dann kamen der LKW und Semirs Wagen endlich zum Stehen.

    Im Wagen der Gerkans herrschten Chaos und Angst. Andrea sah den LKW kommen, ahnte das Unausweichliche, schrie: „SEMIR! Tu was!“ Doch der war machtlos, zu schnell nahte der Truck. Er trat das Bremspedal durch, hielt das Lenkrad fest umklammert. Die eindrückende Tür klemmte ihm sein linkes Bein ein, er schlug mit Arm, Schulter und Kopf schwer an die Fahrerseite und schrie vor Schmerz auf. Wäre die Scheibe nicht gewesen, er hätte das Führerhaus des LKW berühren können, er versuchte, sich nach rechts zu werfen, wurde jedoch vom Lenkrad daran gehindert, welches ebenfalls wie die Tür in den Fahrgastraum gedrückt wurde. Dann wurde ihm schwarz vor Augen.

    Ayda, die hinter Semir saß, kreischte: „Mami! Hilfe! Mein Arm!“, denn auch hinten drückte der LKW von außen gegen das Blech. Lilly saß hinten rechts in ihrem Kindersitz. Sie schrie nicht, sondern starrte die ganze Zeit auf ihren Vater, der eingeklemmt und allem Anschein nach ohnmächtig hinter dem Lenkrad hing. Andrea wollte sich gerade zu ihren Kindern umdrehen, als der VW Golf, der die ganze Zeit hinter ihnen her gefahren war, in den Skoda krachte.

    Glück im Unglück

    Auch Alex erkannte den Wagen und hatte im nächsten Augenblick Susanne am Apparat. „Susanne? Finde doch bitte für uns raus, wohin die Verletzten des Unfalls auf der A3 gebracht wurden. Rufst du zurück?“ Er wandte sich noch an David Niehms. „Veranlassen Sie bitte, dass alle Fahrzeuge und der Koffer zu Hartmut Freund in die KTU gebracht werden? Danke. Und entschuldigen Sie unser Verhalten, Sie haben alles richtig gemacht.“ Dann ging Alex zu Ben und legte ihm die Hand auf die Schulter. „Susanne sagt uns, wo sie sind.“ Ben reagierte nicht auf die Ansprache, stützte sich mit der linken Hand am Dach des Unfallwagens ab und umfasste mit der anderen Hand den Stoffhasen. Sein Blick ging nachdenklich ins Leere…

    Ben hielt den Stoffhasen immer noch so fest umklammert, dass seine Fingerknöchel weiß hervortraten, als er schon längst bei Alex im Dienstwagen saß und in Richtung Krankenhaus unterwegs war. Susanne hatte ermittelt, in welche Klinik die Verletzten des Unfalls gebracht worden waren. Der Hinweis, dass es sich dabei um eine Familie mit zwei kleinen Kindern handelte, zusammen mit der Stimmlage von Alex, hatten bei ihr sämtliche Alarmglocken zum Läuten gebracht. „Alex, bitte sag mir, dass es sich nicht um Semir und Andrea handelt.“ – „Nichts würde ich lieber tun, Susanne, aber es ist definitiv ihr Auto. Wir melden uns, wenn wir mehr wissen.“ Die Fahrt verlief schweigend.

    Sie erreichten die Klinik und erfuhren am Empfang, dass Andrea und die Mädchen in einem Familienzimmer auf der Station 23 lagen, eine normale Station also, wie sie erleichtert zur Kenntnis nahmen. Semir war noch nicht auf irgendeiner Station aufgenommen worden, sondern befand sich noch im OP. Also machten sich Alex und Ben zunächst auf den Weg in den zweiten Stock zu Andrea.

    Nach leisem Anklopfen öffnete Ben die Tür und trat vorsichtig ein. Alex schlich hinter seinem Partner her, schloss die Tür und lehnte sich daneben an die Wand. Ben atmete auf, als er sah, dass Andrea wach war und fast aufrecht im Bett lag. „Ben“, sagte sie leise. Ben ging mit leisen Schritten zu Andrea, setzte sich auf die Bettkante und nahm seine gute Freundin in den Arm. Dann sah er sich um. Direkt neben Andrea lag Lilly in einem Bett und zeichnete die Linien auf der Bettdecke mit ihrem Finger nach. Sie blickte teilnahmslos auf und widmete sich wieder ihrer Beschäftigung. Im Bett an der anderen Wand lag Ayda, den linken Arm von ihrer Hand bis zur Schulter in einem Gipsverband, und schlief. Andrea selbst hatte einen Verband am Kopf. Ben musste schlucken. Der anfänglichen Erleichterung folgte langsam eine zunehmende Sorge. „Andrea, wie geht es euch?“ – „Ich weiß noch nichts von Semir. Gut, dass du gekommen bist, Ben. Und auch du, Alex.“ – „Ayda ist verletzt?“ – „Ja, ihr Arm ist gebrochen. Und Lilly steht noch unter Schock.“ – „Und du?“ – „Ich habe Kopf- und Rückenschmerzen. Aber sonst geht es“ Sie zuckte mit den Schultern.

    Ben holte aus seinerJackentasche Lillys Stoffhasen hervor und ging um Andreas Bett herum zu Andreas kleiner Tochter. „Schau mal, Lilly, wen ich hier für dich habe.“ Lilly verzog keine Miene, streckte aber ihren Arm aus und nahm Ben das Stofftier aus der Hand. „Jetzt musste ich ihn dir schon zum zweiten Mal heute hinterher tragen“, versuchte er lächelnd dem kleinen Mädchen eine Reaktion zu entlocken. Doch Lilly kuschelte nur den Hasen an sich und blickte wie zuvor auf die Bettdecke. Ben schaute besorgt fragend Andrea an, die ihrer Tochter mit ihrer Hand die Haare aus dem Gesicht strich. „Wir sollen ihr etwas Zeit geben, meinte die Ärztin, das wird schon werden.“ – „Sicher?“ – „Wir werden sehen. Die Kinderpsychologin wollte gleich vorbei kommen. Wegen …“

    Andrea brach ab, als sich die Tür öffnete und Alex einen kleinen Schritt zur Seite machen musste, um den Arzt eintreten zu lassen. „Oh, Sie haben Besuch? Frau Gerkan, ich möchte gerne mit Ihnen sprechen.“ Zu Ben und Alex gewandt fügte er hinzu: „Würden Sie bitte kurz draußen warten?“ – „Das ist nicht nötig, die gehören quasi zur Familie“, mischte sich Andrea ein, „Was ist mit meinem Mann?“ – „Er wird gerade auf die Station 7 gebracht. Die Fraktur in Arm und Schulter haben wir operativ richten können, das Bein ist gequetscht, aber nicht gebrochen. Zwei Rippen sind angebrochen, dazu kommen eine leichte Gehirnerschütterung, eine Platzwunde und diverse Prellungen. Machen sie sich keine Sorgen, es wird ihm bald besser gehen. Möchten Sie mir nicht erzählen, wie es zu dem Unfall gekommen ist?“ - „Das würde ich auch gerne erfahren“, ergänzte Ben, „und dann sehe ich nach Semir.“

    Andrea brachte sich in eine angenehmere Sitzposition, nachdem sie dem Bericht des Arztes gelauscht hatte. Mit dem Blick auf Lilly begann Sie, den Unfall vor ihrem geistigen Auge erneut zu erleben.

    Sicher waren in dieser Staffel viele Folgen mit privat involvierten Ermittlern, aber sieht man sich die Rangfolge an, sind es genau diese Fälle, die die Rangfolge anführen. Und es ist auch genau das, was Cobra11 von anderen Krimi-Serien unterscheidet. Übertreiben sollte man es allerdings auch wieder nicht, das wäre dann doch sehr unglaubwürdig. Eine gute Mischung aus interessanten "neutralen" Fällen und Fälle rund um das Team hinzubekommen, wäre mein Wunsch für die Zukunft.

    Ich wünsche mir für Jenny wieder einen Polizisten als Dienstpartner, fand eigenlich die Konstellation wie sie war, die junge "Fast-noch-Anfängerin" und der diensterfahrene ältere Kollege perfekt.

    Eine Beziehung zu Alex würde ich nicht befürworten, in super enges kollegiales Verhältnis ja, aber bitte keine Liebsgeschichte.

    Und was die Polizeipyschologin angeht, bin ich der Meinung, sie solle immer dann auftreten, wenn ihre Hilfe gefragt ist, aber ständig in der PAST anwesend sein, muss sie nicht.

    Mit dem Oberstaatsanwalt wird hoffentlich in der Herbststaffel "abgerechnet" werden, es würde mich wundern, wenn er dann noch eine Rolle spielen wird.

    Zum Titel dieses Themas: Bonrath wird nicht zu ersetzen sein.

    Urlaub

    Ben war wieder zurück in der PAST-Familie und hatte sich schnell wieder in den Alltag der Autobahnpolizei eingearbeitet. Mit Alex verstand er sich gut, und Semir ließ sich, genau wie er es sich vorgenommen hatte, auch nicht ganz ins Büro verbannen, obwohl die Leitung der Polizeistation schon einige Bürozeit in Anspruch nahm, ein Umstand, der wiederum Andrea sehr gut gefiel. Obwohl Semir auch weiterhin ständig bereit war, Überstunden zu machen und Wochenenddienste zu übernehmen und gefährliche Einsätze immer noch nicht ausgeschlossen waren, so überwiegten doch mittlerweile die Tage, an denen er pünktlich Feierabend machen konnte, rechtzeitig zum Abendessen zuhause war und die Abende mit seiner Familie verbringen durfte.

    So vergingen die ersten Monate, und es nahten die Osterferien. Semir hatte sich eine Woche Urlaub genommen, um mit Andrea und den Kindern zuerst zu seinen Schwiegereltern und anschließend zu Andreas Freundin nach Freiburg zu fahren. Ben ließ es sich natürlich nicht nehmen, seinen Freund damit aufzuziehen, als sie beide in der Teeküche standen. „Du fährst freiwillig zu deinen Schwiegereltern und zu Andreas Freundin? Und was machst du für dich in deinem Urlaub?“ – „Ich fahre mit der schönsten und besten Ehefrau von allen, reicht das nicht? Nein, Ben, ich werde schon Zeit für mich finden oder mit den Kindern etwas unternehmen, außerdem sind wir bei Andreas Eltern nur einen Abend und in Freiburg haben wir eine eigene Ferienwohnung. Da bleibt schon genug Zeit für uns. Wichtig ist, dass ich hier mal wieder raus komme.“ Vom Großraumbüro drang die Stimme des großgewachsenen Kollegen Bonrath zu ihnen hinüber. „Bist du dir denn sicher, die Dienststelle hier alleine lassen zu können? Jetzt, wo du uns gerade so gut im Griff hast? Nicht, dass Ben und Alex in der Zwischenzeit die ganze Autobahn in Schutt und Asche legen.“ Bonrath bemühte sich, bei dem letzten Satz um eine naturgetreue Wiedergabe der Tonlage ihrer ehemaligen Chefin Kim Krüger. „Ach Bonrath, da habe ich keine Bedenken. Das Chaos klappt auch ohne mich, wozu habe ich hier das beste Team um mich geschart, das man sich vorstellen kann?“

    Gegen 15:00 Uhr betrat Andrea mit Ayda und Lilly im Schlepptau die Dienststelle, begrüßte alle Kollegen, die sie noch aus ihrer aktiven Zeit in der PAST kannte und blieb dann bei ihrer Freundin Susanne stehen, während ihre Töchter direkt in Semirs Büro liefen, um ihren Vater von den letzten Tätigkeiten vor dem Kurzurlaub abzuhalten. Der schaffte es aber, sie weiter zu Ben zu schicken, um die letzten Büroarbeiten zu erledigen, fuhr dann den Rechner runter, schnappte sich seine Jacke und verließ sein Büro.

    Ben beschäftigte Semirs Kinder mit Stiften und Papier, bis Semir kam, um sie abzuholen. Dann brach Familie Gerkan endlich in ihre Osterferien auf. Sie hatten die PAST schon verlassen, da fiel Bens Blick auf den Stoffhasen „Hasi“, den Lilly bei ihm auf dem Schreibtisch liegen gelassen hatte. Er sprang auf, schnappte sich das Tier und rannte hinter seinem Freund und dessen Familie her.

    Semir war schon mit dem Familienkombi rückwärts aus der Parklücke gerollt, und wollte gerade an der PAST vorbeifahren, da erblickte er seinen mit dem Stofftier winkenden Freund und bremste. Ben zog die Tür hinter Andrea auf und drückte „Hasi“ einer strahlenden Lilly in die Hand. „Was tätest du nur eine Woche ohne Hasi, Lilly?“, und zu Semir und Andrea sagte er noch: „So, jetzt seht aber zu, dass ihr hier wegkommt. Schönen Urlaub!“


    Unfall

    Etwa eine Stunde später wurden Ben und Alex an eine Unfallstelle auf der A3 gerufen. Dort zeigte sich Ben und Alex ein Bild der Verwüstung, ein LKW stand quer zur Fahrbahn und hatte offenbar zwei weitere Wagen in die Leitplanke gedrängt. „Bin gespannt, warum gerade wir hierher kommen sollten“, fragte Alex. „Hmm, ich auch. Sind doch Leute genug da.“, pflichtete Ben seinem Partner bei und deutete auf die drei Streifenwagen und Einsatzkräfte der Feuerwehr, die bereits damit beschäftigt waren, ihr Material wieder zusammen zu packen.

    Verkehrsunfälle zählten zwar auch zum Alltag der Kriminalbeamten der Autobahnpolizei, deren Aufnahme an sich aber erledigten eigentlich die Kollegen von der Streife.Ein Polizist in Uniform, den Alex und Ben nicht kannten, trat auf sie zu. „Sind Sie die Herren von der Kriminalpolizei? Mein Name ist David Niehms, ich bin neu im Revier.“ – „Brandt, guten Tag Herr Niehms, das ist mein Kollege Jäger, warum haben Sie uns gerufen? Was ist hier passiert?“

    Der junge Streifenpolizist schilderte kurz den Unfallhergang: „Der LKW-Fahrer ist aus noch nicht geklärter Ursache nach links von seiner Fahrbahn abgekommen, hat die Mittelleitplanke durchbrochen, die Gegenfahrbahn überquert und dabei den Kombi dort hinten zwischen sich und der Leitplanke eingeklemmt. In die Unfallstelle raste dann der schwarze Kleinwagen.“ – „Was ist mit den Insassen?“ – „Der LKW-Fahrer ist nur leicht verletzt, aber zur Überwachung und Blutprobenentnahme ins Krankenhaus gebracht worden. Im Kombi saß eine vierköpfige Familie, die Rettungswagen sind gerade weg. Und für den Fahrer des Kleinwagens kam jede Hilfe zu spät, er ist aus seinem Wagen geschleudert worden. Als wir nach seinen Papieren suchten, haben wir einen Koffer mit Rauschgift und recht viel Bargeld gefunden, deshalb ...“ – „…schauen wir uns den Koffer und den Kleinwagen doch mal genauer an, nicht wahr, Ben? … Ben?“

    Alex blickte sich um. Ben stand nicht mehr neben ihm. Irgendetwas an dem dunkelblauen Kombi, der vollkommen zerstört zwischen der Leitplanke und dem LKW lag, hatte ihn magisch angezogen. Alex ging ihm nach. „Merken Sie sich, was Sie noch sagen wollten“, entschuldigte er sich noch bei David Niehms.

    Der LKW hatte die Fahrerseite tief eingedrückt und den Wagen etwa zur Hälfte aufgeschlitzt. Jetzt war der schwere Transporter für die Bergungsmaßnahmen etwas zurückgezogen worden. Beide Reifen auf der linken Seite waren platt, so lag der Wagen hier tiefer. Das Dach war später von der Feuerwehr geöffnet worden, um die Insassen befreien zu können. Ein dunkelblauer Skoda Octavia, Ben musste nicht erst auf das Kennzeichenschauen, ihm reichte ein kleiner, bunter Aufkleber an der hinteren Seitenscheibe, um Gewissheit zu haben.

    Obwohl er wusste, dass der Wagen leer war, riss er die einen Spalt weit geöffnete hintere Tür ganz auf und spürte wie ein leichter Gegenstand auf seine Stiefel fiel. Er hob ihn auf und schloss seine rechte Hand um einen Stoffhasen mit langen Ohren. „Hasi?“, flüsterte er.

    Yon, die 8.

    Wie vor meinem Urlaub angekündigt, setze ich meine mit "Kims Entscheidung" begonnene "Geburtstagsgeschichte" hier fort. Die Lektüre der Vorgeschichte ist zwar nicht zwingend erforderlich, aber jedem, der sich über die personelle Situation in der PAST Fragen stellt, sei sie dennoch empfohlen.

    Auch diese Geschichte war bereits im November 2014 fertig, wird also die aktuellen Geschehnisse der Frühjahrsstaffel nicht aufgreifen.

    Viel Spaß, gute Unterhaltung und spannende 30 Tage wünsche ich jedem Leser.