Verfolgungswahn
Klaus Heinrich war nervös. Der Anruf von Alex hatte ihn zutiefst erschüttert. Den ganzen restlichen Tag ging er so vorsichtig, als bewege er sich auf dünnen Glasscheiben, er traute sich nicht, mit seinem vollen Gewicht aufzutreten, vermutete hinter jeder Ecke Unheil, sah überall Augen, die ihn bedrohlich beobachteten. Hier im Präsidium war er sicher, aber es zog ihn auch nach Hause. War auch seine Familie, seine Frau Karin, sein Sohn Erik in Gefahr?
Auch seinen Kollegen fiel die Veränderung von Klaus Heinrich nach dem Telefonat auf. Sie vermuteten aber wohl eher familiäre Probleme, da Erik gerade mit dem Gesetz in Konflikt geraten war, als er vor einigen Tagen bei einem Ladendiebstahl erwischt worden war. Erik durchlebte eine schwierige Phase, das war im Rauschgiftdezernat, wo sich die Kollegen sehr gut untereinander kannten und schätzten, ein offenes Geheimnis. So wunderte sich auch niemand, als Heinrich an diesem Tag früher als üblich Feierabend machte.
Er fuhr ziellos durch die Gegend. Hatten sie ihn schon im Visier? Saßen eventuell gerade im Auto hinter ihm bewaffnete Gangster, die nur darauf warteten, ihn vor die Flinte zu bekommen? Wie wird die Begegnung aussehen, wird er seinen Gegner in der Sekunde seines Todes zu Gesicht bekommen, oder zog dieser vor, sein Opfer aus dem Hinterhalt zu erlegen? Oder wird es ihm, Klaus Heinrich, gelingen, Mario Torres zu entkommen? Hatte es Torres überhaupt auf sie abgesehen, oder konnte es sein, dass der Südamerikaner doch nur wegen seiner Geschäfte zurück nach Deutschland gekommen war?
Klaus Heinrich trat plötzlich scharf auf die Bremse. Beinahe hätte er die jungen Mädchen auf dem Zebrastreifen übersehen. Er schimpfte mit sich. Er durfte nicht so unkonzentriert und abwesend sein, solange er in seinem Auto durch die Stadt fuhr. Er beobachtete den nachfolgenden Verkehr. Direkt hinter ihm fuhr ein dunkler BMW, der aber in dem Moment, in dem Heinrich in den Rückspiegel blickte, in eine Seitenstraße abbog und den Blick frei machte auf einen roten Kleinwagen mit einer älteren Frau am Steuer, dahinter kam ein LKW, an dem Heinrich nicht vorbei schauen konnte.
Er war sich sicher, unbeobachtet zu sein und atmete tief durch. „Ich leide schon unter Verfolgungswahn!“, sagte er zu sich selbst, das würde Alex Brandt büßen, wenn die Sache ausgestanden war, schwor er sich. Nichts würde passieren. Alex‘ Anruf war eine Warnung, und er war auf der Hut, aber übertrieben ängstlich, das nahm er sich vor, wollte er nun auch nicht sein. Wahrscheinlich ging Mario Torres seinen Drogen-oder-was-auch-immer-Geschäften nach und hatte seine Drohung vom letzten Jahr längst vergessen.
Er lenkte seinen Wagen in das ruhige Wohngebiet, in dem er mit seiner Familie ein schmuckes Einfamilienhaus bewohnte, und stellte seinen Opel auf der Auffahrt ab, als ein weiterer Anruf von Alex ihn über den tatsächlichen Ernst der Lage unterrichtete. Jener erzählte ihm von der grausamen Ermordung Walter Paulsens. Damit war klar: Mario Torres hatte nichts vergessen. Er hatte bereits damit begonnen, seine Gegner von damals auszuschalten. Wie durch einen Schleier betrachtete er sein Haus. Er musste mit seiner Familie in eine sichere Unterkunft, musste sich noch heute darum kümmern, ein paar Sachen packen und in eine Schutzwohnung ziehen.