Im Winterlager
Die Tür schwang leise auf und gab den Weg frei zu einem kleinen Flur, der zu einem Aufenthaltsraum führte. Hier war geheizt worden. Es standen Tische mit Stühlen, Schränke und eine Küchenzeile in diesem Raum. Auf der Spüle waren 2 Teller, Gläser und Besteck zum Trocknen abgestellt worden, Reste eines Abendessens für zwei Personen. Eine Stahltür trennte den Aufenthaltsraum vom eigentlichen Bootslager. Hier war es kalt, fast so kalt wie draußen. Der Betonboden war sauber gefegt und es standen mehrere Reihen mit Bootsständern und Trailern hier, 95 Motorboote und Segelyachten, die auf ihre Besitzer und auf den Frühling warteten.
Semir und Alex schlichen zwischen der Hallenwand und den Hecks der eingelagerten Freizeitschiffe bis zur Nummer Vier. „AGILA“ und „Yachtclub Köln-Süd“ stand auf dem Spiegel. Sie umrundeten vorsichtig das Boot und fanden eine Leiter, die am Bootsständer angelehnt war, über die man an Deck gelangen könnte. Semir sah Alex an, zeigte erst auf sich, dann auf die Leiter, um ihm mitzuteilen, dass er vorhatte, auf das Boot zu klettern. Alex hob die Hand zum stummen Protest, aber Semir hatte bereits die ersten Sprossen erklommen.
Oben angekommen schwang er sich leise auf das Deck der Motoryacht und wandte sich gleich der Tür zu, die ins Innere des Boots führte. Jetzt erst zog er seine Waffe. Zeit, die Bootsbesatzung zu wecken.
Alex hatte sich inzwischen unten an der Leiter postiert, bereit die Runterkommenden in Empfang zu nehmen. Ihm war nicht ganz wohl bei der Sache. Maximilian Lange war unberechenbar und machte rücksichtslos von seiner Waffe Gebrauch, das hatte er ihnen am Vortag eindrucksvoll bewiesen. Und jetzt war sein „Sohn“ auch noch bei ihm. Wusste Tommy, dass Maximilian nicht sein Vater war? Wusste er von der Entführung Miriams? Hatten die Geschwister sich darüber unterhalten? Tommy war damals 3 Jahre alt und wird sich kaum bewusst an sein Leben vor Eintreffen der Langes erinnern. Er würde mit Sicherheit zu Maximilian halten, wenn er sich hier zwei Polizisten gegenüber stehen sah. Alex' Gedanken wurden von dem Geräusch unterbrochen, welches Semir an Deck der Motoryacht auslöste. Er wollte den Überraschungseffekt nutzen und Maximilian nicht erst Gelegenheit geben, sich zu bewaffnen und auf ihn los zu gehen. Also hatte er die Tür leise geöffnet, sie war nicht abgeschlossen, dann zündete er eine Rauch-Granate und ließ sie in die Kajüte rollen, welche sich sofort nach der Detonation mit Rauch füllte, und zog seine Waffe. Semir drückte sich von außen an die Kajütenwand. Vor ihm, keinen Meter entfernt, war die aus einem kräftigen Draht bestehende Reling der Yacht. Dahinter ging es geschätzte fünf Meter abwärts bis zum Betonboden der Bootshalle. Ihm wurde etwas schwindelig bei dieser Erkenntnis des geringen Bewegungsspielraums, falls es zu einem Zweikampf käme.
Nach kurzer Zeit wurde die Kajütentür aufgestoßen und Maximilian und Tommy traten geduckt und hustend ins Freie. Der Ältere blickte sich hektisch um und hielt dabei seine Jagdwaffe in der Hand. Tommy griff mit beiden Händen um die Reling und beugte sich bei Husten nach vorne, nur zwei Meter neben Semir. Dieser reagierte schnell, war mit zwei Schritten hinter ihm und zog ihn zu sich an die Wand. „Aah!“, schrie dieser erschrocken auf, „Vati, hilf mir!“ Der Angesprochene drehte sich in die Richtung seines „Sohnes“. „Tommy, Was ist ...?“, begann er, dann sah er Semir.
„Lassen Sie meinen Sohn los!“, polterte er. Er hob die Waffe, aber Tommy befand sich in der Schusslinie. Hinter Maximilian tauchte nun Alex' Kopf am Ende der Leiter auf. Semir versuchte, ein Gespräch mit Lange zu beginnen, stets darauf bedacht, hinter Tommy in Deckung zu bleiben. Er hätte Maximilian mit einem gezielten Schuss außer Gefecht setzen können, entschied sich aber dafür, ihn zunächst mit Worten zum Aufgeben zu bewegen. Auch den Jungen als Schutzschild zu missbrauchen, missfiel ihm, er wusste aber keine andere Möglichkeit. Ließ er den Jungen los, stünde er ohne Deckung vor dem schießwütigen Lange. „Herr Lange, es ist vorbei, sehen Sie es ein. Katja ist wieder bei ihren Eltern und Tommys Eltern werden wir auch noch finden.“ - „Was redet er da, Vati?“, mischte sich nun Tommy ein, „Ist das wahr? Dann stimmt es, was Katja gesagt hat, dass ihr nicht unsere Eltern seid? Und ist jetzt tatsächlich weggelaufen?“ - „Nein, Tommy, Katja hat deine Mutter umgebracht und ist deshalb geflohen, sie wird dafür bestraft werden. Wir sind eure Eltern, alles andere ist gelogen. Jetzt lassen Sie meinen Sohn gehen!“, forderte er Semir erneut auf und fuchtelte mit seiner Waffe in Richtung des Polizisten. Dieser hielt Tommy allerdings noch immer im festen Polizeigriff fest.
Ein Seitenblick nach links zeigte Semir, dass Alex sich mittlerweile auf das Deck gezogen hatte und seine Waffe im Anschlag hielt. Jetzt hatte allerdings auch Tommy den zweiten Polizisten entdeckt und stieß eine Warnung aus. „Da ist noch einer, Vati, hinter dir!“ Bevor Alex und Semir sich versahen und reagieren konnten, warf Maximilian sich herum und trat Alex gegen die Hand, so dass dessen Waffe im hohen Bogen auf den Betonboden unter der Yacht aufprallte. Semir zog schnell seine Handschellen aus seinem Gürtel und fesselte Tommy an die Reling, um seinem Partner zu Hilfe zu eilen, der gerade Maximilien dessen Waffe entreißen und wegwerfen konnte, zum Dank dafür aber mehrere Tritte und Faustschläge erhielt, so dass er für wenige Sekunden das Bewusstsein verlor, sich aber recht schnell wieder berappelte. Sein Gegner nutzte diese Zeitspanne, um zur Seite zu springen und die Flucht zu ergreifen. Semirs Versuch, ihn aufzuhalten, endete fast mit einem Sturz des Polizisten von Bord, ein Unterfangen, auf das man angesichts dieser Höhe auf jeden Fall zu verzichten besser beraten war. Semir konnte sich gerade noch an der Leiter festhalten, während Maximilian bereits den Boden erreicht hatte und durch die Bootshalle rannte und im hinteren Ende derselben verschwand. „So ein Aas!“, stieß Semir aus, sah dann aber zufrieden auf Tommy, „wenigstens haben wir den Jungen. Ich glaube, du solltest ihm die Situation erklären. Ich schnapp mir jetzt Lange.“ Damit machte sich Semir an den Abstieg, um Maximilian zu verfolgen. Gerade als er den Fußboden der Halle betrat, fiel am hinteren Ende eine Tür ins Schloss. Semir rannte in die Richtung und durch die Tür nach draußen. Von Maximilian keine Spur. Auf dieser Seite der Halle war nur ein schmaler Fahrweg zwischen der Halle und dem Hafenbecken. Der Weg war vom Schnee geräumt und nur noch mit einer festgefahrenen und gefrorenen Schicht aus Eis und Schnee bedeckt. Anscheinend ist die Bootshalle auch in der kalten Jahreszeit stark frequentiert. Semir blickte in beide Richtungen, keine Lampe erhellte den Fahrweg, und entschied sich für die linke Seite. Er lief langsam und wachsam an der Halle entlang, wohl darauf bedacht, dem Rand der Kaimauer, der kaum von der übrigen Umgebung zu unterscheiden war, nicht zu nahe zu kommen. Durch das Plätschern des Wassers bemerkte er den von hinten nahenden Wagen erst sehr spät, Kurz bevor er von dem rollenden Metall getroffen werden konnte, brachte er sich durch einen beherzten Sprung zur Seite in Sicherheit, rutschte auf dem glatten Untergrund aus und spürte plötzlich, wie er ins Leere stürzte.