Beiträge von Yon

    Im Winterlager

    Die Tür schwang leise auf und gab den Weg frei zu einem kleinen Flur, der zu einem Aufenthaltsraum führte. Hier war geheizt worden. Es standen Tische mit Stühlen, Schränke und eine Küchenzeile in diesem Raum. Auf der Spüle waren 2 Teller, Gläser und Besteck zum Trocknen abgestellt worden, Reste eines Abendessens für zwei Personen. Eine Stahltür trennte den Aufenthaltsraum vom eigentlichen Bootslager. Hier war es kalt, fast so kalt wie draußen. Der Betonboden war sauber gefegt und es standen mehrere Reihen mit Bootsständern und Trailern hier, 95 Motorboote und Segelyachten, die auf ihre Besitzer und auf den Frühling warteten.

    Semir und Alex schlichen zwischen der Hallenwand und den Hecks der eingelagerten Freizeitschiffe bis zur Nummer Vier. „AGILA“ und „Yachtclub Köln-Süd“ stand auf dem Spiegel. Sie umrundeten vorsichtig das Boot und fanden eine Leiter, die am Bootsständer angelehnt war, über die man an Deck gelangen könnte. Semir sah Alex an, zeigte erst auf sich, dann auf die Leiter, um ihm mitzuteilen, dass er vorhatte, auf das Boot zu klettern. Alex hob die Hand zum stummen Protest, aber Semir hatte bereits die ersten Sprossen erklommen.

    Oben angekommen schwang er sich leise auf das Deck der Motoryacht und wandte sich gleich der Tür zu, die ins Innere des Boots führte. Jetzt erst zog er seine Waffe. Zeit, die Bootsbesatzung zu wecken.

    Alex hatte sich inzwischen unten an der Leiter postiert, bereit die Runterkommenden in Empfang zu nehmen. Ihm war nicht ganz wohl bei der Sache. Maximilian Lange war unberechenbar und machte rücksichtslos von seiner Waffe Gebrauch, das hatte er ihnen am Vortag eindrucksvoll bewiesen. Und jetzt war sein „Sohn“ auch noch bei ihm. Wusste Tommy, dass Maximilian nicht sein Vater war? Wusste er von der Entführung Miriams? Hatten die Geschwister sich darüber unterhalten? Tommy war damals 3 Jahre alt und wird sich kaum bewusst an sein Leben vor Eintreffen der Langes erinnern. Er würde mit Sicherheit zu Maximilian halten, wenn er sich hier zwei Polizisten gegenüber stehen sah. Alex' Gedanken wurden von dem Geräusch unterbrochen, welches Semir an Deck der Motoryacht auslöste. Er wollte den Überraschungseffekt nutzen und Maximilian nicht erst Gelegenheit geben, sich zu bewaffnen und auf ihn los zu gehen. Also hatte er die Tür leise geöffnet, sie war nicht abgeschlossen, dann zündete er eine Rauch-Granate und ließ sie in die Kajüte rollen, welche sich sofort nach der Detonation mit Rauch füllte, und zog seine Waffe. Semir drückte sich von außen an die Kajütenwand. Vor ihm, keinen Meter entfernt, war die aus einem kräftigen Draht bestehende Reling der Yacht. Dahinter ging es geschätzte fünf Meter abwärts bis zum Betonboden der Bootshalle. Ihm wurde etwas schwindelig bei dieser Erkenntnis des geringen Bewegungsspielraums, falls es zu einem Zweikampf käme.

    Nach kurzer Zeit wurde die Kajütentür aufgestoßen und Maximilian und Tommy traten geduckt und hustend ins Freie. Der Ältere blickte sich hektisch um und hielt dabei seine Jagdwaffe in der Hand. Tommy griff mit beiden Händen um die Reling und beugte sich bei Husten nach vorne, nur zwei Meter neben Semir. Dieser reagierte schnell, war mit zwei Schritten hinter ihm und zog ihn zu sich an die Wand. „Aah!“, schrie dieser erschrocken auf, „Vati, hilf mir!“ Der Angesprochene drehte sich in die Richtung seines „Sohnes“. „Tommy, Was ist ...?“, begann er, dann sah er Semir.

    „Lassen Sie meinen Sohn los!“, polterte er. Er hob die Waffe, aber Tommy befand sich in der Schusslinie. Hinter Maximilian tauchte nun Alex' Kopf am Ende der Leiter auf. Semir versuchte, ein Gespräch mit Lange zu beginnen, stets darauf bedacht, hinter Tommy in Deckung zu bleiben. Er hätte Maximilian mit einem gezielten Schuss außer Gefecht setzen können, entschied sich aber dafür, ihn zunächst mit Worten zum Aufgeben zu bewegen. Auch den Jungen als Schutzschild zu missbrauchen, missfiel ihm, er wusste aber keine andere Möglichkeit. Ließ er den Jungen los, stünde er ohne Deckung vor dem schießwütigen Lange. „Herr Lange, es ist vorbei, sehen Sie es ein. Katja ist wieder bei ihren Eltern und Tommys Eltern werden wir auch noch finden.“ - „Was redet er da, Vati?“, mischte sich nun Tommy ein, „Ist das wahr? Dann stimmt es, was Katja gesagt hat, dass ihr nicht unsere Eltern seid? Und ist jetzt tatsächlich weggelaufen?“ - „Nein, Tommy, Katja hat deine Mutter umgebracht und ist deshalb geflohen, sie wird dafür bestraft werden. Wir sind eure Eltern, alles andere ist gelogen. Jetzt lassen Sie meinen Sohn gehen!“, forderte er Semir erneut auf und fuchtelte mit seiner Waffe in Richtung des Polizisten. Dieser hielt Tommy allerdings noch immer im festen Polizeigriff fest.

    Ein Seitenblick nach links zeigte Semir, dass Alex sich mittlerweile auf das Deck gezogen hatte und seine Waffe im Anschlag hielt. Jetzt hatte allerdings auch Tommy den zweiten Polizisten entdeckt und stieß eine Warnung aus. „Da ist noch einer, Vati, hinter dir!“ Bevor Alex und Semir sich versahen und reagieren konnten, warf Maximilian sich herum und trat Alex gegen die Hand, so dass dessen Waffe im hohen Bogen auf den Betonboden unter der Yacht aufprallte. Semir zog schnell seine Handschellen aus seinem Gürtel und fesselte Tommy an die Reling, um seinem Partner zu Hilfe zu eilen, der gerade Maximilien dessen Waffe entreißen und wegwerfen konnte, zum Dank dafür aber mehrere Tritte und Faustschläge erhielt, so dass er für wenige Sekunden das Bewusstsein verlor, sich aber recht schnell wieder berappelte. Sein Gegner nutzte diese Zeitspanne, um zur Seite zu springen und die Flucht zu ergreifen. Semirs Versuch, ihn aufzuhalten, endete fast mit einem Sturz des Polizisten von Bord, ein Unterfangen, auf das man angesichts dieser Höhe auf jeden Fall zu verzichten besser beraten war. Semir konnte sich gerade noch an der Leiter festhalten, während Maximilian bereits den Boden erreicht hatte und durch die Bootshalle rannte und im hinteren Ende derselben verschwand. „So ein Aas!“, stieß Semir aus, sah dann aber zufrieden auf Tommy, „wenigstens haben wir den Jungen. Ich glaube, du solltest ihm die Situation erklären. Ich schnapp mir jetzt Lange.“ Damit machte sich Semir an den Abstieg, um Maximilian zu verfolgen. Gerade als er den Fußboden der Halle betrat, fiel am hinteren Ende eine Tür ins Schloss. Semir rannte in die Richtung und durch die Tür nach draußen. Von Maximilian keine Spur. Auf dieser Seite der Halle war nur ein schmaler Fahrweg zwischen der Halle und dem Hafenbecken. Der Weg war vom Schnee geräumt und nur noch mit einer festgefahrenen und gefrorenen Schicht aus Eis und Schnee bedeckt. Anscheinend ist die Bootshalle auch in der kalten Jahreszeit stark frequentiert. Semir blickte in beide Richtungen, keine Lampe erhellte den Fahrweg, und entschied sich für die linke Seite. Er lief langsam und wachsam an der Halle entlang, wohl darauf bedacht, dem Rand der Kaimauer, der kaum von der übrigen Umgebung zu unterscheiden war, nicht zu nahe zu kommen. Durch das Plätschern des Wassers bemerkte er den von hinten nahenden Wagen erst sehr spät, Kurz bevor er von dem rollenden Metall getroffen werden konnte, brachte er sich durch einen beherzten Sprung zur Seite in Sicherheit, rutschte auf dem glatten Untergrund aus und spürte plötzlich, wie er ins Leere stürzte.

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    Audi?Da musste ich doch noch mal nachlesen, fuhr sie nicht in einem silbernen Hyundai auf den Parkplatz?Aber egal.

    Ja, Inga ist ein echtes Zufallsopfer. Ich musste direkt überlegen, ob bei mir Schlüsselbegriffe im Telefonbuch enthalten sind. Aber da hätten die kein Glück, es sei denn, sie könnten ICE korrekt interpretieren. Aber meinen Namen würden sie sicher bei anderen Apps rausfinden.

    Ich bin gespannt, aus welchen Verhältnissen diese Inga kommt, wen die Geschwister jetzt erpressen wollen und wie unsere "Helden" ins Spiel kommen. Vielleicht über den zurückgelassenen Hyundai/Audi?

    Ein Krampfanfall, ich muss unbedingt daran denken, diese Lektüre als Bildungsurlaub einzureichen.

    Zum Glück finden Semir und Sarah einen Rollwagen, so dass Semir Ben nicht länger tragen muss. Und jetzt geht auch noch die Batterie der kleinen Lampe zur Neige. Schaffen sie es noch zum Ausgang? Oder treffen sie im Dunkeln auf den Chemiker und diesen anderen Typen?
    Währenddessen tun die Kollegen in der PAST, was ich ihnen vorgeschlagen haben, die schauen sich die Koordinaten auf der Karte an, und Hartmut weiß aus irgendeinem Grund, dass dort ein stillgelegtes Bergwerk ist. Und Andrea tut das einzig richtige und geht zurück zum Hotel, um auf die Polizei zu warten. Sehr vernünftig!

    Wenn Semir doch bloß nicht so aufbrausend wäre und damit diesen Hauch einer Harmonie mit Andrea wieder zerstören würde!
    Und dass Robert nie den Vater von Ayda ersetzen können wird ist doch klar, da nutzt ihm auch eine Scheidung nichts. Gut, dass Andrea sich in diesem Punkt vor Semir stellt und ihn verteidigt, ihr ist halt doch etwas daran gelegen, dass Semir viel Kontakt zu seinen Töchtern hat und diese zu ihm. Da wird Robert mit Leben lernen müssen.

    Semir ist im Kreis gelaufen? Das war dann wohl nicht der Weg zum Ausgang. So ärgerlich das auch sein mag, das Gute daran ist, dass er wieder bei Sarah und Ben ist, denn diese hätten den Gangstern nichts entgegen zu setzen gehabt, die jetzt ja wohl auch durch die Höhle gehen, um sie zu finden.
    Aber was ist jetzt mit Ben? Was hat Sarah gesehen?

    Spur am Yachthafen

    Was hatte Alex herausgefunden? Wo sollte es hingehen? Würden sie heute endlich Maximilian Lange festnehmen können? Was meinte Alex damit, es könnte kalt werden? Auf diese Fragen würde er in den nächsten Stunden Antworten haben.Wie sein Partner ihm geraten hatte, zog sich Semir extra einen zweiten warmen Pullover über, bevor er in Winterjacke und -stiefel aus dem Haus trat. Andrea hatte noch fest geschlafen. Semir glaubte kaum, dass sie etwas von seiner Verabschiedung mitbekommen hatte. Nur etwas unverständlich gemurmelt hatte sie, ohne die Augen zu öffnen und sich umgedreht und weitergeschlafen.

    Alex fuhr in Semirs BMW vor und ließ ihn einsteigen. Auf dem Beifahrersitz lagen die Schutzwesten, die Semir gleich auf die Rücksitzbank beförderte. „Brauchen wir die? Wo geht es hin?“ - „Dir auch einen guten Morgen“, sagte der Fahrer, „nach dem Empfang, den uns Maximilian gestern bereitet hat, bin ich heute auf alles gefasst. Hat aber noch Zeit.“ - „Nach der gestrigen Begegnung täte uns ein Helm auch ganz gut stehen.“, gab Semir zu Bedenken, „Erzähl, was habt ihr rausgefunden?“

    Während der BMW durch das immer noch verschneite Köln glitt, erzählte Alex, was Semir am vergangenen Nachmittag versäumt hatte.

    „Nachdem ich dich zuhause abgesetzt hatte, machte ich mich auf den Weg zu der Geschäftsadresse von Maximilian Langes Laden für Versicherungsschäden. Du erinnerst dich, dass Hartmut uns zwei Adressen gab, das Geschäft und das City-Büro?“ - „Ich bin vielleicht etwas angeschlagen, aber nicht senil, Alex“, entrüstete sich der Gefragte. „War ja nur eine Frage. Ich fing im Geschäft an, unterhielt mich mit seinem Geschäftspartner, einem Manfred Junkers und den drei Angestellten. Sie beschrieben Lange als korrekten, etwas verschlossenen Chef, hatten aber nie Probleme mit ihm. Er verhielt sich stets korrekt, die Firma zahlte gut, über dem Branchendurchschnitt, es gab bei besonders gelungenen Geschäften auch schon mal Zusatzleistungen. Dafür erwartete er ab und an - etwa 6 Mal im Jahr kam das vor - Arbeit an Sonn- und Feiertagen. Privat war er allerdings seinen Kollegen eher unbekannt. Niemand war je auf seinem Hof gewesen, selbst Junkers nicht. Sie sahen sich nur im Büro. Es war bekannt, dass er zwei Kinder hat. Ich habe dann noch ein aktuelles Foto erhalten, von der letzten Betriebsfeier im Spätsommer, und unsere Fahndung damit ergänzt.

    Nur zwei Stunden bevor ich im Geschäft war - da waren wir noch im Krankenhaus - war Lange dort und hat seinen weißen Landrover gegen den Firmenwagen getauscht. Wir suchen also jetzt nach einem Audi A6, schwarze Limousine, Kennzeichen weiß ich jetzt nicht auswendig, steht da auf dem Block.“, Alex wies mit der Hand auf die Ablage in der Mittelkonsole und fuhr dann in seinen Ausführungen fort.

    „Ich habe dann das Büro durchsucht und danach auch das City-Büro. Wir haben die Anschriften von zwei Wohnungen gefunden, die als Aufenthaltsort in Frage kommen könnten. Ein Einzimmer-Appartement, in der Junkers ab und an übernachtet, wenn er keinen Nerv mehr auf seine Heimfahrt hat. Er wohnt sonst in Aachen. Gerade jetzt im Winter verzichtet er öfters auf die Tour, oder wie er sich ausdrückte, Tor'tour'. Und eine kleine Wohnung in Düsseldorf, die oft an Messebesucher oder Aussteller vermietet wird. Beide Wohnungen haben wir noch gestern Abend aufgesucht. Sie waren unbewohnt und leer, es waren keine Hinweise zu finden, die auf den Aufenthalt von Lange schließen ließen.Die Büroakten hatte ich zum großen Teil mit in die PAST genommen und machte mich mit Susanne an die Arbeit. Vor zwei Stunden etwa haben wir den Hinweis auf eine Yacht gefunden, die ihm und Junkers gehört und die jetzt in Zündorf im Winterlager liegt. Ich erinnerte mich, in den Büros Bilder einer Motoryacht gesehen zu haben, hatte da aber noch keine Ahnung, dass sie Junkers selbst gehört. In Zündorf kenne ich jemanden, einen ehemaligen Kollegen, der in der Nähe des Yachthafens wohnt. Den habe ich angerufen und gebeten, mal an dem Winterlager vorbei zu gehen.“ - „Mitten in der Nacht?“ - „Ja, seine Begeisterung hielt sich auch in Grenzen, aber er konnte mir natürlich nichts abschlagen. Du hättest es für mich doch auch gemacht?“ Alex blickte zu Semir rüber, als er an einer roten Ampel anhalten musste. Dieser erwiderte seinen Blick. „Nein“, war dessen klare Antwort, die durchaus ernst gemeint gewesen sein könnte. Dann verzog Semir aber den Mund zu einem Grinsen und nickte. „Franky ging also mit seinem Hund spazieren, einmal am Zaun entlang um das Winterlager herum. Und nun rate mal, was er gesehen hat?“ - „Habe ich einen Telefonjoker? Einen schwarzen Audi A6 vielleicht, mit dem Kennzeichen, welches auf dem Notizblock steht, welches in der Ablage meiner Mittelkonsole liegt?“ - „Genau den. Das Lager war dunkel, aber es war ja auch schon 2:00 Uhr“ - „Ein gutes Versteck.“ - „Wenn die Angaben nicht in den Geschäftsunterlagen gewesen wären, ja. Junkers hat uns gegenüber nur die Wohnungen erwähnt, die der Firma gehören, von einem Boot kein Wort. Ob absichtlich oder nicht, wissen wir noch nicht. So, wir sind gleich da.“

    Alex bog nach rechts Richtung Rhein ab. Sie kamen in ein ruhiges Wohngebiet, die abschüssige Straße führte direkt zum Yachthafen und dem Winterlager. Dort befanden sich Ankerplätze, das Wasser dümpelte schwer an die Kaimauer. Der kleine Sportboothafen war kurz vor dem Zufrieren. Bevor sie den eigentlichen Parkplatz erreichten, stoppte Alex den BMW in einer Parkbucht. „Wir gehen besser zu Fuß weiter. Wir wollen uns ja nicht gleich durch den Motor ankündigen.“

    Beide Kommissare stiegen aus, zogen sich die Schutzwesten über, überprüften ihre Waffen und marschierten leise Richtung Winterlager. Als Semir die riesige Halle sah, stutzte er und hielt Alex am Arm fest. „Wie sollen wir da das richtige Boot finden? Da gehen doch bestimmt 50, 60 Boote rein.“ - „Genau 95 sind zurzeit eingelagert. Die „Agila“ ist das vierte Boot auf der linken Seite. Das Tor quietscht, wir nehmen die kleine Tür daneben. Und ich habe einen Schlüssel dafür, kannst also dein Besteck in der Tasche lassen.“ Semir starrte ihn fassungslos an. „Der Platzwart war sehr kooperativ“, fügte Alex als Erklärung an. „Und Junkers?“ - „Der weiß nichts davon. Wir wissen noch nicht, ob er sich nicht mit Lange abgesprochen hat.“ Semir nickte. Sie hatten die Tür erreicht und Alex schloss auf.

    Jetzt verleben die beiden unbeschwerte Stunden mit Semirs Töchtern, und was macht Ben? Er muss ständig das leidige Thema auf den Tisch bringen. Hätte es nicht bis nach dem Abschied warten können?
    Klar, dass Ayda sich auch so ihre Gedanken macht, sie ist kein Kleinkind mehr und bekommt mehr von der Situation mit, als ihre Eltern ahnen. Auch klar, dass Semir ihr da keine großen Hoffnungen machen kann (und sollte). Zwischen Semir und Andrea müssen auch endlich klare Worte gesprochen werden, das sollten sie aber nicht zwischen Tür und Angel bei der Kinderübergabe tun.

    Sicher, sie haben sich alle richtig verhalten: Andrea, weil sie Susanne und nun indirekt auch die Krüger einschaltet, die sich gleich an die örtliche Polizei wenden wird, Semir, weil er nicht weiter versucht, Ben zu schleppen, und erst mal alleine den Ausgang suchen und Hilfe organisieren will, Sarah, weil sie bei Ben ist.
    Was mir Sorgen bereitet, ist dass neben Sarah und Ben, die beide völlig wehrlos alleine im Dunkeln sitzen/liegen, noch einer der Gangster nicht ganz ausgeschaltet zu sein scheint. Da erscheint mir die drohende Unterkühlung nicht das größte Problem.

    Semir und Andrea

    „Schau, Mama, Papa ist schon zuhause“, stieß Ayda vor Freude aus, als sie mit Andrea und Lilly gegen 18:00 Uhr nach Hause kamen und Semirs Sachen im Flur sahen. „Ja, er ist schon da“, antwortete Andrea, allerdings wesentlich leiser und nachdenklicher als die Achtjährige, denn das war eine sehr ungewöhnliche Uhrzeit für Semir. Während ihre Töchter es sich auf dem Wohnzimmersofa bequem machten, schlich Andrea die Treppe hinauf und warf einen kurzen Blick ins Schlafzimmer, zog die Tür aber gleich wieder hinter sich zu.

    „Papa schläft“, erklärte sie den Kindern, als sie wieder unten ankam, „kommt, wir machen zusammen Abendessen. Was wollen wir essen?“

    Semir wachte davon auf, dass Andrea sich leise neben ihn legte. Er grummelte ein verschlafenes „…spät…?“ – „Oh, du bist wach. Kurz nach Zehn. Warum hast du schon heute Nachmittag im Bett gelegen? Geht es dir nicht gut?“ Andrea knipste das Licht auf ihrem Nachttisch an. Jetzt sah sie erst das Pflaster an Semirs Schläfe. „Du bist verletzt!“. Sie setzte sich abrupt auf. „Nur ein Kratzer. Mir ist heute Nachmittag plötzlich schlecht geworden, da fand ich es besser, mich etwas hinzulegen.“ – „DU fandst es besser? NUR ein Kratzer?“ – „Ja“, jetzt drehte sich Semir, der seiner Frau bislang den Rücken zuwandte, auf denselbigen und sah sie an, „dieser Maximilian Lange hat uns einen etwas bleihaltigen Empfang bereitet. Mit dem werden wir noch viel Spaß bekommen, bis wir ihn haben.“ Andrea machte große Augen. „Du wurdest in den Kopf geschossen?“ – „An, nicht in“, antwortete Semir kleinlaut, „wir saßen noch im Auto, waren völlig unvorbereitet.“ – „Mensch Semir, pass bloß auf dich auf, solange dieser Verrückte frei rumläuft. Was wäre aus uns geworden, wenn er besser gezielt hätte? Aus den Kindern? Aus mir? Aus...“ – „Andrea …“ . „Nein, Semir, sag nichts, tu es einfach. Nicht für dich, sondern für deine Familie, für unsere Kinder!“

    Darauf wusste Semir nichts zu erwidern. Andrea hatte ja grundsätzlich Recht. Zu oft begab er sich in Gefahr, nur heute traf es sie völlig aus heiterem Himmel. „Versprichst du es mir?“, kam noch eine Frage von Andrea.Semir rollte sich nun auf Andreas Seite und gab ihr einen zärtlichen Kuss. „Ja, Andrea. Ich verspreche dir, dass ich aufpassen werde.“ Andrea knipste das Licht wieder aus und sie schliefen Arm in Arm ein.

    ***

    Gegen 4:30 Uhr vibrierte Semirs Handy auf seinem Nachttisch. Fast vierzehn Stunden Schlaf führten dazu, dass er schon von diesem leisen Geräusch erwachte. Er fühlte sich erfrischt und wesentlich besser als am Vortag, die Kopfschmerzen waren nahezu verflogen. Er stand langsam auf, nahm sein Mobiltelefon und verließ das Schlafzimmer, bevor er das Gespräch annahm. „Ja, Semir?“, meldete er sich leise und schritt, um seine Familie nicht aufzuwecken, die Treppe hinunter. „Ich bin‘s, Alex. Bist du fit?“ - „Du rufst nicht wirklich um diese Uhrzeit an, um mich das zu fragen? Was ist los?“ - „Wir haben eine Spur. Willst du dabei sein?“ Semir brauchte nicht lange überredet zu werden. „Kommst du mich abholen? Hast du mein Auto?“ - „Exakt. Ich bin schon auf dem Weg zu dir. Zieh dich warm an, es könnte kalt werden. 10 Minuten?“

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    Natürlich interessiert es auch mich, wie es in der der Höhle weitergeht. Aber wir dürfen ja auch Andrea nicht aus den Augen lassen, die alleine außerhalb der Höhle ist.
    Sie tut das Richtige und ruft Susanne an. Jetzt hoffe ich doch, nachdem alle Handy-Signale so dicht beisammen liegen, dass sie auf die Idee kommt, die Koordinaten auf eine gute Karte der Gegend zu legen und so festzustellen, dass es dort diese Höhle gibt. Zumindest der tschechische Zugang sollte vermerkt sein, der schien ja recht groß und offensichtlich zu sein. Aber morgen zurück zu unseren "Helden", nicht wahr, Susanne?

    Friede, Freude, Eierkuchen bei Semir, Ben und den Kindern. Also, ich hätte bestimmt kein Stück Kohle in der Garage, keine Möhre im Kühlschrank und eine kleine Gitarre hätte ich auch nicht zur Hand. Da sind die "Helden" wesentlich besser auf einen Schneemannbau vorbereitet. Aber ich hätte ihm noch einen Hut gespendet!

    Aber ich muss mich wiederholen: Es ist mir entschieden zu viel Harmonie in der Story, da muss noch was passieren, ich hoffe es!!

    Fahndung

    Nachdem Miriam ihnen nicht weiterhelfen konnte, blieb Alex und Semir nichts anderes übrig, als mit dem geliehenen Wagen der KTU zurück zu Hartmut auf den Hof der Langes zu fahren und ihn nach eventuell gefundenen Hinweisen zu fragen. Alex blickte leicht verstohlen auf seinen älteren Partner. Ihm war nicht entgangen, dass dieser sich bei Einsteigen kurz am Dach des VW Passat festhalten musste, bevor er sich auf den Beifahrersitz gleiten ließ.

    „Alles in Ordnung, Semir?“, fragte er deshalb, als der den Motor startete. „Ja, alles gut. Mir war nur eben etwas schwindelig.“ – „Bist du sicher, dass du dich nicht doch lieber zuhause hinlegen solltest?“ – „Ist jetzt schon besser. Ich mache einfach hier die Augen einen Moment zu.“ Und Semir drehte die Rückenlehne etwas nach hinten und lehnte sich zurück. Alex fuhr langsam vom Krankenhausparkplatz. ‚Wie kann man nur so stur sein?‘, dachte er bei sich.

    Hartmut konnte ihnen noch keine wichtigen Erkenntnisse mitteilen, nur die Anschriften vom Büro und vom City-Büro, in dem die gesamte Buchhaltung abgelegt und bearbeitet wurde, hatte er für die beiden Hauptkommissare parat. Auch dem Kriminaltechniker fiel auf, dass Semir blass aussah und es ihm augenscheinlich nicht gut ging, aber er sagte nichts dazu. Es war Alex, der sich mit dem Rotschopf unterhielt, während Semir neben dem Auto stehen blieb und sich anlehnte.

    „Hartmut, wir fahren in die Büros und schauen uns dort mal um. Wenn du hier etwas Wichtiges findest, kannst du mich anrufen. Und wir melden uns, wenn wir etwas entdecken, okay? Das Auto stellen wir nachher vor der PAST ab, dort könnt ihr es denn heute Abend oder morgen wieder abholen. Mein Auto habt ihr schon abgeschleppt?“ – „Ja, den schaue ich mir nachher an“, antwortete Hartmut und fügte leise hinzu: „Ich an deiner Stelle würde Semir nach Hause fahren, er sieht echt krank aus.“ Alex zuckte daraufhin nur mit seinen Schultern. „Das habe ich auch schon versucht.“

    Sie waren gerade zehn Minuten unterwegs auf der A4 in Richtung Köln, da geschah das Unvermeidliche. Semir klammerte sich an die Beifahrertür, presste ein „Alex“, hervor. „Alex, halt an. Mir wird schlecht!“ Der ließ sich das nicht zweimal sagen, bremste den Wagen ab und hielt auf dem Standstreifen der Autobahn an, wo Semir schnell ausstieg und sich neben dem Auto übergeben musste. Ohne Widerrede ließ er sich jetzt bereitwillig von Alex nach Hause befördern, der dann die Ermittlungsarbeit in den Büros des Geschäfts für Versicherungsschäden antrat.

    Alex meldete Semir für den Rest des Tages krank und hoffte, dass sich dieser bis zum nächsten Tag erholen möge. Ihm fiel wieder ein, dass er sich noch um eine sichere Wohnung für Miriam Schröter bemühen und außerdem eine Bewachung für das Krankenhaus organisieren wollte. Er erledigte die dafür erforderlichen Anrufe und meldete sich auch zusätzlich noch bei der Mordkommission, die den Mord oder Totschlag an Eva Lange untersuchte. Der ermittelnde Oberkommissar würde noch am Nachmittag ins Krankenhaus fahren, um Miriam zum Tathergang zu befragen.

    Von Susanne erfuhr Alex, dass die Fahndung nach dem weißen Landrover bislang erfolglos verlaufen war. Dann lenkte Alex den Wagen auf das Firmengelände Lange & Junkers Versicherungsschäden, An- und Verkauf.

    Semir betrat sein Haus und war jetzt doch froh, den Dienst abgebrochen zu haben. Die Bürodurchsuchung hätte er auf keinen Fall klaren Kopfes durchgestanden. Ebenso froh war er über die Tatsache, dass seine Familie noch nicht daheim war. Andrea arbeitete jetzt donnerstags immer am Nachmittag und Ayda und Lilly waren dann in der Nachmittagsbetreuung. So blieben Semir, wie er zufrieden beim Blick auf seine Uhr feststellte, noch über zwei Stunden Ruhe, und auch die nicht vermeidbare Erklärung seiner neuen Blessur Andrea gegenüber wäre noch so lange aufgeschoben.

    Er legt seine Schlüssel auf die Ablage, zog Stiefel und Jacke aus und ging langsam die Treppe hoch. Wie konnte ihn so ein relativ kleiner Kratzer so aus der Bahn werfen? Schon wieder kündigte sich leichter Schwindel an und kroch ein gewisse Übelkeit in ihm hoch, die runterzuschlucken ihm gerade noch gelang. Froh, im Schlafzimmer angekommen zu sein, zog er die Vorhänge vor, entledigte sich seiner Sachen, schlüpfte unter die Bettdecke und war innerhalb von fünf Minuten eingeschlafen.