„Mir geht es gut, danke“, entgegnete sie nüchtern und machte sich eine gedankliche Notiz, nicht noch einmal eine solche Schwäche zu zeigen. Ihr Nacken schmerzte zwar leider weiterhin wie die Hölle und sie war in ihrem Inneren auch genauso aufgewühlt, wie noch Minuten zuvor, doch nun galt es, einen kühlen Kopf zu bewahren, um das Anstehende in die richtigen Bahnen zu lenken. Immerhin wollte sie sich von dem anderen Fahrer ver-sicherungstechnisch nicht linken lassen, also hieß es Professionalität walten zu lassen! Ein freudloses Lächeln glitt über ihre Lippen, so schnell konnte etwas passieren, wenn man in Gedanken war. Kein Wunder, dass man Handys beim Autofahren verbot, wenn schon derartige Kleinigkeiten einen Unfall herbeiführen konnten. „Sie brauchen keinen Krankenwagen zu rufen, mir geht es wirklich gut!“, versicherte sie noch einmal, dieses Mal mit mehr Nachdruck, und richtete sich demonstrativ ein wenig weiter auf, während sie ihre Arme vor der Brust verschränkte.
Er mochte zwar ein Mann und genauso wütend wie sie sein, doch Anna Engelhardt hatte in ihrem Polizeidienst schon weitaus einschüchternder Personen erlebt, vor denen sie dennoch ihren Mann gestanden hatte. Emanzipation war das Stichwort, Frauen brauchten sich nicht alles gefallen zu lassen. „Ihnen ist doch bewusst, dass Sie für den Schaden aufzukommen haben?“ Es war mehr eine Feststellung als eine Frage, immerhin war er ihr aufgefahren und nicht umgekehrt, also würde sie mit Sicherheit keinen Finger krumm machen. Zumindest war er zuvorkommend, musste sie sich selbst eingestehen. Jeder andere Mann hätte sie vermutlich genauso angefahren, wie sie es eben bei dem Fremden getan hatte. Immerhin gab es ja das allgemeine Klischee, das Frauen nicht Autofahren können. Sie holte kurz Luft und strich sich durch das schwarze Haar, während sie nun die folgenden Schritte überlegte. „Ich denke wir sollten erst einmal die Polizei rufen, um den Unfall zu melden.“ erklärte sie vernehmlich und machte sich in Gedanken schon darauf gefasst, das nun gleich zu hören, dass es doch nicht notwendig wäre und man den Schaden unter sich regeln lassen könnte…. Doch Anna hatte sich vorgenommen, dies auf gar keinen Fall durchgehen zu lassen. Sie nahm ihr Handy aus dem Wagen und rief die Kollegen der städtischen Wache an. Als sie erneut in ihrem Wagen sah und das Chaos auf der Rückbank in ihr Blick fiel, stöhnte sie leicht gequält auf.
Till sah der Frau nach und schmunzelte. Vermutlich hatte sie damit gerechnet, dass ich mich gegen die Polizei wehre, aber warum sollte ich. Ich bin versichert und der Wagen ist in einem ordentlichen Zustand. Er zückte sein Portmonee aus der Tasche und lächelte sie an. „Es ist selbstverständlich, dass ich für jeglichen Schaden aufkomme.“ Sagte er bestimmt. „Es war schließlich meine Schuld und außerdem … habe ich damit Ihren Abend ruiniert… an. Sie rufen die Polizei und ich den Abschleppdienst…“ hängte er und fuhr sich charmant lächelnd durch die Haare. Dann fiel sein Blick auf den Porsche, dessen Schnauze ziemlich demoliert war und er dachte, dass der Wagen sicher morgen wieder flott ist, wenn das Trinkgeld stimmte. Doch eigentlich könnte er sich auch direkt einen neuen Wagen holen. Einen Boxter… ja er wollte sich morgen einen Boxter kaufen. Es dauerte knapp eine Minute, bis der Abtransport des Porsches geregelt war. Während dieses Telefonates hatte Till seine unfreiwillige Crash-Partnerin nicht aus den Augen gelassen. Offenbar ließ sie sich von Männern grundsätzlich nichts gefallen und vermied es ihnen gegenüber Schwäche zu zeigen. Innerlich musste er grinsen wie ein kleines Kind. Der Abend könnte doch noch einen guten Ausklang finden. Belustig stellte er fest, dass dies der teuerste Flirtversucht werden würden, den er bis jetzt unternommen hatte. Eine innere Stimme sagte ihm aber, dass es das auf jeden Fall wart sein würde denn eine Frau solchen Kalibers fand man nicht an jeder Straßenecke. Nachdem er aufgelegt hatte, fasste er sich sofort entschuldigend an den Kopf. „Wie unhöflich von mir. Soll ich Ihren Wagen aus sofort in eine Werkstatt bringen lassen? Ich komme natürlich auch für die Kosten eines Mietwagens auf, das heißt eigentlich meine Versicherung…“ lächelte er und hielt ihr seine rechte Hand hin. „Ich bin übrigens Till Schuster… der Crashpilot Ihres Vertrauens“ stellte er sich lachen vor.
Es war für Anna sehr seltsam um es gelinde auszudrücken, dass der Unbekannte so überaus verständnisvoll war und nicht einmal den Versuch anstelle, zumindest ein wenig Schuld von sich abzuwälzen. Immerhin war es doch nur menschlich, nicht alles auf seine Schultern zu laden, aber der andere Autofahrer verhielt sich ganz und gar nicht so wie es wahrscheinlich jeder nicht nur erwartet sonder vor allem gewohnt war. Nicht zu letzt aus diesem Grund zogen sich ihre Augenbrauen leicht in die Höhe, während sie den dunkelhaarigen Mann betrachtete. Zweifel nagten in ihrem Inneren, denn sie konnte nicht mit Bestimmtheit sagen, ob das alles ehrlich gemeint war oder ob hier ein guter Schauspieler am Werk war. Doch andererseits wollte sie sich auch nicht beschweren, denn einen schreienden Mann hätte sie heute Abend nicht mehr ertragen.
Das Schicksal meinte es eben zum Abschluss des Tagens etwas besser mit ihr. „Gut…“ entgegnete sie nur kurz angebunden. Dieses Mal jedoch ein weniger freundlicher, als er ihr versicherte, für den Schaden aufzukommen. So etwas konnte man, wenn überhaupt nur noch bei einem Gentleman erwarten, was sie dazu veranlasste, ihm etwas mehr Aufmerksamkeit zu widmen. Ihr Blick bleib nur für einen kurzen Moment etwas länger an den blauen durchaus interessanten Augen ihres Gegenübers haften, ehe sie damit begann, die allzu vertraute Nummer der Polizei zu wählen, noch ehe er ihrem Vorschlag zugestimmt hatte. „Glauben Sie mir… das haben Sie nicht. Es war nur so komisch es auch klingen mag, ein krönender Abschluss.“ lächelte sie ihn an während sie telefonierte. Sie erwischte sich dabei, dass sie den Mann der sich als Till Schuster vorgestellt hatte häufiger ansah. „Polizeidienststelle Köln, Meier am Apparat!“ hörte sie ihren Gesprächspartner. „Engelhardt, guten Abend“, erwiderte sie seine Worte und führte ein kurzes Gespräch mit der Person am anderen Ende der Leitung, welches damit endete, das eine Streife vorbeikommen würde um die Aussagen und den Unfall aufzunehmen.