Anna sah den Mann an. „Wo bringen Sie mich hin?“ fragte sie, doch eine Antwort erwartete sie nicht wirklich. Der Fall Peter Neumann, hatte sie schon damals nicht losgelassen. Was für ein Mann war es, der seinen eigenen Vater erschoss. Was ging in ihm vor? Er selbst war Polizist und seit diesem Vorfall fragte Anna sich, was in den Menschen vorging. Sie musterte ihn. Er war alt geworden. Er müsste jetzt gerade Anfang 40 sein, eher noch Mitte 30. Anna hatte damals an seine Unschuld geglaubt. Sie kannte Peter von der Polizeischule. Er war einmal ihr Schüler bis zu jenem Vorfall. Damals hatte sie keine Reue gezeigt und war einzig und allein darauf fixiert gewesen, den Fall zu lösen – ohne Rücksicht walten zu lassen. Warum auch? Ein Mensch, der einem anderen das Leben genommen hat, hat im Grunde auch nicht das Recht, mit Samthandschuhen angefasst zu werden, auch wenn das bedeutete, jemanden von seiner geliebten Familie zu trennen. Man musste über so etwas stehen und die Schicksale ausblenden, so wurde es ihr schon in den ersten Wochen vermittelt. Und wie hieß es so schön: Wie du mir, so ich dir! Genau dieses Sprichwort spukte mit einem Mal in ihren Gedanken, denn sie glaubte nicht, dass nun Peter derjenige sein würde, der irgendwelche schonenden Handschuhe über seine rauen Hände zog.
„Wo bringen Sie mich hin?“, wiederholte sie sich nach einer kurzen Pause. Sie sah genau dass er wütend war. War sie nun dran? Wolle er sie auch umlegen, so wie damals seinen Vater? War er wirklich schuld? Sie schwieg nun um seine Wut nicht noch mehr Nahrung zu geben und gerade das war es, was man bei einer Entführung vermeiden musste. Immerhin hatte sie vor, noch eine ganze Weile am Leben zu bleiben! Die Fähigkeit, geeignete Orte zum Verstecken zu finden, wurde einem von Kindesbeinen an gelehrt. Man spielte mit seinen Freunden und als ideal galt ein Kleiderschrank, die Fensterbank mit den Gardinen davor oder unter dem Schreibtisch. Fand das lustige Treiben draußen statt, so versteckte man sich auf Bäumen, in Schuppen oder hinter Autos. Einem Kind fielen gute Verstecke leicht ein. Man musste nur aus den Augen der Verfolger verschwinden – so schwer konnte das nicht sein. Erwachsene machten sich da mehr Gedanken und für gewöhnlich war es kein Spiel, wenn sie versuchten, sich den Blicken ihrer Verfolger zu entziehen. Auch Peter war es klar, dass die Sache hier todernst war. Wochenlang hatte er nach dem geeigneten Ort gesucht um sich zu verstecken. Keine Spur durfte von Peter Neumann zu diesem Platz führen. Es musste eine Stelle sein, die nicht oft – wenn möglich gar nicht – von Menschen aufgesucht wurde und es musste die Möglichkeit bestehen dort zu leben, ohne dass irgendwer Verdacht schöpfte.