2. Kapitel - Ich bin ein Mörder
„Frau Krüger, aus den Untersuchungen geht eindeutig hervor, dass Herr Gerkhan der Unfallverursacher ist. Er muss die Konsequenzen für sein Handeln tragen. Fahren ohne vorschriftsmäßige Ausweisung eines Polizeieinsatzes, überhöhte Geschwindigkeit im Stadtgebiet und überschätzte Selbstsicherheit.“, zählte Kommissar Wagner von der Verkehrspolizei auf. „So leid es mir tut, aber ich muss den Kollegen Gerkhan wegen Unfall mit Todesfolge und gefährlichen Eingriff in den Straßenverkehr festnehmen.“, fügte der Mann hinzu. „Herr Wagner, ich verstehe sie ja, aber finden sie nicht, Herr Gerkhan hat es schon schwer genug? Warum müssen sie ihn ins Gefängnis stecken?“ „So sind die Vorschriften, Frau Krüger. Glauben sie, der Witwe wird es begreiflich sein, warum ich den Mörder ihres Mannes noch auf freiem Fuß lasse?“ „Herr Wagner, mein Kollege befand sich in einem Polizeieinsatz... das ist erwiesen. Sie haben doch die Aussage vom Juwelier und den Kollegen der Stadtpolizei, die beide, unabhängig voneinander, bestätigen, dass Semir Gerkhan an den Flüchtigen dran gewesen ist.“, versuchte Kim die Situation zu entschärfen. „Das mag ja sein, aber warum hatte er weder das Dachblaulicht aufgesetzt, noch seine Lichtanlage oder die Sirene eingeschaltet? Wissen sie, für sie von der Autobahnpolizei mögen diese Dachaufsätze ja störend ein, aber in einem Stadtgebiet und vor allem bei solchen Wetterverhältnissen sind sie nun einmal Vorschrift.“, fauchte er und wollte das Büro verlassen, als er sich noch einmal umdrehte. „Und noch eins... die Kollegen haben den Räuber nicht stellen können, er wäre der einzige, der Herr Gerkhans Geschichte noch einmal bestätigten könnte. Den Bericht muss ich an die Staatsanwaltschaft weiterleiten. Es tut mir Leid für ihren Kollegen.“, meinte er und schloss die Tür. Kim ließ sich in den Sessel zurückfallen. „Arschloch.“, stieß sie aus und nahm sich noch einmal den Bericht vor. Sie wollte Semir unbedingt helfen. Er durfte einfach nicht ins Gefängnis kommen.
Auch der Morgen bei Familie Gerkhan fing nicht gerade rosig an. Semir saß, in seinem Bademantel gehüllt, unrasiert und vollkommen lustlos, in seinem Sessel und starrte in die weiß fallende Pracht hinaus. „Morgen...“, kam es verschlafen von Ben, als dieser aus dem Gästezimmer trat und sich die Augen rieb. Doch Semir antwortete nicht, er sah seinen Partner nicht einmal an. Still und leise saß er da und schluchzte nur. Ben wollte zu ihm gehen, doch Andrea hielt ihn fest. „Er sitzt schon die halbe Nacht so da. Semir hat kaum geschlafen, sich immer wieder im Bett gewälzt und ist schreiend aufgewacht. Als ich ihn beruhigen wollte, ist er ins Wohnzimmer geflohen.“, erklärte sie mit trauriger Stimme und sah Ben an. Dieser wusste nicht wirklich, was er machen sollte. So hatte er Semir noch nie gesehen. „Hey.... willst du reden?“, wollte er wissen und setzte sich neben Semir auf die Lehne. „Was gibt es denn zu reden? Ich habe einer Familie schreckliches zugefügt. Ich bin Polizist und sollte die Menschen beschützen und nicht umbringen...“, stieß Semir verzweifelt aus. „Semir.... es war ein Unfall.“, beschwor Ben ihn. „Ja sicher... ein Unfall den ich hervorgerufen habe... Nein Ben... so einfach ist es nicht. So einfach kann man das nicht abschieben. Ich habe diesen Mann getötet und vielleicht sogar das Kind... die Mutter ist schwanger und ich nehme ihr alles...alles was für sie wichtig ist...Verdammt...ich bin ein Killer!“, Semir fing an zu weinen. Ben wusste nicht wie er sich verhalten sollte.
Kommissar Wagner fuhr mit seinen Kollegen zum Haus von Semir Gerkhan. Soweit kam das noch, dass nur, weil man Polizist ist, das Gesetz so legt wie man es braucht. Dieser Mistkerl ist mit überhöhter Geschwindigkeit durch die Straßen gerast und hat eine Familie zur Hälfte ausgelöscht. „Der Kerl kann nur froh sein, dass ihm kein Alkohol nachgewiesen werden konnte. Aber mir ist es ziemlich egal, ob er Kollege ist oder nicht. Solche Raser gehören in den Knast...“, fauchte der Kommissar. Seine Gedanken gingen nur wenige Jahre zurück. Als Janine, süße vier Jahre alt, auf der Straße spielte. In einer verkehrsberuhigten Zone. Er sah noch wie ihre dunklen langen lockigen Haaren im Wind wehten und wie sie lachte. Tränen füllten seine Augen. Er dachte weiter an das, was damals geschah. Gerade kam er vom Dienst nach Hause und wollte seine kleine Tochter in den Arm nehmen, als ein Auto mit mehr als achtzig Sachen durch die Spielstraße fuhr. Seine kleine Janine hatte keine Zeit. Er sah sie, wie sie vom Auto erfasst und wie sie durch die Luft geschleudert wurde. Er sah sie, wie der kleine zarte Körper auf dem Bordstein zerschlug. Nur ein Jahr nach der Beerdigung ging seine Ehe in die Brüche. Patrizia konnte nicht mehr mit ihm leben, weil er nur noch für seinen Beruf lebte und diese Raser von der Straße schaffen wollte. Kein Elternteil sollte diesen Schmerz erleben. Martin Wagner wusste, dass es ein Kampf gegen Windmühlen war, aber er musste es tun. Er hatte es Janine am Grab geschworen, jeden Raser den Garaus zu machen. Und er würde vor Gerkhan keinen Halt machen. Auch er gehörte hinter Gitter.