Semir und Ben stiegen über Säcke mit alter Wäsche und alte Möbel. Der Dachstuhl dieses Hotels schien kein Ende zu nehmen. „Wo ist denn der Ausgang?“, stöhnte Semir wütend. Mario lachte. „Wir sind doch schon da.“, sagte er und wies auf eine Tür im Boden. Semir sah ihn erstaunt an. „Wo genau sind wir jetzt?“, wollte er wissen. „Wir sind zwei Häuser weiter. Italien ist sehr schön, was die Baustruktur angeht. Hier werden Häuser miteinander verbunden. Und vor allem die Dachstühle. Wenn ihr hier durch geht, dann seid ihr weit vom Hotel weg und doch nicht so weit.“, grinste Mario über seine Wortgewandtheit. „Danke… du hilfst uns sehr damit. Könnten wir uns hier auch einrichten? Ich meine wir müssten dann mit Lebensmittel versorgt werden und so?“, wollte Ben wissen. Mario nickte. „Klar… ich bin froh, wenn ich Gesellschaft habe. Wohne ja gleich nebenan..“ grinste der Junge. Semir musste lachen. „Also gut… du holst unsere Sachen morgen hier hin. Es muss so aussehen, als seien wir weg. Verstehst du?“, wollte Semir wissen. Mario nickte. „Ja sicher… ihr seid hinter Marcello her, nicht wahr?“ wollte er wissen. Semir sah zu Ben. Jeder schien hier Bescheid zu wissen. „Ja…“, sagte Ben nur knapp. „Wollt ihr wissen, wie ihr ihn packen könnt?“, harkte der Junge nach. Semir und Ben waren sofort mit offenen Ohren dabei.
„Wie?“, wollte Ben wissen und kroch etwas näher zu Mario hin. Dieser grinste nur. „Don Marcello hat eine entscheidende Schwachstelle, doch es ist schwer, an diese heran zu kommen.“, erzählte Mario und die beiden Deutschen steckten nun noch mehr die Köpfe mit dem Italiener zusammen, als es bisher der Fall war. „Welche denn?“, fragte Semir und ließ sich die Spannung nicht nehmen. „Er ist sehr gründlich in seiner Arbeit. Alles bei ihm muss aufgeschrieben und abgespeichert sein. Ich weiß von meinem Vetter, dessen Freund hat einen Bruder, der zu Don Marcellos Leuten gehört, und der hat erzählt, dass er alle seine wichtigen Dokumente in einem Safe in seiner Villa aufbewahrt. Dabei soll auch ein kleines schwarzes Büchlein sein, wo etliche Namen von Politikern, Staatsanwälten und Polizisten drin verzeichnet sind, die im Solde der Mafia stehen.“, erzählte der kleine Page und sah sich dann um, als er ein Geräusch vernahm. Sofort schreckten Semir und Ben auf. „Ist nichts, sicherlich nur eine Maus.“, meinte er. „Okay, also dieses Buch... wie sollen wir da ran kommen, wenn es im Haus von Don Marcello liegt?“, fragte Ben und tat die Sache schon als verloren ab. „In einigen Tagen gibt der Don einen seiner berühmten Empfänge... alles, was in Rom Rang und Namen hat, wird anwesend sein. Der Clou ist, dass sehr viele Dienstboten und Kellner gebraucht werden. Vielleicht kann ich euch reinschleusen und ihr könnt euch das Buch auf diesem Weg holen.“, meinte Mario.
Alessandro kam am Tatort an und sah die Leichen der Familie noch unabgedeckt am Boden liegen. Die Carabinieres, die den Tatort absperrten, sahen betroffen und mit Wut im Bauch auf die kleinen, toten Kinderkörper und auch Alessandro, selbst Vater von zwei süßen Jungs, konnte den Anblick nicht lange ertragen. Wutentbrannt schlug er mit der Faust auf den Chromherd und hätte beinahe eine Beule hineingeschlagen. „Ich will alles. Jede einzelne Spur... jeden noch so kleinen Fingerabdruck.“, schrie er die Männer der Technik an und ging dann nach draußen, wo einer der Carabinieres auf ihn zukam. „Commissario, laut Aussagen einiger Zeugen aus den benachbarten Häusern, fuhr im 22 Uhr ein Wagen vor, zwei Männer im Anzug, der eine mit Handschuhen, stiegen aus und gingen geradewegs in das Restaurant. Die Nachbarn konnten sehen, wie der Wirt mit den Beiden aufgeregt sprach, bevor er geschlagen und in die Küche gezerrt wurde.“, endete der Vortrag des Polizisten. „Sicherlich wieder Schutzgeld. Verdammt, dieses Mal werde ich Marcellos Leute erwischen und sie mit meinen bloßen Händen töten.“, stieß der Römer aus und ballte wieder seine Fäuste. Diese Mafiapaten schreckten vor nichts zurück, wenn es darum ging, das fehlende Geld einzutreiben. Einige Restaurantbesitzer konnten zahlen, aber nur, weil sie an den wichtigen Touristenfallen drapiert waren. Ein Laden, wie dieser hier, in einer Seitenstraße, noch dazu einer stark befahrenen, war nur etwas für Stammkunden, Anwohner und Liebhaber der rustikalen Küche. Er warf genug ab, um davon leben zu können und die Rechnungen zu bezahlen, aber für Schutzgeld reichte es kaum.