Andrea brachte Carla ins Krankenhaus und sie wurde umgehend in den Kreissaal gebracht. Der Arzt untersuchte Carla gründlich und lächelte beruhigend. „Das dauert noch etwas. Es ist alles in Ordnung. Ich denke Sie werden heute Nacht bei uns bleiben und sich entspannen. So wie es ausschaut wird es für Sie bis um fünf in der Früh erledigt sein und Sie werden zwei hübsche Kinder im Arm halten. Bis dahin aber liegen bleiben.“, ermahnte der Arzt sie. Carla nickte. „Aber die Wehen...sie sind…nicht weit auseinander…“, stöhnte Carla. „Ja ich weiß…damit öffnet sich der Muttermund. Der ist nicht einmal drei Zentimeter offen. Es ist ihre erste Geburt?“, harkt er nach. Carla nickte. „Dann dauert es immer etwas länger. Es ist sehr quälend, aber leider nicht anders machbar.“, lächelte er beruhigend. „Kann ich denn nicht nach Hause fahren?“, wollte sie wissen. „Nein…besser nicht. Wir können Ihnen hier helfen, sollte es Komplikationen geben. Wo ist denn der Vater der Kinder?“, fragte der Arzt nach. „Im Einsatz. Er weiß nicht einmal, dass ich im Krankenhaus bin...“, erklärte Carla. „Nun…dann sollte er den Einsatz aber bis um fünf erledigt haben, sonst spielt er nicht in der ersten Liga.“, grinste der Doc. Carla sah Andrea traurig an. „Ruf bitte Ben an. Er muss herkommen…ich will, dass er bei der Geburt dabei ist…bitte.“, flehte sie. Andrea nickte. „Wenn ich ihn an den Haaren her zerren muss... er wird dabei sein, das verspreche ich dir…“, bestätigte sie erneut. Carla wurde auf die Entbindungsstation gebracht und an den Wehenschreiber angeschlossen. Außerdem wurden die Herztöne der Kinder überwacht. Alles war in Ordnung. Erleichtert schlief Carla für wenige Minuten ein.
„Chefin…das ist der Kerl…er hat die gleiche Statur und ich weiß sogar wer er ist. Der Stiefsohn von diesem Juwelier. Ich habe das eben herausgefunden. Der Mann glaubt, dass sein Stiefvater seine Frau umgebracht hat. Das wiederum ist die Leiche in Bens Garten, die er beim Umgraben gefunden hat…“, erklärte Semir aufgeregt. Sein Handy klingelte und er meldete sich. „Semir hier..“ „Schatz...ich habe Carla eben ins Krankenhaus gebracht. Die Wehen haben eingesetzt. Wo ist Ben verdammt noch mal?“, hörte er seine Frau fragen. „Oh verdammt..das ist nicht gut…hör zu...Ben ist als Geisel bei einem Juwelierraub. Ich versuche ihn da raus zu holen, aber …wie viel Zeit bleibt noch?“, fragte Semir nach. „Oh mein Gott…warum muss es eigentlich immer so extrem bei euch sein? Der Arzt meint bis um 5 in der Früh. Das ist das späteste…also noch von jetzt bis in 4 Stunden. Carla ist ziemlich verzweifelt, dass er nicht bei ihr ist. Aber ich kann ihr schlecht sagen, dass er da drin steckt. Also hol ihn raus und bring ihn ins Krankenhaus…möglichst unverletzt…bekommst du das hin?“, harkte Andrea nach. In ihrer Stimme war ein unmissverständlicher Befehl zu hören. „Ich gebe mein Bestes.“, versprach Semir und beendete das Gespräch. Kim sah ihn an. „Carla?“, fragte sie nur. „Ja...in den nächsten drei Stunden….wird er Vater werden...“, bestätigte Semir. „Oh...das wird knapp. Wissen wir einen Namen von dem Mann?“, wollte sie wissen und ging wieder zum Fall. „Ja..Kyle…heißt er Kyle Thaelmann…“, gab Semir bekannt. „Gut…dann werden wir ihn in die Enge treiben. Anderes bleibt uns nicht übrig. Wir müssen die Sache jetzt beenden.“, gab Kim bekannt.
Ben sah den Mann an, der immer mehr nervöser wurde und Haare raufend durch den Laden lief. Wolfgang beobachtete den jungen Mann, der geknebelt an seiner Heizung festgebunden war. Auch Ben blickte zu dem Alten hinüber. Vielleicht war es besser, wenn Wolfgang einfach zugab, dass er seine Frau getötet hatte. „Mmmmhhhhhh...“, kam es von Ben und sofort ruckte Kyle mit seinem ganzen Körper rum. „Was willst du denn jetzt?“, fauchte er nur und zog das Klebeband mit einem Ruck ab. „Ahhh...“, stieß Ben aus und sah, dass einige Bartstoppeln im Stück des klebrigen Bandes hängen geblieben waren. „Was wollen sie eigentlich mit ihrem Vater machen, wenn er ihnen gesagt hat, dass er ihre Mutter umgebracht hat?“, wollte der junge Hauptkommissar wissen. „Was geht dich das an?“ „Kyle, sehen sie nach draußen. Sehen sie sich die umliegenden Gebäude an.“, forderte Ben nur und winkte mit seinem Kopf zum Fenster. In Kyles Augen regten sich etwas. Zögerlich tat er, was Ben verlangte, und schob einen Vorhang kurz zur Seite. Und tatsächlich. Nicht nur auf der Straße war die Polizei, sondern auf den gegenüberliegenden Dächern und Gebäuden hatten ihn schwarz vermummte Gestalten ins Visier genommen. „Wenn du hier einen auf Dirty Harry machst, fackeln die Jungs nicht lange und knallen dich ab. Willst du dein Leben so leicht wegwerfen?“, fragte Ben und sah, dass der Junge anfing zu zweifeln und nachzudenken. „Ich...ich...“ „Kyle...bitte...lass uns gehen...ich...ich schwöre dir, ich habe deiner Mutter nichts getan.“, kam es dann plötzlich von Wolfgang. Sofort flammten die alten Gefühle in dem jungen Musiker wieder auf und im nächsten Moment hatte Ben wieder den Streifen Klebeband auf dem Mund zu kleben. Verdammt, dachte er nur. Doch in diesem Moment klingelte das Telefon.
Semir hielt sich den Hörer ans Ohr. „Semir, was haben sie vor?“, wollte Kim wissen. „Ich werde ihm sagen, was er hören will.“, erwiderte der Deutschtürke. Ein fragender und verwirrter Blick von Kim folgte. „Ich werde ihm sagen, dass wir Beweise haben, die seinen Vater schwer belastet. Vielleicht kriegen wir ihn so zum Aufgeben.“, meinte Semir nur und wartete, bis sich jemand am anderen Ende der Leitung meldete. Die Nummer ließ er sich einfach von Susanne raussuchen. „Ja?“, meldete sich am anderen Ende der Leitung der Entführer. „Semir Gerkhan hier...ich will mich mit ihnen unterhalten.“, fing Semir an und wartete einige Sekunden. „Ich will aber nicht mit ihnen sprechen. Es sei denn, sie sagen mir, dass der Wagen vor der Tür steht.“, kam es fauchend vom anderen Ende der Leitung zurück. „Ich dachte, es interessiert sie, wer ihre Mutter umgebracht hat.“, erwiderte Semir nur und wartete auf die Reaktion des Mannes am anderen Ende der Leitung. „Was? Sie wissen, wer meine Mutter ermordet hat?“, fragte Kyle nur. „Allerdings...wenn sie die Geiselnahme jetzt beenden, dann kann ich es ihnen sagen. Bitte geben sie auf.“, forderte Semir, doch dann hörte er nur das Tuten der toten Leitung. „Verdammt, ich hoffe, er dreht jetzt nicht durch...“, stieß Semir nur aus und sah dann wieder zum Laden hinüber.
Kyle legte auf und ging zu seinem Vater hinüber. „Jetzt bist du dran, alter Mann...sie haben dich... aber ich will es von dir hören. Sag ihnen, dass du meine Mutter umgebracht hast.“, forderte Kyle nur und stieß seinen gefesselten Stiefvater zum Telefon, drückte auf die Wahlwiederholung und hielt ihm den Hörer ans Ohr. „Gerkhan...“, meldete sich jemand am anderen Ende. „Los, sag es ihnen oder ich streich die Wand mit deiner Gehirnfarbe.“, forderte Kyle nur und presste die Waffe an die Schläfe von Wolfgang. „Okay...okay...okay...ja, ich habe...ich habe Elise umgebracht...mir...mir war das...das Geld wichtiger, als...“, kam es nur von Wolfgang. In Kyle stieg die Wut hoch, sein Finger krümmte sich langsam, doch wieder kamen diese unterdrückten, dumpfen Töne aus der Ecke, wo Ben an der Heizung gefesselt und geknebelt war. Kyle drehte sich um. „Halt endlich die Klappe!!“, schrie er. Ben senkte den Kopf. Wieder wandte Kyle sich an seinen Stiefvater. „Du wirst niemanden mehr weh tun.“ Er krümmte den Finger und es knallte. Ben zuckte zusammen, als er sah wie Wolfgang zu Boden ging. Ein roter Fleck zeigte sich an der Schulter. „Oh nein…so einfach mache ich es dir nicht….du wirst den Rest deines Lebens im Knast verbringen….den Rest deines beschissenen Lebens…verstehst du…und ich werde mich daran weiden…“, versprach Kyle. Noch einmal ging er zu Ben. „Sie werden mir sicher sagen können, was mir dieser Spaß einbringt…drei Jahre? Vier?“, harkte er nach und nahm ihm den Knebel ab. „Sie können mit einer…milden Strafe rechnen, wenn Sie hier abbrechen.“, stieß Ben aus. Seine Wunde schmerzte entsetzlich. „Hören Sie mich da drinnen?“, kam erneut der Ruf von draußen. Kyle überlegte. Er griff zum Telefon und wählte Semir Gerkan an.