„Ben, was soll das? Warum musst du dich in mein Leben einmischen? Akzeptier doch einfach, dass dich mein Privatleben überhaupt nichts angeht.“, fauchte Konrad. „Ach ja? Du hast dich ja all die Jahre auch nicht dran gehalten, oder? Immer musstest du mir Steine in den Weg legen, den ich gehen wollte. Du wolltest mich doch immer dazu bringen, dass ich in deine Scheiß-Firma einsteige.“ „Die Scheiß-Firma hat dich immerhin achtzehn Jahre lang gut ernährt und gekleidet. Ich hab doch alles bloß für euch aufgebaut, nur, damit ihr Kleider am Leib tragen konntet und damit ihr was zwischen den Zähnen hattet.“, hielt Konrad gegen den Vorwurf seines Sohnes. Doch Ben lachte nur verächtlich auf. „Ach ja, und deswegen war es dir auch so egal, als Mama gestorben ist. Da musstest du dich ja noch mehr hinter deinen Bürowänden verkriechen, anstatt den Arsch in der Hose zu haben, bei uns zu sein. Du und deine Arbeitswut sind Schuld an Mamas Tod.“, schrie Ben. Konrad brannten die Sicherungen durch. Seine Hand bewegte sich so schnell, dass er den Aufschlag kaum spürte. Das Hallen der Ohrfeige war noch Sekunden danach in der Luft zu hören. Beide, Ben und sein Vater, standen da und wussten nicht, was sie tun sollten. Bens Kopf, der durch die Heftigkeit zur Seite geschleudert wurde, drehte sich langsam wieder nach vorne. Seine braunen Augen sahen seinen Vater vorwurfsvoll an. „Ben... ich... das...“, stammelte Konrad, der sich nun bewusst war, was er eben getan hatte. „Das war ja wohl mal nötig, oder?“, kam es enttäuscht und wütend, aber leise, von Ben. Er wich Konrad aus und ging aus dem Raum. „Ich nehme morgen den nächsten Flieger nach Hause.“ Konrad stand nun alleine im großen Esszimmer und ließ sich auf einen Stuhl sinken. Was hatte er eben getan? Noch nie hatte er eines seiner eigenen Kinder geschlagen. Was würde nun werden? Würde die Kluft zwischen ihm und Ben wieder aufreißen, die sie an Julias Hochzeit vor einem Jahr so mühsam geflickt hatten, und noch tiefer werden?
3. Kapitel – Unter Anklage
Die Nacht verbrachten alle in verschiedenen Zimmern. Als Lydia und Julia wiederkamen, erzählte ihnen Konrad von dem Wortgefecht und von der Ohrfeige. Julia konnte es nicht fassen, was ihr Bruder zu ihrem Vater gesagt hatte. Was war nur mit Ben los, dachte sie, als sie sein Zimmer aufsuchte. Doch es war verlassen. Sie beschloss ihn suchen zu gehen. Mit einer Taschenlampe verließ sie das Cottage und suchte Ben in den angrenzenden Gebäuden, im Garten und auf den nahegelegenen Hügel. Doch nirgends war er. Erschöpft und durchgefroren von der kalten, englischen Nacht, kehrte sie ins Haus zurück und legte die Taschenlampe auf einen Tisch im Flur. Müde fiel sie ins Bett und schlief danach ein. Zur gleichen Zeit war Konrad ebenfalls unterwegs. Er musste einmal tief Luft holen und den Kopf frei kriegen. Die Anschuldigungen von Ben waren doch maßlos und vollkommen erlogen. Dennoch kamen ihm Zweifel. Würde sein Sohn ihn anlügen? War er zu so etwas fähig, um sein Glück zu zerstören? Nein, sagte er sich selbst, Ben hatte noch nie in seinem ganzen Leben nicht eine Lüge erzählt. Und wenn die Anschuldigungen doch richtig waren? Konrad war im Zwiespalt mit sich selbst. Müde und durchgefroren, kehrte auch er ins Haus zurück, zog sich aber in die Bibliothek zurück und legte sich dort auf die Couch. Lydia war die Dritte, die im Haus herumschlich, das Cottage ebenfalls verließ und rüber zu den Wirtschaftsgebäuden ging. Sie hatte einen Entschluss gefasst. Gleich morgen würde sie Konrad alles erzählen und ihn dann entscheiden lassen. Ja, sie wollte ihn erst ausnutzen, aber dann funkte es tatsächlich zwischen beiden. Was sollte man gegen eine starke Liebe machen? Sie betrat eine der Kammern, in der sie sich mit Konstantin verabredet hatte. An der Wand entlang tastend, suchte sie nach dem Lichtschalter. „Mist.“, stieß sie aus, als das Licht nicht funktionierte. Plötzlich knackte es hinter ihr. Erschrocken fuhr sie rum. „Du?“, kam es erstaunt von ihr. Ein Schatten, bestrahlt vom Vollmond, stand in der Tür der Scheune und hielt einen schweren Gegenstand erhoben über sich. „Tu das nicht.“, stieß sie aus. Doch es war zu spät. Mit gewallter Wucht und allen Ausprägungen von Zorn, schlug die Gestalt auf Lydia ein. Drei, vier, fünf Mal sauste der umklammerte Gegenstand nieder, bis sich die Frau nicht mehr rührte und das Stroh das ausströmende Blut aufsaugte.
Am nächsten Morgen saßen Ben, Julia und Konrad am Frühstückstisch und schwiegen. Ben sah Julia an und diese nickte aufmunternd. „Papa...ich....“, fing Ben an. Konrad sah zu ihn. „Was? Willst du mir sagen, dass es dir Leid tut? Dass du es nicht sagen wolltest? Das du es nie wieder machen wirst....das du….?“, wollte Konrad wissen. In seiner Stimme lag Bitterkeit. Ben nickte. „Ja das wollte ich...aber scheinbar...willst du nichts hören...“, stieß Ben aus. „Du irrst...ich...also mir...mir tut es auch leid...ich...ich glaube sogar, du hattest etwas Recht...ja...du hast Recht...als Mama starb hätte ich für euch da sein müssen, aber...ich habe meinen Kummer in Arbeit ertränkt. Ich habe Mama geliebt...mehr als mein Leben und...ich...ich hätte gern mit ihr getauscht...Ben...die Ohrfeige....es tut mir Leid...ich...wollte es nicht...“, entschuldigte Konrad sich. Julia sah ihn an. Tränen liefen ihrem Vater über das Gesicht. Sie hatte ihren Vater nie weinen sehen. Erst jetzt schien er die Trauer zu spüren... die Trauer die sie und Ben ...Julia schüttelte den Kopf. Sie stand auf und nahm ihren Vater in den Arm. „Mama...hätte sicher nicht mit dir getauscht. Sie hat tapfer gegen den Krebs gekämpft, aber sie hat ihn verloren. Papa....du hattest genauso wenig Schuld an ihrem Tod wie Ben und ich. Niemand kann das Schicksal beeinflussen.“, erklärte sie sanft. Konrad sah seine Tochter an und streichelte ihr Gesicht. „Du...siehst aus wie sie...“, weinte er. Auch Ben stand auf und wollte seinen Vater offiziell um Entschuldigung bitten, als ein Schrei gellte. Ben rannte sofort raus und auch Julia und Konrad schlossen sich an. Sharon Shelter, die Gärtnerin von Konrad stand vor der Cottage und starrte in eine der Kammern. Ben schob die junge Frau zur Seite und sah hinein. Er entdeckte Lydia am Boden liegend und rannte sofort hin. Vorsichtig drehte er sie um und sah erschrocken weg, als er ihr Gesicht sah. Viel war davon nicht mehr zu erkennen.