Andrea öffnete vorsichtig die Tür und sah Semir, die Augen geschlossen, kreidebleich im Bett liegend. Seine Handgelenke waren verbunden. Er hatte eine Nadel in der Armbeuge, über die eine klare Flüssigkeit in seinen Körper geleitet wurde. Eine Blutdruckmanschette lag an seinem anderen Arm und auf seinem Brustkorb klebten Überwachungselektroden. Der Monitor neben ihm piepste leise und gleichmäßig. “Semir?“ fragte sie und nahm seine Hand in ihre. Er öffnete die Augen und ein Lächeln trat auf seine Lippen, als er sie sah. „Andrea!“
“Wie geht es dir?“ fragte sie leise und betrachtete besorgt sein blutunterlaufendes Auge und sein angeschwollenens Gesicht.
„ Es geht mir gut. Das sieht schlimmer aus als es ist. Mach dir bitte um mich keine Sorgen!"
"Wie geht es Ayda und... dir?“ fragte er nun mit rauer Stimme und berührte sanft Andreas geschwollene Wange.
“Sie hat eine Gehirnerschütterung! Semir, sie kann sich nicht erinnern, was passiert ist!"
"Was sagt der Arzt?"
“Er meint, dass es vorkommen kann, bei einem Schädel-Hirntrauma und wir abwarten sollen, aber ich habe trotzdem Angst, dass irgendetwas mit ihrem Kopf nicht in Ordnung ist. Semir nickte leicht. “Geht es Lilly gut? Haben sie ihr etwas getan?“ Andrea schüttelte leicht den Kopf. “Sie ist zu Hause bei Robert und schläft jetzt. Sie war vollkommen erschöpft und hatte solche Angst. Wir alle hatten Angst. Diese Männer sind ins Haus eingedrungen und haben Ayda mitgenommen. Ich...ich konnte sie nicht beschützen. Was wollten sie von ihr, Semir?“ Er kämpfte sich in eine sitzende Position und schluckte schwer. Er hatte Angst ihr die Wahrheit zu sagen, die Wahrheit, dass er dafür verantwortlich war, wieder einmal, dass seine Kinder und Andrea in Lebensgefahr gerieten. Andrea sah ihn fragend an, als er immer noch nicht antwortete. Semir holte tief Luft und senkte den Blick auf die Bettdecke.
“Sie....sie haben Ferhat erschossen...vor meinen Augen...und ...sie wollten Ayda und Ben....“ seine Stimme brach. Andrea sah ihn entsetzt an. “Aber warum?“ Er hob den Kopf und sah Andrea an. In Semirs Augen schimmerten Tränen, als er weiter sprach.“Wegen mir, Andrea! Wegen mir!“ stieß er aus und wischte mit der Hand die Tränen weg. “Ich bin Schuld, dass Ferhat jetzt tot ist! Dieser Kerl, Koslowski, er wollte sich an mir rächen...er wollte auch Ayda und Ben....Semir schluckte und wieder lief eine Träne seine Wange herab.“ Es tut mir so Leid! Wegen mir ist mein Freund tot und ihr seid schon wieder in Gefahr geraten...die Kinder, Ben, Du...“ Er hob den Arm und strich sanft mit den Fingerspitzen über Andreas Gesicht. “Es ist meine Schuld und ich möchte nie wieder der Grund sein, dass ihr verletzt werdet. Ich werde dich nicht mehr bedrängen...ich möchte nicht, dass ihr wieder zur Zielscheibe werdet und akzeptiere die Scheidung.“ Andrea stiegen Tränen in die Augen, so sehr tat ihr Semir leid. Sie wusste nicht, was sie sagen sollte. Ja, es war einer der Gründe, warum sie in ihrer Ehe nicht mehr glücklich war. Früher war Semir auch oft in Gefahr geraten und sie hatte um ihn gebangt, doch jetzt waren die Kinder und es war nicht das erste Mal, dass sie als Druckmittel gegen ihren Vater benutzt wurden. Sie hatte ständig Angst, Angst um ihren Mann, Angst um ihre Kinder und das zehrte an ihr. Und das Erlebnis von heute, hatte ihr fast den Verstand geraubt. Doch sie liebte Semir immer noch, und wenn sie sich scheiden ließen, waren dann Ayda und Lilly wirklich sicher? Andrea wusste es nicht, sie wusste gar nichts mehr. “Andrea?“ Semirs Stimme riss sie aus ihren Gedanken. “Ja?“
“Ich sagte gerade, ich bin mit der Scheidung einverstanden.“ Sie nickte schwach. “Lass uns bitte nicht jetzt darüber reden! Das ist im Moment nicht wichtig! Du musst dich ausruhen und wieder gesund werden. “Sie legte beide Hände um seinen Kopf , und zwang ihn sie anzusehen. “Bitte gib dir nicht die Schuld! Diese Verbrecher sind dafür verantwortlich nicht du!“ flüsterte sie und strich ihm über die Wange.
Susanne und Ben betraten das Großraumbüro. Es war mittlerweile 1.00 Uhr in der Nacht. Claudia, die gerade etwas auf ihrem Computer tippte unterbrach ihre Arbeit und stand auf. “Du wolltest mich doch anrufen! Ich und Dieter sitzen hier wie auf Kohlen!“ sagte sie vorwurfsvoll. “Entschuldige!“ kam kleinlaut von Susanne. “Ben, schön dich zu sehen. Geht es dir gut?“ fragte Claudia nun und musterte den jungen Polizisten. “Alles gut!“ lächelte er und zwinkerte ihr zu. Dieter kam gerade aus der Küche, mit einer Tasse Kaffee in der Hand und sah seinen jungen Kollegen erstaunt an. “Musst du nicht im Krankenhaus bleiben?“ Ben winkte ab. “Doch nicht wegen der paar Kratzer!“ Er nahm dem verblüfften Bonrath die Tasse aus der Hand. “Danke, Dieter,... nicht nur für den Kaffee!" sagte er ernst und sah dem langen Polizisten in die Augen. Der wußte was Ben meinte und sah etwas verlegen drein.
"Die Chefin wartet auf dich!" mahnte Claudia.
Ben nahm einen Schluck Kaffee und machte sich dann auf den Weg, während Susanne ihren Kollegen von Semir, Ayda und Andrea berichtete.