Die erste Bewegung, die in dieses bizarre Stillleben geriet, ging von dem jungen Kevin aus, der sich, nicht ohne den Blick von André zu nehmen, langsam aufrappelte und einige Schritte zurück zu Ben ging, der langsam wieder zu Atem kam. Der Tritt in die Nieren hatte ganz schön Wirkung hinterlassen, während Kevin ein wenig die Hand schmerzte, und er bemerkte dass ein wenig Blut aus Schürfwunden lief. „Ist alles okay?“, fragte er und hakte sich bei Ben unter die Schulter, um ihn langsam wieder auf die Beine zu bringen. Semir und André schauten sich nach wie vor wie versteinert an, der Ex-Partner des Türken fand zuerst zur Sprache. „Semir… was machst du denn hier?“ „Das Gleiche könnte ich dich fragen…“, war die Antwort seines ehemaligen Partners. Auch wenn er sich die ganze Zeit sicher war, dass er hinterm Steuer des Fluchtwagens André erkannt hatte, und davon ausging dass er noch lebte… jetzt in Fleisch und Blut vor ihm zu stehen war doch nochmal was anderes. Es war, als hätte jemand die Zeit um 14 Jahre zurückgedreht. „Wieso… wieso… du lebst!“, brach es aus Semir heraus, doch das Gefühl der Freude wurde momentan noch von dem Gefühl des Unverständnis unterdrückt. André zuckte mit den Schultern kurz auf, als wüsste er keine Antwort darauf, und wich dem Blick von Semir aus. Ein leichtes Kopfschütteln, André wandte sich von Semir ab und ging gedankenverloren durch den Raum. Der ehemalige Polizist stützte sich mit beiden Händen an die Wand und atmete durch. Semir verstand das alles nicht. Was war los mit André? Warum war er hier, wie hatte er überlebt? Die Frage nach heute morgen vergaß der türkische Polizist völlig. "Ich bring Ben mal nach unten.“, meinte Kevin in die Stille hinein, und stützte seinen Kollegen der Autobahnpolizei. Eigentlich wollte er in erster Linie die beiden ehemaligen Partner alleine lassen. So verließen die beiden das Zimmer und begaben sich Richtung Auto. „Danke, es geht.“, meinte Ben mit verkrampfter Stimme, als er sich ans Auto lehnte und wieder frische Luft einatmete. „Was glaubst du, was die beiden bereden?“, fragte er mit einem Blick in Richtung des Fensters zur Straße, das dem Wohnzimmer gehören könnte. Nun war es Kevin, der mit den Schultern zuckte. „Ich habe keine Ahnung. Aber die beiden werden sich einiges zu erzählen haben.“
Semir hatte die Waffe wieder weggesteckt. Auch wenn er André 14 Jahre nicht gesehen hatte, so war bei ihm sofort ein Gefühl des Vertrauens zu seinem alten Freund da, so dass er es nicht für nötig hielt, die Waffe in der Hand zu behalten. „Was ist passiert, André? Was ist…. Damals passiert?“ Er kam André näher, der immer noch sich an der Wand abstütze, als suche er nach Worten um diese unheimliche und besondere Situation zu erklären. Es kam keine Reaktion, bis Semir dicht neben ihm stand und ihm ins Gesicht blickte. Die Augen waren müde, sein Gesicht von einem Drei-Tage-Bart bedeckt. Obwohl 14 Jahre vergangen sind hatte sich André nicht besonders verändert, außer mehr Falten im Gesicht. Seine Gestalt war immer noch muskulös, und wenn er sah, dass André sowohl mit Ben, als auch mit Kevin fertig wurde, war er offenbar auch körperlich immer noch fit. „Ich… ich kann mich nur noch erinnern, als ich ins Wasser gefallen bin.“, begann André langsam und stieß sich von der Wand ab. Er drehte sich um und sah Semir nun direkt ins Gesicht. „Ich bin erst im Krankenhaus aufgewacht. Ich lag 9 Tage im Koma…“ Der türkische Kommisar schluckte. Nachdem der Hubschrauber ihn aus dem Meer gefischt hatte, und einen Tag später die Suchtrupps aufgaben, hatte er Mallorca sofort verlassen. „Aber, wir haben doch nach dir gesucht… wie…“, begann er, wurde aber von André unterbrochen. „Ich habe es auch erst im Krankenhaus erfahren, als ich nach dir gefragt habe. Aber du warst weg.“ Ein Stich von Schuldgefühlen brach durchs Semirs Brust. Er hatte seinen Kollegen zu vorschnell für Tod gehalten. „Uns ist damals ein Boot gefolgt. Wir hatten uns beide so sehr auf Carlos Berger konzentriert, dass wir es wohl beide nicht gemerkt haben.“ Semir verlor Andrés Blickkontakt, als er versuchte sich die Szene wieder vorzustellen. André hatte recht… Nachdem er vom Hubschrauber in Bergers Boot gesprungen ist hatte sich Semir ausschließlich auf den Kampf an Bord konzentriert… und danach aufs Meer, wo André untergegangen war. „Das Boot hat die wenigen Minuten gewartet, bis du wieder im Heli warst. Dann hat ein Taucher mich rausgezogen.“ Semirs Blick wanderte zurück zu seinem ehemaligen Partner. „Ein Taucher? Das war doch kein Zufall, oder?“ Ein kurzes Lächeln huschte über André’s Gesicht. „Natürlich nicht… es war Bergers Türsteher. Ralf Horn.“ Nun wurden Semirs Augen tellergroß. Ralf Horn! Den Türsteher hatte er selbst nur kurz verhört, um Informationen über den Ort zu bekommen, wo Berger seine Geiseln, unter denen sich auch André befand, versteckt hielt. Ob und wie er später noch belangt wurde, hatte er nicht mehr verfolgt. „Aber wieso? Aus welchem Grund?“ André atmete hörbar aus, nun war er es, der sich wieder im Zimmer kurz hin und her bewegte. „Keine Ahnung.“, sagte er mit seiner typisch kratzigen Stimme. Semir sah André prüfend an. Nein, er würde ihn nicht anlügen. Warum sollte er auch? „Aber… wieso hast du dich nie gemeldet? Du hättest dir doch denken können, dass ich davon ausging, dass du tot bist. Warum bist du nie zurückgekommen?“ Fragen, die Semir plötzlich und schon seit heute vormittag auf der Seele brannten. „Ich konnte nicht, Semir. Ralf hat mich auf Schritt und Tritt überwachen lassen. Er wollte verhindern, dass ich gegen ihn aussagen konnte. Er hat mich gezwungen auf Mallorca zu bleiben und keinen Kontakt herzustellen.“ Nun war es Semir, der hörbar ausatmete. Ein leichtes Kopfschütteln, zwei Schritte zur Seite. André merkte, dass es seinem Ex-Partner schwer fiel, die Geschichte zu glauben, und dass er es einzig aus dem Vertrauen heraus zu ihm glaubte. „Semir… Horn hat Bergers Geschäfte übernommen. Und diese Geschäfte sind größer als wir angenommen haben. Nicht nur dass er den Prostituiertenring auf Mallorca ausgebaut hat, Horn hielt noch exzellente Kontakte zum organisierten Verbrechen in ganz Spanien und Portugal.“ Seine Stimme senkte sich ein wenig. „Es war ein leichtes für ihn, mich zu kontrollieren. Und niemand hat nach mir gesucht…“ Der letzte Satz klang nicht vorwurfsvoll, er war selbstverständlich. Semir selbst war der festen Überzeugung, dass sein Kollege gestorben war. Ihm war schwindelig, er musste sich setzen und diese unglaubliche Geschichte, die sein Freund durchlebt hatte, erst mal verdauen. Der türkische Kommissar zog einen Stuhl nach hinten und ließ sich erst mal darauf nieder. „Es tut mir leid, Semir.“, war das nächste, was er von André hörte. „Aber ich konnte nichts anderes tun… ich habe immer daran gedacht, dass ich mich melde, sobald ich die Möglichkeit habe… ich hatte sie nur nie. Naja, und mit der Zeit… vergisst man.“ Seine kratzige, rauchige Stimme hatte einen melanchonischen Klang angenommen. Semir sah ihn ebenfalls traurig an. „Man vergisst?“ André nickte. „Ja. 14 Jahre sind eine lange Zeit.“ Eine kurze Stille erfüllte den Raum. Der Polizist musste zugeben, dass sein Gegenüber recht hatte. Man vergisst… auch bei Semir gab es Zeiten, in denen er André schlicht vergessen hatte. Andere Partner, andere Fälle. Spätestens als sein bester Freund Tom bei einem Einsatz ums Leben kam, war André für Semir fast nicht mehr existent. Nur zugeben würde er das nie.
Nun war lag es bei André eine Frage an Semir zu stellen. „Aber sag, was macht ihr überhaupt hier?“ Semir schaute zu seinem Ex-Partner auf. „Ich habe dich heute von einem Mord-Tatort flüchten sehen. Ich habe dich am Steuer des dunklen BMWs erkannt.“ Semirs Stimme war ernster als vorher, und André sah Semir herausfordernd an. „Ich hatte es mir fast gedacht.“, meinte er nur zu seinem Gegenüber, der Angst hatte, dass André etwas mit dem Mord zu tun hatte. „Was ist da heute morgen passiert? Und überhaupt, wie kommt es dass du jetzt wieder in Deutschland bist?“ André brauchte einen Moment, sein Kopf senkte sich etwas, er kratzte sich am Hinterkopf. „Vertraust du mir, Semir?“, fragte er dann unvermittelt in Semirs Richtung.