16:00 Uhr – Semir’s Dienstwagen
Die Fahrt zur PAST verlief überwiegend schweigend. Semir hatte die Sonnenblende runtergeklappt, denn die Sonne begann sich bereits langsam hinter die Baumwipfel zu verziehen. André sah gedankenverloren aus dem Fenster, zwei Finger sich immer wieder über den Mund streichend, während sie durch den ersten Ansturm an Feierabend-Verkehr fuhren. Immer mal wieder sah Semir in den Rückspiegel um zu checken, ob sein Partner Ben mit Kevin noch hinter ihm war, aber die beiden folgten direkt hinter dem silbernen BMW des Deutsch-Türken.
Erst kurz bevor sie auf die Autobahn einbogen fand André seine markante Stimme wieder. „Und… ihr seid im Team jetzt zu dritt?“, fragte er ein wenig zögerlich. Semir lachte und schüttelte den Kopf. „Nein, nein. Kevin gehört zur Mordkommision und unterstützt uns bei dem Mordfall.“ Sein Nebenmann nickte und erinnerte sich zurück an die Zeit, als er noch Trainer in der Karateschule war, und den jungen schweigsamen Kevin bei sich im Training hatte. Eine eigentlich zerüttete Kindheit, mit Schlägen des Vaters, der ein Bordell in der Stadt betrieb, aufgewachsen bei einer Prostituierten die in diesem Club arbeitete… und erzogen letztendlich von der Straße, wie man so schön sagt. Auffällig geworden war er nur einmal als kleiner Zwischenhändler bei einem Straßenverkauf von Cannabis, doch André wusste was Kevin damals noch so auf dem Kerbholz hatte. Er schaffte es damals, das Vertrauen des Jungen zu gewinnen, und führte nach dem Training viele Gespräche mit ihm. Was er da so erfuhr hätte gereicht, dass Kevin niemals Polizist geworden wäre. Körperverletzung, Drogenabhängigkeit, Diebstahl. Doch André vertraute dem Jungen, der während des Trainings bei ihm clean wurde und sich von der damaligen Jugendgang, der er angehörte hatte, lossagte. Trotzdem überraschte es ihn, ihn hier im Polizeidienst zu sehen, vor allem da er sich äußerlich kaum geändert hatte, und wahrscheinlich Probleme hat, überhaupt als Polizist ernst genommen zu werden. „Ihr kennt euch, oder?“, fragte Semir dann unvermittelt, der sich in diesem Moment gerade an das Foto in Kevins Kiste erinnerte. André nickte leicht. „Ja. Er war damals in diesem Programm für Jugendliche bei mir in der Schule, du erinnerst dich vielleicht daran.“ Und nach einer kurzen Pause setzte er hinzu: „Ich hätte nicht damit gerechnet, ihn nochmal wieder zu sehen… schon gar nicht als Polizist.“ André sah Semir bei diesen Worten nicht an, er blickte geradeaus durch die Frontscheibe, wurde aber von seinem Kollegen mit einem kurzen Seitenblick bedacht. „Wie meinst du das?“, war seine Frage auf den Andrés letzten Satz, doch der wiegelte ab. „Ist nicht so wichtig.“ Semir beließ es vorerst dabei und bog die Ausfahrt zur Autobahndienststelle ab.
Vor Andrés innerem Auge begann ein Film abzulaufen, ein Film der schon 14 Jahre alt war. Die Abfahrt und das Gebäude waren immer noch dieselben, wie vor 14 Jahren, sogar Semir hatte immer noch denselben Parkplatz. Langsam, fast zögerlich stieg der einstige Polizist aus dem Auto aus, und blickte sich um. Hinter ihm kam der weiße Honda von Kevin mit Ben auf dem Beifahrersitz angefahren und parkte auf einem der Besucherparkplätze. Semir bemerkte Andrés Unsicherheit, wie seine Augen zögerlich über den Parkplatz und das Gebäude glitten. So nachdenklich hatte er seinen Freund noch nie gesehen, in den ersten Stunden des Wiedersehens war wenig von dem alten André Fux übrig. Doch das beunruhigte Semir nicht, denn sowohl für André als auch für ihn selbst war es eine emotionale Ausnahmesituation, den totgeglaubten Freund nach 14 Jahren wieder zu sehen. Er legte André kurz die Hand auf die Schulter und sagte freundschaftlich. „Na komm… lass uns reingehen.“ Der großgewachsene Mann folgte ihm, hinter den beiden gingen Ben und Kevin.
Als das Quartett durch die Tür trat und in das Büro eintraten, konnte André schon das geschäftige Treiben, das Wirrwarr an Stimmen, gemischt mit Funkdurchsagen und Telefonklingeln hören. Es war ein eigenartig vertrautes Geräusch, und doch irgendwie so fremd. Es wurde lauter, je näher er dem Büro kam, und plötzlich ebbte es ab… es war der Moment, als er mit Semir durch die letzte Tür ins Großraumbüro trat, und zumindest das Stimmengewirr setzte für einen Moment aus. Viele Beamte drehten sich zu dem Quartett, aber besonders zu dem größten der Vieren um. André’s Augen glitten durch den Raum, viele Beamte waren ihm unbekannt. Zwei jedoch erkannte er sofort, und einer davon war es auch, der die Stille unterbrach, in dem er sich aufrichtete und ihm ein kurzes „Mein Gott…“ entfuhr. Horst „Hotte“ Herzberger, seines Zeichens schon 16 Jahre bei der Autobahnpolizei und kurz vor der Pensionierung, konnte in seinem Beruf eigentlich nichts mehr erschüttern. Auf der Autobahn hatte er alles erlebt, was es zu er- und überleben gab, als er jedoch den todgeglaubten Kollegen wiedersah, um den er bitterlich im Büro weinte, wurde es auch dem dicklichen Polizisten mulmig. Sein Partner, Dieter Bonrath, der im Sitzen fast so groß war wie Hotte im Stehen, sah genauso verwundert, wie verständnislos in Andrés Richtung. Beide hatten keinerlei Vorahnung, im Gegensatz zu Andrea und Anna Engelhardt. Es war eine gespenstische Stille in der PAST, und keiner getraute sich wirklich den ersten Schritt zu unternehmen, und wie dieser aussehen sollte. Stürmisches um-den-Hals-fallen, oder schüchternes Hände-drücken? Letztendlich übernahm der Älteste die Verantwortung, der bereits das Schweigen unterbrochen hatte. Hotte kam langsam auf André zu, und streckte ihm die Hand entgegen. „Das gibt’s doch nicht… André. André Fux, bist du’s wirklich?“ Es klang immer noch ein wenig ungläubig, fast dachte Hotte, er hätte Andrés nie gekannten Zwillingsbruder vor sich stehen. Hotte’s ehrliche Art brachte André zum Lächeln, er drückte die Hand des Kollegen und meinte, schon fast in seiner typischen Art: „Na klar.“ Semir grinste, er fühlte sich besser, ein Teil dieser Ungewissheit was mit André passiert war, war von ihm abgefallen, seit er wusste, dass er noch lebt. Der andere Teil, wie er nun zu dem Mord stand und inwiefern er was damit zu tun hatte, regierte allerdings noch weiter in Semirs Kopf. Doch er freute sich, dass ein Teil der verlorenen Familie zumindest wieder zurück war, als er betrachtete wie auch Bonrath mit einem „Das ist ja ein Ding… wo warst du denn die ganze Zeit?“ Andrés Hand schüttelte. Der schaute kurz unsicher zurück zu Semir und meinte dann: „Das ist ne ziemlich lange Geschichte... vielleicht ein… ein ander Mal, okay?“ Bonrath schaute ein wenig verwirrt, aber unterließ es Fragen zu stellen, als Hotte ihn unterbrach: „Natürlich André, dafür haben wir ja sicherlich noch Zeit. Ich bin mir sicher, du willst auch unsere Chefin noch überraschen, oder?“ Doch das war nicht nötig… Anna Engelhardt hatte durch die Glasscheibe mitbekommen, wie auf einmal Totenstille ins Büro der PAST eingekehrt war, und stand bereits in der Tür, mit verschränkten Armen und einem leichten Lächeln an den Türrahmen gelegt. Mit ihrer unnachahmlichen bestimmten, aber sympathischen Stimme ließ sie ein „Herzlich Willkommen, Herr Fux“, verlauten, welches André veranlasste, sich umzudrehen. Die Chefin, wie immer elegant im Hosenanzug gekleidet, kam auf ihn zu. Auch sie streckte ihm die Hand aus, und man sah an ihrem Gesicht, dass sie sich erst mal freute, einen ehemaligen, totgeglaubten Mitarbeiter gesund und munter vor sich stehen zu sehen. „Sie sehen gut aus.“, sagte sie und man merkte ihr an, dass es kein lapidarer Ausspruch war, weil ihr nichts besseres einfiel, sondern weil sie es vermeiden wollte sofort nachzubohren, was vorgefallen war. André lächelte dankbar und antwortete: „Danke, Frau Engelhardt.“ Dabei blickte er der Chefin fest ins Gesicht und ließ die Augen erst danach zum Eingang schweifen, als Andrea Gerkhan, die Sekretärin der PAST in den Raum kam, und mit großen Augen im Türrahmen stehen blieb.