Aus der Ferne konnte man die ersten Sirenen hören, die sich den Weg durch die Sicherheitsgasse bahnten, die die Autos im Stau hinter der Unfallstelle zögerlich aufmachten. Kevin wischte sich die Reste des Blutes seiner Nase vom Mund weg, als er zu den drei sich streitenden Kollegen kam, um einmal das Augenmerk auf den Überfall zu lenken. Semir sah Kevin ein wenig entschuldigend an und vermittelte Aufmerksamkeit, während André immer noch ein wenig nervös hin und her tigerte. Eine Angewohnheit, die er wohl in 14 Jahren nicht ablegen konnte, offenbar ärgerte er sich auch ein wenig über sich selbst wegen seines fahrerischen Missgeschicks. Kevin schilderte den Überfall, die vorgetäuschte Panne, und dass der SUV quasi aus dem Nichts vor ihnen hielt. Ben und er konnten nicht mal sagen, wo die beiden Frauen hin verschwunden sind, aber zumindest konnten sie diese beschreiben. „Naja, das ist ja immerhin etwas.“, meinte Semir und nickte, während die Kollegen um Bonrath und Hotte die Autobahn absperrten. „Die haben definitiv nach dir gesucht, André.“, meinte Ben und lenkte Andrés Aufmerksamkeit endgültig auf die Unterhaltung. „Sollte Horn jetzt auch versuchen dich zu beseitigen, damit du uns keine Hinweise auf seine Machenschaften geben kannst?“, überlegte Semir laut und sah André dabei an, der dem Blick auswich und mit den Schultern zuckte. „Was weiß ich? Gefallen wird es ihm nicht haben, dass wir beide uns abgesetzt haben, und ich kann mir auch vorstellen, dass er Timo auf dem Gewissen hat.“ Ben und Kevin schauten sich kurz gegenseitig an, als André noch dazu setzte: „…oder einer seiner Männer.“ „Es wäre vielleicht besser, wenn wir dich erstmal unter Polizeischutz…“, begann Semir, doch er erntete von seinem Freund und ehemaligen Partner sofort Widerspruch. „Quatsch, Mann! Ich brauch keinen Polizeischutz. Horn wird nicht so blöd sein und versuchen mich umzubringen. Der kann sich doch denken, dass ihr Bescheid wisst und ihn sofort ins Visier nimmt, wenn mir etwas passiert.“ Da hatte André nicht unrecht, dachten sich die drei Polizisten, nur Semir machte das deutlich als er leicht nickte und gedankenverloren durch die Dunkelheit blickte, die vom Blaulicht im Sekundentakt erleuchtet wurde. „Mensch André, kaum bist du wieder hier...“, begann Bonrath spaßeshalber, der mit Hotte an die Gruppe herangetreten war. „Bonrath, ich bin gefahren.“, unterbrach ihn der Kleinste in der Runde sofort und erntete von Ben erst fragende Blicke, dann auch von André. „Was, ich hab doch gesehen als ihr vom Parkplatz aus…“, erwiederte Bonrath, wurde aber erneut von Semir sofort unterbrochen. „Natürlich haben wir vor der Verfolgungsjagd getauscht… André ist nicht mehr im Dienst.“ Bonrath schaute etwas dumm aus der Wäsche und kratzte sich am Hinterkopf. „Achso… ja…“ stammelte er etwas verständnislos, bekam aber sofort einen leichten Hieb seines Kollegen Herzbergers in die Seite, der die Situation sofort verstanden hatte. Natürlich war André gefahren und hatte anscheinend auch den Unfall verursacht, aber Semir wollte allen eventuellen Schwierigkeiten aus dem Weg gehen. „Los, Dieter. Wir haben zu arbeiten.“, meinte er mit einem leichten Zwinkern in Richtung André, und zog seinen langen Kollegen am Arm aus der Gruppe weg. „Und jetzt?“, fragte Semir in die Runde. „Ich würde sagen, wir fahren alle zur Dienststelle, du kannst dann meinen Wagen nehmen um nach Hause zu kommen, und wir“, sagte Ben mit einem Blick auf Kevin, der neben ihm stand „versuchen uns mal an Andrea’s Phantombild-Programm… vielleicht schaffen wir es, die beiden Damen hinzubekommen.“ Kevin nickte ohne große Gefühlsregung im Gesicht zustimmend und die vier Männer schnappten sich einen freien Streifenwagen, um zurück zur Dienststelle zu fahren. Diesmal setzte sich Ben ans Steuer, während Kevin auf dem Beifahrersitz, André und Semir auf den Rücksitzen Platz nahmen.
Dienststelle 20:00 Uhr
Ben und Kevin saßen wenig später dicht nebeneinander am Schreibtisch von Andrea, an deren PC das Zeichenprogramm für Phantombilder installiert war. Die Dienststelle war nur noch mit wenigen Mann besetzt im Nachtbetrieb, es war recht ruhig, hin und wieder lief ein Kollege vorbei um sich mit frischem Kaffee zu versorgen. Sie klickten, tauschten hier und da Nasen an den Bildern aus, wechselten Augenbrauen und versuchten sich zu erinnern, wie das Gesicht der beiden Frauen wohl aussah. Beide Polizisten waren bereits seit morgens im Dienst, doch während Ben sich mit Kaffee weiter auf einem fitten Level hielt, schien man Kevin die Zeit anzumerken. Seine Hand, die manchmal die Maus hielt wurde zittrig, mehrmals klickte er auf den falschen Button im Programm und seine Sitzhaltung wurde zunehmend unruhiger. Gegen halb zehn schlug Ben vor, mal ein paar Minuten Pause zu machen, und sein ebenfalls junger Kollege nahm diesen Vorschlag gerne an. Beide zogen ihre Jacken über die Schultern und begaben sich vor die Eingangstür in die eiskalte und sternenklare Nacht. Kevin zog sich sofort eine seiner selbstgedrehten Zigaretten aus der Innentasche seiner Lederjacke, und steckte sie sich, beinahe schon hastig, an. Ben beobachtete ihn dabei, wie er den Rauch inhalierte. „Ist alles okay?“, fragte er vorsichtig mit etwas Sorge in der Stimme, doch Kevin nickte nur. „Jaja… ich schlaf zu wenig.“, meinte er, und lächelte dabei… doch es war nicht das lockere Lächeln, das Ben in den Stunden von Kevin kennengelernt hatte. Er lächelte zwar generell wenig, doch immer wenn er es tat, war es ein selbstbewusstes Lächeln. Dieses Lächeln war gequält, und es war nur dazu da, Emotionen zu überspielen, die in Kevin vorherrschten. Emotionen, die der junge Cop nie an seine Oberfläche ließ, solange er nicht alleine war. Er schaffte es, das Bild eines selbstbewussten, oftmals arrogant selbstsicher wirkenden Mannes abzuliefern, den nach außen hin nichts anhaben konnte. Dass er seit Jahren keine Nacht mehr als 3 Stunden geschlafen hatte, regelmäßig von Alpträumen gequält wurde wegen eines schlimmen Vorfalls in seiner Vergangenheit wusste niemand, und es sollte auch keiner erfahren. Genauso wenig, dass er immer noch abhängig war.