Ben’s Dienstwagen – 11:15 Uhr
Im lockeren Verkehr steuerte Ben den dunkelgrauen Mercedes über die Autobahn. Er sah ernst aus, kein lockerer Spruch, kein Lächeln auf seinem Gesicht. Sein Partner Semir, der neben ihm saß, bemerkte dies natürlich, und es fiel ihm auf, dass sein Freund auffallend oft in den Rückspiegel schaute. Kevin folgte den beiden Autobahn-Kommissaren im BMW X3, auf dem Weg zur Zeugenbefragung der beiden Frauen, die an dem Überfall auf der Autobahn auf Ben und Kevin beteiligt waren. „War’s spät gestern abend?“, fragte Semir noch mit einem leichten Lächeln und einem sarkastischen Unterton. Von Ben erntete er als Antwort nur ein Kopfschütteln. Wäre Semir selbst locker drauf gewesen hätte er Ben wohl noch weiter mit Fragen gefoppt, doch auch er hing seinen Gedanken nach, die stumm machten und ihn schweigsamer erscheinen ließen. Er dachte weiter an André, an ungeklärte Fragen, die zwischen ihnen standen. Doch er würde keine Antworten bekommen, solange er nicht mit André zusammen war, aber jetzt ging es erst einmal darum die Drahtzieher des Mordes zu finden, um eben auch André zu schützen. Ben fand die Stimme zuerst wieder: „Sag mal, wie gut kennst du Kevin eigentlich?“ Es war ein vorsichtiges Abtasten, ob Semir über die Vorgeschichte des jungen Polizisten, der hinter ihnen fuhr, überhaupt Bescheid wusste. Semir zuckte ein wenig mit den Schultern. „Naja, so gut nun nicht. Wir haben ja nicht lange zusammengearbeitet. Was willst du wissen?“ Ben wandte seine Augen nicht von der Straße. „Naja, hatte er mal was von früher erzählt?“ Ein leichtes Kopfschütteln war Semirs nonverbale Antwort. „Naja. Ich weiß, dass er mal Kontakte zum Rotlicht-Milieu hatte, aber ich denke die waren eher beruflicher Natur. Und sonst… hmm.“ Semir dachte nach. Hatte Kevin damals etwas von sich erzählt? Hatte er damals etwas erwähnt, von Freunden, Bekannten. „Naja, ich denke, Lisas Tod geht ihm immer noch nahe.“, dachte Semir laut nach. Daran hatte Ben gar nicht gedacht, dass dieser Schicksal ebenfalls noch Kevin zu schaffen macht, ihn vielleicht schon in eine Art Rückfall getrieben hatte. „Warum fragst du das?“, fragte Semir und sah Ben fragend von der Seite an, der die Augen immer noch nicht von der Straße nahm. Ben biss sich auf die Lippen. Er hatte eigentlich tatsächlich keine Geheimnisse vor Semir, aber in diesem Fall... hatte er Kevin versprochen niemandem etwas zu erzählen. Auch Semir nicht. Der Polizist mit dem Wuschelkopf war zwar überzeugt, dass sein türkischer Kollege nicht sofort zu Frau Engelhardt laufen würde, und ihr erzählen würde das Kevin ein Alkoholproblem habe, aber trotzdem brachte er die Worte nicht über die Lippen. "Ach nur so... ich will ihn selbst halt nicht fragen..."
Semir schaute ein wenig verständnislos zu Ben. "Ihr habt euch doch gestern bestimmt unterhalten, oder?", fragte er mit leicht hochgezogenen Augenbrauen. Ben wiegte den Kopf hin und her, er spürte wie er unbewusst von Semir in die Enge getrieben wurde. "Ja klar... aber nicht über private Sachen.", wich der Polizist geschickt aus, und bog von der Autobahn ab Richtung Innenstadt. "Ich denke, dass Kevin ein guter Kerl ist, der auch stabil ist nach Lisas Tod. Der steckt das weg, das merkst du doch schon, wenn du ihn siehst.", meinte Semir und schaute offenbar nur auf die Fassade. 'Ich habe zumindest teilweise dahinter geschaut', dachte Ben bitter und wusste dass die coole Aussenhülle von Kevin eher Mittel zum Zweck war, und dass sich dahinter ein zerbrechlicher Charakter befand. Denn irgendetwas in Ben drin sagte ihm, dass der Alkohol nicht Kevins einziges Problem war.
WG - 11:30 Uhr
Die beiden Dienstwagen hielten auf dem Seitenstreifen vor einem hohen Reihenhaus in der Kölner Innenstadt. Kurioserweise war die Karateschule nur ein paar 100m entfernt. Im Erdgeschoss befand sich eine Apotheke, daneben der Eingang für die höheren Stockwerke. Ben und Semir schauten auf die Klingel und fanden die Namen "Rother, König, Esche" auf einer Klingel zusammengeschrieben, 1. Stock, als gerade eine ältere Frau die Haustür aufdrückte und Kevin die Tür festhielt. Mit einer Kopfbewegung bat er seine Kollegen hinein, dann konnte man verhindern, dass die Frauen erst gar nicht die Tür öffneten, wenn man sich durch die Sprechanlage bereits bekannt gab. Sie gingen durch einen renovierten Altbauflur, die Treppen nach oben. Ben fiel sofort der Unterschied zu Kevins Behausung auf, die trostlos und kühl wirkte. Hier wurde vor kurzem offenbar renoviert, es war warm und freundlich, das alte Treppengeländer frisch gestrichen, die Böden aus Holzidielen die aufbereitet wurden. Vor der Tür blieben die drei stehen, Semir klopfte. Ein kurzes Rumoren im Inneren der Wohnung, dann wurde die Tür von einer schlanken, jungen rothaarigen Frau geöffnet. "Ja, bitte?", fragte sie freundlich. "Guten Tag, Gerkhan Kripo Autobahn. Das sind meine Kollegen Peters und Jäger.", sagte Semir und zeigte seinen Dienstausweis. Auch Ben hatte seinen Ausweis bereits in der Hand, als eine blonde Frau den Kopf und halben Oberkörper aus einem Nebenzimmer streckte und die drei Polizisten ansah. Ben's Augen wurden größer, er erkannte die Frau sofort als eine derer, die beim Überfall dabei waren und die beiden Polizisten in eine Falle lockten. Auch sein Kollege der leicht versetzt hinter ihm stand, erkannte die Frau, die wiederrum die beiden Polizisten sofort wieder erkannte. Ein kurzes "Scheisse" drang aus ihrem Mund, dann verschwand sie wieder im Raum und man hörte schnelles Getrappel von Füßen, und das Geräusch eines sich öffnenden Fensters. "Die verpisst sich!", rief Kevin noch, bevor er sich erst an Ben, dann an der Rothaarigen vorbei quetschte und in die Wohnung lief. Die Müdigkeit und die Nachwirkungen des gestrigen Drogentrips waren plötzlich vergessen, er bog nach rechts ab und kam in eine Küche, in der das Fenster offenstand. Ben war sofort hinter ihm und rief "Die ist über die Feuerleiter raus."
Mit einem Satz sprang Kevin auf das Fensterbrett, warf dabei zwei Blumentöpfe um und schwang sich auf die Feuerleiter, die links am Fenster herausführte. Mit schnellen Schritten kletterte der junge Polizist herunter, die letzten 5 Sprossen ließ er aus und sprang auf dem Asphalt. Ben folgte ihm dicht, und beide liefen durch die Gasse Richtung Hauptstraße, wo Christina König verschwunden war.
Semir hatte sich sofort, als er sah dass die junge Frau fliehen wollte, auf dem Absatz umgedreht und war die Treppe runter gespurtet und auf die Hauptstraße gelaufen. Glücklicherweise bog Christina nach der Gasse falsch ab und lief Semir so direkt in die Arme. "Hey hey, stehen bleiben.", rief der drohend und hob beide Hände. Es widerstrebte sich ihm, auf eine unbewaffnete Frau die Waffe zu richten. Doch Christina dachte erstmal nicht daran, Semirs Anweisung Folge zu leisten, stoppte und drehte sich hastig um. Gerade wollte sie wieder loslaufen als sie direkt gegen Kevin stieß, der sie sofort festhielt. "Na, ist es dir im Morgenmantel nicht ein wenig kalt?", fragte der mit schwerem Atem und hielt Christina an beiden Armen fest. Sie trug tatsächlich nur einen Morgenmantel, und darunter noch kurze schlafshorts und ein t-shirt. "Leck mich, du Wichser.", stieß Kevin entgegen, der sie frech angrinste, einen blöden Spruch aber stecken ließ. "So, jetzt ist Schluß!", sagte Semir bestimmt, als er merkte dass schon einige Passanten auf der Straße auf das Schauspiel aufmerksam wurden. Er kam zu Kevin und Christina, und nahm sie ihm ab. "Los, nach oben!", sagte er bestimmt und drückte die Frau wieder zum Hauseingang. Ben kam neben Kevin und atmete ebenfalls schwer, Kondenswolken bildeten sich vor den Gesichtern der beiden Männer. "Mein lieber Mann. Dafür, dass du letzte Nacht eine dreiviertel Flasche Whisky vernichtet hast, bist du ganz schön fit...", sagte Ben und beugte sich ein wenig nach vorne um besser Luft zu bekommen. Kevin lächelte ihn an, ein merkwürdiges Lächeln was durch seinen schnellen schweren Atem noch skuriller wirkte. "Alles eine Frage des Trainings." Dann ging er voraus zur Tür und Ben blieb einen Moment zurück. Meinte Kevin tatsächlich sportliches Training, oder war es eine bittere Anmerkung dazu, dass er das Trinken längst gewöhnt war. Ben ließ dieser Satz erstmal nicht los...