Rotlicht-Viertel - 14:00 Uhr
Die beiden Freunde standen sich fast gegenüber, André leicht zu Semir gedreht, der in direkt Stellung zu seinem ehemaligen Partner. Er hielt den Stoff von André's Winterjacke am Ärmel in der Hand, an dem er ihn gerade festgehalten hatte, nachdem sie das Bordell verlassen hatten. Der großgewachsene Ex-Kommissar schaute Semir in die Augen, Semir tat es ihm nach seiner Frage gleich. Es war ein kurzer Schweigen, als könne André nicht glauben was Semir gerade von ihm verlangt. "Was willst du von mir hören?", fragte er gereizt. "Glaubst du dem Typen mehr als mir?" Mit einer kurzen Bewegung seines Arms schüttelte der Semirs Hand ab, der den Stoff dann auch losließ und sich mit der Zunge kurz über die Lippen fuhr. Er wollte nicht "ja" sagen, aber ein klares "Nein" ging ihm auch nicht über die Lippen. Der türkische Polizist sah verzweifelt aus, als er André ein wenig hilflos ansah. "Ich will wissen was hier vor sich geht. Was hat Horn gegen dich in der Hand?" André's Antwort kam, nach Semirs Ermessen einen Augenblick zu spät. Früher hatte er keine Sekunde gezögert Antwort zu geben, wenn er zu Unrecht beschuldigt wurde, jetzt brauchte er einen Augenblick Bedenkzeit. "Horn hat gar nichts gegen mich in der Hand. Die Typen sind hinter mir her, und Kerler will dich gegen mich aufbringen.", sagte André und bemühte sich innigst, ruhig zu bleiben.
Der Kondensdampf stieg vor den beiden Kommissaren nach oben, wenn sie redeten, sie standen in der Nähe von Semirs Dienstwagen auf dem Parkplatz, nur unweit des Bordells weg. Dass sie durchs Fenster beobachtet wurden, bemerkten sie nicht, zu viel waren sie mit sich selbst beschäftigt.
"Dann sag mir doch endlich was genau du dort hinten getrieben hast." bohrte Semir mit Nachdruck weiter, und zwang André erneut zu einer kurzen Denkpause, in der er auch kurz die Augen senkte. "Das habe ich dir schon gesagt.", antwortete er schmallippig und gereizt. Die beiden Männer, die sich einst blind vertrauten, trauten sich nun gegenseitig nicht über den Weg. André verheimlichte Semir etwas, da war sich der Polizist sicher. Und Semir traute André nicht, diese Fremdheit die bereits seit gestern zwischen ihnen stand wurde mit dem Satz von Kerler noch größer. Wenn André wirklich für Horn gearbeitet hatte, über mehrere Jahre, dann kann seine Weste einfach nicht sauber sein, das konnte Semir sich nicht vorstellen. "André...", begann Semir leise und eindringlich, er suchte selbst nach Worten, fühlte sich hilflos. "... wenn du mir nicht die Wahrheit sagst, kann ich dir nicht helfen." 14 Jahre lang glaubte er, André sei tot. Gestorben als Polizist, als sein Freund dem er blind vertrauen konnte. Jetzt plötzlich, unerwartet, stand André wieder vor ihm und war verändert... war nicht so wie vorher. Und Semir wusste nicht, wen er vor sich hatte, einen Mann, von dessen Leben er nur 4 Jahre genau kannte, die Jahre dazwischen er aber nicht wusste, was er getrieben hatte. André konnte die Wahrheit sagen, dass er sich im Hintergrund hielt, einige Botenfahrten machte, Geldübergaben durchführte. Er konnte aber auch lügen, dass er Körperverletzungen oder schlimmeres beging. Sein Herz wollte das nicht glauben, sein Kopf allerdings machte Semir urplötzlich klar, dass er einen fremdem Mann vor sich hatte. Ein Mann, der sich in 14 Jahren grundlegend verändern konnte. Dieses Gefühl schnürte Semir fast die Kehle zu, auch als er an den Mord von Timo Kressner dachte.
"Und ich kann mir nicht helfen lassen, wenn du mir nicht vertraust.", gab André zur Antwort in Richtung Semir, der nun selbst ein wenig die Geduld verlor. Die Dinge, die er gerade noch dachte, fanden plötzlich den Weg an die Oberfläche. "Wie soll ich dir vertrauen? Versetz dich mal in meine Lage!", sagte er nun bestimmt lauter zu seinem Kollegen. "Du tauchst nach 14 Jahren plötzlich wieder hier auf, und erzählst mir deine Geschichte. Weißt du, was sich in 14 Jahren alles verändern kann?" Plötzlich erschrack Semir. Es waren genau die Worte, die André gestern benutzte, die ihn so sehr trafen. Dass man sich ändert, in 14 Jahren... das man "vergisst." Wieder sahen sich die beiden Männer an, beide in ihrer Unsicherheit gefangen. Warum konnten sie sich nicht unter besseren Umständen wiedersehen, unter Umständen, dass sie sich in den Arm fielen, erzählten was sie getrieben haben in der Zeit und in alten Erinnerungen schwelgen. Nein, sie standen sich gegenüber in einem Nebel von Misstrauen, in dem Semir einfach nichts von Andrés Geschichte erkennen konnte.
Der großgewachsene André hob den Kopf und schaute auf Semir herab. Der kannte diesen Blick, wenn André die Mundwinkel ein wenig nach unten verzog, und die Augen etwas zusammenkniff. "Ich dachte du würdest mir glauben. Ich hab dir alles erzählt.", sagte er mit festem Blick. Zu gerne würde Semir ihm vertrauen, doch sein Kopf verbietete es ihm. Sein Verstand, sein kriminalistischer Sachverstand appelierte mehrmals an ihn, hier zu misstrauen, zu hinterfragen. Fast immer lag er damit richtig. Jetzt sagte er traurig: "Ich kenn dich nicht mehr, André. Du wirkst so... so fremd." Keiner wich dem Blick des anderen aus, als André auf diese harten Worte nur kurz nickte. "Dann ist es wohl besser, wenn du einfach emotionslos deinen Job machst...", sagte André mit einer Prise Arroganz, auch wenn seine wahren Gefühle durch die Worte durchschimmern, denn er war von Semirs Worten getroffen, vor allem wenn er an die zwar unangenehme, aber doch vertraute Atmosphäre in Semirs Haus gestern abend zurückdachte. Sein Freund sah ihn hilflos an, als er den Worten von André weiterlauschte. "Du hast meine Aussage warum ich am Tatort war, und den Schmauchspuren-Test. Wenn du einen Haftbefehl hast, weißt du wo du mich findest."
Nach diesen Worten drehte sich André um, vergrub die Hände in der Winterjacke und ging mit schnellen Schritten davon. Semir stand verloren auf dem Parkplatz, senkte nun die Augen und trat von einem Fuß auf den anderen. Dieses Wechselbad der Gefühle machte ihn fertig, dieses Wechselbad zwischen alter Vertrautheit und latenter Unsicherheit und Misstrauen. Wie konnte er André nur glauben... war es möglich, dass André ihn ausnutzte? Er brauchte Ruhe, er musste mit jemandem reden darüber, am besten mit Andrea.
Gerade wollte Semir in sein Auto steigen, als er ein knirschendes Geräusch hinter sich hörte. Doch bevor er sich umdrehte spürte er, wie eine große kräftige Gestalt ihn von hinten packte und einen stinkenden Lappen auf den Mund presste. Noch bevor Semir sich wirklich wehren konnte, wurde ihm schwindlig und schwarz vor Augen. Das Chloroform verfehlte seine Wirkung nicht, und langsam ließ die Gestalt den Polizisten zu Boden gleiten. Seine Hände fuhren in Semirs Hosentaschen und fischten sein Handy heraus. Er navigierte das Handy ins Menü der versendeteten Kurzmitteilungen und las sich einige SMS an Ben aufmerksam durch, um das Schreibmuster, sowie die Abschieds- und Begrüßungsgewohnheiten zu erfassen. Mit schnellen Fingern durchsuchte er die Kontakte nach "Ben" und verfasste eine schnell geschriebene Nachricht an den Empfänger.
'Hey Ben. War mit André in einem Bordell des Verdächtigten Stefan, doch es kam nichts dabei raus. André verhielt sich merkwürdig und Stefan erwähnte Straftaten die André begangen hatte. Habe ihn darauf angesprochen und es kam zum Streit. André verheimlicht uns was. Bis gleich im Büro. Semir!'
Die SMS wurde versandt und der Typ lächelte zufrieden. Dann packte er den leblosen Körper von Semir, zog ihn über den kalten Boden zu einem SUV und packte den Kommissar in den Kofferraum.