Versteck – 21:00 Uhr
Semir wagte nicht mal zu atmen. Die Schritte, die er eben noch deutlich hörte, waren verstummt. Leere und stumme Dunkelheit hielt ihn weiter umhüllt, während der Kommissar stocksteif auf seinem gefesselten Stuhl sass und die Luft anhielt, die Ohren spitzte. War da noch was? Redete da jemand. Seine Augen bewegten sich hin und her, als wolle er versuchen die Worte zu sehen, die sich schwach in seinen Gehörgang krochen. Ja, da redete doch jemand… Semir konnte immer mal wieder einen Ton, ein halbes Wort und ein kurzes Husten hören. In seinem Kopf arbeitete es fieberhaft. Wenn das jemand war, der ihn suchte, musste er irgendwie auf sich aufmerksam machen… rufen, schreien, Krach machen. Sollten es aber die Kerle sein, die ihn hierher verfrachtet hatten, Kerler oder sonst wer, dann würde das Rufen sicher unangenehm für ihn enden. Mit aller Macht konzentrierte er sich weiter darauf, die Stimme zu identifizieren, Wörter zu verstehen, doch es hatte keinen Sinn. Die Stimmen waren zu weit weg, die Wände waren zu dick. Irgendwann wurde es auch wieder still, und wieder machten sich Schritte neben ihm und über ihm auf. Semir war sich sicher, dass es mehrere Leute waren, denn das „Tick-Tack“ der Schritte war unregelmäßig. Enttäuscht und doch erleichtert stellte er fest, als es wieder ruhig wurde… 1 Minute, 2 Minuten, 5 Minuten. Nein, er hörte nichts mehr. Egal, wer auch immer hier gewesen war, er war weg.
Die Hoffnung schwandt langsam, es kam Semir vor, als würde er schon tagelang hier sitzen. Nein, das konnte nicht sein. Er spürte kein Hunger- oder Durstgefühl, also konnte er noch nicht so lange hier sitzen. Und Ben würde sicher niemals aufgeben seinen Freund zu suchen… ein Aufgeben kam nicht in Frage.
Industrieruine – zur gleichen Zeit
Kevin und Ben blickten in das hell erleuchtete Gesicht von André. Beide waren überrascht, und konnten sich diesen Zusammenhang nicht erklären. „Warum sollte sich Horn für Bergers Tod rächen?“, fragte Kevin, immer noch leise sprechend, in Andrés Richtung. „Berger und Horn waren sehr eng befreundet… enger, als wir es damals annahmen. Erst später, als ich für Horn gearbeitet habe, hab ich erfahren, wie eng ihre Beziehung war.“ „Scheisse…“, murmelte Ben und sah auf den Boden. Hintergrundinformationen, die ihnen einfach fehlten, die ihnen aber nützlich sein konnten… sie mussten mit André zusammenarbeiten. Aber vor allem musste jetzt die Chefin informiert werden. „Warst du hier überall?“, fragte der Polizist dann, mit halbwegs gutmütiger Stimme in Richtung André. Der nickte. „Ich wusste, dass Horn diese Ruine gehört. Ich laufe schon seit 2 Stunden hier drin rum. Hier ist nichts und niemand.“ Ben schaute fragend in Kevins Richtung… es war eine stumme Frage an seinen Kollegen, eine Frage wie „Vertraust du ihm?“. Kevin antwortete mit einem Nicken und zustimmenden Blick. Erstaunlich, wie sich die beiden nach so kurzer Zeit verstanden, dachte Ben. „Okay. Wir sollten zur Dienststelle fahren. Die Chefin weiß noch gar nichts von Semirs Verschwinden. Und dann müssen wir genau überlegen, wie wir weitermachen.“ André nickte zustimmend, und die drei Männer verließen das Gelände.
Dienstelle - 21:30 Uhr
Noch von unterwegs hatte Ben Anna Engelhardt angerufen und sie gebeten, dringend ins Büro zu kommen. Die Chefin stellte keinerlei fragen, sondern versprach, sich sofort auf den Weg zu machen. Sie hatte einen kurzen Weg aus der Stadt und saß bereits im Büro, als die drei Männer auf der Dienststelle ankamen. Ben bemerkte, dass Kevin wieder so erschöpft aussah wie gestern Abend, doch er sagte nichts. Unter Adrenalin war Kevin fit, doch immer wenn es zu solchen Ruhepausen kam, wurde es anstrengend für ihn. „Ich rede alleine mit der Chefin.“, meinte Ben und ging geradeaus ins Büro. Kevin nickte dankbar, und ließ sich auf den Drehstuhl fallen, auf dem Semir sonst saß. André trat ins Büro, und es kamen erneut alte Erinnerungen hoch. Das Poster des BMWs, das früher auf seiner Seite hing musste teuren Flatscreens weichen. Er sah zu Kevin, der kurz den Kopf in seine, auf dem Tisch, aufgestützten Hände legte. „Ich hätte nicht gedacht, dass du den Weg eines Polizisten einschlägst.“, meinte André mit seiner ruhigen kratzigen Stimme. Kevin blickte auf und sah seinen ehemaligen Trainer an. „Menschen ändern sich.“ „Das meine ich nicht. Ich wusste, dass du vom Charakter her ein guter Kerl bist.“, entgegnete André auf Kevins kurze Antwort. „Aber ich wusste auch, was du schon auf dem Kerbholz hattest. Aber es ging mich damals nichts an, weil es nicht mein Bereich war.“ Kevins Blick wich gen Boden, und er fuhr sich mit einer Hand durch die abstehenden Haare. André hatte er damals vieles anvertraut, denn er wusste nicht, dass er Polizist war. „Es ist nie was herausgekommen?“, fragte André, der sich wie immer nicht an einem Platz halten konnte und ein wenig durch den Raum tigerte. Kevin schüttelte stumm den Kopf. Wenn das, was er damals getan hatte, irgendwo in einer Akte stehen würde, wäre er nie Polizist geworden. Kevin dealte mit Drogen, er schlug zwei Gang-Mitglieder krankenhausreif, brach mit der Gang in mindestens 6 Häuser ein. Erst vor einigen Tagen bekam er mit, dass er alles einem Polizisten erzählt hatte, und nicht einem vertrauenswürdigen Karate-Trainer. Doch André hörte nicht als Polizist, sondern als Karate-Trainer zu. Er konnte Kevin gut leiden, er hatte Respekt davor, wie schnell Kevin von den Drogen wegkam, obwohl er auf dem Sprung zum tödlichen Heroin war, und wie er sich von der brutalen Straßengang lossagte. Er hatte einmal gesagt: „Ich hoffe, dass ich es nicht bin, der dich mal abführen muss… es würde mir wirklich leid tun.“ Diese Worte hallten gerade in Kevins Kopf nach. „Weiß Semir davon?“, fragte André dann, und ließ Kevins Blick schnell zu seinem Gegenüber hochschnellen. „Nein… nein. Das soll niemand wissen.“, sagte er schnell. „Ich darf dir nichts über Vertrauen zu Partnern erzählen.“, sagte der großgewachsene Karate-Kämpfer in die Richtung des jungen Polizisten, mit dem Hintergedanken daran, dass er sich so sehr in Semir getäuscht hatte, was dessen Gefühle zu Andrés vermeintlichen Tod angingen, „aber ich kenne Semir. Er wird es niemandem erzählen.“ Kevin wich dem Blick aus, und schaute durch das Fenster in die schwarze Nacht. Er sah sein Gesicht, seine müden Augen und die leichten Ringe, dass er ein wenig erschrak. André wusste, wie Drogensüchtige auf Entzug, oder kurz davor aussahen… er kannte sie von damals, wenn sie ins Training kamen. „Trotzdem…“, sagte er und schaute zu André zurück, der ihn immer noch ansah. Der ehemalige Polizist erkannte, was Kevin vermutete, und sprach es geradeheraus an. „Und warum bist du rückfällig geworden? Du warst doch weg von dem Zeug…“