Rastplatz „Hohewald“ – 13:00 Uhr
Besuchern des Rastplatz „Hohewald“ würde der dunkelgrüne Geländewagen vermutlich nicht auffallen. Er stand völlig unverdächtig auf einem der Parkplätze des kleinen Rastplatzes, der bis auf auf ein paar Bänke und des heruntergekommenen Toilettenhäuschens nichts besaß. Hier verirrten sich nur wenige Menschen hin, die auf einer langen Autotour mal kurz auf die Toilette mussten. So auch Inga Trewka. Sie war beruflich auf dem Weg von Stuttgart nach Bremen und lenkte ihren schwarzen Audi auf den kleinen Rastplatz. Sie bemerkte den Geländwagen gar nicht bewusst, schon gar nicht dass drei Gestalten darin saßen… bereits mehrere Stunden. Diese beobachteten die junge Frau, sahen sich immer wieder um ob noch andere Autos auf den Rastplatz kommen würden. „Wenn sie rauskommt, und niemand ist da, fragst du sie nach dem Weg.“, sagte Thomas zu seiner Schwester Jessica, und sie nickte. Sie hatte eine Karte dabei, hielt sie fest umklammert. Überfälle hatten sie schon viele abgezogen, aber eine Entführung war völlig neu. Ein wahlloses Opfer, keine Ahnung ob reich oder arm. Es war ein Versuch.
Inga kam aus dem Häuschen heraus, kein Auto war zu sehen. „Falls ein Auto kommt, brechen wir ab und du kommst zurück. Los geht’s.“ Jessica stieg aus dem Fahrzeug von der Fahrerseite aus und kam auf Inga zu. Sie lächelte freundlich und winkte mit der Karte. „Entschuldigen sie!“, rief sie höflich und Inga sah sich um zu ihr. „Ja bitte?“, fragte sie etwas unterkühlt und arrogant. Sie hatte ihre blonden Haare zu einem Schopf gebunden, trug keine billigen Kleider und einen teuren Ring am Finger. „Ich habe mich verfahren.“, meinte Jessica ein wenig wehleidig und breitete sofort die Karte auf dem Dach des schwarzen Audis aus, der Inga gehörte. Sie tippte mit dem Finger auf einige Punkte auf der Karte, die sie angeblich erreichen wollte, jedoch den Weg nicht genau fand, und die junge Verbrecherin bat um Erklärungen. Inga seufzte ein wenig genervt und drehte sich zum Dach um, um die Karte kurz zu studieren. Mit einem letzten Blick versicherten sich die beiden Männer im Geländewagen, dass niemand sonst auf dem Rastplatz war und stiegen aus dem Auto. Mit kurzen leisen Schritten näherten sie sich den beiden Frauen, die mit dem Rücken zum Geländewagen standen. Es dauerte nur wenige Sekunden, Andreas legte seine massigen Arme um die Taille der Frau und hob sie ganz einfach und leicht vom Boden weg. Thomas presste der Frau eine Hand auf den Mund, doch diese war so erschrocken über den Angriff dass sie, ausser einem kurzen Quicken, keinerlei Töne herausbrachte. Jessica klappte schnell die Karte zusammen und folgte ihren Brüdern, die nicht gerade sanft mit dem Entführungsopfer umgingen. Jessica klappte die hintere Tür zum Kofferraum auf, in die Inga Trewka verfrachtet wurde, wo man ihr mit Klebeband die Hände und Füße zusammenband, sowie den Mund zuklebte. Panik stieg in Inga auf, was passierte hier mit ihr? Was wollten diese Männer?
Thomas schwang sich ans Steuer, startete den Wagen und ließ ihn sofort in den Wald hineinfahren. Der Wagen schaukelte hin und her und sein Bruder grinste: „War doch ganz einfach… einfacher als ein Überfall.“ „Sssscht“, zischte Thomas wütend und schlug Andreas auf den Hinterkopf. „Halt die Klappe!“, schleuderte er noch hinterher. Er hatte extra gesagt, dass sie so wenig wie möglich über sich reden sollten, solange sie mit der Entführten zusammen sind, und jetzt erwähnte sein dusseliger Bruder auch noch Überfälle.
Nach nur 20 Minuten Fahrt kamen sie an der Hütte an. Es war kühl im Wald, aber fast schon angenehm. Thomas zog die Handbremse und sagte zu Andreas: „Los, ab ins Zimmer mit ihr. Nehm ihr das Handy ab.“ Andreas nickte gehorsam und stieg ebenfalls aus. Er ging über den sandigen Boden zur hinteren Tür und öffnete diese. Ein paar Sonnenstrahlen drangen in den Wagen und zwei angsterfüllte Augen blickten ihn an. Der kräftige Mann grinste diebisch und schwang die arme Frau über die Schulter. Wieder ein leises, durch das Klebeband erstickendes Quicken entfuhr ihr und sie ließ sich in die Hütte tragen. Es war schwer sich irgendwie zu wehren, mit gefesselten Armen und Beinen. Sie hatte Angst, keine Panik. Angst davor, dass die Männer ihr wehtaten oder schlimmeres. Noch mehr Angst bekam sie, als sie auf eine schmutzige Matratze fallen gelassen wurde. Oh Gott, diese Typen würden doch nicht etwa über sie herfallen? Doch sie atmete auf, als Andreas erstmal ihre Tasche durchwühlte und ihr Handy herauszog, sie danach alleine ließ. Inga atmete heftig durch die Nase, es war unangenehm, die Arme und Beine taten ihr weh, und sie war verwirrt…
„Hier.“, meinte Andreas kurz angebunden, nachdem er die Tür verschlossen hatte, und seinem Bruder das Smartphone von Inga auf den Holztisch warf. „Na, dann wollen wir doch mal sehen.“, meinte dieser und drückte auf den Anschalteknopf. Das Smartphone war bereits eingeschaltet, doch mit einem PIN gesichert. Thomas verdrehte die Augen. „Hast du sie nach dem PIN gefragt?“, drehte er sich zu seinem Bruder um, der es sich gerade auf der Matratze im Hauptraum bequem machen wollte. „Nö, wieso? Davon hast du nix gesagt.“ „Mensch, streng doch einmal deine Denkmurmel an. Was soll ich sonst mit dem Handy machen, wenn ich keinen PIN habe? LOS!“, rief der Anführer laut und sein kleinerer Bruder erhob sich murmelnd wieder. Er kehrte zurück zu Inga, die erneut erschrak. Oh Gott, er hat es sich anders überlegt, schoß es ihr durch den Kopf. Der Mann beugte sich zu der Frau und zog ihr mit einer Bewegung das Klebeband vom Mund. Sie stöhnte vor Schmerzen auf und zog gierig Luft durch den Mund in die Lungen. „Was… was wollen sie. Bitte tun sie mir nichts.“, begann sie sofort zu flehen. „Wie ist dein PIN-Code von deinem Handy?“, fragte Andreas zunächst mit normaler Tonlage. „Mein Handy… aber ich… bitte, tun sie…“ „Ich hab dich nach dem PIN-Code gefragt, du dämliche Schlampe!“, schrie der Mann und hob drohend die Hand. Er hätte keine Probleme damit, auch eine Frau zu ohrfeigen, wenn sie nicht tat, was er sagte. Zitternd und mit Tränen in den Augen sagte Inga ihm 4 Ziffern und Andreas ließ die Hand wieder sinken und verklebte den Mund erneut. Mit kurzem Röcheln verlegte Inga das Atmen wieder durch die Nase und ließ den Kopf verzweifelt auf die Matratze sinken.
Andreas kehrte mit PIN in den Hauptraum zurück und sein großer Bruder entschlüsselte das Handy. Mit flinken Fingern navigierte er sich in die Kontaktliste, und hoffte entweder Pseudonyme wie „Hase“, „Schatz“ oder „Süßer“ zu finden, oder sogar „Mama“ und „Papa“. Bei „Schatzi“ wurde er schließlich fündig und grinste, als er die Nummer zum Anruf anwählte. „Dann wollen wir mal sehen, was es zu holen gibt.“, meinte er und legte die Füße auf den Tisch.