PS: Wer bei der nachfolgenden Szene ab dem dritten Absatz vielleicht dazu "Filmmusik" hören will, wie ich sie mir vorgestellt hätte, hört sich das ungefähr ab 0:40 an: http://www.youtube.com/watch?v=w7jkJjCbens 
Kevin's Wohnung - 22:00 Uhr
Er fühlte sich schlecht, und nicht von Alkohol. Kevin hatte in der Zeit in der Bar nur zwei Cola-Wodka getrunken, und fühlte sich weder betrunken noch angeheitert. Nein, er fühlte sich schlecht von dem, was an diesem Abend passiert war, denn er spürte dass er langsam die Kontrolle verlor, und gerade dabei war alles zu verlieren. Semirs Worte hatten ihn ziemlich beeindruckt, vor allem als er ihm klarmachte, dass er keine Verbündeten hatte, ausser Semir und Ben. Wer sollte ihm helfen bei dem, was er vor hatte bezüglich Jessy. Wer würde ihm selbst helfen, wieder Fuß zu fassen im Polizeidienst, wenn alles rauskommt, was er bisher getan hatte. Eingebrochen in die Gartenlaube, einen Kollegen niedergeschlagen, Informationen zu einer Gewalttäterin und Entführerin zurückbehalten. Kevin fühlte sich alleine gelassen, als er heute mittag mit Jessy sprach, fühlte sich, als hätte er niemanden auf dieser Welt. Doch eben wurde ihm klar, dass er mit Semir und Ben doch noch zwei Menschen hatte, auf die er sich verlassen könne. Die dicht gehalten hatten über seine Drogenprobleme, die ihm vertraut haben, dass er diese in den Griff bekommt. War dieses Gefühl, dass er auf Jessy projeziert hatte, vielleicht doch "nur" dieses "Große-Bruder" - Gefühl? Eben jener Beschützerinstinkt, diese Aufgabe, die er selbst als gescheitert sah seit Janine umgebracht wurde? Der junge Polizist versuchte sich das Gefühl, das er hatte, als er mit Jessy gesprochen hatte, wieder vorzustellen doch es gelang ihm nicht. Was war das, was hatte ihm sein Kopf da vorgespielt?
Die kalte Luft auf dem Motorrad, die ihn an seiner leichten Jeansjacke zerrte, konnte die Gedanken nicht vertreiben. Er würde heute wieder kein Auge zu machen, das wusste er, denn er versprach sich innerlich heute keine Medikamente oder sonstiges Teufelszeug zu nehmen... ja, er versprach es sich wie so oft vorher. Er versprach es sich nochmal, als er die Treppenstufen nach oben nahm, das kalte Licht im Flur aufflackerte und er das Gefühl hatte, dass die Treppe immer länger und länger wurde. Als der junge Mann auf seiner Etage angekommen war und um die Ecke bog, entglitten ihm beinahe die sonst so coolen Gesichtszüge, seine Augen weiteten sich und sein Mund blieb etwas offen. Grund dafür war die kleine, an der Wand sitzend, kauernde Gestalt, die ungefähr auf Höhe seiner Wohnungstür saß. Sie hatte die Beine an den Leib gezogen, sie mit ihrem Armen umschlungen und den Kopf auf die Knie gelegt. Samtgrüne Augenpaare schauten ihn an, als er mit langsamen Schritten näher kam. Ohne Fessel, ohne Augenbinde strahlte er eine ganz andere Sicherheit aus, als heute morgen. "Wie kommst du denn hierher?", fragte Kevin ein wenig überrascht, als er auf Jessy herabblickte, die ihren Blick nicht von ihm ließ. Mit zwei schnellen Kopfbewegungen schaute er nach links und rechts, als würde er erwarten dass Thomas und Andreas hinter einer Ecke lauerten. "Ich bin alleine, Kevin...", sagte sie beinahe verletzt, als würde der Polizist ihr zutrauen ihm eine Falle zu stellen. Kevin fühlte sich zerrissen, auf der einen Seite freute es ihn Jessy zu sehen, auf der einen Seite war sein Gefühl ein eher ablehnendes... gerade hatte er sich innerlich entschlossen, morgen seine Gefühle zu überwinden und mit seinen beiden Kollegen zusammen zu arbeiten... und nun stand der Grund seiner Befangenheit vor seiner Wohnungstür. "Und was machst du hier?", fragte er erneut, und er erschrak darüber dass seine Stimme so kalt klang. "Darf... darf ich reinkommen?", fragte Jessy, immer noch den Blick nach oben zu Kevin gerichtet. Sie hatte sich das Wiedersehen anders vorgestellt, hatte gehofft dass sich der junge Mann freute, wenn sie zu ihm zurückkehrte. Sie war verzweifelt, nachdem sie von ihren Brüdern weggelaufen war, und nun auf sich gestellt war, und sie suchte in Kevin den Felsen in der Brandung, den sie brauchte.
Kevin öffnete die Wohnungstür und ließ Jessy den Vortritt. "Willst du etwas trinken?", fragte er, doch das Mädchen verneinte, hatte die Hände tief in der Tasche vergraben und setzte sich auf die kleine Couch. Kevins Vernunft, der versuchte gegen sein Gefühl Widerstand zu leisten, bröckelte, als er sich selbst dicht zu Jessy saß, und sie anblickte. "Du hast dir die Adresse aus dem Ausweis gemerkt, hmm?", fragte er rhetorisch, und das Mädchen nickte. "Was ist passiert?" Jessy seufzte und sah nun kurz auf den Boden. "Ich hab mich mit meinen Brüdern gestritten und bin weggelaufen. Sie haben direkt gewusst, dass ich dich befreit habe.", sagte sie dann zerknirscht und Kevin spürte plötzlich Schuldgefühle in sich aufsteigen. "Oh, scheisse...", murmelte er und fuhr sich mit einer Hand durch die abstehenden Haare. Jessy schaute traurig geradeaus an die gegenüberliegende Wand und eine Gänsehaut befiel sie, als der Mann neben ihr den Arm um ihre Schultern legte und sie ein wenig an sich drückte. "Jetzt hab ich, wie du, auch endgültig niemanden mehr...", murmelte sie leise und spürte wie Kevin ihr sanft über die Haare strich. "Ich hab gehört, dass du immer mal zu deiner Mutter gehst." Jessy schien von Kevins Worten ein wenig aufzuschrecken, als sie plötzlich sagte: "Wer hat dir das gesagt?" "Deine Mutter selbst." "Du warst bei mir zu Hause??" Jessy sah Kevin ein wenig geschockt an. Schämte sie sich, oder war sie wütend auf ihre Mutter, dass sie etwas erzählt hatte. "War mein Vater... war er da, als...", stotterte sie und Kevin legte ihr beruhigend eine Hand auf die Schulter. "Hey... keine Angst. Er war nicht da, als sie mir das gesagt hat. Sie macht sich Sorgen um dich... und ich glaube, das machen deine Brüder auch." Mit leicht glänzenden Augen schaute Jessy den fremden und doch so vertrauten Mann an, der nach aussen für sie wie eine Festung wirkte, an der sie sich nur festhalten musste. "Meinst du wirklich?", fragte sie unsicher. "Jessy... deine Brüder haben dich von deinem Vater befreit. Sie haben jahrelang auf dich aufgepasst. Glaubst du, das ist Vergessen weil du jetzt in ihren Augen einen Fehler gemacht hast?" Kevin lächelte ein wenig, doch es war ein trauriges Lächeln. Im Prinzip hatten Jessys Brüder das getan, bei dem er versagt hatte, nämlich auf die kleine Schwester aufzupassen. Sein Lächeln wurde ein wenig bitter. "Wenn Janine solche Brüder gehabt hätte, würde sie noch leben.", meinte er leise und offenbarte sich keinesfalls als starke Festung. Jessy spürte genau, spürte es schon bei der ersten Begegnung, dass diese Selbstsicherheit eine bröckelige Fassade war, und sie Eintritt erhielt, das wahre Gesicht von Kevin zu sehen... und dass er sich immer noch Vorwürfe machte. "Sowas darfst du nicht sagen...", sagte sie obwohl sie keinerlei Ahnung hatte, was damals passiert war. Und sie fragte auch nicht, sie fand dass sie nicht das Recht dazu hatte.
Für einige Minuten sagten sie nichts... sie saßen da, und schwiegen sich an, Kevin den Arm um Jessys Schultern gelegt, sie ihren Kopf wieder an seinen Körper gelehnt. "Was... was soll ich jetzt tun?", fragte sie dann irgendwann. Eine Frage, die sie sich so oft stellte, aber niemandem stellen konnte. Kevin dachte nach, was sollte er ihr sagen? Falsche Hoffnungen machen, oder die bittere Wahrheit sagen. Fakt war, dass sie, egal was sie tat, ihre Brüder verlieren würde. Selbst wenn Kevin so gut es ging versuchen würde, ihren Kopf aus der Schlinge zu ziehen.... ihre Brüder mussten über die Klinge springen. "Ich kann nur versuchen, dich so gut es geht zu schützen.", sagte der junge Polizist leise, und es fiel ihm deutlich schwer. "Aber dafür musst du uns helfen, deine Brüder zu finden." Jessy erschrak und nahm den Kopf von Kevins Schulter, sah ihn ein wenig entgeistert an. "Ich soll meine Brüder verraten?", fragte sie ungläubig. "Jessy... nach euch wird bereits gefahndet. Früher oder später werden meine Kollegen euch finden und festnehmen, dann kann ich dir nicht mehr helfen. Mir fällt das auch nicht leicht." Das junge Mädchen spürte, wie ihr abwechselnd heiß und kalt wurde. Ihre Gedanken überschlugen sich und ihr Puls schlug schneller. "Wenn du bei deinen Brüdern bleibst, kannst du all deine Träume begraben. Wenn ich dir helfen kann, dann hast du eine Chance, so wie ich sie hatte." Kevin sah das Mädchen an, und nun fasste sie den Mut doch eine Frage zu stellen. "Was meinst du damit?" "Ich war wie du. Ich war in einer Jugendgang, ich hab Drogen genommen und verkauft, ich hab Einbrüche gedreht... ich war kriminell. Und ein Polizist hat mir geholfen." Jessys Augen wurden größer, mit so einem Geständnis hatte sie nicht gerechnet, doch es würde ihre Entscheidung nicht einfacher machen. Sie drehte sich von Kevin weg, beugte sich nach vorne und stützte den Kopf mit den Armen auf den Knien ab. "Ich werde wirklich alles tun was ich kann, damit du mit nem blauen Augen davon kommst... vertrau mir.", hörte sie Kevins Stimme neben sich, ganz nah. Seine innere Stimme, die Kevin auslachte, hörte sie natürlich nicht. "Du blinder Vollidiot redest von Vertrauen, das du selbst zu niemandem hast.", sagte die innere Stimme und der junge Mann musste ihr recht geben.
Jessy aber sah sich nicht in Stande, Kevin eine Antwort zu geben. Sie fühlte sich innerlich kaputt und müde, und sah Kevin noch einmal an. "Kann ich... vielleicht nur heute nacht hier bleiben?" "Na klar...", antwortete Kevin in der Hoffnung, dass sie sich morgen früh ausgeschlagen dafür entscheiden würde, ihnen zu helfen. Er sah noch, wie Jessy die Schuhe auszog und sich seilich auf die Couch lag. Sie war müde, und ihr schienen die Augen augenblicklich zu zu fallen. Der junge Polizist stand auf, nahm aus seinem Schlafzimmer Wolldecke und ein Kissen, und als er die Decke über das junge Mädchen lag, schien sie bereits in einen Halbschlaf versunken. Kevin ging vor ihr in die Hocke, und strich ihr eine Strähne aus dem Gesicht, bevor er ihr einen sanften Kuss auf die Stirn gab. Jessy spürte es, und lächelte sanft während ihr die Tränen in die Augen stiegen.
Kevin's Wohnung - 4:00 Uhr
Jessy war aufgewacht und hatte zuerst nicht gewusst, wo sie sich befand. Der Mond schien nun durch das Wohnzimmerfenster und schemenhaft konnte sie die Küche erkennen. Sie hatte ungut geschlafen, schlecht geträumt und sich immer wieder die Frage gestellt, ob sie wirklich im Stande war, sich zwischen Kevin und ihren Brüdern zu entscheiden. Andreas und Thomas begegneten ihr immer wieder im Traum, wie ihren Vater, der sich an ihr vergangen hatte, verprügelten und Jessy aus dieser Hölle gerettet hatten. Sie fasste einen Entschluß, den sie schon teilweise gestern abend gefasst hatte.
Leise, ohne Geräusche zu machen stand sie von der Couch auf und schlich durch die Tür ins Kevins Schlafzimmer. Auch hier fiel der Mond ins Zimmer, und das Mädchen konnte den Polizisten genau erkennen. Er lag auf dem Rücken, hatte ein paar Schweißtropfen auf der Stirn, und das Bett wirkte zerwühlt, gab es seinen nackten Oberkörper zur Hälfte preis. Jessy sah, dass er unruhig schlief, und etwas schneller atmete. Ein paar Tränen liefen ihr über die Wange bei dem Gedanken daran, ihn vielleicht nie wieder zu sehen, und sie tropften auf sein Gesicht als sie ihm, fast berührungslos, ihre Lippen nun ihrerseits auf die Wange drückte. Geräuschlos verließ sie dann die Wohnung, und zog die Tür hinter sich zu.