Bauer Electronics - 13:15 Uhr
Mit Schwung fuhr Kevin auf den Parkplatz des großen Firmengeländes... so schnell, dass der Mann an der Pforte nur unwillig den Kopf schüttelte. Unter dem Schatten einer Birke, die auf dem Parkplatz stand, parkte der Polizist den BMW und beide Männer stiegen aus. Der Pförtner näherte sich ihnen mit schnellen Schritten, und dessen Stimme hallte über den Parkplatz schon von weitem. "Hey sie! Hören sie, sie können hier nicht einfach auf den Parkplatz rasen... wir sind doch nicht am Nürburgring." Ben kramte schon in seiner Brusttasche des Hemdes nach seinem Ausweis, doch Kevin kam ihm bereits zuvor. "Geh in dein Höschen da hinten...", dabei deutete er mit der Hand zu dem kleinen Glashäuschen am Eingang des Parkplates, wo der Pförtner seinen Arbeitsplatz hatte... "und geh mir nicht auf die Nüsse." Der etwas dickliche Mann lief abwechselnd rot und blau an, bevor Ben endlich seinen Dienstausweis zückte. "Wir sind von der Polizei, und wollen mit einem Verantwortlichen hier sprechen." Dabei warf er einen missbilligend Blick auf seinen übelgelaunten Kollegen. Der Mann schnaubte und wies mit dem Finger auf eine große Drehtür aus Glas. "Dort ist der Eingang, an der Informationen wird ihnen weitergeholfen.", sagte er mit unterdrückter Wut, schob aber noch hinterher: "Und das nächste Mal in einem anderen Ton!" Diesmal kam Ben seinem Kollegen, der gerade antworten wollte, zuvor: "Verzeihen sie. Mein Kollege hat einfach schlecht geschlafen." Dabei schubste der Kommissar seinen Partner an den Schultern in Richtung Drehtür um deutlich zu machen, dass es nun genug sei. Der gereizte Polizist verschluckte die Worte und ging mit ausdrucksloser Miene in Richtung des Einganges, während der Pförtner sich Richtung Glaskasten trollte.
An der Informationen fragten sie nach dem stellvertretenden Geschäftsführer. Eine aufgelöste junge Dame, die wie alle anderen im Konzern bereits von der Nachricht erfahren hatte, verwies sie in den achten Stock des Gebäudes, die Chefetage. Ben bedankte sich, und hielt auf die Treppe zu, während Kevin auf den Aufzug zu steuerte. "Bist du wahnsinnig? Ich lauf doch nicht acht Etagen Treppen, wenn es nen Aufzug gibt.", meinte der junge Kommissar, und bemerkte sofort wie Ben schluckte. "Na komm... bisschen Bewegung würde deinem Gemüt gut tun.", meinte er. Doch er wollte sich keine Blöße geben und blieb bei Kevin am Aufzug stehen, als dieser den Knopf drückte... er spürte wie sein Herz schneller schlug. Die Aufzugtüren öffneten sich, der Fahrstuhl war neu und verspiegelt, wirkte größer als er war. Kevin ging hinein, doch sein Kollege zögerte ein wenig. "Was ist denn?", wurde er gefragt, doch dann überwand er sich und stieg ein. Sein Puls steigerte sich, als die Aufzugstüren sich schlossen und der Aufzug sich in Bewegung setzte. Obwohl er es nicht wollte, atmete er hörbar etwas schneller und schaute sich immer hektisch um... lauernd auf irgendwelche Geräusche, die er nicht kannte, schlimmer war jedoch die Wand, die so dicht bei ihm war. "Ist alles in Ordnung?", wurde er von seinem Freund gefragt, der an der Spielgelwand lehnte und etwas fragend dreinblickte. Ben nickte schnell und stumm, und betete dass die Türen schnell wieder aufgingen. "Hast du Angst vorm Fahrstuhl fahren?", fragte Kevin dann, ein wenig peinlich berührt und vorsichtig. Wieder schüttelte sein Partner den Kopf, und meinte dann. "Nicht vorm Fahrstuhl fahren..."
Die Fahrstuhl hielt, die Türen gingen auf und Ben ging einen schnellen Schritt in den großen, breiten Flur... der unendlich viel Platz hatte, so kam es dem Polizisten vor. Sein Atem beruhigte sich, sein Puls fiel... er fühlte sich wie nach einem Marathonlauf. "Sondern?", fragte Kevin dann, obwohl er die Antwort beinahe kannte. Beide blieben einen Moment vor dem Fahrstuhl stehen, und Ben blickte auf Kevin, die Stirn ein wenig schweißbedeckt. "Ich... hab Platzangst. Ich wurde mal...", seine Stimme stockte kurz... "ich wurde mal in einem Sarg begraben... Lebendig." Stille trat ein, niemand war auf dem Flur, der sie hätte belauschen können. Kevin verlor selten mal die Fassung oder zeigte wirklich Gefühle, doch diesmal war er erschüttert. Mit halb offenen Mund sah er seinen Partner an, dessen Gesichtsfarbe sich langsam wieder neutralisierte. Er konnte nicht fassen, dass der immer gut gelaunte Ben Jäger so ein Trauma mit sich herumtrug. "Lebendig begraben?", murmelte er und ihn überfiel eine Gänsehaut. Ben nickte stumm... "Es war... ein Straftäter, den ich mal hinter Gitter gebracht habe. Er wollte den Aufenthaltsort einer Zeugin und hat mich entführt. Danach hat er mich betäubt, und ich bin in einem Sarg aufgewacht. Semir hat mir damals das Leben gerettet." Leise setzte er noch hinzu: "Aber was war verdammt knapp."
Kevin wusste nicht, welche Worte helfen würden... aber es war wichtig, solche Informationen über Ben zu haben. Aufzug fahren war jetzt natürlich tabu. "Wie lange ist das her?" "Schon lange... 6 Jahre, glaub ich. Es war ganz zu Beginn meiner Zeit bei Cobra 11. Ich denk auch nicht mehr oft daran, aber seitdem habe ich ein Problem mit engen Räumen.", meinte Ben und atmete tief durch, als Kevin verständnisvoll nickte. "Okay. Ab jetzt nur noch Treppen.", meinte er lächelnd um Ben ein wenig die Unangenehmheit zu nehmen, die der junge Polizist bei seinem Freund spürte, diese Schwäche zu zu geben. Auch sein Gegenüber lächelte, und beide machten sich nun wieder an die Arbeit und klopften beim stellvertretenden Geschäftsführer von Bauer Electronics. Die Sekretärin ließ die beiden herein, sie zeigten die Ausweise und Ben äusserte die Bitte mit Herrn Heinrich sprechen zu dürfen. "Einen Moment...", sagte sie und griff zum Telefonhörer. "Hier sind die Herren Jäger und Peters von der Kripo... ja, wegen Herr Bauer... okay, ich schicke sie hinein." Die Dame legte auf, und wies mit dem Finger auf eine weitere Tür. "Bitte sehr." Die beiden Polizisten nickten, und traten in das sehr edel eingerichtete Büro. "Wenn das nur der Stellvertreter ist, dann hängt beim Chef Gold an den Wänden.", murmelte Kevin Ben ins Ohr, ohne dass Philipp Heinrich, der sich hinter seinem Schreibtisch erhob, etwas davon hörte. Ben musste grinsen.
"Guten Tag, mein Name ist Philipp Heinrich, ich bin stellvertrender Geschäftsführer von Bauer Electronics." Der, noch recht jung ausschauende Mann im dunkelblauen Anzug erhob sich und schüttelte beiden Polizisten die Hände. "Tag. Jäger, mein Kollege Peters. Wir ermitteln in dem Mordfall ihres Chefs." Mit einer Handbewegung deutete Heinrich auf die beiden Stühle vor seinem Schreibtisch, damit die beiden Polizisten sich setzen konnten. "Schrecklich was mit Günter passiert ist. Wir stehen alle sehr unter Schock.", sagte der Mann und strich sich seinen Seitelscheitel gerade. "Werden sie jetzt automatisch der Nachfolger?", fragte Kevin, dessen Instinkt plötzlich anschlug, nach Jahren bei der Mordkommission. Heinrich blickte ein wenig misstrauisch auf, die Trauer verschwand sofort aus seinem Gesicht... "Gehört diese Frage schon zu ihren Ermittlungen?", fragte er und erschien dem jungen Polizisten plötzlich extrem unsympathisch. "Wenn sie so fragen... ja, gehört sie.", sagte er unterkühlt, und war gespannt auf die Antwort. Der Mann im Anzug räusperte kurz und meinte dann: "Vorübergehend ja. Alles weitere wird der Aufsichtsrat entscheiden, die Geldgeber ebenfalls." Im Kopf der Kommissare baute sich schon das erste Motiv auf, doch noch war es zu früh um nach Alibis zu forschen. "Können sie sich vorstellen dass Herr Bauer persönliche Feinde hatte?", fragte Ben und schlug die Beine übereinander. Der misstrauische Ausdruck in Heinrichs Augen verschwand wieder etwas, er spitze die Lippen und schüttelte den Kopf. "Nicht dass ich wüsste." "Gabs Probleme in der Firma? Finanzielle vielleicht?", fragte Kevin dann und ließ sofort durch seinen Tonfall durchblicken, dass beide Polizisten über die finanzielle Situation des Konzerns Bescheid wussten. Zwischen Philipp Heinrich und Kevin war es sofort Liebe auf den ersten Blick. "Ich weiß, worauf sie anspielen, Herr Hauptkommissar. Aber ich kann sie beruhigen, die Chemie in unserem Konzern stimmt. Wir stehen kurz vor der Fertigstellung eines neuen Computerprozessors, der auf dem IT-Markt einschlagen wird. Diese neue Entwicklung wird uns sanieren. Das ist vor allem Herrn Bauers Verdienst, der sich sehr um Geldgeber für dieses Projekt bemüht hat.", sagte der Stellvertreter und hob seinen Chef in ein gutes Licht. "Was ist das für eine Entwicklung?", fragte Ben und nahm sein Handy hervor. Er wählte über Whatsapp den Kontakt seines Technik-Kollegens Hartmut. "Der neue Prozessor heißt PP2000. Er ist um ein vielfaches leistungsstärker, als der bisher schnellste Prozessor der Welt. Er wird die Messlatte in dieser Kategorie weit nach oben verschieben.", erzählte der Mann stolz. Ein guter Verkäufer war er sicherlich, dachte Ben während er eine Nachricht an seinen rothaarigen Kollegen schickte. "Trag bitte mal zusammen was du über einen neuen Prozessor PP2000 von Bauer Electronics finden kannst. Kommen später vorbei. Ben." "Es gibt doch sicherlich um diese neuartige Erfindung genügend Konkurrenz, oder?", fragte Kevin dann interessiert, und sein Gegenüber bewegte den Kopf ein wenig hin und her. "Natürlich gibt es Konkurrenz. Aber in der IT-Branche ist es unüblich, dass man Mordanschläge verübt. Industrie-Spionage, Sabotage in der Entwicklung, durchaus. Aber Mord?" Energisch schüttelte Heinrich den Kopf.
"Wie war Herr Bauer denn als Geschäftsführer? Wie war das Verhältnis zu seinen Mitarbeitern?", fragte Ben dann nach. "Sehr gut.", kam wie aus der Pistole geschossen. "Sie können anhand der Unterlagen nachvollziehen, dass wir trotz der schlechten Zahlen nicht einen einzigen Mitarbeiter entlassen haben. Die Gehälter wurden und werden pünktlich bezahlt und Herr Bauer hatte für alle Anregungen der Mitarbeiter ein offenes Ohr. Sei es neue Toilettenanlagen für die Ingenieure, oder ein neuer Kaffeeautomat für die Bandarbeiter." Die Antwort kam überzeugend und selbstsicher... die Wahrheit oder ein tadelloser Schauspieler. "Ein Arbeitgeber, wie man ihn sich vorstellt.", meinte Kevin mit leicht sarkastischem Unterton, und Heinrichs Miene verfinsterte sich wieder ein wenig. "Ich finde es respektlos, sich so gegenüber dem Tod von Herrn Bauer zu äussern. Er wird hier im Betrieb sehr fehlen, und ich werde alles tun, solange ich Geschäftsführer bin, seinen Weg weiter zu gehen." Kevin sah Ben von der Seite an, und machte eine Kopfbewegung zum Ausgang. Ben nickte und meinte: "Das wäre erstmal alles... sie halten sich bitte zur Verfügung. Wir werden auch zeitnah mit einigen Mitarbeitern sprechen, die am meisten mit Herrn Bauer zu tun hatten. Faxen sie uns diesbezüglich bitte eine Liste." Er legte dem Mann ein Kärtchen auf den Tisch, die Männer schüttelten sich die Hände und Philipp Heinrich sagte den beiden Polizisten seine Unterstützung zu.
Als die beiden Männer durch die Glas-Drehtür herausgingen, zog Kevin sich eine Zigarette aus der Hosentasche, ließ sein Feuerzeug aufschnappen und zündete sich den Glimmstengel an. Die Flamme war gerade erloschen, als er erneut die Stimme des Pförtners vernahm, der von der Toilette gestiefelt kam. "Hey! Hier ist Rauchen verboten." Ruckartig drehte sich der Polizist zu dem Mann um, Ben sah amüsiert, grinsend zu. "Pass mal auf, Hausmeister. Mich einmal dumm anzuquatschen ist Dummheit, aber mich zweimal dumm anquatschen, DAS ist lebensmüde. Haben wir uns verstanden?" Innerlich musste Ben lachen, beinahe gespielt setzte er eine mahnende Miene auf, als sich Kevin wieder umdrehte und ins Auto einstieg, während er den, nach Luft schnappenden Pförtner einfach stehen ließ.