Ben's Wohnung - 22:30 Uhr
Ben fühlte sich in irgendeiner Form aufgekratzt, unruhig, als er nach Hause kam. Er ging noch zum Sport, holte sich in der Innenstadt noch was zu essen, lief noch ein wenig durch die Gassen, doch überall blickte er sich um. Hatten sie denn Attentäter wütend gemacht? War er ihnen schon auf den Fersen? Ben's Zweifel an Kevins Strategie wuchsen von Minute zu Minute. Doch der hohe Kaffeekonsum an diesem Tag trug sicherlich einen Teil dazu bei, dass er sich nicht einfach ruhig vor die Glotze sitzen konnte, wie sonst.
Weil er aber nicht wusste, was er tun sollte, und er sich allmählich auf den Straßen unsicher fühlte, kehrte er nach Hause zurück und legte sich für seine Verhältnisse früh ins Bett. Das Koffein in seinem Blut hielt ihn vom Schlafen ab, er warf sich im Bett herum, tat die Decke vom nackten Oberkörper als er zu schwitzen begann, tigerte zweimal durchs Schlafzimmer. "Mann mann... nie mehr 2 Kannen Kaffee am Tag.", murmelte er in sich hinein. "Lieber fällt mir im Büro der Kopf auf die Tastatur." Er ging von seinem Schlafzimmer mit nackten Füßen in die Küche wo er es mit einem alten Hausrezept versuchte... einer Tasse heißer Milch mit Honig, die schläfrig machen sollte. Doch gegen 2 Kannen Kaffee kam auch eine Tasse Milch nicht an, und so lag er wenig später wieder wach.
Er wollte es sich nicht zugeben, aber es waren auch die Gedanken um den Attentäter, die ihn wach hielten. Es war keine Angst, aber es war eine latente Unsicherheit davor, morgen wieder in den Dienst zu gehen. Sollte er vielleicht doch besser die schusssichere Weste anziehen? Vielleicht war der Typ doch kein besonders guter Schütze, und die Treffer bei der Verfolgungsjagd waren Zufall? Ben malte sich allerlei Horror-Szenario aus, als er seinen Weg zur Arbeit und seinen Arbeitstag mit Kevin zusammen vor seinem inneren Auge vorbeiziehen ließ. Wo könnte der Täter auf sie lauern, wo könnte er zuschlagen? Die Pressekonferenz wurde am frühen Abend ausgestrahlt, in der morgigen Ausgabe aller großen Tageszeitungen würden Ben's und Kevin's Gesicht zu sehen sein. Saß der Typ heute abend vor dem Fernseher oder nicht?
Ben schwang sich erneut aus dem Bett, sein Radiowecker blinkte unaufhörlich in Richtung Mitternacht. Der Polizist ging zum großen Fenster zur Straße, und sah herüber ins Nachbarhaus. Wenn der Typ dort nun stehen würde, hätte er einen optimalen Blick auf den Oberkörper und den Kopf, dachte er. Oder von einem Stockwerk höher. Oder vom dem Balkon da hi.... "Mensch, Ben... hör auf zu spinnen.", sagte der Polizist laut zu sich selbst. Gegenüber wohnte Rudi, und das schon seit Jahren. Der fuhr nie in Urlaub, hielt sich einen Dobermann und mindestens 3 verschiedene Alarmanlagen, wie er Ben mal stolz erzählte. Der rüstige Rentner sagte allen Einbrechern den Kampf an, und es wäre leichter in ein Gefängnis einzubrechen, als in der Haus von Rudi. Der junge Mann blickte über die erleuchtete Straße. In dieser Gegend hatten nur wenige Häuser Garagen, manche hatten Stellplätze, andere parkten die Autos an der Straße. Oft waren Leute zu Besuch, weshalb die Autos, die hier standen täglich wechselten, und man sich nie festlegen konnte, wem welches Auto nun wirklich gehört. Ein gelber alter Seat, ein schwarzer Porsche, ein schwarzer Audi, ein blauer Subaru, ein silberner Audi und ein dunkelroter Seat standen am Straßenrand aufgereiht. Die Kennzeichen konnte Ben nicht alle erkennen. Mit einer Hand fuhr er sich durch die Haare, schüttelte den Kopf und ließ sich wieder ins Bett fallen.
Es dauerte nur einige Minuten, und die Paranoia holte ihn dann doch ein, so dass er aufstand, wieder zum Fenster ging und die Rolläden herunterließ... für den Fall, dass Rudis Dobermann heute nicht gut aufpassen würde...
Jenny's Wohnung - 22:45 Uhr
Der Film war nicht besonders spannend, auch wenn er lustig war und die beiden sehr oft zusammenlachten. Sie saßen zusammen auf der Couch, teilweise unterhielten sie sich auch während des Films, bis Jenny begann, ein wenig schläfrig zu werden.
Irgendwann, sie konnte nicht genau sagen wann, spürte sie Kevins Arm auf ihren Schultern, legte ihren Kopf an und fühlte seinen Atem am Ohr. Sie genoß seine Nähe, und suchte die Berührung ihrerseits ebenfalls, in dem sie einen Arm um seinen Brustkorb schlang. Den Film blendete Jenny in diesem Moment völlig aus, sie genoß es einfach Kevin so nahe bei sich zu spüren und seine Zuneigung zu ihr zu fühlen. Über ein Jahr war sie nun Single nach einer mehr oder weniger glücklichen Beziehung, die aber letztlich vor allem an Jennys Beruf scheiterte. Sie hatte sich nie aktiv auf die Suche gemacht und bis auf einen kleinen Flirt mit dem Leiter der KTU, Hartmut, war nichts mehr herum gekommen. Nun lag sie nach längerer Zeit wieder in den Armen eines Mannes, spürte seine Wärme und nach kurzer Zeit auf seine Lippen auf ihren. Glücksgefühle durchströmten sie, und die Frage nach dem "Ist das richtig" schüttelte sie ganz locker von sich ab... zu intensiv und zu prickelnd war das Gefühl, sich auf einen geheimnisvollen Mann einzulassen, denn sie seit ein paar Tagen kannte, wusste dass er eine kriminelle Vergangenheit hatte aber jetzt auf der richtigen Seite des Gesetzes stand.
Die Kollegen würden sich zwar das Maul verreißen, Ben vermutlich als aller Erstes mit seinen Sprüchen, aber das war der jungen Frau in diesem Moment egal. Sie spürte in sich ein Verlangen nach dem jungen Mann, als sie seine Hände auf ihrem schlanken Körper spürte...
Mit einem Schreck wurde sie wach... sie sah blickte in den schrägen Fernseher, wo die Komödie lief. Für einen kurzen Moment musste Jenny sich orientieren, wo sie war und was gerade passiert war. Sie hatte geträumt, sie lag auf ihrer Couch, beinahe zusammengerollt wie ein Kätzchen, die Beine an den Leib gezogen, und den Kopf auf einem recht harten Kissen... nein Moment. Das Kissen an ihrem Ohr fühlte sich an wie Jeansstoff, und es bog am Ende der Couch nach unten ab... Jenny lag mit ihrem Kopf auf Kevins Oberschenkel, der neben ihr saß. Sie bewegte sich etwas, und vermied es, schnell und ruckhaft aufzustehen. "Bist du wach?", fragte eine ihr wohl bekannte Stimme über ihr. Langsam richtete sich Jenny auf, sie dachte nach an welchem Punkt sie eingeschlafen war, und was vorher passiert war. Hatte er sie geküsst... hatte er den Arm um sie gelegt?
Je wacher sie wurde, desto klarer wurde ihr, dass so gut wie alles ein Traum war. Sie hatten gegessen, den Film geguckt, sich noch unterhalten, und ab der Mitte des Filmes war sie eingeschlafen. "Ich wollte dich nicht wecken.", meinte Kevin, der das Ende des Films abwarten wollte, bevor er Jenny wach machte. Es war ihm nicht unangenehm, als ihr langsam immer wieder die Augen zufielen, und sie sich irgendwann, wie selbstverständlich neben ihm zusammenrollte und den Kopf auf seinen Oberschenkel legte. Einmal erwischte er sich dabei, wie er ihren Kopf tätschelte, was ihn beinahe erschrak. Oft war Janine genauso neben ihm eingeschlafen, daran musste er in dem Moment denken. "Oh tut mir leid... ich wollte nicht einschlafen.", sagte Jenny etwas benommen und rieb sich ein wenig die Augen, obwohl sie nur eine halbe Stunde geschlafen hatte. Sie fühlte sich jedoch völlig schlapp, und setzte sich wieder aufrecht neben den jungen Polizisten, der die Fernbedienung nahm und auf "Stop" drückte. "Es ist besser, wenn du ins Bett gehst. Ich bin auch müde.", sagte er lächelnd und erhob sich. Jenny war ihm dankbar, sie hatte Sehnsucht nach ihrem Bett, vor allem der Traum hatte sie verwirrt, aber sie wollte Kevin auch nicht rausschmeißen.
An der Tür verabschiedeten sich die beiden mit einem Kuss auf die Wange und wünschten sich eine "Gute Nacht." Kevin ging zu seinem Wagen und fuhr zurück in seine Wohnung, die er mit Kalle teilte. Er fühlte sich gut, Jenny und er lagen auf einer Wellenlänge und es war ein schöner Abend.
Unterwegs hielt er immer die Augen offen, ob jemand ihm folgte, doch jedes Auto das hinter ihm fuhr, bog zwei Gelegenheiten später wieder ab. Als er zu Hause an kam und ein paar Schritte noch bis zur Tür ging, vernahm er plötzlich ein Geräusch hinter sich. Es klang wie ein Kratzen, und der junge Polizist verharrte kurz mit dem Schlüssel in der Hand an der Tür. Für einen Moment spannten sich alle Muskeln in seinem Körper, und als er sich ruckartig umdrehte, verscheuchte er eine Katze, die gerade auf Mäusefang war. Der Kommissar schüttelte den Kopf, vernahm die absolut leere Straße und ging ins Haus.