Jennys Wohnung - 8:30 Uhr
Ben und Semir nutzten die erste Streifenfahrt des Tages, um Jennys Gefallen in die Tat umzusetzen. Die Sonne hatte sich gerade erst über den Horizont gehoben, es war noch anständig kalt, aber es würde nochmal ein sehr schöner Novembertag werden. Mochte man den Metereologen glauben, sollte es der letzte schöne, vor allem warme Tag in diesem Jahr werden. Für die Nacht hatten sich Herbststürme und ein Kälteeinbruch angekündigt. Ben fröstelte etwas, er hatte die warme Jacke wieder zuhause gelassen und die Klimaanlage im Mercedes übertünchte die Jahreszeit. Er rieb sich mit den Händen über die Arme, als Semir den Jennys Schlüssel aus der Tasche zog und erst die Haustür, dann im ersten Stock die Wohnungstür aufsperrte. Wohlige Wärme empfing die beiden Polizisten beim Betreten der schmucken Altbauwohnung.
Ben und Semir waren schon öfters bei Jenny, sowohl in ihrer alten, als auch in der neuen Wohnung. Jenny war eine ordentliche Person, Unordnung trieb sie in den Wahnsinn, Schmutz konnte sie nicht ausstehen. Sobald sie wusste, dass Besuch kam, staubsaugte und wischte sie zumindest in den offenen Räumen wie Wohnzimmer, Küche und Gäste-WC, selbst wenn es die besten Freunde oder die Eltern waren, die sicherlich nichts beanstandeten oder danach sagten: "Bei dir sah es aus wie im Schweinestall." Und so sah es bei Jenny nicht mal aus, wenn sie nicht explizit aufräumte.
Doch was Semir und Ben sofort auffiel, war dass die Wohnung wirklich extrem aufgeräumt war. Und zwar tatsächlich so, als hätte Jenny Besuch erwartet. Beide Beamte ließen diesen Eindruck kurz auf sich wirkten, bemerkten aber nichts voreinander. "Ich kümmer mich um das Gemüse.", meinte Ben scherzhaft, denn er wusste wo Jenny in einer kleinen Kammer die Gießkanne aufbewahrte. Semir nickte, er setzte sich aufs Sofa und sah sich interessiert um. Dabei fiel ihm das Blinken an der Telefonstation ins Auge, was wohl eine neue Nachricht auf dem Anrufbeantwortet verhieß. Zuerst ignorierte er es, dann dachte er nach ob er die Nachricht abhören sollte. Vielleicht war es wichtig? Aber wenn es wichtig war, würde sich derjenige doch sicher auch auf Jennys Handy, das den Unfall überlebte, melden.
Er blickte zu Ben, der mit einer Gießkanne den Blumen auf dem Wohnzimmertisch, auf manchen Regalen und den Kräutern in der Küche mit Lebenselixier versorgte. Wieder der Blick auf den Anrufbeantworter. Das Telefon war ein anderes Modell als Semir zuhause hatte, und er war alles andere als technikaffin. "Was machst du da?", fragte Ben, während er das Wasser aus der Gießkanne goß. "Jenny hat eine Nachricht auf dem Anrufbeantworter.", sagte Semir und besah sich die Knöpfe auf der Station. Er drückte, hob die Augenbrauen, denn nichts tat sich.
"Was... hmmm...", murmelte er und drückte erneut. Ben setzte ein schelmisches Grinsen auf, neben Semirs fortschreitendem Alter war seine Allergie zu allerlei technischem Kram immer wieder Anlass zu Lästereien. Bevor der kleine Polizist ein Gerät in Betrieb nahm, studierte er zuerst einmal die Anleitung. Und wenn im Haus etwas Technisches kaputtging, schmiss er es weg und kaufte neu, statt es zu reparieren. "Klappts?", fragte der jüngere Kollege dann, als Semir endlich die Lösung zu finden schien. "Speicher wurde gelöscht." erklang es aus dem Gerät. "Oh verdammt.", entfuhr es Semir zur Antwort. "Keine Nachrichten vorhanden - keine Nachrichten vorhanden." Mit schuldbewusstem Blick sah er zu seinem besten Freund, der die letzten Tropfen Wasser dem Basilikum auf Jennys Fensterbank gab.
"Technisch bist du echt ein Fossil.", war nur dessen Antwort auf Semirs Missgeschick. "Hoffentlich war das nicht wichtig.", meinte das Fossil und drückte weiter unbeholfen an den Knöpfen herum. "Vielleicht kann Hartmut das wiederherstellen." "Ach was, du übertreibst. Wer immer da Jenny angerufen hat, wird es wieder versuchen oder auf ihrem Handy anrufen. Mach dich nicht verrückt.", winkte Ben nur ab und brachte die Gießkanne zurück in das Kämmerchen, während Semir das Gerät mit dem Mobilteil wieder an seinen Platz stellte.
"Sag mal, fällt dir was auf?", brachte der kleine Kommissar dann doch noch die auffallende Ordnung zur Sprache. Ben wusste sofort was sein Partner meinte, als könnten die beiden Gedanken lesen. "Es ist ziemlich aufgeräumt, meinst du?" "Ja... als hätte Jenny noch vor der Schicht Frühjahrsputz gemacht. Keine Tasse in der Spüle, kein Fleck auf der Ablage...", während er sprach ging der kleine Polizist zur Spülmaschine und öffnete diese... sie war leer: "Vielleicht sehe ich ja Gespenster..." "Du meinst, hier war jemand drin?", fragte Ben, und sein Folgegedanke war sofort, was man hier wohl suchen könnte... oder finden möchte.
"Den Gedanken hatte ich als Zweites. Zuerst hab ich mir Sorgen um Jenny gemacht. Beschäftigungstherapie, Putzwahn... Kevin?" Er schmiss Ben Stichwörter zu, und der verstand sofort. "Dass sie keinesfalls über seinen Tod hinweg ist, wissen wir ja spätestens seit ihrem Drogentrip vor einigen Tagen.", bemerkte er dabei. Während die beiden Männer die Wohnung verschlossen und wieder in den Dienstwagen zurückkehrten, meinte Semir: "Ich will sie nicht schon wieder darauf ansprechen. Irgendwann nervt sowas ja auch, und dann verschließt sie sich. Aber wir sollten, unbemerkt, ein bisschen mehr auf sie aufpassen. Sie unangekündigt mal daheim nach der Arbeit besuchen. Kino, Essen, irgendwas. Andrea wird uns dabei helfen." Ben fand die Idee gut. Ständiges "Darauf hinweisen", dass etwas nicht stimmt, würde irgendwann ins Gegenteil umschwenken. Aber alleine lassen mit ihrem Kummer würden sie Jenny keinesfalls...