Autobahn - 11:00 Uhr
Das Wetter glich sich der Stimmung in der Dienststelle, seit Jenny gekommen war, sehr an. Der Himmel war wolkenverhangen, es war windig aber angenehm war. Semir und Ben waren auf dem Weg zurück von ihrer zweiten Tagestour. Keine Geschwindigkeitsübertretung, kein Drängler, kein verdächtiger LKW... scheinbar wollte sich heute niemand mit den beiden Autobahnpolizisten anlegen. Ben drückte an seinem Smartphone herum, während Semir den BMW steuerte. Der Polizist mit dem wuscheligen Haar versuchte in den letzten Stunden häufiger mal Kevin eine Nachricht zu schreiben, er sah auch dass Kevin sie las, aber eine Antwort kam nicht. Es frustrierte den Polizisten, der einfach nicht damit abschließen wollte, dass sein Freund zurück unter die Dealer gegangen ist... ausgerechnet nach seiner unbedachten Äusserung.
"Jenny sah nicht gut aus eben...", sagte Semir leise, der sich mehr Sorgen um seine junge Kollegin machte, als um das männliche Gegenstück. Ben nickte. "Scheint sie wirklich mehr mitgenommen zu haben.", meinte er während er kurz aus dem Seitenfenster sah und es langsam zu nieseln anfing. "Ja. Hatten die beiden vielleicht doch mal was miteinander?" Der Hauptkommissar auf dem Beifahrersitz schüttelte den Kopf. "Ich glaube nicht. Auch wenn es vielleicht ein wenig gefunkt hat, aber...", er stockte kurz, als würde er nochmal kurz überlegen wollen. "Kevin ist doch gar nicht ihr Typ... oder? Ich hab den Eindruck, Jenny wünscht sich etwas sicheres." Ganz überzeugt klang Ben selbst nicht. "Hmm...", auch Semir schien zu überlegen. "Sicher ist bei Kevin, dass nichts sicher ist." Das ließ die beiden Männer kurz schmunzeln, auch wenn es eine bittere Wahrheit war.
Der Tag verlief weiterhin ruhig, zumindest für Ben und Semir. Als sie zu Mittag in die Dienststelle zurückkehrten, hielten sie Ausschau nach Jenny, doch die war erstmal nicht zu sehen. Später kam sie von der Toilette, und ihr Gesicht war noch blasser als zuvor. Semir fragte, ob sie nicht lieber nach Hause gehen wolle, wenn es ihr nicht gut ging, doch die junge Kollegin verneinte.
Jenny's Wohnung - 2:00 Uhr nachts
Jenny hatte tapfer durchgehalten. Ihre Kollegen glaubten, ihr hinge die Begegnung mit Kevin nach, und wenn man nicht wusste, was wirklich mit ihr los war, war diese Annahme vielleicht sogar berechtigt. Aber es hatte andere Gründe. Sie konnte sich auf nichts konzentrieren, sie war müde, sie hatte Schmerzen. Sie hatte sich um die Mittagszeit noch zweimal auf der Toilette erbrochen, sich aber nichts anmerken lassen. Die Chefin, Anna Engelhardt, erkundigte sich zweimal, wie auch Semir nach ihr, ob sie nicht lieber nach Hause gehen wolle, aber die junge Frau wollte kein Mitleid. Zumindest besass ihre Chefin soviel Weitsicht, dass sie Jenny heute nicht zum Streifendienst einteilte, sondern reinen Bürodienst schob. Auf Streife fuhren Bonrath und Hotte gemeinsam, und Jenny konnte ihm sicheren Büro bleiben.
Als sie nach Hause kam, hatte sie weder Hunger noch Durst. Sie duschte nochmal und wusch sich so gründlich, als könne sie damit Erinnerungen aus ihrem Kopf abwaschen, als sei ihr Körper immer noch schmutzig von der letzten Nacht. Dann schlief sie auf der Couch ein und wurde um 2 Uhr erneut wach. Es war mittlerweile dunkel, und Jennys Körper begann unweigerlich zu zittern.
In ihr stieg plötzlich Angst auf. Angst vor der Dunkelheit, als sie sich langsam zum Lichtschalter vortastete. Das warme Licht der Deckenleuchte in ihrem Wohnzimmer verjagte die Angst nur wenig, denn die Fenster nach draussen gähnten sie schwarz an. Ihr Herz schlug schneller, und sie hatte die ganze Zeit das Gefühl, dass sie jemand durch jedes Fenster ihrer Wohnung beobachtete.
Sie schaltete den Fernseher an, und versuchte dadurch ihre Angst ein wenig zu verjagen, doch es half nichts. Sie saß nicht still, ihr Zittern ging durch den ganzen Körper und sie hockte irgendwann wieder zusammengekauert auf der Couch, als würde sich die Polizistin vor irgendjemandem verstecken. Jenny hielt es einfach nicht mehr aus, diese unsichtbare Angst hatte sie fest im Griff.
Jenny griff zum Handy und wählte eine Nummer. Der Freizeichenton wich dem Klingeln, sie spürte, dass sie ihre Hand am Ohr nicht ruhig halten konnte, und dass ihr Herz fest und schnell gegen ihre Brust schlug. "Ja...", klang eine verschlafene, monoton klingende Stimme auf der anderen Seite, und Jenny stiegen sofort Tränen in die Augen, als sie diese so vertraute Stimme hörte. "Kevin.... bist... bist du wach?" Der Mann am anderen Ende hörte sofort aus diesen vier Wörtern, dass mit der Frau, die gestern abend bei ihm war, etwas nicht in Ordnung ist. "Jenny? Ist alles okay?" Ein lautes Schluchzen klang durch den Hörer und Kevin zog es den Magen zusammen. Was war passiert? Warum weinte sie. Ihre Stimme zitterte: "Kannst... kannst du vielleicht... vielleicht zu mir kommen. Ich... ich halte es hier nicht alleine aus."
Kevin antwortete instinktiv. Natürlich hätte er gerne sofort gewusst, was mit Jenny los war, aber er spürte, dass sie jetzt vor allem eins brauchte... jemanden bei ihr in der Wohnung. Er spürte die Angst durch die Leitung kriechen, und er wusste, dass Jenny mit einem Gespräch jetzt erstmal nicht geholfen war. "Ich bin in 10 Minuten bei dir.", versprach er und war schon in Bewegung, um sich anzuziehen.
Der ehemalige Polizist hielt Wort. Gerade mal 9 Minuten später war Kevin durch die leeren Straßen geheizt und klingelte an der Tür von Jennys Wohnung. Über die Sprechanlage kam ein ängstliches "Wer ist da?", und die Polizistin erkannte sofort Kevins Stimme und ließ ihn hinein. An der Wohnungstür wartete ein zitterndes, tränenüberströmtes Nervenbündel auf den jungen Polizisten. Jenny schien sich am Türrahmen fest zu klammern, als würde sie ohne ihn umfallen. Kevin blickte erschrocken, beinahe fassungslos auf die blasse Frau, die gestern abend bei ihm noch so viel Selbstsicherheit gezeigt hatte, als sie ohne Mühe seinen Schutzwall durchbrochen hatte und tief in seine Seele stieß.
Jenny ließ ihren Kollegen in die Wohnung und schloß leise die Tür, in ihr regte sich Unbehagen. Sie würde doch nicht wieder einen Fehler begehen? Nein, sie vertraute Kevin. Sie vertraute ihm so sehr, und sie konnte nicht mal sagen, warum genau sie ihm vertraute. Es war eine Verbindung, die zwischen ihm und Jenny bestand, die sie vertrauen ließ. Sie blieb mit dem Rücken an der Tür stehen und die beiden sahen sich kurz an. "Was ist passiert?", fragte der suspendierte Polizist und konnte das Zittern an ihrem kompletten Körper sehen, wie Jenny gegen die Tränen anzukämpfen versuchte und dabei kläglich scheiterte. Nicht nur das, sie ließ ihren Gefühlen nach dem heutigen Tag endlich freien Lauf und begann hemmungslos zu schluchzen, als sie den jungen Mann erschöpft ansah und sich immer noch am Türrahmen festhielt. Sie versuchte etwas zu sagen, doch ihr Kopf funktionierte nicht richtig, sie wollte Kevin umarmen, doch stattdessen schien ihr Körper zurück zu weichen, als der junge Mann einen kleinen Schritt auf sie zuging. "Jenny...", sagte er leise und nahm sanft ihre Hand, was die bessere Variante war, ohne sie durch eine Umarmung einzuengen. "Du hast gesagt, dass du da bist und mir deine Wärme gibst.", erinnerte er sie an gestern. "Jetzt bin ich da... was ist passiert?" Er spürte, dass Jennys Hand eiskalt, und trotzdem feucht war, und wie sehr die Muskeln und Nerven in ihrem ganzen Körper vibrierten als Tränenbäche ihre Wangen herunterliefen, und sie endlich Worte aus sich herausbekam. "Er... er... hat mich... er hat mich vergewaltigt." Danach konnte sie sich endlich überwinden und fiel quasi mit dem Kopf gegen Kevins Brust. Der wiederrum hatte das Gefühl, als würde sein Herz einen Moment aussetzen, und er war unfähig, den Arm um seine schluchzende Kollegin zu legen.