Jenny's Wohnung - 21:00 Uhr
Der Alltag lief an Jenny vorbei, wie die Landschaft wenn man selbst in einem Schnellzug saß. Sie hatte all ihre Empfänger für Gefühle abgeschaltet, sie leistete Dienst nach Vorschrift, sprach wenig und versuchte sich mit soviel Arbeit wie möglich abzulenken. Sie übernahm jede Streife, abwechselnd mit Dieter und Hotte, sie bot sich an jeden noch anzufallenden Bericht oder Waffennachweis zu schreiben. Ihre Streifenkollegen wunderten sich... sie war zwar immer fleißig, doch nie so arbeitssüchtig, ausserdem sonst immer fröhlich und offen. Anna Engelhardt beobachtete Jenny genau und wollte einschreiten, wenn es ihr zuviel wurde. Sie hatte eigenmächtig dafür gesorgt, dass die Lageberichte über die Festnahme von Kevin nicht im Verteiler der Autobahnpolizei gelandet war, erklärte, dass sie sich selbst um das Problem kümmern würde und ließ ihre Mannschaft im Glauben, es handele sich um ein technisches Problem. Am nächsten Tag würde der Lagebericht wieder ganz normal kommen, eine Nachlieferung des alten gäbe es nicht, es sei eh nichts wichtiges für die Autobahnpolizei dabei gewesen.
Mehrmals am Tag hatte Jenny das Bedürfnis Kevin anzurufen. Es nagte an ihr, dass er unter Verdacht geraten war, ihren Vergewaltiger getötet zu haben, aber gleichzeitig kamen auch immer die Zweifel, ob diese Geschichte nicht vielleicht doch wahr war. In Verbindung dessen, was Ben damals über Kevins Blackout auf dem Dach der Fabrik erzählt hatte, und der Beachtung dessen, was Kevin mit seiner Schwester erlebt hatte... konnte es vielleicht wirklich stimmen, dass ihm die Sicherung durchgebrannt waren? Dass er diesem Schneider einen gezielten Schlag versetzt hat, dass dieser starb? War es ein Unfall? Die Gedanken frassen an Jenny und verhinderte, dass sie seine Nummer wählte.
Abends kam sie nach Hause, war müde und erschöpft. Andrea fuhr sie in den letzten Tag nach Hause und kam sie morgens abholen, die Ehefrau von Semir ließ das junge Mädchen nicht gerne allein, wollte immer mal einen Blick in ihre Wohnung werfen, damit sie sich nicht gehen ließ. Aber da brauchte sie keine Angst haben, Jenny überspielte ihren Kummer mit Arbeitswut um keine Zeit zum Nachdenken zu haben. Sie räumte die Wohnung auf, sie machte einen verspäteten Frühjahrsputz, die Wohnung blitzte und blinkte. Heute aber hatte sie nichts zu tun, sie badete und wickelte sich im Schlafanzug in eine Decke, obwohl es draussen noch sehr mild war. Im Fernsehen lief nichts anständies, sie zappte ziellos durch die Kanäle ohne wirklich irgendwo hängen zu bleiben, sie blickte dauernd auf ihr Handy neben ihr, als würde sie es hypnotisieren, endlich zu klingeln.
Irgendwann hatte sie genug. Sie wollte endlich wissen, was Kevin zu der Sache sagte, sie wollte seine Stimme hören. Ausserdem fand sie es komisch, dass auch er sich von sich aus nicht meldete... vielleicht aus Schuldgefühlen? War er auf der Flucht? Das Freizeichen kam Jenny lauter vor als sonst, und auch die Nummer schien auf einmal doppelt soviele Ziffern zu haben. Nur wenige Sekunden später ließ sie den Hörer enttäuscht sinken... Mailbox. Das Handy war ausgeschaltet, es lag schon mehrere Stunden in einem Schließfach der JVA.
Einen Moment konzentrierte sich die junge Beamtin wieder auf das Fernsehprogramm, bis sie aufstand und das Telefonbuch nahm. Sie suchte nach Kevins Name und war erleichtert, als sie ihn fand und nebenan bereits die neue Adresse von Kalle, und damit auch die aktuelle Nummer. Sie fuhr sich mit der Zunge kurz unsicher über die Lippen und wählte dann mit zitternden Fingern die Nummer. Hier klingelte es diesmal, und es dauerte nur kurze Zeit bis jemand abhob. "Hallo?", hörte sie eine etwas eigenartige Stimme, eine Mischung aus Männer- und Frauenstimme... das war sicherlich Kalle. "Ähm... guten Abend. Entschuldigen sie die Störung... ich... ich wollte mit Kevin sprechen.", sagte Jenny unsicher. "Wer spricht denn da?", fragte Kalle mit ihrer, manchmal etwas herrischen Stimme nach, bevor sie an falsche Leute irgendeine Auskunft gibt, auch wenn sie Kevins Inhaftierung nicht wie ein Staatsgeheimnis behütete. "Hier ist... hier ist Jenny. Ich bin eine Koll... ich bin eine Freundin von ihm.", meinte sie, immer noch ein wenig unsicher.
Jennys Stimme schien Kalles Herz zu erwärmen, ausserdem hatte Kevin mal Jennys Namen bei Kalle erwähnt. "Ich kann dir leider nicht helfen, Schätzchen.", sagte Kalle fürsorglich. "Aber hast du es denn nicht gewusst, wenn du eine Kollegin von ihm bist?" Jenny spürte, wie sich ihr Herz kurz zusammenkrampfte. Gewusst? Was gewusst??? Sie traute sich beinahe nicht, und ihre Stimme zitterte, als sie genauer nachfragte. Die Antwort schien ihr die Beine schwach werden zu lassen und sie war froh, dass sie bereits auf der Couch saß. "Kevin ist im Gefängnis."
Dienststelle - 8:00 Uhr
Ben war ausnahmsweise sogar pünktlich, hatte Kaffee aufgesetzt und bereits Frühstück gekauft. Obwohl er sich viele Gedanken machte, hatte er relativ gut geschlafen und er war gespannt, was er und Semir heute unternehmen würden, um weiter Licht ins Dunkel bringen zu können. Er hatte bereits eine Idee, doch er befürchtete, dass Semir dies ablehnen würde. Also musste der erstmal milde gestimmt werden, und das schaffte man am besten, wenn ein Schoko-Crossaint auf seinem Teller und eine dampfende Tasse Kaffee daneben stand. Der kleine Kommissar begann sich auch gleich über sein Frühstück her zu machen. "Womit habe ich denn das verdient?", grunzte er zufrieden, während des Kauens.
Doch bevor Ben seine Gedanken an Semir bringen konnte, wurde ihr Frühstück unterbrochen. Die Tür flog auf, knallte wieder zu und Jenny stand in ihrem Büro, schnell atmend weil sie mit schnellen Schritten durch das Großraumbüro gegangen war. Ihre Erregung hatte sie bei Andrea im Auto, die später kam als Semir, noch zurückgehalten, doch jetzt musste es raus. "Warum habt ihr mir nichts gesagt?", fragte sie mit zittriger erregter Stimme in zwar normaler Lautstärke, man spürte aber dass sie diese nur schwerlich regulieren konnte. Ben und Semir schauten beide etwas ratlos, doch im Innersten wussten sie, worauf Jenny anspielte... sie hatte erfahren, dass Kevin im Gefängnis saß, etwas was die beiden vor ihr, gemeinsam mit der Chefin, verheimlicht hatten. "Was genau...", wollte Ben gerade vorsichtig fragen, als Jenny plötzlich lauter wurde... sie rief, nein sie stieß es beinahe aus, ihre Augen füllten sich mit Tränen und sie ging zwei Schritte auf den Stuhl von Ben zu, als würde sie ihn angreifen wollen. "WARUM habt ihr mir nicht gesagt, dass er verhaftet wurde??"
Jenny konnte ihre Gefühle nicht mehr kontrollieren, und aus ihren Augen begannen Sturzbäche zu laufen... etwas, womit sie bereits die ganze Nacht verbracht hatte. Sie hatte unentwegt in ihr Kissen geweint, erst gegen Morgen in den Schlaf gefunden, vor Kummer um Kevin. Die Frage, ob er nun schuldig war oder nicht beschäftigte sie nicht weiter... sie spürte plötzlich eine Einsamkeit, und dass nun der Halt, denn sie gerade in ihrem Leben gefunden hatte, und den sie jetzt so sehr brauchte, weggebrochen war... vielleicht für die nächsten 25 Jahre.
Ben reagierte besonnen, er schrie nicht zurück, er stand auf und nahm Jenny sofort in den Arm, die nun von der Wut in Verzweiflung fiel und begann bitterlich zu weinen. Semir schein das Crossaint im Hals stecken geblieben zu sein, er sah mit etwas aufgerissenen Augen herüber zu Ben, der Jenny nun festhielt und ihr sanft über die Haare strich. "Er hat mir versprochen, dass er mich nicht alleine lässt.", stotterte sie zwischen Schniefen und Schluchzen, und ließ den beiden Kommissaren das Herz schmerzen, als sie ihre junge Kollegin so verzweifelt sahen. Sie hätten ihr momentan das Blaue vom Himmel versprechen können, es hätte wohl zunächst nichts genutzt... trotzdem sagte Ben, in der Hoffnung sie trösten zu können: "Wir lassen ihn nicht hängen..."