Parkplatz 99Grad - 01:30 Uhr
Harry ging mit sicheren Schritten aus der Tür der Diskothek. Er klatschte mit dem Türsteher, den er offenbar privat kannte, noch ab und bewegte sich dann in Richtung eines dunklen BMWs mit Kölner Kennzeichen ohne ein Anzeichen von Alkohol im Blut. Er trank nie etwas, wenn er aus geschäftlichen Gründen in der Discothek war, denn dann musste er einen klaren Kopf behalten, ansonsten würden seine Kunden ihn vermutlich reihenweise über den Tisch ziehen. Aber so war der Abend gut, der Boss wird zufrieden sein, vor allem weil Harry ohne Probleme einen großen Teil von Marks Kunden mit übernommen hat. Das bedeutete natürlich auch, dass sowohl sein eigener Anteil wuchs, als auch der Umsatz anstieg... also war Harry glücklich und zufrieden, als er mit seinem Wagen den Parkplatz verließ.
Es waren nur wenige Autos zu dieser Zeit unterwegs, doch der Dealer kümmerte sich nicht sehr um seine Umgebung und es fiel ihm nicht auf, dass ein grauer Benz sich direkt nach dem Parkplatz an seine Fersen geheftet hatte. In dem Benz saßen Ben und Jenny, die geduldig, etwas müde aber gespannt im Wagen saßen, im Dunkeln verborgen und darauf warteten, dass der Typ, der ihnen eventuell kleine Hinweise auf Kevins Unschuld gegeben hatte, die Disco verließ und sie zu einer Adresse führte. Jenny rutschte auf dem Beifahrersitz nervös hin und her, bei Observationen war sie bisher erst zweimal dabei... und das zweite Mal war die damalige Verhaftung von Kevin. Sie spürte ihre feuchten Hände, die sie ständig an den Beinen ihrer Jeans abwischte, während Ben cool und ruhig den Mercedes steuerte und dabei immer sicheren Abstand ließ.
Harry bog schließlich in eine Wohngegend ein, die überhaupt nicht zu einem Drogendealer passte. Viele Familien wohnten dort, es war nicht übermäßig teuer, aber man konnte gut dort wohnen. Er hielt vor einem kleinen Einfamilienhaus, wo er seinen Wagen vor einer Garage abstellte und zu Fuß ins Haus hinein ging. Ben blieb an der letzten Biegung stehen, damit er keinen Verdacht auf sich lenkte, doch der kleine Mann drehte sich nicht einmal zu dem grauen Mercedes um, sondern verschwand als bald in der Haustür. "Und jetzt?", fragte Jenny mit leicht nervöser Stimme, sie war immer noch aufgeregt aber sie wollte auch unbedingt etwas unternehmen. Am liebsten wäre es ihr gewesen, Ben hätte den Kerl in die Mangel genommen, der hätte Hinweise ausgespuckt und man hätte Kevin schon morgen früh aus dem Gefängnis holen können... aber so einfach ging es natürlich nicht. Ben notierte sich erstmal die Adresse des Mannes. "Nichts... wir haben seine Adresse, morgen haben wir seinen Namen... und dann schauen wir mal.", meinte Ben ruhig, aber im Inneren wusste er... etwas unternehmen gegen Harry, den Drogendealer, würde er erst, wenn er Semir in diese Sache eingeweiht hatte. Und das würde noch ein kleiner Drahtseilakt werden heute früh.
"Aber wir müssen ihn doch vernehmen... der weiß doch garantiert was...", sagte die junge Frau, die voller Tatendrang... und voller Sorge um ihren jungen Kollegen im Gefängnis... steckte. "Natürlich... aber das können wir nicht jetzt machen. Warte bis morgen früh.", versuchte der Polizist auf dem Fahrersitz seine Kollegin etwas zu beruhigen, startete den Wagen wieder und fuhr rückwärts aus der betreffenden Straße heraus.
Er schaffte es, Jenny soweit zu beruhigen heute nichts mehr zu unternehmen, dass sie beinahe artig nickte, als sie vor ihrer Wohnung ausstieg. "Soll ich noch mit raufkommen?", fragte er fürsorglich, denn er konnte sich vorstellen wie einsam sich die junge Frau momentan fühlte... die Vergewaltigung noch im Hinterkopf... Kevin, den sie offenbar sehr gern hatte im Gefängnis. Sie schien dankbar zu lächeln und nickte, als sie bei Jennys Wohnung ankamen, denn sie spürte, dass sie jetzt nicht alleine sein wollte nach soviel Aufregung...
Dienststelle - 08:30 Uhr
Die Nacht war kurz... kürzer als er eigentlich vor hatte. Und sein Kopf brummte, er schrie, er hämmerte... aber es war kein Kopfschmerz, der Ben quälte. Es war das schlechte Gewissen... mein Gott, wie konnte er nur... wie konnte er sich so gehen lassen, wie konnte er unfähig sein, es zu verhindern was gestern Nacht in Jennys Wohnung passiert war. Er wollte ihr nur zuhören... sie hatte von der Vergewaltigung erzählt, sie hatte bitterlich geweint. Er hatte sie zärtlich in den Arm genommen, er hatte ihr die Schulter angeboten die ihr momentan so sehr fehlte. Der junge Polizist fragte sich, ob er diese Situation ausgenutzt hatte... aber Jenny hatte ihn doch geküsst. Jenny hatte doch gesagt, dass es gut tat, dass er da ist.
Seine Hände fuhren durch seine Haare, während er im Büro auf Semir wartete. Plötzlich war die Furcht vor der Beichte, dass sie gestern auf eigene Faust in die Disco gegangen sind, um zu ermitteln, gar nicht mehr so groß. Sie war in den Hintergrund gerückt, sie wurde völlig von dem schlechten Gewissen überdeckt. War die Sache zwischen ihr und Kevin überhaupt nicht so groß, so innig. Hätte sich Jenny gestern abend so fallen gelassen bei Ben, wenn die "Beziehung" zu Kevin so ernst gewesen wäre. Doch wichtig war in dem Falle auch, wie Kevin das sah, denn der war immerhin auch Bens Freund. Verdammt, egal in welche Richtung Ben seine Gedanken sponn, sie führten immer wieder zum Ausgangspunkt zurück. Wie in einem großen Labyrinth, in dem er jeden Gang einmal ausprobierte fand er statt des Ausgangs immer wieder ein Schild auf dem stand: "Du Vollidiot."
Er hörte Jenny das Großraumbüro betreten, sie grüßte ein wenig scheu in die Runde, ihr Blick fiel durch die große Glasscheibe in das Büro von Ben und Semir, ihr Blick fiel auf Ben, der aufsah... um dann direkt wieder zu sinken, direkt wieder wegzublicken. Der große Polizist spürte, dass sie sich ebenso mies fühlte, wie er selbst... doch das machte es für ihn nicht besser.
Nein, sie fühlte sich nicht ebenso mies... sie fühlte sich noch mieser. Dem im Gegensatz zu Ben wusste Jenny, wie es um ihre Gefühle zu Kevin stand. Sie konnte nicht beschreiben, wie schwer ihre Gedanken auf ihr lasteten, als ihr gegen Morgengrauen bewusst wurde, was passiert war, als sie zusammen mit Ben in ihrem Bett erwacht war. Zu was sie die Einsamkeit, die Hilflosigkeit getrieben hatte. Ben war so lieb zu ihr, so fürsorglich als er noch mit ihr nach oben gekommen war, obwohl es schon spät war. Sie vertraute ihm so sehr, sie erzählte ihm von der Vergewaltigung... er hatte sie in den Arm genommen, sie konnte sich anlehnen, sich fallen lassen, sich geborgen fühlen. Sie dachte nicht daran, dass sie sich Kevin herbeisehnte... sie dachte nur daran, warum sie ihn sich herbeisehnte, eben um nicht alleine zu sein. Jetzt war Ben da, er füllte diese Rolle aus, er war für sie da und er hörte zu.
Jenny war ihrem Kollegen so dankbar, dafür dass er der starke Fels war, an den sie sich klammerte. Sie berührten sich, sie streichelten sich, sie küssten sich... anders als der Kuss mit Kevin, als sie damals die starke Schulter war, an der Kevin sich fest zu halten versuchte, war sie es die sich in Bens Arme fallen ließ.
Sie konnte es sich nicht erklären... sie hatten beide nur ein Glas Wein getrunken, sie waren vollkommen nüchtern, sie wussten beide, was sie taten... und trotzdem hatte es keiner gestoppt, keiner unterbrochen. Sie lag wach, als Ben langsam aufstand, sie konnte sein Murmeln hören, als er über sich selbst fluchte... und mit einem leisen: "Ich muss gehen.", die Wohnung verließ. Und Jenny dachte an Kevin, der ihm Gefängnis saß, weil er ihr Beschützer sein wollte... und sie wurde von Weinkrämpfen erfasst...
Ben schreckte hoch, als Semir in das Büro eintrat. "Morgen.", sagte er laut und warf eine Tüte mit Schokocrossaints zu Ben rüber. "Oha... das Gesicht hat nicht viel Schlaf bekommen?", stellte er grinsend fest und sah nicht, wie seinem Freund ein Klos im Hals wuchs, der nicht unter zu schlucken war. "Ja... war etwas spät gestern.", murmelte er und öffnete die Tüte des Bäckers, obwohl er keinerlei Hunger verspürte. Semir bemerkte sofort, dass Ben anders war als sonst... auf kecke Sprüche wusste er normalerweise immer eine kecke Antwort, auch wenn er derjenige war, der aussah wie eine wandelnde Leiche. "Wo gabs denn eine Party, auf die ich nicht eingeladen war?", fragte er und schaltete seinen PC ein. Ben war nicht untätig gewesen, er hatte bereits die Akte von Harald Sczkewski vorbereitet mit allen Vorstrafen... seine Taktik war, Semir gar nicht direkt von dem Disco-Besuch zu erzählen, sondern erstmal, was er rausgefunden hatte. Er hoffte, es würde seinen Freund erstmal positiv stimmen, bevor er erfuhr, WIE die Informationen zustande gekommen sind. Die Akte flog nun über den Computer-Monitor auf Semirs Platz. "Ist das die Einladung?", fragte der, ohne die Akte auch nur zu begutachten... er merkte, dass Ben sich nicht besonders wohl fühlte. "Guck doch erst mal rein.", meinte der mit leicht genervter Stimme und rieb sich durch die Augen.
Semir nahm die Akte, und blätterte. Harry hatte bereits eine ordentliche Vorstrafen-Liste, vor allem als Jugendlicher. Einbruch, Drogenhandel, Körperverletzung, bereits 4 Jahre Jugendknast, 2 Jahre JVA. "Wer ist das?", fragte der erfahrene Autobahnpolizist dann doch mit Interesse. "Genannt wird er Harry, verkauft im 99Grad Drogen und hat scheinbar den Teil von Mark Schneider übernommen." Semirs Augen wanderten von der Akte nach oben zu seinem Gegenüber, seine Miene gefror ein wenig, doch Ben setzte nach, bevor Semir Worte fand. "Ausserdem schien er nicht traurig oder geschockt über den Tod seines Drogendealer-Kollegen." Die beiden Männer schauten sich an... Semir mit einer Mischung aus Ärger über Bens Alleingang, der aber noch abwartend war... als wolle er, dass Ben von sich aus sich entschuldigte. Ben dagegen schaute erwartungsvoll, dass Semir sagte "Gut gemacht, Ben.".
Semir lehnte sich langsam zurück. "Du bist Drogen kaufen gegangen? In die Disco?" Sein Partner zuckte kurz mit den Schultern. "Du hast ja gesagt, wenn wir beide gehen wäre es zu auffällig." "Und du meinst, wenn du alleine gehst, wäre es nicht auffällig?", polterte sein Freund jetzt etwas lauter. Ben spürte sofort Wärme, ungute Hitze in sich aufsteigen, als er kurz nach draussen ins Großraumbüro blickte, auf seine junge Kollegin. "Deswegen... habe ich Jenny mitgenommen." Semir fiel die Kinnlade runter... er war erbost über Bens Alleingang, das Misstrauen missfiel ihm... auf der anderen Seite war er beeindruckt, dass die beiden das alleine durchgezogen haben. Seine Miene war ernst, er kniff die Lippen zusammen und klappte die Akte zu, beugte sich nach vorne auf den Tisch, wie bei einem Verhör wenn er den Verdächtigen versuchte einzuschüchtern... Ben erwartete nun die Standpauke seines Lebens. Die Stimme Semirs ließ dies auch vermuten, doch der Inhalt war ein anderer: "Dann erzähl mir mal genau, inwiefern sich dieser Harry über Schneider geäussert hat..."