JVA - 22:00 Uhr
Kevin hatte Philipp fast den ganzen Tag nicht gesehen... und wenn er ihn mal ausnahmsweise in der Zelle erblickte, dann versteckte sich der kleine Kerl hinter einem Buch, das er las. "Warst du heute mal ein bisschen raus?", fragte der Polizist, der sich freute dass Philipp im Wissen, dass er ein wenig von der Drogengang geschützt wurde, sich mal etwas zutraute. Doch ausser einem gemurmelten "Hmm..." kam ihm am heutigen Tag nicht viel über die Lippen, und als die Zellen geschlossen wurden, lag der Bankräuber bereits im Bett. Natürlich wunderte sich Kevin, warum der sonst so fröhliche und redseelige Philipp an diesem Tag so seltsam schweigsam war, aber wirklich nachfragen tat er nicht... viel zu sehr machte er sich seine Gedanken um den Boxkampf morgen früh, und um was, über was er sich mit Jerry unterhalten hatte.
Jerry ans Messer zu liefern würde ihm schwer fallen. Doch er hatte erkannt, dass er ein Leben auf der Flucht, als Drogendealer selbst nicht mehr wollte, und sein einziger Ausweg, dort nicht nochmal zu landen, war der Polizeidienst. Hätte er den nicht, würde er sicher wieder abstürzen und er hoffte wirklich, dass Bienert sein optimistisches Versprechen hielt. Dafür würde er alles geben... ein wenig leichter fiel es ihm sicherlich als Jerry sagte, dass er gar nicht mehr unbedingt aus dem Knast rauswollen würde.
JVA/Sporthalle - 10:00 Uhr
Es hatte sich schon am Abend rumgesprochen, dass die Gang um Hendrik mal wieder einen Showkampf arrangiert hatte. Viele Gefangene kamen zur Sporthalle, für die Gruppe immer eine willkommene Gelegenheit ein bisschen Werbung für ihre "Produkte" zu machen. Auch die Wärter, die normalerweise aufpassten, ließen die Gefangenen alleine bei solchen Gelegenheiten, was Kevin ein wenig mit Sorge betrachtete, jedoch zu Jerry, der ihn sich warmschlagen ließ, nichts sagte. Jerry war, genau wie Philipp am Vortag, seltsam still, er verzichtete auf seine Gags und war ungewohnt sachlich. Er gab seinem Schützling lediglich einige Anweisungen, und deutete nochmal auf Yaneks Schwächen hin. "Sei schnell auf den Beinen. Du darfst dich einfach nicht erwischen lassen." Und ein Satz ließ Kevin auf Verwunderung stoßen: "Sorg am besten für einen schnellen KO." "Was ist los? Früher hast du mir immer gepredigt, ich solle mir Zeit nehmen für einen Kampf, und nichts erzwingen." Jerry biss sich auf die Lippen, natürlich hatte er das immer gesagt. Und er war auch noch heute der Meinung, dass man in einem Boxkampf nicht mit dem Kopf durch die Wand sollte, und versuchen sollte, seinen Gegner erst einmal zu studieren, Schwachstellen erkennen und seine Box-Strategie darauf auszulegen. Doch heute hatte Kevin keine Zeit. Wenn er länger als 3 oder 4 Runden durchhalten würde, wäre Jerry gezwungen ihm das Mittel in die Wasserflasche zu kippen, die er für Kevin dabei hatte. Zwei oder drei Runden später müsse er mit ansehen, wie sein Freund unter Schmerzen zusammenbrechen würde, sein Herzschlag in ungeahnte Höhen schiessen, bis das Pumporgan schließlich kollabierte. Das kleine Glasröhrchen hatte er in seiner Hosentasche. "Ja, das war früher. Aber je schneller du Yanek umhaust, desto weniger Schaden kann er anrichten." "Danke für das Vertrauen.", brummte der Polizist.
Als die Uhr, die in dem Sportraum hing, halb elf anzeigte, gingen Kevin und Yanek in den Ring. Vorher zog sich der Polizist sein Shirt über den Kopf, nachdem er sich von Jerry den Mundschutz hat einsetzen lassen. "Was ist mit Ringrichter?", fragte Kevin noch, denn er bemerkte, dass eben jener fehlte. "Haben wir nicht, brauchen wir nicht.", war Jerrys knappe Antwort, und dessen Distanziertheit verwirrte den Polizisten. Als dieser zur Mitte ging, sah Jerry auf Kevins nackten Rücken, und ihn befiel eine starre Gänsehaut, während sein Blick gebannt und sein Mund halboffen stand. Nicht die beiden Stichnarben waren es, die den Drogendealer fesselten, sondern das lächelnde Konterfrei von Janine, das ihn anblickte und Erinnerungen auslöste. Gott, was musste Kevin seine Schwester geliebt haben, und dem Mann kam es plötzlich so verständnisvoll vor, dass der Junge damals alles stehen und liegen ließ, und versuchte vor seinem alten Leben davon zu laufen. Seine Fingernägel gruben sich in die Ringnetze, an denen er sich festhielt, als er versuchte sich nun auf den Kampf zu konzentrieren, als sich Yanek und Kevin kurz die Boxhandschuhe aneinander schlugen und Hendrik ein lautes "Los", rief und die Stoppuhr betätigte.
Yanek spürte gleich, dass er es hier nicht mit Fallobst zu tun hatte, denn die Stimme von Hendrik war gerade verklungen als Kevin den Vorwärtsgang fehlte und sofort zweimal mit Rechts zuschlug. Doch der kräftig gebaute Mann konnte einstecken, und schlug zurück ohne zu treffen. Jerrys Augen flitzten durch den Ring, er fühlte sich sofort in einer Coaching-Rolle und rief in das Gegröhle der anderen Gefangenen immer wieder Anweisungen.
Kevin konzentrierte sich darauf, Yanek zu analysieren, er ließ die Deckung oben und Yaneks wuchtige Schläge knallten gegen seine Fäuste. Mehrmals waren sie so heftig, dass Kevins Deckung sein Gesicht traf, und er mehrmals rückwärts gehen musste. Der Hüne war nicht flink auf den Beinen, und so konnte der Polizist mehrmals ausweichen und einen Konter landen, doch er hielt sich noch sehr zurück. Jerry gab ihm nach drei Minuten zu trinken, und redete auf seinen Schützling ein. "Du musst aggressiver boxen! Schlag doc mal ordentlich zu, so wankt der keinen Millimeter." Wieder war der Polizist etwas verwirrt, Jerry war früher immer ruhig und sachlich, nun war er hektisch und laut. Scheinbar wollte er sich selbst beweisen, dass er es noch kann und vor Hendrik triumphieren, nachdem er Kevin als Boxtalent beworben hatte. Die zweite Runde kam und ging, es wurden Schläge ausgetauscht ohne dass einer der Boxer richtig wollte. Kevin hatte Angst vor Konditionsproblemen, landete nur wenige Treffer und musste kurz vor dem Ende einen Haken einstecken, der einen sichtbaren blauen Fleck am Wangenknochen hinterließ.
In der Pause zur vierten Runde packte Jerry Kevin am Nacken. "Du musst jetzt was machen. Du musst ihn jetzt auf die Bretter schicken." Hendrik hatte ihm von gegenüber eindeutige Zeichen gegeben während Kevin sich aufs Boxen konzentrierte. Der Junge ist zu schnell, auf Yanek wollte er sich nicht verlassen... gib ihm gefälligst das Mittel. Jerry biss auf die Zähne, bedachte ihm, noch eine Runde abzuwarten. Er kämpfte mit sich, er wog sein Leben gegen das von Kevin. "Was hast du es so eilig? Der pumpt doch schon. Noch zwei Runden, und ich hab leichtes Spiel mit ihm.", keuchte Kevin und trank einen Schluck. Was sollte Jerry ihm entgegen setzen? Mit was sollte er begründen, dass er sich gefälligst beeilen soll. Er wusste es nicht, und nickte resignierend. Doch Kevin wollte seinem Trainer folgen, boxte schneller und aggressiver. Als er einen Moment von Yaneks Unachtsamkeit nutzte, konnte er zwei schnelle Treffer setzen, die Yaneks Lippe aufplatzen ließen und ihn in die Seile taumeln ließen, doch Kevin boxte im Geiste mit einem Ringrichter, der jetzt dazwischen gegangen wäre, und ging zurück. "WAS MACHST DU DENN?", rief Jerry noch, der bereits den nahenden KO von Yanek sah, und mit ansehen musste, wie der wieder weiterboxte. Wieder der Blick von Hendrik, wieder das eindeutige Kopfnicken. Jerry schloß die Augen... er litt... und griff in seine Hosentasche, um das Röhrchen zu ertasten. Noch während Kevin boxte, und sich voll darauf konzentrierte den, nun wütenden Schlägen von Yanek auszuweichen, kippte er den Inhalt des Röhrchens in die Wasserflasche... gut sichtbar für Hendrik, der zufrieden nickte und daraufhin einen vernichtenden Blick von Jerry erntete.
Kevin kam zu seinem Trainer in die Ecke, der ihm die Wasserflasche an den Hals hielt und Kevin das kühle Wasser die Kehle hinunterfließen ließ... "Trink, mein Junge. Die Runde war gut... jetzt hast du ihn gleich soweit." Dabei strich er ihm beinahe zärtlich über Janines Tattoo...