JVA - 17:30 Uhr
Es ging vieles drunter und drüber in der Justizvollzugsanstalt in Köln, nachdem dort der Drogenring endgültig aufgeflogen war. Zunächst kamen zwei Rettungssanitäter in den Gemeinschaftsraum, die sich um den verletzten Hendrik kümmerten, dessen Schusswunde letztlich aber eine ungefährliche Fleischwunde waren. Ben hatte bei seinem Rettungsschuss keine wichtigen Sehnen oder Muskeln erwischt. Bienert wurde über Funk angerufen, mit einigen Drogenspürhunden und Verstärkung anzurücken, während zwei Wärter noch verhaftet wurden, die sich gerade versucht hatten, mit Bargeld aus dem Staub zu machen.
Kevin setzte sich zu Philipp auf die Holzbank am Tisch, und legte seinen Arm um die schmalen Schultern. Der kleine Kerl hatte die Beine an den Leib gezogen und zitterte wie Espenlaub, nach dieser fuchtbaren Erfahrung, das Messer am Hals und die Pistole am Kopf zu spüren. Nein, sowas wollte er nie wieder erleben, er wollte doch nur überleben hier im Knast um in zwei Monaten heim zu können, zu seiner Frau und seinem Kind, das dann sicherlich schon auf der Welt war. Kevin versuchte ihm beruhigend zu zu reden, das alles okay wäre, dass nun alle verhaftet wären, doch der kleine Philipp dachte schon weiter. Er war immer noch im Glauben, Kevin wäre ein Undercover-Polizist und käme nun aus dem Knast heraus, damit wäre niemand mehr da, der ihn schützen könnte. Er konnte gar nicht sagen, ob das ihm gerade mehr Angst einjagte, als das Erlebnis mit Hendrik, oder nicht...
Semir fühlte sich etwas unbehaglich, als er zusammen mit Kevin und Ben zu Thomas Stern ging, um sich für die Hilfe zu bedanken. Vor allem Kevin umarmte den kräftigen Mann, der ihn vor Monaten noch als Geisel genommen hatte, was nicht nur auf Ben und Semir einen grotesken Eindruck machte. "Das war als Dankeschön, dass ich meine Schwester sehen darf.", sagte er, denn es bedeutete ihm genauso viel wie seiner Schwester, dass sich die beiden nun regelmäßig sehen konnten, und miteinander reden durften. "Bedank dich dafür bei Ben.", sagte Kevin wahrheitsgemäß und Thomas schüttelte dem Polizisten lächelnd die Hand. "Danke, dass sie Kevin geholfen haben.", sagte Semir und auch er schüttelte dem Mann die Hand, dessen Bruder er in einem finalen Rettungsschuss erschossen hatte. Thomas war damals bereits weitsichtig genug, keinerlei Rachegefühle zu hegen, er dachte damals rational, zwang sich dazu, und verschob seine Alpträume auf die Nacht. So hatte er auch weniger ein Problem damit, Semir die Hand zu geben, als der Polizist selbst. Bevor sie die JVA verließen, nahm Kevin Thomas nochmal beiseite, und nickte in Richtung Philipp: "Pass auf den Jungen auf. Er hat hier drin niemanden, der ihm hilft, okay?" Thomas versprach es, und das gleiche sagte der Polizist dann auch noch zu Jerry.
Für die Kölner Polizei wurde es eine organisatorische Herkulesaufgabe. Alle Gefangenen, die in der Drogensache mit drin hingen, wurden auf verschiedene Gefängnisse in ganz Nordrhein-Westfalen, Niedersachsen, Hessen und Rheinland-Pfalz verteilt. Niemand sollte Kontakt mit einem Mittäter haben, einzig Jerry blieb in der JVA, als sicher war, dass er in keinster Weise mehr in Gefahr war. In einem stundenlangen Verhör mit Thomas Bienert packte Kevins Freund aus über die Machenschaften hinter Gitter, sagte gegen die Wärter aus, die sich bestechen ließen und mit verdienten. Er belastete vor allem Hendrik, seinen Freund der ihn umbringen lassen wollte, schwer.
Auch Kevin steuerte mit seinen Aussagen Beweise dazu, die reichen würden dass alle Mittäter einige Jahre mehr hinter Gitter verschwinden würden, und Bienert lieferte er auch viele Hinweise auf die Drogengang ausserhalb der JVA-Mauern. "Zur ganz großen Razzia reicht es zwar noch nicht...", sagte der erfahrene Drogenermittler zufrieden. "... aber Schawasky wird nervös werden, jetzt wo die große Schnittstelle zur Polizei weg ist, und die Hälfte seiner Einnahmen wegfallen." Kevin nickte zufrieden, er hatte das Bein quer über das andere gelegt und die Hände im Schoß gefaltet.
Vor dem Verhörraum wartete auf Kevin noch eine Überraschung, auf einem der Besucherstühle saß die dickliche Erscheinung von Erwin Plotz. Er hatte zeitweise im Nebenraum mitgehört, und erhob sich nun schnaufend, als Kevin ihn erblickte. Die beiden Männer traten sich gegenüber, und Kevin provozierte durch sein Schweigen, aber seinen Blick einige Worte von Plotz. "Tja... hmm.", murmelte der, als er sich die rechten Worte parat legte. "Scheinbar habe ich eine Begabung dafür, an kriminelle Kollegen zu geraten... ähm...". Er merkte sofort, dass dies nicht der passende Vergleich war, als er auf Kevins Vergangenheit anspielte, und der Betreffende legte den Kopf etwas schief, als höre er nicht recht. Hinter ihm fasste sich Bienert grinsend an die Stirn und schüttelte den Kopf. "Jedenfalls... wollte ich... ähm, sagen dass es... ein Fehler war von uns. Nichts für ungut.", sagte der Mordermittler und streckte Kevin seine Hand hin, ohne ein klare Entschuldigung über die Lippen zu bringen. Für einen Moment blickten sich die so ungleichen Polizisten, die mal Partner waren, einander an, Plotz mit der ausgestreckten Hand in Richtung des jungen Polizisten, bis dieser mit seiner monotonen Tonlage in der Stimme wiederholte: "Nichts für ungut...", und an Plotz vorbeiging, ohne die ausgestreckte Hand zu ergreifen. So leicht konnte der junge Mann nicht verzeihen, hier baute er sich seinen Selbstschutz aus Arroganz wieder auf und er verweigerte dem Kollegen, der ihn oft gemobbt und unschuldig hinter Gitter gebracht hatte, den Handschlag. Bienert folgte ihm zum Fenster, wo sich Kevin eine Zigarette anzündete, während Plotz resignierend nickte und es seinem Ex-Partner nicht mal verübeln konnte, dass der so reagierte. Er blickte sich noch einmal kurz um und watschelte dann in Richtung Ausgang.
"Ich habe gehört...", murmelte Bienert leise durch den Zigarettenrauch, der Kevin umgab, "... er hätte das Beweisstück der Hautpartikel in deiner Hand dezent unter den Tisch fallen lassen. Er will die Prügel komplett Kühne anhängen. Dafür hättest du ihm wenigstens die Hand reichen können." Kevin blickte etwas gedankenverloren durch das weit geöffnete Fenster auf die Kölner Innenstadt, auf die Freiheit, die er momentan schmerzlich vermisste. "Wenn du wüsstest, was er in unserer gemeinsamen Zeit so alles getan hat... glaub mir, du würdest ihm auch nicht die Hand schütteln.", sagte er, ohne Bienert anzublicken. Der nickte nur und stellte keine weiteren Fragen.
Zurück im Büro der beiden hatte Kevin allerdings noch ein Anliegen. "Du musst noch etwas für mich tun, Thomas." Der hob gleich beide Hände nach oben: "Ich habe mir schon ausreichend Argumente zurecht gelegt, um die Innere davon zu überzeugen, dass deine Suspendierung aufgehoben wird. Glaub mir, das ist nur noch...", doch er wurde von Kevins energischem Kopfschütteln unterbrochen. "Nein, nein... das meine ich nicht. Du musst noch etwas für zwei Gefangene tun." Thomas blickte erstaunt auf: "Also Jerry geht aus der Sache strafrei raus, als Kronzeuge... wen meinst du denn noch?" Der junge Polizist lehnte sich an einen kleinen Schrank in Bienerts Büro. "Thomas Stern und der kleine Philipp. Thomas hat mir da drin echt den Arsch gerettet..." Bienert blickte etwas hilflos: "Kevin... Thomas ist verurteilt wegen Todschlags, Menschenraub und räuberischer Erpressung... also, ich weiß echt nicht..." Ohne wirklich auf die Einwände einzugehen, fuhr Kevin fort: "Und Philipp hat im Knast nichts verloren. Der hat doch niemandem etwas getan." Der Drogenfahnder wog den Kopf hin und her. "Ich kann nichts versprechen, aber ich werde bei dem Oberstaatsanwalt nochmal vorsprechen." "Danke, Thomas.", meinte Kevin ehrlich und die beiden Männer schüttelten sich die Hände. "Hättest du keine Lust nach deiner Rehabilitation bei uns in die Abteilung zu kommen? Wir bräuchten solche Typen wie dich.", sagte der Abteilungsleiter des Rauschgiftdezernats, doch Kevin schüttelte den Kopf: "Nein danke... von Drogen versuche ich so weit es geht, Abstand zu halten." Dass er das mehr als nur doppeldeutig meinte, konnte Bienert nicht ahnen.
Jetzt war es endlich so weit... natürlich hatte nach den ganzen Festnahmen niemand bei der Staatsanwaltschaft mehr Zweifel daran, dass Kevin zu Unrecht im Gefängnis saß. Noch als sie gemeinsam die JVA verließen um die Verhöre zu führen, bekam er seine persönlichen Sachen ausgehändigt, sein Handy und seine Schlüssel. Beinahe mit Wohlwollen registrierte er nur 3 Anrufe in Abwesenheit, davon war einer von Kalle, einer von Jenny, und einer von seinem Vater, den er sofort löschte. Er genoß es, wenig gefragt zu sein, seine Handynummer hatten nur ganz wenige Menschen.
Jetzt, als er aus dem Gebäude der Kripo trat, an die laue Abendsonne, die gerade unterging, fühlte er sich erstmals wirklich, richtig frei. Er hörte die Autos auf der Straße, die Menschen in der nahen Einkaufspassage, die noch kurz vor Ladenschluß die Geschäfte fluteten, und er blinzelte durch die Strahlen der Abendsonne zu einem braunen Mercedes-Benz, an dem zwei Männer standen... einer klein mit kurzen Haaren, der andere etwas größer mit einem dunklen Wuschelkopf. Semir und Ben warteten auf ihren Freund, auf ihren Kollegen, mit dem sie nun schon das vierte Abenteuer erlebt hatten, und bei dem sie immer noch nicht wussten, wie er im Innersten wirklich tickte, Semir noch weniger als Ben. Und obwohl der sich unglaublich freute, dass er sich die ganze Zeit nicht in Kevin getäuscht hatte, so lag ihm dieses Wiedersehen mehr als schwer im Magen, hinsichtlich seiner gemeinsamen Nacht mit Jenny. Doch er wollte sich davon erstmal nichts anmerken lassen. Es würde bessere Momente geben, mit dem jungen Kollegen darüber zu sprechen. "Willkommen in Freiheit.", meinte Semir beinahe feierlich und die beiden Männer umarmten sich kurz. Es stand nichts zwischen Semir und Kevin, die beiden hatten sich am Ende ihres gemeinsamen Falles sehr gut verstanden und Semir hatte es geschafft, zu Kevin vorzudringen. Ben lächelte etwas schief, aber er überwand sein schlechtes Gefühl und auch er nahm Kevin kurz in die Arme: "Schön, dass du wieder draussen bist.", sagte er und war unendlich erleichtert, dass Kevin der Herzlichkeit nicht auswich. Seinen Fehltritt schien er ihm tatsächlich verziehen zu haben.
"Ich muss mich bei euch bedanken.", sagte Kevin, und blickte die beiden Autobahnpolizisten an. "Dass ihr an mich geglaubt habt... an meine Unschuld." Semir und Ben wollten darauf keine Floskel erwiedern, sie lächelten nur und Semir schlug seinem Kollegen auf die Schulter: "Dafür sind Partner da." Kevin spürte, wie er sich erneut einen Ruck geben wollte, den beiden endlich mehr Vertrauen, mehr Offenheit zu schenken, auch wenn es bei Ben damals schwer enttäuscht wurde. Aber das war Vergangenheit. "Ich hätte mir vermutlich selbst nicht geglaubt...", meinte der Polizist nachdenklich...