Dienststelle - 11:50 Uhr
Ben hatte die Ellbogen auf den Tisch gestützte, um sich mit beiden Händen durch die Haare zu greifen, er schien zu verzweifeln, an dem Mann der ihm gegenüber saß. Die Frage, wo sich Ayda aufhielt, hatte er nun bis zum Erbrechen gestellt, doch in den Antworten Zanges regte sich keinerlei Einsicht, keinerlei Zeichen davon, einzuknicken. Er saß immer noch entspannt, manchmal mit verschränkten Armen, manchmal die Hände auf dem Tisch gefaltet Ben gegenüber und wiederholte seine Forderung, ihm das Lösegeld zu überlassen, damit man Ayda freilassen konnte. Auch versuchte Ben, ihn in ein Gespräch zu verwickeln, nachdem Hotte gerade eben noch Fotos von dem Mann gemacht hatte, und dabei nicht gerade zimperlich umging, als er ihn anherrschte, sich gerade hin zu setzen.
"Was machen sie beruflich?", fragte Ben, nachdem Zange bereits zu seinem Namen geschwiegen hatte. "Das tut nichts zur Sache." oder "Das ist doch gar nicht interessant.", war stets die Antwort des Entführers, ohne dass er dabei in Rage geriet oder die Stimme erhob. "Doch! UNS interessiert es uns.", entgegnete Kevin, der mittlerweile an der hinteren Wand stand, den Fuß gegen die Wand gestemmt hatte und die Arme vor der Brust verschränkt. Er hielt sich im Hintergrund und war lange nicht so nervös, oder wurde langsam immer ungeduldiger wie zum Beispiel Ben am Tisch, der immer wieder hörbar ausatmete, seufzte oder mal etwas lauter wurde. Es war wie verhext, und der Polizist mit den wuscheligen Haaren spürte einen unbändigen Druck auf sich lasten, aus diesem Mann endlich Informationen zu bekommen. "Können wir eine Verhörpause machen?", fragte Zange irgendwann, und die beiden Polizisten sahen sich kurz an. "Eine was?", fragte Ben mit ungläubigen Blick. "Eine Verhörpause. Es ist 12 Uhr mittag, und ich bin hungrig. Laut Gesetz haben sie die Pflicht, wenn sie mich hier festhalten, auch zu verpflegen." Unrecht hatte er nicht, diese Pflicht hatten sie tatsächlich, jedoch fühlten sich die beiden Polizisten in diesem Moment fürchterlich vor den Kopf gestoßen, aufgrund seiner Unverfrorenheit.
Plötzlich gab es einen Knall, als die Tür des Nebenzimmers zukrachte. Kevin blickte auf, sein Blick ging zur Tür und ein innerer Impuls ließ ihn sich von der Wand abstoßen. Fast als hätte er geahnt, welches Unheil gleich in den Raum gestürzt kam, in Form von Semir. Der hatte nämlich gerade mit Wucht die Tür aufgestoßen, kam mit weit aufgerissenen Augen und wütender Miene in den Raum gestürzt und ging schnurstracks auf den Festgenommenen zu. "Wo ist meine Tochter?? Was hast du mit meiner Tochter gemacht, du Ratte!!", schrie er und griff Zange sofort am Kragen, so schnell und unvorbereitet, dass in Ben und Kevin erst Bewegung kam, als Semir Zange mit dem Rücken gegen die Wand drückte. "Machs Maul auf!! Wo ist meine Tochter!", rief er dabei wie von Sinnen. "Semir, hör auf!!", hörte er die Stimme seines Partners, der versuchte, ihn von Zange wegzuzerren. "Lass mich los, Ben! Der Typ wird jetzt reden, wo Ayda ist.", knurrte Semir, als er Bens Griff um seinen Arm spürte.
Ben wirbelte herum, zu Kevin, der beinahe immer noch am gleichen Platz stand, und es eigentlich gut fand, wenn Semir seiner ungezügelten Wut ein wenig freien Lauf ließe. "Hilf mir, verdammt nochmal!", rief der Polizist, als er merkte dass er seinen besten Freund alleine nicht von Zange wegbekam, der ein verängstigtes Gesicht machte, den Kopf wegdrehte weil er Angst hatte, Semir würde ihn schlagen. "WO IST MEINE TOCHTER??", schrie der nochmal, und in seiner Stimme mischten sich Wut und Verzweiflung, Angst um sein ältestes Kind und die Hilflosigkeit, die ihn antrieb.
Erst jetzt kam Bewegung in Kevin, auch er packte Semir nun mit Ben zusammen an Kragen, Jacke und Arme um ihn von Zange wegzubekommen. "Lasst mich los!", schrie dieser wie von Sinnen, als er spürte dass er sich gegen zwei kräftige Polizisten nicht genügend wehren konnte, und langsam von Zange abließ. Auch die Chefin stand mittlerweile im Türrahmen, und rief mit lauter, dominanter Stimme: "Gerkhan, hören sie auf!" Es war ein lauter Krach, ein lautes Gepolter, als ein Stuhl umfiel, weil der ältere Polizist versuchte sich gegen seinen besten Freund und Kevin zur Wehr zu setzen. Angelockt davon kamen nun auch Bonrath und Herzberger, die ebenfalls mit anpackten um den wütenden Semir aus dem Verhörzimmer zu ziehen.
An der Tür blieb Kevin zurück, denn er wollte Zange nicht alleine im Raum lassen. Bonrath, Hotte und Ben schafften es, denn langsam verließ Semir der Wille. Der Polizist war in einer emotionalen Extremlage, alle aufgestauten Gefühle der letzten Stunden kochten nun über, brachen erst in Wut, und dann in Verzweiflung aus. Als er merkte, dass ihm der Ausbruch nichts half, als er spürte dass seine Freunde ihn einerseits davon abhielten den Mann zu verprügeln, andererseits aber auch versuchten zu helfen, wich die Wut der Verzweifelung. Sie waren gerade zu viert im Knäuel im Großraumbüro angekommen, als Semir die Beine wegknickten und er auf die Knie fiel, wovon Ben ihn nicht mehr abhalten konnte, auch wenn er versuchte ihn am Arm festzuhalten. Eben war er noch die starke Schulter an Andrea's Seite und wollte sich da keine Schwäche erlauben, jetzt konnte er dieses Bild nicht mehr aufrecht erhalten. Semir brach in Tränen aus, er begann hemmungslos zu weinen, schlug sich dabei die Hände vors Gesicht. Bonrath und Hotte hatten ihn auch losgelassen und standen betreten daneben, während Ben die vollkommenste Art der Hilflosigkeit spürte. So hatte er seinen Partner noch nie gesehen... so aufgelöst, so hilflos, so vollkommen am Ende. Auch die Chefin, die hinter den Männern stand, spürte ein unbehagliches Gefühl, als sie den Mann, den sie schon seit 18 Jahren kannte, weinend am Boden der Autobahn-Dienststelle sah. Ben kniete sich zu seinem Freund, und nahm ihn in die Arme, was Semir geschehen ließ, und sein Gesicht an Bens Schulter drückte. Dabei hörte der junge Polizist die stockende und schluchzende Stimme seines Partners: "Ich will doch ... doch nur meine Tochter zurück..."
Kevin hatte die Tür des Verhörraumes wieder geschlossen und atmete erstmal durch. Zange stand noch immer an der Wand, er war ein wenig blasser geworden und sein Gesicht zeigte verängstigte Züge. "Das... das dürfen sie nicht.", sagte er beinahe empört in Kevins Richtung, der auf ihn zu kam. Sein Gesicht gewohnt ausdruckslos, nur seine blauen Augen strahlten Kälte aus. Beinahe hatte Zange Angst, auch der schweigsame Polizist würde jetzt auf ihn losgehen, doch der deutete mit dem Kopf nur in Richtung des Stuhls. "Los, setz dich wieder.", sagte er streng, und Zange gehorchte.
Der junge Polizist setzte sich dem Geiselnehmer wieder gegenüber und lehnte sich an die Lehne. Beide sahen sich in die Augen, wobei Kevin den Kopf ein wenig schief legte. "Haben sie Kinder?", fragte er als nächstes, es klang wie eine normale Fortsetzung des Verhörs. Zange gab darauf erneut keine Antwort, was Kevin als "Nein" wertete. "Dann wissen sie nicht, wozu ein Vater im Zorn fähig ist." Es sollte sich gar nicht wie eine Drohung anhören... und doch klang es so. Doch selbst auf die beängstigende Szene des wütenden Semirs, noch auf die versteckte verbale Drohung von Kevin reagierte Zange. "Das Ganze kostet sie nur Zeit...", sagte er mit ruhiger Stimme in das ausdruckslose Gesicht seines Gegenübers. "Was meinen sie damit?" Zange lehnte sich ein wenig nach vorne, und seine Stimme wurde ein wenig leiser, und blieb trotzdem gewöhnlich und souverän. "Wenn sie mir das Lösegeld nicht geben und mich gehen lassen, werden sie nicht erfahren, wo das Mädchen versteckt ist." Ein Satz, den er schon mehrmals sagte, doch dieses Mal schien er damit den Satz nicht zu beenden. "Und als ich das Mädchen gestern nachmittag zum letzten Mal sah, hatte sie noch eine halbe Flasche Wasser. Und ich weiß nicht, wie lange ein kleines Mädchen es ohne Wasser aushält." Er sagte es beiläufig, als wäre es eine unwichtige Information und diese Art und Weise, diesen Satz zu sagen, jagte Kevin eine Gänsehaut über den Rücken, ohne dass er es zeigte.
Der Verbrecher lehnte sich wieder zurück, und wiederholte sein Anliegen, dass er Hunger habe und eine Pause wollte...