Krankenhaus / Dienstwagen - 12:20 Uhr
Minuten kamen Andrea vor wie Stunden. Die Ärzte hatten die Mutter wieder zu Ayda gelassen, sie hielt die Hand des kleinen Mädchens die sich eiskalt anfühlte. Ihre Tochter war blasser als noch vor einigen Stunden, oder bildete Andrea sich das nur ein. Ach, wenn Semir doch wieder da wäre, mit oder ohne Gegenmittel, hauptsache er wäre jetzt da und könnte Andrea unterstützen. Doch sie wusste nicht, was ihr Mann gerade durchmachte, er wusste nicht, was Andrea gerade durchmachte. Beide durchlebten parallel einen Alptraum, der scheinbar kein Ende zu haben scheint, einen Alptraum wie Semir ihn in den letzten Tagen mehrmals in seinem Haus geträumt hatte.
Gerade wollte sich die Mutter wieder etwas beruhigen, als das Diagnosegerät erneut begann zu piepen und wild zu blinken. Anna Engelhardt, die sich auf die Zurechnungsfähigkeit ihrer Sekretärin nicht mehr verlassen wollte, griff sofort und geistesgegenwärtig zum Notfallknopf und es dauerte nur wenige Sekunden, bis die Tür erneut von einigen Helfern aufgestoßen wurde und einer der beiden Ärzte mit zwei Krankenschwestern hereingestürmt kamen. Wieder legte die Chefin die Hände sanft um die Schultern Andrea's, um sie, mit leiser Stimme, von Ayda weg zu holen und den Ärzten Platz zu machen. "Kammerflimmern!", war das Wort des Arztes, das sich tief in Andrea's Gehirn einbrannte, und sie wohl in den nächsten Nächten noch lange verfolgen wird. Die Arzthelferin bereitete den Defibrillator vor, während der Arzt mit einer Herzmassage begann. "Bringen sie die Mutter hier raus!", sagte er zu einer jungen Krankenschwester, die mehr im Weg zu stehen schien und sich nun an Andrea und die Chefin wandte. "Kommen sie... warten sie bitte auf dem Flur.", sagte sie und fasste Andrea sanft am Arm, die sich sofort wütend abschüttelte. "Ich bleibe bei meinem Kind!! Sie können mich nicht einfach rauswerfen!!", schrie sie, bevor sie wieder von einem Weinkrampf ergriffen wurde, als Aydas kleiner Körper von dem Wiederbelebungsgerät erfasst wurde und schlaff zurücksank. Das Piepsen wurde wieder regelmäßiger, bevor es erneut begann, zu stolpern.
Geschwindigkeitsbeschränkungen interessierten Semir nicht mehr, rote Ampeln in der Innenstadt schon gar nicht. Er hatte so unendlich viele Verfolgungsfahrten erlebt, unendlich mal ist er selbst gejagt worden... aber er konnte sich nicht erinnern, dass er jemals so sehr ohne Rücksicht auf Verluste gefahren war, als heute. Jede Ausweichaktion glich einem Harakiri, ohne zu bremsen fegte er über eine vielbefahrene Stadtstraße. Seine Tochter lag im Sterben und konnte nur durch das Gegengift in dieser Ampulle gerettet werden und hinter ihm lag sein bester Freund mit einer Kugel im Körper quer auf zwei Sitzen. Semir konnte sein Stöhnen hören, er konnte hören wie sein Atmen immer schneller, immer schnapphafter klang.
Kevin hatte seine Weste fest auf die Wunde gedrückt, um zumindest zu verhindern, dass Ben verblutete. Jeder Atemzug fiel dem Beamten schwer, jeder Atemzug fühlte sich an, als würde man ihm ein Messer in die Lunge rammen. Aber das Fläschchen hielt er immer noch mit seiner blutverschmierten Hand fest umklammert. Wenn er damit Ayda retten würde, dann war es ihm das wert. Er hoffte, dass er Semir das noch sagen könnte, er hoffte dass er noch mitbekommen würde, ob Ayda wieder wach wurde oder nicht. Immer wieder fiel sein Kopf zur Seite, wollten seine Augenlider zufallen. Er fühlte sich müde, das Atmen war so anstrengend und am liebsten wollte er einfach damit aufhören... einfach aufhören. "Bleib wach, Junge.", sagte Kevin immer wieder, wenn er endlich einschlafen wollte und wackelte kurz an Bens Kopf. Immer wieder wechselte das Auto seine Richtung, wenn Semir eine Abzweigung nahm, Ben konnte zwischen den Vordersitzen aus der Frontscheibe immer mal sehen, wenn sein Partner wild am Lenkrad kurbelte. "Semir...", sagte er keuchend und griff nach dem rechten Arm seines Partners. "Ben halt durch... wir schaffen es.", sagte der erfahrene Polizist. "Du musst Ayda retten... du... du musst deine Tochter retten.", sagte Ben leise.
Andrea war endgültig zusammengebrochen. Sie konnte sich nicht mehr wehren, sie konnte nicht mehr hinsehen... sie war einfach zu schwach für alles, was auf sie einprasselte. Der Arzt schickte sie nicht mehr raus, nachdem sie einigen Abstand vom Bett genommen hatte und er ausserdem einen verbalen Einlauf von Frau Engelhardt erhalten hatte. Gerade musste er nochmal den Defibrillator bei Ayda einsetzen, einmal, zweimal, bevor sich das wilde Piepsen wieder zu einem regelmäßigen Ton geändert hatte. "Wir können das nicht die ganze Zeit so weitermachen.", stöhnte der Arzt, der Ayda natürlich nicht aufgeben wollte aber irgendwann würde ihr junger Körper das nicht mehr mitmachen.
Die Chefin hatte Andrea weiter im Arm und sie spürte, dass die unangenehme Wahrheit irgendwann heraus musste. "Andrea... es tut mir unendlich leid, aber wir müssen jetzt entscheiden, was passiert. Die Ärzte können Ayda nicht ewig künstlich am Leben halten." Was meinte sie damit, fragte Andrea sich für einen Moment. Sie konnte doch nicht einfach entscheiden, ob sie Ayda sterben lassen sollten... ohne Semir. Das durfte einfach nicht passieren. Sie mussten sie hier behalten, sie mussten ihre kleine Tochter retten. Andrea war nicht fähig auch nur einen klaren Gedanken zu fassen und blickte herum. Der Blick auf ihre kleine Tochter brach ihr beinahe das Herz.
Als das Telefon der Chefin klingelte, drehte sich einer der Arzthelfer herum: "Sind sie wahnsinnig? Hier sind Mobiltelefone verboten!", zischte er und die Chefin machte eine abwehrende Handbewegung und hob ab: "Herzberger, was gibts?" "Semir ist uns gerade entgegen gekommen, mit Blaulicht und Vollgas. Es kann nur noch Minuten dauern.", gab der dicke Polizist durch, während im Hintergrund Quietschgeräusche zu hören waren, weil Bonrath den großen Porsche Cayenne wendete. "Danke Herzberger.", sagte die Chefin und legte sofort auf. "Semir wird gleich hier sein. Er hat es bestimmt geschafft. Ayda wird nicht sterben.", sagte sie voll Überzeugung zu Andrea.
An der Einfahrt zum Krankenhaus nahm Semir einem Audi die Vorfahrt und brauste links am Krankenhaus vorbei, wo sonst nur Zugang für Rettungswagen war. Die Schranke, die die Fahrer der RTWs öffnen und schließen konnten, hielt ihn auch nicht auf, sie zersplitterte in ihre Einzelteile. An der Pforte, wo man sofort zur Intensivstadion gelangte, hielt Semir mit quietschenden Reifen an. "Wir brauchen sofort einen Arzt!!", schrie er laut, nachdem er aus dem Auto gesprungen war und die Tür aufgerissen hatte. Dann rannte er zurück zum Wagen, wo Kevin bereits dabei war, Ben aus dem Auto zu helfen. "Hier Semir... schnell... rette Ayda.", sagte Ben und öffnete erst jetzt die Hand mit dem Glasfläschchen darin. Semirs Atem überschlug sich, er fühlte sich von zwei Mächten hin und her gerissen. "Lauf schon, ich bleib bei Ben.", bekräftigte auch Kevin seinen Partner. Aber Semir hatte plötzlich Angst... Angst davor, Ben nicht lebend wieder zu sehen. "Ich... ich kann dich doch jetzt nicht alleine lassen.", stammelte er, doch plötzlich erwachten in Ben ungeahnte Kräfte, als er mit einer Hand und schmerzverzerrtem Gesicht seinen Partner am Kragen packte. "Und ich sage, du rennst sofort hoch zu deiner Tochter! Sonst mache ich es selbst! Na los!!", sagte er deutlich mit zusammengebissenen Zähnen. Semir nickte... Ben hatte sein Leben riskiert, um Ayda zu retten... und er wollte nicht, dass es umsonst war. "Danke, Partner.", sagte der erfahrene Polizist und drückte Ben einen Kuss auf die Wange, bevor er sich umdrehte und im Sprint durch die Tür raste. "Er muss es schaffen, Kevin...", sagte Ben leise, als ihn zwei Sanitäter langsam auf eine Bahre legten. Das letzte, was Ben zu ihm einige Minuten später auf dem Weg in den OP war, bevor er das Bewusstsein verlor, war: "Wir haben... es geschafft?" Kevin wusste nicht, ob es eine Aussage oder eine Frage war, aber er geriet in Panik, als Bens Kopf zur Seite fiel.
Der Weg erschien ihm unglaublich lange... da ein Flur, eine Abzweigung, Treppen nach oben, nochmal eine Abzweigung, und nochmal ein langer Flur. Semir hatte Ausdauer für drei beim Laufen, und so schnell rannte ihm keiner davon. Aber jetzt saß ihm der schlimmste Feind im Nacken, den er sich vorstellen konnte... die Angst. Die Angst um seine Tochter, die Angst um sein Kind. Eine Krankenschwester sprang zur Seite, um vom Kommissaren nicht über den Haufen gerannt zu werden, und endlich war er an dem Zimmer seiner Tochter angekommen. Der Polizist drückte die Tür auf und erblickte zuerst seine zusammengesunkene, von der Chefin gehaltene Frau, die jetzt hoffnungsvoll aufblickte, als die Tür sich öffnete. Dann sah er auf das Bett, um das Ärzte und Krankenschwestern standen, an seiner Tochter arbeitend, den Defibrillator in der Hand. Für einen Moment dachte Semir, dass er zu spät sei. "Hier! Spritzen sie ihr das!", sagte er sofort zu einem der Ärzte. "Gehen sie vom Bett weg, lassen sie uns arbeiten.", sagte einer sofort, weil er nicht sofort durchblickte, was Semir wollte. "Spritzen sie ihr das! Ich bin der Vater, damit können sie ihr helfen." Er wusste, dass es keinen Ausweg gab. Entweder sie würde durch das Zeug gerettet... oder sie starb so oder so. Es nutzte nichts, darüber nach zu denken, ob das Zeug wirklich ein Gegengift war oder nicht. "Um Himmels Willen, tun sie was er sagt.", rief Frau Engelhardt aus dem Hintergrund. Die Ärzte sahen einander an, sie hatten ihre Vorschriften, sie würde man verantwortlich machen. Semir zog seine Dienstwaffe, entsicherte sie und zeigte damit Richtung Boden. "Wenn ich sie mit einer Waffe bedrohe, sind sie nicht haftbar zu machen. Jetzt spritzen sie ihr das verdammte Zeug!", schrie er erregt, und der Arzt nickte. Eine Krankenschwester zerbrach den Kopf der Ampulle, und zog die Spritze damit auf, übergab sie dem Arzt, der die Nadel in die Kanüle an Aydas Arm einführte.
Das Gegenmittel verdrängte das Gift im Blut, und Aydas Körper war an sich gesund. Ihr Gehirn sendete sofort Signale aus, die Vitalfunktion wieder aufrecht zu erhalten, das Mittel, dass dieses Signal langsam ausgeschaltet hatte, wurde langsam verdünnt. Andrea und die Chefin blickten wie gebannt, genau wie die Ärzte und Semir, der dicht bei Ayda war und ihre Hand hielt. "Bitte verlass mich nicht, mein Schatz...", sagte er leise und allmählich fiel das ganze Adrenalin von Semir ab. Das Gerät begann wieder, im Takt Töne von sich zu geben, nach wenigen Minuten stellte sich auch das selbstständige Atmen wieder ein. Die Ärzte sahen einander an, ungläubig aber erfreut. "Was war das? Was haben sie uns da gegeben?", fragte einer von ihnen, und Semir drehte sich um zu ihm. Seine Augen schimmerten voll Tränen als er erschöpft sagte: "Ich habe keine Ahnung... ich... ich habe keine Ahnung." Während dieses Satzes brach er langsam in Tränen aus, Andrea kam sofort zu ihm, ebenfalls weinend und ergriff die Hand ihres Mannes, die die ihrer Tochter hielten. Einer der Ärzte nahm Ayda die Atemmaske ab, und konnten sofort erkennen, dass das Mädchen selbstständig atmete. Die Ampulle war durch eine Spritze nur zu einem Drittel entleert und der Arzt befehligte sofort, das Mittel gleichmäßig gemäß dem Zustand an die restlichen Komakinder zu verteilen.
Auch Anna Engelhardt, die dicht am Bett nun stand und Semir eine Hand auf die bebende Schulter legte, konnte ihre Rührung nicht zurückhalten. Sie hatte gebangt, und es geschafft, ihre Emotionen zurück zu stecken um somit für Andrea ein Halt zu sein. Jetzt brach auch ihre Schutzwand ein, und sie wischte sich schnell eine Träne aus dem Gesicht.
Semir legte Aydas Hand, die auf den Druck reagierte und sich sanft schloß, in die seiner Frau. "Ich muss sofort zu Ben...", sagte er und wischte sich die Tränen ab. Er wusste, dass seine Tochter gerettet war... jetzt musste er sofort zu seinem Freund... zu seinem Partner. "Was... was ist mit Ben? Semir!?", sagte Andrea noch, doch ihr Mann hatte das Zimmer bereits verlassen. So schnell ihn seine Füße trugen rannte er die Treppen wieder herunter, nahm die Abzweigungen um wieder zum Ausgangspunkt zu kommen. Ein Sanitäter am Ausgang verwies ihn auf den OP.
Der Polizist konnte seine Gefühle nicht beschreiben. Sein Herz voll Freude über Ayda, aber voll Sorge über Ben... und die Emotionen die ihn befielen, als er in den Flur gelangte, der erst von der OP-Tür beendet wurde, und er eine an der Wand neben den Stühlen auf dem Boden sitzende Gestalt erblicken konnte, bedeckt von Staub und Dreck mit einem blutenden Cut im Gesicht, blutverschmiertem Oberteil und unendlicher Leere im Gesicht... sie verfolgten Semir noch Wochen. "Kevin?", fragte er beinahe zaghaft, als sein Lauf sich zum Schritttempo verringerte, bis er vor seinem Partner stand. Kevin sah auf den Boden, verloren wie ein zerbrochenes Porzellan... und Semir deutete den Ausblick in seinen Augen, die Emotionen, die den jungen Polizisten geraden befielen. Und alle Freude und Sorge in seinen Herzen waren mit einem Schlag verschwunden, ein Loch im Boden tat sich unter ihm auf und wollte ihn verschlingen. Langsam, wie in Trance, bewegte sich der Kopf des Mannes, der gerade sein Leben für seine Tochter riskiert hatte, nach links und rechts: "Nein... bitte nicht..." und der Blick aus den eiskalt blauen Augen seines Freundes auf dem Boden, trafen Semir bis ins Mark...
ENDE