Dienststelle - 8:15 Uhr
Semir war verärgert, erregt und auf eine bestimmte Art und Weise auch erschrocken über die Vorgehensweise der Neo-Nazis. Statt mit Gewalt, wie bei Kevin, reagierten sie bei Semir mit Verängstigung bei ihm, durch den Anschlag auf seinen BMW, und Verängstigung bei den Mitmenschen in seiner direkten Umgebung. Die alte Frau Zenner hatten sie bereits im sack, und der Polizist konnte nur auf die Vernunft und Weitsicht seiner weiteren Nachbarn bauen, die erheblich jünger waren als seine Nachbarin links von seinem Haus. Ansonsten würde er vermutlich demnächst gemieden und arggewöhnisch beäugt werden, wie ein Flüchtling, der gerade in einer Aufnahmestelle nahe einem Wohngebiet aufgenommen wurde. Dabei lebte Semir hier schon seit 40 Jahren, als er ein kleines Kind war, kamen seine Eltern nach Deutschland, er ist hier aufgewachsen, er fühlte sich nur noch ganz wenig zur Türkei hingezogen. Verwandte von ihm, die auch in Deutschland lebten, lebten noch viel mehr die alte Kultur aus, sprachen teilweise auch noch fließend Türkisch, sein Onkel, seine Tanten. Semir konnte sich nur noch bruchstückhaft mit ihnen unterhalten, er konnte noch türkisch aber er musste jedesmal im Kopf erst den deutschen Satz in den türkischen übersetzen. Tief in sich war er viel mehr Deutscher als Türke, nur sein Name war noch echt Türkisch, und das reichte diesen Menschen, um ihn nicht als Deutscher anzuerkennen, egal was in seinem Pass drin stand. Dieser Umstand machte Semir wütend und betroffen, so dass die Glastür seines Büros schepperte, als er sie hinter sich zuwarf, und er dabei verwunderte Blicke seines dicken Kollegens Herzberger erntete.
Auch Ben, der bereits an seinem Schreibtisch saß und scheinbar ohne festes Ziel am Bildschirm vorbei starrte, schreckte auf. "Lass das Büro ganz...", war seine Begrüßung, doch das Lächeln blieb ihm im Halse stecken, als er merkte in welcher Laune Semir an diesem Morgen war. "Oha... schlecht gefrühstückt?" Es war Bens typische Art, Semir aufzubauen und gleichzeitig die Schulter zu bieten, und normalerweise nahm der kleine Polizist das auch immer richtig auf. "Was machst du denn hier? Ich dachte, du hast noch ein paar Tage Krankenschein.", fragte er ohne auf die angebotene Schulter einzugehen. "Ich hab doch gestern gesagt, dass ich heute schon komme, wenn Kevin ausfällt. Ich kann dich ja nicht alleine auf die Straße schicken.", meinte Ben lächelnd, während Semir sich einen Kaffee zubereitete. In seiner Wut, und seinem Zorn über den morgendlichen Vorfall, schien er ganz zu übersehen, dass Bens Lächeln nicht natürlich wirkte.
"Also, was ist los?", fragte er dann nochmal gezielt und stellte die eigenen Probleme hinten an. "Stell dir vor... zwei Typen von der NPD klingeln heute morgen bei meiner Nachbarin, Frau Zenner, und erzählen ihr, dass sie ein Auge auf mich haben, weil ich angeblich zur ISIS gehöre.", erzählte er empört. "Und? Gehörst du?", fragte Ben und hatte den Kopf auf die Hände gelegt, während er sich mit den Ellbogen auf dem Tisch abstützte. Semir ließ den Kopf ein wenig in den Nacken fallen. "Mensch, bleib doch mal ernst für 5 Minuten. Die versuchen den Leuten einzureden, dass ich ein Islamist oder ein Schläfer wäre. Die wollen... die wollen dass die Leute in meiner Nachbarschaft Angst vor mir haben, wollen Hass schüren gegen mich."
Für einen Moment dachte Ben nach: "Aber jeder, der sich ein wenig für Politik interessiert, weiß doch dass die Türken nichts mit der ISIS zu tun haben." "Das weiß aber eine 80jährige Frau nicht. Die hört nur "Krieg" und "Islam" und "Türke" und hat ihr Bild. Du hättest mal sehen sollen, wie die mich angeblickt hat, als ich den zwei Typen zuvor gekommen bin. Als hätte ich einen Turban auf dem Kopf und nen Sprengstoffgürtel um die Hüfte." Der junge Polizist verzog ein wenig den Mund. "Jetzt verlierst du dich auch in Vorurteilen." Ein wenig genervt winkte Semir ab und ließ sich mit der vollen Tasse Kaffee langsam auf seinem Platz nieder.
"Warte doch mal ab. Vielleicht erzählen die das überall gleich, wenn irgendwo ein ausländischer Nachbar wohnt, nur um Stimmen zu fangen.", meinte Ben und begann, auf seiner Tastatur zu tippen, während Semir seinem Arbeitsgerät gar keine Beachtung schenkte, und den Kaffee dicht an den Mund hielt, wobei er den heißen Dampf unter der Nase spüren konnte. Leicht schüttelte er den Kopf. "Nein... das ist ein Racheplan. Das, was dieser Ulrich angekündigt hat, als wir ihn festgenommen haben. Kevin haben sie fast den Schädel eingeschlagen, und gegen mich versuchen sie, Ausländerhass zu schüren mit typischen Vorurteilen." Er atmete hörbar aus und nahm einen Schluck seines Heißgetränkes.
Ein kurzes Klopfen an der Glastür kündigte Besuch an, die Chefin trat ins Büro hinein und hatte einen Zettel in der Hand. "Guten Morgen, die Herren. Wie geht es Kevin?", fragte sie sofort, denn Semir hatte sie gestern abend noch per SMS informiert, dass der junge Polizist wohl demnächst ausfallen wird. "Gehirnerschütterung... wird aber wieder. Jenny habe ich gestern freigegeben, damit er auch im Bett bleibt, und keinen Unfug anstellt.", meinte Semir und Ben musste, ob dieses Babysittings ein wenig grinsen. "Denken sie, dass das notwendig ist?" Mit ausladender Nick-Geste wollte Semir das bestätigen: "Ohja, das denke ich."
Danach kam Anna Engelhardt auf den Zettel zu sprechen, besser gesagt ein Fax das sie in der Hand hielt. "Der Staatsschutz hat die Ermittlungen im Fall der Körperverletzung gegen den Vietnamesen an der Raststätte übernommen. Sie gehen eindeutig von einem fremdenfeindlichen Hintergrund aus, und sie wissen ja, wie das hierzulande behandelt wird... mit äusserstem Fingerspitzengefühl und höchster Priorität." Für einen Moment wartete sie die Reaktion ihrer Beamten ab, und setzte hinzu: "Seien sie froh, dass sie damit nichts zu tun haben. In diesem Bereich wimmelt es nur so von Fettnäpfchen." "Als ob das neu für uns wäre.", meinte Ben sarkastisch. Die Chefin schloß die Augen kurz und konnte sich ein Grinsen nicht verkneifen: "Ja, ich freue mich auch, dass sie wieder bei uns sind, Ben." Der überlegte kurz, ob er gegen die Entnahme des Falls protestieren sollte, schließlich wollten sie selbst herausfinden, wer ihren Kollegen zusammengeschlagen hatte. Doch der warnende Blick von Semir kam ihm zuvor... zunächst wollten sie einige Fakten sammeln, bevor sie um die Erlaubnis der Chefin fragten... so war ihr Weg bisher immer.
Doch diesmal war die Chefin schneller... schließlich kannte sie ihre Beamte schon seit Jahren. Kurz bevor sie ging, drehte sie sich noch einmal um. "Achja... ich wäre ihnen sehr verbunden, wenn ich keine störenden Anrufe des Staatsschutzes bekomme, weil zwei meiner Beamte eventuell im rechten Umfeld ermitteln... bezüglich eines Gewaltfalles in einem Boxclub. Erwecken sie also bitte nicht mehr Aufmerksamkeit, als notwendig." Natürlich wusste Anna Engelhardt, dass die beiden Polizisten den feigen Anschlag auf Kevin auf sich beruhen lassen würden, und die Ermittlungen einfach dem Staatsschutz überlassen. Ein Ausreden hätte keinen Zweck, also unterstützte sie ihre Männer lieber von Anfang an, um ein Versteckspiel zu vermeiden. Beide lächelten dankbar und nickten.
Ihre erste Anlaufstelle war der Boxclub selbst. Beide Polizisten nahmen ihre Jacken von den Stühlen und verließen ihr Büro, um danach, wie auch die Chefin, überrascht stehen zu bleiben, als Jenny sich an ihren Schreibtisch setzte. "Was machst du denn hier? Ich dachte, du bleibt bei Kevin?", fragte der erfahrenste Kommissar neben Hotte. Jenny zuckte ein wenig mit den Schultern. "Er hat mir versprochen im Bett zu bleiben.", sagte sie und erntete zwei vorwurfsvolle Blicke von Semir und Ben, und einen belustigten der Chefin. "Immer das gleiche...", murmelte Ben, während Frau Engelhardt süffisant bemerkte: "Sie hätten solch eine Bevormundung natürlich klaglos über sich ergehen lassen, meine Herren. Ich erinnere sie demnächst daran... zum Beispiel, wenn einer meiner Beamten mit angeknackster Rippe einen Tag, nachdem er aus dem Krankenhaus entlassen wurde, schon wieder zum Dienst aufkreuzt." Diesmal konnte Jenny ihr Grinsen nicht verbergen, Semir ebenso während Ben seine "Na-toll-mal-wieder-angeschmiert-" - Schnute aufsetzte...