Jenny's Wohnung - 17:45 Uhr
Jenny konnte ihr Herz klopfen spüren, sie konnte fühlen, wie ihre Kehle austrocknete. Als sie den Deckel des Kartons abhob und neben sich auf die Couch legte, schien sie ein Tor zu einer Zeitreise zu öffnen. Ein Tor, das sie in ein Land, in ein Leben ließ, zu dem sie sich bisher nur Stück für Stück herein kämpfen musste, immer soviel wie Kevin es nur zuließ. War er zeitweise verschlossen wie früher, schaffte er es hin und wieder doch sich zu öffnen. Jetzt hielt Kevin Jenny nicht die Tür offen, sondern die Polizisten verschaffte sich eigenmächtig Zugang zu ihm und seinem alten Leben, jetzt im Moment auf der Couch in ihrem Wohnzimmer. Ihr Freund schlief nebenan, erschöpft von seiner Begegnung mit der eigenen Vergangenheit, etwas gepeinigt von Kopfschmerzen, die von seiner Gehirnerschütterung her rührten.
Die Tür, die Jenny symbolisch aufgestoßen hatte, ließ sie zuerst wieder auf das Bild des befreit lachenden Kevin blicken. Sie erkannte sofort die blauen Augen, die überhaupt nicht müde oder melanchonisch wirkten sondern abenteuerlustig und funkelnd. Sein Mund lachte, er schien befreit auf zu lachen als hätte jemand einen besonders lustigen Witz gerissen, und seine rot-grün gefärbten Strähnen in dem, leicht lockig wirkenden Haar, was hinter dem Stirnband nach vorne hervor quoll, hingen ihm leicht im Gesicht. Er schien auf einem alten Sofa zu sitzen, halb zu liegen, ein Bein angewinkelt, in einer an den Knie aufgescheuerten rot karierten Hose. Zwischen dem linken Zeige- und Mittelfinder hielt er eine Zigarette, in seinem linken Ohr hingen drei Ohrringe hintereinander aufgereiht. Es war seltsam für Jenny in das Gesicht des Jungen zu blicken, das sie heute nur als ernsten, zurückgezogenen Mann kannte... ohne Ohrringe, mit kürzeren aber immer noch wilden Haaren, und mit ein paar Fältchen um Mund und Nase.
Jenny konnte nicht sagen, wie alt Kevin auf dem Foto war, er wirkte wie 15 oder 16. Sie legte es bei Seite um den nächsten Schritt durch die Tür in Kevins Leben zu gehen und sah in den Karton. Sie fand eine Eintrittskarte, die an der Seite abgerissen war, um Zugang zu erhalten. Datiert war sie auf das Jahr 1997, ausgestellt für ein Punkrock-Konzert in Dortmund. Die junge Polizisten kannte keine der Bands, die darauf aufgelistet waren, doch sie hörten sich vom Namen her nicht an, als hätten sie vor eine große Karriere zu starten. "Kotzreiz" "A.C.K" "Toxoplasma" "Fahnenflucht" und "Wizo". Scheinbar war es für ihn ein bedeutendes, vielleicht sogar das erste Konzert dieser Art, das er damals besucht hatte, dachte sich die junge Frau, als sie die Karte ebenfalls zur Seite legte.
Sie kam zu einem Bild, das den Jungen von vorhin erneut zeigte. Die Frisur nur geringfügig anders, die Kleidung ebenso, nur sein Gesichtsausdruck war komplett ausgetauscht. Wo vorhin eine Leichtigkeit und Fröhlichkeit das Bild prägte, stand jetzt unterdrückte Wut in seinem Gesicht, Verkniffenheit und ein "Lass mich hier raus" - Gefühl. Vermutlich hatte der Mann, der neben ihm stand und seine Hand auf seine Schulter legte, damit zu tun. Jenny kannte ihn nicht, und konnte sich doch denken, wer er war, denn Kevin hatte bereits über ihn gesprochen. Ausserdem waren seine Augen nicht Kevins Augen zu unterscheiden, er hätte seinen Vater nicht leugnen können. Doch dessen Funkeln hatte nichts abenteuerlustiges, sondern etwas Verschlagenes... etwas Hinterhältiges. Vermutlich beeinflusst durch Kevins Vorgeschichte war der Mann Jenny sofort unsympathisch.
Es raschelte, als sie erneut in den Karton hineinfasste, und sie förderte mehrere Seiten Papier ans Licht der Deckenlampe. Darauf erkannte sie handschriftliches Gekritzel, was teilweise sorgfältig, teilweise aber auch wie unter Druck oder in einem fahrenden Auto an der Seitenscheibe aufgeschriebenes. Manches konnte Jenny entziffern, manches nicht. Nach einigen Leseproben erkannte sie, dass es sich um Gedichte handeln musste, einige Leseproben mehr wurde ihr dann klar, dass es sich eher um Liedtexte, als um Gedichte handelte, denn sie konnte immer einen widerkehrenden Refrain ausmachen. "Kevins Texte...", dachte sie leise. Scheinbar war der damalige Jugendliche schon von der Musik begeistert, und nutzte sie als eine Art Ventil, denn die Textauszüge, die Jenny las, bargen viel Wut in sich. Wut auf das Leben, Wut auf die Eltern, Wut auf das System.
"Willkommen in Deutschland, wo Idioten aufmarschieren
Und Lichterketten brennen um das Gesicht nicht zu verlieren
Willkommen in Deutschland! Der Eintritt, der ist frei
Halts Maul und pass dich an, und schon bist du dabei!"
Die junge Frau schluckte einige Mal. Die Texte waren nicht poetisch oder sonderlich tiefgängig, und doch verrieten sie etwas über den Charakter des damaligen Kevin. Einen Charakter, der nicht zufriende war mit sich und seinem Leben, dem Extrem nicht abgeneigt, und gleichzeitig gegen ein anderes Extrem kämpfend.
"Gewalt ist keine Lösung, trotzdem kann sie Mittel sein
Drum schließe nicht die Augen, es kann bald schon soweit sein."
Jenny las sich jeden Text durch. Sie fragte sich, wie die Musik darauf erklang, und konnte sich zwar keine Melodie, jedoch die Grundstimmung sehr gut darunter vorstellen... und die wäre sicherlich nicht positiv.
"Terror und Gewalt hat hier seine Halt
Lehn dich auf und sie machen dich kalt
Der einzige Weg sich dagegen zu wehren
Straßenschlacht heute Nacht.
99 Pflastersteine gegen 100 Bullenschweine
99 Pflastersteine gegen 100 Nazischweine"
Mit einer Hand fuhr sich die junge Polizisten durch die Haare, während sie den letzten Text auf die Seite legte. Wut, Verzweiflung und Zorn trieben den jungen Mann damals an, und in der Gruppe im linken Spektrum fand er den Halt, den er dafür brauchte... oder war es umgekehrt? Schürte der Halt in dieser Szene erst diesen Hass in ihm, und waren die Texte und die Gewalt nur ein Ventil? War es ein Motiv darauf, dass Kevin aufgrund dieser Charakterzüge auch nie Ruhe fand, bevor er nicht die Rache an dem Mörder seiner Schwester gefunden hatte? Jenny fühlte sich unwohl, sie hatte einen tiefen Einblick in das Leben ihres Freundes genommen, und dieser wirkte weder beruhigend noch wirklich unbehaglich auf sie... sie war eher auf eine merkwürdige Art und Weise fasziniert.
Unter dem scheinbar letzten Text, den sie gelesen hatte, fand sie noch ein gefaltetes Blatt Papier, alle anderen Texte lagen offen dar. Es war einfach gefaltet und fühlte sich dicker an, als alle anderen Papiere. Sie faltete das Papier auf und las den Text:
"Unsre Zeiten sind vorbei, sie kommen wohl nie wieder
Das was uns verbindet, ist Erinnerung
Unsre Zeiten sind vorbei, sie waren wunderschön
Was uns zusammen bleibt, ist Erinnerung
Ich liebe dich. Ich konnt' es dir nie sagen
Nur spielen, tanzen, malen."
Die junge Frau schluckte und drehte den Zettel um. Auf der Rückseite war ein Foto aufgeklebt, das Kevin erneut zeigte, mit ärmellosem karrierten Hemd und orange gefärbten Haaren, Wange an Wange mit einem jungen, lachenden Mädchem, das mehrere Piercings im Gesicht hatte und die Haare knallrot gefärbt, mit Undercuts und in der Mitte aufgestellt. Dazu trug sie ein Top, das aussah, als wäre es mit Wasserfarben bemalt, von dem ein Träger leicht von der Schulter rutschte. Mit dem Liedtext zusammen, der von einer gescheiterten Beziehung handelte, zog Jenny die richtigen Schlüsse... denn Kevins Schwester war das nicht.
Die lag ganz unten am Boden der Schachtel. Ein Bild, bei dem die junge Polizisten nochmal kurz schlucken musste. Ein fröhlich strahlendes Gesicht, scheu wirkende Augen und pechschwarzes Haar, das sich links und rechts von ihrem Gesicht nur knapp die Schultern berührte. Einige Strähnen hingen ihr, wie die ihres Bruders, ins Gesicht. Das Bild war leicht verwackelt aber doch scharf, es schien in einem altmodischen Passfoto-Automat gemacht worden zu sein, in den sich Janine und Kevin hinein gezwängt hatten, denn er stand schräg hinter ihr. Er hatte seine Arme knapp unter dem Hals um das Mädchen geschlungen, als wolle er es schützen vor den bösen Einflüssen. Schützen vor Jungs, die ihr wehtaten, schützen vor der gefährlichen linken Szene vielleicht, schützen vor Alkohol und Drogen, deren Erfahrungen er gemacht hatte. Jenny wusste ja, wie wichtig Janine für den jungen Polizisten war, und wie traumatisierend es für ihn war, sie in der Situation, als sie ums Leben gekommen war, nicht zu schützen.
Die Fotos aus Kevins Jugend, die Liedtexte, all das hatte Jenny in eine andere Welt gezogen, sie fasziniert, sie ein wenig aufgerüttelt und vielleicht mit anderen Augen auf den jungen Mann blicken lassen. Doch dieses Foto, das soviel Liebe und gegenseitige Zuneigung ausstrahlte, zwischen dem jungen Geschwisterpärchen, und der Hintergrundgeschichte die Jenny natürlich kannte, ließ ihr die Tränen in die Augen steigen und die Lippen zittern. Sie konnte es nicht verhindern, trotz dass sie Janine niemals kennengelernt hatte oder die Beziehung der Geschwister selbst miterlebte, dass sie um das junge Mädchen und das zerbrochene Geschwisterglück weinen musste.