Lagerhalle - 10:00 Uhr
Kevin fühlte sich unwohl in seiner Haut... er hätte es nicht beschreiben können, wie sich dieses komische, ungute Gefühl genau anfühlte aber es war da, es präsent während er kompletten Autofahrt von der KTU bis ins Industriegebiet, und bei den Schritten zum Eingang der Lagerhalle. Bei seinem ersten Besuch überwog die Erinnerung an seine Jugendzeit beim Betreten der Halle, beim zweiten Besuch die Unsicherheit im Bezug auf Annie und das zweite Wiedersehen... unwissend, welche Gefühle sie noch für ihn hegte. Jetzt spürte er ein Ziehen im Magen, ein leichtes Pochen im Kopf als wolle sein Körper ihn vor drohendem Unheil warnen. Die Luft war kühl geworden, und es war zugig, als Kevin die Tür zur Halle öffnete und hinter sich wieder schloß. Durch die gerissenen Glasscheiben, die direkt unterm Dach an der Wand waren, zog der Wind pfeifend durch.
"Annie?", rief Kevin nach einigen Schritten und sein Echo antwortete ihm mehrfach. Von den Punks war niemand zu sehen, am Eingang nicht, draussen auf dem Platz nicht und auch nicht als der junge Polizist nun in Sichtweite der Planen kam, die notdürftig die Schlafplätze abgrenzten. Ausser dem Wind und Kevins Schritten war nichts zu hören, mit ernster Miene und vorsichtigen Blicken sah sich der Polizist um, zog langsam und bedächtig die ein oder andere Plane zur Seite, bis er bei Annies Schlafplatz angekommen war... er war allerdings leer. "Fuck...", murmelte der Polizist. Seine Anspannung löste sich etwas, das ungute Gefühl nahm nicht ab.
Es gab noch einen hinteren Bereich in der Halle, dort wo die Konzerte früher immer stattgefunden hatten. Aus diesem hinteren Bereich kamen sie jetzt... zuerst 5, dann waren es 10, und es wurden scheinbar immer mehr. Die Schritte klangen im Akkord, Schritte von Springerstiefeln und Chucks, klirrende Ketten, Baseballschläger die gegen die Stahlpfosten der Halle schlugen, murmelnde Stimmen. Kevin, trotz seines unguten Gefühls zuerst noch in der Annahme, dass die Punks glaubten, irgendein Eindringling wäre hier und sollte vertrieben werden, versteckte sich nicht. Er vertraute auf Annie, und die paar Jungs, die er mittlerweile kannte. Deswegen ging er aus dem Bereich der Schlafplätze wieder heraus und stellte sich den Geräuschen, die vom hinteren Teil der Halle kamen, quasi entgegen.
"Hey, Leute... ich suche Annie.", sagte er und hielt beide Hände nach oben... doch zu seiner Überraschung wurden die Gesichtsausdrücke der Jugendlichen und jungen Männern, zwei oder drei Mädchen waren auch darunter, nicht freundlicher. Manche hatten einen bunten Iro, andere hatten die Haare auf andere Weise aussergewöhnlich, sie waren alle ähnlich gekleidete, manche hatten einen Baseballschläger in der Hand, Todschläger übergestreift oder waren mit einem Eisenrohr bewaffnet. Kevins mulmiges Magengefühl wurde immer stärker, als er sah, dass sich auch hinter ihm, den möglichen Fluchtweg abschneidend, einige Punks aufgestellt hatten, bis sie ihn komplett umkreist hatten. Insgesamt waren es vielleicht 15 Leute. Unter ihnen erkannte Kevin auch den roten Schopf von Annie, die jetzt zwischen ihnen sich Kevin gegenüber stellte. Er atmete erleichtert auf, doch die Erleichterung blieb ihm im Halse stecken, als er Annies feindseeliges Gesicht erblickte... und plötzlich wurde ihm schlagartig klar, dass es keine Falle war... dass man ihr die Sprühdose nicht untergeschoben hatte.
"Was soll das werden, wenns fertig ist?", fragte der Polizist mit einem kurzen Schulterzucken. "Weißt du das denn wirklich nicht... Kevin?", fragte Annie mit ruhiger Stimme, die Arme vor der Brust verschränkt... bevor ihre Stimme schärfer und lauter wurde. "Oder sollte ich lieber sagen... Bulle?" Kevin biss sich auf die Lippen... also wusste sie es... aber woher? Woher hatte sie erfahren, dass Kevin sie belogen hatte... oder zumindest seinen wahren Beruf verschwiegen hatte. "Was denn? Ist das etwa falsch? Mach ich dich damit sprachlos? Du warst doch früher nie um eine Antwort verlegen, hmm?" Annie legte den Kopf ein wenig schief und riss die Augen weit auf, als sie die Worte sagte, und sie ging ein paar Schritte hin und her, auf Kevin zu und wieder weg. "Was soll ich sagen? Ja, ich bin ein Bulle... na und?", sagte er mit seiner monoton wirkenden Stimme und blickte wieder ein wenig zur Seite. Plötzlich spürte er, wie das Vertrauen zu Annie bröckelte. Wo er vor einer Stunde noch sicher war, dass Annie ihn niemals einer körperlichen Gefahr aussetzen wollen, war er sich jetzt plötzlich nicht mehr sicher.
"Na und?", fragte Annie mit gespielt fragendem Blick. "Wir haben früher gerufen "Polizisten: Spießer, Schweine und Faschisten", als sie uns aus den besetzten Häusern gezerrt haben und Leute von uns zusammen geknüppelt haben. Wir haben Steine auf sie geworfen, weil sie die Nazi-Demos beschützt haben.", begann sie wieder mit schärferen Ton und kam Schritt um Schritt auf Kevin zu, biss sie ihn mit beiden Händen vor die Brust stieß und ihn damit nach hinten schubste, wobei sie laut schrie: "Verdammt nochmal, wie konntest du nur ein dreckiger Bulle werden??" Zwei, oder drei der Punks hinter ihm hielten ihn fest, doch Kevin war von der Situation, hinsichtlich seiner Gefühle gegenüber Annie völlig perplex, so dass er sich gar nicht wehrte.
Wie konnte sich ein Mensch nur so verändern... und das dachten in diesem Moment beide gleichzeitig. Wie konnte einer von ihnen, der damals mit am extremsten in seiner Einstellung zum System war, einfach zum Feind überlaufen. Wie konnte der junge Punk Kevin, der bei Demos mit Pflastersteinen und Molis Beamte bewarf plötzlich selbst die Uniform überziehen? Und wie konnte er sie nur belügen. Annie wusste gerade nicht, was ihr mehr zu Schaffen machte, was ihren Hass, den sie seit Jahren in sich trug und gegen Andersdenkende richtete, mehr anfachte. Die Tatsache, dass Kevin Polizist war, oder dass er sie gestern angelogen hatte... sie hintergangen hatte. Und war dieses Gefühl nur deswegen so schlimm, weil sie ihn vermisst hatte, und sie immer noch in Kevin verliebt war?
Kevin war erschrocken darüber, wie sich Annies Gefühl ihm gegenüber innerhalb von 24 Stunden geändert hatte. Gefühle, die man für einen Menschen hat, konnten doch nicht einfach in Hass umschlagen... nur weil der andere Mensch sich nicht mehr an den gleichen Idealen orientiert wie vor 14 Jahren. Es machte Kevin wütend, obwohl er vor 14 Jahren wohl selbst auch so gehandelt hätte. Vielleicht auch noch vor kürzerer Zeit, aber einer hatte ihm die Augen geöffnet... Jerry. Jerry hatte Kevin gegenüber, als er hörte dass er ein Bulle war, keinerlei Aversion, auch wenn es ihn geschockt hatte. Trotzdem hatte er ihm das Leben gerettet, und schlug sich auf die Seite seines Freundes. Er hatte den Menschen Kevin gesehen, während Annie jetzt nur den Polizisten sah.
"Wie ich ein dreckiger Bulle werden konnte?", fragte der nun provokativ, und zerrte ein wenig an den Armen, die von den Typen festgehalten wurden, die offenbar befürchteten, der Kerl könnte auf Annie losgehen. "Weil niemand das Gleiche erleben sollte, wie ich als sie Janine umgebracht haben! Darum bin ich ein dreckiger Bulle. Aber eine Uniform verändert keinen Menschen.", rief er laut und wütend, und sie kamen sich vor wie bei einem ihrer Streitigkeiten während ihrer Beziehung, die genauso wild und leidenschaftlich war, wie ihre gute Zeit. Aber jetzt ging es nicht um Belanglosigkeiten... "Ich bin immer noch der Kevin, der ich auch früher war. Ein anderer Bulle hätte dich direkt mit aufs Revier genommen, und wegen Verschleierung einer Straftat angeschissen, wenn du ihm das Versteck der Faschos nicht verraten hättest. Und was hab ich getan? Hab ich das getan?" Annie atmete immer schneller, und diese Situation belastete sie. Sie spürte den Druck, den Hass der ihr zu schaffen machte, der Hass, der gar nicht gegen Kevin ging... sondern gegen sie selbst, und den sie nun auf ihren Ex-Freund projezierte.
"Du hast mich hintergangen. DU warst nicht ehrlich zu mir.", warf sie ihm laut vor. "Wie hätte ich das sein können? Wenn ich mir sicher gewesen wäre, dass du in mir den Mensch Kevin siehst, und nicht den damaligen Punk, hätte ich es dir gesagt. Aber ich war mir nicht sicher." Und nach einer kurzen Pause setzte er etwas leiser hinzu: "Anscheinend zurecht..."