Semir's Haus - 17:30 Uhr
Als Andrea das Wohnzimmer betrat, bot sich ihr eine bizarre Szene. Auf dem Tisch die Einzelteile ihrer Wanduhr, die nie kaputt war und auch jetzt ohne Probleme funktionierte... Semir hatte sie schlicht aus dem Grund auseinander gebaut, damit sie aufhörte zu ticken. Auf dem Sofa saß ihr Mann, leicht nach links zu dessen besten Freund Ben gedreht und seine Schultern zitterten, sein Gesicht war hinter Bens Kopf auf dessen Schultern vergraben und der junge Polizist hielt seinen Partner fest... ohne etwas zu sagen, seine Hand nur sanft über dessen Rücken streichend. Semir weinte, alle Anspannung der letzten Tage, Wochen, fielen von ihm ab. Die Anspannung seine Frau nicht spüren zu lassen, dass es etwas nicht mit ihm stimmt. Die Anspannung, zuhause zu sitzen, nichts zu tun, die Geräusche, der Druck in seinem Kopf.
Ben ließ Semir Zeit, er ließ ihn weinen, er hielt ihn einfach nur fest. Sein Kopf drehte sich langsam zur Tür, wo Andrea stand, die Finger um ihre Tasche geklammert, die jetzt langsam zu Boden sank. Auch Andreas Lippen zitterten, als sie die Szene sah, ihre Augen füllten sich mit Tränen, die sie nicht zurückhalten konnte. Langsam, als würden sich ihre Beine wie Pudding anfühlen, ging sie auf das Sofa zu, setzte sich auf die andere Seite von Semir und schlang ihre Arme ebenfalls um ihn, nur von hinten und legte ihren Kopf an Semirs Rücken.
Semirs Schluchzen verebbte langsam, er drehte sich zu seiner Frau und umarmte auch sie. Und Andrea flüsterte ihm hörbar ins Ohr: "Erzähl ihm, was dir passiert ist." Sie wusste genau, dass es ihm dann besser gehen würde, wenn noch jemand seine derzeitige Situation einschätzen konnte, wenn jemand wusste, was ihm passiert war. Ben wusste nichts, er merkte wie schlecht es Semir ging und er wusste, was der erfahrene Polizist alles schon erlebt, und weggesteckt hatte, ohne psychisch aus der Bahn zu fliegen. Er blickte seinen Partner an und nickte aufmunternd, signalisierend, dass er ganz Ohr für Semirs Erzählungen sei.
Der Polizist musste durchatmen. Er löste sich von Andreas Umarmung und stemmte die Ellboden wieder auf seine Knie, nachdem er sich die letzten Tränen vom Gesicht gewischt hatte. Langsam, stockend begann er zu erzählen. "Nachdem... sie mich entführt hatten... musste ich mit ansehen, wie sie den jungen Punk getötet haben.", sagte er stockend mit einer fremden Stimme. Sie klang weit weg, sie klang wie hypnotisiert, als würde Semir alles nochmal durchleben. Doch das Erzählen war besser als jede Therapiestunde bei der Polizei-Psychologin, das spürte er direkt. "Der Anführer hat den Jungen gezwungen in den Bordstein zu beißen... und dann, dann hat er ihm einfach... den Kopf zertreten." Er schüttelte vor Grausen mit dem Kopf und Ben bekam eine Gänsehaut... es sollte nicht die Letzte sein. "So etwas habe ich noch nie erlebt. Wir haben schon Unfallopfer gesehen, Ben, die schlimmer aussahen. Aber dieses Geräusch, in dem Moment wo der Kerl zugetreten hat..." Er schluckte und verharrte kurz.
Ben ließ ihm Zeit, er fragte nichts, er hatte nur seine Hand auf Semirs Schulter ruhen. Halt, Sicherheit, Berührung, wie bei einem Menschen, dem er erste Hilfe leistete. "Später... haben sie mich in einen Raum geführt. Er sah aus wie... wie ein Duschraum. Weiß gekachelt, Rohre, aber keine Armaturen." Die Stimme des Polizisten zitterte genauso wie seine Schultern, das spürte Ben und sein Griff wurde etwas fester, um seinen Freund zu beruhigen. "Ich wusste zuerst nicht, was passiert, als sie die Tür zugesperrt haben. Bis ich gemerkt hatte... das ist eine Gaskammer." Bens Herz setzte einen Moment aus, ihn überfiel eine zweite Gänsehaut vor Grauen und Abscheu. "Ich kann dir... gar nicht beschreiben, wie ich mich gefühlt habe. Man hat soviel über den zweiten Weltkrieg gelesen und konnte sich die Gräueltaten niemals vorstellen, wie man sich gefühlt haben muss, wenn man in diese Kammern geführt wurde. Man hat nichts gefühlt... gar nichts.", flüsterte er.
Für einen Moment war es mucksmäuschenstill im Raum, nur im Obergeschoss konnte man die Kinder toben hören. Und Semirs Atem war zu vernehmen, der lauter war als sonst. "Ich hatte Todesangst, als es plötzlich überall gezischt hat, und etwas aus den Löchern der Rohre herausgekommen ist. Ich bekam Atemnot, obwohl es kein Gas war, sondern nur Wasserdampf." "Das war ja Psychoterror...", sagte Ben leise und entsetzt, während sein Partner stumm nickte. "Danach haben sie mich rausgeholt, und wollten mich genauso töten, wie den jungen Punk... bis ihr gekommen seid."
Auch der junge Beamte musste für einen Moment durchatmen und blickte zu Andrea, die stumm ihren Mann betrachtete und seinen Oberschenkel tätschelte. Semir erfuhr in diesem Moment soviel Liebe und Zuneigung, die ihm half, zu reden. Und das Reden verhalf ihm zum Verarbeiten, das spürte er sofort. Er war dankbar, beide bei sich zu haben, beide Menschen in seinem Leben zu haben. Und er war sicher, dass seine Kinder ihn jetzt ebenfalls umarmen würden, wenn sie hier unten waren, und das Kevin in seiner, zwar distanzierten aber trotzdem durch eigene schlimme Erfahrungen verständnisvollen Art jetzt hier neben ihnen stehen würde, und stumm zuhören würde, und versuchen würde, den Kummer der anderen auf seine eigenen Schultern zu laden. Semir spürte, dass er ganz und gar nicht alleine war.
"Was... was ist mit deinem Hals?", fragte Ben mit vorsichtiger Stimme, denn Semir hatte das Pflaster bisher nicht abgenommen, wenn jemand dabei war. Andrea hatte er es am Morgen, als er heimgekehrt war, gezeigt, seitdem hatte er das Pflaster immer nur gewechselt, wenn er alleine war. Jedes Mal danach war ihm übel. "Der Kerl hat mich mit einem Messer... verletzt.", wich Semir erst noch aus, aber Ben spürte, dass das nicht einfach eine Verletzung war, und der erfahrene Polizist spürte den Blick seines jungen Partners.
Langsam, beinahe wie in Zeitlupe drehte Semir sich so zu Ben, dass er das Pflaster genau sehen konnte, und mit einem Finger knibbelte er eine Ecke das Pflasters von seiner rötlich entzündeten Haut, um es langsam abzuziehen. Die Striemen, die zuerst noch dunkelrot waren, waren mittlerweile verblasst zu einer schlecht verheilten Narbe, die in ihrer Anordnung eine Swastika zeigten. "Gott...", flüsterte Ben entsetzt, angewidert und erschrocken. Angewidert von der Grausamkeit dessen, was die Männer damit einem Mann antaten, der als Ausländer nach Deutschland kam und sich hier perfekt integriert hatte. Ihn mit einem rechtsradikalen, längst verbotenen Symbol zu brandmarken, das war an Grausamkeit schwer zu überbieten.
Mehr konnte er dazu nicht sagen, er nickte stumm und Semir klebte das Pflaster wieder über die Stelle. Es hielt nicht mehr richtig, und er würde es nachher wechseln müssen. Die drei schwiegen für einige Minuten, denn Ben fielen nicht die richtigen Worte ein, wie er seinem Partner helfen könnte, und das brachte er auch zum Ausdruck. "Du brauchst nichts zu sagen, Ben... ich fühle mich schon besser, jetzt wo du alles weißt." Diese Worte taten dem jungen Beamten gut, und er war froh, Semir auf diese Art und Weise zu helfen.
"Aber ich brauche wieder meine Arbeit. Ich werde hier zu Hause wahnsinnig. Ich weiß, dass ich überreagiert habe direkt danach... aber so geht es nicht weiter. Die Chefin will mich nicht arbeiten lassen, bevor ich in der Therapie keine Fortschritte erziele.", sagte der Polizist hilfesuchend. "Und wenn du dich in der Therapie einfach so öffnest wie hier. Erzähl der Psychologin, was sie wissen will, damit sie es als Fortschritt verbucht, und dann kommst du zurück. Und ich passe dann schon auf dich auf... das konnte ich bisher nicht, weil ich nicht wusste was los ist.", sagte Ben ermutigend. Er wünschte sich so sehr, dass sie wieder zu dritt ermitteln würden, gerade jetzt in diesem kompliziert wirkenden Mordfall. Semir nickte nachdenklich: "Ich glaube, es ist die einzige Möglichkeit..."