Dienststelle - 10:30 Uhr
Semir und Ben konnten sich die morgendliche Streife sparen, da sie auf ihren Besuch aus den Niederlanden warteten. Unglücklich waren sie, bei einem Blick aus dem Fenster, ganz und gar nicht. Das Schneegestöber in Verbindung mit Wind wurde immer dichter, so dass die Autobahn immer mehr im Dickicht verschwand. Es war ganz und gar keine Freude bei diesen klimatischen Bediengungen vielleicht irgendwo auf dem Seitenstreifen zu stehen und Pannenhilfe zu leisten, oder einen Unfall auf zu nehmen. Das Großraumbüro dagegen lief auf Notbetrieb. Nur Andrea, Pia am Funk, die Chefin und Holger am Telefon waren da, alle anderen Beamten im Einsatz, da es bei diesem Schneetreiben massenhaft Unfälle gab. Jedes Jahr schüttelten die Autobahnpolizisten den Kopf über den Leichtsinn mancher Menschen, selbst im Januar noch mit, meist abgefahrenen Sommerreifen unterwegs zu sein.
"Hoffentlich kommt Bakker auch hier an bei dem Wetter.", meinte Semir im warmen Büro. "Das wird ja nicht der erste Schnee sein, den der Mann erlebt.", war Bens Antwort, der mal wieder den Tennisball in Richtung Basketballkorb warf, aber verfehlte. "Vielleicht war es nicht so gut, ihm am Telefon zu sagen, dass er ne andere Route nehmen soll, wegen dem Attentat.", überlegte der erfahrene Autobahnpolizist und strich sich mit einem Finger über die hohe Stirn. Ben verharrte kurz und sah seinen Partner etwas fragend an.
"Naja... wenn ohne unsere Warnung nichts passiert wäre, dann hätte das zumindest ein Hinweis sein können, dass er vielleicht die Stelle ist." Es waren nur Gedanken, die Semir durch den Kopf gingen, und die er frei aussprach. Ihm war es wichtig, dass er das bei Ben, seinen Partnern generell, tun konnte. Auch wenn er manchmal sprach, ohne nochmal nach zu denken, aber das passierte ja jedem Mal. "Ein ziemlich schwacher Hinweis.", war Bens Antwort, und Semirs bester Freund legte den Kopf ein wenig schief. "Wir hätten damit wissentlich sein Leben riskiert. Mir ist kein Hinweis dann lieber, als einen Kollegen so einem schießwütigen Attentäter auszuliefern. Vor allem, da wir uns Informationen von Bakker erhoffen." "Ja... stimmt auch wieder. Hast recht."
Ben grinste ein wenig, rollte mit dem Stuhl um den Tisch zu seinem Partner und trat ihm freundschaftlich ans Schienbein. "Bist ein wenig eingerostet, dort oben?", fragte er und streckte schelmisch die Zunge heraus. Semir stand, gespielt erbost auf und hob eine Faust. "Pass bloß auf. Hast ja gestern gesehen, was passiert, wenn man mich provoziert." Beide lachten befreit, und spürten im selben Moment, dass es gut war, dass sie scherzhaft über gestern dachten. Ben war sogar erleichtert darüber, weil er merkte, dass Semir damit umgehen konnte, und sagte wieder etwas ernsthafter: "Ich bin echt froh, dass du wieder da bist.", und dabei legte er eine Hand auf die Schulter des kleinen Polizisten. Auch wenn er mit Kevin gut klar kam, und mit ihm gute Arbeit machte... mit Semir zusammen war es einfach etwas anderes, viel vertrauteres. Und Ben fand es unendlich schade, dass Kevin dieses "Vertraute" einfach nicht gelang.
Gegen 11 Uhr hielt ein dunkler Mercedes mit niederländischem Kennzeichen auf dem, vom Hausmeister geräumten Parkplatz der Dienststelle an. Ein etwas runderer Mann in den Vierzigern stieg im Mantel aus und hatte einen recht altmodischen Schlapphut auf, so dass man von seinem Gesicht nicht viel erkennen konnte, aus der Beifahrertür stieg ein drahtiger, junger Mann aus, in Jeans und Kapuzenpullover. Auf einer Abifeier wäre er wohl kaum aufgefallen, so jung sah er aus, und kleidete sich dementsprechend. Beide meldeten sich an der Pforte an und wurden in die Dienststelle gelassen, nachdem sie sich als Huub Bakker und Andrew Keertzel ausgewiesen hatten. Holger führte sie in das Großraumbüro und wies mit dem Finger geradeaus in Richtung der Glastür zu Semirs und Bens Büro.
Dort klopfte Huub mit dem Finger an die Scheibe und trat danach ein. Die vier Polizisten begrüßten sich und schüttelten sich die Hände. Huub nahm seinen Schlapphut ab, darunter lag ein leicht faltiges Gesicht für dieses Alter, welches er mit einem Schnauzbart versuchte aufzubessern. Ein Goldzahn blitzte beim Lächeln aus dem Mundwinkel. "Ich hatte das Gefühl, wir fahren nach Österreich.", sagte der Mann mit unüberhörbaren holländischen Akzent und bezog sich auf das Schneetreiben draussen. Ben bot den beiden Männern Kaffee an und man hielt kurz Smalltalk. So erfuhren die beiden Autobahnpolizisten von Bakker zum Beispiel, dass er 10 Jahre lang in Niedersachsen seinen Polizeidienst verrichtete, und deshalb so gut deutsch sprechen könne.
Danach kam man aufs Wesentliche zu sprechen. Ben erzählte den beiden holländischen Kollegen nochmal, was man bisher herausgefunden hatte. Der Mord an Björn Bachmann, die Telefonliste und das Auftauchen der niederländischen Nummer, die zu dem Sportgeschäft gehöre. Und die Information der Versicherung, für die Bachmann gearbeitet hatte, dass es in dem Sportgeschäft schon dreimal gebrannt hatte und man jeweils immer die Versicherungssumme kassiert hatte. Diese Information war neu für Huub Bakker und sein Partner machte sich Notizen auf holländisch. "Das ist auch eine Art, sein Unternehmen zu finanzieren.", meinte der Polizist. "Sie sagen das in einer Art, die nicht unbedingt auf das Unternehmen Sportgeschäft schließen lässt.", vermutete der jüngere deutsche Polizist, nachdem sein Bericht geendet hatte.
"Da haben sie verdammt recht, Herr Jäger.", pflichtete ihm Bakker bei und nickte. Aus seiner Tasche zog er eine Ermittlungsmappe und schob sie den beiden Polizisten hin. "Dieses Sportgeschäft steht schon lange bei uns im Verdacht die Zentrale einer kriminellen Organisation zu sein. Alles, womit man illegal Geld machen kann." Semir schlug die Mappe auf und las, eher überflog Verhöre, Bilder von Verdächtigen und verschiedene Auflistungen von Straftaten. "Prostitution, auch illegal jung, Schleuserkriminalität, Waffenschieber, auch Drogenhandel. Ein All-in-One-Betrieb quasi. Der Organisation wird auch Kontakte zu Rockerbanden wie den Hells Angels nachgesagt."
Ben, der ebenfalls neben Semir Blicke in die Mappe warf nickte anerkennend. "Schwere Fische." "Die schwersten, die es momentan in der Nordsee zu fischen gibt. Wir ermitteln in einer Sonderkommission schon einige Zeit in dem Metier. Mit mäßigem Erfolg, wenn ich ehrlich bin." "Ist der Name Björn Bachmann bei ihren Ermittlungen aufgetaucht?", fragte Semir und sah von der Mappe auf. Bakker schüttelte den Kopf: "Wir wissen aber von Kontakten nach Deutschland. Ob das der Kontakt war... keine Ahnung. Das gilt es, heraus zu finden." Semir sah zu Ben und nickte kurz. Dann griff er zum Telefon: "Frau Engelhardt, haben sie kurz Zeit?" Ein kurzes Nicken, dann legte er auf. "Lassen sie uns kurz das Büro wechseln. Ich denke, diese neuen Informationen sind auch für unsere Vorgesetztin interessant."
Die vier Polizisten wechselten also von den Bürostühlen auf die gemütliche Ledercouch-Garnitur im Büro von Anna Engelhardt. Die Erkenntnisse wurden nochmals ausgetauscht. "Ich würde mich freuen, wenn sie uns unterstützen würden und neue Erkenntnisse an uns weiterleiten würden.", sagte Bakker, nachdem man die Chefin ebenfalls informiert hatte. "Im Gegenzug werden wir ihnen natürlich alle Informationen zukommen lassen, die ihnen helfen den Mordfall zu lösen." Die Bereitschaft zur Zusammenarbeit war sehr angenehm, sonst waren Ben und Semir es gewöhnt, dass eine andere Dienststelle ihnen am liebsten den Fall sofort wegnahm, weil er mit einem größeren Verfahren zu tun hatte.
"Wir sind immer an Zusammenarbeit interessiert, wenn es ihnen und uns hilft, Herr Bakker.", sagte Anna Engelhardt von ihrem Schreibtisch aus und fügte hinzu: "Ich frage mich nur: Eine kriminelle Organisation, die alles betreibt mit dem Ziel des Gewinns braucht Versicherungsbetrugsfälle, um sich zu finanzieren?" "Es ist ein Teil des Gewinns, Frau Engelhardt. Versicherungsbetrug gehört zum Geschäft.", antwortete Bakker. "Aber warum benutzt man dazu die Zentrale? Warum nicht irgendeine Immobilie, die man besitzt, warum geht man das Risiko ein, bei einem Brand die Zentrale zu verlieren?", fragte der jüngere deutsche Polizist. Huub Bakker nickte ob des Einwands und bemerkte: "Das ist eine gute Frage. Wobei sie sich nicht täuschen sollten. Es ist nicht so, dass im Keller des Sportgeschäftes ein Bordell eingerichtet ist, und dort im Safe Drogen lagern. Wir haben dieses Geschäft schon mehrfach durchsucht. Es scheint nur als Treffpunkt zu dienen, als zentrale Anlaufstelle um Gespräche zu führen. Der Nachtclub als solche Anlaufstelle, wie es früher einmal war, scheint zu klischeebeladen zu sein." Den letzte Satz sagte er mit einem Grinsen.
Doch noch ein weiteres Thema brannte Ben auf der Zunge. "Halten sie es für möglich, dass es in ihrer Soko eine undichte Stelle gibt? Wir hatten sie ja gewarnt, die direkte Route zu fahren." Bakker nickte: "Darüber habe ich mir, nachdem sie von ihrem Anschlag erzählt haben, auch schon Gedanken gemacht. Wir wollen eine Untersuchung einleiten, die von zwei meiner vertrautesten Mitarbeitern durchgeführt werden soll, denen ich absolut vertraue. Ich werde sie informieren, wenn wir etwas herausfinden." "Ich würde vor allem bei denen anfangen, die wussten, dass wir die Tage zu ihnen kommen wollten." Der holländische Kommissar dachte nach, daran hatte er nicht gedacht. Denn er hatte von dem Treffen niemandem mehr an diesem Tag erzählt, denn er war alleine im Büro. Ben und Semir bemerkten die Unsicherheit, als Bakkers Blick auf das Telefon auf dem Schreibtisch der Chefin fiel...