Bachmanns Wohnung - 16:30 Uhr
Draußen dunkelte es bereits. Der Schneefall hatte gegen Nachmittag endgültig aufgehört, und die ganze Stadt verharrte nun unter des Winters kalten weißen Glanz. Nur der städtische Winterdienst hatte etwas dagegen, und sorgte dafür, dass immerhin ein dunkler Streifen Straße sich von dem weißen Einerlei abhob. Ben, der mit einem mulmigen Gefühl die Treppen nun ganz nach oben stieg, hielt den Schlüssel für Björn Bachmanns Wohnung in der Hand. Er hatte die Befürchtung, sie würden etwas finden. Er hatte die Befürchtung, gleich runter zu Carina gehen zu müssen, und ihr eine unangenehme Wahrheit über ihren geliebten Bruder erzählen. Ben hatte selbst Geschwister, eine Schwester um genau zu sein, und er konnte gut nachfühlen, wie mies sich das anfühlen musste.
Mit leicht zitternden Fingern sperrte der Polizist die Tür auf, und die beiden Freunde traten ein. Die Wohnung war exakt so geschnitten, wie die Wohnung von Carina, sie war nur spartanischer eingerichtet. Praktischer, weniger Dekoration, weniger Farben. Man merkte sofort, dass hier ein Mann gewohnt hatte, der sich nicht viel darum scherte, ob es nun gemütlich war, oder nicht. Viel zu Hause schien er nicht gewesen zu sein. Die Wohnung hatte ebenfalls ein Wohnzimmer, ein Badezimmer, Küche und einen weiteren Raum.
Der Raum schien für Semir und Ben am Interessantesten zu sein, sah er doch aus wie ein typisches Arbeitszimmer. Ein Schreibtisch mit Laptop, Unterlagen, Akten, ein Bild von seiner Schwester und seiner Mutter, offenbar schon einige Jahre her. Ausserdem ein dunkelbrauner Schrank, in dem mehrere Ordner standen. "Dann wollen wir mal.", meinte der kleingewachsene Kommissar, und die beiden machten sich an die Arbeit. Ben klappte als erstes den Laptop auf und schaltete ihn ein, doch das Betriebssystem war passwortgesichert. Der Polizist probierte ein paar Standardpasswörter wie "123", "password" oder "admin". Auch den Namen der Mutter und den Namen der Schwester probierte er, doch nichts funktionierte. "Nehmen wir für Hartmut mit.", meinte er dann zu Semir.
Der wiederrum hatte sich bereits zum untersten Gefach des Schrankes gebeugt, nahm nacheinander Ordner aus dem Schrank und blätterte. Natürlich stellte er alles zurück, er hinterließ keine Unordnung, wie manch andere Kollegen, die bei Durchsuchungen wie ein Berserker wüteten. Doch ausser Steuererklärungen, allerlei Rechnungen, Versicherungspolicies seiner eigenen Versicherungen, die seiner Schwester und seiner Mutter, fand er nichts was interessant war. An einem Ordner blieb er hängen und las ein wenig.
"Die Mutter ist schwer demenzkrank.", sagte er, ohne von dem Ordner aufzusehen, während Ben mittlerweile bei den Schubladen des Schreibtisches war. "Ich weiß.", war nur dessen kurze Antwort. Semir blickte kurz hoch zu Ben... es war kein misstrauischer oder mahnender Blick... er war... komisch. Ben konnte ihn nicht deuten. "Was?" "Ach, nichts...", würgte Semir ab. Nein, er wunderte sich nicht... wundern war in diesem Falle ein blödes Wort, und er hätte das Gefühl, dass er gerade bekam, nicht richtig ausdrücken können, ohne dass es vielleicht falsch rübergekommen wäre. Aber Semir hatte natürlich ein wenig gemerkt, dass Ben nicht aus Langeweile öfters hier war. Ob es nun schon eine leichte Verliebtheit war, oder einfach sein Helfergen... sich in solch ein freundschaftliches Verhältnis zu begeben konnte für den jungen Polizisten eine große Abhängigkeit bedeuten. Vor allem als er las, dass die Geschwister Hilfe vom Staat bekamen, weil sie die Mutter privat zu Hause pflegten.
Ben war für Carina scheinbar ein wenig der Ersatzbruder, der rettende Engel, weil sie es alleine nur schwer schaffte. In so einer Situation konnte man dann nicht nach einigen Monaten einfach sagen: "Okay, das wars." Vor allem nicht, wenn vielleicht Bens Verliebtheit nicht auf fruchtbaren Boden bei der jungen Frau fiel.
Ein wenig gedankenverloren stellte Semir den Ordner wieder weg. Er dachte, dass es ihm scheinbar wirklich wieder gut gehen musste, wenn er sich soviel Gedanken um seinen Partner machte, statt um sich selbst. Er strich sich über das Pflaster am Hals und suchte weiter, doch nach einer halben Stunde gaben sie auf. "Entweder hat hier jemand bereits sauber gemacht, oder Björn Bachmann hat hier einfach nichts gelagert.", meinte Semir, als er sich den Laptop unter den Arm klemmte. "Ja, oder Björn hat einfach keinen Dreck am Stecken.", meinte Ben achselzuckend.
Sie verließen die Wohnung wieder und kehrten zu Carina zurück. Die musste einen Beleg unterschreiben, den Semir fix anfertigte, dass man den Laptop beschlagnahmte. Sie schaute zwar etwas befremdlich, aber setzte ihre Unterschrift unter das Papier, während die Mutter im Hintergrund am Fernseher saß. "Als wir eben kamen, ging ein Mann unten die Tür heraus. War der bei euch?", fragte Ben mehr beiläufig, als Carina den Stift hielt. Sie sah sofort auf: "Ein Mann? Achja, der hatte sich im Haus vertan. Der wollte eigentlich zwei Häuser weiter.", antwortete sie. Die älteren Mehrfamilienhäuser in dieser Straße glichen sich wirklich sehr. Kannte man sich nicht aus, und hatte nicht die genaue Hausnummer, konnte man sich leicht verlaufen.
"Der Mann hatte sich doch mit dir unterhalten.", sagte die Mutter aus ihrem Fernsehsessel plötzlich und sah zu den drei Erwachsenen herüber. "Ja, Mama. Aber er hat nur gefragt, ob das die Hausnummer 13 ist. Aber da war er falsch." Bens Herz schlug ein wenig schneller und Semir sah die ältere Frau aufmerksam an, die scheinbar mit der Antwort ihrer Tochter nicht zufrieden war. "Nein, nein. Ihr habt euch laut unterhalten. Ich dachte, ihr streitet sogar. Und er hat ständig Björn erwähnt." Das Herz des Polizisten schlug noch etwas schneller und fester und Semirs Blick fixierte nun Carina unangenehm. "Meine Mutter ist krank. Sie hat Alzheimer, und redet öfters mal Zeugs, was nicht passiert ist.", sagte Carina lächelnd.
Semir wandte sich an Hermine Bachmann: "Frau Bachmann... wissen sie denn über was die beiden geredet haben?" Er wusste natürlich, dass die alte Frau durch ihre Krankheit längst vergessen haben könnte, aber ein Versuch war es wert. Doch Frau Bachmann sah den kleinen Polizisten nur ausdruckslos an, sie schien zu überlegen und sah dann wieder zum Fernseher. Eine Minute verging, zwei Minuten, bis sie wieder zu Semir blickte, und die Frage vergessen zu haben schien. "Wann werden sie Björn eigentlich finden?", fragte sie dann mit ernster Miene. Semir und Ben sahen sich kurzeinander an, und Ben schüttelte den Kopf, was bedeutete: "Lass, das hat keinen Zweck." "Lassen sie nur.", meinte Carina, um den kleinen Polizisten nicht zu einer Erklärung oder einer Antwort zu nötigen.
Als die beiden Polizisten dann gleichzeitig einen Blick auf den Fernseher warfen, wurden sie abgelenkt von dem, was dort zu sehen war. Ein Mann und eine Frau schienen sich dort zu streiten, und der Mann sagte laut: "Ich wusste es doch. Warum hast du es nicht zugegeben? Du hast mich mit Björn betrogen! Wie kannst du nur!" Bens Herzschlag wurde langsamer und er schien fast aufzuatmen. "Da sehen sie...", meinte Carina noch und auch Semir schien zu verstehen. Hermine Bachmann hatte die Serie mit dem Leben verwechselt, ein typisches Symptom dieser schrecklichen Krankheit. "Tut uns leid, Carina...", meinte Ben, aber die junge Frau schüttelte den Kopf. "Du weißt doch... ich bin es gewohnt." "Wir müssen nun auch wieder. Danke für ihre Kooperation, Frau Bachmann.", verabschiedete sich Semir. Ben und Carina umarmten sich nochmal kurz, bevor die beiden Polizisten die Wohnung verließen.