Beiträge von Campino

    Ich hab für Actionheld 2.0 jetzt mal ne kleine Zusammenfassung meiner bisherigen Storys geschrieben.

    Wenn irgendjemand, entweder einer der Stammleser oder jemand, der erst später zu meinen Storys gestoßen ist, da die alle aufeinander aufbauen, mal haben möchte um über einige Hintergrundinfos informiert zu sein, so möge er sich melden ;)

    Dienststelle - 9:00 Uhr


    Ben hatte es keine Ruhe gelassen. Das Gespräch mit Semir hatte sich tief in ihn gebrannt, die Frage danach, wie seine Gefühle um Carina wirklich standen. Das Aufbürden der Verantwortung, wenn er ihr wirklich mit ihrer Mutter half, er konnte wirklich sehr schlecht dann einfach sagen "Tschüss, auf Wiedersehen.", wenn es nicht zu einer Beziehung mit Carina kam, aus welchen Gründen auch immer. Und da sie immer noch in dem Mordfall ermittelten, war es sowieso nicht ratsam, jetzt eine Beziehung einzugehen. Semir hatte mit seinen Worten mal wieder ganze Arbeit geleistet, und Bens Kopfeinrichtung ordentlich umgestellt, und gestern ließ er sich bei Carina wegen Unwohlsein entschuldigen um abends mit einem schlechten Gewissen zu Hause zu sitzen.
    Morgens waren die Gedanken nicht weg, sie wurden nur verdrängt von anderen Gedanken... nämlich von dem des Fremden, der Ben in Carinas Haus entgegen gekommen ist. Der Gedanken kam heute morgen, als Ben mal wieder mindestens viermal sein Handywecker nach dem Klingeln um 5 Minuten nach hinten gestellt hatte, um sich im warmen Bett nochmal umzudrehen. Wer war er, was hatte er bei Carina zu suchen? Die Erklärung der Mutter, es kam Carina gerade recht... sie war beinahe erleichtert, als er und Semir das Fernsehprogramm und die Verwirrtheit der Mutter richtig definierten. Und Ben selbst war auch ganz froh darüber, denn zumindest hegte damit Semir keinen Verdacht gegen Carina, und nun schwoll der Verdacht ausgerechnet bei Ben?


    Der Gedanke ließ ihm keinerlei Ruhe, und so nutzte er die Zeit im Büro und seine IT-Hilfsmittel, um sich ein wenig seiner Gedanken zu entledigen. Dazu rief er die größte Datenbank von vorbestraften Bundesbürgern auf, die er im Polizeintranet finden konnte, kochte sich die zweite Tasse Kaffee und begann zu klicken. Zuerst hatte er die Rubrik auf "Alle" stehen, und wusste beim Blick auf die Zahl unter den Bildern, dass er das heute nicht mehr schaffen würde. Also setzte er den Filter auf "Organisierte Kriminalität", und die Arbeit verringerte sich von Tagen zu Stunden. Die rechte Hand auf der Maus, die linke unterm Kinn und den Ellbogen aufgestützt, die Augen konzentriert und fokussiert auf den Monitor gerichtet.
    "Ach, ist das schön wenn man einen eifrigen Kollegen hat, der einem hilft den Papierkram zu erledigen, damit man schneller fertig ist.", flötete Semir vom Tisch gegenüber in Bens Richtung und klang dabei höchst ironisch. Es half ihm nämlich gerade niemand und sein bester Freund schien mit anderen Dingen beschäftigt zu sein, zumindest konnte Semir beobachten, wie er höchst konzentriert auf den Monitor starrte. "Guckst du nen Porno?", fragte er grinsend und bekam zur Antwort nur ein "Hmm", das weder bejahend klang, noch verneinend.


    Spätestens da merkte Semir, dass Ben ihm nicht zuhörte. Für einen Moment hatte er das Bedürfnis aufzustehen, und mal zu sehen, was Ben da trieb. Natürlich sah er sich keinen Porno an, aber irgendwas schien ihn völlig seiner Konzentration zu benötigen. Aber der erfahrene Polizist widerstand dem Drang und der Neugier, er seufzte nur, und erledigte weiter den Papierkram, der sich in den letzten Wochen aufgetürmt hatte, als er im Krankenstand war. Das einzige Geräusch, das ihm Büro der beiden zu dieser Zeit zu hören war, war das Ticken ihrer Wanduhr und das regelmäßige Klicken von Bens Maus, bis er schließlich bei einem Foto stehen blieb, das sein Herz kurz in die Hose rutschen ließ.
    Die Gesichtszüge des Mannes kamen ihm sofort bekannt vor, als würde sich eine Schablone in seinem Kopf in Sekundenschnelle über das Gesicht legen, das er gerade anstarrte und die Formen passten sofort. Der Blick, die grünen Augen, sogar den Ohrring am linken Ohr hatte er auf dem Foto an. In Verdacht stehend, Mitglied einer straforganisierten Bande zu sein, die in der organisierten Kriminalität zu Hause war... spezialisiert auf Erpressung und Betrug. Seine Name war Konstantin Drager. Ben spürte, wie sein Mund trocken wurde... und er wusste sofort, dass dieser Kerl nicht das Haus verwechselt hatte, und Carinas Mutter doch nicht die Realität mit dem Fernseher verwechselte. Aber Carina kam diese Verwechslung gerade recht.


    Der Polizist schloß das Suchfenster an seinem PC und stand auf, mit einer Hand die Jacke vom Stuhl ziehend. "Was ist denn jetzt los?", fragte Semir, der von der überraschenden körperlichen Bewegung seines Partners kurz erstaunt aufblickte. "Ich muss kurz in die Stadt, was privates erledigen. Ich bin in ner Stunde wieder da.", sagte Ben kurz angebunden und war bereits auf dem Weg nach draussen, Semir mit erstauntem Gesichtsausdruck zurücklassend. Der seufzte kurz und ließ die, zuerst erstaunt in die Höhe gereckten Arme langsam wieder auf die Tastatur sinken. "Da hat Kevin in der kurzen Zeit ja ganz schön abgefärbt mit seinen Alleingängen...", murmelte der erfahrene Polizist. Aber er vertraute Ben genug, um ihn ziehen zu lassen und nicht wie ein Aufpasser hinterher zu rennen.
    Ben war dafür sehr dankbar... er wollte alleine mit Carina sprechen. Sie konfrontieren damit, dass sie ausgerechnet den Besuch eines, im organisierten Kriminalitäts-Milieu vorbestraften Mannes leugnete während die Spur von Björns Mörder in die selbe Richtung führte. Das war nun wirklich des Zufalls zuviel. Die Ausrede der Mutter kam ihr gerade recht, die sie auch dankend annahm, und somit die Krankheit der Mutter ausnutzte. Der junge Polizist konnte nicht glauben, dass Carina so eiskalt war und vermutete eher eine Art von Druck. Nur wirklich zusammensetzen ließ sich dieses Puzzle nicht.


    Sein Magen krampfte sich zusammen, als er in Carinas Straße einbog und den Mercedes langsam über den Asphalt rollen ließ auf der Suche nach einer freien Lücke am Straßenrand. Gerade als er eine entdeckt hatte, sah er ihn vor Carinas Haustür stehen. Offenbar klingelte er vergeblich, den die Tür öffnete sich nicht. Seine Schirmmütze hatte er diesmal nicht auf, den der Himmel war heute herrlich klar und es war bitterkalt, seine Haarsträhne konnte Ben aber trotzdem gut erkennen. Ohne merkbar zu verlangsamen oder beschleunigen fuhr er an der Adresse vorbei und drehte den Dienstwagen in einer Seitenstraße, um in der Fahrzeugkolonne dahinter zu parken. Unsichtbar für den Mann vor Carinas Haustür und trotzdem fähig, ihn zu beobachten.
    Nur wenige Momente später kam Carina, den Rollstuhl ihrer Mutter vor sich herschiebend, die darin saß und dick verpackt war, gegen die Kälte. Zum Glück kam sie von der anderen Seite, und ging so nicht an Bens geparktem Auto vorbei. Sie redeten, sie unterhielten sich und Ben versuchte über die Körpersprache zu lesen, denn verstehen konnte er die beiden nicht... zu weit weg war er, zu laut war der Autolärm. Drager nahm die Hände nicht aus den Manteltaschen, seine Miene war ernst, manchmal lächelte er überlegen, aber unsympathisch. Carinas Gesichtsausdruck dagegen war nicht verängstigt oder eingeschüchtert, aber ablehnend. Sie unterhielten sich nicht laut, aber angeregt, und offenbar schienen dem Mann Carinas Worte nicht zu passen, denn sein Gesichtsausdruck wurde immer ärgerlicher und die Überlegenheit fiel. Als er einen Schritt drohend auf Carina zuging, hatte Ben bereits den Hand am inneren Türgriff, doch es blieb bei einem Schritt, vor dem die junge Frau nicht zurückwich. Ben zückte sein Smartphone und schaffte es, zwar leicht verwackelte aber nah herangezoomte Bilder zu schießen.


    Die Unterredung blieb kurz, und es schien, als würde Carina Drager einfach stehen lassen, als sie die Tür aufschloß und im Haus verschwand, ihre Mutter voranschiebend, die scheinbar ständig etwas sagte, aber von Carina ignoriert wurde. Das Gesicht des Kerls, als er sich von dem Haus abwandt und in Bens Richtung ging, erschrak den Polizisten für einen Moment... feindseelig, wütend... der Mann kochte, bevor er sich in einen Wagen gleiten ließ, der einige Autos vor Ben am Straßenrand stand. Der Polizist entschied sich gegen eine Konfrontation mit Carina und hielt es für klüger, Drager unauffällig zu folgen. Mit einer schnelle Drehung am Schlüssel wurde der Dienstwagen gestartet und sich zwei Autos hinter dem dunkelblauen Audi in den laufenden Verkehr eingeordnet.

    Bogota Flughafen - 20:00 Uhr


    Nach 12 Stunden Flug in einer, nicht unbedingt bequemen Business-Class, lernt man erst die Komfortabilität eines Autos zu schätzen. Es war einer von vielen Gedanken, die Kevin durch den Kopf ging, als er mehrere Kilometer über dem Boden in Richtung Kolumbien schwebte. Ausserdem waren da einige Gesichter in seinem Kopf, die ihm immer abwechselnd mal mehr, mal weniger den versuchten Schlaf raubten, um die Flugzeit gedanklich zu verkürzen. Annie, für die er sich die schlimmsten Horrorszenarien ausmalte, Ben und Semir von dem jungen Polizisten bitter enttäuscht und wütend, die ihn an der Tür zur Autobahndienststelle abwiesen und am schlimmsten waren die Gedanken an Jenny. In Kevins Gedanken hatte Jenny seine Drohung wahr gemacht, und der Polizist fand die gemeinsame Wohnung bei seiner Rückkehr leer vor. Nur ein kahler Zettel lag am Fußboden, auf dem stand: "Du hast alles kaputt gemacht."
    Es versetzte ihm Stiche in die Brust, und er hatte in den 12 Stunden mehrmals den Entschluss gefasst, am Flughafen Jenny anzurufen, sich zu entschuldigen und mit der nächsten Maschine heimzufliegen. Doch es dauerte nur Minuten, und Annie meldete sich mit dem nächsten Schreckensszenario, sein alter Dämon schubste ihn auch nochmal an und erinnerte ihn an sein Versagen bei seiner Schwester Janine. Eine Option war es noch, die Tür des Fliegers aufzureißen, nochmal zu winken und herunter zu springen.


    Als der Flieger recht sanft auf der Landebahn aufsetzte und der Polizist aus dem kleinen Fenster blickte, fühlte er sich in eine andere Welt versetzt. Die Luft über der nahen Großstadt schien zu stehen, es war diesig und der dunkelblaue Himmel war fast nicht zu sehen, geschweige denn erste Sterne. Auf Urlauber machte der recht alt wirkende Flughafen auch nicht unbedingt den willkommensten Eindruck, doch Kevin achtete darauf nicht. Sofort traf ihn, etwas unerwartet wenn man schon drei Monate Kälte gewöhnt war, die warme Luft und er hatte sich seine Jacke unter die Arme geklemmt. Im Terminal war es recht ruhig, kein Vergleich mit Ferienorten wie Mallorca oder der Türkei, wo es wie auf dem Rummel zuging. Nur wenige Leute warteten am klappernden Laufband auf Gepäck und der Polizist nahm seine drei Taschen in Empfang. Eine Sporttasche mit Kleidung, und zwei kleinere Taschen, in denen er jeweils 25 000 Euro verpackt hatte.
    Er hoffte, hier am Flughafen Schließfächer zu finden, und wurde fündig. Sie waren zwar nicht modern wie in Frankfurt, aber sie würden ihren Zweck tun... hoffte Kevin zumindest, als er eine der beiden Taschen dort einschloß, und den Schlüssel in die Gesäßtasche seiner Jeans schob.


    Aus der kühlen, immerhin klimatisierten Halle trat er in Shirt und offenen kurzärmeligen Hemd an die warme, aber stickig wirkende Luft. Er war müde, war er doch jetzt durch den Jetlag schon 17 Stunden auf den Beinen, und es war erst 20 Uhr hier in Kolumbien. Rechts von ihm war ein Taxistand, und die Großzahl an Autos, die hier fuhren, stammten noch aus den 80ern und 90ern. Einige Anzugträger, mit dicken Brillis und noch dickeren Zigarren stiegen allerdings auch in moderne Mercedes und BMW.
    Der Polizist ließ den Blick herumreichen, bis ihm ein Mann auffiel, der gezielt auf ihn zusteuerte. Er hatte einen südamerikanischen Hautteint, pechschwarze schulterlange Haare zum Zopf gebunden und sein muskulöser Oberkörper steckte in einem dunkelgrünen Tanktop. Es war für Juan wohl nicht schwer, den deutschen Polizisten aus den gut 25 Mann, die gerade mit dem Flieger aus Deutschland ankamen, herauszufinden... denn er war der einzige, der nicht wie ein typischer Tourist sofort die wenigen Reisebusse ansteuerte, die in die Urlaubsregionen fuhren, und er ging nicht wie ein Geschäftsmann sofort Richtung Taxistand oder zur Autovermietung. Er kam aus dem Flughafengebäude, sah sich um und steckte sich erst mal eine Zigarette an.


    "Kevin? Kevin Peters?", fragte er mit unüberhörbaren spanischen Akzent, aber ansonsten perfekten Deutsch. Kevin nickte, nahm die Zigarette zwischen Zeige- und Mittelfinger und die beiden Männer schüttelten sich kurz die Hände. "Nenn mich Juan. Dann wollen wir mal, ab gehts." Es schien zuerst so, als sei sein kolumbianischer Reiseführer auch kein Freund vieler Worte. Doch sie waren noch nicht an dessen Auto angekommen, da zeigte der Mann mit dem Pferdeschwanz, dass er sich auch vielfältig auf Deutsch erklären konnte. "Du glaubst nicht, was mich diese Scheisse von meiner eigentlich Arbeit abhält. Pass auf, das ganze läuft hier genauso ab, wie ich es dir sage, alles klar? Ich weiß ja nicht, in welchen Kreisen du in Deutschland verkehrst... ich kann dir nur sagen: Hier ist es anders."
    Er steuerte auf einen ziemlich alten, verdreckten Jeep zu, in den Kevin mit seinen zwei Taschen auf der Beifahrerseite einstieg. Als Juan sich auch hinter das Steuer geklemmt hatte, legte er den linken Arm über das dünne Lenkrad und sah zu Kevin herüber. "Wo ist das Geld?" Kevin grinste: "Bist du so misstrauisch Freunden von Zack gegenüber?" "Weil ich ein Freund von Zack bin, weiß ich auch dass er so mit der größte Bescheisser östlich des Atlantiks ist. Also?" Mit einer Bewegung reichte der Polizist seinem Reiseführer die Tasche, und Juan machte in aller Ruhe den Reissverschluss auf, und sah hinein. Nachdem er ein paar Bündel auf Seite gelegt hatte, schien er sofort zu merken, dass es keine 50.000 waren. "Was soll das? Ich sagte, Zahlung im Voraus." "Auch wenn du hier in Kolumbien den Durchblick hast, heißt das nicht, dass ich ein Vollidiot bin. Ich geb dir das Geld, und du haust damit ab? Sobald wir Annie gefunden haben, kriegst du den Rest." Nun war es Juan, der grinste. Er mochte es, dass der Mann neben ihm scheinbar keine Angst hatte, und so versuchte er ihm, die Sorglosigkeit etwas zu nehmen: "Hör mal, mein Freund. Wenn du hier an den Falschen gerätst, schneidet der dir auch für ein Zehntel der Tasche die Brust auf, verlass dich drauf." Dann lehnte er sich wieder zurück und sah in Kevins unbeeindrucktes Gesicht. Er griff zum Zündschlüssel und meinte lächelnd: "Aber ich bin einverstanden."


    Die Straßen waren schlecht gepflastert, und die Gegend ein wenig trostlos. Die Häuser alt, verkommen, nur wenig Menschen waren auf der Straße unterwegs. "Falls du dich aufs Sightseeing gefreut hast, muss ich dich enttäuschen. Wir fahren in ein Vorviertel, einige Kilometer ausserhalb der Stadt. Deren Silhouette kannst du sehen, früh morgens, wenns einigermaßen klar ist.", erklärte Juan. "Welche Anhaltspunkte hast du für den Aufenthaltsort deiner Freundin?" Fast wie im Reflex wollte Kevin gegen den Ausdruck "Freundin" protestieren, doch Juan war nur eine Hilfe, und er überhörte es. "Ich weiß nur, dass ihr Handy im Bereich von Bogota eingeloggt war vor einigen Tagen. Und dass sie eventuell wegen Drogen hier ist." "Verdammte Scheisse...", fluchte Juan lachend auf Spanisch. "Das ist keine Nadel im Heuhafen, das ist ne beschissene Nadel in ganz Kolumbien..."
    Hinter dem Auto staubte es, und die Nacht brach herein. Viele Autos fuhren ohne Licht, und die Fahrt war nicht ungefährlich. Er hielt vor einem Haus, an dem ein Schild "Pension" angebracht war, um Kevin dort rauszulassen. "Hier hab ich dir ein Zimmer besorgt. Die Straße neben dem Haus weiter gibt es ein paar einheimische Kneipen. Ich hol dich morgen früh um 9 Uhr ab, dann zeig ich dir alle Orte, an denen du suchen kannst." "Alles klar.", meinte Kevin, nahm seine Tasche und zog sie mit aus dem Wagen, als er mit den Schuhen im Staub aufkam. "Und tu mir einen Gefallen...", sagte Juan noch, lehnte sich wieder herüber und schaffte es, dass Kevin sich nochmal umdrehte. "Geh heute abend nicht noch alleine in die Slums hier. Wir fahren morgen zusammen, okay?" Kevin hasste Bevormundung, aber er schluckte alles herunter. Er brauchte Juan, er brauchte ihn um Annie zu finden... und das war sein vorrangiges Ziel.

    Jenny's Wohnung - 18:30 Uhr


    Semir hatte es mit jedem erdenklichen und perfiden Fragetrick versucht, in den 15 Minuten, die er gebraucht hatte von der Dienststelle bis zu Jennys Wohnung. Doch trotz jahrelanger Verhörerfahrung war seine Frau stumm wie ein Eisblock. Natürlich wollte der Polizist wissen, was denn passiert sei. Nicht nur aus natürlicher Neugier, sondern vor allem, weil er sich Sorgen machte um Jenny. In erster Linie um Jenny... natürlich hatte er auch einen kurzen Gedanken aufgebracht, als er hörte, dass Kevin scheinbar tatsächlich nach Lateinamerika geflogen ist, aber er zwang sich beinahe dazu, darüber nicht nachzudenken. Er zwang sich dazu, dass Kevin ihm schnurzegal war und seine Sorge galt erstmal seiner jungen Kollegin.
    Aber bis vor die Haustür von Jennys Wohnung blieb Andrea standhaft und grinste ihren Mann danach an. "Ich hoffe, ich hab dich niemals zum Verhör da.", brummelte der erfahrene Ermittler, als seine Frau letztendlich ausstieg. "Jetzt hab doch mal Geduld. Vielleicht ist es ja okay, wenn ich es euch morgen sagen darf, oder sie erzählt es morgen selbst." Und bevor Andrea die Autotür schloß meinte sie noch zwinkernd grinsend: "Ausserdem weiß ich jetzt, dass du mich mit Befragung niemals soweit bringen kannst, dir meine Affären zu gestehen." Sie hörte noch das gespielt geschockte "AFFÄREN??" von ihrem Mann, bevor sie die Tür schloß und bei Jenny klingelte.


    Aus der Gegensprechanlage drang nur ein zartes "Hallo?", was der zweifachen Mutter sofort eine Klammer um die Brust legte und Andrea meldete sich sofort mit ihrer warmherzigen, beruhigenden Stimme. Das Geräusch des Summers meldete freien Eintritt. Andrea erinnerte sich zurück, als sie zum ersten Mal hier war vor einigen Monaten in einer ähnlich schwierigen Situation. Damals hatte Jenny Semirs Frau gebeten, sie zum Arzt zu begleiten nachdem sie nach einem Polizeiball von einem jungen Anwärter vergewaltigt worden ist. Ein perfides Komplott, in dem der Anwärter als Marionette und Jenny als Opfer herhalten musste, was letztendlich Kevin in den Knast brachte, da dieser in die Falle tappte und dem Täter einen Besuch abstattete, ihn zusammenschlug und später selbst nicht wusste, ob er ihn wirklich tot geschlagen hatte oder nicht.
    Jetzt hatte Andrea ähnliches Herzklopfen, als sie auf den Klingeltaster an Jennys Wohnungstür drückte, und sich die Tür langsam öffnete. Die junge Frau hatte noch ihre Alltagsklamotten an, die Augen waren leicht gerötet, offenbar hatte sie kurz nach dem Gespräch mit dem Weinen aufgehört, doch jetzt wo Andrea's allererste Reaktion war, die junge Frau nach Schließen der Tür erstmal in die Arme zu nehmen, konnte sich Jenny wieder nicht zurückhalten und ließ den Tränen freien Lauf.


    Und trotzdem fühlte es sich sofort besser an. Sie fühlte sich sofort etwas geborgen von einer guten Freundin, der sie seit der Vergewaltigung soviel näher gekommen war, dass die 15 Jahre Altersunterschied keinerlei Hürde darstellten. Sie verabredeten sich zum Shoppen, zum Bummeln, zum Kino oder auch mal zu einem Konzert in der Stadt, bei dem Semir nur genervt abwinkte. Seitdem war Jenny auch öfters zum Babysitting (wobei das bei Ayla und Lilly eher ein einfaches Aufpassen und Spielkamerad sein war) im Hause Gerkhan, was hin und wieder auch mal Ben übernahm. Ja, sie waren richtig gute Freundinnen geworden, und so war es für Andrea selbstverständlich die junge Beamtin nicht hängen zu lassen, als diese um Hilfe rief, auch wenn sie von Jennys Freund bitterböse enttäuscht war.
    Nach und nach wurde Jenny leiser und die beiden Frauenkörper trennten sich aus der Umarmung. "Bist du wirklich sicher, dass er weg ist?" Schluchzend nickte Jenny. "Die Tasche ist weg, seine Papiere, die er teilweise sonst hier zu Hause lässt sind weg und sein Handy hat er ausgeschaltet." Die beiden Frauen setzten sich aufs Sofa. "Er hat versucht mich ein paar Mal zu erreichen, aber ich hatte das Handy in der Dienststelle, als wir auf dem Einsatz waren." Immerhin, dachte Andrea etwas griesgrämig, hatte er versucht sich zu melden. Trotzdem konnte sie es nicht fassen, dass Kevin die arme Jenny einfach so sitzengelassen hatte, und sie brachte diesen Unmut auch zum Ausdruck.


    "Hat er gar keine Andeutung gemacht, dass er heute schon fliegen würde? Er kann doch nicht einfach abhauen...", sagte sie vorwurfsvoll. Jenny zog sich in ihrer Gestik ein wenig in ein Schneckenhaus zurück. "Ich glaube... ich bin daran schuld.", sagte sie kleinlaut und wischte sich mit einem Papiertaschentuch durch die Augen, so dass ihr dezenter Lidschatten ein wenig verschmierte. "Wie kommst du denn darauf?" Andrea wollte nicht, dass die junge Frau sich Vorwürfe machte, denn in ihren Augen war im Moment noch Kevin der Übeltäter. "Wir haben uns gestritten. Und... und ich hab ihn gestern abend quasi... vor die Wahl gestellt." Sie blickte zu ihrer Sitznachbarin auf. "Ich hab gesagt... dass ich vielleicht nicht hier auf ihn warten werde, wenn er nach Kolumbien fliegt."
    Andrea sah kurz zu Boden und versuchte sich in die Lage von Kevin hinein zu versetzen. Jemand, der fest entschlossen ist, seiner Ex-Freundin zu helfen, würde er sich durch diese "Drohung" umstimmen lassen? Oder erst recht fliegen, da hier niemand mehr auf ihn wartet, wenn der Zwang zu groß ist. "Es war so blöd von mir... ich hätte wissen müssen, dass sich auf so einer Drohung keine Zukunft aufbauen ließe, selbst wenn er hier geblieben wäre. Aber ich war so verzweifelt, weil er nichts gesagt hat. Er ist für mich, selbst nach ein paar Monaten Beziehung, immer noch wie ein Buch mit sieben Siegeln. Ich halte das nicht aus... ich will doch wissen, wie es ihm geht, und was ihn bedrückt, und will ihn nicht irgendwann...", schluchzte sie hemmungslos und Andrea sah zu Jenny hin. "Ihn irgendwann...?" Etwas erschrocken hielt die junge Beamtin inne, denn sie hatte vor sich das Bild vor sich, als sie die Waffe in der Dusche gefunden hatte... und sie wollte den Satz beenden mit "nicht irgendwann tot unter der Dusche finden.", und hatte den Satz gerade noch gestoppt. "Ich will ihn nicht verlieren.", wich sie geschickt aus und fiel Andrea wieder um den Hals. "Ich glaube, ich kann ihm noch nicht mal einen Vorwurf machen. Er ist so getrieben von dem Trauma mit seiner Schwester... ich glaube, er kann es einfach nicht ertragen einen Menschen, den er liebt oder mal geliebt hat, im Stich zu lassen. Deswegen muss er Annie helfen..." Andrea konnte diese Sichtweise zwar nachvollziehen, aber sie zu akzeptieren fiel ihr, gerade als Semirs Frau, der unter Annies Schweigen gelitten hatte, sehr schwer.


    Trotzdem brannte Andrea noch eine Frage auf der Seele. Sie fragte es leise, fürsorglich und vorsichtig. "Wie... wie ist die Untersuchung gelaufen?" Es wäre eigentlich noch ein weiterer Grund für Jenny gewesen, Tränen zu vergießen. Sie fand es unfair, dass sie diese Nachricht alleine empfangen musste, dass sie sich einfach nicht darüber freuen konnte, dass sie schwanger war. "Ich... bin wirklich schwanger." Ihre Tonlage verleitete Andrea gar nicht dazu, ihr zu gratulieren, denn die zweifache Mutter merkte, dass Jenny überhaupt nicht glücklich mit dieser Diagnose war. Beileid auszusprechen war bei einer Schwangerschaftsmeldung allerdings genauso unpassend. Andrea beließ es bei einem kurzen Streichen ihrer Finger über Jennys feuchte Wangenknochen und einem mutmachenden: "Sei nicht traurig. Gemeinsam schaffen wir das."
    Jenny seufzte: "Ich bin einfach noch nicht bereit für ein Kind. Generell... und jetzt noch die Unsicherheit mit Kevin." Andrea ergriff Jennys Hände. "Jenny, wenn ein Kind nicht Grund genug ist, sich wieder zusammen zu raufen... was dann? Und ich glaube, dass gerade Kevin als jemand, der beschützen möchte, alles vergessen wird, was du gesagt oder gedroht hat, wenn er davon hört, dass du schwanger bist. Da bin ich mir sicher. Aber du musst es ihm irgendwie sagen. Ruf ihn wieder an, schreib ihm, er muss es wissen." Andrea nickte ihr zu und fügte an: "Und dann wird er sicher so schnell wie möglich wieder zurückkommen." So sehr Andrea's Worte Jenny Mut machten, so sehr schüttelte sie die Angst, ließ ihr die Augen wieder voll Wasser laufen, und ließ sie wieder in die Arme ihrer Freundin fallen. "Ich habe solche Angst, dass ihm dort etwas passiert. Ich hab solche Angst, dass er nicht mehr zurück kommt..."

    Ist doch nicht so schwer, oder?

    In dem Bericht steht, dass die Staffel eigentlich für Herbst geplant war. Wir reden aber schon seit Monaten von der Frühjahrsstaffel, und JETZT wird erst bekannt, dass die Staffel kurzfristig überhaupt erst auf Frühling vorgezogen wurde, also eigentlich für den Herbst geplant war. Also hätte es eigentlich ein ganzes Jahr Pause gegeben, und meine Frage war, ob das unseren Insidern hier bekannt war?

    Insofern wäre der Thread "Herbststaffel 2015" dann eigentlich für 2016 gewesen.

    Dienststelle - 17:45 Uhr


    Feierabend war angesagt - für Semir ein komisches Gefühl, so lange nachdem er das letzte Mal einen geregelten Tag erlebt hatte. "Hast dich gut geschlagen.", sagte Ben mit lustig spöttischem Unterton und klopfte seinem Partner auf die Schulter, als wäre der eim Kommissarsanwärter, den Ben ausbilden muss. Semir wiederrum streckte Ben die Zunge raus und grinste, er verstand den Spaß seines besten Freundes natürlich und war selbst unglaublich froh, den Tag so gut rumgebracht zu haben. Er hatte nur in kurzen Momenten, als sie auf der Autobahn unterwegs waren und mal nicht miteinander geredet oder gescherzt hatten, kurze Gedanken-Flashbacks, die er aber sofort wieder abschüttelte. Er hatte sich befreit, hatte sich selbst an den Haaren aus dem psychischen Morast gezogen, und darauf war er stolz. Natürlich unterschlug er nicht die Hilfe seiner Frau und Ben.
    "Was machst du heute abend noch?", fragte er seinen jungen Partner und der blickte dann etwas nachdenklicher drein. "Ich will noch zu Carina." Als er das sagte nahm er die dicke Jacke vom Stuhl, die er bei der Kälte auch wirklich brauchte.


    "Du magst sie sehr, hmm?", fragte Semir und die beiden Männer lehnten sich mit dem Gesäß an den Schreibtisch, weil Semir noch warten musste bis seine Frau eine Liste für die Chefin fertig hatte, dann würden sie heute ausnahmsweise zusammen Feierabend machen und, da die Mädels bei den Großeltern waren, einen gemeinsamen Abend allein verbringen. Ben zuckte ein wenig mit den Schultern, wog den Kopf hin und her und verschränkte die Arme vor der Brust. "Ja... also... ich weiß nicht recht. Ich finde sie sehr nett. Und sie hat momentan niemanden, der ihr hilft." Es klang fast wie ein Ausweichen einer unangenehmen Frage, oder es war tatsächliche Zerissenheit über seine Gefühle zu Carina.
    "Als was siehst du dich?" Ben schaute etwas verwundert zu seinem Partner, den er verstand die Frage nicht. "Als was siehst du dich? Siehst du dich als Pflegepersonal für ihre Mutter, weil du Mitleid mit ihr hast, was sie durchmacht? Oder siehst du dich als Freund, der sie unterstützt, weil du sie magst und sie dich auch mag?" Nun verstand der Polizist und sein Blick wandte sich langsam von Semir ab und blickte in Richtung Boden.


    Es war eine gute Frage... eine Frage, auf die sich so schnell keine Antwort finden ließ. Ja, irgendwie mochte er Carina... aber warum tat er das? Er kannte sie gar nicht. Er wusste weder etwas grundsätzlich über ihren Charakter, noch ihre Hobbys, ihre Vorlieben, oder sonst was. Als sie spazieren gingen war ihre Mutter so gut drauf und erzählte soviel, dass sie sich eigentlich gar nicht unterhielten. Der zweite Besuch war die Extremsituation, bei der Ben ihr geholfen hatte. Auch da hatten sie keine Gelegenheit, über sich selbst zu reden, sich kennen zu lernen. Vielleicht hatte Carina im alltäglichen Leben Charakterzüge, die Ben gar nicht mag?
    Aber was war es, was ihn jetzt heute schon zum dritten Mal zu Carina zog, obwohl er Angst davor hatte wieder mit einer unangenehmen Situation konfrontiert zu werden? Obwohl er, wenn er die Wahl hätte, die Mutter der jungen Frau einfach wegnegieren würde, um mit Carina allein zu sein... und das nicht, um intim zu werden, sondern weil die Anwesenheit der Mutter einfach bedrückend war, vor allem wenn sie schlechter Stimmung ist. Ben war der Typ, der sich vor Krankenhausbesuchen scheute, und er wusste noch, wie er sich drückte als er als Kind hin und wieder zu seiner Oma ins Altersheim gehen sollte, obwohl diese bei klarem Verstand war, aber eben krank und schwächlich. Er bewunderte Menschen, die in solchen Berufen arbeiteten...


    Er konnte die Frage nicht beantworten, die Semir ihm stellte und er schien minutenlang darüber nachzudenken, dabei war es nicht mal eine einzige, die er verharrte. "Nein, ich denke schon dass ich sie mag.", war letztlich seine Antwort, die für ihn selbst nicht überzeugend klang und auch Semir zwiespältig sah. "Ben, ich will dir nicht in deine Entscheidung reinreden. Aber ich will auch nicht, dass du dich in etwas verrennst und du Entscheidungen triffst, die du vielleicht nicht treffen möchtest. Wenn du Carina unterstützt, dann nimmst du damit eine Verantwortung auf dich, und das ist dann keine Beziehung, bei der du mal eben Schluss machen kannst."
    Jetzt bemerkte Ben endgültig, dass Semir wieder ganz der Alte war, und das freute ihn auf der einen Seite, doch brachten ihn seine Worte nicht zum Lächeln. Er hatte, wie so oft, recht. Es war eine Verpflichtung die er einging, und nicht einfach ein netter Flirt, aus dem vielleicht mehr wurde... und wenn nicht, dann halt nicht. Es würde sehr schwer sein, diese Verbindung einfach aufzulösen... schon alleine von Bens Gewissen her.


    So machte er sich mit zwiespältigen Gedanken zusammen mit Semir und Andrea auf, die Dienststelle zu verlassen. Semir hatte seinen Arm um Andrea's Hüfte gelegt und freute sich, zusammen mit ihr einkaufen zu gehen, zusammen zu kochen und dann einen Film zu schauen, denn sie schon lange zu Hause auf Blu-Ray liegen hatten. Doch kurz bevor sie am Auto ankamen, klingelte Andrea's Handy, und sie hob ab. "Sonst platzt der Abend immer wegen mir.", raunte Semir seinem Partner zu und hatte scheinbar schon eine Vorahnung. Das erste was Andrea am Handy vernehmen konnte, war ein leises Schluchzen. "Jenny, bist du das?", fragte sie, denn sie hatte die Nummer auf dem Display gesehen.
    "Er... er ist fort.", kam nur die von einer tränenerstickten Stimme durch die Leitung, so dass es Andrea das Herz zusammenkrampfte. "Wer ist fort? Kevin?" "Seine... seine Tasche ist weg und... und er geht nicht an sein Handy." Wieder kam das Geräusch eines Weinkrampfes durch den Hörer und die Frau von Semir konnte die richtigen Schlüsse ziehen. Offenbar war die Untersuchung für Jenny schlecht gelaufen, und führte in Verbindung mit der Gewissheit, dass Kevin tatsächlich nach Kolumbien geflogen war, nun für einen Zusammenbruch. "Soll ich vorbeikommen, Jenny?", fragte sie fürsorglich und hörte noch ein leises "Ja...". "Okay, ich bin in 15 Minuten da. Mach dir keine Sorgen." Dann legte Andrea auf und sah mit mitleidigem Blick zu ihrem Mann. "Heute lasse ich den Abend mal platzen..." "Hab ichs nicht gesagt?", meinte Semir sarkastisch zu Ben, der zuerst einmal wissen wollte, was denn passiert sei? "Frauensache... nichts Lebensbedrohliches.", wiegelte Andrea ab und bat ihren Mann, sie bei Jenny abzusetzen.

    Arztpraxis - 17:00 Uhr


    War dieser Boden noch real? War dieser Boden noch fest unter Jennys Füßen? Oder verwandelte er sich gerade zu Lava, zu Pudding oder zu irgendwelchem anderen, wackeligen, unsicheren Untergrund. So kam es der jungen Polizistin vor, als sie das mehrstöckige Gebäude in Kölns Innenstadt verließ und langsam in Richtung ihres Kleinwagens ging. Die Geräusche der Autos um sie herum kamen ihr dumpf und unwirklich vor, die Menschen die ihr in der Abenddämmerung begegneten waren nichts als dunkle Schemen ohne Gesichter. Ziel war nur das Auto, der Schlüssel in der Hand, dem Blicken der orangenen Lichter folgend, den Türgriff suchend. Als sei der Innenraum des Fahrzeugs ein sicherer Zuflucht, der sie schützen könnte, vor den drohenden Gefahren. Doch das schlechte Gefühl nahm sie, wortwörtlich, mit ins Auto hinein.
    Ihr ging es nicht gut... der Unfall auf der Autobahn hatte sie aus den Gedanken gerissen. Arbeit, zu tun... doch kein Schreibtischdienst. Es war auf den ersten Blick furchtbar, als sich auf schneebedeckter Fahrbahn mehrere Autos und zwei LKW verhakt hatten. Zum Glück gab es nur Leichtverletzte und Blechschaden, aber eine Vollsperrung während der letzten Zuckungen des Berufsverkehrs am Morgen waren Streß pur. Jenny hielt durch, vergass währenddessen auch mal ihr Unwohlsein und ihre Sorgen.


    Der Abschleppdienst verspätete sich, der Feuerwehr ging das Bindemittel aus... er schien, als hätte sich alles gegen die Autobahnpolizisten, die zu sechst und tapfer in Eiseskälte den Verkehr regelten und Protokolle schrieben. Jennys Schrift sah, vor Zittern ob der Kälte, furchtbar aus. Es dauerte fast 4 Stunden, bis man die Autobahn teilweise wieder freigeben konnte, erst gegen 14:30 Uhr waren sie wieder in der warmen Dienststelle. Dort sah Jenny auf ihr Handy, das auf dem Schreibtisch lag und las 5 Anrufe in Abwesenheit, jedes Mal Kevins Nummer. "Oh nein...", flüsterte sie leise und wählte sofort die Rückruftaste, doch Kevins Handy schien ausgeschaltet, denn sofort meldete sich die Mailbox. Auch ein Anruf auf Jennys Privattelefon in der Wohnung blieb ohne Antwort.
    Auf dem Weg zum Frauenarzt probierte sie es noch zweimal mit dem gleichen Ergebnis. Sie wollte so gern mit ihm reden, wollte wissen, was er von ihr wollte... und wollte ihm von der Vorahnung erzählen, die sie hatte seit Andrea mit ihr geredet hatte. So gern hatte er sich gewünscht, dass ihr Freund an ihrer Seite saß, sollte sie jetzt gerade die unmöglichste Nachricht bekommen. Sie hatte Angst... Angst davor, dass es wirklich wahr ist... dass sie wirklich schwanger sein könnte. Sie fühlte sich nicht bereit, sie stand gerade vor der schwierigsten Entscheidung ihres Lebens, wenn Kevin wirklich nach Kolumbien fliegen würde. War die Beziehung überhaupt noch zu retten? Und nun ein Kind, was für Jenny zu früh kam, für Kevin zu früh kam und allgemein für ihre Beziehung, selbst wenn alles okay war, zu früh kam?


    Die Zeit im Wartezimmer fühlte sich elend lange an, bis Jenny von der Arzthelferin endlich ins Untersuchungszimmer gebracht wurde. Ihrer Ärztin des Vertrauens schilderte sie dann, dass sie in den letzten Tagen oft unter Übelkeit leide, und eine gute Freundin sie dann mit der Theorie der Schwangerschaft konfrontierte. "Na, haben sie denn ihre Periode nicht bekommen?", fragte die Frauenärztin, und Jenny rieb nervös die Hände aufeinander. "Ich nehme die Pille seit zweieinhalb Monaten durch." Ein Nicken der Ärztin, dann die Anweisung an Jenny den Bauch freizumachen und sich auf die Liege zu legen.
    Das Gel für die Ultraschalluntersuchung ließ sie kurz erschaudern, denn es war eiskalt als das eigenartige Gerät ihre sanfte Haut berührte. Die junge Frau starrte an die Decke und schien in Gedanken die Anzahl der Quadrate zu zählen, die Zeit in der die Frau neben ihr mit dem Gerät über ihren Bauch strich kam ihr elendig lange vor. Sie wollte nicht den Kopf drehen, sie wollte nicht auf den Monitor starren mit diesem komisch grau-schwarz-weißen Bildern, von denen sie nichts verstand, in denen sie selbst nie etwas erkennen konnte und aus denen Ärzte die wundersamsten Diagnosen herauslesen konnte. Doch aus einer Einstellung, die die Ärztin mit einem Druck auf die Tastatur als Foto festhielt, hätte auch Jenny etwas erkannt.


    "Herzlichen Glückwunsch, Frau Dorn...", sagte die Ärztin und lächelte, während es sich für Jenny wie ein Schubser vor einem Abgrund anfühlte. "Ich schätze, sie sind ungefähr in der 4 oder 5. Schwangerschaftswoche. Man kann schon einiges erkennen.", sagte sie und zeigte mit dem Finger auf einige Umrisse, die entfernt einem menschlichen Körper glichen. Nur langsam, mit zitternder Unterlippe, ohne Lächeln sah Jenny zu dem Monitor auf diese abstrakte unwirkliche Gesalt. Nur langsam schleppend war ein Kopfschütteln zu erkennen und ihre Augen füllten sich mit Tränen. Sie wusste gar nicht, warum sie die Traurigkeit und das Entsetzen auf einmal befiel... weil das Kind völlig ungeplant und ihrer Lebensplanung zu früh kam, oder weil sie nur einige Stunden vorher Kevin vor eine fatale Wahl gestellt hatte.
    Die erfahrene Frauenärztin kannte so manche Reaktion auf eine Schwangerschaftsdiagnose. Unglaubliche Freude, aber auch Schock, Trauer und Entsetzen waren keine Seltenheit. Sie spürte sofort, dass die junge Frau auf der Liege weder glücklich mit dem Befund, noch wirklich darauf einstellt war. Sie nahm Papiertücher und rieb Jenny das Geld von ihrem, noch unbemerkt flachen Bauch weg. "Ziehen sie sich mal wieder an, und dann setzen sie sich zu mir.", sagte sie mit beruhigend wirkender Stimme.


    Einige der gesammelten Tränen kullerten Jennys Gesicht herunter, als sie sich von der Liege wieder aufrichtete, Top und Pullover wieder über den Kopf zog. Mit langsamen Schritten setzte sie sich in einen der Stühle gegenüber der Ärztin. "Wissen sie denn, wer der Vater ist?", fragte die Ärztin, denn aus Erfahrung wusste sie, dass die meisten Gründe für eine negative Reaktion auf eine Schwangerschaft meist die waren, dass die Schwangerschaft aus einem One-Night-Stand entsprangen, aus einer gerade gescheiterten Beziehung oder, noch schlimmer, aus einer Vergewaltigung. Aber Jenny nickte zunächst. "Und... sind sie mit dem Vater zusammen?" Was sollte sie antworten? Ja, nein, vielleicht? Sie hatte Kevin gesagt, dass sie so nicht weiter mit ihm leben könne. Er war ihr eine Antwort schuldig geblieben und ging seit zwei Stunden nicht ans Telefon. "Das ist schwierig zur Zeit.", sagte die junge Polizistin tonlos. "Haben sie denn gemeinsam ein Kind geplant, bevor die Beziehung... schwierig wurde?" Ein stummes Kopfschütteln von Jenny, nachdem sie ihren Blick zum Boden richtete.
    Die erfahrene Frauenärztin ist für psychologische Gespräche nicht ausgebildet. Sie möchte Jenny zu nichts im Bezug auf ihre zwischenmenschliche Beziehung raten, ausser dass ein gemeinsames Kind eine tolle Chance ist, eine vielleicht schlingernde Beziehung zu retten. Auf keinen Fall würde die Medizinerin das Wort "Abtreibung" auch nur in den Mund nehmen, stattdessen erklärte sie Jenny, wie die Behandlung weitergeht, mit was sie nun rechnen müsste und klärt Vorerkrankungen.


    An Jenny fliegt das Gespräch vorbei. Als sie das Ärztehaus verlässt, ist es draussen schon am Dunkeln, nur der Schnee macht den Abend heller als sonst. Die Geräusche sind dumpf um sie herum, als sie sich in ihren Wagen rettet... und dabei trägt sie vor sich den Verursacher des unguten Gefühls. In ihr drin wächst ein Kind... ihr Kind, Kevins Kind. Zu früh für ihre Planung, was ihr Leben anging, die Arbeit, die Beziehung mit Kevin. Na klar sollte irgendwann geheiratat werden, ein oder zwei Kinder kommen. Mit dem richtigen Mann, der durchaus auch Kevin hätte sein können. Aber gerade dessen Zustand, dessen Aktion von gestern seine Freunde zu hintergehen, stellte alles in Frage... und nun trug Jenny sein Kind im Bauch.
    Fast versöhnlich legte sie die Hände um ihren Bauch, legte sie auf die warme Winterjacke, die Jenny dicker erscheinen ließen, als sie eigentlich war. Als wollte sie das Kind schützen, dass sich nach aussen weder in Jennys Figur noch nach innen durch Bewegung bemerkbar machte. Als sie Kevins melanchonisch wirkende Stimme am Handy hörte, als sich erneut seine Mailbox-Nachricht meldete, rollten wieder Tränen über ihr Gesicht.

    Bachmanns Wohnung - 16:30 Uhr


    Draußen dunkelte es bereits. Der Schneefall hatte gegen Nachmittag endgültig aufgehört, und die ganze Stadt verharrte nun unter des Winters kalten weißen Glanz. Nur der städtische Winterdienst hatte etwas dagegen, und sorgte dafür, dass immerhin ein dunkler Streifen Straße sich von dem weißen Einerlei abhob. Ben, der mit einem mulmigen Gefühl die Treppen nun ganz nach oben stieg, hielt den Schlüssel für Björn Bachmanns Wohnung in der Hand. Er hatte die Befürchtung, sie würden etwas finden. Er hatte die Befürchtung, gleich runter zu Carina gehen zu müssen, und ihr eine unangenehme Wahrheit über ihren geliebten Bruder erzählen. Ben hatte selbst Geschwister, eine Schwester um genau zu sein, und er konnte gut nachfühlen, wie mies sich das anfühlen musste.
    Mit leicht zitternden Fingern sperrte der Polizist die Tür auf, und die beiden Freunde traten ein. Die Wohnung war exakt so geschnitten, wie die Wohnung von Carina, sie war nur spartanischer eingerichtet. Praktischer, weniger Dekoration, weniger Farben. Man merkte sofort, dass hier ein Mann gewohnt hatte, der sich nicht viel darum scherte, ob es nun gemütlich war, oder nicht. Viel zu Hause schien er nicht gewesen zu sein. Die Wohnung hatte ebenfalls ein Wohnzimmer, ein Badezimmer, Küche und einen weiteren Raum.


    Der Raum schien für Semir und Ben am Interessantesten zu sein, sah er doch aus wie ein typisches Arbeitszimmer. Ein Schreibtisch mit Laptop, Unterlagen, Akten, ein Bild von seiner Schwester und seiner Mutter, offenbar schon einige Jahre her. Ausserdem ein dunkelbrauner Schrank, in dem mehrere Ordner standen. "Dann wollen wir mal.", meinte der kleingewachsene Kommissar, und die beiden machten sich an die Arbeit. Ben klappte als erstes den Laptop auf und schaltete ihn ein, doch das Betriebssystem war passwortgesichert. Der Polizist probierte ein paar Standardpasswörter wie "123", "password" oder "admin". Auch den Namen der Mutter und den Namen der Schwester probierte er, doch nichts funktionierte. "Nehmen wir für Hartmut mit.", meinte er dann zu Semir.
    Der wiederrum hatte sich bereits zum untersten Gefach des Schrankes gebeugt, nahm nacheinander Ordner aus dem Schrank und blätterte. Natürlich stellte er alles zurück, er hinterließ keine Unordnung, wie manch andere Kollegen, die bei Durchsuchungen wie ein Berserker wüteten. Doch ausser Steuererklärungen, allerlei Rechnungen, Versicherungspolicies seiner eigenen Versicherungen, die seiner Schwester und seiner Mutter, fand er nichts was interessant war. An einem Ordner blieb er hängen und las ein wenig.


    "Die Mutter ist schwer demenzkrank.", sagte er, ohne von dem Ordner aufzusehen, während Ben mittlerweile bei den Schubladen des Schreibtisches war. "Ich weiß.", war nur dessen kurze Antwort. Semir blickte kurz hoch zu Ben... es war kein misstrauischer oder mahnender Blick... er war... komisch. Ben konnte ihn nicht deuten. "Was?" "Ach, nichts...", würgte Semir ab. Nein, er wunderte sich nicht... wundern war in diesem Falle ein blödes Wort, und er hätte das Gefühl, dass er gerade bekam, nicht richtig ausdrücken können, ohne dass es vielleicht falsch rübergekommen wäre. Aber Semir hatte natürlich ein wenig gemerkt, dass Ben nicht aus Langeweile öfters hier war. Ob es nun schon eine leichte Verliebtheit war, oder einfach sein Helfergen... sich in solch ein freundschaftliches Verhältnis zu begeben konnte für den jungen Polizisten eine große Abhängigkeit bedeuten. Vor allem als er las, dass die Geschwister Hilfe vom Staat bekamen, weil sie die Mutter privat zu Hause pflegten.
    Ben war für Carina scheinbar ein wenig der Ersatzbruder, der rettende Engel, weil sie es alleine nur schwer schaffte. In so einer Situation konnte man dann nicht nach einigen Monaten einfach sagen: "Okay, das wars." Vor allem nicht, wenn vielleicht Bens Verliebtheit nicht auf fruchtbaren Boden bei der jungen Frau fiel.


    Ein wenig gedankenverloren stellte Semir den Ordner wieder weg. Er dachte, dass es ihm scheinbar wirklich wieder gut gehen musste, wenn er sich soviel Gedanken um seinen Partner machte, statt um sich selbst. Er strich sich über das Pflaster am Hals und suchte weiter, doch nach einer halben Stunde gaben sie auf. "Entweder hat hier jemand bereits sauber gemacht, oder Björn Bachmann hat hier einfach nichts gelagert.", meinte Semir, als er sich den Laptop unter den Arm klemmte. "Ja, oder Björn hat einfach keinen Dreck am Stecken.", meinte Ben achselzuckend.
    Sie verließen die Wohnung wieder und kehrten zu Carina zurück. Die musste einen Beleg unterschreiben, den Semir fix anfertigte, dass man den Laptop beschlagnahmte. Sie schaute zwar etwas befremdlich, aber setzte ihre Unterschrift unter das Papier, während die Mutter im Hintergrund am Fernseher saß. "Als wir eben kamen, ging ein Mann unten die Tür heraus. War der bei euch?", fragte Ben mehr beiläufig, als Carina den Stift hielt. Sie sah sofort auf: "Ein Mann? Achja, der hatte sich im Haus vertan. Der wollte eigentlich zwei Häuser weiter.", antwortete sie. Die älteren Mehrfamilienhäuser in dieser Straße glichen sich wirklich sehr. Kannte man sich nicht aus, und hatte nicht die genaue Hausnummer, konnte man sich leicht verlaufen.


    "Der Mann hatte sich doch mit dir unterhalten.", sagte die Mutter aus ihrem Fernsehsessel plötzlich und sah zu den drei Erwachsenen herüber. "Ja, Mama. Aber er hat nur gefragt, ob das die Hausnummer 13 ist. Aber da war er falsch." Bens Herz schlug ein wenig schneller und Semir sah die ältere Frau aufmerksam an, die scheinbar mit der Antwort ihrer Tochter nicht zufrieden war. "Nein, nein. Ihr habt euch laut unterhalten. Ich dachte, ihr streitet sogar. Und er hat ständig Björn erwähnt." Das Herz des Polizisten schlug noch etwas schneller und fester und Semirs Blick fixierte nun Carina unangenehm. "Meine Mutter ist krank. Sie hat Alzheimer, und redet öfters mal Zeugs, was nicht passiert ist.", sagte Carina lächelnd.
    Semir wandte sich an Hermine Bachmann: "Frau Bachmann... wissen sie denn über was die beiden geredet haben?" Er wusste natürlich, dass die alte Frau durch ihre Krankheit längst vergessen haben könnte, aber ein Versuch war es wert. Doch Frau Bachmann sah den kleinen Polizisten nur ausdruckslos an, sie schien zu überlegen und sah dann wieder zum Fernseher. Eine Minute verging, zwei Minuten, bis sie wieder zu Semir blickte, und die Frage vergessen zu haben schien. "Wann werden sie Björn eigentlich finden?", fragte sie dann mit ernster Miene. Semir und Ben sahen sich kurzeinander an, und Ben schüttelte den Kopf, was bedeutete: "Lass, das hat keinen Zweck." "Lassen sie nur.", meinte Carina, um den kleinen Polizisten nicht zu einer Erklärung oder einer Antwort zu nötigen.


    Als die beiden Polizisten dann gleichzeitig einen Blick auf den Fernseher warfen, wurden sie abgelenkt von dem, was dort zu sehen war. Ein Mann und eine Frau schienen sich dort zu streiten, und der Mann sagte laut: "Ich wusste es doch. Warum hast du es nicht zugegeben? Du hast mich mit Björn betrogen! Wie kannst du nur!" Bens Herzschlag wurde langsamer und er schien fast aufzuatmen. "Da sehen sie...", meinte Carina noch und auch Semir schien zu verstehen. Hermine Bachmann hatte die Serie mit dem Leben verwechselt, ein typisches Symptom dieser schrecklichen Krankheit. "Tut uns leid, Carina...", meinte Ben, aber die junge Frau schüttelte den Kopf. "Du weißt doch... ich bin es gewohnt." "Wir müssen nun auch wieder. Danke für ihre Kooperation, Frau Bachmann.", verabschiedete sich Semir. Ben und Carina umarmten sich nochmal kurz, bevor die beiden Polizisten die Wohnung verließen.

    Innenstadt - 15:45 Uhr


    Natürlich hatte Semir verwundert reagiert, als Ben andeutete, dass man eventuell keinen Durchsuchungsbeschluss brauchen würde, um die Wohnung des Toten etwas genauer unter die Lupe zu nehmen. Und natürlich hatte er, sofort nachdem die beiden Autobahnpolizisten von der Tankstelle aus aufgebrochen waren, nachgefragt. Grundsätzlich waren Semir und Ben immer ehrlich zueinander. Sie wussten, dass sie einander blind vertrauen konnten und jeder kannte so ziemlich jedes Geheimnis des anderen. Semir hatte sogar scherzhaft mal gemeint, dass Ben besser über Semir Bescheid wisse, als Andrea, immerhin Semirs Frau. Nur, manchmal war es so, dass sie gegenseitig sich erst dazu drängen mussten, zu reden. In Extremsituationen kam es auch dazu, dass sie sich etwas verschwiegen, aber das war wirklich sehr selten und endete dann aber nicht selten im Desaster.
    Jetzt schwieg Ben nicht. Auf dem Weg zu dem Mehrfamilienhaus in der Innenstadt erzählte er seinem besten Freund von der ersten Begegnung mit Carina Bachmann, als sie die Todesnachricht überbrachten. Er erzählte, dass sie nun ihre kranke Mutter alleine pflegen musste, die Krankheit selbst erwähnte er nicht. Dass er sie jetzt schon zweimal besucht hatte, und etwas "versteckt" erwähnte er, dass er öfters an sie dachte. "Du weißt ja, was Staatsanwälte davon halten, wenn der ermittelnde Beamte eine Beziehung mit im Fall involvieren Personen eingeht.", meinte der erfahrene Polizist. "Herrgott, Semir... ich habe gesagt, dass ich hin und wieder an sie denke, und nicht, dass ich eine Beziehung mit ihr möchte." Semir hob beschwichtigend die Hände.


    Wollte er, wollte er nicht? Ein paar Minuten schwiegen die zwei Männer, und Ben hing seinen Gedanken ein wenig nach. Eine Beziehung klang so groß, so weit weg... so unreal? Wie lange war es jetzt her, dass er eine feste Freundin hatte... puh? Zwei, drei Jahre? Immer mal wieder eine nette Bekanntschaft, auch mal eine, die mit ihm nach Hause kam, aber Ben beneidete Semir um seinen Halt zu Hause. Eine Frau, die auf ihn wartete, Kinder, Familienglück. Auch auf Kevin war er etwas neidisch, der das Glück hatte, scheinbar beim ersten Versuch mit Jenny die Richtige gefunden zu haben, auch wenn jetzt nicht ganz klar war, wie es weiterging, nach seiner Entscheidung in Kolumbien nach Annie zu suchen.
    Ja, Ben wollte gerne wieder eine Beziehung. Etwas langfristiges, wegweisendes. Er war jetzt Mitte 30, eigentlich in dem Alter, eine Familie zu gründen oder schon gegründet zu haben. Für sich im Leben hatte er die perfekten Voraussetzungen... sicherer Job, gutes Umfeld, finanziell durch seine Familie abgesichert. Nur, die Richtige wollte er und hatte er einfach noch nicht kennengelernt. Und bei Carina konnte er sich immer noch nicht entscheiden, ob es wirklich erste Verliebtheit, oder einfach Sympathie mit einem kleinen Schuss Mitleid war, die sein Ritter-Gen antrieben.


    Der junge Polizist parkte den Dienstwagen und beide traten an die, mittlerweile klirrende Kälte. Die Wolken waren aufgerissen, die dunklen Schneewolken hatten sich verzogen und die Sonne war bereits auf dem Weg, den Tag zu beenden. Es würde wohl einen herrlichen Sonnenuntergang geben, ein Vorbote auf eine eiskalte Nacht, die bei klarem Himmel angekündigt war. Ben drückte auf den Klingelknopf des Hauses und wartete einen Moment, doch bevor sich Carinas Stimme meldete, kam ein Mann aus der Tür des Mehrfamilienhauses, und die beiden Kommissare konnten durchschlüpfen. Ben sah dem Mann kurz hinterher und prägte sich ein, was er in dem kurzen Moment wahrnehmen konnte. Er hatte den beiden Polizisten lächelnd zugenickt, wobei ihm eine Strähne unter der Schirmmütze ins Gesicht hing. Grüne Augen. Ohrring links. Soll es ein Instinkt sein, der Ben sagte, dass der Mann eigentlich nicht hierher gehörte, oder spielte ihm eine Eifersucht einen Streich... Carinas Freund?
    "Wer hat denn da geklingelt?", schallte es durch den Flur, und Ben antwortete auf Carinas Stimme: "Hier ist Ben." Ein Lächeln huschte über Carinas Gesicht, als sie den Polizisten erblickte, aber es kam Ben etwas gequält vor. Ihre Hände rieben nervös übereinander und ihre Zunge fuhr immer wieder kurz über ihre Lippen.


    "Hallo Ben... oh, wen hast du da mitgebracht?" "Das ist mein Partner, Semir.", stellte Ben seinen besten Freund vor, und Semir begrüßte die junge Frau, in dem sie sich die Hände gaben. Ben und Carina umarmten sich kurz. "Ich bin heute dienstlich hier, Carina.", sagte Ben ohne sein Lächeln abzuschalten, auch Carinas leicht gequältes Lächeln wich nicht. "Wie... wie geht es deiner Mutter heute?", fragte der Polizist dann noch, bevor er zum eigentlich Dienstlichen kommen wollte. "Oh, heute geht es ihr wirklich gut. Sie ist gut drauf, redet viel und ist sehr umgänglich.", war die Antwort Carinas. Ben meinte zu erraten, dass das der Grund für ihr gequältes Lächeln war. Vielleicht war wieder etwas ähnlich unangenehmes vorgefallen wie gestern, und sie wollte ihren wahren Gemütszustand nicht zeigen.
    "Du hast gesagt, du bist dienstlich hier... gibt es etwas Neues?" "Leider noch nicht. Aber... wir wollten uns mal in der Wohnung deines Bruders umsehen." Nun wich das Lächeln der Überraschung. "Umsehen in Björns Wohnung? Aber... warum das?" Die beiden Polizisten spürten sofort ihre Verunsicherung. Doch wo Ben sofort daran dachte, dass Carina das einfach unangenehm war, so stellten sich bei Semir sofort seine misstrauischen Polizeiantennen, sein Instinkt auf. Man konnte so reagieren, weil es einem einfach nicht Recht war, weil man Angst hatte, dass das Familienmitglied Dreck am Stecken hatte... oder, weil man etwas verheimlichte.


    "Das ist Routine. Wir wollen doch alles tun, um den Mörder deines Bruders zu finden.", versuchte Ben ihr die Sorge ein wenig zu nehmen, auch wenn er wusste, dass es durchaus sein konnte dass Björn Bachmann in den kriminellen Machenschaften dieses Sportgeschäftes steckte. Aber der Polizist wollte vorurteilsfrei an die Sache gehen, vor allem weil er es Carina wünschte, dass ihr Bruder keine Leichen im Keller hatte. "Wir haben ein paar Infos über das Sportgeschäft, nach dem ich dich gefragt hatte, erhalten...", begann Ben und Semir fiel seinem besten Freund ins Wort: "Und wir wollen jetzt sehen, ob wir mehr Hinweise finden." Es war ein Abwürgen, denn der erfahrene Kommissar hatte befürchtet, dass Ben Ermittlungsergebnisse ausplauderte.
    Mit einem etwagigen Durchsuchungsbeschluss brauchten die beiden Polizisten nicht drohen. Zwar etwas nervös, aber ohne Widerworte nahm Carina den Schlüssel der obersten Wohnung, in der Björn Bachmann wohnte, vom Schlüsselbrett und reichte ihn Ben. "Ich muss bei Mama bleiben... wenn ihr etwas braucht, rufst du mich?", entschuldigte sie sich und Ben versuchte sie, mit seinem Lächeln etwas zu beruhigen. "Machen wir... danke." Dann zog Carina die Tür hinter sich zu und die beiden Männer gingen nach oben. "Warum bist du mir denn so ins Wort gefallen?", fragte Ben sofort als die beiden auf dem Weg nach oben waren. Semir wollte seinem besten Freund keine Vorwürfe machen, oder etwas unterstellen. "Ins Wort gefallen? Oh sorry, das war nicht bewusst.", meinte er und klopfte seinem Partner freundschaftlich auf die Schulter.

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    Stadtbereich - 14:30 Uhr


    Manchmal konnte der Job eines Kripo-Beamten langweilig sein. Wo es Tage gab, an denen Ben und Semir die Autos um die Ohren flogen, wo es Tage gab, an denen sie rannten, schossen und ihre Fäuste gebrauchen mussten, gab es eben auch jene Tage wie diese... Ermittlungen, Papierkram und Polizeiarbeit. Nachdem sie ihren Besuch aus den Niederlanden verabschiedet hatten, war der KTU-Bericht im Faxgerät gelandet. Aus dem Tank des Wagens fehlten nur wenige Liter. Hartmut hatte ausserdem den elektronischen Speicher des Autos ausgelesen und konnte genau den Durchschnittsverbrauch feststellen, seit der letzten Betankung. So konnten die beiden Kripo-Beamten einen Kilometerkreis um den Tatort ziehen und alle möglichen Tankstellen eingrenzen, wo der Tote getankt hat. Semir bestand darauf, das ganz altmodisch auf einer Straßenkarte und mit einem Edding zu bewerkstelligen, und erntete dafür den ein oder anderen spöttischen Spruch seines besten Freundes.
    Drei Tankstellen kamen dafür in Frage, denn deutschlandtypisch war das Netz an Tankstellen auch in Köln sehr dicht. Ben konnte es nie nachvollziehen, wie man ohne Sprit auf der Autobahn liegen bleiben konnte, was sie immer wieder beobachten konnten. Dafür musste man schon blind sein, oder vorsätzlich nicht tanken wollen.


    Die beiden Polizisten machten sich auf den Weg in die besagte Gegend. Der Schnee hatte um die Nachmittagszeit nachgelassen, alles war in Weiß getaucht. Die Eiskristalle hatten einen weißen Teppich über das Land gelegt, und etwas gedankenverloren blickte Semir aus dem Seitenfenster in diese Landschaft. Trotz aller Ablenkung konnte er nicht verhindern, dass seine Gedanken hin und wieder abschweiften, vor allem zu seinem dritten Partner im Bunde. Saß er noch zu Hause, saß er schon im Flieger? Als der Himmel etwas aufriss und er zwischen den grauen Wolken am blauen Himmel ein Flugzeug sah, dachte er an Kevin. Nein, er konnte es einfach nicht nachvollziehen, was den jungen Polizisten antrieb, so zu handeln.
    "Welches Interesse könnte eine kriminelle Organisation an einem Versicherungsfritzen haben?", dachte Ben laut nach und riss den erfahrenen Kommissar aus seinen Gedanken. "Wirklich nur ein Kontaktmann bei dem Betrug? Ich meine... wir kennen ja jetzt schon ein paar organisierte Banden. Den eigenen Treffpunkt immer wieder abfackeln um ne Summe zu kassieren, die man mit Drogen und Prostitution viel schneller wieder drin hat?" Der jüngere Polizist sah herüber zu Semir. "Das kaufe ich unserm holländischen Kollegen irgendwie nicht ab." Semir zuckte mit den Schultern: "Vorstellbar ist das schon. Da kann man recht einfach ne hohe Summe kassieren. Aber warum haben sie es so derart übertrieben, dass sie aus der Versicherung geflogen sind? Hat der Bachmann da vielleicht selbst ne Untersuchung eingeleitet, und musste deshalb sterben?" "Aussteiger vielleicht?", fragte Ben und bog zur zweiten der drei Tankstellen ab. Bei der ersten hatte sich auf den Überwachungsbändern nichts ergeben.


    In einem kleinen Hinterraum der Tankstelle hatten sie die Möglichkeit an einem PC die Überwachungskamera des betreffenden Tages zu sichten. Was früher immer eine pixelige und ungenaue Angelegenheit war, war heute komfortabel. Man konnte in der Zeitlinie springen ohne spulen zu müssen, es gab keine Bildstörungen und moderne Kameras, die sich jede Tankstelle leisten konnte, übertrug ihr Bild in FullHD an den Zentralrechner der Tankstelle, so dass man bei näherem Heranzoomen nicht nur problemlos Nummernschilder erkennen konnte, sondern auch Gesichtsausdrücke.
    Nach einer dreiviertel Stunde erblickten sie das Auto mit dem bekannten Nummernschild, und konnten auch sofort den Mann identifizieren, der das Fahrzeug betankte. Semir und Ben beugten sich sofort aus einer bequemen Liegeposition auf dem beiden Stühlen nach vorne, um genau auf den Monitor zu blicken, als Ben das Bild stoppte und heranzoomte, soweit die Wiedergabe-Software der Kamera das zuließ. "Sieht etwas gestresst aus, hmm?", meinte Semir sofort. Die Augen von Björn Bachmann blickten hin und her, sein Kopf fuhr mehrmals herum und seine Schritte und Bewegungen waren schnell und hektisch. "Irgendwie, als würde er verfolgt werden. Oder dass er nervös war." Sie betrachteten die Aufnahme bis zum Ende, bis Björn Bachmann mit schnellen Schritten zum Wagen zurückkam, einstieg und die Zapfsäule für den nächsten Kunden wieder freimachte.


    Der Kassierer der Tankstelle wurde hereingerufen, um sich die Bilder des Mannes anzusehen. "Wer hatte um diese Uhrzeit Dienst?", fragte Semir und zeigte mit dem Finger auf den Zeitstempel auf dem Monitor. "Ich. Warum?" "Erinnern sie sich an den Mann, der dort tankt?" Der Kassierer, mit hoher Stirn und Schnauzbart, blickte genauer auf den Monitor und runzelte die ebenso in Falten gelegte Stirn. Er schien nachzudenken, und nickte dann langsam. "Doch, ich erinnere mich. Der wirkte ziemlich nervös. Schien es eilig zu haben." Das deckte sich mit den Beobachtungen der beiden Polizisten. "Ist ihnen sonst noch was aufgefallen an dem Mann?" Wieder brauchte der Kassierer kurz, verschränkte die Arme vor der Brust und ging einen Schritt weg vom Monitor.
    "Ja... der hat mit nem 500er bezahlt. Ich hatte mich noch geärgert, weil ich zu der anderen Kasse musste." "Mit nem 500er?", wiederholte Ben und erinnerte sich sofort an das Geld, das sie im Wagen gefunden hatten. "Ja. Und er hatte ihn nicht etwa im Geldbeutel, er nahm ihn so aus der Hosentasche. Also, ich persönlich hätte soviel Geld, wenn ich es überhaupt mit dabei hätte, nicht einfach in der Hosentasche, sondern im Geldbeutel... oder? Also, mir kam es etwas komisch vor, aber der 500er war echt, deswegen hab ich mir keine Gedanken gemacht." "Viele Tankstellen holen doch keine 500er mehr an.", bemerkte Semir. "Aber nur, wegen der Gefahr des Falschgeldes. Wir haben ein Testgerät, deswegen nehmen wir sie wieder an.", erklärte der Kassierer und zeigte sich sofort kooperationsbereit, als Ben darum bat, die Aufnahme mitnehmen zu dürfen.


    Die Sonne brach etwas durch die Wolken und ließ die weiße dichte Schneedecke herrlich weiß aussehen, zumindest dort, wo sie unberührt war. Auf der Straße verwandelte sie sich, durch den Einsatz von Streumitteln und Autoabgasen schnell in ein breiiges Grau bis Schwarz. Die beiden Polizisten gingen über den Vorplatz der Tankstelle zurück zu ihrem Dienstwagen. "Denkst du das gleiche, was ich denke?", fragte Ben in Semirs Richtung, und der nickte sofort. "Eine Übergabe, die schief lief. Er hatte einen Termin, war deswegen nervös. Der Mörder wusste, wann er im Wald stand und wartete. Also wird Bachmann umgelegt, und das Geld wird mitgenommen, dabei gehen ein paar Scheine verloren." "Wenn er aber Geld zur Übergabe dabei hatte, warum wird die Übergabe nicht durchgezogen? Was ist schief gelaufen?", fragte der junge Polizist wiederrum, worauf Semir natürlich keine Antwort hatte.
    "Ich glaube, es wird langsam Zeit für ein paar stichhaltige Beweise, die auf die Organisation hindeuten. Am besten Namen, nicht nur das Sportgeschäft.", sagte Semir entschlossen und legte die Hände auf das Dach des Mercedes. "An was denkst du?" "Durchsuchungsbefehl für Bachmanns Wohnung. Irgendwelche Unterlagen, Akten, vielleicht Überweisungen. Irgendwas wird da zu finden sein." Ben konnte ein etwas geschlagenes Gesicht nicht verbergen. Er wusste, dass eine Durchsuchung der Wohnung Streß bedeuten würde, für Carina und ihre Mutter. Dass es Misstrauen schuf. Aber er war Polizist, da musste er durch... schließlich war es auch für Carina von Interesse, den Mörder ihres Bruders vor Gericht zu wissen. "Vielleicht brauchen wir da keine Beschluss...", meinte er nachdenklich und stieg ins Auto ein.