Innenstadt - 18:15 Uhr
Ben pfiff der eiskalte Fahrtwind um die Ohren, doch in dem Moment als sich seine Blicke und die, des flüchtenden Einbrechers sich kreuzten, spürte er nichts von der Kälte. Eher war es so, dass es ihm gleichzeitig heiß und kalt den Rücken herunterlief, denn der Kerl zögerte keine Sekunde. Das Glas zerbarst von der ersten Kugel, die dicht neben Ben einschlug, doch zum Glück hatte der Typ nur einen begrenzten Winkel zum Zielen, und so genügte es, dass der Polizist sich bis zum linken Rand auf der Matratze wegrollte und sich an der Seitenstange der Ladefläche festklammerte. Das leise Ploppen als die Kugeln in die Matratze neben ihm einschlugen, war in Vermischung des Motorengeräusches zu hören, und er meinte auch, den Kerl fluchen zu hören, weil er den ungeliebten Fahrgast nicht los wurde.
"Cobra 11 braucht Verstärkung, verfolge einen Matratzentransporter in der Innenstadt Richtung Ossendorf.", rief Semir in sein Funkgerät, während er dicht an dem Transporter dranblieb. "Wir brauchen eine Straßensperre, ich geb euch die Position durch." Über Funk gab Bonrath die Bestätigung, sich sofort mit Jenny auf den Weg zu machen. Semir konzentrierte sich im Dunkeln Ben im Auge zu behalten aber trotzdem sich durch den dichten Feierabendverkehr zu schlängeln. Der Einbrecher scherte sich nicht um rote Ampeln oder Vorfahrtsregelungen, und noch erschrockener war er, als noch einige Schüsse zu hören waren.
Als jedoch nur noch ein leises Klicken aus der Waffe zu hören war, warf der Einbrecher diese in den Fahrgastraum. Er schleuderte mit dem Transporter quietschend über die nassglatte Straße an einer Kreuzung, wo zwei unbeteiligte PKWs beim Ausweichen aneinander stießen. "Scheisse...", fluchte Semir, bremste voll ab und erkundigte sich durchs offene Fenster, ob bei den Insassen alles in Ordnung sei. Ein Mann, der sofort ausstieg und der Frau aus dem Gegnerauto aus dem Wagen half, zeigte den Daumen nach oben, und der Polizist nahm die Verfolgung wieder auf. "Brauche eine Streife und Krankenwagen zur Kreuzung Erftstraße Spichernstraße!", gab der erfahrene Polizist sofort per Funk durch und wurde von Hotte bestätigt, der das Funkgerät von Bonrath übernommen hatte, und nun die Verstärkung koordinierte.
Der Fahrer des Fluchtwagens versuchte nun, Ben anders loszuwerden und gleichzeitig das bewegende, im folgende Blaulicht aus zu schalten. Ein Hebel, angebracht unterhalb des Amaturenbretts wurde betätigt und damit die Kippfunktion der Ladefläche aktiviert. Ben spürte und sah, wie das Führerhaus vor ihm langsam verschwand, weil die Umrandung der Ladefläche sich immer weiter erhob und die oberste Schicht Matratzen ins Rutschen geriet. "Oooooh, fuck!!", rief er und versuchte sich mühsam aufzurichten, als die oberste Matratze nachgab. Trotz schnellen Krabbelns blieb er quasi auf der Stelle, wie bei einem Laufband, als seine Unterlage entglitt und auf die Straße fiel. Der dicht folgende Semir reagierte blitzartig und umkurvte das Hindernis.
"Wollen doch mal sehen, wie lang du dich da halten kannst!", rief der Einbrecher aus dem Führerhaus und ließ den Hebel in Kippstellung. Wie in Zeitlupe bewegte sich die Ladefläche unnatürlich nach oben und immer mehr Matratzen rutschten durch die geöffnete Hinterklappe auf die Straße. Ben kletterte und krabbelte um sein Leben und blickte mittlerweile immer mehr in den mittlerweile sternenklaren Himmel. Er biss die Zähne zusammen und nahm die Halterung der Ladefläche, die nun weit nach oben stand, ins Blickfeld, als eine weitere Matratze sich endgültig verabschiedet hatte. Würde er noch länger warten, käme er nicht mehr heran, da er durch die fehlenden Matratzen zu tief stand und die Fläche immer steiler wurde.
Also riskierte er es und brachte seine komplette Kraft in den Beinen auf, um vorwärts zu springen, die Arme ausgestreckt und einfach hoffend, die eckte Stange fassen zu können. Als er das eiskalte Metall an den Handflächen spürte, hätte er jubeln können, doch das Körpergewicht, das ihn nach unten zog, schien immer mehr zu werden, je steiler sich die Ladefläche aufstellte. Ben wusste, dass er das auf Dauer nicht halten könne, also wendete er nochmals Kraft auf, um sich an der Stange hochzuziehen, und schlang mit Schwung die Beine ebenfalls über die Stange. Langsam, sich mit den Händen immer noch festhaltend, versuchte er sich balancierend aufzurichten. Das Dach des Führerhauses kam ihm auf einmal recht klein und schwer zu treffen vor, wenn er jetzt runterspringen würde.
Semir bekam im Auto beinahe einen Herzinfarkt, als er sah was Ben da fabrizierte. Als sein Partner oben gefährlich zu wanken begann, beinahe das Gleichgewicht verlor und nochmal nach der Strange greifen musste, auf der er jetzt stand, klammerte sich der erfahrene Polizist instinktiv fester an sein Lenkrad. Dabei konnte er einer fallenden Matratze nicht komplett ausweichen und streifte das, gerade landende Hindernis mit dem rechten Kotflügel. Glas splitterte, ein Ruck ging durch das Auto und Semir hatte nur noch halbes Licht nach vorne. Doch das kümmerte ihn gerade nicht, denn seine Augen weiteten sich als er hinter dem Transporter ausscherte, um sich zu orientieren und die nahende Fußgängerbrücke sah.
So schnell er konnte, fuhr er das automatisch sich senkende Seitenfenster herunter, um Bens Namen zu rufen. Doch die Warnung war unnötig, Ben sah schließlich nach vorne und sah das drohende Unheil kommen. Mit hochgestellter Ladefläche war der Transporter zu hoch für die Brücke. "Scheisse, SCHEISSE!!", rief er und kraxelte langsam gebeugt, Füße auf der Stange und Hände rechts und links drum herum fassend, um das Gleichgewicht zu halten, nach rechts zum Rand. Er musste springen, bevor die Ladefläche gegen die Brücke krachte. Es wäre keine hohe Distanz, aber er musste sich weit genug abdrücken, um nicht vom der Ladefläche erschlagen zu werden, und im richtigen Moment, um nicht die Brücke zu verfehlen und auf dem Asphalt, weit unter ihm, zu landen. Eine andere Möglichkeit gab es nicht...
Es war schrecklich für Semir mitanzusehen, völlig hilflos, wie sein Partner sich selbst retten musste. Er versuchte, den Flüchtenden zum Anhalten zu bewegen, in dem er hupte und Lichthupe gab. Ein Ausbremsen kam wegen des Gewichtsunterschied nicht in Frage, der Typ würde Semir leicht von der Straße schieben. Und offenbar war der Typ mit der Flucht so beschäftigt, dass er die Brücke einfach übersah oder nicht mehr daran dachte, dass sein Wagen nun viel höher war. Ben hatte die Fußgängerbrücke fest im Blick, die Muskeln angespannt. Innerlich zählte er die Sekunden bis zum Einschlag und wollte genau eine halbe Sekunde vorher abspringen, obwohl dies eigentlich Blödsinn war... denn er konnte die Zeit nicht messen.
"Spring!", flüsterte Semir in dem Moment, als dem Fahrer dann wohl doch ein Licht aufging, und er in die Eisen ging... viel zu spät. Ben drückte sich von seiner Haltestange, schützte beim Flug seinen Bauch und Rippen mit den Armen und sah unter sich gerade noch das Brückengeländer, dass er verfehlte, vorbeiziehen bevor er auf dem Asphalt der Fußgängerbrücke aufschlug, sich zweimal, dreimal um die eigene Achse rollte und mit Wucht in das gegenüberliegende Brückengeländer... zum Glück mit Schulter und Rücken, nicht mit dem Kopf, einschlug. Noch währenddessen wurde das Reifenquietschen der Vollbremsung von einem lauten Knall unterbrochen, einem Dröhnen als sich schweres Metall verbog und Beton bröckelte.
Der Transporter wurde rüde von der Fußgängerbrücke gestoppt, die Ladefläche verbog sich und die Brücke erzitterte. Das Fahrzeug wurde herumgerissen und auf 0 abgebremst, während der vordere Teil des Wagens durch die Phsyik des Haltens an der Brücke nach oben gezogen wurde, knickte sämtliche Mechanik im hinteren Teil ein. Durch das Herumreißen und dem Zurückkippen, weil die Ladefläche weder abriss noch die Brücke durchbohrte, krachte der vordere Teil Sekundenbruchteile später wieder auf den Asphalt. Dampf stieg auf von zerborstenen Wasserleitung und hinter dem Transporter kam der schleudernde BMW von Semir zum Stillstand. Die erste Aufmerksamkeit des Polizisten richtete sich nach oben auf die Brücke. "BEN?? Bist du okay?", schrie er aus einer Mischung aus Panik, Angst und Hoffnung. "Ja....", kam eine leisere, eindeutig schmerzhafte aber lebendige Antwort, und Semir atmete auf.
Dann griff er zur Dienstwaffe, entsicherte diese und lief zur Fahrerseite des Transporters. Mit einem geübten Griff riss er diese auf, packte den stöhnenden und über dem Lenkrad hängenden maskierten Typen am Kragen und zog ihn grob aus dem Fahrzeug. Er schien, bis auf ein paar Schrammen im Gesicht, die Semir erst sah, als er ihm die Maske vom Kopf riss bemerkte, unverletzt doch in diesem Moment nicht mehr im Stande, Widerstand zu leisten. Der Polizist drückte ihn gegen das Fahrzeug, durchsuchte ihn schnell und legte ihm dann die Acht, seine Handschellen an. Als er ihn zum BMW führte sah der Polizist nochmal nach oben. Er konnte Ben bereits wieder auf den Beinen sehen, am Geländer stehend und sich über selbiges Beugen, um die Schäden an der Betonumantelung der Fußgängerbrücke zu sehen. Dann blickte er kopfschüttelnd zu seinem Partner nach unten. "Klasse... das kostet wieder teuer Geld...", brummte er nur und atmete schwer...