Motel - 18:00 Uhr
Kevin hätte sich im Leben nicht zugegeben, dass ihm für einen Moment doch das Herz in die Hose gerutscht war. Auf dem Weg vom Feldweg zum Motel, als er die ganze Situation von Gerade nochmal überdachte, wurde ihm klar in welcher Gefahr er gerade eben geschwebt hatte. Und dass er sich in diesen Momenten mehr als einmal wünschte, doch Kugeln in die Trommel gelegt zu haben. Er hatte sich entschlossen, als er auf Juan auf dem Platz gewartet hatte, die Kugeln zu entfernen um dem Kolumbianer damit zu beweisen, dass er niemals dran gedacht hatte, ihn zu erschiessen. Scheinbar war es eine gute Idee, denn Juan vertraute ihm jetzt mehr als zuvor. Er hatte sich nicht von Santos kaufen lassen, denn dem Kartellchef traute Kevin selbst nicht, obwohl die Offenbarung von Juan im Bezug auf den drohenden Scharfschützen nochmal erschreckend für den jungen Polizisten war.
Beide Männer stiegen im Motel die Treppe zu Kevins Zimmer herauf, an einem kleinen Kiosk vor dem Motel hatte Juan zwei Flaschen muffig schmeckendes kolumbianisches Bier gekauft, mit dem die beiden anstießen. "Ich hoffe, du verstehst, dass ich mit Santos keinen Krieg anfangen kann. Genauso wenig, wie er diesen Krieg mit mir möchte.", sagte der Mann im Tanktop. "Warum heuert er nicht einfach einen Profikiller an?", fragte der schweigsame Polizist und sein Gegenüber, der sich auf einen Stuhl im karg möbilierten Zimmer gesetzt hatte, antwortete: "Weil man so einfach nicht an mich heran kommt. Ich bin sehr selten in dem Viertel, und gebe mich nur mit dir ab, weil Zack dich kennt. Offenbar denkt er, dass du zu meinem Kartell gehörst, und er dich hätte mit Annie kaufen können."
Kevin seufzte etwas, der Weg zu Annie schien immer noch ewig und voller Hindernisse. Natürlich verstand er auch Juan. Der Mann hatte sich hier ein, zwar moralisch zweifelhaftes Kartell aufgebaut, dass er wegen einer wildfremden Frau und eines leichtsinnigen Polizisten sicher nicht aufs Spiel setzen wird. Für einen Moment blieb es still, denn beide dachten nach. Kevin dachte darüber nach, nach ein paar von Juans Männer zu bitten, um in das Haus mit Gewalt einzudringen, doch er verwarf den Vorschlag, noch bevor er ihn verbal ausdrückte. Kevin wollte auf weiteres Blutvergießen, so gut es ging, verzichten. Irgendwann hielt es ihn nicht mehr auf dem Bett, er ging durch das Zimmer, sah aus dem Fenster nach draussen, wo es langsam immer dunkler wurde, und das Vibrieren seines Handys vorhin hatte er längst vergessen.
Juan wippte mit dem Stuhl hin und her und beobachtete das wilde Tier im Käfig. Er hätte darauf wetten können, dass Kevin sich am liebsten bewaffnet und in das Haus spaziert wäre. Er wusste aber auch, dass der Junge wohl keine 5 Minuten dabei überleben würde. Plötzlich grinste der Kolumbianer. Er grinste über beide Ohren was zu seinem eigentlich oftmals sympathisch und freundlich blickenden Gesicht passte. "Ich glaube, ich hab da eine Idee.", sagte er vielversprechend und Kevin blieb am Fenster, wobei er sich mit dem Rücken gegen den Rahmen lehnte.
"Ich kenne einen Nachtclub und Puffbesitzer aus Medellín. Einen Mexikaner. Ich weiß, dass er sich hin und wieder, entweder für große Privatparties oder für seinen Club junge Mädchen "besorgt." Hin und wieder auch von Santos.", erklärte der Kolumbianer seine Idee. "Die Drogen kauft er aber größtenteils bei mir. Er schuldet mir noch einen Gefallen." Kevin hörte gebannt zu, und es schien als würde sich der Weg zu Annie plötzlich verkürzen und einige Hindernisse würden sich in Luft auflösen. "Und du meinst, der Mexikaner könnte, unter dem Vorwand ein paar Frauen zu benötigen, zufälligerweise sich unter anderem für Annie entscheiden?" Juan nickte. "Esteban kann Santos nicht ausstehen, aber er hat sich über die Zeit die besten Preise erhandelt. Der Mann ist ein begnadeter Feilscher. Ich bin mir sicher, dass er uns hilft... bei einem entsprechenden Angebot."
Plötzlich war Kevins Zuversicht wieder ein Stück weit verflogen und er zog die Stirn in Falten. "Ein Angebot? Du weißt doch selbst, dass ich mir die 50.000 für dich schon leihen musste. Mit was soll ich ihn bezahlen?" Aber Juan winkte ab, und nun zahlte es sich doch aus, dass sich Kevin Juans Vertrauen quasi erzwungen hatte. "Die Schulden hast du dann bei mir. Esteban wird ein paar Drogenlieferungen von mir umsonst bekommen." Für einen Moment blickten sich die beiden Männer direkt in die Augen. "Das würdest du für mich tun?", fragte der Polizist und sein Reiseführer, der immer mehr zu einem Partner wurde, nickte. Kevins "Danke" hätte sich gespielt nicht ehrlicher anhören können...
"Ich werde Esteban heute noch anrufen, und mich bei dir melden. Zwischen Medellin und Bogota fliegt alle halbe Stunde eine Maschine, er kann also kurzfristig da sein. Wie ich ihn kenne, wird es ihm ein Spaß sein, Santos eins auszuwischen.", meinte Juan und feixte wie ein Schuljunge. "Und mir auch." Kevin nickte und schöpfte wieder Hoffnung, auch wenn Juan die Erwartungen dämpfte. "Wenn Esteban nicht zustimmt, versprich mir bitte dass du es lässt. Es gibt dann keinen anderen Weg, Annie da raus zu holen." Beinahe hörte sich Juan schon an wie Semir, als er diesen mahnenden Ton anschlug. "Es ist beschissen, aber manchmal muss man wissen, wann man aufgeben muss, Kevin. Du hattes schon mehr Glück als Verstand, seit du hier bist."
Mit langsamen Schritten ging Kevin vom Fenster weg, setzte sich auf das Bett und fuhr sich mit den Händen durch die abstehenden Haare. Er spürte das Vertrauen, und er wollte es zurück zahlen. "Juan... ich hab mit 18 meine Schwester verloren, weil ich ihr nicht helfen konnte. Ich konnte einem Kind in einem brennenden Haus nicht helfen. Das ganze verfolgt mich mein Leben lang." Er sprach ruhig aber bestimmt, und Juan hörte aufmerksam zu. "Ich habe in Deutschland vermutlich meine Beziehung zerstört und habe meine besten Freunde enttäuscht, um dieser Frau zu helfen. Ja, sie ist mir auch wichtig... aber ich bin mir auch sicher, dass sie das Opfer, das ich erbracht habe, nicht wert ist." Juan hatte den jungen Mann bisher nie so gesprächig erlebt. "Es hätte mir weh getan, sie an die Drogen zu verlieren... aber nur für sie hätte ich das Opfer nicht erbracht. Es ist einzig der Dämon in meinem Kopf, der mich zwingt das hier zu tun. Der mich zwingt, Annie hier nicht zurück zu lassen." Der Kolumbianer sah Kevin mit ernstem Blick direkt in die Augen, als dieser kopfschüttelnd sagte: "Ich kann nicht aufgeben. Eher jage ich mir eine Kugel in den Kopf. Ich habe nichts mehr, wofür ich nach Deutschland zurückkehren müsste..."
Mit gemischten Gefühlen verabschiedete Juan sich von Kevin und war sichtlich beeindruckt von dessen Worten. Dieser bewegte sich, nachdem der Kolumbianer das Zimmer verlassen hatte, ein wenig verloren durch den Raum, trank den Rest seines Bieres und lehnte sich gegen die Zimmerwand. Er erinnerte sich in dem Moment an das Vibrieren seines Handys und zog das technische Gerät aus der Jeans. Zwei Anrufe in Abwesenheit von Jenny ließen ihn die Augenbrauen nach oben ziehen. Er öffnete ihre Nachricht, der Ladebalken legte sich für einige Sekunden über das verschwommene gesendete Bild, bis es mit einem Mal scharf wurde. Darunter waren nur wenige Worte zu lesen: "Bitte komm gesund nach Hause. WIR brauchen dich."
Die Bierflasche in der freien Hand fiel splitternd zu Boden, als der Polizist realisierte, was dieses schwarz-weiße, verpixelte Bild wirklich bedeutete. Die Form war auf einmal klar, das aktuelle Datum am oberen Rand des Ausdrucks ebenfalls. Seine Hand begann zu zittern und er fühlte, wie es ihn nicht mehr auf den Beinen hielt, und er langsam an der Wand in eine sitzende Position rutschte. Kevin wurde klar, dass das "WIR" in Jennys Nachricht nicht etwa Semir oder Ben mit einfasste... sondern einzig Jenny selbst, ihn und diesen kleinen Menschen, den der Polizist jetzt betrachtete. Diese Nachricht und dieses Bild änderte alles... Alles was Kevin vor 10 Minuten noch zu Juan gesagt hatte, alles was er hier tat, schien auf einmal sinnlos. Noch nie war der Polizist von etwas so überfahren, so positiv ergriffen.
Seine linke Hand mit dem Handy und dem Bild sank zu Boden neben ihm, mit der anderen Hand fasste sich Kevin ins Gesicht, an die Augen und er konnte einen Weinkrampf nicht mehr unterdrücken. Es war eine Mischung aus Verzweiflung über seine hier vertrackte Situation, aus Wut und Selbsthass dass er Jenny alleine gelassen hatte... und einige Freudentränen mischten sich ebenfalls in seine Augen, als er das Bild immer wieder ansah. Aufgrund dessen, dass es in Deutschland mitten in der Nacht war, rief er Jenny nicht an, sondern sendete ihr nur ein "Ich komme zurück...". Den Zeitpunkt hielt er offen, denn er war mit sich selbst nicht einig...