Dschungel - 10:00 Uhr
Annie sah mit getrübten Blick nicht viel von ihrer Umgebung, als das Chaos begann. Sie hörte Schüsse, sie schrie kurz auf, dann wurde sie am Arm nach vorne gezogen. Die junge Frau konnte noch Kevins Stimme hören, mit ihr mitzukommen, und sie hätte sich nicht mal anders entscheiden können, denn der Griff des jungen Polizisten war energisch und konsequent. Elend fühlte sie sich sowieso, da sie Spuren des Entzugs bemerkte und so wusste sie nicht, wieviele Meter sie schon gelaufen waren, als erneut Schüssen fielen und Kevin plötzlich aufstöhnte, bevor sie beide übereinander ins weiche Gras fielen. "Kevin, was ist los?", rief sie erschrocken und versuchte sich zu orientieren. Sie lagen für Sekundenbruchteile nebeneinander auf der Körperseite, die Frau sah nach ihrem Partner, der sich die rechte Hand auf den linken Oberarm drückte. "Fuck...", hörte sie nur sein Stöhnen.
Einige Meter entfernt erstarb das Motorengeräusch und mehrere Männer riefen sich spanisch klingende Wortfetzen zu. Der Schmerz der Kugel brannte Kevins Arm hoch und runter, durch seine Schulter in den Nacken bis in den Kopf. Dort lokalisierten sich auch die Stimmen, so dass er schnell handeln musste, die blutverschmierte Hand von der Schusswunde nahm und in den hinteren Hosenbund den Revolver ergriff. Die Waffe mit beiden Händen haltend, stemmte er sich hoch in die Richtung, von der sie gekommen waren und hatte den Überraschungsmoment auf seiner Seite. Von seinen zwei schnell abgefeuerten Schüssen schaltete eine Kugel einen der Verfolger aus.
"Komm, weiter!", sagte Kevin gehetzt und Annie verstand nicht, wie sie sich in ihrem Zustand so schnell wieder aufrappelte, doch das Adrenalin verdrängte ihren Entzug genauso, wie es Kevins Schmerzen verdrängte. "Ahí!! Ahí!", schrie einer der Männer, als sich die beiden durchs Unterholz flüchteten. Sie liefen Haken um sofort hinter dichten tropischen Sträuchern und Palmen zu verschwinden, einige Gewehrsalven waren noch zu hören, doch sie verstummten schnell. "Macht sie fertig! Los!! Derjenige, der sie erschiesst, bekommt eine Belohnung!", rief Santos persönlich aus dem Wagen in spanischer Sprache mit seiner dominanten Stimme, und die restlichen drei Männer versuchten durch hohes Gras und unwegsamen Dschungel die Verfolgung aufzunehmen.
Annie japste und stöhnte, Kevin rann der Schweiß durch die Haare. Ihre Kleider waren von dem Sturz verdreckt, aber sie waren ein wenig erleichtert, als die Schüsse verstummten. Zumindest hatten sie sich unsichtbar gemacht, doch das nächste Problem folgte sofort... wie kamen sie hier raus. Kevin hatte keine Karte und für einen Blick ins Handy fehlte die Zeit. Immer wieder blieb er nur für einen Moment stehen, um sich zu orientieren. Das Einzige was half, war das Geräusch des Flusses Rio Cauca, denn wenn es leiser wurde, bewegte sich Kevin davon weg, wurde es lauter kam er ihm näher. Er versuchte das Geräusch auf einer Lautstärke zu folgen um dem Fluss zu folgen, aber trotzdem im dichten Dschungel zu bleiben.
Juan saß in seinem Jeep und bretterte den staubigen Feldweg entlang des Dschungels. Sein Gesichtsausdruck war verbissen, er schlug auf das abgenutzte Lenkrad und stieß spanische Flüche aus. Verdammt nochmal, er hatte die beiden im Stich gelassen. Er war ein Verbrecher, doch er war auch ein Mensch geblieben. Leute, die er verlor, setzten ihm zu. Kevin kannte er kaum, er hatte einen Teil des leicht verdienten Geldes von ihm bereits und vermutlich hätte sich jeder Drogendealer in seiner Position nun die Hände gerieben und die Sache abgehakt... noch dazu, dass er von Santos Leuten nicht gesehen wurde. Was kümmerte ihn so ein durchgeknallter Deutscher, der seiner Freundin bis tief in den kolumbianischen Dschungel folgte, und sein Leben riskierte. Sollte er dafür seine ganze Stellung in Bogota aufs Spiel setzen?
Der Wagen rumpelte und Steine flogen gegen das Blech. Irgendwann trat Juan mit voller Wucht aufs Bremspedal und die Reifen blockierten im staubigen Sand, bis der Jeep ächzend zum Stehen kam. Als um ihn herum noch Staub stand, sah der Kolumbianer aus der Frontscheibe, die Hände um das Lenkrad geklammert. Kevin hatte ihm imponiert, ein wenig sogar mit seiner leicht angedeuteten Geschichte berührt. Er riskierte für seine Freundin sein Leben, und Juan war niemand, der eigene Leute über die Klinge springen ließ, wenn es eng wurde. In der Beziehung war er anders als Santos, und darauf war er immer stolz, auch wenn er mit Feinden kurzen Prozess machte. Und Kevin hatte ihm vertraut, als er sich mit seinem leeren Revolver gegen ihn stellte... ihm vertraut, dass Juan mit ihm keinen kurzen Prozess machte. Der Mann schlug nochmals aufs Lenkrad, legte den Rückwärtsgang ein, und wendete den Jeep.
Gehetzt sah sich der Polizist immer wieder um, seine rechte Hand um die kleinere seiner ehemaligen Freundin geschlungen, die er mit sich zog. Doch in Annies Kopf drehte sich alles. Der Entzug, die Aufregung, die Angst... alles prasselte auf sie ein, aus einer Schramme am Kopf blutete sie vom Sturz. Irgendwann spürte Kevin, wie er von Annie gestoppt wurde, wie der Widerstand am Arm plötzlich erstarkte... sie war wieder hingefallen. "Was ist los? Wir müssen weiter!", sagte er hechelnd. "Ich... ich kann nicht mehr... ich...", stammelte sie und spürte, wie alles um sie herum immer dunkler und dumpfer wurde. Der Polizist beugte sich über Annie, die schwer atmend sich auf den Rücken legte und die Augen verdrehte. "Annie... Annie!!" Leicht täschelte er ihr gegen die Wange, doch sie murmelte nur Unverständliches. Kevin kannte den Zustand, und gleichzeitig bestätigte sich die Befürchtung, mit der er hergekommen war. Annie nahm Drogen und war gerade massiv auf Turkey. Er war in diesem Zustand selbst, oft auf hitzigen Konzerten, umgekippt.
"Scheisse.", keuchte er, als er die Stimmen hinter sich wieder hörte. Er schlang sich Annies schlaffe Arme um den Hals und hob ihren leichten Körper hoch, so dass sie, wie ein Baby, sanft in seinen Armen lag. Sie waren so lange im Abstand zum Fluss gelaufen, dass die Typen diese Strategie eigentlich hätten bemerken müssen. Also ging der Polizist, so schnell er mit seiner Traglast konnte, im rechten Winkel nach rechts vom Fluss weg.
Die Sonne drang immer mehr durch das dünner werdende Dickicht, doch das Rascheln verriet Kevins Richtungsänderung. Die Stimmen wurden wieder lauter und es war nur eine Frage der Zeit, bis sie dem Polizisten in den Rücken schossen, um ihn auszuschalten. Er überquerte einen Autopfad, einen Feldweg und verschwand im beginnenden Dickicht gegenüber, als wieder die ersten Schüsse fielen. Hinter einem moosbewachsenen Felsen legte er die bewusstlose Annie sanft ins Gras und flüsterte ihr zu: "Ich bring dich hier raus, Annie...". Dann lugte er über den Felsen, nahm wieder seinen Revolver in die Hand und wartete atemlos.
Ein Mann kam aus dem Waldstück auf den Weg, ein Zweiter ebenso. Beide hatten Maschinengewehre in der Hand und sahen in beide Richtungen des Weges, eine Richtung die geradeaus ging, die andere mündete in eine Kurve. Sie sprachen auf Spanisch und deuteten in das weitere Stück Dschungel auf der anderen Seite des Weges. Gerade als sie den Schritt von der Straße wegmachten, schnellte Kevin aus seiner Deckung und beschäftigte sich nicht mit einem "Waffen weg!", was die beiden Männer sowieso nicht verstanden hätten. Er war hier kein Polizist und hier galt nur das Gesetz des Überlebens. Drei Schüsse benötigte er für die beiden Männer, die zu sehr überrascht wurden, als dass sie selbst die Waffe hätten heben können. Kevin atmete durch, packte die toten Männer nacheinander am Kragen und zog sie von der Straße ins Gebüsch. Dann lief er zurück zu Annie und hob sie sanft wieder auf, wobei sie wieder murmelte, was immer ein gutes Zeichen war... dann lebte sie noch. Doch vom Entzug war noch niemand gestorben, ausser ihr Kreislauf kam ganz zum Erliegen, doch das war nicht der Fall.
Kevin trat mit seinem Handgepäck auf die Straße, der er nun folgen wollte, sah einmal links und rechts. Wenn er die Richtung richtig im Kopf hatte, musste er in Richtung der Kurve, doch er kam nur einen Schritt weit. Santos' dritter Mann trat aus dem Wald und zielte mit dem Gewehr auf den Polizisten. "Scheisse...", murmelte er und sah in das dreckige Grinsen des Mannes, der das Gewehr bereits angelegt hatte und wohl schon nachdachte, was er mit Santos_ Belohnung anstellen wollte. "Hijo de Puta!", sagte er und legte den Finger um den Abzug, während Kevin ihm in die Augen sah und seine bewusstlose Ex-Freundin dichter an sich drückte. Er spürte in dem Moment ihre intensive Nähe, und erinnerte sich an frühere Momente. Es war ein kleiner Trost für ihn, dass sie wenigstens nichts sah, nichts spüren würde und keine Angst hatte.
Das Motorengeräusch überraschte beide... den Mann mit dem Gewehr sogar so sehr, dass er es vorzog, sich kurz nach hinten zu drehen in Richtung der Kurve von der das Geräusch kam und er mit Santos rechnete. Als jedoch der Jeep um die Ecke schoss, der eben noch bei der Übergabe stand, riss er das Gewehr hoch... zu spät. Der Jeep bremste, schleuderte geschickt und erwischte den Kerl mit dem hinteren schleudernden Teil des Wagens mit voller Wucht, so dass er meterweit gegen einen Baum geschleudert wurde, und regungslos liegen blieb. Der Polizist stand atemlos mit Annie im Arm vor dem Wagen, der quer vor ihm zum halten kam, bis Juan die Beifahrertür öffnete. "Was ist? Willst du hier Kartoffeln anbauen? Rein mit euch!" Kevin wusste, dass er sein Glück für heute ausgereizt hatte...