Dschungel - 12:45 Uhr
Juan lief der Schweiß aus den zurückgebundenen Haaren über die Stirn, während er den Jeep im halbwegs sicheren Tempo die Straße entlang lenkte. Sein Herz klopfte gegen die Brust und er fühlte sich ganz und gar unwohl darin, sich von Kevin getrennt zu haben. Rechts türmten sich hohe Berge auf, die fast bis zur Kuppe grün überwuchert waren, während links das Tal abfiel. Doch gegenüber Juans leichter Nervosität war Annie ein reines Nervenbündel. Sie zitterte schon wieder, als sei sie auf Entzug, doch diesmal rührte das Zittern von der Angst um Kevin, Panik nicht zu wissen, was mit ihm geschah und die nagende Ungewissheit. Nur hin und wieder, als lauere draussen eine unsichtbare Gefahr, riskierte sie einen Blick aus dem Seitenfenster... und erstarrte.
"Oh Gott... Da unten!", schrie sie auf einmal, als die Lage der Straße ihr den Blick auf die Brücke freigab, über die Kevin eigentlich Santos abhängen wollte. Juan trat sofort mit aller Macht aufs Bremspedal und mit stehenden Reifen kam der Jeep schließlich zum Stillstand, woraufhin der Kolumbianer ebenfalls aus dem Seitenfenster nach schräg hinten heraus sah und auf die Brücke blickte. Er und Annie betrachteten hilflos, wie Kevin am Rand der Brücke stand, und Santos dicht vor ihm, die Arme auf ihn gerichtet. Die Waffe konnten sie aus der Entfernung nicht erkennen und auch keinen Gesichtsausdruck, anhand der Kleidung konnten sie Kevin aber identifizieren.
"Wir müssen etwas tun! Wir müssen zurückfahren!!", schrie die junge Frau beinahe hysterisch in Juans Richtung, der wie angewurzelt da stand. Er erwischte sich bei dem Gedanken, Annie zu packen und ins Auto zu zerren, damit sie nicht mitansehen musste, was dort unten gleich passierte, ebenfalls berechnete er die Zeit, die er zum Zurückfahren bräuchte... er würde in jedem Fall zu spät kommen. Ausserdem wäre dann alles verloren, und er hatte dem jungen Polizisten doch versprochen, Annie zum Flughafen zu bringen. In Juans Innerem hörte er auf einmal Kevins Stimme und einen Satz, der deutlich machte, warum er sein Leben für das rothaarige Mädchen riskierte: "Es ist einzig der Dämon in meinem Kopf, der mich zwingt das hier zu tun. Der mich zwingt, Annie hier nicht zurück zu lassen. Ich kann nicht aufgeben. Eher jage ich mir eine Kugel in den Kopf. Ich habe nichts mehr, wofür ich nach Deutschland zurückkehren müsste..." Er wollte, dass Annie in Sicherheit kam... und nicht, dass er gerettet wird.
"Wir müssen weiter Annie... wir können ihm nicht mehr helfen.", sagte der Kolumbianer gehetzt und griff Annie am Arm, um sie zum Auto zu zerren. "NEIN! Wir können ihn nicht sterben lassen!!", schrie sie mit Tränen erstickter Stimme, und ihre Gedanken kreisten um seine Erzählung, dass er Vater werde. "Hör zu, er hat gesagt, dass das Wichtigste ist, dich zu retten! Egal, was mit ihm passiert.", sagte Juan und packte Annie, die wild den Kopf schüttelte. "Nein, das kann nicht sein! Er wird Vater!! Er muss mit zurückkommen."
Der Kolumbianer sah die rothaarige Frau entgeistert an... er wird Vater? Warum hatte er das nicht gesagt? Warum sagte er, dass es nichts mehr gab, wofür er zurückkehren musste. Plötzlich fiel ihm die Veränderung des Mannes von gestern abend zu heute morgen ein... diese Unsicherheit, diese vorsichtige Distanziertheit, die Skepsis über ihr Vorgehen. "Es hat sich... alles ein wenig verändert.", hatte er zu Juan gesagt. "Scheisse...", flüsterte der Drogenboss und ließ Annie los. Es gab nur eine Möglichkeit, er rannte zum Wagen und zog das zweite automatische Gewehr heraus. Er hatte eins mitgenommen, falls er unterwegs nochmal auf Widerstand treffen würde, legte es an und versuchte so genau wie möglich zu zielen. Doch die Entfernung war verdammt weit für solch eine ungenaue Waffe, und vermutlich würde es Santos höchstens warnen, statt zu treffen, aber es war wohl Kevins letzte Chance.
Der Lärm, der die Waffe von sich gab, war auf der Brücke nur schwach, vom Rauschen des Rio Cauca überdeckt zu hören. Doch die Kugeln, die nahe bei Santos und Kevin einschlugen, waren verdammt nah und gefährlich. Sofort ging Santos Blick von Kevin weg nach rechts oben, wo sich die Landstraße am Berg vorbeischlängelte und die beiden Bodyguards, die das Duell auf der Brücke bewachten, gaben sofort Antwort in die ungefähre Richtung, von der die Schüsse gekommen waren. Einige Kugeln trafen dicht bei Juan und Annie Bäume und die kleine Begrenzungsmauer, die die Straße vom Abhang sicherte, so dass der Kolumbianer den Angriff schnell einstellen musste.
Doch die kurze Ablenkung schien zu genügen, und der Polizist und gelernte Kampfsportler gab nicht kampflos auf. Mit der Handkante stieß er mit aller Kraft gegen die Hand seines Gegenübers, die die Waffe festhielt, nachdem er das Handgelenk mit der anderen Hand umklammert hatte. Eine schnelle, effektive Entwaffnungsübung, wenn der Gegner dicht zu jemandem stand. Im hohen Bogen flog die Waffe einige Meter weit auf die Brücke, während die Bodyguards sich auf Juan konzentrierten. Der erste Schlag in Santos Magengrube war für den Kartellchef ebenfalls noch überraschend und ließ ihn einige Schritte zurückgehen, Kevins nachfolgender Karatetritt zum Kopf allerdings konnte er mühelos ausweichen. Der Polizist spürte Schmerzen bei jeder Bewegung, und trotz des Adrenalins in seinem Körper waren seine Bewegungen langsamer als sonst.
Sein kolumbianischer Freund beobachtete etwas geduckt hinter der Begrenzungsmauer zusammen mit Annie den Zweikampf, versuchte nochmal nachzuladen, doch die Waffe war leer. "Kevin, lauf weg! Lauf verdammt nochmal weg.", flüsterte er auf spanisch... Santos hatte keine Waffe, mit der er ihn erschiessen hätte können und die Bodygaurds hatten sich darauf fokussiert die Landstraße von unten mit Blicken nach Juan abzusuchen. Der wusste: Egal wie gut Kevin wohl, was er an dessen Bewegungen erkannte, im Nahkampf ausgebildet war... gegen Santos würde er keine Chance haben. Der war als Guerilla-Kämpfer im kolumbianischen und anderen südamerikanischen kleineren Konflikten als Nahkämpfer ausgebildet... deswegen sein innigster Wunsch, Kevin möge die Flucht ergreifen, statt den Zweikampf mit dem Kartellchef zu wagen.
Doch das leise Flehen war vergebens. Kevin konnte nicht so schnell reagieren, dass er Santos auch nur ebenbürtig war, was er vielleicht gewesen wäre, wäre er unverletzt bei dem Unfall geblieben. Trotzdem versuchte er, seinen Gegner in den Staub zu schicken, um dann gefahrloser fliehen zu können. Doch Santos spürte genau, dass der Deutsche angeschlagen war, auch wenn er sich scheinbar im waffenlosen Kampf auskannte. Sein erster Boxhieb ins Gesicht ließ ihn aber sofort zurücktaumeln, denn die Reaktion war zu langsam, als dass er hätte ausweichen können. Santos beherrschte die Kunst des Capoeira, einer brasilianischen Kampfsportart, und trotz das der Angriff Kevins auf ihn überraschend kam, so war er doch schnell wieder Herr seiner Sinne.
Kevin kämpfte mit stumpfen Waffen. Durch den Schlag gegen die Schläfe verschwamm vor seinem Blick alles, den nachfolgenden "Joelhada", einem Kniestoß zum Bauch sah er überhaupt nicht kommen und war ihm schutzlos ausgeliefert. Dem jungen Polizisten blieb die Luft weg und er stand gebeugt am Rand der Brücke. Santos sah, wie der junge Kerl die Zähne zusammenbiss und meinte, so etwas wie Hass und Wille in den hellblauen Augen aufblitzen zu sehen. In einen letzten, beinahe verzweifelten Angriff nach vorne in Santos' Richtung legte er nochmal alle Kraft, die er zusammenraffen konnte, traf sogar mit einem Faustschlag in die Nierengegend des Verbrechers auch nochmal effektiv, doch mit seiner geballten Kraft in den Armen stieß der Drogenboss Kevin mit Wucht zurück.
Sein Atem brannte, Schmerzen durchzuckten seinen Kopf, seinen Rücken und stachen ihm quer durch die Brust. Hustend spuckte Kevin Blut in den Staub der Brücke, und er sah, wie Santos das Spiel endgültig beenden wollte. Mit einer Körperdrehung machte der Verbrecher die Distanz zwischen ihm und Kevin wett, die gleichzeitig dazu diente, Schwung zu holen und den Tritt mit Wucht gegen den Gegner zu landen um ihn, meistens am Kopf zu treffen. Der Fuß kommt dabei schon während der Drehung auf Höhe des Gegners angeflogen... so kannte es der Polizist. Aber er wehrte sich nicht... er nahm die Hände nicht nach oben, um den Tritt abzuwehren, der bei dieser Kampfkunst tiefer angesetzt war, und den Gegner auf die Brust, statt gegen den Kopf treffen sollte. Sein Körper war von Schmerzen durchzogen, das Blut in seinem Gesicht getrocknet, und Kevin hatte einfach keine Kraft mehr, sich zu wehren.
Die schwere Schuhsohle traf Kevin auf den Brustkorb... nicht so heftig , um dem jungen Mann die Knochen zu brechen, aber heftig genug, ihn taumeln zu lassen, denn in den Beinen fehlte ihm die Kraft. Der niedrige Absatz, direkt hinter dem Polizisten, war kein Schutz vor dem Absturz...
Juan krallte die Finger in die Ritzen der Steinmauer, seine Augen waren weit aufgerissen und die Zähne hatte er aufeinander gepresst. Hilflos musste er mitansehen, wie Santos Kevin den entscheidenen Tritt verpasste, der junge Polizist den Halt verlor und von der Brücke stürzte. Vor Annies Auge lief dieses Geschehnis wie in Zeitlupe ab... als schaue sie einen Film und suche panisch die Stop-Taste, um diesen Horror anzuhalten, zurück zu spulen und die Kassette weg zu werfen, bevor sie sich die Szene angesehen hatte. Doch es gab keine Stop-Taste und sie sah schreiend mit an, wie ihr Retter, ihr ehemaliger Freund die Brücke runterstürzte. "NEEEEEIN!!" Im ersten Reflex wollte die junge Frau über den kleinen Vorsprung klettern und den Hügel herunter, der so steil war, dass sie niemals heil die vielen Meter herunter bis zum Tal und damit bis zum Fluss angekommen wäre. Juan behielt dagegen einigermaßen einen kühlen Kopf und umklammerte die Frau an der Hüfte mit seinem festen Griff.
"Hör auf jetzt! Es ist zu spät!! HÖR AUF!", redete er laut auf das hysterische Mädchen ein und fluchte auf Spanisch. Die beiden Bodyguards hatten den Beschuss eingestellt und der Kolumbianer zerrte Annie, die jetzt vollkommen zusammenbrach, zurück zu dem Geländewagen und verfrachtete sie auf dem Rücksitz. Dort brach Annie in Tränen aus, während Juan den Wagen vom Fahrersitz aus wieder startete. Leise sprach er auf spanisch ein Gebet für Kevin...