Dienststelle - 14:45 Uhr
Schweren Herzens hatten sich die beiden Partner in ihrer Sorge getrennt. Semir eilte zur Dienststelle zurück, schließlich war er noch im Dienst und von dort aus konnte er über den Dienstweg die deutsche Botschaft in Bogota erreichen. Hotte und Dieter sahen überrascht auf, als Semir mit schnellen Schritten in seinem Büro verschwand, Andrea's Platz war leer denn sie war gerade auf Toilette. Mit wenigen Klicks hatte Semir die Telefonnummer in Kolumbien gefunden. Er war erschrocken über seine Stimmung während der Autofahrt, denn die hatte sich von Sorge bereits langsam in Trauer gewandelt. Sein Unterbewusstsein, sein Gespür gaukelte ihm vor, dass es zu spät war. Das gleiche Gefühl hatte er damals auch bei André, nachdem sie ihn nicht im Wasser gefunden hatten. Und obwohl er damals falsch lag, so war er doch ganz sicher gewesen, dass André den Harpunenschuss nicht überlebt hatte.
Im Gegensatz zu damals war Semir diesmal nicht dabei. Er musste sich auf die Beschreibungen von einem Fremden und einer Frau verlassen, der er nicht traute. Allerdings gab es für die beiden keinen Grund zu lügen, und einen Gefühlsausbruch wie der von Annie konnte niemand schauspielern. Er konnte es drehen und wenden wie er wollte, er konnte sich das Happy-End wünschen... sein rationales Denken gab ihm wenig Hoffnung, zu viel sprach einfach dafür, dass Juan nicht übertrieb mit seiner Ansicht ob der Gefährlichkeit des Rio Caucas, dessen Namen er beiläufig in den Erzählungen erwähnt hat.
Auf Deutsch meldete sich eine Frauenstimme am Telefon. "Mein Name ist Gerkhan, Kripo Autobahn. Frau Neu, wir haben Informationen eines kolumbianischen Einheimischen, dass es im Dschungelgebiet in der Nähe von Bogota zu einem Unglücksfall eines unserer Kollegen gekommen ist. Ich bräuchte dringend eine Verbindung, wenns geht auf Englisch zu den ansässigen Rettungs- und Polizeibehörden." "Mal ganz langsam, Herr Gerkhan...", sagte die sympathische Stimme auf der anderen Seite der Welt, denn der Polizist hatte schnell und ohne Punkt und Komma geredet. "Sagen sie mir doch zuerst, was passiert ist." "Angeblich soll unser Kollege von einer Brücke in den Rio Cauca gestürzt sein. Er war dort mit einem Drogenkartell aneinander geraten."
Semir konnte etwas Unverständnis aus den Worten der Botschaftsmitarbeiterin heraushören. "Wie kann es denn sein, dass ein deutscher Polizist in Bogota mit einem Drogenkartell aneinandergerät?" "Bitte ersparen sie mir unwichtige Fragen! Es geht jetzt darum, unserem Kollegen zu helfen... falls man ihm noch helfen kann." "Auf welcher Brücke soll das denn passiert sein?" "Ich weiß es nicht. Himmel Herr Gott, gibt es so viele verdammte Brücken an diesem Fluß?", polterte Semir, obwohl er wusste dass die arme Frau nichts dafür konnte, dass er so unwissend war...
Diese blieb allerdings freundlich, wenn auch bestimmt. "Ja, es gibt einige. Und der Fluß ist relativ lange. Hat der Einheimische die Brücke irgendwie beschrieben?" Der erfahrene Polizist seufzte, fuhr sich mit den Fingern über die Stirn und bemerkte nicht, dass die Chefin mittlerweile im Türrahmen stand. "Sie muss in der Nähe von Bogota sein. Er sagte etwas, dass sie relativ hoch sei und ein Sturz nur schwer überlebbar, wobei der Fluss mit Felsen und Stromschnellen ebenfalls gefährlich sei zur Zeit." "Puuh...", machte die Mitarbeiterin, und es hörte sich in Semirs Ohren so hoffnungslos an, dass er eine Gänsehaut bekam. "Da hat der Kolumbianer nicht unrecht. Dieser Fluss ist in dieser Zeit lebensgefährlich. Obwohl er relativ flach ist, hat man in den Stromschnellen ohne Sicherung vom Ufer keine Chance. Bei einem Sturz aus dieser Höhe sowieso nicht."
Die komplette Körperspannung wich aus dem Polizisten und er sackte auf dem Stuhl zusammen. Wieder knabberte jemand, der scheinbar um die Verhältnisse des Flusses wusste, an der eh geringen Hoffnung. "Bitte, wir können nicht einfach hier rumsitzen und Däumchen drehen. Wir brauchen irgendeine Gewissheit." Frau Neu verstand das Anliegen des Polizisten, sie konnte sich zwar nicht in ihn hineinversetzen, ihr war aber auch klar, dass die Kollegen des verschwundenen Mannes in völliger Ahnungslosigkeit schwebten. In so einer Situation wäre eine klare Todesnachricht schon beinahe eine Erleichterung, weil man endlich Gewissheit hätte.
"Herr Gerkhan, es ist nicht so, dass ich ihnen nicht helfen will. Aber ich fürchte, aufgrund der Tatsache dass die Überlebenschance bei einem Sturz von einer dieser Brücken so gering ist, wir hier keinen Polizeichef dazu bringen können, Männer auf die Suche zu schicken. Ausserdem...", setzte sie noch hinzu, während Semir atemlos zuhörte "Dieses Gebiet im Dschungel ist... wie soll ich sagen... teilweise von den Rebellen kontrolliert. Ich weiß nicht, ob sie sich das vorstellen können, aber es gibt hier Gebiete, da wird die Polizei keine Leute hinschicken, weil sie nicht mehr widerkehren würden." "Na großartig...", seufzte der Polizist und wusste sofort: Wenn es zu gefährlich für kolumbianische Polizisten war, wäre es auch um ein vielfaches zu gefährlich für zwei, zwar wagemutige aber in dieser Gegend völlig ahnungslose deutsche Polizisten.
"Hören sie... der Mann hatte eine Freundin hier zu Hause sitzen, die ein Kind von ihm erwartet. Beide sind sehr enge Freunde von mir. Ich... ich möchte einfach eine Gewissheit haben, ob wir uns noch Hoffnung machen können, dass er vielleicht in ein paar Tagen doch noch aus einem Flugzeug steigt, oder die Gewissheit haben, dass... dass er...", es fiel Semir schwer die endgültigen Worte auszusprechen "...dass er tot ist." Für einen Moment war Stille in der Leitung. "Herr Gerkhan, ich werde es versuchen. Aber ich kann ihnen nichts versprechen. Aber wenn sie meine Meinung hören wollen, als eine Frau die schon 20 Jahre in Kolumbien lebt und um Bogota fast alles gesehen hat..." wieder blieb es für einen Moment still "...machen sie sich keine Hoffnung. So schwer es auch fällt."
Als die Frau das Gespräch beendet hatte, und auch Semir aufgelegt hatte, räusperte sich die Chefin im Türrahmen, so dass Semir kurz erschrak und sich zu ihr umdrehte. Ihr Blick war ernst, voll Sorge und verwirrt. "Haben sie mir etwas zu sagen, Semir?", fragte sie, doch es war diesmal nichts zu hören von ihrer scharfen Freundlichkeit kurz vor einem Vulkanausbruch. Auch Andrea kam zur Tür herein, als sie bemerkte, dass Semir wieder da war und hatte erst das Gefühl zu stören... doch Semir bedachte mit einer Handbewegung, dass sie bleiben solle... schließlich kannte sie Kevin auch. "Ich glaube, es ist etwas ganz Schlimmes passiert.", sagte er mit traurigem Gesichtsausdruck, der ihn immer ein paar Jahre älter wirken ließ, als er war. "Scheinbar... ist Kevin in Kolumbien... umgebracht worden."
"Oh Gott", hauchte Andrea, ging sofort zu ihrem Mann und umarmte ihn. Sie konnte sich denken, wie sehr Semir das mitnahm, gerade nachdem sie gestern zusammen mit Ben dem jungen Polizisten seine Dummheit quasi verziehen hatten. Nur die Chefin verstand noch nicht: "Ich dachte, Herr Peters ist krank..." Semir schämte sich vor seiner Chefin dafür, dass er ihr alles verheimlicht hatte... mal wieder. Sie hätte es sicherlich verstanden, auch wenn sie sich über Kevins Verhalten geärgert hätte. Jetzt erzählte er die ganze Geschichte in kurzen Sätzen, und Anna Engelhardt schüttelte immer wieder den Kopf.
"Weiß... weiß Jenny schon davon?", fragte Semirs Frau mit schimmernden Augen, als sie an die junge Kollegin dachte, und ihr Mann nickte. "Ben ist bei ihr... sie schläft und hat ein Beruhigungsmittel bekommen." "Ich... ich fahr zu ihr. Vielleicht... ich... ich kann jetzt nicht einfach hier sitzen.", sagte sie hastig und blickte zur Chefin, die großzügig nickte. Als Andrea das Büro verlassen hatte, setzte sie sich nachdenklich auf Bens Platz und sah zu Semir rüber. "Wie geht es ihnen jetzt?", fragte sie, denn sie empfand Semir als ziemlich angeschlagen, ob der sehr geringen Chance, dass Kevin noch leben könnte. "Beschissen...", war seine kurze Antwort, denn seine Hoffnung war weg. Er hatte keine Chance in Kolumbien Kevin zu suchen, die Behörden dort würden sich nicht in das Gebiet trauen... und alles vor dem Hintergrund der eh recht geringen Überlebenschance. "Das letzte was wir miteinander getan haben, war zu streiten... das macht mich fertig.", gab er zu.
Dann sah der Polizist von seinem Schreibtisch zu seiner Chefin auf. "Chefin... es ist wieder passiert.", sagte er mit trauriger Stimme. "Wir haben schon wieder jemanden aus unserer Familie verloren. Irgendwie... spüre ich es." Er wollte das Gefühl nicht wahrhaben, aber es wurde immer präsenter. Die Sorge wandelte sich in Trauer, und die einzige Hoffnung war die kolumbianische Botschaft. Hoffnung auf Gewissheit. Anna Engelhardt nickte nur stumm. Sie wusste, wie eng Semir und Ben zu Kevin standen. Ihr Verhältnis zu ihm war eher distanziert, doch sie wollte nicht herzlos sein und sagen, dass Kevin für sie mehr wie ein Bekannter, als ein Familienmitglied war. Doch Frau Engelhardt dachte es nur und sagte leise: "Es tut mir so leid, Semir..." Und das tat es ihr wirklich, schließlich war Kevin, nichtsdestotrotz, einer ihrer Männer...