Beiträge von Campino

    Autobahn - 6:00 Uhr


    Bonrath und Herzberger, die beiden dienstältesten Streifenbeamten der Autobahnpolizei, waren gerade auf der ersten Streife ihrer Schicht. Beide sind Frühaufsteher und meist viel früher im Dienst, als sie bei Wechselschicht eigentlich müssten, doch sie mochten es beide auf der Straße zu sein, wenn langsam hell wurde, wie auch heute, auch wenn es zur Zeit gerade noch stockfinster war und der Tag sich sicher noch über eine Stunde geduldete. Draussen war es trocken und immer noch bitterkalt, denn der Winter hielt sich hartnäckig, krallte sich mit seinen Eisklauen unerbittlich in Deutschland fest. Beide Polizisten waren dick eingepackt in Pullover und Lederjacke, Bonrath war am Steuer während Hotte sich an der heißen Thermoskanne die Hände warm hielt. Zu ihrem Glück waren die modernen Streifenwagen von heute auch schon mit Sitzheizung ausgestattet.
    Natürlich hatten sich beide über Kevins Schicksal unterhalten, natürlich waren auch beide bestürzt. Doch dank ihrer Routine schafften sie es, schnell zum Alltag überzugehen und die schlimmen Ereignisse zumindest auszublenden... und der Alltag bestand darin, dass der beleibte Hotte sich beschwerte, dass sein Partner und bester Freund an diesem Morgen ungefüllte Croissants mitgebracht hatte. "Ach Hotte, dann steig du das nächste Mal doch einfach selber aus, hmm?", meinte sein, manchmal zu Trägheit neigender Nebenmann.


    "Zentrale an alle... wer ist denn in der Nähe der Brücke hinter der Raststätte Frechen Nord auf der A4?", klang es irgendwann aus dem Funkgerät, und Hotte nahm das Anliegen an. "Wir sind nur wenige Kilometer weg... was gibts denn?" "Da liegt irgendwas auf der Straße, da haben uns jetzt schon zwei Autofahrer angerufen, aber sie konnten nicht erkennen was es war. Irgendwelche Kleinteile, vielleicht auch ein totes Tier... schaut ihr euch das mal an?" "Sind schon unterwegs." Der beleibte Polizist schaltete das Blaulicht an und sein Partner trat aufs Gaspedal. Als sie sich der Brücke näherten, fuhren sie langsam auf den Seitenstreifen, bis sie die undefinierbare Masse im Scheinwerferlicht sahen, an der ein Fuchs schnupperte, aber sofort weglief, als sich das Auto näherte. "Park am besten auf der rechten Spur, und wir sperren ab... das sieht mir irgendwie nicht nach einem Tier aus.", sagte Hotte.
    In Warnwesten und mit viel Routine stellten sie einige Pylonen bis zu dem Zeug auf, was auf der rechten Spur lag. Es war problemlos, denn es kam so gut wie kein Auto um diese frühe Uhrzeit vorbei. Dann gingen beide zu der Stelle und leuchteten mit starken Taschenlampen drauf. Bonraths Magen zog sich zusammen, und auch Herzberger verlor ein wenig die Farbe im Gesicht. Sie hatten beide schon vieles gesehen, doch das, was sich umrahmt einer großen Blutlache vor ihnen bot, war schwer verdaulich. Wie ein tropfendes Rinnsaal wurde die kleine Ansammlung von, für die beiden undefenierbaren glänzenden Glibber genährt, als Bonrath langsam die Taschenlampe nach oben hielt. "Hotte... guck mal..." "Jesus..."


    Brücke über der A4 - 7:30 Uhr


    Es dauerte nicht lange, und die beiden Streifenbeamten hatten in Windeseile eine komplette Vollsperrung angeordnet, und sofort Verstärkung angefordert. Vor allem kamen die Tatortermittler in ihren weißen Anzügen, die bei Morgengrauen bereits emsig dabei waren, Spuren zu sichern. Als die Sonne langsam sich am Horizont zeigte, rollte auch Semirs silberner BMW unter die Brücke durch die Absperrung, wo die beiden Autobahnpolizisten, von der Chefin sofort bei Ankunft im Büro auf die Autobahn geschickt, ausstiegen. Bonrath und Hotte standen hinter der Brücke und blickten hinauf, als sie die beiden Kollegen bemerkten. "Ich hoffe, ihr habt noch nicht gefrühstückt...", meinte Hotte beinahe schon unheilvoll und blickte gerade auf Ben, der aus einer Bäckerstüte ein belegtes Brötchen zog. "Ne... NOCH nicht... warum?", meinte er nach dem ersten Bissen mit halbvollem Mund. Mit dem Zeigefinger blickte Hotte erst zu Boden auf den Haufen Innereien, und dann langsam nach oben. Semir und sein Partner folgtem mit den Augen stumm den Blick, und das Kauen von Bens Kiefer verlangsamte sich. "Na Mahlzeit...", meinte Semir nur.
    Beide Polizisten waren nicht zimperlich beim Anblick von toten Menschen. Wenn auf der Autobahn übermotivierte Motorradfahrer mit LKWs zusammenstießen, konnten dabei Bilder entstehen, die einen den Magen umdrehten. Irgendwann stumpfte man ab, wenn man älter wurde. Der Kollege im weißen Anzug, der sich im Gras gerade übergeben musste, war scheinbar noch nicht so lange dabei. Semir und Ben gingen gerade, als sie neben der Autobahn die Böschung hinaufstiegen und oben an dem Feldweg, der über die Autobahn führte, an dem Mann vorbei. "Alles klar bei dir?", fragte Semir fast schon väterlich fürsorglich den tatsächlich noch sehr jungen Kerl. "Das ist mein erster Tag hier, und ich hab schon die Schnauze voll." Und beim Blick auf den kauenden Ben setzte er hinzu: "Dir wird es auch gleich so gehen."


    Am Brückengeländer, das in Fahrtrichtung der Autobahn lag, stand Roland Meisner, Leiter der Tatortermittler und Chef-Rechtsmediziner, bereits bei der Arbeit. Den genau hier war die Ursache für die Schweinerei auf der Autobahn zu finden. "Morgen Meisner... alter Leichenschnippler.", begrüßte Ben den grau melierten Mann... der Zusatz war spaßig gemeint und fast schon ein Running-Gag zwischen den beiden. "Hallo ihr beiden... da war jemand verdammt sauer auf den armen Kerl.", sagte der erfahrene Rechtsmediziner und trat einen Schritt vom Geländer weg, um den beiden volle Sicht auf den Tatort zu geben.
    Der "arme Kerl", den Meisner angesprochen hatte, stand ausserhalb von der Brücke, mit ausgestreckten Armen auf der Kante, als wolle er von der Brücke abheben. Arme und die zusammenstehenden Beine waren mit Kabelbinder fest an das Geländer fixiert. Die Leiche war komplett nackt, der Absatz der Brücke, auf dem er stand, voll Blut. Wo der Lebenssaft herkam war ebenfalls deutlich zu sehen, ein langer Schnitt vom Schritt beginnend bis knapp unter die Kehle klaffte deutlich auf, und die Organe, die durch Nerven und Muskeln noch im Körper hielten und nicht auf die Fahrbahn darunter gefallen sind, hingen aus dem offenen Körper. Ein strammes Seil, das quer durch seinen Mund geführt und ebenfalls mit dem Geländer der Brücke verbunden war, hielt seinen Kopf aufrecht, so dass er quasi in den Sonnenaufgang blickte.


    Semir und Ben waren beinahe sprachlos, ob solch einer Brutalität und beinahe schon Perversität. Sie empfanden Ekel, ein flaues Gefühl im Magen, aber keinerlei Würgereiz. "Ziemlich sauer, sagst du? Ich würde sagen, ziemlich krank.", meinte Semir und ging um die Leiche herum, bis zum Brückengeländer, wo er herunter auf die Sauerei blickte, die ebenfalls von einigen Beamten untersucht wurde. "Tatwaffe konnten wir nicht finden, aber ich gehe nicht von einem Skalpell aus, eher von einem großen, mittelscharfen Messer, da die Ränder der geöffneten Bauchdecke bis hoch zum Brustbein, ziemlich ausgefranst sind. Da musste sich jemand ziemlich anstrengen.", erklärte der Rechtsmediziner und schaute seine Notizen durch. "Da es so kalt war heute Nacht ist der Todeszeitpunkt schwer zu bestimmen, aber definitiv heute Nacht. Da der Verkehr hier sich erst gegen Mitternacht beruhigt, nehme ich an, dass der Mörder ungestört sein wollte... also so ab 2 Uhr abwärts bis maximal 5 Uhr." "Und wenn er woanders umgebracht wurde, und danach erst hier festgebunden?", fragte Ben und hatte die Tüte mit dem Brötchen nun doch zusammengeknüllt und in die Jackentasche gezwängt. "Er hat an den Armen und Beinen umfassende Spuren der Kabelbinder. Er muss sich also noch eine Zeitlang dagegen gewehrt haben. Ausserdem ist die Blutlache so groß da unten, dass wir davon ausgehen können, dass der Mord in dieser Lage stattfand." "Sieht mir fast nach nem Ritualmord aus, oder?", meinte Semir nachdenklich. "Oder ne verdammt wütende Ehefrau...", war Bens Antwort beim Betrachten der Leiche.


    "Verdammt wütend ist ein gutes Stichwort.", bemerkte der "Leichenschnippler" noch ein wenig zynisch und wies mit seinem Kugelschreiber in Richtung des offenen Torsos: "Die Innereien fallen nicht einfach so aus einem Körper. Natürlich kann mal ein Muskel oder eine Sehne reissen, aber im Allgemeinen ist da nichts so schwer, dass es nicht gehalten wird." "Das heißt was? Es wurde herausgeschnitten und dann von der Brücke geworfen?" Semir sah mit hochgezogener Augenbraue. "Wenn ich das eben, aus dieser Position richtig gesehen habe... wurde es nicht geschnitten, sondern gerissen." Die Vorstellung ließ die beiden Polizisten nun doch ein wenig blass um die Nase werden. "Wie soll ich mir das vorstellen... der Mörder packt den Lungenflügel des Opfers, und reisst so lange daran herum, bis er ihn in der Hand hat?", fragte Ben und Meisner nickte. "Exakt so."
    Semir stellte sich rechts von der Leiche ans Geländer und versuchte, ohne den Mann zu berühren, herumzugreifen. "Mit ein bisschen längeren Armen geht das... er kann ihm seitlich hinter dem Geländer stehend sowohl aufgeschlitzt, als auch etwas herausgerissen haben. Habt ihr schon festgestellt, ob was fehlt?" Der Rechtsmediziner schüttelte den Kopf. "Leider sind schon ein paar unvorsichtige Autofahrer drüber gefahren, ein Tier lief laut euren Kollegen gerade weg, und ein bisschen was ist noch drin. Schwer zu sagen, ob der oder die Täter etwas mitgenommen haben. Hier..." Er reichte den beiden ein verschlossenes Klarsichtpäkchen. "Der Personalausweis war das einzige, was direkt bei dem Toten lag. Als wolle der Mörder, dass wir genau wissen, wer das ist." Semir nahm den Ausweis mit der Folie in die Hand und las den Namen...

    Jenny's Wohnung - 17:15 Uhr


    Irgendetwas tun... irgendetwas musste sie tun. War es nur zum dritten Mal diese Woche das Badezimmer zu putzen, einkaufen zu gehen obwohl sie eh keinen Hunger hatte, oder mal den Schrank nach alten Klamotten ausmisten. Nur vom Rumsitzen, warten, hoffen, trauern und Angst haben würde Jenny wohl wahnsinnig werden. Die Unwissenheit über den Verbleib ihres Freundes war präsent in ihrem Hinterkopf, Appetitlosigkeit begleitete ihren Tag. Die Chefin hatte ihr drei Wochen Sonderurlaub genehmigt... nein, eher verordnet. Während Jenny die erste Woche wirklich brauchte, viel weinte und kaum das Haus verließ, brauchte sie in der zweiten Woche eine Beschäftigung. Das Abwarten machte sie mehr fertig, als alles andere. Sie war in der 9ten Schwangerschaftswoche, die Morgenübelkeit war mittlerweile gewichen, doch hin und wieder spürte sie, seit sie die Nachricht von Kevins vermeintlichen Tod bekam, ein Ziehen im Bauch, Schmerzen, die sie nicht kannte. Doch es war immer nur so kurz, dass sie es ignorierte und meistens nachts.
    Nachts wurde die Trauer präsent. Sobald es draussen dunkel wurde, die junge Frau in der Wohnung das Licht anmachte, kam es ihr vor, als würden dunkle Schatten sie bedrohen. Dann sehnte sie sich nach Kevin, an dessen Anwesenheit sie sich in kürzester Zeit gewöhnt hatte, und die ihr jetzt so fehlte. Seine starken Arme, seine schützende Ausstrahlung, seine zwar monotone, aber Sicherheit schenkende Stimme. Jenny war kein ängstlicher Mensch, sie hatte ja auch zwischen ihrem letzten Freund und Kevin alleine gelebt... aber in Verbindung mit der Unwissenheit, der Trauer und der kompletten mentalen Situation drohte sie, in den Nächten zusammen zu brechen.


    Immer wenn es unten an der Haustür klingelte oder an der Wohnungstür klopfte, schreckte Jenny auf. Plötzlich waren da eine Vielzahl von Gefühlen... Überschwängliche Freude, weil sie sich immer mal wieder einbildete, es wäre doch Kevin, der zurückkehrte. Hoffnung, dass es Ben oder Semir mit guten Nachrichten waren, gleichzeitig aber auch Angst, dass es die beiden Polizisten, allerdings mit schlechten Nachrichten waren. Unsicherheit, oft auch die Unlust, überhaupt jemanden zu sehen. Aber Semir und Ben, genauso wie Andrea kannten in der Hinsicht kein Erbarmen. Sie ließen die junge Frau nicht im Stich und holten sie nach und nach aus ihrem kleinen selbstgebauten Schneckenhaus. Andrea ging mit ihr zum Shoppen, Ben ging mit ihr ins Kino.
    Vor allem Ben war Jenny sehr dankbar. Obwohl der gerade auch versuchte, so viel wie möglich mit Carina Bachmann, die er während des letzten Falls kennengelernt hatte, zu unternehmen, opferte er viel Zeit für Jenny. Sie telefonierten, sie trafen sich und redeten miteinander. Oft über Kevin, über die Arbeit, Jenny fragte auch oft, wie es denn mit Carina lief. Die junge Frau hatte vor zwei Wochen ihre demenzkranke Mutter verloren, und trotz der tiefen Trauer auch wieder Lichtblicke in ihrem Leben entdeckt. Die Freiheit, mal wieder auszugehen und Dinge zu tun, die sie in den letzten Jahren nie tun konnte, genoß sie, meist zusammen mit Ben. Aber der Polizist war auch voll und ganz für Jenny da... genauso wie er es war, als Kevin im Gefängnis saß, auch wenn sie damals eine Grenze überschritten haben.


    Als Jenny jetzt die Wohnungstür öffnete, und Ben vor der Schwelle stand, hatte die Angst die Oberhand gewonnen. Bens Blick, sein Gesichtsausdruck sprachen Bände. Auch meinte die Polizistin eine leichte Rötung der Augen zu sehen, und ohne ein Wort zu sagen wusste sie, dass er keine guten Nachrichten bringen würde. Wortlos umarmten sich die beiden für einen innigen Moment, danach schloß die junge Frau die Tür hinter ihm. Die Frage nach Neuigkeiten sparte sich Jenny, als ihr Kollege langsam die Jacke auszog und sich auf einen Stuhl am Küchentisch setzte. "Ben... bitte sag es mir, wenn du es weißt.", war das Erste, was Jenny sagte. Sie wollte endlich Gewissheit, egal wie schmerzhaft sie letztendlich war. Der Wunsch, endlich Gewissheit zu haben war beinahe größer als weitere Mutmacher, die letztendlich doch nichts aussagten. Die ganze Trauer in Jenny staute sich auf, und wollte endlich ausbrechen, doch immer noch blieb sie in der jungen Frau drin, weil noch dieses letzte kleine Fünkchen Hoffnung sie aufhielt. Tränen wurden vergossen, doch der Schmerz begann einfach nicht zu heilen.
    Ben seufzte, fuhr sich durch die leicht abstehenden langen Haare und sah kurz zu Boden. Er hatte weder Gewissheit, noch Mutmacher... nur noch mehr Vermutungen, Indizien, Hinweise darauf, dass Kevin den Sturz von der Brücke wirklich nicht überlebt hatte.


    "Die... die Botschaft hat sich gemeldet und gesagt, dass sie im Fluss flussabwärts zwei Leichen gefunden haben. Eine... eine passt von der Beschreibung her auf Kevin. Aber nur von Größe, Statur und Haarfarbe.", sagte er langsam, vorsichtig, als wolle er sich mit den Worten an einen Abgrund herantasten, den er nicht überschreiten dürfe. "Sie sind aber nicht zu identifizieren... optisch." Jenny wusste, was das hieß. Oft genug gab es auf der Autobahn Unfälle, wo man auch nur noch anhand von Ausweispapieren feststellen konnte, wer das Unfallopfer wirklich war. Langsam ließ sie sich ebenfalls auf einem Stuhl nieder. "Aufgrund der... der Liegezeit im Wasser ist auch kein... Tattoo mehr zu erkennen... zumindest kein Motiv." "Aber dass ein Tattoo da war, konnte man erkennen?", fragte sie leise, und erkannte ihre eigene Stimme von eben nicht wieder, als sie sich noch so selbstsicher anhörte. Ben nickte stumm...
    Informationen, die die Hoffnung wieder verkleinerten... so klein, dass fast nichts davon übrig blieb. "Sie haben noch ein total zerstörtes Handy gefunden, und schicken es uns zu. Wenn das Handy wirklich Kevin gehört, dann..." Bens Stimme stockte. Natürlich konnte man am Zerstörungsgrad des Handys nicht direkt ableiten, dass der Besitzer beim Sturz ums Leben kam, aber es war ein weiteres Indiz dafür, dass schwere Verletzungen garantiert sind. Ebenso der Verletzungsgrad der beiden gefundenen Leichen.


    Jenny wusste nicht, wie sie auf diese neuen Informationen reagieren sollte. War die Hoffnung nun ganz weg? Sollte sie damit abschließen können, müssen? Ihr Herz pochte laut in ihrer Brust, ihre Augen suchten einen Fixpunkt auf dem Tisch, doch sie fanden nichts. Nur ihre zitternden Hände fanden die von Ben auf der Tischplatte und hielten sie fest. "Es tut mir so leid, Jenny... ich weiß selbst nicht, was ich tun soll. Ich mache mir Gedanken, Semir macht sich verrückt... wir wissen beide nicht, ob wir nach Bo...", weiter kam er nicht, als Jenny ihm ins Wort fiel. "NEIN. Ihr fahrt nicht nach Bogota! Ich würde niemals damit zurecht kommen, wenn euch auch etwas passieren würde.", sagte sie sofort und hörte sich sofort wieder viel selbstsicherer an.
    "Ich weiß... aber es fühlt sich so an, als würden wir ihn im Stich lassen... auch wenn es kaum Hoffnung gibt, und es so gut wie unmöglich ist, den richtigen Ort alleine zu finden..." "Nein, Ben. Semir hat eine Familie... zwei Kinder und eine Frau. Und ich brauche dich, Carina braucht dich." Die beiden sahen sich einander an, und Jenny spürte wie Ben, dass ihr wieder die Tränen in die Augen stiegen, und sie versuchte das Gefühl herunter zu schlucken. Immer noch ließ sie die Trauer nicht aus sich heraus. "Kevin hätte das nicht gewollt... er würde euch das nie zum Vorwurf machen.", sagte Jenny leise und ergriff mit beiden Händen die Hände Bens. Und der konnte ihrem Satz innerlich zustimmen... Kevin hätte niemals verlangt, dass sich seine Freunde in so große Gefahr begeben, um ein so aussichtsloses Unternehmen zu starten. Und seine Freundin sah es ebenfalls so... die beiden sollten nicht ihr Leben riskieren, um ihr Gewissheit zu verschaffen. Diese Aufgabe würde sie ganz alleine tragen...

    Dienststelle - 16:30 Uhr


    Die Helden der Stunde, das waren Semir, Ben, Hotte und Bonrath, kamen zurück zur Dienststelle. Hotte und Bonrath führten den verhafteten Autodieb schnurstracks ins freie Verhörzimmer, während Semir sich einen verdienten Kuss seiner Ehefrau abholte. "Und? Niemand angerufen?" "Nein, Semir... sonst hätte ich es dir gesagt.", wiederholte Andrea beinahe schon mantrahaft. Semir musste lächeln, ein bitteres Lächeln. "Ich nerv ein bisschen damit, oder?" "Kaum...", sagte seine Frau gütig und die beiden umarmten sich. Andrea wusste, dass Semir sich schrecklich schuldig fühlte. Die ganze Wut auf Kevin, die er hatte nachdem dieser nach Kolumbien fuhr um Annie zu helfen, hatte sich in Trauer umgewandelt, in Zweifel über seine damalige Reaktion, obwohl man sie ihm zum damaligen Zeitpunkt einfach nicht übel nehmen konnte.
    "Warum haben wir damals nicht einfach gesagt: "Kevin, es ist scheisse was du machst, aber wir helfen dir." Warum haben wir ihn einfach gehen lassen...?", sagte der Polizist zu seiner Frau und sah sie ein wenig unglücklich an. "Semir... das konnte doch niemand ahnen. Deine Reaktion war damals völlig verständlich, vor allem in deinem damaligen Zustand. Heute würdest du vielleicht anders reagieren. Es hat ihn niemand zu dieser Reise gezwungen." Semir wusste, dass Andrea recht hatte, und doch war es so schwer für ihn zu akzeptieren, dass der Mann, der ihn mal als "großen Bruder" bezeichnet hatte, im Bösen mit ihm auseinander gegangen war, und sie dieses Verhältnis nie wieder kitten konnten.


    Das Verhör des Autodiebes dauerte nicht allzu lange. Am Tag nach der schlimmen Nachricht um Kevin hatten sie den Fall auf den Tisch bekommen, und danach zwei arbeitsintensive Wochen gehabt. Lange Observationen, ständiges Durchfragen bei zwielichtigen Gebrauchtwagenhändlern, Abklappern alter Kontakte im Autoschiebermilieu, bis sie endlich einen Namen hatten, der für die 23 Autodiebstähle verantwortlich war... scheinbar. Der Typ, in Basecap und Jeansjacke, gab recht bald zu, dass er die Diebstähle im Auftrag vorgenommen hatte. Bei der Frage nach dem Namen des Auftraggebers schwieg er beharrlich, nicht mal Bens Nussnummer konnte ihn aus der Reserve locken.
    "Wenn ich die Typen verrate, die machen mich kalt, versteht ihr?" "Vor fünf Minuten hast du den Namen noch nicht gekannt. Willst du uns verarschen?", bellte Semir über den Vernehmungstisch, und der Autodieb wurde wieder ein paar Centimeter kleiner, nachdem er seinen Widerspruch bemerkt hatte. "Pass auf, wir machen einen Deal. Auf deiner Liste stehen 23 Autodiebstähle.", begann Ben, nachdem er das Mikrofon abgeschaltet hatte. "Wie wäre es wenn wir jeden zweiten davon streichen, wenn du uns den Namen deines Auftraggebers nennst." In den Kopf des Mannes begann es zu arbeiten. Das würde die Strafe sicher um einiges mildern, aber konnte er den Namen wirklich verraten. "11 Autos gegen den Namen, ist das ein Deal?" "15...", war das schnelle Gegenangebot des Mannes, und die Miene von Ben verfinsterte sich.


    "Wir sind hier nicht auf einem Basar! Hier wird nicht gehandelt, hier wird unser Deal angenommen, oder es bleiben gelassen. Dann fährst du für 23 Diebstähle in den Bau, und kannst die nächsten Jahre davon träumen, jemals nochmal in einem Auto zu sitzen.", sagte der junge Polizist laut. Unter der Basecap begann der Mann zu schwitzen, er rieb die Fingerkuppen nervös aufeinander, weil Semir ihn durch das bloße Tippen des Fingers auf dem Knopf des Mikros zu einer Entscheidung drängte. "Ich... Ich...", stammelte der Mann und biss sich auf die Lippen, während er aufgeregt zwischen Semir und Ben hin und her blickte. "Was? Ich ich?? Musst du aufs Klo, oder was?", fragte Ben und legte den Kopf ein wenig schief.
    Ein Klopfen unterbrach das Verhör, und Bonrath steckte den Kopf durch den Spalt. "Semir! Telefon für dich... klang wichtig." Semir sah kurz zu Ben, und der junge Polizist hatte das gleiche hoffnungsvolle und zugleich angstvolle Funkeln in den Augen wie sein bester Freund. Wäre es die kolumbianische Botschaft, könnte es sein, dass sie in einigen Minuten Gewissheit hatten, was mit ihrem Freund und Partner Kevin geschehen ist, und ob sie nun trauern, oder weiter hoffen könnten...


    Semir eilte zu seinem Apparat, auf den das Gespräch umgeleitet wurde. Andrea nickte ihm dabei nur kurz zu, weil sie wusste, wer dran war, Ben folgte seinem Partner, während Bonrath den Autodieb bewachte. "Gerkhan, Kripo Autobahn?" "Herr Gerkhan? Hier ist die deutsche Botschaft in Bogota. Entschuldigen sie, dass es so lange gedauert hat.", meldete sich die gleiche Frauenstimme, mit der er vor zwei Wochen telefoniert hatte. "Haben sie Neuigkeiten für uns?" "Hmm... ja, Neuigkeiten haben wir. Aber ich bin nicht sicher, ob sie ihnen helfen..." Was war denn das für ein Beginn? Warum rief die Frau dann an, wenn es sich um Belanglosigkeiten handelte, und doch Neuigkeiten waren? Ben verdrehte die Augen, während Semir sich bemühte, nicht patzig zu klingen.
    "Wir wären an den Neuigkeiten trotzdem interessiert.", sagte er mit ruhiger Stimme und blickte in sorgenvolle Augen seines Partners gegenüber. "Ich sage ihnen, wie es ist... wir haben einige Kilometer flussabwärts der ersten Brücke hinter Bogota zwei männliche Leichen gefunden." Semir wurde blass, Ben schlug die Hände vors Gesicht und wollte nicht glauben, was er hörte. "Sie sind sehr übel zugerichtet, vor allem im Gesicht durch die... die Felsen und die Stromschnellen. Eine optische Identifizierung war deshalb nicht möglich."


    Semir schluckte und fand als erstes die Sprache wieder. "Können sie sonst was zum Aussehen sagen... die Haarfarbe oder so." "Der eine hatte halblange schwarze Haare und war eher klein gebaut. Die andere Leiche war größer und hatte kurze braune Haare." Während die beiden Polizisten bei der ersten Leiche noch aufatmeten, so hielten sie bei der zweiten Beschreibung erneut den Atem an. Solange wurde es der Zufälle zuviel... "Ausserdem scheinen beide Leichen tättowiert gewesen zu sein. Aufgrund der langen Liegezeit im Wasser können wir aber unmöglich sagen, welches Motiv. Es sind, durch die Hautveränderung, nur Spuren davon zu sehen, im Bereich des oberen Rücken bei beiden." Ben hielt es nicht auf seinem Sitz. Ihm schossen Tränen in die Augen, er stand vom Stuhl auf und ging zum Fenster um ziellos hinaus zu schauen.
    "Das sind die einzigen Infos aus Bogota. Leider verbieten uns die polizeilichen Behörden jegliche Fotografien zu senden. Aber der Beschreibung nach zu urteilen... wie soll ich sagen... möchten die ihnen das auch nicht zumuten." Der erfahrene Polizist war von den neuen Infos, weiteren Hinweisen darauf, dass Kevin tatsächlich tot war, und doch noch keine endgültige Gewissheit, geschockt. "Also abschließend... wir können unmöglich sagen, dass es sich um die von ihnen vermisste Person handelt. Was ich ihnen aber trotzdem sagen will ist, dass dieser Fluss tödlich ist...", unterstrich die Dame nochmal.


    Weder Semir noch Ben hatten in diesem Moment Kraft für Diskussionen. Fingerabdrücke waren nicht zu vergleichen, da man keine von Kevin hatte, und wenn nicht mal Fotos verschickt werden durften, wären die kolumbianischen Behörden sicher nicht weiter zur Zusammenarbeit bereit. "Danke für die Infos. Auch wenn es nichts konkretes ist, so... so sind es doch sehr viele Zufälle die... die dafür sprechen würden.", sagte der kleine Kommissar mit mühsamer Stimme, während Ben sich schon vor dem nächsten schweren Gang zu Jenny sah.
    "Da ist noch etwas... wir haben in der Nähe der Leichen Teile eines Handys gefunden. Es war ziemlich zerstört, aber einiges konnten wir retten. Da die Behörden eine deutsche SIM-Karte, die teilweise noch vorhanden war, identifizieren konnten, und ihre Anfrage bereits hatte, haben sie die Teile des Handys zu ihnen versandt. Sie dürften die Tage bei ihnen ankommen." Semir bedankte sich erneut. Vielleicht war das Handy der letzte endgültige Beweis. Als die Frau aufgelegt hatte und auch Semir den Hörer zurück auf den Apparat legte, war ihm übel. Verloren sah er den grauen Kasten mit den Tasten und den Hörer an, und konnte keinen klaren Gedanken fassen, während Ben immer noch aus dem Fenster sah, und ihm stumm eine Träne die Wange herunterlief.

    Ich kann Simon auch nur zustimmen.

    Für mich geht das Niveau der Serie langsam, spürbar aber stetig bergab. Ich hab mir zwar, in der Beck-Ära, wieder bodenständigere Fälle gewünscht, weniger Atombomben und Weltenrettung, was man ja auch in den ersten 2 Kiefer-Staffeln sehr gut hinbekommen hat. Allerdings fehlt ohne die horizontale Erzählweise die Spannung, der Drive, die Sucht die nächste Folge zu sehen. Und mit Hintergrundstory meine ich nicht, ob Semir und Andrea nun ein Haus kaufen...

    In Zeiten von Streaming-Serien, wo eine Handlung über 10-14 Folgen abgehandelt wird, ist so eine Erzählweise wie die Cobra sie momentan zeigt, nicht mehr gefragt. Man muss ja nicht einen Fall über die komplette Staffel zeigen, aber zumindest eine ernsthafte, spannende Background-Story MUSS heutzutage in jeder Serie sein.

    Dazu hat man zur Zeit nicht mal spektakuläre Fälle zu bieten. Schön, dass die beiden mal ermitteln und nicht von Schießerei zu Schießerei eilen, und ja, es ist schwierig nach 300 Folgen noch ne Story zu haben, die es noch nicht gab. Aber der Plot plätscherte vor sich hin, es war alles schon mal da, und bis auf den Jungen waren das alles Standardfiguren, bei denen man sofort wusste, wo man wen einsortieren sollte.

    Und nach wie vor bin ich mit der Figur Renner keinesfalls glücklich, und das liegt nicht an Roesner, sondern am Drehbuch bzw seiner Charakterzeichung. Keine Ecken, keine Kanten, kein Reiz der Figur zu zu sehen, wie sie agiert, warum sie agiert. Er ist einfach da, er ist gut drauf, lustig und ein netter Typ, das wars. In einem Bericht zu "Auferstehung" stand mal, dass man bei Cobra scheinbar nicht will, dass es ein zweiten starken Charakter neben Semir gibt, weshalb man André nicht dauerhaft einbauen will. Den Eindruck habe ich ebenfalls. Den mit Brandt hatte man einen solchen starken Charakter, der vor allem in den ersten Staffeln Semir oftmals in der Story die Show gestohlen hat. Evtl auch ein Grund, warum Kiefer gehen musste. Jetzt ist Semir momentan wieder der Star, auf den alle sehen, während Renner schmückendes Beiwerk, und nicht mehr ist.

    Schwache Folge, schwache Story, ein weiterhin farbloser Kommissar Renner ... nur über den guten Humor konnte man lachen.

    3,5/10


    Was bleibt ist die Frage, an was es liegt!
    Meiner Meinung nach an einem Paul Renner ohne bisherigen Ecken und Kanten! Man verpasst absolut gar nichts, wenn man eine Folge nicht sieht! Ich hätte mir für Ihn einen Hintergrund gewünscht, genauso Ecken und Kanten wie wir es bei Alex Brandt hatten, dazu einen Handlungsstrang der sich über mehrere Folgen zieht. Vielleicht hätte man dann Zuschauer halten können, die sich jetzt offensichtlich verabschiedet haben.

    Für mich ein Hauptkritikpunkt der bisherigen Staffel.

    Man hat zuviel Wechselerei in der Ausrichtung. Zuerst geht man Stück für Stück mit Ben Richtung Comedy und spektakulären Fällen. Hat okaye Quoten. Dann macht man den Radikalwechsel zu Ernsthaftigkeit und horizontaler Erzählung, gestaltet die Fälle wieder etwas bodenständiger. Beck-Fans sind weg, ein paar neue Fans kommen wg neuer Erzählung. Jetzt wieder der Sprung nach hinten, nur dass man die Fälle weiter bodenständig hält, die allerdings ohne Hintergrund und Charakterstory, furzlangweilig sind und nicht mehr gefragt. Dazu fehlen nun sowohl Beck/Comedy-Fans (da der Humor nicht Comedy ist) sowie die eher anspruchsvollen Charakteristika-Fans (da die Fälle viel zu simpel und die Charaktere momentan ohne Entwicklung sind).

    Was bleibt übrig? Ein paar Hardcore-Fans, die immer gucken und ein paar Roesner-Fans, die es noch nicht alzu viele gibt. Dazu noch ein paar, die neugierig auf den neuen Kommissar sind, der aber in den ersten 3 Folgen keinerlei Wert bot.

    Hallo nicci71,

    schön, dass du dich in meine Story reingelesen hast :)

    Zum Glück bietet uns die FF-Welt die Freiheit, den Lauf der Geschichte zu verändern ;). Als ich vor einigen Jahren mit "Auferstanden" angefangen habe zu schreiben, war ich sehr unzufrieden mit Cobra, dürfte so kurz nach dem Hotte-Tod gewesen sein. Also habe ich mir mein Lieblings-Cobra-Team als Vorlage genommen. In meiner Welt leben die beiden also noch :D. Anna Engelhardt ist übrigens auch noch Chefin ;-). Viele machen das bei den Haupt-Protagonisten auch so, schliesslich ist Ben eigentlich auch nicht mehr da.

    Falls du dich entschliesst, die Story weiter zu verfolgen, kann ich dir gerne eine kurze Zusammenfassung meiner bisherigen Storys schicken, damit du bzgl der Backstory keine Lücken hast, ohne alle Storys lesen zu müssen.

    Autobahn - 15:30 Uhr


    "Zentrale für Cobra 11, verfolgen den gestohlenen Ferrari auf der A57 Fahrtrichtung Neuss, wir brauchen dringend Verstärkung!" Ben schien das Funkgerät beinahe anzuschreien, als käme dann die Verstärkung schneller, als wenn er es in normalen Ton sagen würde. "Verstanden, Dieter und Hotte sind schon auf dem Weg.", antwortete Andrea's Stimme ruhig und besonnen zurück, während Semir auf der Überholspur einem Sonntagsfahrer ausweichen musste. Die Fahnung nach dem gestohlenen Luxuswagen lief schon seit heute morgen und jetzt, rein zufällig, wurden die beiden Polizisten auf ihrer Streifenfahrt von dem roten Geschoss überholt. Sofort hatten sie die Verfolgung aufgenommen, doch der PS-Unterschied zwischen dem Ferrari und Semirs hochgezüchteten Dienstwagen war trotzdem enorm.
    "Komm komm, wir verlieren ihn.", sagte Semirs Beifahrer und bester Freund, während er sich selbst auf den Oberschenkel schlug. "Hab ich vielleicht ein Pferdchen auf der Motorhaube?", kam sofort die Gegenfrage, und die Reifen des BMWs meldeten sich quietschend, als der Polizist einmal abbremsen musste, bevor er wieder ausscherte und überholte. "Ein kluger Mann hat mir mal gesagt, dass man fehlende PS mit Fahrkönnen ausgleichen kann." "Der kluge Mann wirft dich gleich raus."


    Immer wenn der Verkehr dichter wurde, konnte Semir auf den Ferrari aufholen, denn der Autodieb, der sich in der letzten Woche für Dutzende Diebstähle verantwortlich zeigte, war nicht so geübt darin sich durch den langsam beginnenden Feierabendverkehr zu schlängeln. Er musste bremsen, vermied es die Standspur zu benutzen und wurde so von langsam Überholenden immer wieder aufgehalten. Semir dagegen wechselte öfters die Spur, fand immer eine Lücke und benutzte auch mal, wenn es sicher war, die Standspur. Nur wenn mal einige Kilometer freie Fahrt auf der Überholspur war, überschritten die Geschwindigkeitszeiger zügig die 200 und der Ferrari setzte sich mit einem röhrenden Geräusch, was jeden Mann in Ekstase brachte, ab.
    Irgendwann tauchte im Rückspiegel von Semir der große Porsche Cayenne von Dieter und Hotte auf, der große Polizist am Steuer des Gefährts, dass PS-mäßig noch schneller unterwegs war als der BMW von Semir. "Hotte, auf freier Straße müsst ihr ranfahren und überholen, und im Verkehr bremsen wir ihn aus." "Alles klar, Ben... wir sind schon dabei.", gab der dicke Polizist mit einer Bierruhe in seiner Stimme durch den Funk durch und motivierte seinen Partner zum Schnellerfahren. "Los Dieter... so ein italienischer Prollkarren ist doch ein Klacks für uns."


    Semir ließ den bulligen Porsche überholen und die beiden Polizeiautos konnten im Gewühl wieder aufschließen. Bonrath fuhr zwar ähnlich hölzern wie er mit seinen beinahe 2 Meter durch die Gegend lief, doch er hatte ein gutes Auge und Gespür, wie die unbeteiligten Fahrzeuge reagierten. So kam er dem Ferrari schnell näher und konnte einmal die Standspur nutzen, um vorbei zu fahren. Auf freier Strecke hatte der Ferrari so keine Chance mehr, davon zu ziehen. "Jetzt haben wir ihn gleich... PASS AUF!", rief Ben plötzlich als der Ferrari von der Überholspur nach rechts zuckte, und dabei einen Kleinwagen neben ihm zum Bremsen zwang. Die ungeübte Fahrerin verlor ihren Wagen aus der Kontrolle und schlidderte erst nach links, dann nach rechts. Semir, der erst rechts auswich, wurde vom Richtungswechsel überrascht. "Ooooooh" Semir konnte es quasi schon Krachen hören, doch zog mit einer unglaublichen Reaktion komplett nach rechts, wo er aber die Abfahrtsspur erwischte und nicht mehr über den Grünstreifen auf die Autobahn konnte. "Fuck! Was jetzt?" "Na, jetzt fahren wir auf die Autobahn wieder drauf.", meinte der kleine Polizist ein wenig flapsig. Die Auffahrt mündete in eine Kreuzung, würde man geradeaus fahren, konnte man die Auffahrt wieder zurück auf die Autobahn nehmen. Semir fuhr an einer Kolonne wartender Autos vorbei, schaute seinerseits nach links, wo kein Fahrzeug auf der Vorfahrtsstraße war. "Rechts sieht auch frei... wooooaaaah" Den LKW, der von rechts kam, sah Ben zu spät, und sein Partner musste erneut mit einem Reflex zaubern, den BMW noch knapp vor dem hupenden Sattelschlepper über die Kreuzung fliegen zu lassen. "Sah wohl nur frei aus, was?", knurrte er in Bens Richtung.


    Schnell schloßen die beiden Polizisten wieder auf den Ferrari auf, der von Bonrath mittlerweile auf 100 km/h auf der Überholspur eingebremst wurde. Ein LKW auf der rechten Spur bekam das Schauspiel mit und verlangsamte seinen Sattelschlepper im gleichen Tempo, wieder der blockiernde Porsche. Der Ferrari-Fahrer trat auf die Bremse, doch es war zu spät um hinter dem LKW auszuscheren, Semir war schon wieder direkt hinter ihm und klopfte hauchzart an der Stoßstange an. Über einige Kilometer hinweg wurde das Paket immer langsamer, und der geübte LKW-Fahrer verhinderte jegliches Entfliehen des Ferraris, bis alle vier zum Stillstand kamen, und alle Autos hinter ihnen sicher anhielten. Semir, Ben, Dieter und als letztes der beileibte Herzberger stiegen mit gezückten Waffen aus ihren Wagen aus. Bonrath sicherte so wie Semir, während Ben die Fahrertür aufriss und den fluchenden jungen Mann aus dem Ferrari zog und gegen das Auto drückte.
    "Endstation, mein Freund. Los, die Beine auseinander.", knurrte der Polizist und die vier Beamten nahmen eine astreine Verhaftung vor. Der Kerl wurde zum Porsche abgeführt, wo Hotte sich mit grimmigen Blick in seinem eigentlich immer gutmütigen Gesicht zu dem Autodieb auf die Rückbank saß. Ben setzte sich in den Ferrari und Semir in seinen Dienstwagen, während Bonrath sich am Seitenfenster bei dem LKW-Fahrer herzlich für seine Hilfe bedankte.


    Als alle Fahrzeuge und der Verkehr wieder im Rollen waren, nahmen die drei Fahrzeuge Kurs zurück zur Dienststelle. "Cobra 11 an Zentrale, haben den Flüchtigen gestoppt und verhaftet, kommen zurück zur Dienststelle, Ende.", gab Semir durch den Funk und bekam postwendend eine etwas ironische Antwort seiner Frau: "Keine Feuerwehr oder RTW zur Unfallstelle?" "Es gibt diesmal keine Unfallstelle...", antwortete Semir, obwohl er wusste, dass seine Frau ihn necken wollte. Normalerweise endeten Verfolgungsjagden meist in Unfälle. Andrea versuchte immer wieder mit Späßen ihren Mann aufzumuntern in letzter Zeit, was ihr nur halbwegs gelang. Semir versuchte das Gleiche bei Ben... auch ohne großen Erfolg. Die Stimmung auf der gesamten Dienststelle war seit zwei Wochen bedrückt.
    "Hat sich die Botschaft gemeldet?" "Semir... du fragst mich das jetzt seit zwei Wochen alle zwei Stunden, wenn ihr auf Streife seid. Ich würde dir den Anruf sofort weiterleiten..." Der Polizist seufzte und presste für einen Moment die Lippen zusammen. "Ich weiß, mein Schatz. Aber es geht mir einfach nicht aus dem Kopf." "Glaubst du, die Mühlen malen dort schneller als unsere? Im Gegenteil..." "Ich frage mich immer noch, ob wir nicht doch dorthin fliegen sollten, und Kevin selbst suchen sollten." Semir hatte mit Ben darüber geredet, der zwar sofort bereit gewesen wäre, aber eben auch Zweifel hatte. Jenny hätte es sich gewünscht, hatte aber Skrupel Semir und Ben dieser Gefahr auszusetzen. Und Andrea hatte einfach panische Angst. "Ich hab damals nichts gesagt, als du mit André nach Mallorca geflogen bist. Aber da wusste ich, dass André die Typen kannte, und sich auskannte. Aber in ein Rebellengebiet zu reisen, für eine Suche, für deren Ausgang es quasi keine Hoffnung gibt..." Semir hatte selbst allerhöchste Zweifel an der Sinnhaftigkeit der Reise, und seine Frau gab letztlich den Ausschlag zum "Nein"... doch den Kommissar ließ ein kleiner, ganz kleiner Funke Resthoffnung nicht los...

    Alte Villa - 0:00 Uhr


    Totenstille herrschte in den Gemäuer der alten Villa am Stadtrand von Köln, die umgeben war von prächtigen Parkanlagen. Hier wohnten Menschen noch im Abstand von mehreren hundert Metern, und für die Gartenpflege benötigte man Personal. Die Häuser waren Altbauvillen aus dem 17ten und 18ten Jahrhundert, wunderschön verziert mit allerlei baulichen Besonderheiten dieser Zeit. Türmen, Erkern, große hohe Decken und riesige Zimmer. Wer hier wohnte, hatte sich entweder nach einem sehr guten Berufsleben zur Ruhe gesetzt, oder war eine bekannte Größe in zwielichtigen Geschäften.
    Nur bei einer Villa wusste die breite Nachbarschaft überhaupt nichts über den Besitzer. Er wurde so gut wie nie auf seinem Grundstück, das zusehends zuwuchs mit Sträuchern, Hecken und hohem Gras, gesehen, niemand kannte seinen Namen, sein Auto, sein Aussehen. Post und Zeitungen wurden täglich entfernt, aber scheinbar nachts... und nur nachts schien so etwas wie Leben in der Villa zu herrschen.


    Der größte Raum der alten Villa war in flackerndes Licht getaucht. Gabriel, mit weißer Hose und weißem Hemd gekleidet wie ein Arzt, schaute auf die Gemeinschaft an Anhänger, die sich vor ihm versammelte... Menschen, die sich von seiner Kunst des Redens fangen ließen. "Gemeinschaft der Engel" nannten sie sich, und sie waren nicht die einzige Gruppe in Deutschland, in Europa, auf der Welt. Ein Netzwerk an fanatischen Engelsanbeter, die an ihre eigene Auslegung der Bibel glaubten, und dem Menschen eine völlig andere Rolle zukommen ließen, als die ursprüngliche Fassung eigentlich gedacht. Wie in einer Kirche hatten die Leute in dem großen Raum auf Stühlen Platz genommen, die Stille war zum Greifen als Gabriel nach vorne trat.
    "Liebe Brüder und Schwester... ich möchte euch in der heiligen Messe herzlich begrüßen.", sagte er wie ein Pfarrer beim Sonntags-Gottesdienst, doch die Gemeinde vor ihm blieb still. Alle schauten auf den Boden vor sich und hatten die gefalteten Hände in den Schoß gelegt. Was in diesem Raum passierte, hatte mit einem Gottesdienst wenig zu tun. Es gab keine Musik, keine festen Rituale... nur Gabriel als eine Art Sprecher, der den Gläubigen vom Hass erzählte, und dabei bewegungslos an einem Tisch stehen blieb.


    "Wir sind Gottes treueste Diener. Dann hat er den Menschen erschaffen...", sagte der Mann mit beschwörender Stimme, und es schien als würden die Leute auf den Stühlen gebannt, beinahe wie in Trance zuhören. "Das war ein Fehler, meine Brüder und Schwestern." Nun kam Bewegung in den Mann. Langsam schritt er von einem Ende ans andere Ende des Raums, ging um das Quadrat aus Stühlen herum, und sprach dabei immer lauter, immer entfesselnder, langsam und eindringlich. "Er hat ein Raubtier erschaffen, das die Erde zerstört und ausbeutet. Das Gottes Gebote mit Füßen tritt. Das weder Nächstenliebe noch Zurückhaltung kennt." Zwischen seinen lauten Sätzen erfüllte jedes mal eine unheimliche Stille den Raum.
    "Gott ist schwach geworden. Die Menschen sind seines liebsten Kind, obwohl alleine wir... die Engel Gottes... seit Erschaffung der Erde ihm treu gedient haben. Doch das... ist jetzt vorbei." Gabriel war wieder am Pult angekommen und stützte die Hände auf der Tischplatte ab und sah mit funkelnden Augen auf die Menschen, die stumm und gebannt zuhörten. "Wir werden uns erheben. Die Engel Gottes werden die Aufgabe ihres Herren jetzt endlich übernehmen, und über die Menschen auf der Erde richten."


    "Ja, Gabriel...", murmelten die Stimmen wie im Chor dem Prediger zu. "Seid vorsichtig, meine Brüder und Schwester. Wir sind eine Gemeinschaft. Wir stehen zueinander und leben die Gebote Gottes... nur ein Gebot hat unser Herr geschrieben und den Menschen mitgegeben, an das wir uns in unserer Aufgabe nicht halten können." Der Mann dämpfte seine Stimme wieder und schaute beschwörend in die Menge, die jetzt alle gleichzeitig den Kopf gehoben hatten und ihren geistlichen Führer gebannt anblickten. "Das fünfte Gebot wird heute in unserer Gemeinschaft gegenüber den Menschen ausser Kraft gesetzt. Wir werden die Zerstörer unserer Erde, die von Gott als Paradies geschaffen wurde, bestrafen wozu der Herr nicht fähig ist."
    "Ja, Gabriel...", kam nun lauter als Antwort. "Wir lassen sie den bitteren Zorn spüren! Gott ist schwach und deshalb müssen und werden wir handeln, um die Erde wieder zu einem Paradies werden zu lassen. Es wird Zeit brauchen... viel Zeit." "Ja Gabriel..." Wieder war es still, unheimliche Stille und das Flackern der Kerzen legte bizarre Schattenspiele auf die Gesichter der Menschen, besonders auf das Gesicht Gabriels, der sich immer wieder bewegte und damit die Schattenstruktur auf seinem Gesicht sich immer wieder änderte. "Wir werden dem Menschen das Böse aus den Körpern nehmen... aus ihren Seelen herausschneiden, liebe Brüder und Schwester..." Die Stimme, mit der Gabriel den letzten Satz sprach, zeigte gnadenlose Entschlossenheit und würde normalen Menschen eine Gänsehaut über den Körper jagen...

    Oh, warte mal ab, was ich alles kann :evil:

    "Zwischenwelten" ist somit zu Ende. Übrigens meine bisher längste Story, glaub ca 20 Kapitel mehr als die zweitlängste. :D

    Danke für dir vielen Feeds, auch die im "Geheimen" zu dem Trailer, den ich dazu mal gebastelt habe, sowie die vielen Privatdiskussionen, die ich mit einigen hier bzgl Story, Charakterentwicklung usw führen durfte :)

    Der nächste "Teil" bzw die nächste Story "Hierarchie der Engel" steht schon in den Startlöchern und wird die Tage beginnen, wobei der Titel noch nicht gaaaaaanz final ist .

    Jenny's Wohnung - 14:45 Uhr


    Nachdem Semir die Wohnung ihrer jungen Kollegin verlassen hatte, stand Ben zum zweiten Mal an diesem Tage vor einer Couch und beobachtete eine junge, trauernde Frau beim Schlafen. Doch diesmal fühlte er sich leer, komplett aufgelöst. Er fühlte sich nicht wie die starke Schulter, wie es heute Mittag war, der Held, der da war wenn ihn Carina brauchte. Er fühlte sich klein und schwach und hätte sich am liebsten ebenfalls irgendwo hingelegt, eingerollt in seiner Trauer. Der Polizist konnte nicht lange ruhig sitzen, nachdem er eine Zeitlang neben Jenny saß und ihr immer wieder zärtlich über den Kopf gestreichelt hatte, war er aufgestanden, um den Wohnzimmertisch getigert, mal wieder auf dem Einzelsessel gesessen um nur wenige Minuten später, mit den beiden Armen auf der Fensterbank abgestützt nach draussen zu blicken.
    Das trostlose kalte Wetter war wie ein Spiegelbild seiner Seele. Er suchte nach dem kleinen Fünkchen Hoffnung in sich, nach den Erzählungen Semirs, was dieser Juan ihnen gesagt hatte... das kleine Fünkchen danach, dass Kevin noch leben würde. Alleine, ganz sicher schwer verletzt in einem Dschungelgebiet, vermutlich seine Gegner nicht weit. Ben bekam die Bilder vor seinem inneren Auge nicht zusammen, es war so surreal, so unvorstellbar.


    Er konnte sein Gesicht in der Fensterscheibe gespiegelt erkennen. Seine Augen, die aufgeschreckt aussahen, wie imemr wenn er Sorgen hatte. Seine Haare waren mehr durcheinander als sonst und er spürte, dass er schneller atmete. er versuchte sich an Kevin zu erinnern, als sie sich das letzte Mal sahen. Wie er am Boden der Dienststelle lag, nachdem Semir ihm einen Schlag versetzt hatte. Als Ben sich für seinen besten Freund entschied, unbewusst Kevin damit alleine ließ. Er konnte sich nicht mal mehr daran erinnern, ob und was er Kevin in diesem Moment gesagt hatte. Es tat ihm weh, dass dies die letzte Erinnerung war, die er an seinen Freund hatte, mit dem er Fälle gelöst hatte, Sport trieb und Musik machte.
    Langsam setzte Regen draussen ein, und gestaltete die Umgebung noch ein wenig trostloser, als sowieso schon. Der restliche Schnee, der noch lag, würde schnell tauen und heute Nacht würde es sicher eisig glatte Straßen geben, denn es war gerade mal knapp über 0. Ben sah einigen Tropfen, die die Scheibe herunterliefen, hinterher und versuchte sich zu erinnern. Kevin, als er ihn kennenlernte, als er ihn zum ersten Mal in seiner Wohnung vorfand und als sein Partner neben ihm hockte, als Ben in einem Autowrack eingeklemmt war und Panik bekam. Wie Kevin sich gegen die Rache an dem Mörder seiner Schwester entschied, um Ben das Leben zu retten.


    Eine leise, klägliche Stimme entriss ihn aus der Erinnerung. "Ben... bist du da?" Er drehte sich zu Jenny um, die zwar wach wurde, aber noch reichlich benebelt von den Beruhigungsmitteln war, die Meisner ihr gegeben hatte. Der Polizist kam vom Fenster weg hin zur Couch und setzte sich ans Kopfende, direkt zu Jennys Kopf. "Hey... ja, keine Angst, ich bin da. Du bist nicht allein." Ihre Augen wirkten müde und sie blickte etwas desorientiert einfach geradeaus in ihrer Wohnung umher. Die Erinnerung war jedoch nicht getrübt. "Ben... bitte sag mir, dass er nicht tot ist.", sagte sie und ihre Stimme klang beruhigter als vorhin, nicht hysterisch, nicht zittrig. Die Mittel wirkten, auch wenn sie jetzt nicht mehr schlief.
    Ben rückte noch ein wenig dichter an sie heran und die junge Polizistin legte ihren Kopf an die Oberschenkel ihres Kollegen, der nicht wusste, was er sagen sollte. Es war für ihn das erste Mal, dass ein direkter Kollege starb und er wusste nicht, mit dieser Situation umzugehen. "Ich... ich weiß es nicht, Jenny.", sagte er und spürte, wie sich auch ein Weinkrampf in ihm anstaute, dieses untrügerliche Gefühl im Hals, in der Stimme, welches er zunächst noch zurückhalten konnte. Er musste jetzt für Jenny da sein, wie er heute morgen für Carina da war.


    Auch bei Jenny war das Gefühl in ihr weniger die Sorge, als viel mehr der Schmerz und die Trauer. Auch sie hatte Annies Ausbruch gesehen, den man unmöglich schauspielern konnte. Und der fremde Kolumbianer, egal ob er nun Fremdenführer war oder nicht, hatte keinen Nutzen aus einem vorgetäuschten Tod des Polizisten... oder einer Übertreibung der Situation. Jenny biss sich auf die Lippen, sie fühlten sich spröde an und sie strich mit der Hand über den Bauch, in dem seit 5 oder 6 Wochen ein kleiner Mensch heranwuchs. "Ich habe mir gedacht, dass wir alles überstehen können.", sagte sie leise, als würde sie mit sich selbst reden, dabei redete sie mit Ben.
    "Ich wusste, dass es schwer wird... seine Selbstzweifel, die Trauer um seine Schwester. Nach der Sache mit dem verbrannten Kind hatte er auch wieder Drogen genommen." Etwas, was Ben noch nicht wusste, was dem jungen Kollegen damals aber auch nicht anzumerken war. Jedenfalls schluckte er einmal und atmete hörbar aus. "Aber er hatte es jedes Mal geschafft, mir die Angst zu nehmen. Er ist selbst wieder weggekommen von den Drogen... wir haben uns zusammengerauft, wir haben uns geschworen, alles zu schaffen. Und sogar...", erst jetzt kam zwischen den leisen Sätzen ein kurzes Schniefen bei Jenny durch "... als ich ihn vor die Wahl gestellt hatte, bevor er fuhr... und wir beide dachten, dass wir gescheitert waren... er hat mich angerufen, ich hab mich entschuldigt und er hat sich entschuldigt und sich so sehr auf unser Kind gefreut..."


    Beinahe unbemerkt liefen einige Tränen aus Jennys Augenwinkel über ihren Nasenrücken und tropften auf die Couch, auf der sie lag. Es war ein stilles Weinen, sie war ganz ruhig, nur ihre Schultern bebten leicht. Ben hörte ihr atemlos zu, und die Klammer um seine Brust wurde immer enger, wollte die eigenen Emotionen immer stärker aus ihm rauspressen. "Ich habe in diesem einen Telefonat gespürt, dass er sowas... eine Familie... sein ganzes Leben lang vermisst hatte.", setzte sie noch leise hinzu und schluchzte. "Und jetzt ist alles zu spät..."
    Sie räkelte ihren schlanken Körper kurz, um sich ein klein wenig anders hinzulegen, und Bens Trostgesten umfassten jetzt auch das sanfte Streicheln ihrer Schultern. In so einer Situation, als Kevin im Knast saß, hatten die beiden in Intimitäten Trost gesucht. Diese Situation war anders... so verdammt anders. Und in Ben machten sich, wie vorher auch in Semir, Schuldgefühle breit. Sie hatten falsch reagiert, so sehr er Semir auch verstand damals, dass der ausgetickt war und erst mal nichts von Kevin wissen wollte. Auch wenn die beiden Freunde waren, Semir und Kevin, so war dessen Reaktion doch verständlich. Doch er, verdammt nochmal, er hätte müssen als Freund der beiden irgendwie kühlen Kopf bewahren.


    Während Jenny die Augen schloß, und sich an ihren Freund zurückerinnerte, konnte der Polizist nun die Tränen nicht mehr zurückhalten. "Wir hätten mehr tun müssen... ich hätte mehr tun müssen.", sagte er leise. Die junge Polizistin hörte die Stimme und blickte wieder hinauf. Sie sah das Glitzern in Bens Augen, und dass auch er weinte. "Ich hätte ihn aufhalten müssen. Irgendwie die Wogen zwischen ihm und Semir glätten. Und dann hätten wir ihn nicht alleine gehen lassen.", sagte er mit bitterer Stimme, deren Ton sich immer mehr verlor. Er war sich sicher, wenn Kevin damals ehrlich gewesen wäre, hätte Semir zwar natürlich mit Unverständnis reagiert... aber nach 1-2 Tagen, vielleicht der einen oder anderen Aussprache, hätten die drei sich zusammengerauft. Sie wären gemeinsam nach Kolumbien geflogen und hätten Annie dort rausgeholt, und jeder hätte auf den anderen Acht gegeben.
    Sie hatten zu dritt alles geschafft. Sie hatten Kevin aus dem Knast rausgeholt, sie hatten Ayda, die entführt wurde, gefunden und das Koma-Gegenmittel gefunden und sie hatten Semir vor einer Neonazi-Gruppe gerettet. Es bohrte in Bens Seele und hinterleiß Narben für die Ewigkeit, dass sie ausgerechnet einmal, einen aus ihrem Kreis, aus ihrer Gruppe allein gelassen hatten. Einen Menschen, der ein Ziel hatte, aber dieses niemals erreichen konnte, der ziel- und rastlos schien, und nie den Platz für sich gefunden zu haben... ausser bei Jenny. Ein Polizist, der sich nie als Polizist gefühlt hatte, sondern als Einzelkämpfer, der aber Unterstützung bitter nötig hatte. Kevin hätte jede Hilfe abgelehnt, aber für jeden der Dienststelle sein Leben riskiert, vielleicht sogar geopfert. Der nach aussen hin versucht hatte, nie eine Schwäche zu zeigen und unnahbar war, und in seinem Innersten doch so zerbrechlich, doch einen Einblick darin hatte er nur wenigen Menschen gewährt.


    Jenny rappelte sich müde auf, als Ben nun doch von seinen Gefühlen übermannt wurde, und die starke Schulter endgültig nicht mehr darstellen konnte. Er kniff die Augen zusammen und begann zu weinen, Jenny hielt ihre stummen Tränen auch nicht mehr auf und schlang ihre Arme um den Hals ihres Kollegens, ihres guten Freundes. Während Ben auf der Couch saß, hatte Jenny sich in halber Liege und Kniestellung neben ihn gelehnt, die Arme um den Hals und den Kopf an seine Schulter, während er seinen Kopf halb auf Jennys Kopf legte. So blieben sie sitzen, weinten und erinnerten sich... und keiner der beiden konnte später sagen, wie lange sie kein Wort miteinander gesprochen hatten...


    ENDE