Vorort Köln - 14:00 Uhr
Ausserhalb von Köln gab es noch Orte, in denen die Zeit stehen geblieben zu sein schien. So auch in dem kleinen Vorort, in dem Semir jetzt den BMW an der Hauptstraße parkte, wo rechts und links der kleinen Häuseransammlung weite Felder waren, auf denen sogar vereinzelt schon Trecker unterwegs waren und versuchten, mit schwerem Gerät den leicht gefrorenen Boden zu lockern. Neubaugebiete gab es hier (noch) nicht, es gab nur eine Hauptstraße und zwei Nebenstraßen, die meisten Häuser waren alte und renovierte Bauernhäuser, von denen jeder noch eine echte Scheune ins Haus integriert hatte. Selbst wenn die Bewohner der Häuser keine Landwirte waren erfreuten sie sich an dem ein oder anderen Vorteil eines solchen Hauses.
Auch das Haus von Familie Eschberg war ein solches Bauernhaus. An der Hauptstraße gelegen, rechts und links angebaut mit einer unscheinbar wirkenden Haustür, aber einer großen Scheunen-Doppeltür daneben. Kein Wagen parkte auf dem Platz vor dem Haus, die Vorderfront war strahlend weiß, weil die Sonne dagegen schien und die Fensterrahmen waren dunkelrot und aus Holz. Die beiden Polizeikommissare gingen die hellen Steinstufen hinauf zur Haustür, die leicht überhöht lag und drückten auf den altmodischen Klingelknopf.
Drinnen rumorte es, doch die Tür blieb verschlossen. Ben sah zu Semir, der bereits seinen Dienstausweis in der Hand hatte und wiederholte das Läuten. Plötzlich bewegten sich die Vorhänge an dem Fenster neben der Haustür, und die angstvollen Augen eines kleinen, vielleicht 11jährigen Mädchens erschienen an der Scheibe und blickte die beiden fremden Männer an. Semir setzte sofort sein väterlich wirkendes Lächeln auf und winkte: "Huhu. Hallo? Ist deine Mama zu Hause? Oder dein Papa?", fragte er mit lauter, aber sanftwirkender Stimme, doch das Mädchen reagierte nicht. Sie stand am Fenster, blickte mit großen, ängstlichen Rehaugen auf die beiden Männer... kein Kopfschütteln, kein Nicken und keine Reaktion ging von ihrem Blick aus. Ihre dünnen Lippen zitterten leicht, ihre Hände hatte sie um die Fensterbank geklammert.
Ben versuchte auch, so vertrauenserweckend wie möglich zu wirken und hielt ihr den Polizeiausweis ans Fenster. "Du brauchst keine Angst zu haben, wir sind von der Polizei.", sagte er ruhig, doch auch damit schaffte er es nicht, dass der ängstliche Blick aus den Augen des Mädchens verschwand. "Denkst du was ich denke?", fragte der junge Polizist leise seinen Partner, der betroffen nickte. Scheinbar hatten sie es hier mit dem Opfer der damaligen Vergewaltigung zu tun, die nun Angst davor hatte, fremden Männern die Tür zu öffnen... was völlig verständlich und vermutlich von der Mutter so eingeimpft, auch richtig war.
Hinter sich hörten die beiden Polizisten dann das Knirschen von Reifen auf Pflastersteinen, als ein Kleinwagen von der Hauptstraße auf den Vorplatz vor der Scheune abbog und parkte. Eine dunkelhaarige Frau mit den gleichen rehbraunen Augen stieg aus und blickte die beiden Polizisten an der Tür beinahe feindselig an, vor allem als sie sah, dass ihre kleine Tochter am Fenster stand. "Wer sind sie? Was machen sie hier??", rief sie und ihre Augen funkelten. "Entschuldigen sie... Gerkhan, Kriminalpolizei, das ist mein Kollege..." "Wie können sie es wagen, meine Tochter so zu erschrecken??", fauchte Marlene Eschberg in Richtung der beiden Polizisten und kam mit schnellen Schritten zur Treppe, den Haustürschlüssel bereits in der Hand. "Was wollen sie hier?"
"Frau Eschberg, wir haben nur geläutet und ihre Tochter kam ans Fenster. Sonst haben wir nichts gemacht.", rechtfertigte sich der jüngere der beiden Polizisten und hob beschwichtigend die Hände, den Dienstausweis noch in der Hand. Als das kleine Mädchen ihre Mutter erblickte, löste sie sich vom Fenster und fiel ihr sofort, nachdem Marlene die Tür geöffnet hatte, stumm um den Hals. "Hey Maus... keine Angst, ich bin jetzt wieder zu Hause." "Ich hab die Tür nicht aufgemacht.", sagte das Mädchen mit piepsiger Stimme. "Ja, das war sehr gut, mein Schatz. Komm jetzt mit rein."
Semir und Ben standen etwas teilnahmslos noch ausserhalb des Hauses auf der Treppe und beobachtete die Szene, bis der zweifache Familienvater das Wort ergriff: "Wieso lassen sie ihre Tochter überhaupt alleine... in diesem Zustand?" Marlene Eschberg fuhr herum, und wieder lag Feindseligkeit in ihrem Blick. "Was geht sie das an? Sie haben mir immer noch nicht gesagt, was sie hier wollen?" "Frau Eschberg, wir möchten das nicht zwischen Tür und Angel erklären. Können wir kurz reinkommen?" Die Mutter blickte die beiden Polizisten nacheinander an. Die Sorge um ihre Tochter war so groß, dass sie die beiden Männer erst einmal als Feinde, als Angreifer sah, die ihre Tochter verängstigt hatten. Eher widerwillig gab sie den Weg frei in das schön und freundlich renovierte Bauernhaus, in dem der enge Flur in ein großes Wohnzimmer führte, mit Blick auf einen riesengroßen Garten.
Nachdem die beiden Polizisten Platz genommen hatten, sah Marlene die beiden herausfordernd an. "Und?" "Ich nehme an, sie erinnern sich an den Namen "Greuler"?", begann Semir vorsichtig, was eigentlich eine rhetorische Frage war. Der Zustand des Mädchens gerade war wohl Beweis genug, dass dieser schreckliche Vorfall das Leben der Familie nach wie vor bestimmte. Die Frau nickte. "Er wurde letzte Nacht auf bestialische Art und Weise umgebracht." Marlene hielt den Blick zu Semir für einen Moment aufrecht, und in ihrem Gesicht war keine Regung zu erkennen: "Es gibt keine Art, die bestialisch genug wäre, was dieses Monster verdient hätte.", sagte sie mit erstickender Stimme.
"Sie verstehen doch, warum wir zu ihnen kommen, Frau Eschberg...", sagte der erfahrene Kommissar, während Ben seine Augen durch den Raum gleiten ließ und auf Bildern an der Wand auch ein zweites, älter wirkendes Mädchen erblickte. "Natürlich... sie meinen, dass ich oder mein Mann diesen Kerl umgebracht haben.", schlussfolgerte die Frau und klang beinahe sarkastisch. "Glauben sie mir, der Mörder hat all meine Sympathien. Aber sowohl mein Mann als auch ich müssen für unsere Töchter da sein. Auch wenn es...", sie stockte kurz "... auch wenn es schwer war, als wir von unserem Anwalt erfahren haben, dass der Kerl wieder draussen ist." Semir blickte die Frau genau an, jahrelang Verhöre ließen ihn an Körpersprache und Mimik oftmals erkennen, oder zumindest vermuten, ob jemand log oder flunkerte... oder die Wahrheit sagte.
"Wo waren sie und ihr Mann denn letzte Nacht?" "In unseren Betten. Alle beide." "Würden sie denn merken, wenn ihr Mann nachts zum Beispiel aufstehen würde, und für eine oder zwei Stunden verschwinden würde?", fragte Ben und hatte die Hände im Schoß gefaltet. "Ich weiß es nicht, weil man Mann das noch nie getan hat." Und nach einer kurzen Pause setzte sie hinzu: "Meine Herren, glauben sie wirklich, wir würden das unseren Kindern antun, für 25 Jahre ins Gefängnis zu gehen, um uns an etwas zu rächen, was wir nie mehr rückgängig machen können? Das Leben unserer Töchter ist für immer beeinträchtigt. Zoey war 5, als es passierte... sie haben sie ja gerade gesehen, wie sie reagiert, wenn es nur an der Tür klingelt. Und Kira war 10 und ist jetzt...", die Frau stockte wieder, und die Feindseligkeit von eben schlug um.
"Was ist mit ihrer älteren Tochter...?", fragte Semir vorsichtig, denn er war betroffen von der Situation... mehr noch als Ben, als Vater von zwei kleinen Mädchen begann sofort bei dem Polizisten das Kopfkino einer solchen schrecklichen Situation. "Kira ist momentan in psychatrischer Behandlung in einer Klinik. Sie hat das ganze noch mehr mitgenommen, weil sie zuerst mit ansehen musste, was ihrer kleinen Schwester angetan wurde. Sie war auf dem Weg der Besserung in diesen 5 Jahren, bis sie vorige Woche einen Rückfall hatte und... und...", plötzlich füllten sich die Augen der Mutter mit Tränen. "Sie hat versucht sich das Leben zu nehmen. Wir haben sie mit einer Überdosis Schlaftabletten und Alkohol hier zu Hause gefunden... deswegen ist sie jetzt wieder in einer Klinik."
Semir und Ben blickten sich stumm an... Betroffen, geschockt... aber beide Polizisten dachten das Gleiche. Ein solcher Vorfall könnte den Hass auf diesen Mann wieder neu entfachen und das Entlastungsargument "Warum sollte man plötzlich nach einem halben Jahr auf die Idee kommen, den Vergewaltiger der Töchter zu ermorden" entkräften...beide brachten es nicht übers Herz, diesen Sachverhalt der Frau in diesem Moment zu sagen. Sie entschlossen beide stumm, durch Blickkontakt verständigend, zu warten bis es DNA oder Fingerabdrücke an Leiche und eventueller Mordwaffe gibt, bevor sie Vergleichsproben nahmen...