Semir's Dienstwagen - 13:10 Uhr
Semir hing seinen Gedanken nach, während er mit seinem silbernen BMW auf der Landstraße unterwegs nach Hause war. Er machte sich Sorgen... Sorgen um Ben, einerseits seine Sicherheit vor diesem irren Killer, andererseits um den Seelenzustand seines besten Freundes. Er konnte gar nicht aufzählen, wie oft sie schon ins Fadenkreuz geraten waren, doch nie machte Ben einen so angeschlagenen Eindruck. Schon, nachdem man in seinem Keller den Ziegenbock gefunden hatte, hatte Semir das Gefühl, Ben würde die Sache mehr mitnehmen als sonst, und ein noch stärkeres Gefühl beschlich ihn, nach diesem Akt heute morgen in der Kirche. Irgendwas an dem Typ schien Ben mehr zu beunruhigen als bei sonstigen Gefahren, vielleicht weil dieser Verbrecher nicht dem Stereotyp entsprach, mit dem sie es sonst zu tun hatten.
Dass Ben jetzt alleine in seiner Wohnung bleiben wollte, überraschte den erfahrenen Polizisten überhaupt nicht. Trotz des Dagegenredens musste Semir kurz schmunzeln. Sie waren beide gleichermaßen Dickköpfe, wollten beide gleichermaßen nicht, dass einer auf den anderen aufpasste wie eine Glucke über dem Ei, und trotzdem waren sie beide gleichermaßen heilfroh, wenn sie sich gegenseitig aus der Patsche zogen. Nur zugeben, dass sie den Schutz benötigten, würden sie sich nie... Ben nicht und Semir nicht.
Dass auf seinem Radiodisplay jetzt ein Anruf über die Bluetooth-Freisprecheinrichtung aus dem Revier kam, beruhigte die Gedanken des Polizisten nicht. "Ja?" "Semir? Ist Ben noch bei dir?", fragte Hanno am Telefon ein wenig aufgeregt, und Semirs Puls beschleunigte sich bei diesem Tonfall sofort. "Nein, wieso? Den hab ich vor 10 Minuten daheim abgesetzt? Was ist los?" "Wir haben über die Zentrale gerade einen Funkspruch reinbekommen. Ein Passant hat Schüsse aus dem Haus vernommen und die Kollegen gerufen.", sagte der Streifenpolizist aufgeregt und Bens bester Freund verlor keine Zeit. "SCHEISSE!"
Mit einem Ruck zog Semir die Handbremse seines Wagens um auf der Landstraße zu wenden. Die Hinterreifen zogen zwei formvollendete Streifen Gummi auf den Asphalt und ein Auto in Entfernung begann wie wild zu hupen als Semir wieder aufs Gaspedal trat und zwei weitere Streifen beim Beschleunigen auf die Straße radierte. "Ich bin gleich da.", sagte Semir noch am Telefon, bevor er auflegte und das Blaulicht aufs Dach klebte. Zum Glück war an diesem Sonntagnachmittag sehr wenig Verkehr, so dass er nur zwei Autos auf der Landstraße überholen musste, bevor er in die Innenstadt hineinfuhr. Er schlug mit der flachen Hand aufs Lenkrad, wiederholte seinen Fluch von gerade noch mindestens dreimal und machte sich schreckliche Vorwürfe, nicht geblieben zu sein. Schüsse? Bis Ben den Abzug betätigte musste einiges passieren.
Vor dem Haus schien alles normal, die Kollegen waren noch nicht vor Ort als Semir mit quietschenden Reifen am Bordstein hielt. Für den Weg, den er gerade eben in 10 Minuten zurückgelegt hatte, hatte er jetzt vielleicht 5 gebraucht. Mit dem Schlüssel, den er von Ben für Notfälle bekommen hatte, sperrte er die Haustür auf und wurde im Treppenhaus bereits von einem stechenden Geruch erschlagen. Weil die Wohnungstür nun längere Zeit offenstand hatte sich das Gas im gesamten Treppenhaus ausgebreitet und da Semir sofort gewarnt wurde und nicht wie Ben erst interessiert in die Wohnung ging, konnte er sich dagegen schützen. Die Waffe in der rechten Hand, legte er sich den linken Arm quer über Mund und Nase, hielt die Luft an und rannte die Treppen hoch in den ersten Stock.
Die Wohnungstür stand weit auf, die Luft im Raum schon teilweise vernebelt. Semir tränten die Augen als er in die Wohnung blickte und seinen besten Freund am Boden liegen sah, die Dienstwaffe daneben. "Oh verdammt...", sagte er unter seinem geschützten Arm, die Gasflasche in der Ecke zischte laut und der Polizist konnte nicht verifizieren, was dieses Gas genau auslöste. Im Sprint und in höchster Eile lief Semir an den Glasscherben vorbei zur Quelle allen Übels, drehte den Hahn der Flasche zu und das Zischen verstummte. Dann riss er alle möglichen Fenster in der Wohnung auf, hing sich einmal übers Fensterbrett, um Luft zu schnappen und nochmal den Atem anzuhalten, bevor er zu Ben lief.
"Ben??", rief er einmal und hielt sich sofort wieder den Arm vor den Mund. Er spürte einen normal schlagenden Puls am Hals, was ihn sofort ein wenig beruhigte, doch auf Schütteln und Backpfeifen reagierte sein Partner nicht sofort, nur mit Murmeln. Er lebte. Obwohl Ben größer als Semir war und nicht unbedingt schmal gebaut, schaffte es der kantige Polizist, seinen besten Freund irgendwie seitlich zu stützten und ihn aus der Wohnung zu schleifen. Dabei hielt er, so gut es ging, die Luft an, auch wenn er vor der Wohnungstür einmal atmen musste, doch durch den Durchzug der offenen Fenster und der offenen Wohnungstür bis herunter zur Haustür wurde die Intensität des süßlichen Geruchs langsam weniger.
Unten an der Wohnungstür traf er bereits auf mehrere uniformierte Kollegen mit gezückten Waffen. "Was ist los hier?", fragte einer und bekam von Semir sofort Antwort: "Ruft die Feuerwehr, und geht nicht nach oben. Dort ist irgendein Gas. Und ruft sofort einen Krankenwagen für meinen Partner." Er schaffte es noch, bevor er Ben an den Gehweg niederlegte, seinen Ausweis zu zeigen und einer der Beamten gab über 2-Meter-Funk sofort entsprechende Anforderung an die Zentrale.
"Ben... komm wach auf!" Wieder tätschelte Semir fast schon zärtlich die Wange seines Partners, dessen Lungen jetzt wieder frische Luft inhalierten. Seine Lider flatterten, die Augen schauten müde nach oben und erblickten die braunen Augen seines Partners. Doch plötzlich, von Semir unerwartet, kam Bewegung in Ben... er schreckte auf, machte einen akkustischen Ausdruck des Erschreckens und versuchte, aufgesetzt rückwärts von Semir weg zu krabbeln. "Lass mich in Ruhe!", schrie er panisch und die nackte Angst stand ihm im Gesicht und in den Augen. Semir hatte seinen Partner so noch nie erlebt. "Ben, bleib ganz ruhig. Ich bins, Semir! Du hast irgendetwas eingeatmet... ganz ruhig.", sprach Semir mit ruhiger Stimme, obwohl ihm das Herz bis zum Hals schlug.
Sein Partner atmete hastig, schnappte nach Luft und zitterte am ganzen Körper. "S...Semir? Oh Gott...", stammelte er und Erinnerungen taten sich auf an das, was er erlebt und empfunden hatte vor einigen Minuten in seiner Wohnung, bevor er das Bewusstsein verloren hatte. Der erfahrene Polizist kam langsam wieder näher zu seinem Freund, als dieser ihn erkannte und nahm den zitternden Mann in den Arm. "Ganz ruhig..." Ihm wurde bewusst, dass er Ben jetzt keine Sekunde mehr aus den Augen lassen durfte.
"Was ist mit dem Kerl... im Bad? Und was ist mit Jenny?", fragte er stammelnd und Semir schaute ihn verwirrt an. "Ich war nicht im Bad... ich musste wieder da raus." "Er war im Bad... er hat gebetet und geschrien... und jemand hat an die Tür geklopft... und das Blut an der Wand.... und Jenny hat geweint." Bens Stimme überschlug sich fast und Semir blickte seinen Partner beinahe ungläubig an. Weder war ihm Blut an der Wand aufgefallen, noch hatte er irgendwo Jenny gesehen... nur im Bad hatte er nicht nachgesehen. "Okay Ben... ich gehe rauf nachsehen. Bleib du hier unten." Er wies einen Streifenbeamten an: "Passen sie bitte kurz auf ihn auf. Die anderen kommen mit mir nach oben." Das Gas müsste sich mittlerweile verzogen haben, vor allem aber, als die Feuerwehr im Hauseingang einen großen Ventilator anwarf.