Krankenhaus - 17:00 Uhr
Semir und Ben stand der Schock ins Gesicht geschrieben. Beide standen im Flur mit aufgerissenen Augen und Mündern, als die Krankenschwester blutend zusammenbrach, und nach ihr die Glastür sich nochmals öffnete. Sie zählten sie nicht, aber es waren bestimmt 10 oder 12 Menschen, hell gekleidet mit wütendem Blick und blitzenden Messern in den Händen. "Da sind sie!", rief ein junger Mann, der vorneweg ging, gefolgt von einer der Krankenschwestern, die eben noch bei der Aufnahme des schwer verletzten Engelsführer geholfen hatte. Wie als Reflex zogen die 4 Polizisten ihre Dienstwaffen und richteten sie auf die Masse an Menschen, die durch den langen Flur auf sie zu kam. Zwei Patienten konnten sich gerade noch in ihr Zimmer retten, scheinbar machten die Engel nun zwischen schweren und leichten Sündern keinen Unterschied mehr.
"Bleiben sie stehen! Lassen sie die Messer fallen!", rief Semir laut. Die Masse bewegte sich langsam aber machte keinerlei Anstalten an zu halten. "Was machen wir, wir können nicht die ganzen Menschen über den Haufen schießen!", sagte einer der beiden Uniformierten, wobei sein Kollege sich eher mit Grundsatzfragen beschäftigte: "Was sind das für Irre?" "Die Jünger des Oberirren, den wir gerade festgenommen haben.", antwortete Semir trocken und zielte mit der Waffe hin und her, um die Männer und Frauen zu verunsichern. Doch diese waren, ähnlich wie Gabriel, davon überzeugt Engel zu sein.
Weglaufen konnten die Beamten nicht, hinter ihnen ging es nur zurück in den OP. Ausserdem würden die Engel wohl bei der Verfolgung wahllos Menschen abstechen. Die Polizisten mussten nun innerhalb weniger Sekunden entscheiden. "Bleiben sie stehen!! Dies ist die letzte Warnung!", rief Semir, der einen Warnschuss zur Decke abgab, der die Meute jedoch nur kurzzeitig zum Stillstand bringen konnte. "Ihr seid die Sünder! Ihr müsst sterben! Ihr habt unseren Engelsführer gefangen genommen!", schrie der Mann an der Front wieder und zeigte mit dem ausgestreckten Mittelfinger in Richtung der Polizisten. Bens Puls raste, sein Herzschlag überschlug sich, als ihm eine Idee kam. Es war risikoreich, aber es war vermutlich der einzige Ausweg.
"Gefangen genommen?", rief er provokant zurück und war mit zwei Schritten in Gabriels Zimmer. Er nahm in Rekordschnelle die Infusionsflasche vom Haken und legte sie ins Bett, an andere Geräte war der Mann nicht angeschlossen, nur den Stecker des elektrisch verstellbaren Bettes musste er ziehen. Dann zog er mit aller Kraft und aller Eile an dem Bett, in dem der stöhnende blonde Mann im Halbschlaf lag, er zog es in Richtung der Tür auf den Flur, und versperrte damit den Weg. Die Meute war ein gutes Stück näher gekommen und blieb nur noch wenige Meter vor den gezogenen Waffen stehen, als sie ihren Anführer im Bett lagen sahen.
"Hier ist der Beweis! Er ist kein Engel, und ihr seid auch keine Engel. Er ist verletzt, er besteht aus Fleisch und Blut!", rief Ben laut und deutete mit seiner gezogenen Waffe auf den verletzten Gabriel. Unsicherheit machte sich unter den Engeln breiten, einige sahen fassungslos auf Gabriel, der plötzlich ganz und gar nicht unverwundbar und stark erschien. "Es ist eine Prüfung Gottes...", begann der Wortführer und wurde sofort von Ben unterbrochen. "Scheisse ist es! Er ist verwundbar, genau wie ihr auch. Genauso wie es Tobias war!" "Unser Bruder Afriel wurde von Gott zurückgenommen, weil er versagt hatte und Gott ihm verziehen hat.", sagte die junge Frau im Krankenkittel, die scheinbar sofort nach Einlieferung den Engels-Mob mobilisiert hat.
"Euer Bruder wurde vom Zug in Stücke gerissen, weil er diesem Wahnsinnigen geglaubt hat. Und wenn ihr ihm immer noch nachfolgen wollt, und an das glaubt, was er tut, dann schaut ihn euch nochmal ganz genau an!", sagte Ben eindringlich und Semir war beeindruckt von seinem Partner, dessen eindringlicher Stimme und Überzeugung, mit der er auf die immer unsicherer werdenden Meute einwirkte. "Es... es stimmt nicht was er sagt?", konnten sie eine zitternde Stimme hören, die von einer Frau in der hinteren Reihe kam.
"Gabriel ist kein Engel! Er ist ein Mörder, und er wird euch auch zu Mörder machen. Er hat Tobias den Kopf verdreht, dass der versucht hat seinen eigenen Bruder zu töten. Mord ist auch eine Sünde.", sagte Semir mit etwas ruhigerer Stimme. Er hatte die Waffe gesenkt, solange die Meute nun stand, er war aber jederzeit bereit auf Schulter oder Knie zu schiessen. Draussen konnte man bereits Sirenen hören, denn auch im Empfang wurden Menschen verletzt und hatten sofort die Polizei gerufen, viele vermuteten einen Amoklauf oder sogar einen Terroranschlag. Das SEK parkte vor dem Krankenhaus und in einigen Minuten würden die vermummten Beamten hier im Flur eintreffen.
"Legen sie die Messer nieder. Wenn einer von ihnen uns angreift, werden wir schießen müssen. Einige von ihnen haben vielleicht noch keine Straftat begangen.", sagte der erfahrene Polizist und sah, dass einige Messer noch sauber waren, andere tropften bereits und wurden scheinbar schon benutzt. Ihm fehlte in diesem Moment die Fantasie, sich auszumalen, wieviele Verletzte vielleicht schon im Foyer oder auf der Straße lagen. Es war eine schreckliche Unsicherheit, und auch die beiden uniformierten Beamte waren nervös. Immer wieder wechselnden die Blicke der Menschen zwischen den Polizisten und den leicht wimmernden, mit geschlossenen Augen daliegenden Gabriel, im Halbschlaf der Schmerzmittel dämmernd und unfähig, sein Gefolge nochmals zu manipulieren.
Plötzlich waren Geräusche zu hören, Getrappel und Stimmen. Das SEK kam durch die gleiche Glastür auf den Flur, im gleichen Moment wo der Mann an der Front laut schrie und mit dem erhobenen Messer auf die Polizisten zustürmen wollte. Schüsse halten durch den Flur, viele der Menschen ließen sich zu Boden fallen, doch getroffen von Semir, Ben und den beiden Polizisten wurde nur der Angreifer. Das SEK griff zu, einige hatten ihr Messer verloren, andere hatten es aus eigenem Antrieb fallen lassen... entweder vor Schreck oder weil sie sich von Ben überzeugen haben lassen... oder auch davon, dass nun ein weiterer mutmaßlicher Engel blutend und leblos am Boden lag. Die Stimmen der SEK-Beamte, die laut Anweisungen an die Menschen riefen, erfüllten den Flur, Handschellen klickten und und Rettungspersonal kam angelaufen, als die Gefahr gebannt war.
Semir und Ben mussten sich setzen, als Gabriel wieder zurück ins Zimmer gebracht wurde. Bevor sie abgeführt wurde, sagte die Krankenschwester, dass sie die komplette Gruppe der hier ansässigen Engel alarmiert hatte... die Gefahr war vorbei.