Dienststelle Hamburg - 15:00 Uhr
Semir und Ben waren schon fast beeindruckt von dem großen gläsernen Gebäude, wo das Landeskriminalamt Hamburg untergebracht war. Obwohl die Behörde nur für den Stadtstaat Hamburg zuständig war, war es ziemlich imposant anzusehen. Timo redete die Erscheinung aber sofort herunter. "Wir haben davon nur einen kleinen Teil. Es sind noch einige Firmen in dem Komplex untergebracht." Die Polizeibehörde hatte einen abgetrennten Gebäudebereich mit eigenem Eingang, der durch einen Transponder gesichert war. Gerade als Timo den Transponder an den Aufzug halten wollte, machte Ben eine Handbewegung mit ausgestrecktem Finger. "Ich nehm die Treppen, ich muss mich ein wenig bewegen." Semir grinste nur, was der blonde Junge nicht ganz verstand.
Im zweiten Stock angekommen musste Timo einen weiteren Sicherungsbereich mit dem Transponder öffnen, auf dem langen modernen Flur kam ihm sofort ein etwas älterer Mann gestikulierend entgegen. "Timo, was machst du denn hier? Du solltest doch auf dem Lehrgang sein." Die Stimmlage war mehr überrascht, weniger vorwurfsvoll. "Hi Gregor. Das sind Semir Gerkhan und Ben Jäger von der Autobahnpolizei in NRW.", stellte der junge Kommissar die beiden Fremden erstmal vor, während sich der ältere Mann als "Gregor" vorstellte und den beiden Kollegen die Hand schüttelte.
Erst dann rückte Timo mit der Sprache raus, weshalb sie nicht mehr in Hannover waren. "Jenny ist verschwunden." "Wie verschwunden? Der Chef hatte doch gemeint, sie sei sicher krank.", sagte Gregor verwirrt und versenkte die Hände in die Taschen seiner Stoffhose. Er war vielleicht Ende 40, die Haare hatten einen grauen Ansatz und er war offenbar der Überzeugung, dass es bereits jetzt der richtige Zeitpunkt wäre, Shirt und Jeans gegen Hemd, Krawatte und Stoffhose einzutauschen. Sein Bauchansatz und die hohe Stirn verstärkten diesen Eindruck zusehends, und für einen Moment wirkte der ungefähr gleichaltrige Semir 10 Jahre jünger und drahtiger als Gregor.
"Wir glauben, dass da etwas nicht stimmt.", meinte Timo. "Nicht stimmt?" "Wir haben über zwei Jahre mit Jenny zusammengearbeitet. Und wir können mit Sicherheit sagen, dass sie nicht einfach zu Hause bleibt oder irgendwohin zum Arzt fährt, ohne sich abzumelden.", versicherte Semir nun und sein bester Freund fügte hinzu: "Ausserdem war ihr Handy gestern abend zuletzt eingeloggt auf einem Funkmast in der Nähe ihrer Wohnung, seitdem ist es ausgeschaltet. Und ihr Handy hat sie normalerweise immer dabei, mit vollen Akkus. Es ist alles sehr merkwürdig." Gregor dachte nach, wobei er eine Hand in die Seite stemmte und sich mit der anderen durch die grauen Haare fuhr. "Das ist es tatsächlich. Kommt in mein Büro, wir müssen uns hier nicht im Flur auf die Füße treten."
Im geräumigen Drei-Mann-Büro bot der Polizist den beiden Besuchern erst einmal einen Kaffee an, bevor alle einen Platz zum Sitzen fanden... Semir auf Jennys Stuhl und Ben auf der Fensterbank mit einem herrlichen Blick auf die Elbe. Dem erfahrenen Polizisten fiel an Jennys Platz auf, dass sie die Vergangenheit komplett zu Hause gelassen hatte. Kein Bild von Kevin, kein Hinweis auf die Autobahnpolizei, wie etwa das Mini-Polizeiauto, das er ihr zum Abschied geschenkt hatte. Scheinbar nahm sie den Schnitt so ernst, sich auf der Arbeit von nichts ablenken zu lassen, schon gar nicht von der vergangenen Zeit. Auf der einen Seite löblich und nachvollziehbar, auf der anderen Seite für Semir auch ein wenig schmerzhaft. Er konnte sich vor dem Gedanken "Aus den Augen, aus dem Sinn" nicht genügend schützen.
In Kurzform erzählten sie, was an diesem Tag bisher aus ihrer Sicht passiert war, und dass sie bei Jenny in der Wohnung waren. Als Timo das erzählte, bekam auch Gregor große Augen. "Mann Timo, da kannst du aber Schwierigkeiten bekommen. Du kennst die Frau doch kaum... was ist, wenn...", doch Semir fiel ihm sofort ins Wort. "Das war unsere Entscheidung, und wir wissen, dass Timo sich da gar keine Sorgen bei Jenny machen muss. Nämlich eben, weil wir dabei waren. Das ist gar kein Problem. Wichtiger ist, dass wir uns überlegen, was wir jetzt tun."
Wieder war es Verwirrung, die aus Gregors Gesicht sprach. "Was wir jetzt tun? Na, wir werden wohl eine Vermisstenanzeige aufgeben, wobei ihr ja wisst dass die Behörde erst ab 48 Stunden aktiv wird." Ben konnte sich ein Augenrollen beinahe nicht verkneifen und seufzte hörbar. "Und wenn wir das auswendig gelernte Gesetzbuch jetzt mal auf Seite legen...?" "Ich weiß nicht, wie es bei euch ist, aber wir haben hier klar abgetrennte Zuständigkeitsbereiche. Und verschwundene Personen ist kein Fall für die Dienststelle für Eigentumsdelikte und organisierte Verbrecherbanden.", meinte der Polizist schnippisch.
Wieder mal merkten Semir und Ben, dass es in vielen Dienststellen anders lief als bei ihnen. Klar, Jenny war neu hier und ein unbeschriebenes Blatt, dass die Bindung zu den Kollegen nicht so eng war wie die zu Semir und Ben nach all dem Erlebten, war nicht verwunderlich. Trotzdem wäre die Reaktion auf der Dienststelle der AUtobahnpolizei anders. Hier würden alle möglichen Kräfte mobilisiert werden, um die junge Kollegin so schnell wie möglich zu finden, auch wen vielleicht gar keine Gefahr ausging, aber das wusste man ja jetzt noch gar nicht.
In diesem Moment erschien an der Tür ein weiteres Gesicht, noch älter als das von Gregor, wenn auch der Rest des Mannes weitaus fitter und vitaler schien. Groß, dunkel gebräunte faltige Haut und graue Haare, sowie ein grau-glänzender Schnurrbart im Adel-Stil. Dazu passte dann der Anzug besser, als zu Gregor. "Timo? Wieso bist du hier? Und was ist das für ein Besuch?" "Das sind ehemalige Kollegen von Frau Dorn, Chef. Sie... ähm... sie denken, ihr wäre etwas zugestoßen.", sagte Gregor, während sich Semir und Ben auch dem Leiter der Dienststelle, Wilhelm Schwandt, vorstellten. "So? Dann müssen die Herren das bei unseren Dienststellen für Vermisstensuche beanzeigen.", meinte er freundlich und lächelte in die Runde, wobei seine Stimme dominant und kernig erschien.
"Herr Schwandt, wir wollten vielleicht versuchen, Hinweise zu finden, was mit Je... aua!" Der kurze Fusstritt unterm Tisch, der Timo zum Schweigen brachte, kam von Semir, der dicht an den jungen Polizisten herangerückt war. "Timo, dafür haben wir hier bei der Polizei Spezialisten. Die werden sich darum kümmern, und eure Arbeit wird nicht weniger. Ich werde mich darum kümmern." Diese Art der Antwort hatte der erfahrene Autobahnpolizist bereits vermutet, und hatte Timo deswegen "gestoppt." Der sah nun etwas beleidigt in Semirs Richtung, der aber nur in seiner vertrauensvollen Art kurz nickte. "Meine Herren, darf ich sie kurz in mein Büro bitten...", bat Wilhelm Schwandt noch kurz, bevor er das Büro der drei Beamten verließ...